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Herzklopfen in der Karibik

Sara Wood

Herzklopfen in der Karibik

1. KAPITEL

„Sagtest du … Karibik?“

Überrascht wirbelte Amber so schnell herum, dass ihr Brautschleier ihr ins Gesicht wehte und die Sicht nahm. Ungeduldig strich sie ihn zurück und ihre langen rotgoldenen Haare, die ihr auf die entblößten Schultern fielen, gleich mit. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“, sagte sie zu ihrem alten Freund.

Leo lehnte auf der Empore an einer Säule und lächelte. „Sieh an! Endlich beachtest du mich! Ich erzähle dir, dass ich nach St. Lucia umziehen werde, und du hast nichts anderes zu tun, als deinen frisch Angetrauten anzuschmachten!“

Jake?“ Vor Überraschung ging sie über Leos Neuigkeit völlig hinweg. Amber furchte die Stirn. Hatte sie geschmachtet? Merkwürdig! „Wirklich?“

„Andauernd!“

„Das wusste ich nicht!“ Sie fing sich wieder und rang sich ein Lächeln ab. „Ich gäbe eine merkwürdige Braut ab, wäre es anders.“

Dabei war sie durchaus eine merkwürdige Braut! Höchstwahrscheinlich war ihr Bund der Ehe mit Jake der merkwürdigste, der je in der kleinen Kirche von Castletowe geschlossen worden war. Ein Zweckbündnis. Keine sinnlichen Verirrungen, kein Gefühlstheater, nur innige Zuneigung. Perfekt.

Sie empfand nicht mehr als freundschaftliche Gefühle für Jake. Gerade deshalb verwirrte sie ihre offenbare Faszination für ihn. Ehe sie es sich verkneifen konnte, schaute sie – Leos leises Lachen in Kauf nehmend – nach unten auf das fröhliche Treiben der Feiernden.

Zahlreiche Gäste in Kilts im klassischen Schottenkaro, dem Tartan, und in farbenfrohen Ballkleidern füllten den Fürstensaal von Burg Castletowe. Hochgewachsen und schlank, stach Jake im schwarzen Smoking aus ihnen heraus.

Amber betrachtete sein nachtschwarzes Haar und sein atemberaubendes Gesicht. Heute Abend schien er zu strahlen, in seinen dunklen Augen leuchtete die Art von Glückseligkeit, die man von einem Bräutigam erwartete. Doch er war kein glückseliger Bräutigam. Warum also wirkte er verklärt?

Sie runzelte die Stirn und versuchte, die Bedenken zu vergessen, die sie hegte, seit Jake sein Jawort gegeben und sie mit dieser entwaffnenden Zuneigung angelächelt hatte. Als sie das Lächeln erwiderte, hatte sie für einen Moment das Gefühl bekommen, sein Mund zeige sinnliches Begehren. Doch sie wollte Freundschaft. Dummerweise war er sexy. Er war ein Mann – und sie hatte kein großes Vertrauen in männliche Versprechen, bei denen Hormone beteiligt waren.

„Jake dürfte dir nun – etwas konventioneller angezogen – wie ein anderer Mensch erscheinen. Ein Smoking ist kein Buschhemd“, warf Leo ein.

Ja. Das war es, was sie an Jake fasziniert hatte – sein so ganz anderer Kleidungsstil. Das war des Rätsels Lösung! „Er wirkt elegant, nicht wahr? Ich hätte nie gedacht, dass er so zivilisiert aussehen könnte.“

Beinahe zivilisiert, aber nicht ganz, grübelte sie. Er hatte etwas an sich, das ihr etwas Angst machte. Zum einen lag es daran, dass er allzu oft sein Leben riskierte, zum anderen an etwas, das sie nicht erklären konnte. Hinter seinem Charme und seiner Lockerheit spürte sie etwas Dunkleres. Seine fast schwarzen, unergründlichen Augen verbargen eine Reihe von Geheimnissen.

