Logo weiterlesen.de

Verlagslogo

Kerstin Schweighöfer | Dieter Quermann

Herzensbrüche

Geschichten von Trennungen und Neubeginn

Hoffmann und Campe

Für Susanne, Helga und alle anderen, die mit ihrer Offenheit und ihrem Vertrauen dieses Buch möglich gemacht haben. Vielen Dank!

Einleitung

Welcome to the Club!

»Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.«

Albert Camus (19131960),

französischer Schriftsteller und Philosoph

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wir gehen davon aus, dass Sie dieses Buch aus gutem Grund in die Hand genommen haben. Vielleicht stecken Sie selbst mitten in einer Trennung. Vielleicht zweifeln Sie noch und sind sich nicht sicher, ob die Trennung unvermeidlich ist. Vielleicht haben Sie die Trennung gerade hinter sich.

Egal, in welchem Stadium Sie sich befinden: Wir wissen, was Sie mit- und durchmachen. Dieter und ich sind Erfahrungsexperten. Und zwar an beiden Fronten: Wir waren nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Wir haben verlassen – und sind verlassen worden. Wir wissen, was es heißt, zu enttäuschen und zu verraten, Schmerz zuzufügen und im Stich zu lassen. Genauso gut wissen wir, was es bedeutet, sich verraten zu fühlen, wir kennen die tiefe Verzweiflung und die Leere, wenn das Unerwartete eintritt. Das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die Panik und die Angst. Den Schock. Das Gefühl, verrückt geworden zu sein, seine Identität zu verlieren, ohne Narkose amputiert zu werden – und diesen Schmerz regelrecht körperlich zu erfahren. Love hurts.

Wir kennen auch die Wut, den tiefen Groll und die heftigen Rachegelüste, die dem Schmerz folgen. Erst recht, wenn sich herausstellt, dass der andere längst in einer Parallelbeziehung lebt und die Demütigung ungeahnte Ausmaße annimmt.

»Das wirst du dein Leben lang bereuen, das wird dich bis ins Grab verfolgen!«, habe ich, Kerstin, bei meiner ersten Trennung meinem Ex zum Abschied gesagt, als er mich nach zwölf Jahren gegen eine andere eintauschte. Eine Art hilfloser Fluch war es, der mir zumindest für den Moment eine gewisse Genugtuung verschaffte. Ein offensichtlich universeller Fluch, denn genau dieselben Worte hörte ich rund fünfzehn Jahre später wieder, als ich diejenige war, die Schluss machte.

Mit den ersten Recherchen zu diesem Buch hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen. Die Idee war entstanden, als ich mein Buch 100 Jahre Leben vollendete. Dafür hatte ich Hundertjährige in ganz Europa aufgesucht, um mit ihnen über die großen Themen des Lebens zu sprechen: Liebe und Leiden, Verlust und Tod. Diese uralten Menschen führten mir vor Augen, wie wichtig es im Leben immer wieder ist, die Kraft und den Mut zu finden, loszulassen, nach vorn zu schauen. Das Abschiednehmen war stets zentral in ihren Erzählungen. Aber wie sich dafür rüsten?

Ich beschloss daraufhin, mich ganz dem Phänomen der Trennung zu widmen, einer Erfahrung, die abgesehen von Krankheit und Krieg, Tod und Terror zu den schmerzhaftesten im Laufe eines Menschenlebens gehört – aber die gleichzeitig fast schon so normal geworden ist, dass sie zum Leben dazugehört. Wie Kinderkriegen oder ein Gipsbein. Allein in Deutschland ist inzwischen jedes dritte Ehepaar davon betroffen, denn jede dritte Ehe geht nach durchschnittlich fünfzehn Jahren in die Brüche; in Großstädten soll es sogar jede zweite sein. Die Anzahl der Trennungen nicht verheiratet gewesener Paare gar nicht mitgerechnet.

Ich hatte mich gerade auf die Suche nach Menschen gemacht, die mir zu erzählen bereit waren, wie sie ihre eigenen Trennungen gemeistert hatten. Da wurde ich von dem Thema eingeholt und erlebte meine eigene Trennung.

Und obwohl ich dieses Mal nicht die Verlassene war, sondern diejenige, die verließ, geriet meine Welt ein zweites Mal aus den Fugen. Denn auch der, der verlässt, leidet und zweifelt, ringt mit turmhohen Schuldgefühlen, schwimmt in einem Ozean an Selbstvorwürfen: Habe ich das Richtige getan? Gab es wirklich keine Hoffnung mehr, war es tatsächlich das Beste so? Das Beste für alle? Hätte ich es verhindern können? Und wenn ja – wie? Was habe ich falsch gemacht?

Vor allem das Gefühl, gescheitert zu sein und versagt zu haben, steht riesengroß und unübersehbar im Raum, bei Tätern und Opfern.

Während die Männer zu einsamen Kneipenbesuchern werden und sich am Bierglas festhalten, verkriechen wir Frauen uns am liebsten unter einer Wolldecke in der Sofaecke. Versuchen, den Schmerz mit Unmengen an Weißwein herunterzuspülen. Zerknüllen schluchzend ein nassgeheultes Papiertaschentuch nach dem anderen. Hassen uns, weil wir uns als Versager empfinden, malen uns immer wieder aus, was wir alles hätten sagen und tun müssen, um den Bruch zu vermeiden, die Beziehung zu retten, den Partner zu halten. Hätte ich nur … Warum habe ich damals nicht … Denn auch als Opfer plagen uns Schuldgefühle, lassen wir uns von Selbstvorwürfen zermürben. Und während die Augen vom Heulen immer geschwollener werden, die Nase immer röter, gibt uns ein Blick in den Spiegel den Rest: Kein Wunder, dass uns niemand liebt! Wir sind es nicht wert, geliebt zu werden! Sonst wären wir ja nicht verlassen worden.

Die einen strafen sich, indem sie Unmengen an Chips und Schokolade verschlingen, ungeachtet der Waage, ungeachtet der Pickel, die zu sprießen beginnen. Andere kriegen nichts mehr herunter und werden zu Hungerhaken, was sie jahrzehntelang ebenso verbissen wie erfolglos versucht haben.

Manchmal hilft es, sich mit Musik zu betäuben. Dieter hat sich, nachdem seine erste Frau ihn verlassen hatte, in eine winzige Dachwohnung zurückgezogen, die ihm eine Bekannte zur Verfügung gestellt hatte. Um ein Wochenende lang, während der Regen unaufhörlich auf das Dachfenster prasselte, Dire Straits zu hören. Bis zum Anschlag. Abgeschnitten von der Außenwelt. Nur Mark Knopfler und er.

Jahre später war ich es, die sich, gelähmt vom Schmerz der Verlassenen, auf dem Wohnzimmerteppich liegend Sultans of Swing reinzog, Brothers in Arms und Your Latest Trick. Immer und immer wieder. Ebenfalls bis zum Anschlag und zum Leidwesen der Nachbarn.

Wir wissen beide also ganz genau, wie schwarz und tief es ist, das Loch, in das Verlassene gestoßen werden. Und trotzdem sind wir Jahre später zu Tätern geworden und haben einem anderen, einst geliebten Menschen diesen Schmerz und dieses Leid zugefügt.

Kann man das anständig tun? Kann man beim Entlieben fair sein – vielleicht sogar zu Freunden werden?

Wie schafft man es, Verantwortung für »seinen Teil« am Verlauf und Ergebnis dieses Prozesses zu übernehmen? Wann und warum gelingt gar Verzeihen?

Fragen wie diese haben wir für dieses Buch Menschen gestellt, die ihre Trennungen schon bewältigt haben – Männer wie Frauen, Opfer wie Täter. Sie haben Intimstes preisgegeben: Wie man weiterleben kann, wenn man nie erfahren hat, weshalb man verlassen worden ist, wenn es nie ein klärendes Gespräch, nie eine Antwort auf all die brennenden Fragen gegeben hat. Was es bedeutet, gegen eine zwanzig Jahre Jüngere eingetauscht zu werden oder zu entdecken, dass deine Frau dir jahrelang Hörner aufgesetzt hat. Wie man sich fühlt, wenn man einer Frau den Vater ihres soeben geborenen dritten Kindes ausspannt. Und wie man mit der riesengroßen Schuld umgeht, wenn der Verlassene so verzweifelt ist, dass er sich das Leben zu nehmen versucht. Wir fanden sogar ein ehemaliges Ehepaar, das bereit war zu schildern, wieso und wie sie sich trennten. Und wie sie es geschafft haben, Freunde zu werden. Entstanden sind zwei Geschichten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven mit zwei Wahrheiten.

