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Herzkirschen

 

  1. Auflage Juni 2014

 

Copyright 2014 Hannah Kaiser

Covergestaltung: Catrin Sommer www.rausch-gold.com

Coverfotos: Hannah Kaiser

Hintergrundbild: www.shutterstock.com, Bildnummer: 107724980

Lektorat: Alexandra Balzer

Korrektorat: SW Korrekturen e.U. swkorrekturen@outlook.com

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

 

 

Die Handlung und handelnden Personen, sowie alle Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und / oder realen Personen bzw. Vereinen ist rein zufällig.

 

hannah.kaiser79@gmx.de

 

Kapitel 1

 

Der legendäre Grayson White, seines Zeichens der beste Wide Receiver, den die Boston Raccoons jemals hatten, ist frustriert. Denn seit nunmehr drei Monaten ist er nur noch der beste Ex-Wide Receiver, den die Raccoons jemals hatten.

Beim letzten Pass, den er fangen wollte, ist er mitten im Sprung geblockt worden. Und dann so ungünstig aufgekommen, dass er sich den Oberschenkelhals gebrochen hat. Ein verdammter Oberschenkelhalsbruch! Das ist eine Verletzung, die sich eigentlich ausschließlich alte Omas zuziehen, die aus ihrem Rollstuhl kippen …

Nach einer OP, zahlreichen Komplikationen inklusive einer widerlichen Wundheilungsstörung sowie einer aufwendigen Reha hat er im Alltag jetzt nur noch wenig Probleme mit seiner Hüfte, aber er wird nie wieder aktiv am Profisport teilnehmen können.

Und ja, vielleicht hat er es mit den Partys etwas übertrieben, seit er das Krankenhaus verlassen hat.

Und die Frauen … Zugegeben, auch da war er nicht gerade ein Kind von Traurigkeit.

Auch der Alkohol … na ja … Ein bisschen weniger wäre eventuell das ein oder andere Mal nicht unbedingt das Schlechteste gewesen.

Aber hey: Ist es wirklich seine Schuld, wenn die Mädels behaupten, sie seien Single, obwohl es gar nicht stimmt? Er kann ja kaum auf jede einen Privatdetektiv ansetzen, um das zu kontrollieren.

Wenn dann irgendein Kerl kommt und ihm ein paar aufs Maul hauen will, nur weil er meint, die Frau, mit der Grayson gerade rummacht, würde zu ihm gehören … und er sich lediglich zur Wehr setzt: Da kann man ihm doch nun echt keinen Vorwurf machen! Ist halt dumm gelaufen, dass er größer, muskulöser und kampferprobter als die meisten anderen ist. Man sollte sich eben vorher überlegen, mit wem man sich anlegt, statt sich hinterher zu beschweren, wenn man eine gebrochene Nase hat. Erst nachdenken, dann handeln! Ganz einfaches Prinzip.

Okay, zugegeben: Er selbst verfährt ebenfalls nicht immer nach dieser Philosophie. Allerdings ist er auch selten in der Situation, bei einer Prügelei unterlegen zu sein. Und seine Weibergeschichten – die stehen nun wirklich auf einem anderen Blatt. Es ist ja nicht so, als hätte er je eine gezwungen – ganz im Gegenteil.

Leider scheint die Unterwäschefirma, mit der er einen Werbevertrag hat, da nicht seiner Meinung zu sein.

„Jeff, das kann doch nicht dein Ernst sein!“, schnauzt Grayson seinen Manager am Telefon an und der Muskel über seinem linken Auge beginnt unkontrolliert zu zucken.

„Das ist mein voller Ernst. Du hast einen Vertrag unterschrieben und aus dem geht ganz deutlich hervor, dass es eine Vertragsstrafe gibt, wenn dein Image zu sehr leidet und du keine positive Figur mehr für Under-Wear darstellst.“

„Und den Mist hast du mich unterschreiben lassen?“ Genervt sticht er mit der Spitze eines Kugelschreibers auf den Notizblock ein, der auf seinem Schreibtisch liegt.

„Also hör mal, ich bin davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass du dich halbwegs anständig benimmst. Sie erwarten ja keine Wunder, aber dass du nicht ständig nur wegen Prügeleien von dir reden machst, sollte ja wohl klar sein!“

Wütend und mit mehr Wucht als vorher sticht Grayson weiter mit dem Kugelschreiber auf den Block vor sich ein, bis die Spitze des Stifts schließlich nachgibt und sich verbiegt. Ärgerlich schmeißt er ihn in den Mülleimer unter dem Tisch.

„Ich mach das nicht. Vergiss es. Ich habe keine Lust, mir die nächsten Wochen mit irgendwelchen Rotzlöffeln um die Ohren zu schlagen. Ist mir scheißegal, ob die Idioten von Under-Wear das wollen.“

„Da wird dir nichts anderes übrig bleiben, wenn du nicht den gesamten Betrag, den du von ihnen bekommen hast, plus fünfzig Prozent Aufschlag, an Under-Wear zurückbezahlen willst …“ Jeff bleibt erstaunlich ruhig, auch wenn er jetzt ein bisschen so klingt, als würde er mit einem minderbemittelten Kind reden.

