Logo weiterlesen.de
Herzen in Aufruhr

1. KAPITEL

Laura rannte. Sie wollte nur weg von diesem Mann, der nach allem, was geschehen war, einfach nicht begreifen wollte, wie sehr sie die Betreuung von Katharina quälte. Aber Alexander holte sie ein.

„Laura, bitte!“ Er hielt sie am Arm fest. „Entschuldige. Natürlich weiß ich, wie schwer für dich das Zusammensein mit Katharina ist. Aber wir haben es doch bald geschafft.“

„Bist du dir da so sicher?“

„Ja, das bin ich. Katharina lässt sich operieren, und dann können wir endlich offiziell zusammen sein.“

Doch so leicht ließ sich Laura nicht beruhigen. „Katharina plant ernsthaft, dich zurückzuerobern. Ich soll sie für dich schminken, sie fragt nach ihrem schönsten Kleid für euer gemeinsames Abendessen und schwelgt anschließend in romantischen Erinnerungen … Sie macht mich zu ihrer Komplizin, und ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann. Sie weiß nicht, dass sie meinetwegen so leidet. Ich fühle mich einfach hundsgemein.“

Alexander nahm ihre Hand. Sofort wurde ihr ganzer Körper warm und weich.

„Wir wussten beide, dass es nicht leicht wird“, sagte er.

„Ja. Aber dass es so schwer werden würde …“, entgegnete Laura traurig.

„Es sind nur noch ein paar Tage. Dann ist Katharina hoffentlich gesund. Und wir sind alle Sorgen los.“

Wie gern hätte Laura ihm geglaubt. Aber sie ahnte tief in ihrem Innern, dass Alexander es sich zu leicht machte. Die Probleme würden nicht so ohne weiteres verschwinden. Langsam fragte sie sich, ob ihr ganzes Leben womöglich unter einem schlechten Stern stand. Warum hatte sie sich damals zum Beispiel auf die Verlobung mit Lars eingelassen? Sie hatte doch gewusst, dass er nicht wirklich zu ihr passte. Und warum hatte sie sich dann in einen Mann wie Alexander verliebt? Warum war ihre Wahl nicht einfach auf jemanden wie Mike gefallen; dem Masseur, der so offen, ehrlich und freundlich war. Und vor allem: Ungebunden.

Kurze Zeit später saß Laura wieder bei Katharina und lackierte ihr die Fingernägel. Katharina war nervös. Sie sollte am nächsten Tag operiert werden.

„Ich will gar nicht an morgen denken, Laura. Aber ich möchte Ihnen etwas sagen: Ich bin so froh, dass ausgerechnet Sie sich um mich kümmern. Ich fühle mich rundum wohl bei Ihnen. Deswegen fände ich es auch schön, wenn wir nach meiner OP in Kontakt blieben.“

Laura war dankbar dafür, dass Katharina den entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht sehen konnte. Da fuhr Katharina auch schon fort: „Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, möchte ich für ein paar Wochen durch Südafrika reisen. Es ist so wunderschön dort. Warum kommen Sie nicht einfach mit?“

Laura zuckte zusammen. „Das klingt toll“, antwortete sie zögerlich. „Aber so eine Reise kann ich mir gar nicht leisten.“

„Sie sind selbstverständlich eingeladen. Und Sie würden mir eine große Freude machen.“

Laura war bestürzt über Katharinas Großzügigkeit. Und sie durfte sie jetzt auf keinen Fall vor den Kopf stoßen. „Das ist wirklich sehr lieb. Da kann ich ja fast nicht Nein sagen.“

Katharina war begeistert. „Dann sollten wir uns endlich auch duzen.“

Laura glaubte zu ersticken. Diese Frau war doch eigentlich ihre Rivalin, und doch mochte sie sie von Tag zu Tag lieber.

„Ich habe wahnsinnige Angst“, flüsterte Katharina jetzt. „Und wenn etwas schief geht? Was mache ich, wenn ich mein Leben lang blind bleibe? Dann habe ich nicht die geringste Chance, Alexander zurückzugewinnen. Er wird sich nicht mit einer behinderten Frau belasten wollen, und meine Galerie … Dann bleibt mir gar nichts mehr.“

Laura nahm ihre Hand. Was würde sie dafür geben, Katharina wirklich trösten zu können …

Am nächsten Morgen trafen Laura und Alexander sich heimlich auf ihrer Wiese. Das Morgenlicht ließ die Berge in ihrem schönsten Glanz erstrahlen, Tau lag noch auf den Gräsern. Die Schönheit des Tages wollte so gar nicht passen zu der Stimmung zwischen ihnen.

„Ich habe Angst“, sagte Laura. „Was machen wir, wenn die Operation misslingt? Wenn Katharina für immer blind bleibt? Wie soll es dann mit uns weitergehen?“

Alexander senkte den Blick. „Natürlich ist es leichter, ihr die Wahrheit zu sagen, wenn sie gesund ist. Aber wenn es nicht klappt, dann müssen wir sie trotzdem damit konfrontieren. Lass uns die Operation abwarten. Wir machen uns sonst nur verrückt.“

„Ich brauche aber jetzt Klarheit“, sagte Laura bestimmt.

Alexander hob die Schultern. „Ich weiß doch auch nicht, was wir tun sollen. Ich weiß nur eins, Laura: Ich liebe dich. Über alles. Ganz egal, was kommt.“

Die Ehrlichkeit seiner Worte brachte sie zum Lächeln. „Ganz egal?“

„Ja. Und wenn du dich auf der Stelle in ein Gänseblümchen verwandeln würdest, dann würde ich dich ganz vorsichtig ausgraben, auf meine Fensterbank stellen und dich den ganzen Tag anschauen.“

„Und ich würde wie verrückt blühen, um dir zu gefallen“, sagte sie liebevoll. Sie nahmen sich in die Arme und hielten sich ganz fest. Und Laura stellte sich vor, sie würde mit Alexander den Augenblick umarmen und so die Zeit am Vergehen hindern. Für die Dauer eines Kusses gelang es ihr.