Ihnen allen war es wichtig, ihre Erfahrungen weiterzugeben. »Damit Sie aus unseren Fehlern lernen und Ihre Trennung besser durchziehen können«, fasst es Thomas zusammen, ein erfolgreicher Zahnarzt, dessen Traum von der glücklichen Familie platzte, als seine Frau ihn mit den beiden kleinen Kindern verließ. »Damit Sie sehen, dass man manchmal erst viel Schmerz und Leid erfahren muss, um zu wachsen«, sagt Susanne, die ihre kleine Tochter und sich allein durchbringen musste, nachdem sie von der Liebe ihres Lebens verlassen worden war. Und, so betont Frieder, ein zweiundfünfzig Jahre alter Designer: »Damit Sie erkennen, dass einem Dinge nicht einfach bloß widerfahren, sondern dass man sie immer selbst schafft.«

Zusammen mit Männern und Frauen wie Thomas, Susanne und Frieder schildern wir Ihnen in diesem Buch, wie es uns allen gelang, die Opferrolle abzuschütteln und nach vorn zu schauen. Wie wir erkannten, dass sich neue Türen erst dann öffnen, wenn wir die alten ins Schloss fallen lassen.

Was Sie von uns nicht zu hören bekommen, sind Sprüche wie »Vielleicht ist es das Beste so« oder »Kopf hoch, das wird schon wieder«. Wir werden Sie auch nicht mit der Mitteilung zu trösten versuchen, dass so was in den besten Familien vorkommt. Dass sich selbst Brad Pitt und Angelina Joli getrennt haben, Jogi Löw, Heidi Klum, Maybrit Illner, Giovanni di Lorenzo … Nein, wir sagen Ihnen, dass es nicht so schnell wieder gut werden wird. Dass Sie ruhig ab und zu mal zu tief ins Glas schauen, zu viel Chips oder Schokolade in sich reinstopfen dürfen. Wir ziehen Ihnen sogar die Decke über die Schulter und reichen Ihnen, wenn nötig, ein neues Tempotaschentuch. Hauptsache, Sie lassen den Schmerz zu und kämpfen nicht dagegen an. Auch dann nicht, wenn Sie verrückt zu werden und sich selbst nicht mehr zu kennen glauben auf dieser Achterbahnfahrt der Gefühle, die von tiefem Schmerz und Leid über Ohnmacht bis hin zu maßlos großem Zorn, Wut und Groll führt.

Warum? Weil es keine Abkürzungen gibt. Eine Trennung verläuft in Phasen, und jede Phase muss vollständig zurückgelegt werden. Ohne Shortcuts. Sonst erreichen Sie das Ziel nie. Angefangen bei der Phase der Verzweiflung über die der Akzeptanz bis hin zum Neubeginn. Da mussten wir alle durch, und da müssen auch Sie durch. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht: Sie sind nicht allein. Sie müssen diese Strecke nicht ohne Beistand bewältigen. Sie sind umgeben von Erfahrungsexperten. Wir begleiten Sie. Von uns erfahren Sie auch, wie wir das Leben nach der Trennung gemeistert haben: den Umgang mit den Kindern, der Umgebung, dem oder der Ex. Wie wir neuen Lebensmut entwickeln und neue Freunde gewinnen konnten. Und, als es so weit war und wir uns neu verliebten: Wie wir zu verhindern versuchen, in die alten Fallen zu tappen. Weil es für die Liebe nicht nur Hochrisiko-, sondern auch Hochsicherheitsfaktoren gibt.

Sie tippen sich beim Gedanken an eine neue Frau oder einen neuen Mann in Ihrem Leben an die Stirn? Sie halten das für völlig utopisch? Glauben Sie uns: Sie werden wieder fliegen. Angst vorm Fallen brauchen Sie ja keine mehr zu haben: Sie sind schon mal gefallen – und wieder aufgestanden. Denn, so singen es auch Marcel Brell und Alin Coen: Wo die Liebe hinfällt, steht sie wieder auf.

Warten Sie’s ab: Wenn Sie es am allerwenigsten erwarten, streut Fortuna wieder Blumen auf Ihre Wege, dann wird es auch für Sie wieder rote Rosen regnen. Auch darin sind Dieter und ich Erfahrungsexperten. 2016 haben wir uns kennengelernt. Um zu entdecken, dass uns nicht nur die Liebe zu Dire Straits verbindet. Sondern auch die zur Literatur, zum Lesen und zum Schreiben. Das Ergebnis halten Sie gerade in der Hand: unser erstes gemeinsames Buch.

»Einer Enttäuschung muss immer erst eine Täuschung vorausgegangen sein.«

(Unbekannt)

Susanne

Die vom siebten Himmel der Liebe Abgestürzte
(Die Ent-Täuschte)

Zwei fröhliche junge Menschen, halbe Kinder noch, die ausgelassen in die Kamera gucken. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt und bläst sich ein paar widerspenstige Locken aus der Stirn. Sie schmiegt sich verliebt in seine Halsbeuge, lacht von einem Ohr bis zum anderen. Mit ihren langen hellbraunen Haaren und den dunklen Augenbrauen erinnert sie ein bisschen an Brooke Shields, den Hollywood-Teenagerstar, der 1980 in der Blauen Lagune mit Christopher Atkins die Liebe entdeckte. »Mit dem Unterschied, dass wir das nicht halbnackt auf einer einsamen Insel taten, sondern in einer Plattenbausiedlung in Dresden«, stellt Susanne lachend klar und blättert weiter durch das alte Fotoalbum. »Hier, da trage ich eine Latzhose, die waren Anfang der Achtzigerjahre in. Und das hier, das war am Bushäusel, da haben wir uns immer getroffen.«

Versonnen, aber ohne jegliche Wehmut guckt sie sich die Fotos aus ihrer Jugendzeit in der DDR an und fasst die langen Haare im Nacken zusammen. Sie sind immer noch hellbraun. Auch ihr ansteckendes Lachen ist das gleiche geblieben, und ihre Augen blitzen noch genauso unternehmungslustig wie damals – auch wenn inzwischen vierzig Jahre vergangen sind.

Ihre erste große Liebe sei er gewesen, der Tobias, erzählt sie und schiebt das Album zur Seite, um sich noch ein Brötchen zu nehmen. »Groß genug, um zur Liebe des Lebens zu werden. Dachte ich jedenfalls.«

Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Morgensonne beim Brunch und genießen den Blick auf den großen Garten mit den blühenden Obstbäumen. Dieter und ich sind gestern am späten Abend eingetroffen, um ihre Geschichte zu hören – die Geschichte von zwei Königskindern, die getrennt wurden, sich wiederfanden – aber deren Liebe dann doch nicht stark genug war, um für ein ganzes Leben zu halten. So hatte sie uns das am Telefon zusammengefasst. »Wollt ihr bei mir schlafen?« Ihr Haus am Stadtrand von Bayreuth sei groß genug, sie würde uns unten in der Einliegerwohnung einquartieren. Und Christine, eine gemeinsame Freundin aus München, auf dem Sofa im Arbeitszimmer. Christine hat uns miteinander in Kontakt gebracht und wird in ein paar Stunden ebenfalls eintreffen. Wir freuen uns alle auf das Wiedersehen.

»Probiert mal die Erdbeermarmelade, die hab ich selbst gemacht«, sagt Susanne und springt auf, um in die Küche zu gehen: »Ich hab ja auch noch Johannisbeergelee, das hab ich völlig vergessen!« Quirlig ist sie, temperamentvoll, das Stillsitzen fällt ihr schwer.

»Ach ja, die Königskinder«, fährt sie fort, als sie sich mit dem Johannisbeergelee wieder zu uns gesetzt hat. »Weil wir drei Jahre unzertrennlich waren, seine Mutter dann aber einen Ausreiseantrag stellte und Tobias mit in den Westen nahm.« Herzzerreißend sei er gewesen, der Abschied. Fortan hätten sie nicht mehr zueinanderfinden können. »Aber dann gab das Schicksal uns eine zweite Chance«, erzählt sie. Denn fünf Jahre später bekam Tobias für die Beerdigung seines Großvaters erstmals eine Einreisegenehmigung. »Da haben wir uns dann wiedergetroffen.« Sie lässt das Messer sinken, mit dem sie gerade ihre zweite Brötchenhälfte bebuttern wollte: »Ich hätte mit der Handtasche gehen können«, meint sie. »Dabei hatte ich gerade geheiratet.«

Den Falschen, das sei ihr nach diesem Wiedersehen sofort klargeworden. Und deshalb habe sie auch umgehend die Konsequenzen gezogen: »Ich bin zu Tobias in den Westen gegangen.« Für ihn hat sie nicht nur ihren Mann verlassen, sondern auch Eltern und Geschwister. »Niemand konnte damals ahnen, dass kurz darauf die Mauer fallen würde!« Seufzend lässt sie einen großen Löffel Marmelade auf ihr Brötchen fallen. »Ich liebte diesen Mann mit jeder Pore meines Körpers, ich hätte ihn lieben können bis in den Tod. Meine Liebe hätte für ein ganzes Leben gereicht.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Tja«, meint sie dann. »Seine war nicht ganz so groß, die hat nicht gereicht.« Sie stockt einen Moment und schaut uns an. »Dreizehn Jahre später war ich es, die verlassen wurde. Er tauschte mich gegen eine andere ein und ließ mich mit unserer kleinen Tochter sitzen.«

Sie sagt es ohne Groll, ohne jegliche Betrübnis. Stellt es einfach nur fest, wie einen Sachverhalt. Und beißt dann genüsslich in ihr Brötchen. Sie ist darüber hinweg, das sieht man ihr an. »Hat ja auch lange genug gedauert«, meint sie und wischt sich die Finger an der fröhlich mit Blumen bedruckten Serviette ab. Furchtbar sei diese Zeit gewesen, ganz, ganz furchtbar, »die schwerste meines Lebens«. Mit Gott und der ganzen Welt habe sie gehadert, mit dem gesamten Universum. Wer nur hatte es zulassen können, dass ihr diese wunderbare, einzigartige Liebe genommen wurde! »Ich wollte nicht mehr leben, ich wäre am liebsten mit dem Auto gegen einen Baum gefahren.«

Stattdessen aber sei das eingetreten, was sie in dieser schwärzesten Periode ihres Lebens nie für möglich gehalten hätte. »Ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen, und nicht nur ein neues, sondern sogar ein besseres.« Sie trinkt einen Schluck Kaffee und beginnt dann unvermittelt zu zitieren: »Niemals kann man sich einen solchen Schmerz wünschen, aber dann muss man erkennen, dass es genau dieser Verlust ist, der einem die Möglichkeit gibt, ein anderer zu werden.« Sie sagt es, ohne zu stocken, sie muss diesen Satz schon öfter laut vorgetragen haben.