„Wie viel?“ Beinahe hätte Grayson sich an dem Scotch verschluckt, den er sich gerade eingeschenkt hat. Er sollte sich wirklich angewöhnen, die Verträge, die er so unterschreibt, auch zu lesen und das nicht bloß seinem Manager zu überlassen.

„Du hast mich schon richtig verstanden“, murrt dieser und scheint allmählich die Geduld zu verlieren.

„Könnte ich nicht stattdessen zu meiner Schwester? Die macht schließlich auch irgendwas Supersoziales mit Kindern.“

Sein Manager seufzt genervt. „Grayson, hör zu: Du hast dich daneben benommen und nun musst du die Konsequenzen tragen. In deinem Alter sollte man eigentlich weise genug sein, um so etwas zu wissen. Also: Beweg deinen versoffenen Arsch gefälligst morgen und die nächsten beiden Monate zu der Einrichtung. Die genaue Adresse schicke ich dir nachher auf dein Handy.“

„Na vielen Dank auch!“ Wütend legt Grayson auf. Das kann ja noch heiter werden. Er hat überhaupt keine Erfahrungen mit Kindern und glaubt auch nicht, dass ihm die Arbeit mit ihnen sonderlich liegen wird. Ganz sicher ist er sich aber bei einem: Er hasst es, unsinnige Befehle ausführen zu müssen. Das hat ihm schon während seiner Sportlerkarriere das ein oder andere Mal fast an den Rand der Verzweiflung getrieben, immer dann, wenn irgendein bekloppter Trainer sich irgendwelchen Müll hat einfallen lassen, nur um seine Macht zu demonstrieren. Es ist nicht so, als würde er sich vor harter Arbeit scheuen. Ganz im Gegenteil. Wenn er faul wäre, wäre er im Profisport niemals so weit gekommen. Das geht nicht ohne ein gehöriges Maß an Disziplin, Fleiß und Willen. Aber Dinge zu tun, deren Sinn er nicht einsieht – da sträubt sich einfach alles in ihm.

Leider war die Summe, die ihm Under-Wear bezahlt hat, ziemlich hoch und er ist zu geizig, um auch nur einen Cent davon zurückzubezahlen. Das Geld für Autos, Frauen, Alkohol oder sonstige Dinge auszugeben, die das Leben amüsanter machen: kein Problem. Aber es irgendeiner Werbefirma in den Rachen zu schmeißen, die meint, er hätte sich … wie war der Ausdruck: imageschädigend verhalten? Niemals! Was bilden die sich überhaupt ein? Schließlich haben sie einen Footballer engagiert und die sind nicht gerade bekannt dafür, dass sie sich wie brave Klosterschüler verhalten!

Dennoch muss auch Grayson einsehen, dass ein Vertrag ein Vertrag ist. Auch wenn er sein Handy am liebsten wütend in die Ecke schmeißen würde, als die Nachricht mit der Adresse eingeht, von der Jeff gesprochen hat.

+++

 

„Hören Sie, ich kann keinen Ex-Footballstar gebrauchen, der meint, mit meinen Kids sein Image aufpolieren zu können!“ Ich bin immer wieder überrascht, wie begriffsstutzig mein Chef tatsächlich ist. Unglaublich, dass man mit einem so begrenzten Intellekt sogar ein Studium auf die Reihe bekommen und anschließend für die Stadtverwaltung arbeiten kann! Nach welchen Kriterien suchen die ihre Leute wohl aus?

„Ich lasse darüber nicht mit mir diskutieren, Ms. Devenor. Sie werden ihn heute Nachmittag mit offenen Armen empfangen und alles dafür tun, dass Mr. White sich wohlfühlt. Und damit basta.“ Danach legt er einfach auf und ich starre fassungslos auf den altmodischen, vergilbten Telefonhörer in meiner Hand.

Hier geht es schließlich nicht um Prestige, sondern darum, dass Kinder aus schlechten sozialen Verhältnissen sinnvolle Freizeitbeschäftigungen angeboten bekommen und außerdem feste Bezugspersonen haben, zu denen sie Vertrauen fassen und denen sie sich anvertrauen können, wenn sie Probleme haben. Es geht darum, eine vertraute Atmosphäre für sie zu schaffen. Und bestimmt nicht darum, dass kurzfristig irgendein beschränkter Ex-Footballstar, der obendrein zu Gewalttätigkeiten neigt, aufkreuzt, sich wichtig macht, für die Presse nett lächelt und dann wieder verschwindet, wenn die Kinder gerade dabei waren, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

„Nimm’s nicht so schwer, Cherry. Die Kids werden sich bestimmt vor Freude nicht mehr einbekommen, wenn Grayson White hier auftaucht.“ Meine Mitarbeiterin Adele klopft mir aufmunternd auf die Schulter, bevor sie in ihrem grauen Hemdkleid, das sie noch ein bisschen mütterlich-matronenhafter wirken lässt, als sie ohnehin schon ist, aus meinem Büro geht.

Seufzend schaue ich einen Moment aus dem Fenster und betrachte die graue Asphaltdecke des kleinen Innenhofs, der vor Hitze flimmert, bevor ich mich kopfschüttelnd wieder an die Arbeit mache.

