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Herz in Gefahr

1. KAPITEL

Elizabeth Wentworth schnappte entsetzt nach Luft. “Judith, das kann unmöglich dein Ernst sein! Willst du uns damit sagen, dass du eingewilligt hast, Truscott zu heiraten? Ich fasse es nicht!”

Ein leises Hüsteln der dritten Dame im Salon des Hauses in der Mount Street unterband für den Augenblick einen weiteren Ausbruch. Elizabeth sah ihre Schwägerin Hilfe suchend an, aber Lady Wentworth schenkte ihr keine Beachtung.

In den zwölf Jahren ihrer Ehe hatte Prudence gelernt, ihr Temperament zu zügeln. Unüberlegt gesprochene Worte konnten nie wieder zurückgenommen werden, so sehr man sie später auch bereuen mochte. Sie war bereits im vorgerückten Stadium ihrer Schwangerschaft und versuchte mühsam, aufrechter auf dem Sofa zu sitzen.

“Das ist wirklich eine große Überraschung, Judith. Wir ahnten nicht …” Ihre Stimme klang sanft, und ihr Blick ruhte voller Zuneigung auf ihrer Freundin.

Aber Elizabeth ließ sich nicht beschwichtigen und sprang erregt auf. “Warum hast du ihn erhört?”, rief sie bedrückt. “Oh Judith, er wird dich nicht glücklich machen. Der Mann ist ein entsetzlicher Scharlatan! Ich weiß, er ist zurzeit sehr in Mode wegen seiner feurigen Predigten, aber er glaubt selbst kein einziges Wort von dem, was er sagt. Trotz all seines Geredes von Höllenfeuer und Verdammnis hat er nichts Besseres zu tun, als sich mit genau jener Gesellschaft abzugeben, die er vorgibt, zu verachten.”

“Elizabeth, du gehst zu weit!”, sagte Prudence streng. “Bitte erlaube Judith wenigstens, sich zu äußern. Du könntest ihr zugestehen, dass sie ihre eigene Meinung zu dem Thema hat.”

Elizabeth sah aus, als wolle sie widersprechen, hielt jedoch den Mund und ließ sich in einen Sessel fallen.

“Prudence, schimpf nicht”, sagte Judith leise. “Ich wusste, dass es ein Schock für euch sein würde. Immerhin hat Reverend Truscott mir niemals Anlass gegeben zu glauben, er hätte mich je beachtet … das heißt, bis vor wenigen Wochen.”

Elizabeth presste die Lippen zusammen, als ein Blick von Prudence sie traf. Beide dachten dasselbe. Vor weniger als einem Monat hatte Judith von einer ansehnlichen Erbschaft erfahren, die ihr der Bruder ihrer Mutter hatte zukommen lassen. Der verschrobene alte Mann hatte die vornehme Welt damit überrascht, dass er sein beachtliches Vermögen seiner einzigen Nichte vermachte.

“Ich war selbst erstaunt”, fuhr Judith in ihrer sanften Art fort und lächelte ihre Zuhörerinnen an. “Ich bin keine Schönheit und glänze auch sonst nicht in Gesellschaft. Es fällt mir schwer, mit Leuten zu plaudern, die ich nicht kenne, und meinen Witz …” Sie verzog das Gesicht zu einer hilflosen Grimasse, als sie an ihre Mängel dachte.

“Liebste Judith, du unterschätzt dich”, rief Elizabeth voller Wärme aus. “Gib es zu! Du hast einen wunderbaren Sinn für Humor. Wie oft haben wir uns nicht gekrümmt vor Lachen, wenn du eine deiner Geschichten erzähltest!”

“Weil ich euch gut kenne und mich in eurer Gegenwart wohlfühle. Eure Familie war immer so gut zu mir … Die Dowager Countess fehlt mir entsetzlich.”

“Sie war auch sehr von dir eingenommen”, gab Elizabeth zurück. “Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie von deiner Entscheidung erfahren hätte?”

“Sie wollte immer, dass ich heirate”, sagte Judith ruhig. “Es machte sie so glücklich, als ihre Söhne dich und Prudence zur Frau wählten. Und sie hoffte, dass ich das gleiche Glück erleben würde.”

“Das ist etwas ganz anderes!”, sagte Elizabeth fest. “Willst du mir etwa sagen, Judith, dass du ein Tendre für diesen Mann hast?”

Judith errötete. “Nicht jede Frau kann hoffen, so glücklich zu sein wie ihr und den Menschen zu finden, für den sie ihr Leben geben würde.”

