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Herz um Herz

1. KAPITEL

Seichte Wellen, die auf einen weißen Sandstrand rollen … eine warme Brise, die durch grüne Palmwedel streicht … oder wie wäre es mit einem endlosen blauen Himmel voller bauschig weißer Schäfchenwolken?

Nein! Gar nicht gut.

Bella Lawrence öffnete die Augen, biss sich auf die Unterlippe und konzentrierte sich lieber auf den exquisiten französischen Kerzenhalter, der gerade zur Auktion angeboten wurde. Es hatte absolut keinen Zweck, sich krampfhaft ablenken zu wollen. Nicht solange ihr Herz mit doppelter Geschwindigkeit das Blut durch ihre Adern pumpte und ihre Hände unangenehm feucht waren. Nicht solange sie seinen Blick auf sich spürte …

Dabei war Bella sich nicht sicher, wann genau er den Raum betreten hatte. Als sie zu Beginn der Auktion ihren Platz einnahm, war er zumindest noch nicht da gewesen. Aber dann hatte sie plötzlich Anflüge von Hitze bekommen und ein nervöses Kribbeln in der Magengegend verspürt. Sie drehte sich halb um, und dort war er – und betrachtete sie.

Bestimmt habe ich Lippenstiftreste auf den Zähnen, schoss es ihr durch den Kopf. Eilig fuhr sie sich mit der Zunge über die Vorderzähne und erlaubte sich einen letzten neugierigen Blick. Er stand lässig an die Wand gelehnt und versuchte nicht einmal, Interesse für den Auktionator aufzubringen, der lautstark und mit rasender Geschwindigkeit die Gebote in den überfüllten Saal rief.

Den Besucher umgab eine eindrucksvolle Ruhe. Gern hätte Bella ihn ausführlich gemustert, denn bis jetzt hatte sie nur seine breiten Schultern und das markante, braun gebrannte Gesicht gesehen.

Ich muss mir seinen Mund genauer betrachten, überlegte sie und starrte auf den Kerzenhalter vor sich. Der erste Eindruck ist nahezu perfekt, aber gibt es tatsächlich einen Mann mit so schönen Lippen? Möglicherweise kenne ich ihn irgendwoher. Ach, Quatsch, daran würde ich mich erinnern!

Um sich zu sammeln, atmete Bella ein paar Mal tief durch und drehte das zusammengerollte Auktionsprogramm in den Händen. So hatte es ihr der kostspielige Therapeut empfohlen, dessen Dienste ihrem Bruder so ungeheuer wichtig gewesen waren. Wenn Emotionen sie zu überwältigen drohten, sollte sie an etwas Entspannendes denken. Gehorsam versuchte sie es erneut mit den Bildern vom Traumstrand.

Er starrte sie immer noch an.

Unauffällig löste sie die kurzen Haarsträhnen ihres Bobs, die sie hinter das Ohr geklemmt hatte, sodass ihr Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fiel. Hinter den dunklen Strähnen versteckte sie sich vor seinen prüfenden Blicken. Traumhafte Strände mit weißem Glitzersand waren so unerträglich klischeehaft! Und würde sie sich tatsächlich eines Tages an einem solchen Ort wiederfinden, wäre Bella vermutlich sofort zutiefst gelangweilt. Zwischen beruhigend und sterbenslangweilig gab es immerhin einen deutlichen Unterschied.

Über diesen Umstand hatte sie während der letzten fünf Monate oft nachgedacht.

Ruhelos rutschte Bella auf dem unbequemen Stuhl hin und her und strich dabei das Programm auf ihrem Schoß wieder glatt. Endlich wurde das Gemälde präsentiert, das hoffentlich in wenigen Momenten ihr gehörte. Wie gebannt richtete sie ihren Blick auf das altehrwürdige Gebäude, das vor einem sattgrünen Hintergrund abgebildet war. Alles war besser, als dem Fremden ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Dieses Gemälde war ohne jeglichen Zweifel das perfekte Geschenk für Grandmère. Endlich schien das Schicksal sich auf Bellas Seite zu schlagen.