 

 

 

Kapitel 2

 

Wenn ich heute Morgen schon geahnt hätte, dass Grayson White heute Nachmittag hier anrollen wird, hätte ich mir etwas anderes angezogen. Etwas Hochgeschlossenes, um genau zu sein.

Denn als er um 13:00 Uhr mit seinem prolligen Hummer mitten in der Feuerwehrzufahrt stehen bleibt und seinen großen und, wie ich zugeben muss, überaus muskulösen Körper aus dem Auto bewegt, scheint mein Ausschnitt das Erste zu sein, das er an mir wahrnimmt.

 

+++

Ein wenig mühsam, weil ihm seine Hüfte mitunter immer noch Probleme bereitet, steigt Grayson aus seinem Wagen aus. Die beinahe zwergenhafte Frau, die ihn dort erwartet, hat ihre Arme so unter der Brust verschränkt, dass ihre Titten perfekt zur Geltung kommen, auch wenn es dort nicht sonderlich viel zu sehen gibt. Grinsend schiebt er sich seine Sonnenbrille auf die Nase, während er gemächlich zu ihr hinschlendert. Von der ganz netten, aber viel zu kleinen Oberweite mal abgesehen, erscheint sie ihm auf den ersten Blick weniger reizvoll. Ihre Klamotten sind nicht anders als geschmacklos zu bezeichnen. Irgendwelches buntes Hippiezeug, ein Flatterrock, der zu weit und zu lang ist, um ihre Beine erkennen zu können, und ein schlichtes, weißes Tanktop, das außer dem netten Ausschnitt nicht viel zu bieten hat. Die ganze Frau ist genau genommen eine einzige Katastrophe. Ihre Haare haben eine Farbe zwischen blond, braun und rot und sind zu etwas hochgesteckt, das man eigentlich unmöglich Frisur nennen kann. Sie ist geschminkt, doch für seinen Geschmack eindeutig nicht genug. Und sie sieht … kampflustig aus. Ein Umstand, der ihm ganz und gar nicht gefällt.

Klar, Grayson White liebt Frauen. Aber besonders liebt er sie, wenn sie nett, sanft und gefügig sind.

Trotzdem setzt er das strahlendste Lächeln für sie auf, das er in seinem Repertoire hat. Schließlich mögen die Frauen ihn mindestens genauso sehr, wie er sie mag. Und er ist noch nie einer begegnet, die nicht darauf angesprungen wäre, wenn er gelächelt hat.

Der Zwerg vor ihm verzieht jedoch keine Miene. Regungslos starrt sie ihn weiter an, während er ihr entgegenkommt und ihr die Hand hinhält. Einen Moment begutachtet sie seine hingestreckte Hand, als würde sie ihn lieber nicht anfassen wollen, dann ergreift sie sie doch und erwidert seinen Händedruck erstaunlich fest.

„Hi, ich bin Cherry. Alle Mitarbeiter hier nennen sich beim Vornamen, ich hoffe, das ist in Ordnung für dich.“

Die Art, wie sie das sagt, macht allerdings mehr als deutlich, dass es ihr tatsächlich ziemlich egal ist, ob es nun für ihn akzeptabel ist oder nicht.

„Wir treffen uns in fünf Minuten in meinem Büro dort drüben.“ Mit dem Zeigefinger deutet sie auf ein kleines Fenster hinter sich. „Dann hast du noch genug Zeit, deine Karre aus dem Halteverbot zu fahren und dir einen Parkplatz zu suchen.“

Ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen, dreht sie sich um und geht weg.

Cherry!

Verdrießlich stapft Grayson zurück zu seinem Wagen. Er muss sich von einer Frau Befehle geben lassen, die Kirsche heißt!

Wütend steigt er in seinen Hummer und knallt die Tür hinter sich zu. Er parkt immer, wo er will. Und wenn die Polizei kommt, verteilt er ein paar Autogrammkarten. Cherry sieht allerdings nicht so aus, als würde sie sich dafür sonderlich interessieren. Ganz im Gegenteil, sie sieht sogar so aus, als würde sie sich überhaupt nicht für ihn interessieren!

Grayson ist so fassungslos, dass er beinahe einen Hydranten übersehen hätte. In letzter Sekunde schafft er es noch, sein Auto zum Stehen zu bringen.

+++

 

„Ist er da?“, fragt Adele und stellt sich am Fenster auf die Zehenspitzen, als wäre sie ein unreifer Backfisch und keine gestandene, erwachsene Frau von Ende fünfzig.

„Er parkt noch sein Auto um, das stand in der Feuerwehrzufahrt“, gebe ich grimmig zurück.

„Ach, das hätte er doch auch dort stehen lassen können. Wenn wirklich etwas passiert wäre, wäre immer noch Zeit genug gewesen …“

Stirnrunzelnd drehe ich mich zu Adele um. Ist sie jetzt völlig durchgeknallt? Sie regt sich sonst bereits auf, wenn eins der Kids sein Fahrrad dort stehen lässt, aber bei Grayson Whites fetten Hummer ist das plötzlich in Ordnung?