“Dann warte noch!” Elizabeth konnte ihre Verzweiflung nicht verbergen. “Du bist jung. Es muss doch ein Dutzend Männer geben, die passender wären als Truscott. Nur sehr wenige können jedenfalls unpassender sein. Du musst dir eine Chance geben!”

“Ich bin fünfundzwanzig, und ich hatte mehrere Saisons. Wie viele Männer haben um mich angehalten? Nein, gib dir nicht die Mühe zu antworten. Du weißt, dass ich nie ein Erfolg war.”

“Nur weil du so still bist! Du gibst niemandem die Chance, dich kennenzulernen. Ach, wir alle lieben dich von Herzen, Judith. Einmal hatten wir gehofft, du und Dan …”

“Elizabeth, das reicht jetzt!” Bei der Erwähnung ihres Adoptivsohns hielt Prudence es für klüger, Elizabeths unbedachten Bemerkungen ein Ende zu setzen.

Vor sechs Jahren hatte sie auch gehofft, dass Judith und Dan zueinander finden würden. Sie hatte erfreut die wachsende Freundschaft zwischen den beiden beobachtet, die so ganz anders als ihre eigene feurige Beziehung zu Sebastian oder Elizabeths und Perrys stürmische Werbung war.

Judith und Dan saßen stundenlang zusammen und wechselten oft nur wenige Worte, waren aber offensichtlich zufrieden in der Gesellschaft des anderen. Dan zeichnete seine Verbesserungsvorschläge für die Kriegsschiffe der britischen Flotte, und Judith brachte ihre Gedanken aufs Papier.

Nur unter Freunden konnte sie dazu überredet werden, diese Worte laut vorzulesen, aber es lohnte sich jedes Mal, darauf zu warten. Ihre scharfsinnigen kleinen Skizzen menschlicher Schwächen brachten ihre Zuhörerschaft dazu, Tränen zu lachen.

Als Judith jetzt Dans Namen hörte, wandte sie betroffen das Gesicht ab. Doch gleich darauf hatte sie sich gefangen. “Wie geht es Dan?”, fragte sie mit ruhiger Stimme. Ihre Freunde durften nicht wissen, wie bitter sie bereute, vor sechs Jahren den Mann, den sie liebte, abgewiesen zu haben.

“Er ist endlich heimgekehrt”, sagte Elizabeth. “Er hat sich natürlich verändert. Jetzt ist er so hochgewachsen und kräftig, dass er wie ein Mann von Welt aussieht. Aber im Grunde ist er noch der gleiche alte Dan.”

Judith spürte einen Anflug von Panik. Eine Begegnung mit Dan wäre eine unerträgliche Qual. Sie stand auf, um sich zu verabschieden.

“Bitte, bleib!” bettelte Elizabeth. “Die Männer werden bald kommen. Perry und Sebastian wären traurig, dich verpasst zu haben, und du hast Dan seit Jahren nicht gesehen.”

“Judith hat vielleicht andere Verpflichtungen, Elizabeth”, warf Prudence ein. Sie wusste sehr wohl, was vor sechs Jahren geschehen war. Hatte sie nicht monatelang einem untröstlichen Dan ihr mitfühlendes Ohr geliehen? Sie hatte versucht, ihn durch unzählige Zerstreuungen abzulenken, aber nichts hatte ihm Trost gebracht. Schließlich hatte Sebastian eine Lösung vorgeschlagen, und bald darauf hatte sich Dan einer Expedition zu den Antipoden-Inseln als Kartograf angeschlossen.

Judith ließ sich nicht umstimmen. Sie zog ihre Handschuhe mit einer Eile an, die, wie sie hoffte, nicht allzu deutlich auffiel.

“Meine Lieben, ihr braucht euch keine Sorgen um mich zu machen. Ich bin überzeugt, dass es das Beste ist. Ich werde mein eigenes Heim haben und hoffentlich eine Familie. Das muss genügen.” Ihr Lächeln zitterte kaum merklich.

Judiths Gesichtsausdruck traf Elizabeth mitten ins Herz. Sie umarmte sie impulsiv. “Versprich nur eins!”, sagte sie. “Setz noch keinen Termin fest. Lass dir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken.”

“Ich habe nachgedacht”, erwiderte Judith. “Wir werden in vier Wochen heiraten.”

“Oh nein!” Was immer Elizabeth diesem ungehörigen Ausruf hatte hinzufügen wollen, wurde verhindert, da in diesem Augenblick die Tür zum Salon geöffnet wurde und drei Gentlemen den Raum betraten.