In der Vergangenheit hatte sie sich mit ihm öfter über ihre Familie und ihr Zuhause unterhalten, und dann war er entschuldigend aufgestanden und gegangen, als habe ihre Freude ihm wehgetan. Da sie spürte, dass ihn Probleme quälten, die er nicht teilen wollte, lernte sie es, ihre Heile-Welt-Geschichten zu unterdrücken. Niemand hatte Jake je nahe kommen oder sein Herz öffnen können. Klar, dass er für Frauen eine faszinierende Herausforderung darstellte.

Seit Jahren kannten sie sich vom Sehen – er arbeitete als Auslandskorrespondent für eine internationale Nachrichtenagentur, sie für ein Kinderhilfswerk. Ab und an waren sie sich so irgendwo auf der Welt begegnet.

Und jedes Mal, wenn er dabei im offenen Jeep vorfuhr und ausstieg, hatte er der Damenwelt mit seinem Charme und seinen unverschämt blitzenden Augen den Kopf verdreht. Das am meisten für Jake verwendete Adjektiv war ‚atemberaubend‘. Er kam gut an bei den Frauen – als verführerischer Mann mit stählernem Kern.

Ihre Augen weiteten sich in einem plötzlichen Anflug von Furcht. Vor allem und gerade sein Sexappeal hatte sie zögern lassen, diese Ehe einzugehen. Nur weil sie Sympathie für ihn empfand und er ihr versicherte, Verständnis für ihre Gefühle zu haben, hatte sie zugestimmt.

„Er sieht geradezu … herrlich unanständig aus, Amber!“, hatte eine ihrer ehemaligen Kommilitoninnen ihr während des Hochzeitsempfangs gesagt. Und ein bisschen Bedauern darüber, dass Jake nicht zuerst ihr über den Weg gelaufen war, hatte dabei auch mitgeschwungen.

Aber Amber wusste, dass Jake die letzten Jahre um die Welt gereist war, um neue Storys aufzuspüren, und keine Zeit gehabt hatte, sich emotional zu binden.

Und nun hatte sie ihn geheiratet. War das klug von ihr oder töricht?

„Bist du glücklich?“, fragte Leo. „Ein, zweimal heute wirktest du ziemlich spröde.“

Amber legte den Kopf in den Nacken und lachte. „Das ist mein Hochzeitstag!“, tadelte sie sanft. „Vor zwei Wochen noch waren Jake und ich in Afrika. Wir beide mussten hart arbeiten in dem Camp. Ich stelle mich gerade darauf ein, wieder daheim zu sein – und eine verheiratete Frau!“

„Es ging alles etwas schnell“, meinte Leo leicht amüsiert. „Würde man dich nicht besser kennen, hätte man sich vergewissert, ob du am Bauch zugenommen hast!“

„Du meine Güte!“, rief Amber aus und unterdrückte den Wunsch, die Hand auf den Bauch zu pressen – in dem ihr Baby wuchs. Und es war nicht Jakes. Leichte Übelkeit stieg in ihr auf. „Mein Ruf als Jungfrau wäre ruiniert, was?“, schaffte sie es zu spaßen.

Nervös legte sie die Hände auf die Lehne eines dekorativen Gobelinsessels, in den sie gern gesunken wäre. Und da das, was sie bedrückte, die Wahrheit war, wechselte sie das Thema, ehe ihr Gewissen sie drängte.

„Also, Leo, diese karibische Plantage …“

„Oh ja, ich werde nicht nur mit Ginny dort leben, wir werden auch wieder heiraten!“

Froh ergriff Amber seine Hand. Seit seiner Scheidung von Ginny war Leo ungenießbar gewesen. „Das ist ja wunderbar! Ich freue mich für dich. Aber …“

Sie machte ein betrübtes Gesicht, weil sie an Leos Vater dachte. Stuart Brandon, Viscount Drymoore, war ihr über alles geliebter Patenonkel, und da ihre Eltern tot waren, hatte er ihr die Hochzeit ausgerichtet.