Und wenn ich mich darüber schon gewundert habe, gerate ich nun richtig ins Staunen. Denn gerade geht die alte, zerbeulte Metalltür zu meinem Büro auf und geschätzte einhundertfünfundneunzig Zentimeter Ex-Wide Receiver, in Jeans und dunkelblaues Polohemd gekleidet, kommen zur Tür herein. Mit einem strahlenden Lächeln nimmt er das rote Basecap mit dem Logo der Boston Raccoons von seinem Kopf.

„Hallo, Ladys!“, sagt er gerade und sieht dabei aus wie aus einer Zahnpastawerbung entsprungen, als hinter mir ein sehr besorgniserregendes Geräusch erklingt. Adele kichert!

„Oh, Mister White, ich freue mich ja so, Sie mal kennenlernen zu dürfen!“ Beinahe rücksichtslos drängelt sie sich an mir vorbei und ich beobachte fasziniert das Schauspiel, das sich mir hier bietet.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Miss …“ Er schaut ihr tief in die Augen, während er sich vorbeugt und einen Handkuss andeutet.

Adele kichert erneut, so heftig, dass ihr dicker Hintern dabei sanft zu wackeln beginnt, und ich schwöre es: Sie wird sogar rot!

Mrs. Darlington. Ich bin seit fünfunddreißigeinhalb Jahren glücklich verheiratet.“ Sie wackelt mit dem Finger, an dem ihr Ehering steckt. „Sie dürfen gerne Adele zu mir sagen.“

Grayson lacht tief, bevor er sich zu ihr vorbeugt. „Darf ich Sie vielleicht auch Darling nennen?“

Wieder dieses Kichern. „Aber besser nicht vor den Kindern“, flüstert Adele jetzt und blickt ihn unter gesenkten Augenlidern von unten an. Mir wird die Sache zu bunt. Bevor sie sich vollends zur Witzfigur ihrer heute anscheinend durchgeknallten Hormone machen kann, greife ich lieber ein.

„Ich störe euch zwei Turteltäubchen ja nur überaus ungern. Aber wenn es recht wäre, würde ich unserem Gast noch schnell die Einrichtung zeigen, bevor die Kids kommen.“

 

Die Führung durch die eher spärlichen Räumlichkeiten ist zügig beendet. Es gibt nicht viel zu sehen. Ein Aufenthaltsraum. Eine großzügige Küche, in der ein alter Esstisch steht, der Platz für fünfundzwanzig Personen bietet, dazu bunt zusammengewürfelte Stühle, die aus Spenden stammen. Das Budget, das wir von der Stadt zur Verfügung gestellt bekommen, ist leider immer viel zu knapp bemessen. Angrenzend an die Küche gibt es einen kleinen Lagerraum für Lebensmittel, zwei Toiletten, eine große Wiese, einen kleinen Innenhof – und natürlich mein Büro.

„Verrätst du mir auch, was ich hier machen soll?“ Grayson lehnt lässig im Türrahmen zur Küche und sieht mich erwartungsvoll an.

„Dich nützlich, würde ich vorschlagen.“ Was soll so eine saublöde Frage?

„Aha. Und wie genau soll das aussehen?“ Er spielt mit dem roten Basecap, das er von einer Hand in die andere wandern lässt. Ich unterdrücke das Bedürfnis, die Augen zu verdrehen, nur sehr mühsam. Ich bin schließlich nicht diejenige, die ihn hier haben wollte!

„Hör mal, ich habe keine Vorstellung. Du wolltest doch unbedingt herkommen, oder habe ich da heute am Telefon etwas falsch verstanden? Ich bin ganz ehrlich: Ich hätte gut darauf verzichten können, dass irgendein Star mit zu viel Freizeit meint, sich hier selbst verwirklichen zu wollen. Ich weiß sowieso nicht, wie die Leute immer darauf kommen, dass die Arbeit mit Kindern jeder Dahergelaufene ohne jegliche Erfahrung machen kann. Ich habe sogar Sozialpädagogik studiert, um hier sein zu dürfen! Und meine Kinder können auf diese Form der Aufmerksamkeit auch gut verzichten. Sie haben es auch so schwer genug im Leben. Das muss nicht auch noch zur Belustigung in der Presse breitgetreten werden. Leider hatte ich kein Mitspracherecht in diesem Fall.“ Tief hole ich Luft und schaue dabei in seine bernsteinfarbenen Augen, die nun ein wenig entgeistert dreinblicken. „Ich mache mich jetzt an die Arbeit und bereite alles vor, damit die Kinder nachher etwas Warmes zu essen bekommen. Wenn du Lust hast, kannst du mir gerne helfen.“

Ich drehe mich um und gehe in den Vorratsraum.

 

+++

Sie lässt ihn einfach so stehen!

Fassungslos starrt Grayson auf die schmalen Schultern der kleinen Person, die jetzt energisch durch die Küche stapft. Oder vielmehr watschelt – irgendwie erinnern ihn Frauen in Flipflops immer an Enten, zumindest was den Gang betrifft.

Es sollte dringend mal jemand mit der Kleinen shoppen gehen.

Kopfschüttelnd schaut er ihr einen Moment nach, bevor er ihr widerstrebend folgt.

Denk an die Vertragsstrafe, Gray!