Es war offensichtlich, dass zwei von ihnen Brüder waren. Die Familienähnlichkeit zwischen Lord Sebastian Wentworth und dem jüngeren Peregrine war sehr stark. Beide Männer waren hochgewachsen und kräftig gebaut, doch Peregrine überragte seinen Bruder noch um einige Zentimeter. Sie besaßen die gleichen dunklen Augen und markanten Gesichter und das gleiche gebieterische Auftreten. Ein gewisser unbeugsamer Zug um ihren Mund ermutigte wenig dazu, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

In diesem Moment jedoch lächelten beide Männer, während sie ihren Begleiter zu Judith führten.

“Hier ist ein alter Freund, der dich begrüßen will”, verkündete Peregrine. “Er ist so gewachsen, dass es mich nicht wundern würde, wenn du ihn gar nicht erkennst.”

Judith war gezwungen, ihm zitternd die Hand zu reichen, aber sie konnte Dans Blick nicht standhalten. Dann beugte er den vertrauten Kopf mit den rotblonden Locken über ihre Fingerspitzen. Die Geste war genau so, wie sie die Höflichkeit vorschrieb, aber bereits die leichte Berührung genügte, um Judith bis ins Innerste erbeben zu lassen.

Sie entzog ihm ihre Hand, als ob sie gestochen worden wäre, aber Dan schien ihre seltsame Reaktion nicht zu bemerken.

“Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Miss Aveton”, sagte er kühl.

Elizabeth sah ihn verblüfft an. “Gütiger Himmel, Dan, was soll das? Das ist doch unsere liebe Judith! Erinnerst du dich nicht?”

“Ich erinnere mich sehr wohl.” Er legte keine besondere Betonung auf seine Worte, aber Judith begriff, was er sagen wollte. Die Wunde war zu tief gegangen. Er würde ihr keine Gelegenheit geben, ihm etwas zu erklären, und vielleicht war es auch besser, es gar nicht erst zu versuchen. Sie mussten jeder seiner Wege gehen, wenn auch der Gedanke an ihre Zukunft Judith mit Verzweiflung erfüllte.

Später konnte sie sich nicht erinnern, wie sie den Salon verlassen hatte und in ihre Kutsche gestiegen war. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie brachte es nur mit größter Anstrengung fertig, sich zu verabschieden, ohne sich ihre Verwirrung anmerken zu lassen.

Als die Tür sich hinter ihr schloss, sah Peregrine seine Frau an.

“Nun, meine Liebe, solltest du uns nicht besser alles sagen? Ich kenne doch diesen Ausdruck. Etwas ist geschehen, das dich bekümmert.”

“Judith wird heiraten”, sagte Elizabeth bedrückt.

Sebastian lächelte. “Aber das ist doch sicher eher ein Grund zur Freude, oder?”

“Nein!”, rief Elizabeth. “Oh Perry, du wirst es nicht glauben! Sie wird diesen fürchterlichen Reverend Truscott heiraten!”

“Mein Liebling, ich hoffe, du hast ihr deine Ansicht nicht mitgeteilt. Es ist ihre Entscheidung, und somit kaum deine Angelegenheit.”

“Es ist sehr wohl meine Angelegenheit. Judith ist meine Freundin. Ich kann es nicht ertragen, mit anzusehen, wie sie sich an diesen … diese Schlange wegwirft!”

“Das sind harte Worte, Elizabeth.” Sebastians Lächeln verschwand. “Der Mann ist ein Geistlicher, noch dazu wohl bekannt. Warum hast du so eine Abneigung gegen ihn?”

Elizabeth warf ihrem Mann einen Blick zu und wusste, dass Vorsicht geboten war. Peregrine geriet ebenso leicht außer sich wie sie selbst. Elizabeth durfte die lüsternen Blicke nicht erwähnen, mit denen der Priester sie maß, wenn er sie begrüßte, und ebenso wenig das zweifelhafte Angebot, ihr seinen Beistand zu geben, wenn sie beide allein waren, oder die Tatsache, dass Reverend Truscott ihre Hand jedes Mal länger hielt, als es der Anstand erlaubte.

“Ich weiß auch nicht”, sagte sie. “Ich traue ihm nicht. Er hat etwas Zwielichtiges.”

“Es muss deine Einbildung sein, Liebste.” Peregrine nahm Elizabeths Hand. “Ich nehme an, du möchtest deine Freundin an niemanden verlieren.”

Sebastian sah Prudence an. “Du bist so still, mein Liebling. Hast du keine Meinung zu diesem Thema?”

“Judiths Ankündigung war ein ziemlicher Schock für uns”, sagte sie leichthin. “Wir wussten nicht, dass Truscott Judith im Auge gehabt hatte, oder Judith ihn. Er hatte nicht die geringsten Anzeichen einer Zuneigung zu ihr zu erkennen gegeben.”