Obwohl Aberglaube eigentlich zu den Dingen gehörte, die sie sich unbedingt abgewöhnen wollte. Der teure Therapeut sagte, es wäre wichtig, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, anstatt vagen metaphysischen Phänomenen wie Bestimmung oder Horoskopen die Schuld an allem zuzuschieben.

Bella seufzte. Das war gar nicht so einfach. In schwachen Momenten hatte sie das Gefühl, diese Gepflogenheiten, die sie aufgeben sollte, waren keine schlechten Angewohnheiten, sondern feste Teile ihrer Persönlichkeit.

Was würde anschließend von ihr übrig bleiben?

Der Auktionator kündigte das Bild an, und Bella setzte sich kerzengerade auf.

„Laufnummer viersechsfünf“, schnarrte er mechanisch, so als würde er nicht in diesem Augenblick einen unglaublich wichtigen Teil von Bellas Familiengeschichte auf den Markt werfen. „Reizende Amateurmalerei in Öl auf Leinwand, die ein wunderschönes französisches Landhaus zeigt. Wer eröffnet mit einem Gebot von zwanzig Pfund?“

In der ersten Reihe hörte man leises Rumoren. Eine Frau mit rot gefärbten Haaren hob zögernd die Hand.

„Zwanzig Pfund hier vorn. Dreißig für Sie, Sir …“

Es folgte eine ganze Reihe schneller Gebote, die den Preis auf neunzig Pfund hochtrieben.

Seit sie die Kunsthochschule verlassen hatte und in Celias Antiquitätengeschäft in Notting Hill arbeitete, war Bella durchaus geübt im Umgang mit Auktionsstrategien. Man musste auf den geeigneten Zeitpunkt warten, um sich in die Versteigerung einzuklinken. Und dieser Zeitpunkt war gekommen. Der Auktionator verkündete das Gebot von einhundert Pfund und sah fragend in die Menge. Die Rothaarige aus der ersten Reihe schüttelte abwehrend den Kopf.

„Irgendjemand für einhundert Pfund?“

Entschlossen meldete Bella sich – und wurde sofort von einem ihr bekannten Händler überboten, der zwei Reihen vor ihr saß.

„Einhundertzwanzig?“, fragte der Auktionator, und Bella nickte zufrieden, als der andere Händler langsam den Kopf schüttelte und damit ein weiteres Gebot ablehnte.

„Dann sind es einhundertzwanzig Pfund für die junge Lady mit den dunklen Haaren. Einhundertzwanzig zum Ersten …“

Sie schob die Hände tief in die Taschen ihres schwarzen Leinenjacketts und kreuzte die Finger so fest, dass sie wehtaten. Noch höher konnte sie nicht bieten.

„Zum Zweiten …“

Jetzt mach schon! beschwor sie den Mann im Stillen.

„Und zu guter Letzt zum …“ Überrascht brach er ab. „Sir? Gerade noch rechtzeitig, vielen Dank. Dann sind es einhundertdreißig Pfund für Sie, Sir?“

Bella brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, wer dieses Gebot abgegeben hatte. Irgendwie schaffte sie es, einen frustrierten Aufschrei zu unterdrücken, und ballte stattdessen die Hände zu Fäusten. In Augenblicken wie diesen lohnte es sich nicht, auf das Schicksal der Glückseligen zu vertrauen. Hier brauchte es Mut zum geschickten Bluff!

Mit gespieltem Selbstvertrauen warf sie den Kopf in den Nacken und vermied es tunlichst, auch nur einen Seitenblick in die Richtung ihres Gegenspielers zu werfen. So etwas hatte sie vorher schon gesehen. Man musste vollständige Unbekümmertheit zur Schau stellen und so wirken, als würde man das Objekt ohnehin zu jedem erdenklichen Preis erstehen. Bella wollte wie eine Frau wirken, die bekam, was sie verlangte.

Zum Glück hatte sie keine Zeit, über die Ironie dieser Situation nachzudenken!

„Einhundertvierzig.“

War das wirklich meine Stimme? dachte sie verblüfft. Exzellent! Es klingt tatsächlich so, als wüsste ich, was ich tue.

Ein zuversichtliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Doch der Moment ihrer Euphorie fand ein jähes Ende.

