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Herzfinsternis

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Kapitel 1 - Von Herz zu Herz
  9. Das Wochenende, an dem alles begann …
    1. Kapitel 2 - Misstrauische Herzen
    2. Kapitel 3 - Eiskalte Herzen
    3. Kapitel 4 - Befrei mein Herz
    4. Kapitel 5 - Herz aus Glas
    5. Kapitel 6 - Gebrochenes Herz
    6. Kapitel 7 - Herzkönigin
    7. Kapitel 8 - Herzattacke
    8. Kapitel 9 - Herzschmerz
    9. Kapitel 10 - Herzblut
    10. Kapitel 11 - Herzensangelegenheit
    11. Kapitel 12 - Herzzerreißen
  10. Das Wochenende, an dem alles nur noch schlimmer wurde …
    1. Kapitel 13 - So bricht man Herzen
    2. Kapitel 14 - Mach mein Herz wieder ganz
    3. Kapitel 15 - Mein Herz ist so schwer
    4. Kapitel 16 - Was das Herz begehrt
    5. Kapitel 17 - Herzversagen
    6. Kapitel 18 - Hör auf dein Herz
    7. Kapitel 19 - Du hast mein Herz gestohlen
    8. Kapitel 20 - Herz aus Gold
    9. Kapitel 21 - Herzstillstand
  11. Das Wochenende, an dem alles ein bisschen besser wurde … und dann erneut in ungeahnte Tiefen stürzte
    1. Kapitel 22 - Mein Herz gehört mir
    2. Kapitel 23 - Tief in meinem Herzen
    3. Kapitel 24 - Qual meines Herzens
    4. Kapitel 25 - Ein Stich mitten ins Herz
    5. Kapitel 26 - Herzklopfen
    6. Kapitel 27 - IYou
    7. Kapitel 28 - Sturm des Herzens
    8. Kapitel 29 - Wenn ich dir mein Herz schenkte
    9. Kapitel 30 - Schweig still, mein Herz
    10. Kapitel 31 - Fass dir ein Herz
    11. Kapitel 32 - Herzzerreißender Abschied
    12. Kapitel 33 - Mein törichtes Herz
    13. Kapitel 34 - Herzflimmern
    14. Kapitel 35 - Wenn du ein Herz hättest
    15. Kapitel 36 - Öffne dein Herz
    16. Kapitel 37 - Mein Herz gehört nach Hause
  12. Das Wochenende, an dem Entschlüsse gefasst werden mussten … dann wieder umgestoßen wurden … dann wieder gefasst wurden … dann wieder umgestoßen … dann wieder …
    1. Kapitel 38 - Geh, wohin dein Herz dich trägt
    2. Kapitel 39 - Herz-Ass
    3. Kapitel 40 - Gib mir mein Herz zurück
  13. Das Wochenende, an dem sich das Leben einiger veränderte, Herzen geheilt wurden und nur eine einzige Situation zu entgleisen drohte …
    1. Kapitel 41 - Mit Herz und Seele
  14. Epilog
  15. Danksagung

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Herzfinsternis

Roman

Aus dem Englischen von
Barbara Ritterbach

Für meine Freundinnen Wendy Morton, Pamela McBurnie,
Janice McCallum, Linda Lowery, Frankie Plater,
Gillian Armstrong, Jan Johnston, Sylvia Lavizani,
Emma Vijayaratnum and Mitch Murphy –
obwohl sie mich nicht davon abgehalten haben,
mit reichlich unpassenden Männern auszugehen,
bevor der Richtige kam.

Prolog

Also, die Regeln lauten folgendermaßen: Kein Wort über die Arbeit, keine Streitereien. Joe, du darfst mich jederzeit unter dem Tisch belästigen, und Suze, wag es ja nicht, nur einen Salat zu bestellen.« Melissa sah ihre Schwägerin über den Tisch hinweg drohend an. »Heute gibt’s auch für dich Kalorien. Berge von Kalorien. Betrachte es einfach als einen Akt der Freundschaft und der Solidarität.«

Suze strich die nicht vorhandenen Falten aus ihrem Hervé-Léger-Kleid (ein Imitat, versteht sich), hob ihr Champagnerglas und prostete der selbst ernannten Zeremonienmeisterin zu. Und ob es heute Kalorien gab! Allerdings hatte sie das Gefühl, dass sie die meisten davon in flüssiger Form zu sich nehmen würde.

»Für dich tu ich doch alles. Ich bereite meine inneren Organe sofort auf das Eintreffen von Nahrung jeglicher Art vor. Ach, und Karl …« Suze wandte sich an ihren Mann, der kaum ein Wort gesprochen hatte, seit sie zehn Minuten zuvor gekommen waren. »Ich hätte auch nichts gegen ein bisschen Gefummel unter dem Tisch.«

Melissa und Joe sahen, dass Karl breit grinste und nickte. Das kurze Zögern vorher hatte nur Suze bemerkt. Ein weiterer Stich für ihr ohnehin schon so verletztes Herz. Letztes Jahr war alles noch ganz anders gewesen. Und im Jahr davor auch. Dasselbe Datum, dasselbe Restaurant, dieselben Leute, aber ein völlig anderer Ehemann. Damals hatte sie ihn nicht dazu auffordern müssen, seine Hände auf Wanderschaft zu schicken und ihr seine Zuneigung zu zeigen. Aber Suze hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Denn wie durch eine Art brüderliche Osmose übernahm ihr Schwager die Rolle des jovialen, lockeren Unterhalters, die sonst ihr Mann ausfüllte.

Joe legte den Arm um Melissas Schulter und hob ebenfalls sein Glas. »Auf einen schönen Hochzeitstag für uns alle! Suze, du hältst es jetzt schon zehn Jahre mit meinem Bruder aus. Ich will nur, dass du weißt, dass wir dich für eine offizielle Würdigung deines Einsatzes vorschlagen werden. Wir hatten daran gedacht, dass man vielleicht eine Straße nach dir benennen könnte oder einen Feiertag.«

»Okay, ich nehme die Straße. Aber nur eine mit einem Prada-Shop.«

Alle lachten. Mel zwinkerte ihrer Schwägerin zu und ließ einen Blick folgen, der so viel sagte wie: He, was ist denn mit dem los? Ihr sonst so ruhiger, reservierter Mann war eigentlich gar nicht für große Reden und übertriebene Gesten. Und er war noch nicht fertig …

»Und dir, Mel, meiner großartigen Mel, danke ich für acht wunderschöne Jahre. Ich liebe dich wie verrückt und hoffe, dass wir noch mindestens sechzig weitere Jahre vor uns haben.«

Mel spürte, wie ihre Tränendrüsen aktiviert wurden. Rasch überspielte sie den potenziell rührseligen Moment mit einem Kuss und einem Lächeln und schloss sich dem Toast an.

»Auf uns«, bekräftigte sie. »Und auf viele weitere gemeinsame Hochzeitstage!«

Die Gäste an den Nachbartischen hörten das Klirren der Gläser und schauten zu den beiden Paaren hinüber. Ein beneidenswertes Bild: vier junge Menschen, attraktiv, strahlend und voller Glück, wie nur Liebe und Vertrauen es geben konnten.

Kein Wunder, dass niemand etwas ahnte. Niemand ahnte, dass eine Person aus dieser Runde todunglücklich war. Eine von ihnen hatte etwas Schreckliches getan. Eine von ihnen war schuld daran, dass ihre perfekte kleine Viererrunde auseinandergerissen würde.