“Bis sie eine Erbin wurde”, warf Elizabeth grimmig ein. “Kann es einen Zweifel geben, warum er um sie angehalten hat?”

“Mein Liebling, das ist nicht fair”, protestierte Peregrine. “Wir alle lieben Judith wegen ihrer ganz besonderen Eigenschaften. Ich verstehe nicht, wieso sie nicht schon längst geheiratet hat.”

An diesem Punkt entschuldigte Dan sich, indem er von einer Verabredung sprach, die er ganz vergessen hatte. Er war so blass geworden, dass seine Sommersprossen sich deutlich von seiner hellen Haut abhoben, und ein seltsam verlorener Ausdruck lag in seinen Augen.

“Alle sind heute so komisch”, beschwerte sich Elizabeth. “Dan kennt Judith doch. Ich hätte gedacht, dass er mehr über den Mann erfahren wollte, den sie heiraten wird. Oh, Prudence, jetzt, da er wieder da ist, meinst du, dass sie ihre Absicht ändern wird?”

“Das bezweifle ich. Sie schien mir sehr entschlossen zu sein.”

“Ich gehe jede Wette ein, dass ihre fürchterliche Stiefmutter hinter alldem steckt. Diese Frau hätte bei der Geburt ertränkt werden sollen!”

Prudence musste ihr insgeheim zustimmen. Sie wusste, dass es Mrs Avetons heftiger Widerstand gegen Dans Werbung gewesen war, der den beiden Verliebten damals so viel Unglück gebracht hatte. Dan war in ihren Augen nichts als ein junger Habenichts gewesen, der einem schmutzigen Slum im industriellen Norden Englands entstammte. Und ihre giftige Zunge hatte ihr böses Werk getan. Dan war daraufhin von vielen Angehörigen des ton geschnitten worden. Viele sogenannte Freunde wiesen ihm kühl die Tür, und Prudence hatte verblüfft erkennen müssen, dass er in den Einladungen, die sie täglich erreichten, nicht mehr eingeschlossen wurde.

Sie hatte den Grund dafür herausgefunden und daraufhin Mrs Aveton zur Rede gestellt. Es war ein unerfreuliches Gespräch geworden, bei dem Judiths Stiefmutter ihre Unschuld beteuert und Prudence in solch eine Wut geraten war, dass Mrs Aveton sich gezwungen sah, ihre verleumderischen Bemerkungen zurückzunehmen.

Doch da war der Schaden schon geschehen, und Judith hatte es nicht mehr ertragen. Obwohl es ihr das Herz brach, es zu tun, hatte sie Dan fortgeschickt, damit er nicht mehr unter der Boshaftigkeit ihrer Stiefmutter zu leiden hatte.

Dan kämpfte mit allem, was in seiner Macht lag, gegen ihre Entscheidung an, aber Judith blieb fest. Seine Ehre und sein guter Name standen auf dem Spiel, und Judith traute Mrs Avetons Versprechen nicht, ihre Angriffe zu unterlassen. Die Intrigen ihrer Stiefmutter mochten vielleicht subtiler werden, aber sie würden nicht aufhören.

Als Judith jetzt ins Haus zurückkehrte, das sie mit ihren beiden Halbschwestern und deren Mutter teilte, bedauerte sie, heute in der Mount Street vorgesprochen zu haben. Prudence und Elizabeth waren über ihre Verlobung schockiert gewesen, aber wie hätte sie ihnen ihre Gründe erklären können?

Seit der Neuigkeit von ihrer Erbschaft war das Leben mit ihrer Familie unerträglich geworden. Mrs Aveton und ihre Töchter machten sie unablässig zur Zielscheibe ihrer missgünstigen Attacken, aber sie konnte nichts dagegen tun. Einer Dame ihres Alters war es nicht gestattet, einen eigenen Haushalt zu führen, selbst wenn sie die Mittel dazu besaß. Der ständige Streit im Haus trieb sie fast zur Verzweiflung.

Und dennoch hatte sie den Antrag des Reverend nicht nur deshalb angenommen. Seine Freundlichkeit ihr gegenüber und die Art, wie er gegen ihre Stiefmutter für Judith Partei nahm, hatten sie gerührt. Mrs Aveton schien sogar ein wenig Angst vor ihm zu haben. Und wirklich bot der Priester mit seiner hochgewachsenen, hageren Gestalt einen einschüchternden Anblick. Immer in Schwarz gekleidet, blitzten seine tief liegenden Augen wie die eines Fanatikers auf, wenn er seine Ermahnungen gegen die Sünde mit Donnerstimme von der Kanzel herunterschallen ließ.