„Wie kannst du fortgehen?“, redete sie vorwurfsvoll weiter. „Du kümmerst dich um den Besitz. Du kennst alle Ecken und Winkel, jeden Grashalm, jeden nackten Granitfels. Das Dorf, die Burg … Das alles brauchst du wie die Luft zum Atmen – genau wie ich. Du wirst Castletowe erben. Ich liebe es sehr – dabei bin ich nur die Tochter des Jagdaufsehers. Ich schwöre, ich würde nie von hier fortgehen …“

„Aber Ginny liebe ich mehr.“

Die ehrliche Feststellung rüttelte sie auf. Er hatte es so süß gesagt, so zutiefst gemeint. Nicht, dass sie darauf neidisch war. Seit ihrer Affäre mit Enzo war sie der Meinung, zu viel zu riskieren, wenn sie einem Mann ihr Herz schenkte. Eine Ehe ohne Liebe war vernünftiger. Sie kam ihr zupass und Jake auch.

Jake!

Es tunlichst vermeidend, zu der schwarz gekleideten Gestalt in der Mitte des Raumes zu blicken, nahm Amber den Fürstensaal des märchenhaften Burgschlosses in Augenschein. Hunderte von Kerzen in den antiken Leuchtern ließen den Raum in goldenem Lichterglanz erstrahlen. In den mittelalterlichen Bogennischen waren Fahnen aufgereiht, die stolz an längst vergessene Schlachten des Brandon-Clans erinnerten, und eine Liveband aus den Highlands brachte mit ihrer Musik Bewegung in den Saal. Getanzt wurden Jigs, aber auch typisch schottische Reels. Man hakte sich unter, drehte sich, ließ los und hakte sich wieder ein, dass die schön plissierten Kilts nur so flogen.

Jagdaufseher, Pächter, Farmer, Händler, Journalisten, Abgeordnete des Parlaments, die High Society Schottlands … Alle drängten sich in dem funkelnden Saal, belebten ihn mit Plaudereien und Gelächter, sodass Amber sich danach sehnte, selbst mit dabei zu sein.

Sie liebte Castletowe. Liebte die Art, wie es sicher auf dem windgepeitschten Fels stand. Liebte seine Türmchen und die Zugbrücke, die wie magisch wirkten, umgeben von einer Landschaft mit ihren Heidemooren, dem Himmel, der nicht aufzuhören schien, und den weißen unberührten Stränden. Nichts auf der Welt reichte hier heran!

Amber musste lächeln, weil sie so theatralisch geworden war. „Ginny hat das hier immer alles gehasst …“

Leo lachte über ihr glühendes Gesicht und umarmte sie spontan. „Schätzchen … Ginny findet es hier kalt, feucht und ungemütlich. Ich liebe sie. Ich will, dass sie glücklich ist – und Jake will, dass du es bist. Er willigte ein, sich hier niederzulassen, weil er dich liebt, oder? Kommt das nicht auf eins heraus?“

Jake hatte nicht eingewilligt – das war das Problem. Er wollte erst herausfinden, wie sich das Leben für ihn hier anfühlte, und sie nahm sich vor, ihn dazu zu bringen, es zu lieben.

„Nichts brächte mich von Castletowe weg. Nichts!“

Immer noch von Leos Armen umfangen, spürte Amber, wie sich ihre Nackenhärchen aufrichteten. Ruckartig wandte sie den Kopf, um nach unten in den Saal zu spähen – und sah Jake, der zu ihnen nach oben schaute, direkt in die Augen. Sein durchdringender Blick traf sie bis ins Innerste. Sie erstarrte. Er wirkte zornig.

Eine irrationale Angst packte sie. Etwas schnürte ihr die Kehle zu, und sie bekam kaum noch Luft, während sie in Leos Umarmung verharrte und Jake langsam seinen Blick zu Leo gleiten ließ.

„Himmel! Der hat Augen wie ein Luchs“, murmelte Leo.

„Oh, eigentlich ist er ein zahmer Kater“, beteuerte Amber wenig überzeugend, während sie Jake zuwinkte, um ihre leise Ahnung zu überspielen.