»Das ist Joachim Meyerhoff«, reagiert Dieter umgehend, »aus der Zweisamkeit der Einzelgänger

»Stimmt.« Susanne lacht mit hochgehobenem Daumen. Sie hat diesen Roman des deutschen Schauspielers ebenfalls gelesen. Durch Verlust ein anderer werden … »Genauso ist es mir damals auch ergangen.« Aber es habe so furchtbar lange gedauert, bis sie das erkennen konnte. Bis sie über diesen »Berg an Schmerzen«, der sich damals vor ihr aufgetürmt habe, hinweggekommen sei. »Wie gesagt, er war meine große, meine einzige Liebe. Wir kannten uns in- und auswendig, bis hin zu den drei winzigen Leberflecken hinterm linken Ohr. Wir waren noch halbe Kinder, als wir uns verliebten. Vierzehn und fünfzehn Jahre alt!«

Sie beginnt von ihrer Jugend zu erzählen, einer »ganz normalen DDR-Jugend«. Vom Bushäusel, das als Treffpunkt diente, für Ausflüge in die Umgebung. Dann ging es mit dem Moped in die Sächsische Schweiz, »wir Mädels hintendrauf«.

Eines Tages sei auch Tobias mit zwei Freunden am Bushäusel erschienen. Er war ein Jahr älter als sie. »Mit braunen Augen, in denen man versinken konnte«, erinnert sie sich. »Und er hatte frische Lippen, er leckte sich immer über die Oberlippe.« Sehr anziehend. Sportlich sei er auch noch gewesen, ein Schwimmer, mit einem breiten Kreuz. Der obendrein in der Schulband spielte. »Er hat mir gleich gefallen.« Sie gefiel ihm auch, es dauerte nicht lange, und sie wurden ein Paar: »Wir gingen miteinander.«

Sie wohnten in einer typischen DDR-Plattenbausiedlung in Dresden, insgesamt fünf Blocks. »Er wohnte einen Block hinter mir. Mit seiner Mutter. Die hatte sich, als er noch ganz klein war, scheiden lassen und mit seinem Vater keinen Kontakt mehr.« Wenn Susanne auf dem Balkon stand, konnte Tobias ihr von seinem Zimmer aus Zeichen geben. »Und im Sommer rief ich ihm vom Dach aus immer zu.«

Nach der Schule trafen sie sich bei ihm oder bei ihr im Kinderzimmer, machten Hausaufgaben, blödelten herum und hörten Musik. Von DDR-Bands wie Lift, Stern Combo Meißen oder den Kult-Song Am Fenster von City. Und dann, nicht zu vergessen, Über sieben Brücken musst du gehn von Karat. Aber auch West-Musik: Supertramp, Pink Floyd, Queen, Udo Lindenberg oder Tausendmal berührt von Klaus Lage. »Die Platten kauften wir uns in Ungarn oder Tschechien.«

Sobald jemand sturmfreie Bude hatte, wurden Privatpartys organisiert, man trank Apfelwein und tanzte. Bei langsamen Nummern habe Tobias sich immer in ihre Haare geschmiegt: »Ich hatte irgendwann mal so eine komische Dauerwelle, eine halbe eigentlich, nur untenherum Locken.« Sie muss bei der Erinnerung daran auflachen.

Anfangs hätten sie natürlich nur geknutscht und gefummelt. Aber dann sei es Zeit gewesen, die Liebe zu entdecken. Vor dem ersten Mal seien sie beide ziemlich aufgeregt gewesen. Fünfzehn und sechzehn waren sie. »Ich hatte Angst, es würde wehtun.« Es sei dann aber ziemlich schmerzfrei und unspektakulär ausgefallen. Erneut muss sie auflachen: »Und viel zu kurz. Eh ich mich versah, war’s vorbei.« Aber sie befanden sich ja noch in der Lernphase: »Wir haben uns dann jeden Körperteil erschlossen und die Liebe entdeckt.«

Im Sommer darauf durften sie erstmals zusammen in den Urlaub fahren, zum Zelten an einen See. Und zum Geburtstag schenkte sie ihm ein eingerahmtes Foto von sich selbst. Erneut greift sie zum Album und blättert es durch. »Hier, mit weißem Rolli und darüber eine karierte Bluse, das trug man damals. Schaut euch mal die Widmung an!« Wir beugen uns über das Foto. Ich liebe dich bis in den Tod hat sie in akkurater Schulmädchenschönschrift mit Filzstift quer über das Foto geschrieben. »Ganz schön kitschig, oder?« Lachend legt sie das Album wieder weg.

Aber, meint sie dann und wird ernst: »Könnt ihr euch vorstellen, wie groß der Schock war, als wir erfahren mussten, dass seine Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hatte und ihn mit in den Westen nehmen wollte?« 1981 sei das gewesen, kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Sie waren inzwischen seit mehr als drei Jahren zusammen. »Die Mutter stellte uns vor vollendete Tatsachen. Die nahm unsere Liebe nicht ernst.«

Susanne versuchte noch, sich mit ihr anzulegen. »Wie können Sie nur über das Leben Ihres Sohnes verfügen!«

»Papperlapapp«, habe die Mutter geantwortet. »Stellt euch nicht so an, ihr seid noch Kinder, ihr findet schnell jemand anders!«

Dabei hätte sie ihrem Sohn doch die Wohnung und den Trabi lassen und regelmäßig Geld schicken können! Und wenn alles schiefgelaufen wäre, hätte Tobias notfalls später nachkommen können: Familiennachzug.

Aber nein, die Mutter habe sich nicht erweichen lassen. »Sie hat Tobias sogar ganz massiv unter Druck gesetzt.« Und Tobias selbst, der sei innerlich zerrissen gewesen: Einerseits habe er natürlich bei Susanne bleiben wollen, andererseits wollte er die Mutter nicht allein ziehen lassen. »Ich merkte dann auch, dass er neugierig war – neugierig auf den Westen. Motorradfahren war sein Leben – und die Motorräder, die es da gab!«

Natürlich hätten sie damals auch darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Susanne mit ihnen in den Westen gehen würde. Aber ihr Vater war ein sogenannter Geheimnisträger, er arbeitete als Geologe an einem Rohstoffinstitut. »Wenn ich gegangen wäre, hätte ich nie mehr Kontakt mit meiner Familie gehabt, der Bruch wäre definitiv gewesen.« Außerdem: Sie war noch minderjährig, es war aussichtslos.

An einem kalten Februarmorgen 1982 war es so weit, ein Samstag. »Meine Eltern kamen mit zum Bahnhof.« Auf dem zugigen Bahnsteig sei die Stasi auf und ab gegangen, mit Einkaufstaschen getarnt. »Todtraurig lagen wir uns in den Armen.« Gleich würde der Zug eintreffen und ihr den Liebsten nehmen, um ihn über Plauen und Hof in den Westen zu bringen, irgendwo nach Unterfranken. »Als es so weit war, mussten unsere Mütter uns auseinanderreißen.« Sie winkte ihm nach, sah noch, wie er den Kopf in der Armbeuge vergrub, dann war er weg. Schluchzend fiel sie ihrer Mutter um den Hals, dann ihrem Vater. Herzzerreißend sei es gewesen: »Über drei Jahre lang waren wir ein Herz und eine Seele, jeden Tag hatten wir uns gesehen.« Und dann so ein Bruch! »Ach, Kind«, hätten ihre Eltern geseufzt und versucht, sie mit denselben Worten wie Tobias’ Mutter zu trösten: »Du bist doch noch so jung, du findest einen anderen.«

Aber sie wollte keinen anderen. Und sie würden sich ja bald wiedersehen, das hatten sie alles noch vor seiner Abreise geplant: zwei Monate später, zu Ostern, in Marienbad, einem Kurort in Tschechien. »Der lag ziemlich genau in der Mitte.«