Zu Judiths Überraschung hatte Mrs Aveton seine Werbung akzeptiert. Wahrscheinlich begrüßte sie die Gelegenheit, das Mädchen loszuwerden, das ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen war.

Judith durchquerte die Halle, um die Zuflucht ihres Zimmers aufzusuchen. Ihre Gedanken waren in höchstem Aufruhr. Dans Anblick hatte sie an ihren überwunden geglaubten Kummer erinnert. Sie hatte ihn nicht vergessen. Der Schmerz in ihrem Herzen war heute noch genauso heftig wie vor sechs Jahren.

Ein Lakai hielt sie auf, bevor sie die Treppe erreichte. “Madam wünscht, Sie zu sehen, Miss.”

Judith ging in den Salon, wo Mrs Aveton an ihrem Sekretär saß.

“Da bist du ja endlich!” Es klang kein Willkommen in ihrer Stimme mit. “Selbstsüchtig wie immer! Ist dir nicht der Gedanke gekommen, mir bei diesen Einladungen zu helfen?”

“Es tut mir leid, Ma’am. Wenn Sie es erwähnt hätten, wäre ich zu Hause geblieben.” Judith sah erstaunt den großen Stapel von Karten an. “So viele? Ich glaubte, wir hätten uns auf eine ruhige Hochzeit geeinigt.”

“Unsinn! Reverend Truscott ist ein Mann von Bedeutung. Seine Hochzeit kann nicht als nebensächliche Angelegenheit abgehandelt werden. Sie muss in seiner eigenen Kirche stattfinden, und er sagt, ihr werdet vom Bischof selbst getraut werden.”

“Er ist heute vorbeigekommen?”

“Jawohl, und er war nicht erfreut, dich nicht vorzufinden. Man sollte glauben, dass du auf ihn warten würdest. Was für ein unverständliches Gebaren du doch an dir hast! Du zeigst nicht das geringste Interesse an dem Empfang, dem Menü, den Musikanten oder auch nur an deiner Aussteuer.”

“Ich werde nur sehr wenig brauchen”, sagte Judith ruhig. “Ma’am, wer soll für all das zahlen? Ich möchte Ihnen nicht solche Kosten verursachen.”

Eine hässliche Röte überzog Mrs Avetons Wangen. “Die Kosten tragen selbstverständlich die Braut und ihre Familie. Wenn du verheiratet bist, wird dein Gatte dein Vermögen kontrollieren. Die Gläubiger werden bis dahin warten.”

“Ich verstehe.” Judith wurde klar, dass sie in die eigene Börse würde greifen müssen. “Soll ich die Einladungen für Sie zu Ende schreiben?”

“Du kannst weitermachen. Herrje, es gibt so viel zu tun. Meine Mädchen sind zumindest mit ihren Roben zufrieden.”

Judith erwiderte nichts, während sie sich die Namensliste ansah. Ein überraschter Ausruf entfuhr ihr.

“Was ist denn nun?”, fragte ihre Stiefmutter ungeduldig.

“Die Wentworths, Ma’am? Lady Sebastian Wentworth ist guter Hoffnung. Sie wird nicht kommen können.”

“Das ist mir bekannt. Aber es braucht uns nicht davon abzuhalten, ihr eine Einladung zu schicken. Ich verabscheue die Frau und ihre hochnäsige Schwägerin, aber wir dürfen Lord Wentworth und seiner Familie nicht unsere Aufmerksamkeit vorenthalten. Immerhin sind es die Brüder des Earl of Brandon, den ich natürlich zusammen mit der Countess als Erste auf die Liste gesetzt habe. Meine liebe Amelia wird sicherlich annehmen.” Und mit dieser Ankündigung rauschte sie aus dem Zimmer.

Als Judith die Treppe hinaufging, erlaubte sie sich ein freudloses Lächeln. Sie wusste, dass Amelia, Countess of Brandon, wütend wäre, wenn sie wüsste, mit welcher Vertrautheit man ihren Namen im Mund führte. Sie duldete Mrs Aveton nur, weil sie deren wohlbekannten Hang zum Klatschen teilte.

Judith seufzte. Sie mochte den Earl of Brandon. Als Haupt der Wentworth-Familie und wichtiges Mitglied der Regierung kannte sie ihn nur flüchtig, aber er war ihr immer mit Höflichkeit und Freundlichkeit begegnet. Seine Gattin war ein Kreuz, das er mit Haltung zu tragen wusste.

Judith entledigte sich ihres Mantels und des Häubchens und kehrte in den Salon zurück. Dort saß sie eine Weile in Gedanken versunken und vergaß ganz den Stapel von Einladungen. Ihr Leben hätte so ganz anders sein können, wenn man ihr und Dan erlaubt hätte zu heiraten. Doch jetzt war es zu spät.