„Zweihundert.“

Schockiert wandte sie sich um und starrte ihren Widersacher an, der sie seelenruhig musterte.

„Miss? Höre ich zweihundertzehn?“

Einen Sekundenbruchteil lang hatte Bella den Auktionator ganz vergessen, genau wie das Bild. Im Grunde fiel es ihr sogar schwer, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern. Die Augen des Fremden waren unfassbar dunkel, fast schwarz. Und selbst auf diese Distanz konnte Bella ein gefährliches Glitzern darin erkennen. Eine Augenbraue hatte er fragend hochgezogen – oder eher herausfordernd.

„Ja.“

„Zweihundertzehn dann zum Ersten …“

„Dreihundert.“

Bella schloss kurz die Augen, als die Stimme ihres Widersachers dem Auktionator das Wort abschnitt. Er sprach tonlos mit einem leichten Anflug von Ungeduld in der Stimme. Scheinbar wollte er dieses Geschäft so schnell und unkompliziert wie möglich hinter sich bringen.

„Dreihundertzehn.“

Die Summe verließ ihre Lippen, ehe Bella sich darüber klar war, in was für eine Lage sie sich damit brachte. Zwar fühlte sie sich provoziert, andererseits musste sie jedoch im Auge behalten, was sie sich überhaupt leisten konnte. Zudem regte sie die offensichtliche Gleichgültigkeit dieses Mannes maßlos auf. Er hatte das Bild kaum eines Blickes gewürdigt, deshalb kam es Bella so vor, als würde er sie mit seinen Geboten persönlich reizen wollen.

„Fünfhundert.“

Wie hypnotisiert starrte Bella ihn nun an und verlor sich im Anblick seiner schlanken Figur und der attraktiven, steinernen Miene. Ein Teil von ihr wollte rational und misstrauisch bleiben, während der Rest wild darauf war, sich in diese unbekannte, aufregende Situation zu stürzen.

Interessiertes Gemurmel erfüllte den Saal, und buchstäblich jeder Anwesende wandte sich ihr zu und sah sie erwartungsvoll an. Pures Adrenalin schoss durch ihre Adern, als sie ihren Blick von dem Fremden losriss und sich wieder auf das Gemälde konzentrierte. Sie war erfahren genug, um zu erkennen, dass es sich um kein außergewöhnliches Stück handelte, aber ihr ging es ums Prinzip. Dieses anonyme, halb vergessene Bild zeigte das Familienanwesen ihrer Großmutter. Es war Teil ihres Erbes, und diese Vorstellung verpflichtete …

„Fünfhundertfünfzig.“

Wie in Zeitlupe drehte sie sich zu ihm um und bemerkte, wie sich seine Schultern hoben und senkten, als er laut seufzte. „Sechshundert.“

„Sechshundertfünfzig.“

„Siebenhundert.“

Sein dunkler, funkelnder Blick hatte etwas höchst Faszinierendes. Bella schauderte. Aber hier ging es nicht mehr um ein bloßes Ölgemälde oder um Geld – dies war etwas Persönliches.

„Siebenhundertfünfzig.“

Die Summen hatten jede Bedeutung verloren. Der Rest ihrer Umgebung hätte zu Staub zerfallen können, soweit es Bella anging. Für sie gab es nur noch den arroganten Unbekannten und seine intensiven Blicke – und natürlich ihren Wettkampf um das alte Bild.

Bella wurde es immer heißer. Unwirsch fuhr sie sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen und streifte hastig das Jackett ab. Ihr Zeitgefühl war gänzlich abhanden gekommen. Wie hypnotisiert vertiefte sie sich in die Betrachtung dieser herausfordernd maskulinen Aura, die ihren Konkurrenten umgab. Er hatte einen leicht zynischen Zug um den Mund, und ihr kam sofort das Bild vom Wolf im Schafspelz in den Kopf.

Er beugte sich leicht zurück, öffnete den Mund und sprach laut und deutlich, damit man ihn leicht bis in die erste Reihe verstehen konnte.

„Eintausend Pfund.“

Bella stockte der Atem.