Sie hatten auch alles geregelt, um sich zu schreiben und telefonieren zu können. »Damals in der DDR hatte bei Weitem nicht jeder ein Telefon, das war die Ausnahme, wir hatten zu Hause auch keines.« Aber Susannes große Schwester, die war mit einem Mann verheiratet, dessen Eltern in einem Ort zwanzig Kilometer weg eine Drogerie führten. »Die besaßen ein sogenanntes Geschäftstelefon.« Dort würde Tobias anrufen, das hatten sie so ausgemacht, und zwar genau eine Woche nach seiner Abreise, um acht Uhr abends. »Ich musste mit dem Bus hinfahren. Natürlich war ich viel zu früh da.« Um dann stundenlang warten zu müssen. Denn die Stasi wollte sämtliche Gespräche mit dem Westen abhören, hatte dafür aber nicht genügend Leute. »Deshalb wurden nicht alle Gespräche durchgestellt, dann war halt dauernd besetzt«, erklärt Susanne. »Erst wenn wieder jemand frei war, der mithören konnte, kam man durch.« Für die nächsten Male habe sie sich deshalb immer etwas zum Essen mitgenommen, eine Decke und Lesestoff, um sich die Zeit zu vertreiben. Und jedes Mal, wenn seine Stimme endlich am anderen Ende der Leitung zu hören war, begann ihr Herz wie irre zu klopfen. »Natürlich wussten wir, dass da immer jemand mithörte«, erinnert sie sich lachend. Aber den hätten sie ganz frech gegrüßt: »Hallo, hallo, guten Abend, geht’s Ihnen gut?« Um ihm dann nicht weiter Beachtung zu schenken: Sobald klar war, dass es um zwei Verliebte ging, die sich immer wieder voller Sehnsucht ihre Liebe bezeugten, und versicherten, wie sehr sie sich vermissten, hätten die eh weggehört.

In den ersten Telefonaten sei Tobias noch voller Heimweh gewesen: »Er klagte, wie fremd er sich im Westen fühlte. Dass bei den Schulpartys nur Limonade getrunken wurde.« Kinderpartys seien das gewesen, habe er verächtlich geschnaubt und sei sich furchtbar erwachsen vorgekommen. »Wir im Osten hingegen, wir hatten ja schon Wein getrunken. Apfelwein.«

Die Drogerie diente auch als Deckadresse für die Liebesbriefe, die Tobias ihr schickte. »Mit meinem Vater durfte das alles unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden, weil er Geheimnisträger war.« Sie suchte sich dann immer ein Telefon, um in der Drogerie anzurufen und zu fragen, ob ein Brief für sie eingetroffen wäre. Im Bus zurück und auch zu Hause noch habe sie seine Zeilen immer und immer wieder gelesen, obwohl sie sie längst auswendig kannte. »Ich hielt sie mir auch ständig unter die Nase und schnupperte daran.« Denn Tobias schickte parfümierte Briefe, er besprühte sie mit dem teuren Aftershave, das er nun im Westen benutzte. »Mein Gott, war das romantisch!«

Gebannt haben Dieter und ich zugehört. Und wie war das erste Treffen zwei Monate später in Marienbad? Sicher auch sehr romantisch, oder?

»Letztendlich schon«, erzählt Susanne schmunzelnd weiter. »Anfangs waren wir ein bisschen gehemmt.« Tobias kam mit seiner Mutter, die sich in Marienbad mit Freunden aus Dresden treffen wollte. Einem Ehepaar. »Bei denen bin ich im Trabi mitgefahren.« Sie trafen sich im Hotel, wo Tobias’ Mutter für sie alle Zimmer gebucht hatte. Tobias trug eine coole Sonnenbrille, »so schicke gab es im Osten nicht«. Die Mutter duftete nach einem teuren Westparfum und er nach dem Rasierwasser, mit dem er die Briefe an sie parfümierte. »Ich war schwer beeindruckt.« Was wirkte er doch cool und lässig, was für ein toller Typ!

»Selbstverständlich sind wir uns in die Arme gefallen.« Aber völlig gebrochen sei das Eis erst, als sie in ihrem Hotelzimmer endlich allein waren. »Da hat er mich hochgehoben und durch den Raum gewirbelt.« Zum Glück hätten die drei anderen sie in Ruhe gelassen, nur gefrühstückt wurde zu fünft. Wunderbare Tage seien das gewesen, mit langen Spaziergängen und vielen Stunden im Hotelbett. Dann liebten sie sich. Und sangen lauthals die alten Lieder, die sie an den gemeinsamen Nachmittagen nach der Schule immer gesungen hatten. »Singen ist eigentlich das falsche Wort«, korrigiert sie sich. »Er hat sie mir immer regelrecht vorgetragen.« Sie hatten auch ein Lieblingslied: Das war nur ein Moment von Schauspieler Manfred Krug, dem Hamburger Tatort-Kommissar: »Kennt ihr das?«

Susanne wartet unsere Antwort nicht ab, sondern steht auf und beginnt unvermittelt zu singen: »Frag mich, warum ist mein Himmel, seit du fort bist, so trüb«, hebt sie leidenschaftlich an. »Weil ich dich liebe, liebe, liebe – ein Leben lang!« Sie schmettert den Refrain regelrecht heraus, mit weit ausgebreiteten Armen, als stünde sie auf einer Bühne. Lachend klatschen wir Beifall.

»Ja, das war unser Lied, das war wie für uns geschrieben«, meint sie und setzt sich wieder. Der Abschied sei natürlich erneut herzzerreißend gewesen. »Wegen der Aussichtslosigkeit unserer Lage, wir hatten ja keine Perspektive. Aber das wollten wir uns damals noch nicht eingestehen.«

Die Intensität ihrer Liebe habe selbst Tobias’ Mutter nicht kaltgelassen. »Sie schickte mir regelmäßig Päckchen mit supertollen Klamotten. Ich denke, sie hatte ein schlechtes Gewissen.«

Viermal noch sollten sie sich in den nächsten eineinhalb Jahren treffen – aber ganz tief drinnen wusste Susanne: »Das kann man nicht auf Dauer leben.« Sie merkte, wie sehr Tobias das neue Leben im Westen gefiel, das alte im Osten hatte er längst losgelassen. Und bald, das spürte sie, würde er auch sie loslassen.

Drei Monate vor ihrem letzten Treffen im Sommer 1983 machte er eine Klassenfahrt nach Paris und schickte ihr eine Ansichtskarte.

Paris ist wunderschön, schrieb er. Die Stadt der Liebe. Und dahinter: (Stimmt!)

Sie weiß noch, wie sie beim Lesen stutzte. Okaaaaaaay, dachte sie sich. Und dann: Wieso Stimmt!? Merkwürdig.

Kurz darauf, bei ihrem letzten Treffen, bekam sie Gewissheit: »Er redete ständig von Paris und wie toll diese Klassenfahrt doch gewesen sei.« Und er sang immer wieder einen Hit von Trio, einer Band der Neuen Deutschen Welle: Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha, aha. Was wollte er ihr damit sagen? Er sang die Lieder ja nicht bloß, er trug sie ihr vor. Ihre feinen Antennen empfingen deutliche Störsignale. »Am letzten Abend hab ich ihn dann einfach gefragt.« Und da habe er es zugegeben: »Ja, ich habe mich verliebt.« In eine Klassenkameradin, eine Apothekertochter. In Paris habe es gefunkt. Weinend sei sie heimgefahren. Sie wusste: Auch sie musste loslassen. Es war aussichtslos, es war vorbei, es gab keine Hoffnung.

Ihre Mutter versuchte sie erneut mit jenen Worten zu trösten, die sie sich schon so oft hatte anhören müssen: »Ach, Kind, das geht vorbei, du bist noch jung, du findest bald einen anderen.«

Den einen Nagel mit dem anderen austreiben – ein altbewährtes Rezept. Und sie würde davon auch nur allzu gern Gebrauch machen. Bloß: Sie fand ihn nicht, diesen anderen Nagel. Der eine habe so gut geküsst wie Tobias, der andere sei so sportlich gewesen wie er, mit dem dritten konnte sie so gut reden wie mit ihm. »Aber niemand hatte alles, niemand war wie er.« Das Gesamtpaket habe sie nirgends auftreiben können. Es blieb bei losen Beziehungen. »Mir hat immer was gefehlt.«

Sie versuchte, ihn zu vergessen, »sich aus dem Herzen zu reißen«, wie sie es nennt. Zog um nach Leipzig, um zu studieren. Konzentrierte sich ganz auf ihre Ausbildung: Heimerziehung für Jugendheime. Mehr als zwei Jahre waren seit der Trennung von Tobias vergangen. Sie hatte gerade ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. »Und dann kam Schumi«, erzählt sie versonnen.

Schumi hieß eigentlich Schumann. Er war ein Jahr älter als Susanne und KFZ-Schlosser, arbeitete aber als Techniker, also als Roadie bei einer Rockband. »Und er war der ordentlichste Mann, den ich je kennengelernt habe.« Die Einzimmerwohnung, in der er lebte, war winzig, gerade einmal siebzehn Quadratmeter groß, »ein Handtuch nur, aber so süß! Und was er da alles hervorzauberte, unglaublich!« Trotzdem habe nie etwas herumgelegen.