„Ich glaube, er faucht.“ Leo drängte sie etwas zurück. „Dein Mann ist eifersüchtig. Vielleicht klärst du ihn besser über unsere Beziehung auf?“

Eifersüchtig?“ Amber wurde ganz still, während sie Jake erneut einen schrägen Blick zuwarf. Und dann begriff sie. Zornesblitze zu schießen, wenn man seine Braut in den Armen eines anderen sah – das verlangte die Rolle. „Aber natürlich ist er es“, meinte sie leichthin, das falsche Spiel mitspielend. „So muss er sein.“

Niemand konnte wissen, wie sehr Jake sie mit seinem Desinteresse in Sicherheit gewiegt hatte. Unbelastet von komplizierten Gefühlen, hatte sie wunderbar mit ihm entspannen können. Zum Glück wollten sie und Jake beide dasselbe: gute Freunde und leidlich immun gegen die Gefahren der Liebe bleiben.

Liebe machte Angst. Sie riss dir das Herz heraus und warf es jemandem vor die Füße, der es ausbluten ließ. Und du musstest es dir gefallen lassen, dass rücksichtslos darauf getrampelt wurde. Lieben, das bedeutete, auf einer Wackelbrücke über einer Löwengrube zu stehen.

Zum Glück war ihre kurze, zerstörerische Affäre vorbei. Ihre Ehe mit Jake verhieß, dass sie solchen Kummer nie mehr erleben würde.

Amber lächelte Jake in spontaner Dankbarkeit zu. Er blickte zu Leo, hob missbilligend eine Augenbraue, krümmte schließlich den Zeigefinger und bedeutete ihr, zu ihm nach unten zu kommen.

Lächelnd hob sie die Hand, spreizte die fünf Finger und rief: „Fünf Minuten!“

Jake drehte sich um. Amber beobachtete, wie er den Kopf neigte und den umstehenden Frauen mit seinem sündhaften Lächeln etwas anvertraute.

„Du kannst den Blick nicht von ihm nehmen, oder?“, meinte Leo amüsiert.

„Doch! Ach, okay, ja! Er ist … sehr bezwingend!“, antwortete sie zögernd und machte sich Sorgen, weil es wohl wirklich so war. Woran liegt das? fragte sie sich, das Gefühl tanzender Schmetterlinge auf der Haut. Schmetterlinge, die brennende Füße zu haben schienen. Ihr ganzer Körper prickelte warm, und sie fächelte sich mit der Hand Luft ins Gesicht. „Ist es nicht heiß hier?“

„Nicht besonders“, sagte Leo. „Aber das Gefühl kenne ich.“

Sie hörte ihn kaum, ließ Jake nicht aus den Augen, als er über das Tanzparkett auf die Tür zuging, die zu den Dienstbotenräumen führte.

Leo berührte sanft ihren Arm. „Amber, du verstehst sicher, warum ich fortgehe? Ich kann Ginny in ihrer Not nicht allein lassen. Hab und Gut bedeuten mir nichts. Du würdest doch auch alles für Jake aufgeben?“

Amber rang sich ein mattes Lächeln ab. „Machst du Witze?“

Natürlich würde sie es nicht tun. Für sie gab es nur einen lebenswerten Ort in der Welt. Jake war es egal, wo sie lebten. Er würde weiter als Korrespondent von allen fünf Kontinenten berichten, während sie in Castletowe blieb.

„Ich werde Kinder haben“, unterbrach Leo ihre Gedanken. „Vielleicht kann sich eins von ihnen mit dem Gedanken anfreunden, Castletowe an meiner Statt zu übernehmen. Vater wird sich mit der Idee versöhnen. Er freut sich auf Enkel. Und du und Jake, ihr könntet uns ja ab und an besuchen!“ Er blickte hintergründig. „Vielleicht, um die Kinder zu vergleichen?“

Er weiß es! dachte sie und sah auch, wie er sich über ihre erschrockene Miene amüsierte. Irgendwie widerstand sie der erneuten Versuchung, ihre Hände schützend über den Bauch zu halten. Irgendwie verzog sie lächelnd die Lippen.

„Moment mal! Immer mit der Ruhe! Ich bin erst frisch verheiratet“, protestierte sie, während sie die Übelkeit bekämpfte, die sie aus der Fassung zu bringen drohte.