Es würde keine gemeinsamen Hochzeitstage mehr geben.

1. Kapitel

Von Herz zu Herz

Der Schaltknüppel! Der Schaltknüppel! Aaaaah!«

Eine kurze Pause entstand, dann brachen sie beide in brüllendes Gelächter aus. Die heiße Leidenschaft, die so viel Feuchtigkeit erzeugt hatte, dass alle Scheiben beschlagen waren, war sofort weg. Sie zog den Kopf ein, um eine durch die Kollision mit dem Autodach hervorgerufene Gehirnerschütterung zu vermeiden, hievte sich von seinem Schoß und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Ihre erhitzte feuchte Haut klebte am Lederpolster fest.

»Wow!«, keuchte er halb erleichtert, halb belustigt und versuchte sich aus dem Spalt zwischen den beiden Vordersitzen zu befreien. »Dieser Schaltknüppel ist mir entschieden zu nah gekommen. So habe ich mir eine Ménage-à-trois nicht vorgestellt.«

»Soll ich einen Krankenwagen rufen?« Sie grinste. »Dann müsstest du dir allerdings vorher ein paar wirklich gute Erklärungen ausdenken.«

»Nicht nötig, ich werd’s überleben. Allerdings könnte es sein, dass ich gerade meine Chance auf eine mögliche Vaterschaft verspielt habe.«

Unter Zuhilfenahme seiner durchtrainierten Oberarme stemmte er sich behutsam hoch und rettete seine Lendengegend aus der misslichen Lage. Als er endlich mit einem erleichterten Seufzer hinter das Lenkrad sank, wurden ihm schlagartig zwei Dinge bewusst. Erstens die wirklich absurde Situation: zwei Leute, die sich in einem Auto unterhielten, als wäre es das Normalste auf der Welt. Was es ja auch wäre, wenn sie nicht beide splitterfasernackt wären. Und zweitens, dass er gerade das V-Wort gesagt hatte. Vaterschaft. Okay, es war nur eine nachlässig dahingesagte Bemerkung gewesen, aber sie gab der Schaltknüppel-Nummer eine irritierende Ernsthaftigkeit.

Vaterschaft. Sie versuchte den Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen. Nein, sie würde das jetzt nicht tun. Nein, nein und noch mal nein. Waren sie nicht übereingekommen, dass sie beide nur ein bisschen Spaß haben wollten, ganz ohne Verpflichtungen? Sie würde das, was er gerade gesagt hatte, einfach ignorieren. Verdrängen. Vergessen. Leider kam diese Botschaft nicht in ihrem Mund an, denn der plapperte schon munter drauflos.

»Möchtest du das? Kinder haben, meine ich?«

Der Seufzer entfuhr ihm, ehe er es verhindern konnte. Verflixt – wieso hatte er bloß mit diesem blöden Thema angefangen? Er könnte sich ohrfeigen. Wusste er es denn nicht besser? Meine Güte, Frauen und ihre überdrehten biologischen Uhren. Und jetzt sah sie ihn auch noch so hoffnungsvoll an, als wartete sie auf eine tiefsinnige Antwort.

Aber er hatte keine, und er hatte nicht die geringste Absicht, sich auf dieses gefährliche Terrain zu begeben. Darum ging es hier nicht. Hier ging es nicht um Zukunft und Familie und Pläne. Auch nicht um Träume und Hoffnungen bis ans Ende des Lebens. Für ihn hatte das hier ganz und gar nichts mit tiefen Gefühlen zu tun, und soweit er wusste, galt das auch für sie.

Von Anfang an hatten sie abgesprochen, dass es nur um eins gehen würde, und er hatte nicht vor, die Spielregeln zu ändern. Sein Emotionsalarm – der beim ersten Anzeichen von zu viel Nähe sofort laut und vernehmlich schrillte – war aktiviert, und er schaltete sofort in den Modus »Ablenkungsmanöver«. Er streckte die Hand nach ihr aus, strich sanft über ihren Hals, liebkoste ihre Schläfen und zog sie langsam zu sich.

»Baby, wenn ich mit dir zusammen bin, denke ich an nichts anderes als an deinen unglaublich heißen Körper.«

Er presste die Lippen auf ihre, und sie reagierte sofort. Ein Stöhnen entfuhr ihr. Mission erfüllt. Panik abgewendet. Keine Opfer, kein Schaden fürs Leben.

Ihre Libido war neu entflammt. Sie drängte sich an ihn, ihre linke Hand tastete Richtung Fußraum. Nach wenigen Sekunden hatte sie gefunden, wonach sie suchte. Sie zog ruckartig daran und beförderte ihn in die Rückenlage. Ihre Lippen trennten sich nicht eine Sekunde, während sie mit unglaublicher Gelenkigkeit zwischen das Lenkrad und seinen Körper glitt. Und dann saß sie wieder auf ihm – dieses Mal ohne dass die Gefahr bestand, dass ihn der Schaltknüppel entmannte.

Seine Hände umklammerten ihre festen Pobacken. Er positionierte sie richtig und zog sie langsam zu sich heran, bis sie eine Stellung eingenommen hatten, die definitiv in keinem Autohandbuch beschrieben war.

Um genau das geht es hier, dachte er.

Das Wochenende, an dem alles begann …

2. Kapitel

Misstrauische Herzen

Bist du sicher, dass du das wirklich machen willst?« Melissas Stimme stockte, als ihr plötzlich das Telefon aus der Hand rutschte. »Scheiße! Moment mal gerade, Suze!«

Entsetzt schaute sie dem Telefon hinterher, das soeben in jenem dunklen, unheimlichen Abgrund versunken war, in den sich eine Frau ohne gründliche mentale und körperliche Vorbereitung eigentlich nicht hineinwagen durfte. Sie biss die Zähne zusammen, griff beherzt zu und barg es aus der schaurigen Tiefe.

»Sorry, Schätzchen, das Telefon ist mir gerade in den Waschkorb gefallen. Es riecht jetzt ein bisschen streng. Egal. Also. Bist du sicher?«

»Absolut. Ich muss wissen, was los ist, und das ist die einfachste und schnellste Möglichkeit, es herauszufinden. Atme nicht so.«

»Wie?«

»Na so. Du atmest so vorwurfsvoll. Das höre ich ganz genau.«

»Nur wegen der Socken. Aber du hast Recht, ich bin es. Vorwurfsvoll, meine ich. Ich will dich nicht bevormunden, Suze, du musst tun, was du für richtig hältst. Ich werde auf jeden Fall hinter dir stehen, egal wie du dich entscheidest, aber ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass das alles ein bisschen … na ja … sagen wir unmoralisch ist. Das musst du doch zugeben.«

»Es ist nicht unmoralisch. Es ist absolut vernünftig. Proaktiv. Verantwortungsvoll. Glaub mir, es macht mich völlig fertig, aber das ist mir lieber, als weiter zwischen Unwissenheit, Verdrängen und Angst zu hängen. Ich … ich muss es einfach wissen.«

Als Melissa hörte, wie zittrig sich die Stimme ihrer Freundin anhörte, überkam sie Mitleid. Das Gefühl war so überwältigend, dass sie sogar das Eau de Männersocken kaum noch wahrnahm.