Über eine Kommilitonin hatte sie ihn kennengelernt, auf einer Fete im Oktober 1985. Sie fanden sich sofort sympathisch. »Schumi war anders, lustig, immer zu einem Scherz aufgelegt, und er zog Grimassen.« Ein richtiger Entertainer sei er gewesen, groß und hager mit langen schwarzen Haaren bis auf die Schultern. »Er brachte mich zum Lachen. Und er konnte auch über sich selbst lachen.«

Es dauerte nicht lange, und sie pendelte zwischen Leipzig, wo sie immer noch studierte, und Dresden hin und her – hundertzwanzig Kilometer hin, hundertzwanzig zurück. Schumi holte sie freitagabends vom Bahnhof ab und setzte sie montagmorgens wieder in den Zug. Ein guter Typ sei er gewesen, »ein Geber. Lustig und lebendig. Ein Mann, mit dem ich herumalbern konnte und fröhlich war.« Sie besuchten Konzerte, kochten Spaghetti zusammen, gingen zu Trödelmärkten oder Haushaltsauflösungen.

Sie fühlte sich wohl bei ihm. Fast zwei Jahre waren sie nun schon zusammen. Nur das ständige Hin und Her zwischen Dresden und Leipzig begann beide zunehmend zu irritieren. Und nach Abschluss ihrer Ausbildung würden es noch mehr Kilometer werden, fast zweihundert statt hundertzwanzig. Denn Susanne hatte einen sogenannten Absolventenvertrag unterschrieben. Sie würde drei Jahre lang bei der Deutschen Post in Berlin als Erzieherin oder, wie es offiziell hieß, als Inspektorin im Lehrlingswohnheim arbeiten. »Es gab nur drei Möglichkeiten, um aus einem solchen Vertrag rauszukommen«, erklärt sie uns. Erstens gesundheitliche Gründe, zweitens gesellschaftliche wie etwa eine Karriere als FDJ-Sekretär. Und drittens familiäre, zum Beispiel Heiraten. »Dann heiraten wir eben«, habe Schumi gesagt. »Dann können wir auch eine größere Wohnung beantragen.« In der DDR stand einer Person nur ein Zimmer zu, einem Ehepaar hingegen zwei oder sogar drei. »Wär das nicht schön?« Verliebt habe er sie angeguckt und dann gescherzt: »Wir können uns ja wieder scheiden lassen.«

Nachdenklich reibt Susanne mit dem Daumen über den Rand ihrer Kaffeetasse. »Tja, das hat sich dann leider erfüllt.« Sie schweigt einen Moment und greift resolut zu einem der Fotoalben auf dem Tisch. Inzwischen ist es ein ganzer Stapel geworden. »Ich zeig euch ein paar Hochzeitsfotos, schaut!« Wir sehen eine strahlende Braut in einem einfachen weißen Kleid mit Spitzenausschnitt, das sie mit einer roten Schärpe in der Taille zusammengebunden hat. Rührend jung sieht sie mit ihren einundzwanzig Jahren aus. Ihr langes braunes Haar ist straff zum Dutt gebändigt und mit einem Blütenkranz geschmückt. Neben ihr schreitet der sehr viel größere Schumi mit seinen langen dunklen Haaren im schwarzen Gehrock samt Weste, Fliege und roter Rose im Knopfloch. Wie ein Kavalier aus dem neunzehnten Jahrhundert sieht er aus, eine Figur aus einem Roman von Theodor Fontane.

Kurz nach der Hochzeit konnten sie in eine Zweizimmer-Wohnung umziehen: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche mit Loggia und Speisekammer sowie ein kleines Gärtchen. »Richtig schnuckelig.« Eine Stelle als Erzieherin in einem Lehrlingswohnheim in Dresden hatte Susanne auch bekommen. Rundum glücklich sei sie gewesen. »Mit Schumi hätte ich wahrscheinlich vier Kinder bekommen und wäre eine dicke Mama geworden.« Durchaus auch ein schöner Lebensentwurf. Wenn – ja, wenn nicht eines Tages Tobias vor der Tür gestanden hätte.

Sein Großvater war verstorben, für die Beerdigung hatte Tobias’ Mutter sieben Jahre nach der Ausreise erstmals eine Einreisegenehmigung bekommen. Susanne weiß nicht mehr, von wem sie es damals erfahren hatte. Jedenfalls wusste sie, dass Tobias mitkommen würde. »Ich hatte keinen Hintergedanken, ich hatte einfach das Bedürfnis, ihn Schumi vorzustellen. Und Schumi ihm.« Außerdem wollten sie sich damals eine Musikanlage kaufen mit dem Westgeld, das sie zur Hochzeit bekommen hatten. Sie suchten einen Wessi, der sie ihnen besorgen könnte – vielleicht Tobias?

An einem Freitagvormittag im Februar 1989 stand er vor der Tür. Strahlend sah er sie an, mit seinen frischen Lippen und den dunklen Augen, in denen man versinken konnte. Er hatte sich kaum verändert, sah höchstens noch lässiger, noch selbstbewusster aus. Dieser schöne Mund, diese Offenheit: »Wir Ossis waren ja alle verklemmter.«

Aber, so betont sie mit einer abwehrenden Handbewegung, noch war ihre Welt nicht aus den Fugen geraten, noch war sie in Ordnung. »Wir freuten uns über das Wiedersehen, und Schumi war so nett, nachmittags mit Tobias in die Stadt zu gehen, weil ich zum Arbeiten musste.« Unterwegs legten sie einen Kurzbesuch bei Schumis Mutter ein, die sie zum Kaffeetrinken einlud. Und für den Samstag verabredeten sie sich bei einem Cousin von Susanne, der rund zwanzig Kilometer außerhalb von Dresden wohnte. Er gehörte zur alten Clique von Tobias. »Die wollten sich bei der Gelegenheit alle wiedersehen.« Tobias würde Susanne und Schumi in seinem Auto abholen und mitnehmen. Aber dann musste Schumi kurzfristig bei einem Auftritt seiner Band einspringen und absagen. »Da bin ich mit Tobias alleine hingefahren«, erzählt Susanne. »Und bei diesem Cousin haben wir dann den ganzen Tag lang alte Zeiten aufgewärmt.«

Es war schon nach zehn Uhr abends, als Tobias sie zurückbrachte und vor ihrer Wohnung absetzen wollte. Stattdessen aber hätten sie stundenlang weitergeredet. »Man wollte so gar nicht aussteigen.« Sie spürte die ungeheure Anziehungskraft wieder, die er immer auf sie ausgeübt hatte. Er strich ihr übers Haar. »Du bist immer noch so schön«, sagte er. Und dann: »Ich hätte dich nie verlassen dürfen.« Richtig schwindlig sei ihr geworden. Und als er sich dann auch noch zu ihr herüberbeugte und sie küsste, da war es vollends um sie geschehen.

Das sei der berühmte Handtaschenmoment gewesen: »Ich hätte mit der Tasche gehen können.« Sie hatte sich etwas vorgemacht, sie hatte wirklich geglaubt, es sei ihr gelungen, sich ihn aus dem Herzen zu reißen. Aber sie hatte sich bloß arrangiert. »Ich liebte ihn noch immer.«

Sie weiß nicht mehr, wie und wann sie an diesem Abend doch noch aus dem Auto kam. Sie weiß auch nicht mehr, wann sie in dieser Nacht endlich einschlief. Schumi würde erst am nächsten Tag kommen. Sie lag allein im Bett, bewegungslos auf dem Rücken, und starrte durch die Dunkelheit an die Decke. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn mit ihr, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Bis auf einen, und der hing zweifelsfrei im Raum: Ich bin mit dem Falschen verheiratet.

Als Schumi am nächsten Tag zurückkam, versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. »Aber ich bin rumgelaufen wie Falschgeld.« Am Montag, auf der Arbeit im Lehrlingswohnheim, hielt sie es nicht mehr aus und vertraute sich einer anderen Erzieherin an. »Der hatte ich zuvor von dem geplanten Wiedersehen erzählt, und die war neugierig, wie es gelaufen war.« Die Kollegin habe sich alles angehört, Susanne ausgiebig bedauert, dann aber schulterzuckend den Raum verlassen: »Na ja, DER Zug ist ja wohl abgefahren.«

Susanne blieb allein am Tisch zurück, mit aufgestützten Ellbogen, das Gesicht in den Handflächen vergraben. Sie hatte ja so recht, die Kollegin. Der Zug war abgefahren. Sie begann bitterlich zu weinen, warf ein zerknülltes Papiertaschentuch nach dem anderen in den Papierkorb. Ein Glück, dass keiner hereinkam und sie in diesem Zustand sah!

Dann aber, sie kramte in ihrer Tasche gerade nach einer neuen Packung Taschentücher, richtete sie sich auf einmal mit einem Ruck auf: Wieso eigentlich? Warum sollte der Zug abgefahren sein? Vierundzwanzig Jahre war sie alt, sie hatte ihr Leben noch vor sich. Sie hatte keine Kinder, sie war nur verheiratet. Und Tobias frei, der hatte sich, nachdem die Beziehung mit der Apothekertochter in die Brüche gegangen war, nicht mehr gebunden. Energisch putzte sie sich die Nase. Nein, er brauchte nicht abgefahren zu sein, dieser Zug!

»Er rief noch am selben Tag im Lehrlingswohnheim an.« Sie konnte es kaum fassen, als sie hörte, dass es ihm genauso ergangen war wie ihr.