Leise lächelnd umarmte Leo sie noch zum Abschied und ging. Plötzlich erschöpft, setzte sie sich in den Gobelinsessel, der sich außer Sicht der unten Feiernden befand. Und instinktiv legte sie jetzt auch die Hände beschützend über ihren noch unsichtbaren Babybauch.

Dabei wusste sie nicht einmal, was sie für das Kleine empfand. Sie hatte keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Zuerst war es ein Schock, dann eine zaghafte Freude und schließlich … Schließlich hatte sie es dem Vater gesagt: Enzo, dem gut aussehenden Projektleiter ihres Einsatzes in Afrika. Seine Reaktion fiel so aus, dass ihre Beziehung am Morgen danach abkühlte, weil sie sich benutzt fühlte.

Amber biss sich auf die Lippe. Er hatte immer von Liebe gesprochen! Dabei war es nur sinnliche Lust. Doch – naiv wie sie war – hatte sie das nicht erkannt.

„Was soll ich machen? Ich bin verheiratet“, hatte er achselzuckend gemeint und zu guter Letzt hinzugefügt, dass ihre Affäre Spaß gemacht hatte, lustvoll war und er natürlich ganz verrückt nach ihr sei – aber nur, weil sie gut im Bett war, mehr nicht.

Sich daran erinnernd, fühlte sie sich schwach. Gut im Bett, mehr nicht. Amber schauderte. Sie konnte diese Demütigung nicht verwinden. Enzo hatte sie im Stich gelassen. Danach fühlte sie sich zum Arbeiten nicht mehr in der Lage. Sogar Mary Smith, ihre Chefin und gute Freundin, konnte sie nicht trösten.

Eines Tages hatte Jake sie in einer Ecke sitzend gefunden und sich ihrer angenommen. Feinfühlig, wie es seine Art war, hatte er sie allmählich ins Leben zurückgeholt. Sie nahm ihre Arbeit wieder auf, aber eher mechanisch. Sie war nicht mehr wie früher bei der Sache, seit in ihr ein kleines Wesen heranwuchs.

Vor Scham errötete Amber. „Oh, Enzo!“, stöhnte sie gequält.

Hinter ihr holte jemand scharf Atem, und sie fuhr herum, wobei sich einige Blütenblätter aus dem Rosenkranz lösten, an dem ihr Schleier befestigt war. Jake! dachte sie, ohne auf die in ihr Dekolleté fallenden Blüten zu achten, und ihre Augen weiteten sich. Er sah mit unterdrücktem Zorn zu ihr.

„Was ist?“, fragte sie verwirrt.

„Weißt du das nicht selbst?“

Seine vor Wut bebende Stimme beschleunigte ihren Puls. Langsam ließ er seinen Blick von ihrem Haar zu ihren Schultern gleiten – und sie starrte ihn an, war wie hypnotisiert von seinem grübelnden Gesichtsausdruck. Dabei schrillten ihre Alarmglocken, weil er unterschwellig so eindeutig anzüglich dabei war.

Amber atmete tief durch, wobei sich ihre festen Brüste hoben, auf denen die samtigen Blütenblätter malerisch verlassen lagen. Als diese ihr in das Dekolleté wehten, hatte sie wohl unwissentlich seine Blicke förmlich provoziert.

„Ich …“

„Hm?“

Seine Stimme klang beunruhigend sanft, seine Augen glühten seltsam, geradezu gefährlich, sodass sie wieder tief einatmete. Sich so intensiv seiner Sinnlichkeit bewusst zu sein, war verwirrend. Noch nie hatte sie derart auf ihn reagiert. Vielleicht hatte er sich verstellt. Vielleicht hatte er eigens gewartet, bis … Amber biss sich auf die Lippe, um ihre Fantasien zu stoppen, und begann von vorn.