Aber Suze hatte sich schnell wieder gefasst. »Du hast Joe doch hoffentlich nichts gesagt, oder? Schwör mir, dass du das nicht tust. Du weißt ja, wie die beiden sind. Er würde es Karl garantiert stecken.«

Mel warf Joes Lieblingshemd in die Waschmaschine und nickte unbewusst. Suze hatte Recht. Karl und Joe hatten ein superenges Verhältnis, wie es bei Brüdern selten vorkam. Sie arbeiteten zusammen, sie spielten jeden Freitagabend zusammen in derselben Fußballmannschaft und unternahmen auch sonst viel zusammen. Mit anderen Worten: Sie waren unzertrennlich. Wie die Kray-Zwillinge, nur ohne den Hang zum Kriminellen und mit perfekt geformten Bodys. Die verdankten sie ihren regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio, natürlich auch zusammen.

Joes Familiensinn hatte Mel von Anfang an fasziniert. Im Gegensatz zu ihr, die als Einzelkind aufgewachsen war, hatte es Joe nur im Paket gegeben. Seine Eltern hatten sie sofort mit offenen Armen aufgenommen, und für seinen Bruder war sie von Anfang an die kleine Schwester gewesen, die er sich immer gewünscht hatte. Aber das Sahnehäubchen auf der glücklichen Familientorte war Karls Ehefrau Suzanne, die in kürzester Zeit von der Schwägerin zur besten Freundin geworden war.

Die Ehe von Karl und Suzanne war immer unbeständig gewesen, voller Leidenschaft und Spannungen, die sich hin und wieder in emotionsgeladenen Dramen entluden. Trotzdem wusste Mel eins ganz genau: Suze’ Verdacht, Karl würde sie betrügen, war völlig absurd. Unmöglich! Karl war ein anständiger Kerl, genau wie sein Bruder.

»Nein, natürlich sage ich Joe nichts. Ich erzähle ihm schließlich nicht alles.«

»Tust du doch.«

»Okay, du hast Recht, aber das habe ich ihm wirklich nicht erzählt. Du bildest dir das ohnehin nur ein, Suze. Karl würde dich niemals hintergehen.«

»Das behaupten alle Ehefrauen. Bis ihr Mann plötzlich mit der Sekretärin durchbrennt. Und während Mrs. Gutgläubig einsam in einem schäbigen Apartment hockt, vögelt er die Neue sechsmal pro Nacht und bucht mit seiner Kreditkarte vierzehn Tage Marbella. Ich weiß ja selbst, dass er ein guter Kerl ist, Mel, aber ich wäre verrückt, wenn ich die Warnzeichen einfach ignorieren würde. Du musst doch auch zugeben, dass er bei unserem letzten Hochzeitstagsessen verdächtig still war. Und du kennst Karl. Normalerweise müssen wir ihn mit Gewalt nach Hause schleppen, damit der Ober endlich Feierabend machen kann. Er hat sich irgendwie verändert … und ich muss wissen, wieso.«

Mel knallte die Waschmaschinentür zu und drückte die Öko-Taste. Schließlich wollte sie beruhigt schlafen und sich nicht vorwerfen, mit ihrer Wäsche der Ozonschicht geschadet zu haben. Oder den Polkappen. Oder irgendwelchen Babyrobben vor der Küste von … von … na ja, wo Babyrobben eben so lebten.

»Bist du denn sicher, dass es sich nicht um eine Form von Midlife-Crisis handelt? Jerry von nebenan hat sich nach seinem vierzigsten Geburtstag sechs Tatoos machen lassen, die Haare dunkler gefärbt und fährt nur noch mit einer Harley Davidson durch die Gegend.«

»Karl ist aber erst einunddreißig«, bemerkte Suze.

»Dann könnte es eine vorzeitige Midlife-Crisis sein.«

»Das Einzige, was bei ihm vorzeitig ist …«

»Nein, sag es nicht! Ich muss meinem Schwager noch auf vielen Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen ins Gesicht sehen können. Also erspar mir bitte alles, was meine Achtung vor ihm für immer zerstören könnte. Bitte mach es nicht, Suze.«

»Ich muss aber. Ich leide nun mal unter Kontrollzwang – es ist quasi Teil meines Charakters.«

Mels Magen begann zu rotieren, im selben Rhythmus wie die Wäschestücke vor ihr in der Trommel. Sie hasste jede Form von Drama. Sie hasste Krisen. Und sie fühlte sich hin und her gerissen. Einerseits verstand sie ihre beste Freundin und wollte ihr gern helfen, andererseits hatte sie Angst, dass die Sache entgleisen könnte und sie ihren Schwager und ihre Schwägerin demnächst an verschiedenen Sonntagen in verschiedenen Wohnungen besuchen musste.

Eine Weile sagte niemand etwas. Dann schrie Suze plötzlich hysterisch: »Hör auf, an deinen Lippen zu kauen!«

»Tu ich ja gar nicht«, protestierte Mel mit zerkauten Lippen. Gedankenverloren türmte sie die nächste Maschinenladung vor der rauschenden Waschmaschine auf. »Also, wann soll es passieren?«

»Irgendwann dieses Wochenende. Ich hab der Detektei Karls Terminplan für Freitag, Samstag und Sonntag durchgegeben. Sie überlegen sich jetzt, wann sie die Sache angehen. Den genauen Termin verraten sie der Ehefrau mit Absicht nicht, damit sie nicht im entscheidenden Moment auftaucht und ihrem Mann einen Baseballschläger überzieht.«

»Das wäre nicht so ideal, verstehe.« BH. BH. String. String. BH. Nachthemd. T-Shirt. BH.

»Ich habe ihnen gesagt, sie sollen eine Brünette mit langen Beinen und großen Brüsten nehmen. Darauf steht er.«

»Aber du bist doch blond und flacher als die Niederlande.«

»Dann verstehst du jetzt sicher, weshalb sich bei mir ein gewisses Misstrauen breitgemacht hat.«

Mel seufzte. Es war alles ihre Schuld. Sie hatte Suze den Zeitungsbericht mit der Überschrift Venusfallen zum Vermieten – für Ehefrauen mit misstrauischen Herzen und herumstreunenden Ehemännern! gezeigt. Die Agentur war darauf spezialisiert, weibliche Lockvögel auszusenden und Ehemänner einer Art Treuetest zu unterziehen – gegen ein stattliches Honorar, das verstand sich von selbst. Sie hatte das völlig absurd gefunden. Albern. Lächerlich.

Suze leider nicht. Für sie war es die Antwort auf ihre tiefen Zweifel an der Monogamie ihres Gatten. Und nun war ihr Konto um fünfhundert Pfund leichter, Melissa war mit den Nerven am Ende, und dem ahnungslosen Karl stand der denkwürdigste – und vermutlich teuerste – Plausch seines Lebens bevor. Das war bizarr. Surreal. So etwas passierte in amerikanischen Realityshows, kurz bevor jemand mit einem Mikro hereingestürmt kam und den Fremdgeher vor circa zwei Millionen geifernden Fernsehzuschauern kompromittierte. So etwas passierte nicht Leuten, die man kannte, und ganz bestimmt nicht Mitgliedern der eigenen Familie.

Suze liebte Karl. Karl liebte Suze.

Melissa liebte Joe. Joe liebte Melissa.