Schon drei Wochen später trafen sie sich wieder – in Prag, am Denkmal des heiligen Wenzel von Böhmen. Von der »Goldenen Stadt«, hätten sie in diesen drei Tagen nicht viel gesehen, bekennt Susanne schmunzelnd.

Sie schweigt einen Moment und schüttelt leicht den Kopf. »Die Leidenschaftlichkeit dieser Liebe hat mich überwältigt. Es war so unglaublich sinnlich, so erotisch.« Bei Tobias sei sie wie in Trance in einen anderen Geisteszustand geraten. Diese Blicke, diese Berührungen, diese Hingabe: »Wir waren verwoben, wir waren eins.«

Zwischendurch hörten sie im Bett Musik und fütterten sich gegenseitig mit Apfelsinenstückchen. Er sang ihr lauthals die alten vertrauten Lieder vor: »Weil ich dich liebe, liebe, liebe, ein Leben lang …« Bis es wieder anfing zu knistern, bis wieder Funken sprühten wie von unzähligen Wunderkerzen. So unglaublich frei habe sie sich gefühlt, frei und scham- und hemmungslos.«

Sie wirft einen Blick auf das aufgeschlagene Fotoalbum und die Bilder ihrer Hochzeit mit Schumi. »So also konnte es auch sein. Das hatte ich vergessen. Denn bei Schumi war das nicht so.« Sie habe ihn geliebt, ganz bestimmt, daran gebe es keinen Zweifel – aber anders. »Es war ohne diese Leidenschaft, ohne dieses Sinnliche, das ich mit Tobias erleben durfte.« Sollte sie darauf fortan verzichten? Nein, das wollte, das konnte sie nicht: »Ich musste es leben.«

Noch in Prag schmiedeten sie Zukunftspläne. Sie würde zu Tobias in den Westen ziehen, nach Bayreuth, wo er Sport und Biologie für das Lehramt studierte und in einer Studentenwohnung lebte. Sie könnte dort leicht einen Job als Erzieherin finden. Ihre Eltern und Geschwister würde sie fortan nur noch in Tschechien oder Ungarn sehen können. Aber wer weiß, vielleicht bekämen sie zur Taufe der Kinder eine Ausreisegenehmigung! Ihr Vater war zwar Geheimnisträger, aber er würde bald pensioniert werden. Dann wäre sowieso alles viel leichter. »Wir mussten zusammen sein!«

Und was war mit Schumi? Hatte sie denn kein schlechtes Gewissen, keine Schuldgefühle? Er tut uns leid, sehr sogar. »Mir hat er auch leidgetan. Es tut mir bis heute unendlich leid, dass ich ihn so verletzt habe«, sagt sie mit einem letzten Blick auf die Hochzeitsfotos und klappt das Album zu. »Aber ich konnte doch nicht mit ihm zusammenbleiben und einen anderen lieben!« Dann hätte sie nicht nur sich selbst belogen, sondern auch Schumi. »Ich will mich jetzt nicht herausreden, aber das wäre auch ihm gegenüber nicht fair gewesen.« So merkwürdig es auch klinge, aber das hätte er nicht verdient. »Ich respektierte und achtete ihn, eben weil ich ihn liebte – wenn auch anders.«

Gleich nach der Rückkehr aus Prag habe sie ihm alles erzählt, noch am selben Abend. »Ich glaub, ich lieb den Tobias noch immer. Was soll ich nur machen?« Es war eine rhetorische Frage, im Prinzip habe sie ihn vor vollendete Tatsachen gestellt. Wie vor den Kopf geschlagen sei er gewesen. »Aber er war mir nicht böse. Ich war ja selbst verzweifelt.« Traurig seien sie gewesen, alle beide, unendlich traurig. »Für ihn brach eine Welt zusammen.« Er wusste: Sie würde, sie konnte nicht bei ihm bleiben.

»Mit meinen Eltern hat er bis heute Kontakt, die kümmerten sich damals rührend um ihn. Aber sie haben mir nicht reingeredet, sie verstanden mich – auch wenn ich mich für ein Leben mit Tobias von ihnen verabschieden musste.«

Schumis Mutter habe den Kontakt mit Susanne abgebrochen. »Die regte sich fürchterlich darüber auf, dass sie diesen Dreckskerl, also Tobias, damals noch zusammen mit ihrem Sohn zum Kaffeetrinken eingeladen hatte.« Mit Susanne wollte sie nichts mehr zu tun haben. »Für sie war ich die Böse. Und das stimmte ja auch.«

Selbst habe sie ihr Handeln damals nur als konsequent empfunden: »Männer machen das so gut wie nie«, glaubt sie zu wissen. »Männer verabschieden sich innerlich und bleiben. Frauen gehen.«

Noch am selben Abend habe sie denn auch ganz konsequent im Schlafzimmer die Matratzen auseinandergeschoben. Und ein paar Tage später die Scheidung eingereicht. Kurz darauf zog sie zu einer Freundin und schlief dort auf dem Sofa. »Ich wollte ihn nicht länger quälen.« Dann ging es Schlag auf Schlag: Keine vier Wochen später waren sie geschieden, die Kosten – vierhundertvierzig Mark – übernahm Susanne. »Obwohl das damals ein halbes Monatsgehalt war. Ich verdiente nur achthundertfünfzig.«

Weitere vier Wochen später, es war inzwischen Mai, stellte sie beim Ministerium für Inneres einen Antrag auf Eheschließung und sofort anschließend einen Ausreiseantrag. »Wir würden erst in der DDR heiraten, und danach würde ich ausreisen.« Beide Anträge wurden innerhalb weniger Monate bewilligt – allerdings noch ohne Datum.

Sie beschlossen, das Warten mit einem Urlaub in Ungarn zu überbrücken – einem sehr denkwürdigen Urlaub an der österreichischen Grenze. »Die Flüchtlingswelle hatte begonnen. Einen kurzen Moment lang haben wir überlegt, ob ich auch flüchten sollte.« Ganz leicht wäre das gegangen, sie hätte sich nur zu Tobias ins Auto setzen müssen. Aber sie wollte ihr neues Leben nicht mit einem Rucksack beginnen, sie wollte auch die Fotoalben mitnehmen, das Geschirr, die Bücher. »Und wir hatten ja schon die Hochzeits- und die Ausreisegenehmigung – wenn auch noch ohne Datum.«

Das wurde gleich nach ihrer Rückkehr aus Ungarn festgelegt, als Susanne wieder in Dresden war und Tobias im Westen. »Ich habe ihm sofort ein Telegramm geschickt«, erzählt sie und greift erneut in den Fotoalbum-Stapel. »Das habe ich natürlich aufgehoben und eingeklebt«, meint sie augenzwinkernd und deutet auf einen schmalen Papierstreifen, der an den Ecken ein bisschen verknittert ist und ein paar Flecken abbekommen hat. Hochzeit am 23.9. juchu! Ich liebe dich! lesen wir. Kurz und bündig. »Das wurde per Wort bezahlt, das war ein teurer Spaß.«

Über dem Telegramm prangt das offizielle Hochzeitsfoto: Wieder ist sie ganz in Weiß, aber dieses Mal sportlicher und raffinierter: »Das Brautkleid stammte aus dem Westen. Eine Freundin meiner Schwiegermutter hat es mir geborgt.« Tobias wirkt sehr seriös und männlich in seinem eleganten dunkelgrauen Anzug und dem weißen Hemd mit Krawatte. Und vor den beiden streut der vierjährige Neffe von Susanne Blumen. Eine kleine, aber feine Hochzeit sei es gewesen, nur die Familie. Nach der Feier musste sie ihren frischgebackenen Ehemann allein in den Westen zurückreisen lassen. Selbst durfte sie den Osten erst einen Monat später, am 23. Oktober, verlassen. Bis dahin gab sie das Ostgeld aus, das sie noch besaß, und versuchte, die Angst zu unterdrücken, die sie trotz der großen Sehnsucht erfasst hatte: Angst vor dem Abschied von ihren Eltern und Geschwistern. Und Angst vor dem Westen: »Ich dachte mir manchmal: Oje, wenn das schiefgeht und du arbeitslos wirst, dann endest du als Junkie am Bahnhof!«

Tobias, der sie am 23. Oktober mit dem VW-Bus abholte, konnte darüber nur herzlich lachen. Er lachte auch noch, als sie fassungslos und mit offenem Mund ihren ersten Ikea-Katalog durchblätterte und sich wie ein kleines Kind über ihre ersten Cowboystiefel freute.