„Miss?“ Die Stimme des Auktionators war vor Schreck ganz brüchig und schien von weit, weit her zu kommen. „Irgendeine Steigerung von eintausend Pfund? Eintausendzehn?“

Ein gefährlicher Übermut packte Bella. So musste es sich anfühlen, wenn man aus einem Flugzeug sprang, kurz bevor sich der Fallschirm öffnete: schwindelerregend, beängstigend … und trotzdem von einem seltsamen inneren Frieden durchdrungen. Sie hatte keine andere Wahl, als diesem Impuls einfach nachzugeben.

Das Gemälde war verloren, so viel war sicher. Auf keinen Fall konnte sie bei diesem Marathon ernsthaft mithalten, aber mittlerweile stand etwas mehr auf dem Spiel als das. Jetzt wollte sie ihn nur noch ein wenig weiter hochpuschen, um ihn endlich aus seiner widerlich anmaßenden Ruhe zu reißen. Er sollte etwas fühlen – irgendetwas! Und wenn es nur Wut war.

Entschlossen verengte sie die Augen zu schmalen Schlitzen und drehte sich wieder nach vorn. „Ja, eintausend und zehn Pfund.“

Mit einem inneren triumphierenden Lächeln wartete sie darauf, dass er die Summe aufstockte. Um sie herum herrschte Totenstille.

„Sir? Eintausendzehn?“

Bella wandte sich um, und ihr Hals wurde unerträglich trocken, als der fremde Mann sie nur schweigend anstarrte. Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Und Bellas Augen weiteten sich vor Horror, als er langsam den Kopf schüttelte.

„Dann bleibt es bei eintausendzehn“, stellte der Auktionator fest. „Beendet bei eintausendzehn? Zum Ersten …“

Mit einem eleganten Schwung stieß der Unbekannte sich von der Wand ab und trat vor. Plötzlich war der amüsierte Ausdruck gänzlich aus seinem Gesicht verschwunden.

„Zum Zweiten bei eintausendzehn …“

Bellas Herz setzte einen Schlag aus, und ihre Lippen fühlten sich blutleer an. Sie hatte schreckliche Angst, das Bewusstsein zu verlieren und vor aller Augen ohnmächtig zusammenzusacken. Mühsam stand sie auf, um nach vorne zu gehen, als der Mann dem Auktionator plötzlich kurz zunickte.

„Sie steigen noch einmal ein, Sir, bei eintausendzwanzig?“, erkundigte sich der ältere Mann. Wieder nickte der Fremde. Bella hielt den Atem an, und erst der ohrenbetäubende Hammerschlag, der die Auktion beendete, brach den Bann. Ihre Schultern sackten nach vorn, und mit eingezogenem Kopf duckte sie sich zwischen den anderen Gästen hindurch, um nach draußen zu eilen.

Olivier Moreau blickte ihr neugierig nach.

Interessant, dachte er grimmig. Äußerst interessant, und das in vielerlei Hinsicht.

Als notorischer Zyniker und mit dem Hang, sich rasch zu langweilen, war er kein Mann, dessen Interesse leicht geweckt wurde. Aber diese ungewöhnliche Frau hatte es geschafft, indem sie eine Summe für dieses durchschnittliche Gemälde geboten hatte, die ungefähr zehnmal höher als der tatsächliche Wert lag.

Ihm war auch der hektische Zug um ihren Mund aufgefallen. Sie wollte dieses Bild unbedingt haben, so sehr, dass sie dabei weder Vernunft walten ließ, noch ihren Sinn fürs Rationale bemühte. Er hatte es beobachtet … es gespürt.

Jetzt wollte er natürlich wissen, woher ihre Entschlossenheit rührte.

Sie war so eilig davongestürmt, dass sie ihre Jacke auf dem Stuhl vergessen hatte. Auf seinem Weg nach draußen hatte er sich kurz vorgebeugt und das Kleidungsstück an sich genommen. Es war aus weichem, schwarzem Leinen gearbeitet, und er vernahm einen zarten Jasminduft, der das unerklärliche Interesse an dieser Frau – das von der ersten Sekunde an in seinem Innern entfacht worden war – immens verstärkte.