“Gütiger Himmel, Judith! Du bist überhaupt nicht weitergekommen.”

Die Tür wurde geöffnet, und Mrs Aveton mit dem Reverend Charles Truscott an ihrer Seite traten ein.

“Aber, Ma’am, Sie sollten meine kleine Braut nicht so schelten. Wenn ich ihr vergebe, bin ich sicher, dass Sie es auch können.” Der Priester legte die Hand gütig auf Judiths Haupt, als wollte er sie segnen. Judith konnte sich nur mit Mühe beherrschen, um nicht vor ihm zurückzuweichen. Sie erhob sich und wandte sich ihm zu, aber sie konnte sich zu keinem Lächeln aufraffen.

“So ernst, meine Liebe? Nun, das war zu erwarten. Die Ehe ist ein entscheidender Schritt, doch der Herrgott hat sie uns gegeben, damit wir uns vermehren mögen.”

Judith hatte den seltsamen Eindruck, dass er sich fast die Lippen leckte. Sie wurde von einem plötzlichen Gefühl des Ekels erfasst. Wie konnte sie zulassen, dass er sie berührte? Schon beim Gedanken daran bekam sie eine Gänsehaut. Sekundenlang war sie versucht herauszuschreien, dass sie einen großen Fehler gemacht und ihre Meinung geändert habe und nicht länger wünschte, den Reverend zu ehelichen, aber er und Mrs Aveton waren bereits weitergegangen und standen ins Gespräch vertieft am Fenster. Judith konnte nicht hören, was sie sprachen.

“Die Abmachung gilt?”, fragte Mrs Aveton leise.

“Ich gab Ihnen mein Wort, werte Dame. Sobald das Geld in meinen Händen ist, werden Sie Ihren Anteil erhalten.” Der Prediger blickte zu seiner zukünftigen Braut hinüber. “Ich werde meinen wohl verdient haben, denke ich. Ihre Stieftochter ist ein merkwürdiges Geschöpf. Ich weiß nie, was hinter ihrer hübschen Stirn vorgeht.”

“Das braucht Sie nicht zu kümmern, Sir. Machen Sie ihr genügend Kinder, damit sie beschäftigt ist, aber unterdrücken Sie ihre radikalen Ideen so erbarmungslos Sie können. Sie liest gern, und sie schreibt sogar, soviel ich weiß.”

“Beides sehr unpassende Beschäftigungen für eine Frau, aber ich werde sie lehren, diesen Unsinn zu vergessen.”

Reverend Truscott betrachtete Judith abschätzend. Es gab sehr vieles, was er ihr beibringen würde. Judith war keine Schönheit. Das braune Haar, die ernsten grauen Augen und die zarte Farbe ihrer Haut waren nicht nach seinem Geschmack, aber ihre Figur war aufsehenerregend. Sie war hochgewachsen und schlank. Er schätzte, dass er ihre Taille mit seinen Händen umspannen könnte, aber die Rundungen ihrer Hüften und ihres vollen Busens versprachen ungeahnte Wonnen.

Seine Augen blitzten bei dem Gedanken gierig auf, aber die Aussicht, ihr Vermögen unter seine Kontrolle zu bekommen, verschaffte ihm sogar noch größeren Genuss. Er unterdrückte den lüsternen Ausdruck auf seinem Gesicht und sah sich die Gästeliste an. Es fiel ihm sofort auf, dass die Namen der Wentworths noch nicht abgehakt waren.

“Mein liebes Kind, Sie dürfen nicht vergessen, Ihre Freunde einzuladen”, schalt er sie sanft. “Ich weiß, wie viel sie Ihnen bedeuten, und ich möchte sie besser kennenlernen.”

“Ich könnte gut ohne die Damen der Familie auskommen”, stieß Mrs Aveton hervor. “Lady Wentworth bringt ihre Meinung sehr frei zum Ausdruck, und was ihre Schwägerin angeht … da fehlen mir die Worte!”

“Ein wenig … sagen wir, lebhaft? Das ist das Privileg der Hochgeborenen, liebe Dame. Aber wir müssen mit Barmherzigkeit von unseren Mitmenschen sprechen. Und Sie stehen mit der Countess of Brandon auf freundschaftlichem Fuß, nicht wahr?”

“Sie hält auch nicht mehr von ihnen als ich.”

Judith schaffte es nicht, ihre Belustigung zu verbergen. Diese Abneigung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

“So etwas, wir haben unsere liebe Judith endlich zum Lächeln gebracht! Glauben Sie mir, meine Liebe, Ihre Freunde werden stets in unserem Heim willkommen sein.”

Judith warf ihm einen dankbaren Blick zu. Vielleicht würde er doch nett sein. Es war ein Glück für ihn, dass sie nicht seine Gedanken lesen konnte. Reverend Truscott erkannte einen Feind, wenn er ihn sah, und Lady Sebastian Wentworth hatte ihn über ihre Meinung nicht im Unklaren gelassen.

Er hatte den Abscheu in ihren Augen erkannt, während sie ihn dabei beobachtete, wie er um die Frauen herumscharwenzelte und den Männern schmeichelte. Sie hatte ihn einmal dabei überrascht, wie er eine junge Frau seiner Gemeinde in der Sakristei in die Ecke gedrängt hatte. An jenem Tag war er zu weit gegangen, und das Mädchen war ganz aufgelöst gewesen.

Ihre Ladyschaft hatte nichts gesagt, aber ihr empörter Blick hatte genügt, um ihn davoneilen zu lassen, während das Mädchen, so gut es konnte, sein Mieder wieder in Ordnung brachte.

Lady Peregrine Wentworth war da schon eine ganz andere Sache. Sie war eine wahre Schönheit, und er hatte das Feuer unter dieser madonnenhaften Erscheinung gespürt. Sie hasste und verabscheute ihn, das war ihm klar geworden. Der Ausdruck ihrer riesigen dunklen Augen konnte nicht missverstanden werden. Aber er hatte Frauen wie sie schon oft mit seinem Gerede über Erlösung und Liebe erobert. Es würde ihm ein großes Vergnügen sein, sie der Liste seiner Opfer hinzuzufügen.

Er sah auf, erhaschte einen Blick von sich im Spiegel und empfand die übliche Zufriedenheit. Sein Aussehen war das Einzige, für das er seiner Mutter, einer Schauspielerin, und seinem unbekannten Vater dankbar war. Wurde er zu hager? Das glaubte er eigentlich nicht. Seine hochgewachsene, dünne Gestalt und der dunkelhaarige Kopf mit den tief liegenden Augen und dem schmalen Kiefer waren sehr beeindruckend. Dieses Strenge, Beängstigende an ihm kam ihm sehr gelegen in seinem selbst erwählten Beruf. Wer konnte ihm widerstehen, wenn er voller Leidenschaft von der Kanzel predigte?

Er spürte, dass Judith ihn beobachtete.

“Vergeben Sie mir, meine Liebe”, sagte er gelassen. “Ich hätte in diesem Zustand nicht zu Ihnen kommen dürfen. Doch die Pflichten bei meinen Gemeindemitgliedern haben mich den ganzen Tag außer Haus gehalten. Sie müssen mich entsetzlich ungepflegt finden, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Sie aufzusuchen.”

“Judith findet nichts dergleichen”, warf Mrs Aveton ein. “Es ist freundlich von Ihnen, noch einmal vorbeizuschauen, denn das dumme Kind war ja vorhin nicht hier, um Sie zu empfangen.”

“Vielleicht denkt sie, dass Abwesenheit die Sehnsucht erhöht”, sagte er lachend. Mit vielen Beteuerungen seiner Ergebenheit verabschiedete er sich von ihnen.

Am nächsten Tag beschwerte sich ihre Stiefmutter über Judiths Mangel an Interesse, als ihr einige Morgenkleider zur Prüfung vorgelegt wurden.

“Ist es dir denn völlig gleichgültig, was du trägst?”, rief sie mit scharfer Stimme. “Nichts kann dich zu einer Schönheit machen, aber du schuldest es deinem Gatten, respektabel auszusehen. Ach, jetzt habe ich Kopfschmerzen dank deiner Dummheit. Den Rest deiner Kleidung kannst du dir allein besorgen. Ich habe keine Zeit, dich wieder zu begleiten.”

Judith atmete insgeheim erleichtert auf. Jede Ausrede, das Haus verlassen zu können, war ihr recht. Sie würde natürlich ihre Zofe mitnehmen müssen, aber Bessie war der einzige Mensch in diesem Haushalt, der ihre ruhige Herrin verstand.

Das war auch Mrs Aveton nicht entgangen, und sie hatte den Reverend bereits davon in Kenntnis gesetzt. Am folgenden Tag sprach sie Judith deswegen an.

“Du bist viel zu vertraut mit diesem Mädchen”, sagte sie. “Mach ihr am besten klar, dass sie sich nach deiner Heirat nach einer neuen Stellung umsehen muss. Dein Gatte wird es nicht dulden, dass du mit einem Dienstmädchen befreundet bist.”

“Ich hatte gehofft, sie mitnehmen zu können. Sie ist die Tochter der Haushälterin meines Vaters, und ich kenne sie schon mein ganzes Leben.”

“Dein Vater ist seit langer Zeit tot. Ich hätte sie schon längst entlassen sollen.”

Es schnürte Judith vor Entsetzen die Kehle zu, aber sie sagte nichts weiter. Ihr zukünftiger Gatte sah das Mädchen vielleicht mit freundlicherem Auge.

Mrs Aveton blickte aus dem Fenster. “Es sieht nach Regen aus. Ich werde die Kutsche heute Morgen selbst brauchen. Du kannst zu Fuß in die Bond Street gehen, um deine Einkäufe zu machen. Es gibt genügend Unterstände auf dem Weg.”

Judith war es egal, ob es in Strömen gießen würde. Sie konnte einen Regenguss als Ausrede benutzen, so lange wie möglich fortzubleiben. Bald machte sie sich auf den Weg und ging mit Bessie an ihrer Seite die Straße entlang.

“Miss Judith, es fängt schon an zu nieseln. Sie werden bis auf die Haut nass werden. Müssen Sie heute ausgehen?”

“Leider ja, Bessie. Hast du die Liste?”

“Sie ist in meiner Tasche, Miss, aber es regnet immer stärker. Wollen wir nicht in diesen Eingang schlüpfen?”

Der Wind wehte ihnen den Regen ins Gesicht, und beide Mädchen beeilten sich, sich unterzustellen. Judith bemerkte die Droschke erst, als sie neben ihnen hielt. Dann packte eine starke Hand sie am Ellbogen.

“Steig ein!”, sagte Dan. “Ich möchte mit dir reden.”

2. KAPITEL

Judith war zu überrascht, um etwas anderes zu tun, als ihm zu gehorchen. Erst als sie und Bessie ihm gegenüber in der Droschke saßen, erkannte sie, wie unvernünftig sie gehandelt hatte. Sie wollte schon protestieren, aber Dan lächelte Bessie an.

“Ich hoffe, es geht dir gut”, sagte er freundlich. “Bessie, nicht wahr? Erinnerst du dich an mich?”

“Sie haben sich nicht verändert, Mr Dan. Ich würde Sie überall erkennen.”

Er grinste. “Wer mich einmal sieht, vergisst mich nie. Es ist mein Karottenkopf, der mich verrät.”

“Dan, bitte! Es tut mir leid, aber wir haben heute Morgen so viel zu erledigen. Ich muss in die Bond Street. Bessie hat eine Liste …”

“Dann lass Bessie deine Besorgungen für dich erledigen.”

“Nein, das geht nicht! Ich meine, es geht wirklich nicht. Ich muss aussuchen, was …”

“Bessie, willst du uns diesen Gefallen tun? Ich muss mit deiner Herrin sprechen.”

“Nein! Bessie, ich verbiete dir …”

Bessie achtete nicht auf ihr Flehen. Sie strahlte Dan an. “Nichts würde ich lieber tun, Mr Dan.”

“Dann holen wir dich an der Ecke Piccadilly ab. Sagen wir, in zwei Stunden?”

“Dan, das geht nicht! Bitte, setz uns ab. Man wird uns vermissen, und ich bekomme Ärger …”

“Unsinn! Prudence sagt, Frauen brauchen Ewigkeiten für ihre Einkäufe. Außerdem kann ich nicht bis ans Ende meiner Tage vor deiner Haustür warten und hoffen, dich allein anzutreffen.”

“Wir hätten uns wieder in der Mount Street sehen können”, protestierte sie.

Dan sah sie forschend an. “Gestern hatte ich den Eindruck, dass du deine Freunde nicht so bald wieder besuchen würdest.”

Sie hatten die Bond Street erreicht, und er klopfte gegen das Dach der Droschke, damit der Fahrer anhielt. Bessie sprang hinab, aber als Judith ihr folgen wollte, versperrte Dan ihr den Weg.

“Hör mich an!”, bat er ernst. “Es ist wenig genug, worum ich dich bitte.”

Judith sank in die Polster zurück. “Es ist Wahnsinn”, sagte sie leise. “Du hättest das nicht tun dürfen.”

“Wahnsinn?” Dan wurde noch ernster. “Und was ist mit dem Wahnsinn, den du planst? Was weißt du von dem Mann, den du zu ehelichen gedenkst?”

Judith wandte das Gesicht ab. “Er war freundlich zu mir, und er weiß sich gegen Mrs Aveton zu behaupten. In seiner Gegenwart ist sie nicht so grausam.”

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