Zwei Monate. Mehr verlangt Under-Wear nicht von ihm. Die werden ja wohl zu schaffen sein. Er sucht ein Kaugummidragee aus seiner Tasche und wirft es in die Luft, um es mit dem Mund aufzufangen, dann blickt er sich um. Die Küche sieht aus, als hätte sie mindestens fünfzig Jahre auf dem Buckel. Es gibt einen uralt erscheinenden Gasherd und es riecht nach Zitronenscheuermilch, altem Holz und kaltem Essensdunst. Fast so wie die Küche seiner Großmutter früher. Die Fensterscheiben werden an den Rändern bereits blind und insgesamt wirkt dieser Raum, so wie alles hier, eine Spur heruntergekommen. Die Stadt bringt doch sonst für jeden Mist Geld auf – aber hier scheint sie es wohl nicht für nötig zu halten.

Cherry ist gerade dabei, in dem kleinen Lagerraum herumzurumpeln und diverse Kisten hervorzuholen. Schnaubend schleppt sie eine Stiege voll Kartoffeln in die Küche und stellt sie auf einer grau gemusterten Arbeitsplatte ab, die eindeutig schon bessere Tage gesehen hat. Anschließend macht sie sich an einer Kiste mit Karotten zu schaffen.

„Komm, ich erledige das für dich.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, nimmt er ihr die Kiste aus der Hand und stellt sie neben die Kartoffeln. Er mag ja mit Frauen im Normalfall etwas anderes als Höflichkeiten austauschen wollen – dennoch hat er genug Erziehung mitbekommen, um wenigstens einige wenige gute Manieren an den Tag zu legen.

+++

 

Die Kisten mit dem Gemüse sind sauschwer und auch wenn ich das natürlich niemals zugeben würde, bin ich dennoch dankbar, dass Grayson sie mir abnimmt.

Vermutlich bin ich viel zu streng mit ihm, aber ich hasse es, wenn jemand „meine“ Kinder zu seinem eigenen Vorteil ausnutzt. Guter Zweck hin oder her. Sie müssen zu viel in ihrem Leben durchmachen, sie brauchen nicht auch noch Menschen, die es vordergründig gut mit ihnen meinen, obwohl sie eigentlich doch nur an sich selbst denken.

Seufzend nehme ich mir ein kleines Schälmesser aus einer der Schubladen und beginne Kartoffeln zu schälen, während draußen die Sirene eines Streifenwagens aufheult – in dieser Gegend wirklich keine Seltenheit. Es ist erstaunlich, wie lange man so eine Sirene hört, wenn ansonsten, bis auf Graysons monotones Kauen, absolute Ruhe herrscht.

„Wenn das ein Kaugummi ist, auf dem du da herumkaust, muss ich dich leider bitten, ihn in den Mülleimer zu werfen. Wir haben hier Regeln – und unsere Einrichtung ist ohnehin schon schäbig genug. Kaugummis unter den Tischen brauchen wir da wirklich nicht.“

Er zieht eine Augenbraue in die Höhe und sieht mich an, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. Wahrscheinlich hält er mich für eine absolute Oberzicke. Männer wie er sind es gewohnt, dass für sie ständig und überall eine Ausnahme gemacht wird. Nur ist hier weder ständig noch überall. Hier stehen andere Menschen im Mittelpunkt und für deren Wohl bin ich verantwortlich, zumindest ein paar Stunden am Tag. Trotzdem setze ich etwas versöhnlicher hinterher: „Die Kinder dürfen hier auch keinen Kaugummi kauen. Das kann ich aber nur durchsetzen, wenn die Erwachsenen sich auch daran halten.“

Mit einem ergebenen Seufzen geht Grayson zum Mülleimer und entsorgt die klebrige Masse, bevor er sich wieder neben mich stellt.

„Was machst du eigentlich?“ Er nickt mit dem Kopf in Richtung der Kartoffel.

„Ich schäle Kartoffeln für das Essen, wenn die Kinder in einer Stunde herkommen.“ Da meine Hände mit der Kartoffel beschäftigt sind, versuche ich mir mühsam mit der Schulter ein verirrtes Haar zu entfernen, das an meinem Mund festklebt.

„Sie essen hier?“ Mein ungebetener Besucher zieht sich einen Stuhl vom Tisch zurück, setzt sich darauf und macht es sich bequem. Mit ausgestreckten Beinen und verschränkten Armen beobachtet er mich bei der Arbeit.

„Bekommen die Kinder denn in der Schule nichts zu essen?“ Die Spitze seines rechten Fußes wippt unruhig auf und ab.

„Du meinst in der Cafeteria?“ Ich lege das Messer zur Seite und verfrachte die erste Fuhre Kartoffeln in den Topf, weil mein Schneidebrett voll ist.