Sie musste eine Zusatzausbildung als Erzieherin machen, die alte in der DDR war nicht ausreichend. »Immerhin ging das ruckzuck, ich fand hinterher schnell einen Job als Erzieherin für verhaltensauffällige Jugendliche.«

Und eines Abends, als sie gerade von einer Spätschicht nach Hause gekommen war, rief ihre Schwester an, völlig aufgelöst und aufgeregt: »Ja, hast du denn nichts mitgekriegt?!« Es war der 9. November 1989 – die Mauer war gefallen. »Wahnsinn war das, irre! Was haben wir gejubelt!« 1989 war nicht nur für Susanne und Tobias, sondern auch für Deutschland zum Jahr der Wiedervereinigung geworden! »Meine Familie hat uns dann sofort in Unterfranken besucht.«

Nachdenklich schaut sie über die Balkonbrüstung der Terrasse in den blühenden Garten hinein. Sie habe ihr Glück damals nicht fassen können, Fortuna schien gleich mehrere große Füllhörner auf einmal direkt über ihr ausgekippt zu haben, so habe sich das angefühlt. Fortan konnte sie ihre Familie sehen, so oft sie wollte – und sie lebte ein Leben an der Seite des Mannes, den sie über alles liebte. »Ich schwebte auf Wolke sieben.«

Tobias hatte sein Studium zwar noch nicht abgeschlossen und fuhr nebenbei Taxi. »Aber das fand ich nicht schlimm.« Seine Mutter unterstützte das junge Paar jeden Monat großzügig mit fünfhundert Mark, Tobias verdiente mit dem Taxifahren weitere fünfhundert und sie selbst als Erzieherin tausend. »Ein gutes Auskommen.«

Sie holten die Flitterwochen nach, zwei Wochen auf Kreta. Und sie leisteten sich ein Cabrio. »Darin saß ich immer mit Sonnenbrille und Kopftuch neben ihm und sah aus wie Audrey Hepburn. Das fand er toll.«

Auf Händen getragen habe er sie, dieser Mann, regelrecht verehrt und mit Komplimenten überschüttet. »Was siehst du heute wieder hinreißend aus!«, schwärmte er regelmäßig. Oder: »Ich liebe deine schönen Augen, ich liebe deine wunderbare Haut!« Sie genoss es, so angehimmelt zu werden, schwelgte in seinen Schmeicheleien, bewunderte ihn grenzenlos. »Er war mein Held.«

Heute glaubt sie zu wissen, wieso sie dafür so empfänglich war, warum sie es regelrecht brauchte. »Ich war als Kind und junger Mensch sehr gehemmt und hatte viele Komplexe.« Ihrer eigenen Tochter Pauline habe sie lieber einmal zu viel als zu wenig gesagt, wie sehr sie sie liebe und, um sie mit Selbstbewusstsein vollzupumpen, was für ein toller, was für ein wunderbarer Mensch sie doch sei. »Aber von meinen eigenen Eltern habe ich das nie gehört, von denen bekam ich nie ein Lob.« Nicht, weil sie ihre Tochter nicht liebten – »Ich sollte nicht eingebildet werden«. Wenn Susanne mit guten Noten nach Hause kam, dann gehörte sich das so. »Und wenn ich gut Klavier spielte, dann hieß es: Sie hat ja auch einen guten Klavierlehrer.« Schumi habe ebenfalls kaum ein Lob über seine Lippen gebracht. »Der guckte beim Autofahren allerhöchstens mal kurz rüber und meinte: ›Siehst ganz gut aus heute.‹ Und das war’s dann.«

Nun aber lebte sie mit diesem wunderbaren Mann zusammen, der sie anhimmelte und ihr nicht oft genug sagen konnte, wie toll er sie fand. »Neben Tobias mit seiner offenen Art war ich anders drauf.« Ein Freigeist sei er gewesen, der – wo immer er auftauchte – alle in seinen Bann gezogen habe. Charmant, selbstsicher, selbstbewusst. Und – aber das erkannte sie erst im Nachhinein – selbsteingenommen. Sie weiß noch genau, wie er reagierte, als sie beschlossen, eine Familie zu gründen. »Auf unser Kind kann die Welt nicht verzichten«, habe er großspurig verkündet.

Schon ein Jahr später, im Frühling 1992, kam Pauline zur Welt. Wie bei allen Pärchen, die ihr erstes Kind bekommen, änderte sich ihr Leben von Grund auf. »Ich blieb zwei Jahre zu Hause und hielt ihm den Rücken frei.« Dann machte Susanne eine Zusatzausbildung und wurde Leiterin eines Montessori-Kinderhauses. »Ich hatte einen Vollzeitjob. Ich wollte, dass er auch mal was übernimmt und auf das Kind aufpasst.« Ständig habe es deswegen Auseinandersetzungen gegeben. »Es war schwer, ihn einzuspannen.« Auf Wolke sieben schwebten sie schon lange nicht mehr. Sie hätten sich in dieser Zeit auch kaum gesehen: Er hatte sein Studium immer noch nicht abgeschlossen. Wenn er nicht studierte, fuhr er Taxi. »Er kam nachts um drei heim, da schlief ich schon. Und wenn er um elf aufstand, war ich längst weg.«

Damals sei ihre Beziehung ins Ungleichgewicht geraten. »Ich war ihm nicht nur ebenbürtig, ich hatte ihn überholt.« Er hingegen war der ewige Student, und darunter habe er gelitten. »Erst 1997 begann er als Lehrer zu arbeiten, da war Pauline schon fünf.« Für ein neues Gleichgewicht in der Beziehung allerdings habe das nicht gesorgt. »Ich brauchte jemanden, um den Alltag zu meistern. Aber dafür war er ungeeignet.« Die Rolle des verantwortungsvollen Familienvaters habe ihm so gar nicht gelegen: »Das fand er spießig und langweilig.« Vielleicht, mutmaßt sie, weil er nie einen Vater als Vorbild hatte. »Jung und dynamisch wollte er sein, so sah er sich am liebsten.« Er habe sich ständig im Spagat geübt zwischen diesem Selbstbild und der Realität als Ehemann und Familienvater. »Vielleicht war ich in dieser Zeit auch zu sehr Mutter«, gibt sie zu bedenken. »Sex hatten wir kaum noch, mit der Mutter schläft man ja nicht.«

Sie lehnt sich in ihren Gartenstuhl zurück und stemmt die Arme in die Hüften. »Tja, und das Ende vom Lied war dann, dass er seine erste Affäre hatte.« Mit Judith, einer ehemaligen Schulkameradin, die er auf einem Klassentreffen im Herbst wiedergesehen hatte. »Kurz vor Fasching ließ er mich ein Wochenende alleine, angeblich um mit ein paar Kumpels zum Skifahren in die Berge zu fahren.« Stattdessen habe er sich mit Judith getroffen. Susanne erinnert sich noch genau. »Ich nähte Pauline an diesem Wochenende ein Käferkostüm.«

Wie sie hinter die Affäre kam, weiß sie nicht mehr. »Ich glaube, ich habe ihn beim Schreiben eines Liebesbriefes erwischt.« Eines parfümierten Liebesbriefes mit einem besonders kunstvoll entworfenen Briefkopf, wie er sie – das jedenfalls hatte sie bis dahin geglaubt – nur ihr geschickt hatte. »In seinem Arbeitszimmer schwebte noch eine Duftwolke seines Rasierwassers.« Susanne muss bei der Erinnerung daran auflachen: »Inzwischen Égoïste. Von Chanel.«

Entgeistert sei sie gewesen, tief verletzt: Fiel dem nichts anderes ein? Er hatte ihre Liebe kopiert und damit entzaubert. »Sie war nicht mehr exklusiv.« Später habe Tobias das mit den parfümierten Briefen rundweg zugegeben: »Warum denn nicht? Die Masche funktioniert.«

Susanne verdreht die Augen, bevor sie weitererzählt. Irgendwie habe sie rausgekriegt, wo diese Judith wohnte. Und dass sie verheiratet war. »Eines Tages auf der Arbeit habe ich dann kurzentschlossen ihren Mann angerufen.« Sie sieht unseren überraschten Blick. »Ich wollte wissen, woran ich war«, meint sie fast entschuldigend. Nach dem dritten Klingeln ertönte eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung. Sie wusste, dass er es war, denn er sagte seinen Namen.

»Ihre Frau geht fremd«, teilte sie ihm mit.

Doch Judiths Ehemann sei völlig ahnungslos gewesen. »Oh, das tut weh, das tut weh«, habe er immer wieder fassungslos gestammelt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Tobias von diesem Telefongespräch erfuhr. Rasend sei er gewesen, außer sich vor Wut. »Ich verlasse dich! Ich halte das nicht mehr aus. Ich brauche meine Freiheit!«

Er sei dann tatsächlich ausgezogen, habe sich irgendwo in der Stadt ein Zimmer gemietet und mit dieser Judith ein Verhältnis gehabt. »Es dauerte allerdings nicht lange.«

Wenn sie heute an diese erste Affäre zurückdenkt, kommt sie ihr vor wie eine Zeit der Schockstarre. »Ich wollte es nicht wahrhaben, ich war wie gelähmt.« Ihre Eltern boten ihr an, Pauline zu sich zu nehmen. »Ich war total überfordert.« Es war nur ein Spuk, redete sie sich ein, ein Spuk, der bald vorübergehen würde.

Sie flüchtete sich in die Musik, ließ sich über Freunde ein Klavier beschaffen, suchte sich die alten Noten raus und fing wieder an zu spielen. Alte Melodien aus der Schulzeit wie Adelaide und Für Elise von Beethoven oder Bachs Wohltemperiertes Klavier.