Am Zahltisch überreichte er seine Auktionsnummer und zahlte in bar. Während er auf die Quittung wartete, sah er auf die Jacke in seinen Händen hinunter und lächelte wissend, als ihm das Emblem eines berühmten Designers ins Auge stach. Teuer, aber auch ausgesprochen konservativ. Schade. Gern hätte er etwas Ausgefallenes an ihr gesehen.

Unbewusst zerknüllte er den Stoff leicht in einer Hand und trat hinaus in einen typischen Londoner Sommertag. Dieses Jahr schien es fast ununterbrochen zu regnen, aber Olivier schenkte den tiefgrauen Wolken, die die Sonne vom Himmel verdrängt hatten, keinerlei Beachtung. Unruhig blieb er auf den Stufen stehen, während ihn das Gefühl beschlich, etwas sehr Bedeutsames würde vor ihm liegen. Etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Vielleicht ging es um dieses Bild. Möglicherweise war es das, nach dem er all die Jahre gesucht hatte.

Oder vielleicht war es auch dieses Mädchen …

Mitten auf dem Bürgersteig verharrte Bella und fluchte leise. So ein Mist! Sie hatte ihre Jacke im Auktionssaal liegen lassen!

Gerade wollte sie auf dem Absatz kehrtmachen, da zögerte sie. Das Stück war von Valentino und gehörte ihrer Großmutter. Und wenn schon? Sie hätte längst zu Hause sein müssen. Miles rief grundsätzlich an, um sicherzugehen, dass sie gut angekommen war. Er machte sich Sorgen, wenn Bella sich verspätete, also sollte sie sich wirklich beeilen.

Trotzdem bewegte sie sich keinen Millimeter. Gelähmt von ihrer eigenen Unentschlossenheit wurde ihr klar, dass nicht Zeitmangel, sondern fehlender Mut dafür verantwortlich war, dass sie auf keinen Fall zurück in diesen Saal gehen wollte. Ihre Nerven lagen blank, und alles wegen eines unbekannten, verstörend attraktiven Mannes mit gefährlichen dunklen Augen.

Allerdings hatte er sie nicht nur schweigend angestarrt, er hatte sie öffentlich herausgefordert und mit seinen Blicken buchstäblich ausgezogen. Wenn sie jetzt daran dachte, stellten sich ihr noch immer die Nackenhaare auf. In jenen wenigen Momenten hatte sie sich lebendiger gefühlt als in den letzten fünf trostlosen Monaten zusammen.

Endlich fühlte sie sich wieder lebendig!

Sie schloss die Augen, um auf einen entspannenden Gedanken zu kommen, doch anstelle des weißen Sandstrands drängte sich das markante Gesicht des Fremden in ihr Bewusstsein.

„Sagen Sie nichts! Bestimmt versuchen Sie gerade, sich zu erinnern, wo Sie die hier gelassen haben?“

Der Mann stand direkt vor ihr und lächelte träge. Über seinem ausgestreckten Arm hing ihre schwarze Jacke.

Bella lief dunkelrot an. Wie lange hatte er wohl vor ihr gestanden und sie dabei betrachtet, wie sie mit geschlossenen Augen mitten auf der Straße vor sich hin träumte? Er musste sie für ziemlich verwirrt halten.

Schnell versteckte sie ihre Unsicherheit hinter einer kühlen Maske und griff nach der Jacke. „Verstehe. Es reicht Ihnen wohl nicht, mir mein Bild wegzuschnappen, jetzt haben Sie es auch noch auf meine Kleider abgesehen?“

Das war natürlich eine alberne Behauptung. Nahezu peinlich! Genau so würde Miles sich ausdrücken und es einen typischen Bella-Klassiker nennen.

„Das kommt darauf an“, sagte der Mann und lachte. „Gedenken Sie denn, noch mehr auszuziehen?“

Ein Gefühl verbotener Lust mischte sich in Bellas aufflackerndes Schamgefühl. Sie öffnete den Mund, um einen entsprechenden Kommentar abzufeuern, hatte jedoch alle Mühe, die richtigen Worte zu finden. Eine Sekunde zögerte sie, dann zügelte sie ihr Temperament, dachte an sanft dahinplätschernde Wellen und verkniff sich eine beleidigende Antwort. Sie versteckte ihre wahren Gefühle hinter einem kalten Lächeln.