Okay, die offizielle Scheidungsrate von fünfzig Prozent legte den Schluss nahe, dass zwei von ihnen es nicht bis zum Ende schaffen würden, aber Mel war immer sicher gewesen, dass sie jede Statistik Lügen strafen würden. Undenkbar, dass Karl Suze betrog. Niemals. Für ihren Schwager würde sie die Hand ins Feuer legen. Er würde diesen Lockvogel abblitzen lassen, und die Detektei würde Suze die frohe Kunde übermitteln. Und in fünfzig Jahren, wenn sie zu viert zwei Hälften eines Doppelhauses bewohnten, betreut natürlich, sich zwei Gebisse teilten und von den guten alten Zeiten schwärmten, als sie sich noch ohne Rollator fortbewegen konnten, würden sie gemeinsam über die ganze Geschichte lachen.

Trotzdem machte Melissa noch einen letzten Versuch, den Zug in Richtung Misstrauen Hauptbahnhof zum Entgleisen zu bringen. »Warum sprichst du nicht einfach mit ihm, Suze? Kannst du es nicht erst mal mit der Methode ›Offenes und ehrliches Gespräch‹ probieren?«

Suze seufzte. »Das funktioniert nie. Was soll er denn sagen? Ja, Schätzchen du hast Recht, ich vögle eine andere? Gut, dass wir mal drüber reden. Was gibt’s übrigens zum Abendessen? Meinst du das ernst? Wenn er schuldig ist, wird er alles abstreiten, und dann bin ich keinen Schritt weiter als vorher. Und wenn er unschuldig ist, wird er mir bis zu meinem Lebensende Vorwürfe machen, dass ich ihm nicht vertraut habe. Nein, ich glaube, mein Plan ist vernünftig. Wenn er fremdgeht, habe ich einen konkreten Beweis, und wenn nicht, weiß ich, dass meine Ängste unbegründet sind, ohne dass er je mitkriegt, dass ich an ihm gezweifelt habe. Ein Kinderspiel!«

Melissa sank auf ihren Wäscheberg. Viele Ausdrücke kamen ihr für Suze’ Aktion in den Sinn, aber Kinderspiel gehörte definitiv nicht dazu.

Unruhe und böse Vorahnung schon eher.

3. Kapitel

Eiskalte Herzen

Suze drückte die rote Taste an ihrem Telefon und ließ den Kopf auf den Tisch sacken. So heftig, dass ihr ein Schmerzensschrei entfuhr. Auch das noch! Jetzt hatte sie neben ihrem untreuen Ehemann und der schwindelerregenden Detekteirechnung auch noch einen blauen Fleck mitten auf der Stirn und sah aus ein Zyklop.

Sie rieb sich den Kopf und schaltete die schwarze Dolce-Gusto-Kaffeemaschine, die auf der Granitarbeitsplatte stand, an. Karl und Joe hatten das Haus selbst gebaut, und viele Mitarbeiter des Bauunternehmens Marshall & Sons hatten ihnen dabei geholfen. Die Firma hatten die Brüder von ihrem Vater übernommen, nachdem es ihrer Mutter endlich gelungen war, ihren Mann zu einem ruhigeren Leben in einem Bungalow am Rande eines Golfplatzes in Ayrshire zu bewegen. Karl war Betriebswirt und kümmerte sich ums Finanzielle; Joe war für die Belegschaft zuständig. Die beiden waren ein perfektes Team und die richtigen Ansprechpartner, wenn man in Whitecraigs, einem Nobelvorort im Süden von Glasgow, ein Traumgrundstück gefunden hatte.

Normalerweise wäre das Haus für Suze und Karl unerschwinglich gewesen. Aber da sie so viel selbst machen konnten, hatten sie sich für das Geld, das ihre Nachbarn für einen standesgemäßen Lamborghini zahlten, ein wunderschönes Zuhause geschaffen. Jeden Winkel hatten sie gemeinsam geplant. Für die Ewigkeit. Der Raum, in dem Suze sich gerade befand, zeugte von einem Ehemann mit einer Passion für Elektrogeräte und einer Frau, die minimalistischen Schick mochte und ein Maß an Ordnung, wie sie nur in einer kinderfreien Umgebung möglich war.

Kinderfreie Umgebung.

Suze verspürte einen Stich, als sie an den Streit vom vergangenen Abend dachte. Es war um Kinder gegangen, wie schon so häufig. Und es war abgelaufen, wie es immer ablief.

Ich will eine Familie.

Ich aber nicht. Ich bin einfach noch nicht so weit.

Wir müssen einen Kompromiss finden.

Es gibt keinen Kompromiss.

Suze starrte aus dem Küchenfenster, ziellos und ohne wirklich etwas zu sehen. Das hübsche Gartenhaus im Schweizer Berghüttenstil zum Beispiel oder den perfekt geschnittenen Rasen. Seit wann war ihre Ehe so verdammt schwierig geworden? Karl war alles, was sie sich je erträumt hatte: Er war intelligent, witzig und gut aussehend, ein bisschen wie Richard Gere (nach Ein Offizier und Gentleman, aber bevor er sich mit dem Dalai Lama angefreundet und nach China verdrückt hatte). Zehn Jahre lang hatten sie die harmonischste Beziehung gehabt, die außerhalb einer Country-und-Western-Ballade denkbar war. Okay, das war jetzt vielleicht etwas übertrieben – es hatte auch Auseinandersetzungen gegeben, aber die hatten jedes Mal zu Versöhnungsszenen mit viel Gestöhne und nackter Haut geführt.

Das letzte Jahr allerdings war eine einzige Zerfleischerei gewesen. Es kam ihr manchmal so vor, als hätten sie sich zu zwei völlig unterschiedlichen Menschen entwickelt, unabhängigen Seelen, die nichts mehr verband und die zunehmend weniger Lust auf oben erwähnte Gestöhne-nackte-Haut-Nummer hatten. So gern sie Mel glauben wollte, dass es sich nur um eine vorübergehende Krise handelte – im tiefsten Innern wusste Suze, dass es mehr war. Es war der Anfang vom Ende. Und sie würde alles, wirklich alles dafür geben, wieder das zu kriegen, was sie vorher hatten. Aber …

Sie wurde in ihren Gedanken jäh gestört, als plötzlich etwas Heißes ihr rechtes Bein hinablief. Scheiße! Der Kaffee! Die Tasse war übergelaufen, hatte die Arbeitsplatte überschwemmt und floss nun den Korpus aus kanadischer Eiche hinab in Richtung des cremefarbenen Travertinbodens – nach einem Abstecher über ihre nagelneuen (natürlich weißen) Diesel-Jeans.

Und natürlich suchte Karl sich genau diesen Augenblick aus, um zur Haustür hereinzuspazieren. Suze wirbelte herum. Sie sah, wie er durch die Diele kam und einen kurzen Blick zu ihr in den offenen Wohnbereich warf.

»Hi, Suze. Ich geh schnell duschen, bin in fünf Minuten wieder unten«, rief er, während seine perfekt geformten Pobacken die Treppe hinauf entschwanden.

Das sagte alles. Sein lässiger Ton ließ keinen Zweifel daran, dass ihm der Streit vom Vorabend so unwichtig war, dass er ihn längst vergessen hatte. Es gab keinen Kuss, keine zärtliche Umarmung, kein nettes Wort. Ihr ganzes Leben war nur noch gezwungene Höflichkeit und distanzierte Konversation, wie sie in Wohngemeinschaften üblich war, nicht zwischen Ehepartnern. Er schenkte ihr so wenig Aufmerksamkeit, dass er nicht mal bemerkt hatte, dass die angebliche Liebe seines Lebens in ihrer Küche stand und aussah, als litte sie an Inkontinenz.