Am Vormittag besuchte Alexander Katharina.

„Wie geht es dir?“, fragte er ehrlich besorgt.

Sie zuckte mit den Schultern. „Wie soll es mir an einem Tag wie heute schon gehen?“

Vorsichtig nahm er ihre Hand. „Hab’ keine Angst“, versuchte er sie zu beruhigen.

„Aber wenn es nicht klappt, Alexander, was soll dann aus mir werden? Ich müsste meine Galerie aufgeben und wäre den Rest meines Lebens auf fremde Hilfe angewiesen.“ Sie klammerte sich verzweifelt an ihn.

„Es wird sich alles finden.“

„Nichts wird sich finden“, rief Katharina. „Ich wäre ein Krüppel, der anderen zur Last fällt. Ich könnte nie wieder arbeiten, nie wieder auf ein Pferd steigen … Und ob ich je einen Mann finde, der mich trotz meiner Behinderung liebt …“ Sie brach ab. Eine Träne lief ihr über die Wange. Alexander zog sie an sich und flüsterte liebevoll:

„Katharina, du bist und bleibst eine wunderschöne Frau, egal, was passiert.“ In seiner Umarmung entspannte Katharina sich sofort. Als Alexander ihr über die Haare strich, hob sie den Kopf und küsste ihn zärtlich auf die Wange. Sie bemerkte nicht, wie sehr ihn diese Nähe überforderte.

Laura half ihr mit dem Mittagessen. Katharina wirkte viel gelöster als am Tag vorher.

„Ich hoffe, ich habe dich gestern nicht sehr verschreckt, Laura“, sagte sie. „Ich war so aufgeregt und deprimiert. Aber inzwischen glaube ich fest daran, dass es wieder bergauf geht.“ Laura freute sich ehrlich über ihre Zuversicht. Aber da fuhr Katharina fort: „Vielleicht gibt es für mich und Alexander doch noch eine Zukunft.“

Laura starrte sie schockiert an. „Wie kommst du darauf?“

„Vorhin hat er mich ganz fest in den Arm genommen, um mich zu trösten. Wir saßen ein paar Minuten eng umschlungen einfach nur da … Laura, das hat mir so unendlich gut getan.“

Laura schluckte. Das Bild, das Katharina in ihr heraufbeschwor, tat weh. Und direkt hinter dem Schmerz lauerte die Angst, Alexander erneut zu verlieren. Aber Katharina war noch nicht fertig. „Ich bin sicher, er hat es genauso empfunden wie ich. Da war mit einem Mal alles wieder da. Die Nähe, die uns verbindet, die Vertrautheit …“ In Lauras Kopf explodierten die Gedanken, während Katharina weitersprach. „Es heißt doch, Liebe kann Berge versetzen. Es ist wirklich so. Seit ich wieder hoffen kann, habe ich keine Angst mehr.“

Katharina schien eine Antwort zu erwarten. Aber was sollte sie sagen? Sie war kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, einen vernünftigen Satz zu formulieren. „Es ist … Es kommt ziemlich … überraschend“, stotterte sie schließlich.

„Für mich auch“, meinte Katharina. „Ich hatte Alexander schon fast aufgegeben. Aber jetzt ist es, als würde ich vor einer Tür stehen, die ich nur wieder öffnen muss. Und wenn ich den Mut dazu finde, werde ich reichlich belohnt …“ Sie blickte verträumt vor sich hin. Laura benötigte ihre ganze Kraft, um Haltung zu bewahren.

Sie musste Alexander finden. Er saß auf der Terrasse und strahlte, als er Laura sah.

„Am liebsten würde ich dich auf der Stelle küssen. Hier in aller Öffentlichkeit, ganz egal, was die Leute sagen.“

Aber Laura konnte auf seinen liebevollen Ton nicht eingehen. Sie fragte ihn, wieso Katharina sich wieder so große Hoffnungen machte. Er überlegte kurz.

„Das weiß ich nicht. Ich habe sie heute nur kurz in den Arm genommen, um ihr die Angst vor der OP zu nehmen. Es war ganz harmlos.“

„Hat aber offensichtlich zu einem Missverständnis geführt“, entgegnete Laura heftig. „Alexander, wenn du mit meinen Gefühlen spielst, würde ich das einfach nicht ertragen …“

Er blickte sich alarmiert um. Aber niemand hatte Lauras Ausbruch bemerkt.

„Es ist mir egal, ob uns jemand hört“, fuhr Laura aufgebracht fort. „Ich stürze täglich von einem Gefühlschaos ins nächste. Ich habe es so satt. Ich kann nicht mehr.“

Nun schien es auch Alexander egal zu sein, was die Leute dachten. Zärtlich nahm er Lauras Hand.“ Ich habe Katharina keinen Grund gegeben, auf einen Neuanfang zu hoffen. Sie muss sich da völlig verrannt haben. Ich verstehe nicht, was in ihr vorgeht …“ Und dann sah er Laura lange in die Augen. „Ich könnte dich nie betrügen, Laura. Vertrau’ mir bitte.“

Ihr Herz begann wie wild zu klopfen. Dieser Mann liebte sie wirklich genauso sehr wie sie ihn. Katharina hatte keine Chance.

Alexander begleitete Katharina am Nachmittag ins Krankenhaus. Kurz bevor sie ins Auto steigen sollte, blieb sie stocksteif stehen.