„Ich brauche einen Moment, Jake … Ich bin etwas angeschlagen.“

„Das hörte ich“, sagte er mit verhaltenem Ärger. „Ich denke, du hast mir einiges zu erklären. Vielleicht beginnst du mit deinen Gefühlen für Enzo?“

Im ersten Augenblick wusste Amber nicht, wovon er sprach. Doch schließlich erinnerte sie sich, den Namen ihres Ex vermeintlich traurig geflüstert zu haben. „Ich bin nicht … wegen ihm so geknickt.“

„Nicht? Es klang so. Vergiss ihn. Er ist es nicht wert.“

Vor Verlegenheit wurde ihr heiß. „Ich versuche es doch. Ich ging gerade alles noch einmal durch, bereute meine Fehler, falls es dich interessiert. Ich brauche …“

„Du brauchst eine starke Schulter, einen Beschützer, einen Vater für dein Kind.“

Seine sanfte Stimme verstörte sie. Amber nickte, um Zeit zu gewinnen, sich wieder zu fassen. „Ja, ich heiratete dich, weil ich einen Ehemann brauchte … Aber denke nicht, dass ich das bedaure …“

„Du sagtest, es wäre eine ländlich-traditionell geprägte Gegend mit sittenstrengen Bewohnern. Und dass du dort nie mit einem unehelichen Kind leben könntest …

„Ich habe dich nicht nur deswegen geheiratet.“

„Oh? Es gab also noch einen Grund?“

Sie war kurz davor, von ihrer Freundschaft zu sprechen, der Verbundenheit, die sie ihrer Meinung nach aufbauen konnten. Aber der leicht anzügliche Ton in seiner Stimme hielt sie davon ab. „Wir beide wollen die Ehe als Zweckbündnis ohne Liebe, oder nicht?“, fragte sie stattdessen etwas holprig. Wenn sie ehrlich zu sich war, entsprach das allerdings nicht ganz ihren Erwartungen. Früher hatte sie geglaubt, dass eine Ehe Liebe und Hingabe in sich trug und bedeutete.

„Keine Liebe, keine Verpflichtungen. Was gibt es Schöneres für einen eingefleischten Single?“, antwortete Jake ausweichend. Sein verschleierter Blick verunsicherte Amber zunehmend und ließ sie nervös an ihrem Ausschnitt nesteln. „Ich habe immer gesagt …“, fuhr er mit einem Räuspern fort, „… dass eine Frau und Kinder für einen freien Korrespondenten wie mich nur ein Klotz am Bein wären.“

„Oh, falls du damit auf deine Unabhängigkeit anspielst … Keine Sorge, ich werde dich schon nicht festbinden.“

„Mir fällt ein Stein vom Herzen.“ Jake schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Wenn ich eine Frau habe, möchte ich gerne ihr Freund sein. Freunde geben sich Raum. Ich weiß, dass du nicht viel von mir erwartest, und das ist auch gut so. Frauen, die klammern, kann ich nicht leiden. Unsere Art von Beziehung ist ideal.“

„Weil du keine Liebe heucheln musst.“

Sein Mund verzog sich leicht. „Nein, das muss ich nicht.“

Amber sah ihn nur an und fragte sich, warum er so distanziert war. Er hatte etwas von einem gebrochenen Herzen angedeutet. Das erklärte, warum er sich ihr nie ganz öffnete. Hoffentlich lernte er mit der Zeit, ihr zu vertrauen und sie an seiner Vergangenheit teilhaben zu lassen – und an seiner Zukunft …

Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass Jake bei einem seiner Einsätze verunglücken könnte, und sie wurde blass. „Du wirst wohl weiter jeden Auftrag annehmen, auch wenn er gefährlich sein könnte, oder?“

„Ich bin gerne Auslandskorrespondent. Mein Job ist mein Leben. Ich will darüber berichten, was in der Welt passiert, Hintergründen nachspüren und helfen, Unrecht zu verhindern.“ Er lachte kurz auf und sah ihr wieder in die Augen.

Sie lächelte. „Das bewundere ich. Deine Eltern müssen sehr stolz auf dich sein.“

„Weniger stolz auf das, was ich mit meiner Arbeit leiste, als darauf, dass ich endlich verheiratet bin“, räumte er mit einem schiefen Lächeln ein.