„Genau.“

„Klar, wenn sie Geld hätten, würden sie bestimmt etwas bekommen. Die meisten sind aber schon froh, wenn sich zu Hause jemand die Mühe gemacht hat, ihnen ein Sandwich zu machen. Die meisten Eltern haben entweder keine Zeit oder kein Geld, ihre Kinder mit vernünftigem Essen zu versorgen, oder sie haben schlichtweg keine Lust dazu. Manchmal treffen auch alle drei Gründe auf einmal zu. Die Leute in dieser Gegend sind arm, Grayson. Und damit meine ich nicht, dass sie sich keinen Urlaub oder Markenklamotten leisten können. Sie sorgen sich darum, wie sie ihre Miete und das Essen für sich und ihre Kinder bezahlen sollen. Ihnen fehlt das Geld für Dinge, die für die meisten Menschen völlig selbstverständlich sind.“ Als ich den Job hier nach dem Studium angefangen habe, sollte das zunächst keine Dauerlösung sein. Der Verdienst ist mehr als mager, obendrein ist er nicht als Vollzeitstelle ausgelegt. Aber dann bin ich doch geblieben. Neben der Armut, die mir jeden Tag begegnet, habe ich selbst trotz mancher Einschränkungen immer noch das Gefühl, im absoluten Luxus zu leben. Außerdem werde ich hier wirklich gebraucht und kann helfen. Genau deshalb habe ich mir meinen Beruf schließlich ausgesucht.

Grayson beobachtet mich kommentarlos weiter, während ich mit dem alten Messer mit dem kleinen Holzgriff nun Möhren in Würfel schneide.

Seine Anwesenheit macht mich unruhig. Ich bin beim Kochen lieber alleine; ich bin keine sonderlich passionierte Köchin, aber es fehlt das Geld, um jemanden einzustellen, der das besser kann. Also mache ich es selbst und bin froh, wenn wir von irgendwo genug Geld herbekommen, um überhaupt eine halbwegs vernünftige Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. Zum Glück bekommen wir ab und an Spenden.

Die nächsten zwanzig Minuten verbringen Grayson und ich damit, uns anzuschweigen.

Seufzend nehme ich das Gehackte aus dem Kühlschrank und brate es an, gieße das Wasser von Möhren und Kartoffeln ab, zerstampfe das Ganze und gebe ein bisschen Milch hinzu, damit es weicher wird. Anschließend schmecke ich alles mit Salz und Pfeffer ab und vermenge es mit dem Hack. Ein altes Rezept, das meine Mutter von ihrer deutschen Großmutter hat. Zugegeben – es sieht nicht sonderlich appetitlich aus, aber es schmeckt sehr lecker und die Kinder mögen es gerne.

„Was wird das? Katzenfutter?“ Grayson steht hinter mir und schaut misstrauisch auf die Masse in dem großen Emailletopf.

„Bitte entschuldige, dass wir keine handgestreichelten Vierhundertdollarsteaks servieren!“ So langsam werde ich wirklich sauer. Er sitzt nur dumm herum und jetzt macht er auch noch mein Essen schlecht. Ich habe hart darum gekämpft, dass wir überhaupt Gelder dafür bewilligt bekommen haben, und für viele der Kinder wird es heute die einzige vernünftige Mahlzeit sein, die ihnen vorgesetzt wird.

Grayson scheint das alles nicht zu interessieren, er grinst nur breit und entblößt dabei eine Reihe perfekter, weißer Zähne, an denen ein Zahnarzt vermutlich ein halbes Vermögen verdient hat. Für einen kurzen Moment habe ich Lust, ihm ein paar davon auszuschlagen, aber in genau diesem Moment treffen die ersten Kids ein.

„Scheiße, sind die noch klein“, murmelt Grayson, während er sich mit beiden Händen durch das Haar fährt. Mein Wunsch, ihm einfach eine reinzuhauen, steigert sich fast ins Unermessliche.

Verdammt, was macht der Kerl hier, wenn er nicht einmal weiß, wie alt die Kinder eigentlich sind?

Aber ebenjene sorgen jetzt dafür, dass sein breites Lächeln unversehrt bleibt. Viele von ihnen bekommen schon genug Gewalt mit, da muss ich nicht auch noch vor ihren Augen ausrasten. Egal wie reizvoll der Gedanke gerade ist. Außerdem bin ich viel zu gut erzogen ...

 

 

Kapitel 3

 

+++

Das sind keine Kinder, das sind Zwerge!

Entsetzt schaut Grayson auf die ersten paar Kinder, die gerade johlend in den Raum kommen. Das älteste ist höchstens sieben oder acht Jahre alt, soweit er das schätzen kann. Nach und nach füllt sich der Raum mit einer ganzen Horde dieser winzigen Trolle.

Während Cherry jedes einzelne der kleinen Wesen liebevoll begrüßt, wirft sie ihm ständig böse Blicke zu. Es ist erstaunlich, wie mühelos sie von einem augenscheinlich liebevollen, sanftmütigen Wesen zu einer Art Furie mutiert, sobald sie sich wieder ihm zuwendet.

Vermutlich ist sie völlig unbefriedigt und in ihrem sonstigen Leben begegnen ihr einfach keine Männer, deshalb empfindet sie ihn als Bedrohung. Eine andere Erklärung kann es ja eigentlich kaum dafür geben, dass sie ihn nicht leiden mag. Es sei denn natürlich, sie ist lesbisch oder völlig frigide. Welche erwachsene Frau würde denn sonst schon nett zu einem Haufen dreckiger Gören sein, aber dem legendären Grayson White die kalte Schulter zeigen? Für einen kurzen Moment kann er beinahe die Stimme seines ersten Trainers in seinem Kopf hören, der über die Sündhaftigkeit und Schädlichkeit von Eitelkeit beinahe schon Predigten gehalten hat, aber er verdrängt den Gedanken daran schnell wieder.