„Ich kann das nicht“, flüsterte sie. In ihrer Stimme lag das blanke Entsetzen.

„Natürlich kannst du das“, sagte er sanft. „Du bist stark, du bist tapfer. Du bist doch eine Kämpfernatur, Katharina.“

„Danke, dass du da bist“, erwiderte sie. „Wirst du mich in der nächsten Zeit besuchen?“

„Jeden Tag“, versprach er.

„Fragst du Laura auch?“, bat Katharina. „Ich würde mich so freuen.“

„Sie kommt bestimmt“, sagte er.

Laura war von ihrem letzten Zusammensein mit Alexander so beflügelt, dass sie auch endlich die Kraft fand, das Gespräch mit Robert Saalfeld zu suchen. Sie wollte dem Küchenchef einen Vorschlag machen. Mike hatte sie auf den Concours Cuisine hingewiesen, einen internationalen Kochwettbewerb, bei dem die Teilnehmer ein Drei-Gänge-Menü zubereiten mussten. Laura wollte Robert fragen, ob sie sich nicht als Team bewerben sollten; er wäre zuständig für die Vorspeise und das Hauptgericht, sie selbst für das Dessert. Aber ihr Chef war nicht begeistert von dem Vorschlag.

„Das ist völlig unrealistisch“, sagte er. „Bei diesem Wettbewerb beteiligt sich alles, was Rang und Namen hat. Die Kollegen stecken längst in intensiven Vorbereitungen, ich habe kein Interesse daran, mich zu blamieren.“ Laura war klar, dass sie wenig Zeit hatten. Aber man musste im Leben doch auch mal was riskieren. Das behauptete Tanja zumindest dauernd. Doch Robert blieb unerbittlich: „Schlagen Sie sich diese Schnapsidee aus dem Kopf!“

Umso überraschter war Laura, als Robert ihr wenige Stunden später mitteilte, dass er doch an dem Wettbewerb teilnehmen wollte. Aber bevor sie ihre Freude darüber ausdrücken konnte, unterbrach er sie: „Ich werde an dem Kochwettbewerb teilnehmen“, sagte er mit einem zynischen Lächeln. „Und zwar ohne Sie, Frau Mahler.“

Laura starrte ihn entgeistert an. „Es ist nicht fair, wenn Sie mich nicht mitmachen lassen. Schließlich habe ich Sie erst auf den Gedanken gebracht.“

„Sie haben es vor allem vorgeschlagen, weil Sie durch mich Karriere machen wollen. Aber ich brauche keine Trittbrettfahrer“, erwiderte Robert scharf.

Laura war zu enttäuscht, um darauf etwas entgegnen zu können.

Als sie Tanja und Mike von dem Gespräch mit dem Küchenchef erzählte, fanden beide, dass sie mit Herrn Saalfeld senior über den Wettbewerb reden sollte. Aber Laura schüttelte nur den Kopf. Dann müsste sie schlecht über Robert sprechen, und das war einfach nicht ihr Stil. Aber Werner Saalfeld kam ihr auch so zu Hilfe. Sobald er von Roberts Plan, am Concours Cuisine teilzunehmen, erfahren hatte, hielt er es für eine Selbstverständlichkeit, dass Laura das Dessert übernahm. So unter Druck gesetzt, blieb Robert nichts anderes übrig, als der gemeinsamen Bewerbung zum Concours Cuisine zuzustimmen. Laura fiel dem verblüfften Küchenchef um den Hals, als sie die Neuigkeit vernahm. Und Werner Saalfelds Blick ruhte wohlwollend auf den beiden, die ja nicht ahnen konnten, dass sie in Wirklichkeit Geschwister waren.

Ansonsten hatte Werner allerdings wenig Anlass zur Freude. Hildegard Sonnbichler hatte es gewagt, um eine Gehaltserhöhung nachzusuchen. Auch sie wäre schließlich eine langjährige und loyale Mitarbeiterin des „Fürstenhofs“, nicht nur ihr Mann, hatte sie gesagt. Als Werner ihn darauf ansprach, behauptete der Portier zwar steif und fest, seiner Frau nichts von dem Telefonat mit Cora erzählt zu haben, aber Werner konnte sich einfach nicht sicher sein, ob das auch stimmte. Darüber hinaus schien seiner Geliebten die Vorstellung sogar zu gefallen, dass ihr beider Verhältnis auffliegen würde.

„Irgendwann kommt doch sowieso alles auf den Tisch. Mach’ Charlotte nicht länger etwas vor“, sagte Cora, als er sie in ihrer Wohnung besuchte.

Um sie vom Thema abzulenken, zog er ein kleines Etui aus seiner Tasche. Darin befand sich ein funkelnder Diamantring. Cora lächelte und streifte ihn über den Finger.

„Danke. Ein Verlobungsring?“

„Der wievielte Ring ist das, den ich dir schenke?“, erwiderte er betont liebenswürdig.

„Der vielzuvielte“, antwortete sie kalt. „Ich meine es ernst. Ich brauche keine Ringe von dir. Der eine richtige würde genügen.“ Und damit zog sie den Ring vom Finger und gab ihn Werner zurück.

Xaver und Marie waren in den letzten Tagen ausschließlich miteinander beschäftigt gewesen. Sie hatten romantische Spaziergänge unternommen und waren sich dabei immer näher gekommen. Xaver sprang die Verliebtheit nur so aus den Augen, und auch die Portierstochter strahlte über das ganze Gesicht, obwohl Tanja und ihr Vater sie immer wieder vor Xaver zu warnen versuchten. Erst als eine fremde junge Frau im Fürstenhof ankam, und vom Pagen in ihrem Hotelzimmer besucht wurde, erwachte ihr Misstrauen. Aber auch das Problem war schnell gelöst: Es handelte sich um Theresa, Xavers Schwester, die sich für ein paar Tage von einem Fotoshooting erholen wollte. Marie war sehr erleichtert, aber Xaver war gekränkt, dass sie ihm offenbar nicht vertraute.