Ja, es ging zu Ende. Ganz tief in ihrem Herzen wusste Suze, dass es vorbei war, und die Tränen, die ihr jetzt plötzlich über die Wangen liefen, unterstrichen diese Erkenntnis. Sie verstand nur noch nicht genau, warum.

Aber sie hatte das ungute Gefühl, dass sie es bald herausfinden würde.

4. Kapitel

Befrei mein Herz

Trotz der drangvollen, pulsierenden Enge in der Bar, in der es wie an jedem Freitagabend von Anzug tragenden Business-Typen nur so wimmelte, war er unschwer zu erkennen. Die große Brünette mit der Sanduhrfigur warf einen letzten prüfenden Blick auf das Foto in ihrer Hand. Das war er! Er sah besser aus als auf dem Bild und war wesentlich attraktiver als die Männer, auf die man sie in letzter Zeit angesetzt hatte.

Sie machte den Job inzwischen lange genug, um zu wissen, dass die meisten von ihnen frustrierte Idioten zwischen vierzig und sechzig waren, die drei Dinge gemeinsam hatten: Geld, Erfolg und Arroganz. Der da sah nicht so aus, als würde er in eine dieser Kategorien passen. Im Gegenteil, er wirkte eigentlich ganz … na ja … nett. Normal eben. Auf den ersten Blick keine äußerlichen Geschmacksverirrungen. Keine Gesichtsbehaarung. Kein dämliches Herumgehampel zur Musik, die aus den Lautsprecherboxen dröhnte. Und – ein kurzer Blick in die Achselgegend genügte – anscheinend auch keine Transpirationsprobleme. Das war immer ein Pluspunkt.

Während sie das Foto wieder in ihre silberne Max-Mara-Clutch stopfte und sich imaginäre Flusen von ihrem engen schwarzen Kleid strich, ging sie im Geiste noch mal die Regeln durch. Flirte nicht offensichtlich. Sei nicht unnahbar. Du musst umwerfend aussehen. Aber vor allem: Erscheine sehr, sehr einsam. Bauch rein, Kinn hoch, Schultern zurück, leichter Hüftschwung. Stolpere auf dem Weg zu deinem Zielobjekt nicht über diese verdammt hohen Absätze, auch wenn das ein prima Eisbrecher wäre.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Acht Uhr. Früh genug, um diesen Auftrag zu erledigen und sich danach noch einem der anderen Fälle zuzuwenden, die für die Nacht auf ihrem Plan standen. So viele betrügende Ehemänner, so wenig Zeit. Sie sah noch einmal auf ihr aktuelles Zielobjekt und schloss eine Wette mit sich selbst ab. Ein Paar neue Gucci-Stiefel darauf, dass dieser Typ nicht anbiss. Sie hatte einfach so ein Gefühl. Er sah zu offen aus, zu entspannt. Er war nicht auf der Suche nach irgendeiner heißen Braut. Er zog den Bauch nicht ein und hatte noch nicht mal registriert, dass sie auf ihn zukam – in einem BH, der ihre Oberweite auf Ausmaße puschte, die vom Weltraum aus zu erkennen waren.

Ohne Stürze und andere Peinlichkeiten erreichte sie die Theke und stellte sich neben ihn. Sorgfältig achtete sie darauf, nicht in seine Richtung zu schauen. Erfolgreiche Verführung beruhte auf einem fein abgestimmten Balanceakt zwischen Sichanbieten und Verstricken. Sie machte diesen Job lange genug, um zu wissen, dass er ihr auch ohne ihr Zutun signalisieren würde, ob er an einer Nummer interessiert war oder nicht.

Sie passte den Blick des Barmanns mit den strubbeligen Haaren ab und fragte sich, wie schon so häufig, wieso sich Männer zwischen achtzehn und zweiundzwanzig eigentlich einbildeten, dass das Hervorblitzenlassen ihrer Boxershorts sie in den Status eines Sexgottes erhob. Das war kein Modestatement, sondern eins, das sich ihrer Ansicht nach nur so übersetzen ließ: Ich bin ein Vollidiot und ziehe mich immer im Stockdunkeln an.

»Ein Glas Rotwein, bitte. Hauswein wäre perfekt«, sagte sie in geübtem Tonfall (offen, freundlich, die Wahl des Weins signalisierte »nicht zu anspruchsvoll«). Dabei lächelte sie strahlend und effektvoll, dank einer Bleaching-Behandlung, die sie nach Auskunft ihres Steuerberaters als Werbekosten von der Steuer absetzen konnte.

100. 99. 98. Sie schaute wieder auf die Uhr und sah sich mit einem leisen Seufzer um. 95. 94. 93. Umständlich zog sie ihr Handy aus der Tasche, die sie nachlässig auf die Theke gelegt hatte. Sie kontrollierte das Display, schüttelte den Kopf und steckte es wieder weg. 82. 81. 80. Ein kurzes Haare-nach-hinten-werfen und ein Blick zur Tür. 69. 68. 67. Der Barmann wurde rot, als sie ihm zunickte, weil er ein Glas Wein vor sie stellte. 61. 60. 59.

Sechs Pfund fünfundsiebzig! Für einen Wein? Das war die Höhe! Sie überspielte ihren Unmut mit einem weiteren Zähneblitzen und reichte das Geld über die Theke. 47. 46. 45. Das Zielobjekt (sie hatte ewig gebraucht, bis sie den Jargon verinnerlicht hatte, ohne dabei das Gefühl zu haben, in einem schlechten Fernsehfilm mitzuwirken) würde sie nun anvisieren. Diese Gewissheit beruhte nicht auf Eitelkeit, sondern auf der Erfahrung von Hunderten von Abenden, die absolut identisch begonnen hatten. 34. 33. 32.

Jetzt ein tiefer, frustrierter Seufzer und hängende Schultern, um noch mehr Wirkung zu erzielen. 26. 25. 24. Sie wusste genau, dass er sie jetzt ansah. Und sich fragte, warum ihm plötzlich so warm wurde. 19. 18. 17. Noch ein Schluck Wein. Noch ein Blick zur Tür. Noch ein Blick auf die Uhr. Noch ein Seufzer. 10. 9. 8. Sie schob ihr halb leeres Glas von sich, nahm ihre Tasche, reckte ihr Kinn und machte deutlich, dass sie gehen wollte. 3. 2. 1.

»Ich weiß ja nicht, auf wen Sie warten – aber er muss verrückt sein.«

Erster Versuch. Angebissen. Ein Köder. Ein Fisch am Haken.

Sie lächelte ihn schüchtern an. »Würden Sie ihm das auch selbst sagen, wenn ich Ihnen seine Nummer gäbe?«

»Klar. Ich könnte Sie aber auch auf einen Drink einladen, und dann könnten wir gemeinsam darüber nachdenken, was mit uns nicht stimmt, dass wir beide versetzt worden sind.«

»Sie sind auch versetzt worden? Von Ihrer Freundin?«

»Von meinem Bruder. Und Sie?«

»Ein Blind Date. Mit einem Buchhalter, der gerne wandert. Ehrlich gesagt hatte ich da ohnehin nicht viel Hoffnung. Solchen Typen gefällt es nicht, wenn man gern viel Geld für High Heels und Reisen in die Sonne ausgibt.«

Wie seine Augen beim Lächeln leuchteten. Diese Beobachtung machte sie natürlich aus rein professionellem Interesse. Genau wie die, dass er über eins achtzig groß war, breite Schultern und schmale Hüften hatte – offenbar das Ergebnis häufiger Fitnessstudiobesuche. Und das, obwohl sie sich in der Stadt befanden, die hartnäckig um den Titel »Welthauptstadt der ungesunden Ernährung« rang.