„Selbstverständlich nicht. Danke für die Jacke. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden … ich bin spät dran.“

Ohne ihn noch einmal direkt anzusehen, machte sie auf dem Absatz kehrt, um sich so schnell wie möglich von ihm zu entfernen. Doch bevor sie wirklich dazu kam, ergriff er ihren Arm und hielt sie zurück. Seine Finger berührten ihre nackte Haut, und Bella zuckte vor Schreck heftig zusammen.

„Warten Sie!“, sagte er ruhig. „Sie nannten es Ihr Bild. Wie haben Sie das gemeint?“

Stocksteif verharrte sie neben ihm und starrte vor sich auf den Boden. „Es ist natürlich nicht meines“, wehrte sie ab. „Das war eine blöde Bemerkung. Das Gemälde gehört jetzt Ihnen. Das ist mir natürlich klar.“

„Aber darüber sind Sie alles andere als glücklich, stimmt’s?“

Sie antwortete nicht, sondern starrte nur stumm auf die breite Brust vor ihren Augen. Seine Finger umschlossen noch immer ihren Arm, aber Bella fehlte die Kraft, sich loszureißen.

„Sie wollten es unbedingt besitzen“, sagte er ruhig. Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Ja“, wisperte sie.

„Wieso?“

„Es ist … hübsch“, entgegnete sie tonlos und versuchte verzweifelt, sich auf neutrale, beruhigende Dinge zu konzentrieren. Das sollte sie in erster Linie von seinen anziehenden Lippen ablenken – mit denen er bestimmt unglaublich gut küssen konnte.

„Hübsch?“ Er ließ sie los und trat fast angewidert einen Schritt zurück. „Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein?“

„Bitte?“

Oliviers Augen wurden schmal. Von Nahem erkannte er an Bella eine makellose Schönheit, die ihn für gewöhnlich nicht sonderlich beeindruckte: einen kurz geschnittenen, glänzend braunen Bob, zarte vanilleeisfarbene Haut und feine Gesichtszüge. Zuvor im Auktionssaal hatte er in Bella eine ungeschliffene Leidenschaft erahnt, von der er tief beeindruckt gewesen war. Aber auf den zweiten Blick musste er sich eingestehen, dass er sich geirrt hatte.

„Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass es Schrott ist“, behauptete er kalt. „Es ist nicht ein Viertel von dem wert, was ich gerade dafür bezahlt habe.“

Das traf bei Bella einen wunden Punkt. „Warum haben Sie dann geboten?“, wollte sie wissen. „Sie hätten es schließlich auch mir überlassen können! Ich bin nicht an seinem Sammlerwert interessiert, ich wollte es aus Gründen, die nichts mit Geld zu tun haben.“

„Was bedeutet …?“

Sie hob ihr Kinn ein Stück höher. „Meine Großmutter ist in dem Haus auf dem Gemälde aufgewachsen. Deshalb wollte ich es für sie kaufen.“

Der Himmel hatte sich weiter zugezogen, und allmählich fielen die ersten Regentropfen auf den warmen Asphalt. Alles schien plötzlich sehr still zu sein, so als wäre der Lauf der Welt für ein paar Sekundenbruchteile unterbrochen worden. Beinahe hätte Olivier eine Hand ausgestreckt, um sich abzustützen, so sehr brachte ihn dieses Phänomen aus dem Gleichgewicht. Aber natürlich war es nur ein Gefühl, das seine Selbstkontrolle, auf die er seit jeher angewiesen war, für einen Moment ins Wanken brachte.