Und nicht nur die Musik habe ihr in dieser Zeit Trost geboten. Über das Klavier kam auch ein Mann in ihr Leben, der sie zu trösten wusste: Karl, der ursprüngliche Besitzer des Klaviers. Am 1. Mai stand er vor der Tür, mit einem riesigen Feldblumenstrauß. »Ich wollte mein Klavier besuchen.« Ein paarmal traf sie sich mit ihm, ein loses Verhältnis sei es gewesen, nichts Ernstes.

»Doch als Tobias das spitzkriegte, stand er in der Motorradkluft vor der Tür und beschimpfte Karl als Schwein.« Eine merkwürdige Eifersucht sei das gewesen. »Er kontrollierte auch, ob Karls Auto vor der Tür stand.«

Als sie an einem Sonntagabend nach einem Papa-Wochenende Pauline bei ihm abholte, meinte er niedergeschlagen: »Ich habe einen Fehler gemacht.« Er wollte zurück – er wollte sie zurück! »Karl kennst du erst seit zwei Monaten«, habe er gesagt, »mich fast ein ganzes Leben. Denk an deine Tochter!« Wie könne sie Pauline später erklären, sie habe ihr den Papa genommen!

Nein, so weit wollte sie es nicht kommen lassen. Grenzenlos erleichtert sei sie damals gewesen. Der Spuk war vorbei, sie hatte ihn zurück. Ihre wunderbare, ihre einzigartige Liebe hatte standgehalten. Verdiente nicht jeder eine zweite Chance? »Ich weiß, was ich will«, versicherte er ihr immer wieder. »Du bist doch die Richtige!« In die alte Wohnung allerdings wollte er nicht zurückkehren. »Wir fangen ganz neu an«, sagte er. »Wir bauen uns unser eigenes Haus.«

Sie beschloss, nach vorn zu schauen – auch wenn es Zeit gebraucht habe, bis sie ihm wieder vertraute. Alles auf Anfang. In einem neuen großen Haus.

Alles stand im Zeichen dieses neuen Zuhauses, sie bauten es sich selbst. »Ich sehe mich noch im Cabrio sitzen, wie ich Zementsäcke zur Baustelle transportierte.« Von ihren Eltern hatte sie fünfzigtausend Mark bekommen, als Barvermögen. »Aber das reichte natürlich bei Weitem nicht aus.« Jeden Pfennig steckten sie in dieses Haus. »Den Euro gab es noch nicht.« Mehr als zwei Jahre dauerte es, bis sie endlich einziehen konnten, im Frühling 2000. »Fertig war es immer noch nicht, aber immerhin bewohnbar.«

Heute weiß sie, dass sie sich mit dem Hausbau eigentlich nur abgelenkt hatten. »Denn kaum waren wir eingezogen, nach nur zwei Monaten begann die zweite Affäre.«

Sie merkte es an Kleinigkeiten. »Er änderte seine Ansichten.« Auf einmal gefielen ihm Tattoos, und er summte die Hits, die den ganzen Tag auf B3 gespielt wurden. »Er stand auf Musik von jungen Leuten.« Auf einmal trug er sein Handy immer bei sich. »Vorher legte er es auf dem Bücherregal ab und vergaß es stundenlang.« Auf einmal bestand er darauf, dass am PC zu Hause jeder sein eigenes Passwort bekam. »Damals hatte noch nicht jeder seinen eigenen Laptop. Wir hatten einen Familien-PC. Mit einem Familienpasswort.«

Einmal saßen sie im Kino, da erschienen die langen, gepflegten Finger der Hauptdarstellerin im Close-up auf der Leinwand. »Schöne Hände sind auch etwas Sinnliches«, habe er gesagt.

Susanne spreizt alle zehn Finger und hält uns ihre Hände vor die Nase: »Ich habe Zupackhände!«

Seltsam fand sie auch, dass er auf einmal kein Cappuccino-Pulver mehr mit in die Schule nahm. »Darauf hatte er immer größten Wert gelegt, er wollte in der Pause seinen eigenen Cappuccino trinken.« Das würde sich nun erübrigen, meinte er, der Cappuccino, den die Sekretärin ihm zubereitete, der sei einfach phantastisch. »Da bin ich hellhörig geworden.« Es gab nämlich zwei Sekretärinnen in der Schule – eine alte und eine junge. »Und die junge, die war neu!«

Sie hieß Tanja, war zwölf Jahre jünger als Tobias, der inzwischen auf die vierzig zuging, blond, zart und zerbrechlich – ein Püppchen, das im Manne sofort sämtliche Beschützerinstinkte geweckt habe. Und nicht nur das. Denn so zierlich Tanja auch sein mochte, bei der Vergabe eines Reizes hatte sich Mutter Natur nicht zurückgehalten und sie ganz besonders verschwenderisch damit ausgestattet – und das war ihr Busen.

Susanne nahm das alles erst einmal zur Kenntnis. Alarm geschlagen hätten ihre Frühwarnsysteme erst, als sie früher als geplant von einer Beerdigung aus Berlin zurückgekehrt war und durch das Küchenfenster beobachtete, wie Tobias von Tanja nach Hause gebracht wurde. Es war das Bergkirchweih-Wochenende, Tobias hatte mit den Kollegen einen Ausflug geplant, »nur die Männer«, hatte er ihr versichert.

»War Tanja denn auch dabei?«, fragte sie ihn verwundert, nachdem er hereingekommen war. »Nein«, habe er sich herausgeredet, »die kam zufällig vorbei und war dann so lieb, uns alle nach Hause zu fahren.« Sie hätten ja alle ziemlich gebechert, die Jungs.

Irgendwie muss sie es geahnt haben, denn kurz darauf hatte sie einen seltsamen Traum, einen doppelten eigentlich: »Ich war drogensüchtig geworden, ein Junkie, und lungerte am Bahnhof herum.« Da entdeckte sie in der Menschenmenge auf dem Bahnsteig Tobias und Tanja, die verstohlen Händchen hielten.« Beim Wachwerden habe sie sich entsetzlich elend gefühlt und Tobias im Badezimmer von dem Traum erzählt. »Du wirst bestimmt nicht drogensüchtig«, meinte er nur. Komische Reaktion. Auf das Händchenhalten ging er nicht ein.

Zutiefst beunruhigt sei sie gewesen. Und wenn das Misstrauen einen gepackt habe, wenn das Vertrauen, das ohnehin schon einmal verletzt worden war, schwinde, wenn die Zweifel alles beherrschend werden – was mache man da? »Man guckt im Handy nach«, meint Susanne und schaut uns erneut etwas schuldbewusst an: »In solchen Situationen kommt nicht das Beste in einem zum Vorschein.«

Eines Morgens, ganz früh, als er noch schlief, suchte sie sein Handy und notierte sich alle Nummern, die sie nicht kannte. »Die habe ich alle angerufen.« Schon bei der dritten Nummer meldete sich eine Frauenstimme: »Hallo, hier ist Tanja, quatsch mir auf die Mailbox.« An einem Mittwochabend um neun hatte Tobias sie angerufen. Was sollte das? Sie schaute im Terminkalender nach: An diesem Mittwoch hatte er einen Betriebsausflug gehabt. Sie lief ins Schlafzimmer, wo er immer noch schlafend im Bett lag, setzte sich auf ihn drauf und schüttelte ihn. »Warum machst du das schon wieder?« Er brauchte einen Moment, um zu sich zu kommen. Dann wurde er böse: »Bist du verrückt geworden?« Da sei nichts – ja, er habe Tanja an diesem Abend in der Tat angerufen, aber nur, weil er seine Schlüssel in der Schule vergessen hätte. Sie sei dann so hilfsbereit gewesen, sie für ihn zu holen. Als Sekretärin besaß sie ja einen Schlüssel für das Schulgebäude.

»Ich beschloss, ihm zu glauben, ich wollte ihm ja so gerne glauben.« Aber ihre Alarmglocken verstummten nicht mehr. Im Sommer fuhr er ein paar Tage für ein Motorradrennen nach Tschechien. »Wir rufen uns nicht an, das wird zu teuer«, meinte er vor der Abreise. Susanne blieb allein mit dem Kind zu Hause zurück. Und mit ihren Zweifeln, ihrem Misstrauen und der Angst. Sie rief bei Tanja an, und zwar ohne ihre eigene Nummer zu unterdrücken. Keiner nahm ab. »Aber kurz darauf rief Tobias an, obwohl wir ja abgesprochen hatten, nicht zu telefonieren.« Wollte er kontrollieren, ob die Luft rein war? Wahrscheinlich hatte Tanja ihn angerufen und gesagt: »Oje, deine Frau hat angerufen!« Möglicherweise waren sie sogar zusammen, als Tanjas Handy klingelte und beide Susannes Nummer auf dem Display erkannten.

Die Alarmglocken begannen immer schriller zu läuten. »Dann rief ich Tanjas Kollegin an, die ältere Sekretärin. Die mochte mich sehr.« Sie war gerade von ihrem Mann verlassen worden. »Entschuldige, Sybille, dass ich dich störe. Ich wollte dich etwas fragen …«, begann sie.

Doch Sybille habe sie sofort unterbrochen: »Ich weiß schon, was du fragen willst.«

»Oh, bitte nicht!«

»Oh doch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Herzensbrüche" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen