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Herz – oder Krone?

Penny Jordan

Herz – oder Krone?

1. KAPITEL

Seine Liebkosungen, so sinnlich und erfahren, so männlich und fordernd, brachten jedes Nervenende in ihr zum Vibrieren. Heißes Verlangen breitete sich in ihr aus, rasend wie ein Waldbrand, bis nur noch eines wichtig war – von ihm in Besitz genommen zu werden, jetzt, sofort. So war es immer. Schon mit seiner ersten Berührung löste er jedes Mal dieses Verlangen in ihr aus. Es war zu einem Teil von ihr geworden, war ihr lebensnotwendig geworden wie das Atmen.

Sie hatte gewusst, dass es so sein würde, als sie zu ihm in den Pool stieg. Nur der Mond und die Sterne am tropischen Nachthimmel wurden Zeugen des erotischen Spiels. Sie entzog sich ihm, schwamm von ihm weg, quälte sich selbst mit dieser Enthaltsamkeit wahrscheinlich mehr als ihn. Und dann stieß sie einen lustvollen Seufzer aus, als er sie einholte, unter ihr auftauchte und sie mit einer fließenden Bewegung an sich zog, um die Spitzen ihrer Brüste mit den Lippen zu liebkosen.

Seine Hand glitt zwischen ihre Schenkel, und mit einem kräftigen Stoß der Beine trug er sie beide durch das seidig warme Wasser. Wellen der Lust, heiß wie Lava, rollten durch sie hindurch. Losgelöst und wild drängte sie sich stöhnend seinen Fingern entgegen.

Sie waren beim Beckenrand angekommen. Schwindelnd vor Begierde ließ sie sich von ihm aus dem Pool heben und zu der breiten Liege tragen, die dort stand. Sanft legte er sie ab, ihr nackter Körper seinem Blick und seinen Berührungen dargeboten.

Ihr Puls raste. Als er seine Hände über ihre heiße Haut gleiten ließ, zogen sich ihre Muskeln vor Verlangen zusammen. Automatisch öffnete sie die Schenkel, schmelzende Hitze pulste in ihrem Schoß. Als er den Kopf beugte, fielen kühle Wassertropfen aus seinem dichten Haar auf ihre Haut. Seine Zunge zeichnete spielerische Muster um ihren Bauchnabel und entlockte ihr einen Seufzer.

„Stefano. Meine einzige Liebe. Auf ewig.“

Sie war besessen von der brennenden Hitze, die er in ihr erweckt hatte. Er hob den Kopf, sah sie an, und mit einem flehenden Seufzer bog sie sich ihm entgegen. Und dann hielt er sie in seinen Armen, küsste sie und drang in sie ein. Sie schrie leise auf, klammerte sich an ihn, fiel in seinen Rhythmus mit ein, bis Wellen der Lust ihre Körper erfassten und sie beide zusammen auf den Gipfel trieben.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie sein sinnliches, zärtliches Lächeln vor sich.

„Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag, Mrs Parenti.“

Giselle erwiderte das Lächeln. Sie war so glücklich mit ihrem Mann. Ihr gemeinsames Leben war perfekt. Stefano hatte endlich die Schuld, die sie so lange mit sich getragen hatte, wie einen Drachen erlegt. Es bestand kein Grund, an diese andere Wahrheit, die sie ihm vorenthalten hatte, zu denken, nicht in diesen seligen Momenten. Es hatte keine Macht mehr über sie, konnte dem wunderbaren erfüllten Leben, das sie miteinander führten, nichts mehr anhaben.

Sie arbeitete jetzt als Leitende Architektin für Stefanos Luxushotels auf dem gesamten Globus, und ihre Liebe zueinander hatte ihnen eine eigene Welt geschaffen. In diesem magischen Kreis brauchten sie nichts und niemanden zu ihrem vollkommenen Glück. Zu ihrer Ehe würden nie Kinder gehören, hatten sie sich dies doch vor zwölf Monaten bei der Heirat versprochen. Das war das Fundament ihres Vertrauens zueinander.

Die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, lag bei ihnen beiden in der eigenen Kindheit begründet. So wie Stefano mit seiner Liebe ihren Schmerz gelindert hatte und sie nahm, wie sie war, hatte Giselle ihm geholfen, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und Frieden zu finden. Vor allem mit seiner Mutter, der seinem Gefühl nach die jungen Opfer von Naturkatastrophen immer wichtiger gewesen waren als das eigene Kind.

Es war für beide ein bedeutungsvoller Anlass gewesen, als das erste einer ganzen Reihe von Kinderdörfern eingeweiht worden war. Zusammen hatten sie die Stiftung gegründet, die den Namen von Stefanos verstorbener Mutter trug und verwaisten Kindern weltweit Heim und Ausbildung garantierte.

Ihr Liebespiel an jenem Abend war so gefühlvoll und intensiv gewesen, dass allein die Erinnerung daran Giselle noch immer Tränen in die Augen trieb.

Ihr Weg zum Glück war kein leichter gewesen. Beide hatten sie gegen die Anziehungskraft und die wachsenden Gefühle füreinander gekämpft, hatten sich verzweifelt an die brüchige Sicherheit ihrer alten Überzeugungen geklammert. Stefano hatte schließlich den ersten Schritt gewagt, und Giselle, damals schon hoffnungslos verliebt in ihn, hatte ihrem Verlangen nach ihm nachgegeben. Bis dahin hatte er sie auch davon überzeugt, dass er ebenfalls keine Kinder haben wollte.

Als milliardenschwerer Geschäftsmann, der völlig in seiner Arbeit aufging, hatte Stefano sich geschworen, keine Kinder allein zurückzulassen, während er um die ganze Welt reiste. Und anders als sein Cousin Aldo, Regent eines kleinen europäischen Fürstenstaates, über den seine Familie schon seit Generationen herrschte, war Stefano nicht verpflichtet, einen Erben zu zeugen.

Deshalb hatte Giselle auch ihre Prinzipien abgelegt, nach denen sie ihr ganzes Erwachsenenleben gelebt hatte – dass sie sich niemals verlieben würde. Sie durfte einem Mann, der sie liebte, nicht das Recht auf eigene Kinder verwehren, nur weil sie selbst keine Kinder haben wollte. Sie hatte ja schon gegen ihr Grundprinzip verstoßen, als sie sich in Stefano verliebte.

Aber Stefano hatte ihr versichert, dass er nichts anderes zum Glücklichsein brauche als sie. Doch selbst an ihrem Hochzeitstag hatte Giselle den Schatten der Vergangenheit gespürt, der ihr Glück verdunkeln wollte. Schuld war eine schwere Last. Und eine einsame Last dazu. Ein Schauer überlief Giselle, trotz der lauen Tropennacht.

Stefano stand lächelnd auf, holte den Bademantel, den sie vorhin an sich hatte herabgleiten lassen, und wickelte sie darin ein. Er musste ihr leichtes Zittern bemerkt haben und war – so typisch für ihn – sofort zur Stelle, um sie zu beschützen. Sie liebte diese zärtlichen Momente nach dem Liebesspiel. Auf keinen Fall sollte die Intimität von den Schatten ihrer Vergangenheit belastet werden.

Das Schicksal hatte ihr doch sicherlich endlich die Schuld von den Schultern genommen? Sie war jetzt nicht länger Geisel eines Teils ihrer Vergangenheit, von dem Stefano nichts wusste? Es bestand kein Grund mehr, an der begrabenen Schuld zu rühren. Sie war in Sicherheit, beschützt von Stefanos Liebe und dem gemeinsamen Leben, das ihnen beiden so viel bedeutete.

„Hunger?“, fragte Stefano sie jetzt.

Giselle sah zu ihm hoch. Er hatte das Aussehen eines griechischen Gottes, besaß den Mut eines römischen Kriegers und die Intelligenz eines gewieften Taktikers, kombiniert mit dem moralischen Gewissen eines echten Idealisten – und sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war ihre Welt, eine Welt, die er mit seiner Liebe geschaffen hatte und beschützte.

Stumm nickte sie.

Bei ihrer Ankunft hier auf der Privatinsel hatte der Butler ihnen ein exklusives Dinner vorbereitet, doch da hatte Giselle eine ganz andere Art von Hunger verspürt. Drei Tage hatten sie und Stefano einander nicht gesehen. Stefano war zur Besichtigung eines neuen Projektes geflogen, das ihn vielleicht interessieren könnte, und Giselle hatte diese Zeit in den Yorkshire Dales bei ihrer Großtante verbracht, die sie nach dem Tode der Mutter und des kleinen Bruders aufgezogen hatte. Drei Tage und drei Nächte ohne Stefano … das war viel zu lang gewesen.

Jetzt jedoch knurrte ihr Magen, und so richtete sie sich auf und küsste Stefano, bevor er sich nach dem eigenen Bademantel umsah. Durch in der lauen Brise wehende Vorhänge traten sie zurück in das Innere der modernen Villa.

Ein Servierwagen, auf dem Hors d’œuvres, exotische Salate, Meeresfrüchte und frisches Obst arrangiert waren, wartete auf sie. In einem Eiskübel daneben stand eine Flasche Champagner.

Stefano entkorkte die Flasche und füllte zwei Gläser. „Auf uns.“

„Auf uns“, erwiderte Giselle den Toast und ließ sich lachend von Stefano mit den feinen Hors d’œuvres füttern. Er hatte die schönsten Hände, die sie je gesehen hatte. Sie war absolut sicher, dass Leonardo diese Hände hätte malen wollen, und Michelangelo hätte seine Hände als Modell für eine Skulptur genutzt. Allein beim Anblick der starken und schlanken gebräunten Finger zog sich jeder Muskel in Giselle zusammen.

Stefano hatte sie auch am ersten Abend in ihren Flitterwochen so gefüttert, hatte sie mit kleinen Häppchen gelockt und gereizt, bis sie es schier nicht mehr ausgehalten hatte.

Sie waren jetzt ein Jahr verheiratet, und noch immer gelang es ihm ebenso mühelos wie am ersten Tag, sie zu erregen. Ihr Verlangen nach ihm war noch immer ungestüm und brennend, doch inzwischen hatten sich tiefe Gefühle und eine Intimität dazugesellt, die auf dem Vertrauen beruhten, dass Stefano immer für ihre Sicherheit sorgen würde. Das Wissen, dass sie ihm bedingungslos vertrauen konnte, ermöglichte es ihr, sich ihm ohne jede Zurückhaltung hinzugeben.

„Ich wünsche mir, dass es immer so für uns bleibt, Stefano“, sagte sie mit Inbrunst.

„Das wird es“, versicherte er ihr. „Warum sollte es sich je ändern?“

Giselle erschauerte. Sie warf einen Blick zur offen stehenden Terrassentür, vor der sich die Vorhänge bauschten, als befürchte sie einen unbekannten Eindringling. „Fordere das Schicksal nicht heraus“, flüsterte sie.

Stefano lachte. „Ich halte es für viel verlockender, dich in Versuchung zu führen“, neckte er sie.

Sie mochten sich vor wenigen Minuten geliebt haben, aber ihre Leidenschaft füreinander verglich Giselle mit einem nie versiegenden Quell, der die Intimität zwischen ihnen nährte. Es lag an den letzten Minuten, die sie mit ihrer Großtante verbracht hatte, bevor sie nach London abgefahren war, die den Schatten über ihrem Glück heraufbeschworen hatten. Und die sie jetzt empfindlich machten und sich verletzlich fühlen ließen. Sie wusste, wie sehr ihre Großtante sie liebte, und umgekehrt liebte sie ihre Tante. Sie wusste auch, dass die Worte der Tante zum Abschied gut gemeint waren.

„Es ist so schön, dich glücklich zu sehen, Giselle“, hatte die Großtante gesagt. „Lange Zeit habe ich mir Sorgen gemacht, du könntest dir selbst das Glück verwehren, zu lieben und geliebt zu werden. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel es mir bedeutet, dich jetzt so vor mir stehen zu sehen. Ich bin stolz auf dich, Kleines. Du hast so vieles durchgestanden, und du hast es geschafft, es hinter dir zu lassen. Als ich dich auf deiner Hochzeit fragte, ob du Stefano alles erzählt hast, war ich so erleichtert, als du mir sagtest, dass du es getan hast.“

Giselle hatte gelächelt und die Tante auf die Wangen geküsst, aber das schlechte Gewissen saß ihr noch immer wie ein störender Dorn in der Seele. Es war nicht nötig gewesen, Stefano „alles“ zu erzählen – so, wie die Tante es gemeint hatte. Wozu die eigenen Ängste aufrühren, die sie sicher verschlossen hielt? Es hatte keine Bedeutung mehr. Warum sollte sie das Risiko eingehen und ihr Glück gefährden, das ihr jahrelang vorenthalten worden war?

Nein, sie hatte Stefano nicht getäuscht, nicht wirklich. Er liebte sie so, wie sie war. Und mit der Sicherheit seiner Liebe konnte sie auch so bleiben, wie sie war. Sie würde immer sicher sein.

„Komm wieder zurück. Ich mag es nicht, wenn du dich mit deinen Gedanken meilenweit von mir zurückziehst und mich nicht folgen lässt.“

Stefanos leise Worte schreckten sie auf. Sofort bestritt sie es. „Ich habe mich nicht zurückgezogen, und es gibt keinen Ort, an den ich ohne dich gehen möchte.“

Stefano musterte sie. Er liebte sie so sehr, dass die Macht seiner Liebe ihn manchmal noch immer überrumpelte. Wahrscheinlich lag es an seinen starken Gefühlen für sie, dass er auch den kleinsten Stimmungsumschwung bei ihr bemerkte.

„Du hast wieder an deine Eltern gedacht, an deine Familie“, sagte er. „Ich kann es immer an deinen Augen sehen, denn dann werden sie dunkel wie die grünen Malachitsäulen, die wir in den Palästen in St. Petersburg gesehen haben.“

„Meine Großtante sagte mir, wie froh sie für mich ist, dass ich dich gefunden habe“, gestand Giselle ehrlich und fügte impulsiv an: „Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich dich je verliere. Die Qualen wären mehr, als ich ertragen kann.“

„Du wirst mich nicht verlieren.“ Stefano zog sie in seine Arme. „Keine Macht der Welt kann uns jemals trennen.“

In der Nacht liebten sie sich wieder, dieses Mal langsam und zärtlich. Eine Reise voller sinnlicher Liebkosungen, bis zur Neige ausgekostet, mit Intimitäten und Vorlieben, die sie in ihr ganz privates Lexikon der Freuden geschrieben hatten. Mit jedem Streicheln und jeder Berührung fachten sie das Feuer an, das sie für einige glorreiche Augenblicke der Sterblichkeit entriss und sie zu einer perfekten Einheit verschmelzen ließ.

Danach lagen sie einander in den Armen. Sicher und zufrieden schwebte Giselle auf der Wolke emotioneller und körperlicher Erfüllung, bevor sie in den Schlaf hinüberglitt, geborgen in dem Wissen um Stefanos Liebe.

Stefano trocknete sich gerade nach der ausgiebigen Dusche ab, als sein Handy zu klingeln begann. Er runzelte die Stirn. Er hatte Moira, seiner Assistentin, strikte Anweisung gegeben, dass er in dieser einen Woche, die er und Giselle ihren vollen Terminkalendern abgerungen hatten, nur in äußersten Notfällen gestört werden wollte.

Im Bett hörte Giselle, noch gefangen im warmen Kokon des morgendlichen Liebesspiels mit Stefano, das Handyklingeln. Durch die Vorhänge sah sie die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche des Pools tanzen, in dem sie gestern Nacht geschwommen waren. Sie hörte auch, wie Stefanos Stimme lauter und dann wieder leiser wurde, aber sie war zu träge und entspannt, um genauer auf seine Worte zu lauschen.

So war es wie ein Schock, als er, das Haar noch nass und nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, ins Schlafzimmer zurückgeeilt kam. Ihr Magen zog sich zusammen. Seine Miene zeugte eindeutig von schlechten Nachrichten, noch bevor er ein Wort sagte.

„Wir müssen so schnell wie möglich nach London zurückkehren. Es gab einen Unfall, die genaueren Umstände sind noch nicht bekannt. Aber wie es aussieht, sind Aldo, Natasha und ihr Vater Opfer eines Anschlags geworden, scheinbar von einem Konkurrenten von Natashas Vater. Man hat eine Bombe in den Wagen eingebaut, mit dem sie unterwegs waren. Aldo erzählte mir, dass sie nach England reisen wollten, um sich einen Besitz anzusehen, an dem Natashas Vater interessiert war – ein riesengroßer Landsitz. Natasha und ihr Vater sind umgekommen, Aldo lebt noch. Er liegt in einem Krankenhaus in Bristol. Moira schickt uns einen Helikopter, der uns nach Barbados bringen wird. Dort wartet eine Privatmaschine auf uns. Der Helikopter ist in einer Stunde hier.“

Voller Entsetzen hatte Giselle Stefano zugehört. Sie sprang aus dem Bett und eilte zu ihm, um die Arme um ihn zu schlingen. „Es tut mir so leid. Ich mache mich fertig, ich brauche nicht lange.“

Sie wusste, wie sehr Stefano an seinem Cousin hing, auch wenn sie so völlig verschiedene Leben lebten. Beim Anziehen und Packen betete sie darum, dass Aldo wieder gesund werden würde. Der arme Aldo. Er war der sanfteste und netteste Mann, den man sich vorstellen konnte. Er hatte eine viel liebevollere Frau verdient als Natasha. Giselle erschauerte, als ihr klar wurde, was Stefano gesagt hatte. Aldo hatte ja keine Frau mehr. Natasha war tot.

Sie waren gerade mit dem Packen fertig, als das Donnern von Rotoren die Ankunft des Hubschraubers ankündigte. Vor der Villa wartete einer von den Buggys, die den Gästen zur Verfügung gestellt wurden, um die langen Wege über das Gelände zurückzulegen. Das Frühstück, das ihnen noch gebracht worden war, nachdem Stefano der Rezeption Bescheid gegeben hatte, dass sie abfuhren, blieb unangerührt bis auf die Tasse Kaffee, die Giselle für Stefano einschenkte. Schwarz und heiß – sein einziges Laster außer ihr, wie Stefano immer so gern behauptete.

Auf den Flügen vom Hotelkomplex nach Barbados, von dort aus weiter nach Heathrow und schließlich von dort mit einem anderen Hubschrauber nach Bristol, wo das Unglück geschehen war, redete Stefano die ganze Zeit über von seinem Cousin, und Giselle hörte ihm kommentarlos zu. Sie kannte Aldo, hatte ihn ganz zu Anfang getroffen, als Stefano und sie ein Paar geworden waren. In ihrer Funktion als Architektin hatte Giselle Stefano auf einer Geschäftsreise begleitet, und sie hatten einen Zwischenstopp in Arezzio gemacht.

Aldo war ganz anders als Stefano. War Stefano ausgesprochen maskulin, charismatisch und überwältigend sexy, so war Aldo der ruhige Philosoph, ein Ästhet und Träumer. Natasha, seine russische Ehefrau, hatte Giselle einzureden versucht, Stefano wolle keine Kinder in die Welt setzen, weil er es nicht ertragen könne, dass seine Kinder niemals den Fürstenthron von Arezzio besteigen würden. Stefano jedoch hatte Giselle dann überzeugend klargemacht, dass der Grund für seinen Wunsch, keine Kinder zu haben, in der eigenen Kindheit und der ständigen Abwesenheit der Eltern begründet lag.

Aldo liebte die Ruhe und Abgeschiedenheit seines kleinen Fürstentums und war Stefano immer dankbar gewesen für die finanzielle Hilfe, die dieser ihm häufig hatte zukommen lassen. Ein kleiner Preis für die Freiheit, wie Stefano immer wieder betonte. Er war froh, dass er sein Leben so leben konnte, wie er wollte, war sein Vater doch der jüngere Bruder gewesen und nicht der ältere, der die Herrscherlinie weiterführen musste.

Giselle hatte Natasha nicht besonders gemocht, aber niemals hätte sie ihr den Tod gewünscht, vor allem nicht auf eine so grausame Art. Den wenigen Informationen, die Stefano ihr mitteilen konnte, entnahm sie, dass Aldo nur deshalb überlebt hatte, weil er vorn neben dem Fahrer gesessen hatte und somit der größten Wucht der Explosion entgangen war. Natasha und ihr Vater jedoch waren noch am Unglücksort gestorben.

„Die Geschäftsmethoden von Natashas Vater waren schon immer halbseiden“, sagte Stefano. „Mit seinen Praktiken hat er sich viele Feinde geschaffen. Andere einflussreiche Leute halten nichts von der Art, wie er sein Vermögen gescheffelt hat. Und es ist auch noch meine Schuld, dass Aldo Natasha kennengelernt hat.“

„Aber er hat sie aus freien Stücken geheiratet.“ Giselle wollte Stefano trösten und fasste nach seiner Hand, gerade, als der Hubschrauber auf dem Platz hinter der Klinik aufsetzte.

„Und jetzt ist sie tot. Aldo wird verzweifelt sein. Er hat sie angebetet.“

Der Chefinspektor nahm sie in Empfang und eskortierte sie zum Gebäude. Auf Stefanos besorgte Frage nach Aldo antwortete er grimmig: „Er lebt, aber er ist sehr schwer verletzt. Er hat nach Ihnen gefragt.“

Stefano nickte. „Und der Anschlag?“

„Wir haben noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Die Tatsache, dass Mr Petranovachov einen kugelsicheren Wagen fuhr, sagt wohl genug über seinen Lebensstil aus und wie genau er auf seine persönliche Sicherheit bedacht war. Nun, leider war der Wagen nicht bombensicher.“

Sie wurden in einen Warteraum im Privatflügel der Klinik geführt, wo die Klinikleiterin und die Oberschwester sie erwarteten.

„Mein Cousin?“, erkundigte Stefano sich sofort.

„Ist bei Bewusstsein und wünscht Sie zu sehen. Ich muss Sie vorwarnen … er hat schwere Verletzungen davongetragen.“

Giselle schaute besorgt zu Stefano. „Wenn du möchtest, komme ich mit dir …“

Doch Stefano schüttelte den Kopf. „Nein, bleib du besser hier.“

„Ich lasse Ihnen etwas Heißes zu trinken bringen“, bot die Leiterin an, bevor sie sich wieder an Stefano wandte. „Oberschwester Peters wird Sie zum Zimmer Ihres Cousins bringen. Ich fürchte, Sie können nicht mehr als ein paar Minuten bei ihm bleiben. Wir haben das Schlimmste zusammengeflickt, aber sein Zustand muss sich erst stabilisieren, bevor wir operieren können.“

Das Schlimmste zusammengeflickt. Was genau hieß das? fragte sich Giselle, als sie allein war. So unsympathisch Natasha ihr auch gewesen war, deren gewaltsamer Tod weckte in Giselle schaurige Erinnerungen an den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders, die von einem Lkw überfahren worden waren. Seit Jahren trug sie die Schuld mit sich herum, dass sie als Einzige überlebt hatte. Nur Stefanos Liebe hatte es ihr ermöglicht, über das Trauma des Unfalls hinwegzukommen.

Die arme Natasha. Ganz gleich, wie egoistisch und oberflächlich sie gewesen war, ein solches Schicksal hatte sie nicht verdient.

Stefano schaute auf seinen Cousin hinunter. Aldo war mit Schläuchen und Kabeln an Maschinen und Monitore angeschlossen, um seinen Kopf lag ein dicker Verband, sein Körper war von den Bettlaken verdeckt.

„Er hat schwere innere Verletzungen“, hatte die Schwester Stefano wissen lassen, bevor er das Zimmer betrat.

„Wird er … wird er durchkommen?“

„Wir tun alles Menschenmögliche“, hatte die Schwester knapp geantwortet, aber er hatte die Wahrheit in ihren Augen ablesen können.

Seine Sicht verschwamm, als er jetzt vor dem Bett stand. Aldo war immer so gutmütig und freundlich gewesen, so sanft.

„Du bist hier. Wusste, du kommst. Habe auf dich gewartet.“

Die Worte, klar verständlich, kamen nur angestrengt über Aldos Lippen. Sein Cousin hob die Hand, und Stefano nahm sie zwischen seine beiden Hände. Die Finger fühlten sich kalt an. „Leblos“ war das Wort, das Stefano in den Kopf schoss. Sofort drängte er es zurück.

„Du musst mir etwas versprechen.“

Ein Muskel zuckte in Stefanos Wange. Sollte Aldo ihn bitten, sich nach seinem Tod um Natasha zu kümmern, würde er nur stumm nicken. Er würde nicht zum Überbringer der schlechten Nachrichten werden. Aldo betete seine Frau an, auch wenn Natasha Stefanos Meinung nach dieser Liebe nicht wert war. „Alles“, sagte er und meinte es ernst.

„Du musst dich um das Land und das Volk kümmern, Stefano. Nimm meinen Platz auf dem Thron ein. Sorge für einen Erben. Du kannst unsere Herrscherlinie nicht abreißen lassen. Die Pflicht muss an erster Stelle stehen.“

Stefano schloss die Augen. Das Land regieren hatte er nie gewollt. Er hatte immer in dem festen Glauben gelebt, dass er es nie würde tun müssen. Er war immer davon ausgegangen, dass Aldo und Natasha für den Thronerben sorgen würden.

Überhaupt … für einen Erben zu sorgen war das Letzte, was er wollte. Er wünschte sich keine Kinder, ebenso wenig wie Giselle. Diese gemeinsame Entscheidung hatte ein starkes Band zwischen ihnen geknüpft, auch deshalb, weil sie beide wussten, wie schwer es anderen fallen würde, das zu verstehen. Nur miteinander hatten sie über den Kummer in der eigenen Kindheit reden und Verständnis für die zurückgebliebenen Narben finden können.

Doch wie sollte er Aldo das alles erklären, wenn der Cousin mit dem letzten Atemzug um seine Hilfe bat und ihm dieses Versprechen abverlangte? Sollte er Aldo etwa die letzte Bitte verweigern?

Mit dem Wort „Pflicht“ hatte Aldo an eine empfindsame Saite gerührt. Ihre Familie herrschte seit Generationen über Arezzio, doch noch wichtiger war Stefano die Pflicht gegenüber dem Mann, der hier vor seinen Augen starb. Sein Cousin, sein Fleisch und Blut, der ohne ihn Natasha nie kennengelernt hätte. Es war seine Schuld, dass Aldo jetzt im Sterben lag.

„Versprich es mir, Stefano“, forderte Aldo. Sein Griff wurde fester, er versuchte, sich aufzurichten. „Ich kann nicht gehen, solange du mir nicht dein Wort gibst. Muss meine Pflicht erfüllen. Auch wenn …“

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