„Denkst du wirklich, ich bin so ein mieser Casanova?“, fragte er sie, nachdem Theresa zu einem Massagetermin verschwunden war. Marie schüttelte zerknirscht den Kopf. „Es stimmt, ich war schon mit ein paar Frauen zusammen. Aber was ich dir jetzt sage, habe ich noch keiner gesagt … Ich liebe dich.“

Marie lächelte und ließ sich in seine Arme fallen.

Die Anwesenheit von Xavers Model-Schwester brachte noch jemanden im Fürstenhof durcheinander: Als Robert die Schönheit entdeckte, stockte ihm beinahe der Atem. Er ging direkt auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen: „Robert Saalfeld. Ich bin der Chefkoch hier. Und ich würde Sie gern zum Essen einladen.“ Theresa reagierte ausgesprochen geschmeichelt. Er kochte in seiner Privatwohnung für sie. Der Tisch in seinem Wohnzimmer war für ein romantisches Dinner gedeckt, Kerzen brannten, und im Eiskühler wartete eine Flasche Champagner. Theresa war hingerissen von dem Fünf-Gänge-Menu, das er für sie gezaubert hatte.

„Das war großartig“, seufzte sie und leckte genüsslich den Dessertlöffel ab. „Du bist ein Zauberer.“

„Dann glaubst du mir sicher auch, dass ich noch ganz andere Fähigkeiten besitze …“, sagte Robert leise.

Sie ging sofort auf seinen Ton ein. Nach einer Weile setzte er sich neben sie und küsste sie. Theresa ließ es geschehen, der Kuss wurde schnell leidenschaftlicher. Mit einer Handbewegung streifte er ihr Kleid von den Schultern, während ihre Finger schon dabei waren, sein Hemd aufzuknöpfen. Und dann führte er sie in sein Schlafzimmer.

2. KAPITEL

Laura saß am Krankenhausbett von Katharina, die am nächsten Tag operiert werden sollte.

„Lieb von dir, dass du nach deinem Dienst noch hergekommen bist“, sagte Katharina und streckte die Hand nach ihr aus. Laura musste sie einfach nehmen, so schwer es ihr auch fiel. „Wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber ich habe das Gefühl, ich kann dir alles anvertrauen“, fuhr Katharina fort. „Deswegen habe ich auch eine Bitte an dich. Ich würde Alexander gern einen Brief schreiben …“

„Einen Abschiedsbrief?“, fragte Laura.

Katharina nickte.

„Falls morgen etwas schief läuft. Vielleicht bin ich ja hinterher nicht mehr dieselbe …“ Sie brach ab, Angst stand in ihrem Gesicht. Nach einer beklemmenden Pause bat sie Laura, Papier und Stift zu holen. Und dann begann sie zu diktieren: „Liebster Alexander, falls Laura dir diesen Brief gibt, ist die Operation misslungen. Aber ich schreibe dir das, solange ich noch klar bei Verstand bin und ausdrücken kann, was mich bewegt. Denn ich möchte, dass du eines weißt, jetzt und für immer: Alexander, ich liebe dich.“ Laura brach beinahe das Herz, als sie diese Sätze zu Papier brachte. Katharina sprach weiter: „Selbst wenn ich vielleicht nie mehr die Katharina sein werde, die du gekannt hast, die du geliebt hast – bitte behalte mich so in Erinnerung, wie ich einmal war. In unseren schönen, unseren glücklichen Zeiten.“

Eine Träne tropfte auf das Papier. Laura war verzweifelt; das Mitgefühl für Katharina zerriss sie beinahe.

„Jedes Mal, wenn ich bei ihr bin, komme ich mir noch schäbiger vor“, sagte sie zu Alexander, als sie ihn am nächsten Morgen traf.

„Das musst du nicht“, entgegnete er. „Es dauert nicht mehr lange, dann kann Katharina wieder sehen, ich sage ihr die Wahrheit und …“

„Dann kommt sie vom Regen in die Traufe“, meinte Laura bitter. „Wir werden frei sein, aber auf ihre Kosten. Wenn du mich nicht kennen gelernt hättest …“

Alexander fiel ihr ins Wort: „Hör’ auf, dir einzureden, du wärst Schuld an ihrem Unglück! Wir stehen das zusammen durch, versprochen.“ Er zog sie in seine Arme. Laura vergrub ihren Kopf an seiner Schulter.

„Sie leidet so sehr und versucht so tapfer zu sein“, murmelte sie.

„Liebste … Es tut mir so Leid, dass ich dich in all das mit hineingezogen habe.“ Alexanders Stimme war sanft und zärtlich.

„Ich habe mich ja hineinziehen lassen!“ Laura hob den Kopf. „Man kann nun mal kein Omelett backen, ohne ein Ei zu zerschlagen“, versuchte sie, sich und Alexander Mut zu machen. „Wir können nichts dafür, dass wir uns lieben. Und wir hatten nie die Absicht, jemandem wehzutun.“

„Ganz genau“, bekräftigte er. Und dann versanken sie in einer innigen Umarmung und versuchten, einander so viel Kraft zu geben, wie sie nur konnten.

Kurz darauf fuhr Alexander ins Krankenhaus. Katharina wurde gerade auf die Operation vorbereitet und stand bereits unter einer leichten Betäubung. Dennoch war ihr die Freude über seine Anwesenheit deutlich anzumerken. Sie konnte nur mit Mühe sprechen. „Laura hat einen Brief für dich …“

„Psst. Zerbrich dir deswegen nicht den Kopf. Ich kümmere mich um alles, keine Angst“, flüsterte er.