Seine Gedanken werden von einem dunkelhäutigen Jungen in einem verwaschenen hellgrünen T-Shirt abgelenkt, der sich vor ihm aufbaut und ihn aufmerksam mustert.

„Du siehst ein bisschen aus wie Grayson White“, stellt der Junge mit heller Kinderstimme fest. „Was machst du hier?“

„Ich bin Grayson White!“ Gray lächelt auf den Jungen herab und dieser erwidert das Lächeln mit einem Strahlen, das eine Zahnlücke zum Vorschein bringt.

Die Frage, was er hier eigentlich macht, geht in dem darauffolgenden Tumult aus aufgeregtem Kindergeschnatter unter. Zum Glück – denn Grayson kann sie nicht einmal sich selbst ganz genau beantworten.

+++

 

Als ich sehe, wie sehr sich die Kleinen über den unerwarteten Besuch freuen, verbessert sich meine Stimmung ein bisschen. Die meisten von ihnen können so eine, für sie ja sicherlich schöne, Abwechslung gut gebrauchen. Ich ärgere mich eben nur, wenn so etwas in erster Linie aus Eigennutz geschieht, weil ich immer das Gefühl habe, die Kinder werden schlichtweg ausgenutzt.

Während ich mit ein paar Kindern, die sich offenkundig nicht sonderlich für Football interessieren, den Tisch decke, stehen die anderen mit großen Augen um Grayson herum und bombardieren ihn mit tausenden von Fragen.

Seufzend stelle ich das zum Teil schon ziemlich angeschlagene weiße Geschirr mit den hellblauen Blümchen auf den Tisch, bis ich eine schüchterne kleine Hand spüre, die zaghaft an meinem Rock zupft.

„Hi, Olivia.“ Ich streiche dem kleinen Mädchen eine Strähne blassbraunes Haar aus dem Gesichtchen mit den blauen Kulleraugen. Sie kommt erst seit kurzer Zeit her und gehört zu meinen besonderen Sorgenkindern. Livie ist beinahe schon auffällig brav und angepasst.

„Ich habe Blumen für dich gepflückt, Cherry!“ Voller Stolz streckt sie mir einen unordentlichen Strauß aus Löwenzahn und Gänseblümchen hin.

„Oh, sind die schön!“ Ich nehme ihr Geschenk vorsichtig entgegen und suche ein Glas aus dem Schrank, das ich als Vase verwende. „Wollen wir die Blumen hier auf den Tisch stellen, was meinst du, Livie? Dann sieht es gleich ein bisschen freundlicher aus.“

Sie nickt strahlend, während ich die Blumen auf der Mitte des Tisches platziere. Anschließend geht sie sich artig, und vor allem unaufgefordert, die Hände waschen. Die anderen Kinder muss ich heute mehrfach dazu ermahnen, dies wenigstens vor dem Essen überhaupt noch zu tun. Als es darum geht, wer wo sitzen darf, kommt es zwischen vier der Jungs fast zu einer Prügelei, weil jeder von ihnen neben Grayson sitzen will.

Marlon, der zwar so alt wie die anderen Kinder ist, sie aber fast um einen Kopf überragt, schätzungsweise das Doppelte wiegt und dabei dreimal so skrupellos ist, drängt die anderen erfolgreich ab. Ich will gerade eingreifen, als Adele das Ganze übernimmt. Sie betritt genau in dem Moment die Küche, als der Streit zu eskalieren beginnt. Ihre dunklen Augen blitzen gut gelaunt und sie regelt die Dinge auf ihre eigene, unnachahmliche Art.

„Wenn ihr bei drei nicht auf euren Plätzen sitzt, setze ich mich. Und zwar auf Graysons Schoß. Und glaubt mir, das wünscht sich niemand von euch. Denn wenn das passiert, kann hinterher niemand mehr neben ihm sitzen, dann ist er nämlich platt.“ Sie stemmt die Hände in ihre üppigen Hüften und holt tief Luft, um zum Zählen anzusetzen. Aber weiter als bis zwei kommt sie nicht, weil sich in der Zwischenzeit alle Kinder, kichernd und so schnell sie konnten, auf den nächsten freien Platz gesetzt haben. Außer Marlon natürlich, der es geschafft hat, sich trotzdem einen Platz neben Grayson zu erobern.

Keine Ahnung, wie sie so etwas anstellt. Bei mir hätte es vermutlich nur mit ganz laut schimpfen und der Androhung schrecklicher Strafen wie Nachtischentzug funktioniert, doch Adele hat so etwas nicht nötig.

Zufrieden lächelnd setzt sie sich auf den letzten freien Platz und schiebt den alten Holzstuhl näher an die blank gescheuerte Tischplatte, bevor sie wie immer das Tischgebet spricht und wir alle anfangen zu essen. Sogar Grayson isst mit, auch wenn er nicht allzu begeistert aussieht.

Ich bin nicht sonderlich gläubig, aber ich finde das Ritual des Tischgebets sehr schön und bei Adele ist es so selbstverständlich und natürlich vor dem Essen zu beten, dass wir es als festen Bestandteil der gemeinsamen Mahlzeit eingeführt haben.

 

Kapitel 4

 

„Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.“ Grayson steht im Türrahmen und schaut nachdenklich Olivias mausfarbenen Zöpfen hinterher, während ich aufräume.

Empört verdrehe ich die Augen. Er hatte anscheinend wirklich überhaupt keine Ahnung, was ihn hier erwarten würde.

„Die Kinder sind alle im Grundschulalter und kommen aus sozial schwachen Familien. Wir dürfen ein Nachmittagsbetreuungsprogramm für zwanzig Kinder anbieten. Es bestünde für viel mehr der Bedarf, allerdings reichen die Gelder nicht aus, die wir bekommen. Und der Platz, den wir zur Verfügung haben, auch nicht. Genauso wenig wie das Personal. Ich bin schon froh, dass Adele hier ist, ohne ihre ehrenamtliche Tätigkeit hätte ich ein Problem.“ Adele ist wirklich ein Engel. Sie hat selbst drei Kinder und acht Enkelkinder und trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – kommt sie jeden Tag her, um zu helfen.

Grayson hat mir den Rücken zugedreht und blickt aus dem Fenster auf den grauen Asphalt, über den Olivia gerade hüpft. Nachdenklich massiert er sich mit der rechten Hand den Nacken.

„Ist sie nicht eigentlich noch zu klein, um alleine nach Hause zu gehen? Müsste sie nicht abgeholt werden? Vor allem in dieser Gegend. Ist das nicht viel zu gefährlich für ein Kind?“

Ich lache und kann selbst hören, wie bitter es klingt. Das Schlimmste dabei ist, dass er recht hat. Dieses Viertel ist so mies, dass man nicht einmal einen Hund alleine nach Hause gehen lassen sollte, geschweige denn ein Kind.

„In unserer Welt durchaus. Aber sie ist sechs. Hier bedeutet das, dass sie sogar alt genug ist, um mal über Nacht alleine zu Hause zu bleiben. Ihre Mutter arbeitet im Schichtdienst in einem Vierundzwanzig-Stunden-Diner. Sie ist froh, dass sie diesen Job hat. Livies Vater hat ein Alkoholproblem. Er ist meistens nicht in der Lage, sich um seine Tochter zu kümmern. Ich schätze, es wird eher umgekehrt der Fall sein: Olivia wird sich immer wieder um ihn kümmern müssen. Hier müssen die Kinder halt Verantwortung für sich selbst übernehmen.“ Ich stelle mich neben ihn und blicke ebenfalls dem kleinen Mädchen hinterher, dessen hellgelbes Kleidchen in diesem Moment um die Ecke verschwindet. „Ich versuche, wenigstens ein paar Stunden am Tag eine heile Welt für diese Kinder zu erschaffen. Eine warme Mahlzeit, feste Bezugspersonen, eine gewaltfreie Umgebung, ein bisschen positive Zuwendung. Eigentlich alles Dinge, die selbstverständlich sein sollten, aber es für die wenigsten dieser Kinder sind. Natürlich gibt es auch in dieser Gegend andere Eltern. Doch viele lässt die Perspektivlosigkeit, in der sie leben, früher oder später abstumpfen. Auch gegenüber ihren eigenen Kindern.“

Gedankenverloren knibble ich ein bisschen alten, dunkelbraunen Lack vom Fensterrahmen ab und starre nach draußen, bis ich Graysons Blick auf mir spüre. Als ich meinen Kopf in seine Richtung drehe, fällt mir zum ersten Mal auf, dass er ein wirklich gut aussehender Mann ist. Auffallend schöne, dichte Wimpern rahmen ungewöhnlich bernsteinfarbene Augen ein und würden ihm beinahe etwas Mädchenhaftes verleihen, wenn der Rest seines Gesichts nicht so ausgeprägt männlich wäre. Ich betrachte kurz die kräftige Nase, die ein bisschen schief ist, so als wäre sie mehrfach gebrochen worden, das energische Kinn und den schön geschwungenen Mund. Als Grayson bemerkt, wie ich ihn anstarre, verzieht sich ebendieser zu einem Lächeln, das in seiner rechten Wange ein kleines Grübchen erscheinen lässt.

Schnell wende ich meinen Blick ab und spüre zu meinem großen Ärger, dass ich dabei bin zu erröten.

Ganz toll, Cherry! Jetzt denkt er, er hätte dich auch an der Angel. So wie die ganzen anderen Weiber, die ihm vermutlich immer sabbernd hinterherrennen und jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Und in der Tat sieht Grayson sehr zufrieden aus, als er sein Basecap vom Garderobenhaken nimmt und sich noch einmal zu mir dreht.

„Bis morgen dann.“ Er schenkt mir ein strahlendes Lächeln, bevor er sich in Richtung Tür wendet und dynamisch-selbstbewussten Schrittes den Raum verlässt. Zu meiner Erleichterung gerade rechtzeitig, denn ich spüre, wie mir bei diesem Lächeln noch mehr Röte ins Gesicht steigt.

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