Amber lachte mit ihm. „Wenn du schon verheiratete Geschwister hättest, wären sie bestimmt weniger auf dich fokussiert gewesen.“

Jake zuckte die Schultern. „Damit ist es jetzt vorbei.“

„Schade, dass deine Eltern nicht kommen konnten.“

„Wenn Vater nicht krank geworden wäre, ja“, sagte er. „Aber stell dich schon einmal darauf ein, dass Mutter zu stricken beginnt, sobald wir ihnen sagen, dass du schwanger bist … und für Vater wird das Leben auch wieder einen Sinn haben.“ Er machte ein sehr ernstes Gesicht. „Amber, ich liebe sie beide. Sie haben schwere Zeiten hinter sich. Eines Tages werde ich dir davon erzählen.“

Amber merkte, dass seine Zuneigung echt war. Und das sagte ihr, dass er als ein liebender Sohn auch ein guter Ehemann sein würde.

Unvermittelt hatte sie eine Empfindung von Hitze im Bauch und schloss bestürzt die Augen. Ihr sollte nicht übel werden, hier, vor Jake. An ihrem Hochzeitstag!

„Bist du krank?“ Jake schien nichts zu entgehen. „Du siehst sehr blass aus.“

Amber hörte ihn kommen und spürte seine Nähe, ahnte, dass er dicht neben ihr kniete, als sie seine sanft massierenden Fingerspitzen auf ihrer Schläfe spürte. Sie riss die Augen auf und schrak zurück. Der Blick aus seinen tiefdunklen Augen war viel zu intensiv, um angenehm zu sein.

„Bitte, lass! Es geht mir gleich besser!“, log sie. „Lass mich eine Weile allein.“

„Das kann ich nicht, wenn du so krank aussiehst. Was ist los?“, fragte Jake besorgt und begann, die Blütenblätter von ihren nackten Schultern zu streifen.

Amber saß ganz starr. Seine Finger berührten sie fast liebkosend. „Lass das“, sagte sie noch einmal scharf. Die Übelkeit kehrte zurück, und sie schluckte hastig. „Es ist nichts. Ich …“

„Lüg nicht. Es gibt ein Problem. Sag es mir!“

„Mir geht’s gut!“ Ihre Übelkeit in der Hoffnung leugnend, der Wille würde über den Geist siegen, schob sie ihre Furcht beiseite, Jake könnte womöglich doch nicht so gleichgültig sein, wie sie angenommen hatte, und konzentrierte sich auf ihren Kummer über Leo. „Ich bin deprimiert, weil Leo nun Castletowe verlässt“, murmelte sie, und Jake zog scharf den Atem ein.

„Ah.“ Er sah wieder wütend aus. „Jetzt geht es um Leo.“

Traurig blickte Amber in sein grimmiges Gesicht. „Er und Ginny werden wieder heiraten und auf St. Lucia leben!“

Bedächtig stand er auf. „Recht so!“

„Wie kannst du das sagen? Stuart wird erschüttert sein, wenn Leo meilenweit entfernt von ihm …“

„Es sind nur neun Stunden Flug … Außerdem meintest du, dass sie sich nie so nah standen. Und eigentlich liebt Stuart dich mehr als seinen eigenen Sohn. Sieh mich nicht so schockiert an! Es stimmt doch.“

„Naja, Leo wurde in ein Internat geschickt.“

„Mm.“ Jake hielt inne, sah sie so nachdenklich an, als wäre das nicht die ganze Erklärung, und führte weiter aus: „Wohingegen Stuart dich von Geburt an nicht wie eine Patentochter, sondern wie eine eigene liebte und behandelte. Sieh dir nur diese Hochzeitsfeier an, die er für dich ausgerichtet hat!“

„Er ist sehr gut zu mir gewesen, ja.“

„Erstaunlich gut.“

„Du verstehst das nicht. Die Brandons behandeln alle ihre Mitarbeiter wie Familienmitglieder. Mein Vater wuchs mit Stuart auf. Sie schätzten sich.

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