„Laura …“, murmelte Katharina, „kommt sie noch?“

„Nein, aber sie lässt dich grüßen.“ Laura hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sie es einfach nicht über sich brächte, Katharina schon wieder zu besuchen.

„Sie ist so ein Schatz. Du und Laura … wenn mir was passiert … du kümmerst dich …“, hauchte sie.

Alexander blickte zu Boden. Katharina streckte die Hand nach ihm aus.

„Das wird schon alles“, sagte er nun sanft. „Schlaf’ jetzt, Katharina. Schlaf’ einfach.“

Sie schloss die Augen. Die Betäubung begann zu wirken. Als man sich anschickte, ihr Bett aus dem Zimmer zu schieben, gab er ihr noch einen letzten Kuss auf die Stirn.

„Ich denke an dich“, sagte er leise.

Die Operation verlief ohne Komplikationen. Aber es würde zwei Tage dauern, bevor feststand, ob Katharina wieder sehen konnte.

Alexander saß an ihrem Bett, als sie wieder zu sich kam. „Das Schlimmste hast du hinter dir“, sagte er.

Katharina murmelte etwas Unverständliches.

„Meine Eltern lassen herzlich grüßen. Robert auch. Die Sonnbichlers, Laura … Alle denken an dich und wünschen ‚Gute Besserung‘. Und mit deiner Mutter habe ich auch gesprochen. Sie ruft dich an, sobald du telefonieren kannst.“

„Danke“, erwiderte Katharina mühsam. „Und danke, dass du da bist …“

Alexander streichelte ihr zärtlich die Wange. „Das ist doch selbstverständlich. Ruh’ dich aus. Das ist alles, was du jetzt zu tun hast. In zwei Tagen wissen wir, was die Operation bewirkt hat.“

„Hoffentlich kann ich dann wieder…“

Er unterbrach sie. „Ja. Wart’s ab, alles wird gut.“

Katharina schien für einen kurzen Moment ganz wach zu sein und fragte mit erstaunlich klarer Stimme: „Alles? Wirklich alles?“

„Wenn ich mir vorstelle, Katharina liegt da ganz allein …“, sagte Laura schaudernd, als Alexander ihr von seinem Krankenhausbesuch erzählte. „Meinst du, sie hat große Schmerzen?“

„Es war keine leichte Operation“, entgegnete er. Nach einer kurzen bedrückten Stille fügte er hinzu: „Sie freut sich immer, wenn du sie besuchst.“ Laura nickte. „Gehst du zu ihr?“

„Ich schäme mich so“, erwiderte sie bedrückt. „Sie vertraut mir, und ich betrüge sie. Aber natürlich werde ich sie besuchen.“

Alexander zog sie an sich. Es war nicht zu übersehen, wie viel Überwindung Laura diese Zusage kostete. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an ihn, und plötzlich schossen ihr die Bilder ihrer ersten Begegnung im Englischen Garten durch den Kopf. Was für ein Wunder war da geschehen! Ein Geschenk des Himmels war diese Liebe, auch wenn sie Lauras Leben gründlich auf den Kopf gestellt hatte. Nachdem sie sich nur sehr widerwillig von Alexander verabschiedet hatte, schlenderte sie über den Vorplatz zum Hotel. Plötzlich sah sie am Boden etwas glitzern. Sie beugte sich hinunter und entdeckte Katharinas Verlobungsring. Laura erschrak, als sie begriff, was sie da gefunden hatte. War das ein gutes oder ein schlechtes Omen? Würde Katharina gesund werden? Oder symbolisierte dieser Ring womöglich eine neue Verbindung zwischen ihr und Alexander? Laura spürte, wie ihr eine Gänsehaut den Rücken herunterlief.

Am nächsten Tag fuhr sie wieder ins Krankenhaus. Katharina strahlte vor Glück, als Laura ihr den wiedergefundenen Ring übergab.

„Das ist ein Zeichen“, sagte sie „dass Alexander und ich wieder zusammenkommen. Jetzt wird alles gut.“ Laura betrachtete sie schuldbewusst. Und es kam noch schlimmer. „Es ist so schön, dass du hier bist“, fuhr Katharina fort. „Mir kommt es so vor, als ob wir uns schon ewig kennen würden. In den paar Wochen bist du mir eine richtige Freundin geworden.“ Sie drückte ängstlich Lauras Hand. „Und das bleibst du doch auch? Auch wenn die Operation …“

Lauras Herz wurde bleischwer. Katharina hatte Angst, trotz der Operation nicht mehr sehen zu können. Und sie bat auch für diesen Fall um Lauras Freundschaft. Wie hätte sie ihr eine solche Bitte abschlagen können?

„Ganz sicher“, versprach sie und fühlte sich schrecklich dabei.

Zurück im Hotel teilte Alfons Sonnbichler ihr mit so viel Missbilligung, wie ihm nur möglich war, mit, dass der Juniorchef in seiner Wohnung auf sie wartete. Laura fühlte sich ungerecht behandelt.

„Sagen Sie doch rundheraus, was Sie meinen. Sie wissen doch Bescheid über uns. Sie haben uns seinerzeit vor der Entdeckung bewahrt und nie ein Sterbenswörtchen darüber verloren.“

Alfons räusperte sich. „Es steht mir nicht zu, über Sie oder den jungen Herrn Saalfeld zu urteilen. Aber Sie haben eine Menge Unruhe in den ‚Fürstenhof‘ gebracht. Und Sie haben es in der Hand, eine Entscheidung zu treffen.“ Laura sah ihn fragend an. „Sie tragen eine Verantwortung!“, setzte der Portier nach. „Für sich und für andere. Und dieser Verantwortung sollten Sie sich bewusst sein. Sie dürfen die Dinge nicht einfach laufen lassen. Sonst kehrt nie Ruhe ein.“ Laura nickte zustimmend und sah dabei gleichzeitig so traurig aus, dass es selbst Alfred Sonnbichler ans Herz ging.