Er atmete tief durch und zwang sich zu einem Lächeln. „Ach, wirklich? Und Sie heißen …?“

„Bella. Bella Lawrence.“

Lawrence. Dieser Name jagte Olivier Adrenalin durch die Adern. Schmerzhaft, aber auch berauschend. Er biss die Zähne zusammen. „Nun, Bella, was für ein Zufall, dass Sie über dieses Bild gestolpert sind. Sie müssen ja begeistert gewesen sein.“

Falls ihr sein scharfer Unterton auffiel, ließ sie es sich nicht anmerken. „Allerdings“, gab sie freundlich zurück. „Vor allen Dingen weil meine Großmutter morgen Geburtstag hat. Es wäre das perfekte Geschenk gewesen.“ Sie schenkte ihm ein künstliches Lächeln. „Allerdings hatte ich nicht mit einem millionenschweren Städter gerechnet, der bereit ist, eine Unsumme dafür zu zahlen. Mein Fehler!“

Millionenschwerer Städter? Sie unterschätzte ihn, und weil sie eine Lawrence war, störte ihn das ungemein.

Bella wandte sich zum Gehen, aber Olivier hatte nicht vor, sich jetzt schon von ihr zu verabschieden.

„Wie kommen sie darauf, ich wäre ein schwerreicher Stadtbewohner?“

Er rührte sich nicht, hob nicht einmal die Stimme. Trotzdem wirbelte sie ruckartig auf dem Absatz herum, und Olivier verspürte einen kleinen Triumph. Mit einer schnellen Handbewegung holte er sein Handy hervor und wählte eine Nummer, ohne dabei auf die Tasten zu blicken.

Bella zuckte die Achseln. „Der Anzug. Die Schuhe. Liege ich da etwa falsch?“

„Teilweise.“ Mit dem Kopf wies er auf einen dunkelgrünen Bentley, der gerade am Gehweg hielt. „Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?“

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. „Sehr beeindruckend“, bemerkte sie trocken. „Also nicht nur Millionär, sondern auch noch Zauberer. Was haben Sie noch zu bieten?“

Sein Grinsen glich einer tödlichen Waffe. „Unglücklicherweise, Mademoiselle Lawrence, sind meine Talente zu umfangreich, um sie hier im Einzelnen aufzuzählen. Wir würden nass bis auf die Knochen werden, und ich komme zu spät zu einem Meeting. Aber wenn Sie in den Wagen steigen möchten, kläre ich Sie nur allzu gern auf.“

Er öffnete die Autotür und trat abwartend einen Schritt zurück. Inzwischen regnete es stärker, und es roch nach nasser Erde und feuchtem Asphalt. Trotzdem rührte Bella sich keinen Millimeter.

„Nein, danke“, sagte sie höflich. „Das wäre wohl keine so gute Idee.“

„Nun, gut“, brummte er und klopfte gereizt mit den Fingern aufs Autodach. „Vermutlich halten Sie es für einen schlauen Schachzug, sich hier den Elementen auszusetzen, was?“ Seufzend trat er von einem Bein aufs andere. „Sie haben doch selbst gesagt, Sie hätten es eilig. Wenn Sie sich dabei besser fühlen, überlasse ich Ihnen den Wagen ganz. Mein Büro ist gleich hier um die Ecke. Teilen Sie Louis, meinem Chauffeur, nur mit, wo er Sie hinbringen soll.“

Damit entfernte er sich ein paar Schritte und hoffte inständig, sie würde seinen Vorschlag annehmen. Für ihn bedeutete es zwar keinerlei Problem herauszufinden, wo sie lebte, aber es auf diese Art zu erfahren, war der einfachste Weg. Auf dem Bürgersteig waren kaum noch Menschen unterwegs, dennoch blieb Bella unschlüssig neben dem Auto stehen, während das Regenwasser aus ihren Haaren tropfte.

Sie runzelte die Stirn. „Wieso geben Sie sich so viel Mühe mit mir?“

„Nach der Sache mit dem Bild … sagen wir einfach, es ist das Mindeste, was ich tun kann. Bitte!“

Zögernd warf sie einen Blick gen Himmel. Dann traf sie spontan eine Entscheidung, ließ sich auf den Rücksitz der Limousine gleiten und schlug energisch die Tür hinter sich zu. Dabei würdigte sie ihren selbstlosen Kavalier keines Blickes.

„Gern geschehen“, murmelte Olivier ironisch, als der Wagen an ihm vorbeifuhr. Dann schob er seine Hände in die Hosentaschen und spazierte durch den Regen. Er war mit sich zufrieden. Das hatte er wirklich gut hinbekommen.

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