Sein dunkelgrauer Anzug und das offene weiße Hemd saßen perfekt, die Schuhe stammten mit ziemlicher Sicherheit aus Italien. Wenn sie nicht zuverlässig wüsste, dass er in Glasgow geboren und aufgewachsen war, hätte sie sogar vermutet, dass auch der Rest von ihm südländischer Abstammung war. An schottischen Männern liebte sie den Humor und den Sinn für Geselligkeit, aber die meisten von ihnen hatten hellbraunes oder rötliches Haar und blasse, fast durchscheinende Haut. Dieser nicht. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten und bildete den perfekten Rahmen für seine olivgrünen Augen mit Wimpern, mit denen man Regale abstauben könnte.

Die alte Madonna-Nummer, die im Hintergrund lief, bemerkten sie kaum, während sie sich gegenseitig vorstellten. Natürlich benutzte sie dazu einen falschen Namen.

»Saffron? Was für ein ungewöhnlicher Name. Den hab ich noch nie gehört.«

»Duran Duran.«

»Wie?« Oh, und wenn er nachdachte, hatte er so eine süße kleine Falte zwischen den Augenbrauen. Auch das war natürlich eine rein professionelle Beobachtung.

»Simon LeBon hat seine Tochter Saffron genannt. Aber das ist nur eine von Millionen völlig unbedeutender Informationen, die ich gespeichert habe.«

»Aha. Und welche davon ist Ihre liebste?«

»Dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie Musik hören. Es sei denn, es ist die Musik von Madonna. In dem Fall schreien sie: ›Bedeck deinen Hintern, Mädchen, du bist über fünfzig!‹«

Während er laut lachend den Kopf in den Nacken warf, schob sie ihre Tasche in eine, wie sie hoffte, perfekte Position. Die Videokamera hatte ein Weitwinkelobjektiv, aber sie wollte trotzdem sichergehen, dass so viel wie möglich von ihm zu erkennen war. Mit etwas Glück war auch der Ton gut. Manche Ehefrauen waren nur schwer zu überzeugen.

»Darf ich Ihnen was zu trinken bestellen?«

Okay, er war freundlich, nett, süß. Das hieß noch nicht, dass ihre ursprüngliche Vermutung, er widerstände ihrem Charme, falsch war. Es bedeutete lediglich, dass er gut erzogen war und Stil hatte. Die Gucci-Stiefel waren noch zum Greifen nahe. Sie tat, als zögere sie, ehe sie nickte.

»Danke. Laden Sie häufig fremde Frauen auf einen Drink ein?«

»Nie. Und Sie sind mir völlig fremd. Interessant, aber fremd.«

Oh, Mist! Die Gucci-Stiefel waren plötzlich gar nicht mehr so sicher. Es war die Art, wie er es sagte – zu glatt, zu unschuldig. Entweder war er unglaublich echt oder ein unglaublich guter Lügner – und nach ihrer Erfahrung war die letzte Option die wahrscheinlichere.

Während der Fashionfreak hinter der Bar ihnen neue Drinks machte, sah ihr Zielobjekt, dass die Leute gegenüber gingen. Sofort nahm er ihre Barhocker in Beschlag und zog einen davon für sie heran. Ein Gentleman. Rücksichtsvoll. Wenn man auch noch »treu« auf die Liste setzen konnte, war seine Frau ein Glückspilz. Einen kurzen Moment fragte sie sich, was genau sie bewogen haben könnte, eine Privatdetektei einzuschalten. Benahm er sich ungewöhnlich? Hatte sie belastende Beweise gefunden? War sie paranoid? Unsicher? Irrational? Oder einfach nur besonders vorsichtig?

Einige Stunden später war sie der Antwort ein wesentliches Stück näher gekommen. Sie hatten sich eine Schale Nachos geteilt, das Thema Berufe war durch (er war Bauunternehmer, sie arbeitete in einer Personalabteilung), ebenso die Lieblingsfilme (seine: Fightclub, Smokin Aces; ihrer: Pretty Woman – allerdings hatte sie wohlweislich verschwiegen, dass dieser Film bei ihr als Teenager kurzfristig den Wunsch ausgelöst hatte, eine Karriere in der Prostitutionsbranche anzustreben), sie hatten über Musik, Bücher und Reiseziele gesprochen. Und von Minute zu Minute wurde die anfangs unverfängliche Unterhaltung immer mehr erstes Date.

Die neuen Stiefel waren nur noch ein ferner Traum, und ihr Instinkt sagte ihr, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, die Schlinge zuzuziehen und zu sehen, ob er den Kopf rechtzeitig herauszog oder nicht.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie und tat, als widerstrebe ihr das. »Es war wirklich sehr nett, Sie kennen zu lernen. Danke, dass Sie mich aus meiner peinlichen Lage gerettet haben.«

»Gern geschehen.«

Ihre Füße schrien gequält auf, als sie vom Barhocker in ihre High Heels rutschte. Sie griff nach ihrer Tasche, und erst da bemerkte sie, dass sein Arm vor der Kamera gelegen hatte. O Scheiße, wann war das denn passiert? Sie war zu sehr mit Mr. Faszinierend beschäftigt gewesen, um es zu merken. Na ja, vielleicht hatte sie ja trotzdem genug Material. Außerdem war nicht das, was bisher passiert war, entscheidend, sondern das, was als Nächstes kam.

Plötzlich spürte sie seine Hand auf ihrer. »Kann ich Sie etwas fragen?«

»Brauchen Sie noch eine interessante Information, mit der Sie bei der nächsten Party glänzen können?« Sie lächelte.

»Eh… nein. Ich … eh… ich …«

Tu es nicht! Bitte, tu es bitte nicht!, schrie sie innerlich. Einige ihrer Kolleginnen liebten diesen Moment, wenn das Zielobjekt einbrach. Sie betrachteten es als eine Art persönliche Genugtuung. Saffron nicht. Ihre Reaktion war eher distanziert und pragmatisch, und dieses Mal war sie fast ein bisschen enttäuscht. Dieser Mann hatte etwas … Anziehendes. Etwas, das ihr das Gefühl gab, dass es ihr nicht schwerfallen würde, ihren fiktiven Job im Personalbereich wirklich werden zu lassen und hieraus ein echtes Date zu machen.

»… würde Sie gern wiedersehen. Haben Sie vielleicht Lust, mal mit mir essen zu gehen?«

Aha. Nun war es so weit. Das Fallbeil der Guillotine war emporgezogen, er kniete und hatte den Kopf in die dafür vorgesehene Aussparung gelegt. Das Seil zuckte in ihrer Hand. Zeit für den letzten Akt.

»Ja, sehr gern.« Sie strahlte, ehe sie plötzlich zögerte, als sei ihr noch ein Gedanke gekommen.

»Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel, aber ich würde Ihnen gern eine Frage stellen. Wissen Sie, ich bin einmal böse hereingefallen.«

»Klar, fragen Sie nur.«

Das Seil rutschte … und rutschte …

»Sie sind nicht verheiratet, verlobt oder mit jemandem zusammen? Verzeihung, wenn ich so direkt bin.«

Dem untrainierten Auge wäre der Anflug von Panik in seinem Gesicht entgangen, das kurze Zögern und das entschlossen gereckte Kinn eines Menschen, der sich gerade auf eine Lüge vorbereitete.

»Ich lebe getrennt. Schon lange. Die Sache ist vorbei, aber ich habe noch niemand Neues kennen gelernt. Bis jetzt …«

Er war verdammt gut. Die Mühelosigkeit, mit der er das sagte, machte jeden positiven Gedanken, den sie ihn betreffend gehabt hatte, zunichte. Sie lächelte fast, als sie im Geiste das Seil losließ, bis das Fallbeil krachend niedersauste.

In diesem Moment stimmte Freddy Mercury einen Song an:

Another One Bites the Dust.

5. Kapitel

Herz aus Glas

Du hast Stacey mit ihren Riesenmöpsen in Kabine 1, einen etwas merkwürdigen Tanga ouvert in der 2, und die Frau da drüben zwickelt herum wegen eines Bustiers, das angeblich falsch ausgezeichnet sein soll.«

»Cammy, ich hab dir doch schon tausendmal gesagt, dass anständige Männer das Wort Zwickel nicht benutzen sollten. Es ist fast immer verkehrt.«

»Du hast Recht. Ich verschwinde lieber wieder in meine Testosteron-Abteilung, da kenne ich mich besser aus.«

Lachend sah Mel Cammy nach, als er mit übertriebenem Cowboy-Hüftschwung zwischen den Calvin-Klein- und Armani-Boxershorts-Auslagen verschwand. Sie selbst lief kurz in den Personalraum hinter dem Ständer mit der sexy Nachtwäsche, der auch als Büro diente, um Mantel und Tasche abzulegen. Ein paar schnelle Bürstenstriche durch ihre rostroten Locken, ein Hauch Nude Gloss auf die Lippen, ein kurzes Glattstreichen ihres engen Bleistiftkleids (sah aus wie vom Designer, stammte aber in Wahrheit von Ebay und hatte nur fünfzig Pfund gekostet), dann war sie schon wieder draußen.

Rasch warf sie einen prüfenden Blick durch den üppig in Rot, Gold und Schwarz dekorierten Verkaufsraum. Das Thema der Deko war dieses Mal eine Mischung aus französischem Vintage-Schick und gotischer Verführung – üppig bestickte Polstersesselchen im Stil Ludwigs XV., opulente Kerzenleuchter, vergoldete Schalen und dramatische Farbkombinationen – das Ergebnis war eher eine Mischung aus Pariser Puff des 18. Jahrhunderts und Sterbebett des Brokats. Aber Mel liebte jeden Quadratzentimeter.

»Das ist unmöglich ein 80 DD. Ich habe seit Jahren 80 DD, aber in den hier passen meine Titten nicht mal im Entferntesten«, verkündete die Herumzwickelnde jedem, der es hören wollte.

Mel grinste. Für wie viele Leute mag der Arbeitstag so beginnen?, fragte sie sich, während sie sich der anstehenden Aufgabe zuwandte. Oder besser gesagt: der anhängenden.

Mit geschultem Blick begutachtete sie das Problem – unmöglich, dass die Ausstattung der platinblonden Mittfünfzigerin in 80 DD passte. Jetzt waren Takt und Diplomatie gefragt. Sie zog ein Exemplar mit der richtigen Größe aus dem Regal neben sich.

»Es tut mir leid, aber das liegt sicher am Modell. Ein neues französisches Label. Material und Verarbeitung sind erstklassig, aber ich fürchte, die Stücke sind eher klein geschnitten. Warum schlüpfen Sie nicht kurz in die Kabine und probieren das hier mal an? Ich bin sicher, es ist perfekt für Sie.«

Mels beruhigende Stimme nahm der Blondine den Wind aus allen Segeln. Besänftigt trottete sie los, um sich in einen scharlachroten La Femme Dangereuse zu quetschen.

Ein Lächeln umspielte Mels Lippen. Deshalb liebte sie diesen Laden. Ihren Laden. Na ja, streng genommen gehörte er auch Suze, Joe und Karl, aber sie war trotzdem allein verantwortlich für jeden Zentimeter, jeden Cent und jeden String.

La Femme – L’ Homme existierte inzwischen seit zwei Jahren und war in Glasgow einzigartig. Das Geschäft befand sich in einem alten restaurierten Gerichtsgebäude, direkt gegenüber von ihrer Wohnung, in einer nicht ganz so überteuerten Lage der Einkaufsmeile von Glasgow, und war auf exklusive Unterwäsche für Männer und Frauen spezialisiert. Es war ein großes Wagnis gewesen. Erfahrene Marketingberater hatten sie damals gewarnt, dass es Frauen unangenehm sein könnte, in Anwesenheit dicker, am Hintern behaarter Männer Dessous zu kaufen, und dass besagte dicke, am Hintern behaarte Männer Probleme damit haben könnten, in Anwesenheit von Frauen in Unterhosen zu wühlen.

Das Gegenteil war der Fall. Der Laden hatte von Anfang an eine magnetische Anziehungskraft auf alle möglichen Typen gehabt. Da waren die Metrosexuellen, die Unterwäsche in guter Qualität suchten und es genossen, dass nebenan in der Abteilung heiße Bräute unterwegs waren. Dann waren da die Verschämten, die ihrer Frau was Heißes schenken wollten, sich aber nicht trauten, in ein Geschäft zu gehen, das nur Damenwäsche verkaufte. Ja, und dann war da natürlich noch der Gelegenheitsperverse, der nur einen billigen Kick suchte. Aber auch das Problem war unter Kontrolle – dank der Standbilder einer Überwachungskamera über der Eingangstür. Die betreffenden Fotos wurden im Fall der Fälle ins Büro gehängt, und sobald so ein Typ noch mal auftauchte, machte Cammy ihm höflich, aber unmissverständlich klar, dass er seine Triebe woanders befriedigen müsse.

Der Bereich für die Frauen lief genauso erfolgreich. In einer Gesellschaft, in der man ungeniert in Shorts und BH in den Club ging, scheute sich kaum noch eine Frau, in Gegenwart von Männern Unterwäsche zu kaufen. Im Gegenteil. Mel hatte schon häufig erlebt, wie eine junge Frau einem männlichen Kunden ein Wäschestück vor die Nase gehalten und ihn um Entscheidungshilfe gebeten hatte. Worin würde er seine Freundin am liebsten sehen? Keine Freundin? Wie schade aber auch! Wie wär’s dann mit einem Kaffee? Bisher stand eine Einladung zu einer Hochzeit zwischen zwei Kunden zwar noch aus, aber Mel wusste von mindestens drei Paaren, die sich zwischen den Dessous ineinander verguckt hatten.

Mit raschem Blick versicherte sie sich, dass alles ordentlich und an seinem Platz war. Dabei war es das eigentlich immer, wenn Cammy Dienst hatte. Es war ein Glücksfall gewesen, dass er damals mit zwei riesigen Paketen neuer Ware in den Laden gekommen, über einen BH-Ständer gestolpert und mitten in eine Kiste Strings gestürzt war. An jenem Vormittag hatte bei ihnen ein einziges Chaos geherrscht. Vierundzwanzig Stunden später sollte die Geschäftseröffnung sein, und sie hatten noch mindestens eine Woche Arbeit vor sich. Karl und Joe und ein paar ihrer Kumpels strichen, schraubten und hämmerten wie wild, und Josie, die Reinigungskraft, beschimpfte ihren Staubsauger als nutzlosen Flachwichser – obwohl sie schon über sechzig war. Suze lag auf dem Boden und versuchte, einen Haufen BHs nach Größen zu sortieren, und Mel diskutierte erregt mit einem American-Express-Vertreter, der soeben bei einem Testlauf des neuen Kreditkartenterminals aus einem Zehn-Pfund-Betrag eine Kontobelastung von zehn Riesen gemacht hatte. Zu allem Überfluss hatte sie jetzt auch noch eine potenzielle Klage wegen Körperverletzung am Hals. Wie viel kriegte man für zwei gebrochene Beine eines Federal-Express-Boten?

Am Ende war die Klage abgewendet worden, angeblich wegen einer Tasse Tee, beschwichtigender Worte und einer tränenreichen Entschuldigung. Oder war es doch eher die Reizwäsche gewesen, die ihn umgestimmt hatte? Auf jeden Fall verkündete Cammy, als er langsam wieder Gefühl unterhalb seiner Knie verspürte, dass es ohnehin die letzte Lieferung an diesem Tag gewesen sei, und packte mit an.

Vielleicht hatte er eine gute Gelegenheit gewittert. Er ergriff sie, und seine sympathische Art und sein Fleiß verschafften ihm auf Anhieb eine zunächst befristete Anstellung in der Männerabteilung. Zwei Jahre später war er immer noch da und von Suze längst zum Verkaufsmanager ernannt. Er zog es allerdings vor, die Bezeichnung gegen den von ihm selbst erfundenen Titel »Direktor der Sack-und-Knack-Abteilung« zu tauschen.

Mindestens ein Dutzend Kunden (beiderlei Geschlechts) waren hoffnungslos in ihn verliebt, ein Umstand, der den Umsatz um mindestens fünf Prozent steigerte. Ach ja, und Josie, die skandalträchtige Reinigungskraft, die redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, war inzwischen eine Verkäuferin, die redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Aber die Kunden liebten sie genauso wie Cammy.

»Keine Panik! Bin schon da!«, rief sie in diesem Moment und kam zur Tür hereingestürmt, wie üblich vom Kopf bis zu den schwarzen Pfennigabsatz-Lederstiefeln schwarz gekleidet. In meinem Alter folgt eine Beerdigung auf die andere, da kann man die Klamotten auch gleich anbehalten, hatte sie Mel kurz und bündig erklärt.

»Cammy, Schätzchen, halt dich fest! Ich weiß, dass ich heute unwiderstehlich aussehe!«

»Okay, Josie. Wundere dich nur nicht, wenn ich gleich am Stock gehe …«

Josie brüllte vor Lachen, drückte Mel im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange und verschwand im Personalraum.

Mel lächelte immer noch, als ihre erste Kundin des Tages aus der Kabine trat.

»Ich nehm den hier und drei Flaschen von dem Erdbeer-Nippel-Öl.«

»Hey, Stacey, wie geht’s?«

Stacey Summers, Tabledancerin und Stammkundin mit einem Body, für den jede Frau sterben würde – mit oder ohne Nippel mit Fruchtgeschmack –, kam aus der Umkleide getänzelt. Sie war nur ein Beispiel für das breite Spektrum an Frauen, das Mel kennen und lieben gelernt hatte: Stripper, Anwältinnen, vornehme reiche Ladys, Mitglieder der örtlichen Frauengruppe.

Sie umarmte Mel. »Beschissen. In zwei Wochen fliege ich nach L.A. Jetzt muss ich Sonderschichten machen, um genug Geld zusammenzukriegen. Ich sag dir was, meine Pomuskeln stehen kurz vor einem Dauerkrampf.«

»Es lohnt sich, Süße, warte nur ab. Ich schwöre dir, wenn dein Hintern nicht in der nächsten Baywatch-Staffel zu sehen ist, gibt es auf dieser Welt keine Gerechtigkeit mehr.«

»Genau das hab ich ihr auch gesagt«, hörte man eine Stimme aus dem Hintergrund. Die Platinblonde mit dem gefährlichen Bustier trat zu ihnen und warf den Seidenfetzen auf die Theke. »Ich nehm das hier, Schätzchen. Sie hatten Recht, es sitzt perfekt. Diese Franzosen schneiden wirklich supereng.«

Stacey verdrehte die Augen. »Mel, das ist meine Mum Senga. Mum, das ist Mel.«

»Freue mich, Sie kennen zu lernen, Senga«, antwortete Mel lächelnd. »Sie haben eine bewundernswerte Tochter.«

»Ja. Sieht aus wie ich damals. Meinst du, ich könnte es noch mal probieren, wo ich jetzt dieses sexy Dessous habe?«, witzelte sie und stieß Stacey so heftig in die Rippen, dass die fast auf einen Tisch mit Elle-MacPherson-BHs und passenden Hipsters gestürzt wäre.

»Ich wusste, dass es peinlich würde, meine Mutter mitzubringen«, konterte Stacey.

Mel lächelte immer noch und zog zwanzig Prozent von der Rechnung ab. Stacey hatte im Laufe der Jahre so viele neue Kundinnen mitgebracht, dass sie diesen Rabatt verdiente. Außerdem brauchte sie jetzt jeden Cent für ihre Reise nach Hollywood. Sie war von einem Kunden ihres Nachtclubs – angeblich ein bekannter Filmproduzent – zum Casting für eine kleine Rolle in seinem nächsten Film eingeladen worden und hatte nach langem Hin und Her zugesagt.

Eine allgemeine Befragung im Laden hatte zu folgendem Ergebnis geführt. Danach bestand:

a) eine fünfzigprozentige Chance, dass er ein Hochstapler war

b) eine dreißigprozentige Chance, dass er sie zu einem Film der Kategorie Der Klempner verlegt sein Rohr verpflichten wollte

c) eine neunzehnprozentige Chance, dass er sie an eine internationale Sex Mafia verkaufte

d) eine einprozentige Chance, dass er das war, wofür er sich ausgab, und wirklich fand, dass sie die perfekte Besetzung für die Rolle sei

Stacey und ihre Mum wollten mit ihren pinkfarbenen hochglänzenden La-Femme-Tragetaschen gerade den Laden verlassen, als Cammy sie entdeckte.

»Bye, Stacey. Und denk dran, wenn sie noch einen knackigen Kerl als Hengst für alles suchen, ruf mich an.«

»Ich fürchte, da hast du keine Chance«, frotzelte sie zurück. »Da drüben legt man Wert auf gutes Aussehen.«

Das grölende Gelächter ihrer Mutter war noch drei Straßenecken weiter zu hören.

Die Tür war gerade geschlossen, als sie auch schon wieder aufflog. Suze kam hereingestürmt.

»Was ist los? Was ist passiert? O nein, sag nicht …« Mel sah sie entsetzt an.

»Nein, nein, keine Sorge. Ich hatte nur ein paar Espressi zu viel und musste dringend mal raus, ehe ich vor Nervosität die Sonnenbänke in Flammen setze. Der neue Typ aus Taggart ist übrigens gerade da.

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