„War’s sehr schlimm im Krankenhaus?“, wollte Alexander wissen, als Laura erschöpft in einen seiner Wohnzimmersessel sank.

„Katharina glaubt, sie ist meine Freundin. Was sie ja unter normalen Umständen auch wäre. Wir verstehen uns wirklich gut.“

„Es ist aber auch vertrackt.“ Alexander seufzte.

Laura erzählte ihm von dem Gespräch, dass sie gerade mit Alfons geführt hatte. „Wir müssen eine Entscheidung treffen, Verantwortung übernehmen“, wiederholte sie die Worte des Portiers.

„Aber das tun wir doch“, meinte Alexander. „Wir kümmern uns um Katharina. Mehr geht nicht. Wir müssen das Beste aus der Situation machen.“ Er trat hinter sie und begann, ihren Nacken zu massieren. „Wichtig ist doch nur, dass wir uns lieben.“ Seine Berührungen wurden fordernder. Laura wehrte ab.

„Bitte, Alexander … Mir steht jetzt nicht der Sinn danach.“

„Es hilft niemandem, wenn wir rumhängen wie Trauerklöße“, sagte er verstimmt.

Laura sprang auf. „Du begreifst überhaupt nicht, wie es mir geht! Ich bin vollkommen fertig. Ich habe riesige Schuldgefühle. Und du denkst nur an …“

Er begriff sofort, dass er nun einen Fehler gemacht hatte. Aber bevor er sich dafür entschuldigen konnte, hatte Laura schon wütend den Raum verlassen. Ihr wuchs einfach alles über den Kopf. Katharina verfolgte sie bis in ihre Träume, und dass sie den Verlobungsring gefunden hatte, machte ihr noch immer eine Heidenangst. Was wollte das Schicksal ihr damit nur sagen? Dass sie gehen sollte, weil sie alles durcheinander brachte? Aber wenn das Schicksal das wollte, hätte es sie doch erst gar nicht zu Alexander geführt … Und neben all dem musste sie sich auch noch auf den Kochwettbewerb vorbereiten. Das erste Menu, das Robert und sie gemeinsam kreiert hatten, war von Cora Franke zwar sehr für seine Qualität gelobt wurden, aber die PR-Managerin hatte sie gleichzeitig darauf hingewiesen, dass ihre Rezepte nicht originell genug waren, um den Concours Cuisine zu gewinnen. Seitdem versuchten Laura und Robert sich gemeinsam an einer Schokoladensoße, die zum Fleisch gereicht werden sollte. Doch das Ergebnis war noch weit davon entfernt, befriedigend zu sein, geschweige denn gut. Laura stöhnte auf. Die kommenden Tage standen vor ihr wie ein unbezwingbarer Berg. Wie sollte sie das alles nur schaffen? Ihre Oma hatte immer gesagt: „Weglaufen gilt nicht.“ Und daran würde sie sich halten.

Als Alexander sich am nächsten Morgen bei ihr für seine mangelnde Sensibilität entschuldigen wollte, reagierte sie kurz angebunden. „Entschuldigung angenommen. War’s das?“

Alexander hob perplex die Augenbrauen. Doch bevor er etwas konnte, fuhr sie fort: „Bitte, Alexander, ich kann nicht mehr. Da wir im Moment keine grundsätzlichen Entscheidungen treffen können, muss ich einen Schritt nach dem anderen tun. Der nächste ist der Concours Cuisine. Darauf muss ich jetzt all meine Kräfte konzentrieren.“

Alexander verstand. Liebevoll streichelte er ihr über den Rücken.

„Sonst schaffe ich es wirklich nicht …“, flüsterte Laura und riss sich dann von ihm los.

Während er Laura nachsah, spürte er auf einmal, dass Alfons Sonnbichler ihn beobachtete. Alexander fasste sich ein Herz. Er kannte den Portier seit seiner Kindheit. Vielleicht hatte er ja einen Rat für ihn.

„Darf ich Sie bitte etwas fragen, Alfons? Von Mann zu Mann?“, begann er. Der Portier blickte ihn skeptisch an. „Ich muss eine Entscheidung treffen. Das hätte ich eigentlich schon lange tun sollen … Aber es geht nicht. Was ich auch mache, immer tue ich jemandem weh.“

„Es geht um die Entscheidung zwischen Frau Mahler und Frau Klinker-Emden?“, fragte Alfons rundheraus.

„Ja. Nein. Eigentlich ist sie schon gefallen. Und dann auch wieder nicht. Ich fürchte mich vor den Konsequenzen“, druckste Alexander herum.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Die Lösung müssen Sie ganz allein finden“, meinte der Portier. „Das Einzige, was ich genau weiß, ist: Sorgen Sie für klare Verhältnisse. Sonst kommt nichts Gutes dabei heraus.“ Und damit verabschiedete sich Alfons, dem dieses Gespräch sichtlich unangenehm war. Aber auf ihn wartete schon die nächste unangenehme Unterhaltung, denn wenig später trat Cora Franke an die Rezeption, um einen Brief für Frau Saalfeld zu hinterlegen. „Wenn Sie bitte nicht vergessen, den Charlotte zu geben“, sagte die PR-Managerin.

„Ich werde daran denken“, antwortete Alfons kühl.

Cora lachte ein falsches Lachen. „Wie konnte ich daran zweifeln … Sie sind doch die Zuverlässigkeit in Person. Bewundernswert. Und wie viel Sie wissen. Von mir und Ihrem lieben Herrn Direktor zum Beispiel … und schweigen dennoch.“

Der Portier sah sie unverwandt an.

„Sie sehen so aus, als würden Sie immer nur den geraden Weg gehen“, fuhr Cora fort, „aber die Gehaltserhöhung haben Sie angenommen, auch wenn Sie dafür lügen müssen …“

Alfons biss die Zähne zusammen. Die Worte der PR-Frau lösten unterschiedlichste Gefühle in ihm aus. Man konnte ihm ansehen, wie es in ihm arbeitete.

„Auf Wiedersehen“, flötete Cora. „Und vergessen Sie nicht, die liebe Frau Saalfeld von mir zu grüßen.“

Als er Charlotte durch die Lobby gehen sah, bat Alfons sie zu sich. Er gab ihr den Brief von Cora Franke, aber Charlotte bemerkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Du guckst so komisch, Alfons“, sagte sie freundlich.

„Ist irgendwas?“ Sie überflog die Unterlagen und sagte: „Cora ist bewundernswert. Denkt immer mit. Wenn man sie gerade um etwas bitten will, hat sie es schon erledigt. Wirklich vorausschauend.“

Der Portier holte tief Luft. „Oder berechnend.“

Charlotte sah ihn verwundert an.

„Es gibt da etwas, worüber ich mit dir reden möchte …“

„Geht es um Cora?“, fragte sie. „Ich glaube, du denkst zu schlecht von ihr. Berechnend, das ist so ein negatives Wort. Sie überlässt nur einfach nichts dem Zufall. Selbst wenn sie etwas scheinbar einfach nur so dahinsagt, ist es immer wohl überlegt.“

Alfons stutzte. „Du meinst, bei Frau Franke steckt hinter allem eine Absicht?“

Charlotte nickte. Daraufhin behauptete er schnell, dass es doch nichts so Wichtiges gäbe, und verabschiedete sich.

Er entdeckte Cora Franke auf dem Vorplatz und ging direkt auf sie zu. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Frau Franke. Dafür, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.“ Die PR-Managerin starrte ihn verständnislos an. „Ich lasse mich nicht zum Handlanger machen. Wenn Sie eine Bombe platzen lassen wollen, müssen Sie das schon selbst tun. Aber das können Sie ja nicht. Weil Sie wissen, dass der Chef Ihnen das niemals verzeiht und Sie dann in die Wüste schickt.“ Alfons hatte bei diesen Worten nicht einmal die Stimme erhoben, er war wie immer der Inbegriff der Höflichkeit. Aber der Hieb hatte gesessen. Cora Franke rang sichtlich um Fassung.

3. KAPITEL

Nach der leidenschaftlichen Liebesnacht mit Theresa war Robert Saalfeld blendender Laune. Er setzte sich zu ihr, als sie auf der Terrasse frühstückte.

„Erzähl mir was von dir!“, bat er. „Wie bist du eigentlich auf den ‚Fürstenhof‘ gekommen? War das eine Empfehlung?“

„Ja“, antwortete Theresa, „von meinem Bruder. Der arbeitet hier.“

Robert dachte nach. Ihm fiel niemand ein, der ihr auch nur annähernd ähnlich sah. Als er hörte, dass der Page Xaver Steindle ihr Bruder war, reagierte er verblüfft, fing sich jedoch gleich wieder. Die beiden verabredeten sich für den Abend, woraufhin Robert sich mit einem Kuss von ihr verabschiedete.

Marie hatte die Szene von weitem beobachtet und verspürte einen schmerzhaften Stich im Herzen, als sie ihren Ex-Freund so zärtlich mit Xavers Schwester umgehen sah.

Und auch Xaver gefiel es nicht, als Theresa ihm berichtete, dass sie ausgerechnet im Küchenchef einen neuen Verehrer gefunden hatte.

„Oje“, seufzte er. „Damit kommt hier wahrscheinlich einiges durcheinander. Und ich muss es ausbaden.“

Seine Schwester reagierte erstaunt. „Nur weil ich eine Nacht mit dem Koch verbracht habe?“

„Du hast mit ihm geschlafen?“, fragte Xaver schockiert.

Sie zuckte die Schultern. „Was ist daran schlimm?“

Aber bevor er ihr das hätte erklären können, musste sie schon zu einem Kosmetiktermin. Als er auf einen Sprung bei Marie im Souvenirshop vorbei schaute, wirkte seine Freundin gereizt. Xaver wusste mittlerweile, wie man sie zum Lachen brachte und stahl ihr sogar einen Kuss in aller Öffentlichkeit. Danach allerdings wurde Marie gleich wieder ernst.

„Du könntest dich ein bisschen mehr um deine Schwester kümmern“, meinte sie. „Sie ist drauf und dran, Robert auf den Leim zu gehen.“

„Zu spät“, erwiderte Xaver, „schon passiert.“

Marie stand der Schock ins Gesicht geschrieben. „Du meinst, die beiden haben miteinander …“ Er nickte. Marie schossen die Tränen in die Augen. „Dieses Schwein, dieses miese Schwein!“

Xaver versuchte, sie zu beruhigen, aber sie wehrte alle seine Bemühungen ab, bis er schließlich einen Schritt zurücktrat.

„Du bist eifersüchtig“, stellte er traurig fest.

„Quatsch!“, brüllte Marie ihn an.

„Natürlich bist du das! Und das kann nur bedeuten, dass du Robert immer noch liebst!“

„Red’ kein dummes Zeug“, schimpfte Marie. „Lass mich einfach allein.“

Unglücklich und enttäuscht verließ er den Laden. Nach dem Kosmetiktermin traf er seine Schwester, die ihn sanft in den Arm nahm. „Es tut mir Leid, dass ich so ein Durcheinander angerichtet habe. Aber ehrlich gesagt bin ich auch etwas erstaunt.“

„Worüber denn?“, fragte Xaver.

„Bisher hast du dich immer aus dem Staub gemacht, wenn du das Wort ‚Beziehung‘ nur gehört hast. Du musst Marie wirklich sehr mögen.“

Xaver lächelte nur.

Theresa beschloss, keine weitere Nacht mehr mit Robert Saalfeld zu verbringen.

Der Küchenchef war alles andere als begeistert, als die schöne Schwester des Pagen seine Einladung zu einem weiteren Abendessen ausschlug. Aber Theresa lag das Wohl ihres Bruders am Herzen. Deshalb suchte sie auch das Gespräch mit Marie.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du mit Robert zusammen warst, hätte ich den Teufel getan, was mit ihm anzufangen.“

Maries Gesicht wurde versöhnlich. „Konntest du ja nicht ahnen.“

„Es wird auch keine zweite Nacht geben. Aber mich ärgert, dass Xaver so durch den Wind ist.“ Marie blickte sie fragend an. „Weil er dich liebt. Mein Bruder ist wie ausgewechselt. Und der Grund dafür bist du.“

Nachdem Theresa den Laden verlassen hatte, blieb Marie eine Weile nachdenklich sitzen. Dann machte sie sich auf die Suche nach Xaver.

„Ich möchte mich entschuldigen. Das war total blöd von mir. Ich war nur eifersüchtig, weil ich noch nicht ganz über Robert hinweg bin. Aber das heißt auf keinen Fall, dass ich ihn zurückwill.“

Xaver runzelte schweigend die Stirn.

„Ich weiß ganz genau, dass ich von Robert nichts mehr will. Aber trotzdem versetzt es mir einen Stich, wenn ich ihn mit anderen Frauen sehe. Kannst du das verstehen?“

Noch immer sagte er nichts.

„Ich muss doch ehrlich sein“, flüsterte sie, „ich will dich doch.“

Da zog Xaver sie in seine Arme, ihre Lippen fanden sich zu einem langen, unendlich zärtlichen Kuss.

Alexander stattete Katharina einen weiteren Besuch im Krankenhaus ab. Sie begrüßte ihn freudig und aufgeregt.

„Ich weiß nicht, ob das was bedeutet, aber heute Morgen habe ich ein paar Lichtblitze gesehen!“

Alexander freute sich von Herzen über diese Nachricht. „Was sagt denn Professor Meixner dazu?“

„Der war heute noch nicht hier. Und ich habe ihn nicht rufen lassen, weil ich Angst hatte vor dem, was er sagen könnte …“ Sie tastete nach seiner Hand. An ihrem Finger erkannte Alexander den Verlobungsring und spürte, wie Entsetzen in ihm hochstieg. Warum hatte sie diesen symbolträchtigen Schmuck nur wieder angelegt?

„Jetzt bist du hier und stehst das mit mir durch“, sagte Katharina. „Weißt du eigentlich, dass es nur zwei Menschen gibt, die ich auch blind erkenne? Dich und Laura.“

Alexander sah aus dem Fenster. In seinem Blick lag Verzweiflung.

Seine Mutter bemerkte sofort, wie mitgenommen Alexander war, als er sie nach dem Krankenhaus zu einem Spaziergang abholte.

„Ich komme schon klar“, wehrte er Charlottes besorgte Fragen ab. „Sag mir lieber, was mit dir ist.“

„Bei mir ist alles wieder in Ordnung“, entgegnete sie. „Sicher, es ist schon merkwürdig, wenn einem der eigene Ehemann nach fast dreißig Jahren eine Affäre beichtet … Für einen Moment habe ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, hier alles stehen und liegen zu lassen und einfach wegzugehen.“

Alexander hörte sehr aufmerksam zu.

Es erschien mir der große Befreiungsschlag zu sein, alles hinter mir zu lassen“, fuhr seine Mutter fort. „Ich glaube, wenn ich jünger gewesen wäre, hätte ich es gemacht. Aber jetzt? Ich bin hier geboren und groß geworden. Und letztlich zählen die dreißig Jahre, die ich mit Werner gelebt habe, mehr als ein einziger Fehltritt.“

„Ich bin froh, dass du geblieben bist“, sagte Alexander. Aber mit seinen Gedanken war er schon woanders.

„Ich habe die Lösung!“, platzte er heraus, als er Laura endlich in der Laube gefunden hatte. „Wir verschwinden. Nur wir beide. Wir lassen alles hinter uns!“

Laura schüttelte perplex den Kopf. „Wie bitte? Und der Fürstenhof?“

„Egal. Der läuft auch ohne uns. Ich habe keine Lust mehr, auf alles und jeden Rücksicht zu nehmen. Komm, wir fangen ein neues Leben an, und zwar sofort. Wie lange brauchst du zum Packen?“

Sie sah ihn fassungslos an. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch. Ich bin genau wie du dieses ganze Versteckspiel leid. Pack’ deine Sachen, und wir fahren einfach los. Ich will dich endlich im Arm halten, ohne ständig Panik zu haben, dass uns jemand sieht.“ Alexanders Stimme wurde immer eindringlicher. „Ich weiß, das kommt für dich jetzt überraschend, aber ich habe endlich auch verstanden, wie du dich fühlst … das alles hier einfach zuviel für dich ist.“ Laura nickte. „Und deshalb müssen wir weg, egal wohin. Einfach irgendwo neu anfangen, nur du und ich.“

Laura war immer noch sprachlos; aber langsam begriff sie, wie sehr Alexander sie lieben musste, wenn er ihr einen solchen Plan vorschlug.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Herzen in Aufruhr" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen