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Herz in Fesseln

1. KAPITEL

Die langen Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Sandsteinmauern von Otterbourne House in goldenes Licht. Während Anna über den gepflegten Kiesweg auf das Haus zuging, nahm sie ihre Puderdose aus der Handtasche und warf einen letzten prüfenden Blick in den kleinen Spiegel.

Normalerweise zog sie in ihrem Privatleben einen natürlichen Look vor, doch an diesem Abend hatte sie sämtliche Register gezogen. Ihr Spiegelbild zeigte einen perfekten porzellanzarten Teint und ausdrucksvolle Wangenknochen. Der sorgfältig aufgetragene steingraue Lidschatten betonte das tiefe Blau ihrer Augen, und ihre vollen Lippen schimmerten in einem verlockenden Scharlachrot.

Seit ihre beste Freundin Kezia Niarchou und deren Mann Nik Otterbourne House bezogen hatten, war das wunderschöne Landhaus in Hertfordshire zu einer Art zweiter Heimat für Anna geworden. Bei jedem anderen Besuch hätte sie irgendetwas Legeres angezogen, um mit ihrem kleinen Patensohn Theo nach Herzenslust auf dem Fußboden herumtoben zu können. Aber dieser Abend war nicht wie andere. Daher hatte sie sich für ein elegantes schwarzes Cocktailkleid entschieden, in dem sie ganz ihrem glamourösen Image gerecht wurde: Anneliese Christiansen – international begehrtes Topmodel und das Gesicht eines weltberühmten Kosmetikkonzerns.

„Na endlich, Anna!“, tadelte Kezia sie gutmütig, als sie die Tür öffnete. „Eine kleine Verspätung mag ja zum guten Ton gehören, aber du übertreibst es.“

„Tut mir leid.“ Anna umarmte Kezia und trat in die Halle. „Hast du meine SMS nicht bekommen? Mein Wagen hatte einen Platten, aber zum Glück kam gerade der junge Mann aus der Wohnung unter mir vorbei und hat den Ersatzreifen für mich aufgezogen.“

„Ein echter Glücksfall“, pflichtete Kezia ihr trocken bei. „In dem Aufzug hättest du schlecht dein Auto aufbocken können.“ Sie musterte ihre Freundin bewundernd von Kopf bis Fuß. „Ich wüsste ja zu gern, wen du mit diesem umwerfenden Outfit beeindrucken möchtest.“ Als Anna darauf leicht errötete, blitzte es in ihren dunklen Augen auf. „Lass mich raten: Könnte es vielleicht Damon sein?“

„Wohl kaum.“ Erleichtert stellte Anna fest, dass sie genau den richtigen Tonfall getroffen hatte – amüsiert und eine Spur gelangweilt. Seit ihrem ersten Jahr im Internat waren sie und Kezia enge Freundinnen. Gemeinsam hatten sie die bittere Scheidung von Annas Eltern und Kezias Kampf gegen die Leukämie durchgestanden, doch es gab Dinge, die Anna nicht einmal Kezia anvertrauen konnte. Insbesondere ihre unerklärliche Faszination für Niks Cousin Damon Kouvaris.

Der millionenschwere Bauunternehmer galt als knallharter Geschäftsmann und notorischer Playboy mit einem Faible für schöne Blondinen, und Anna hatte nicht vor, die Liste seiner Eroberungen noch zu verlängern. Umso ärgerlicher war es, dass es ihr in den vergangen zwei Monaten trotz aller Bemühungen nicht gelungen war, ihn aus ihren Gedanken zu vertreiben.

Als Anna an Kezias Seite den Salon betrat und die vertrauten Gesichter ihrer Freunde erblickte, löste sich ihre innere Anspannung ein wenig. Niks Cousin war noch nicht eingetroffen, jedenfalls konnte sie ihn nirgends entdecken.

„Anna, wie schön dich zu sehen!“ Nikos Niarchou kam auf sie zu, um sie zu begrüßen. Groß, dunkel und ungemein attraktiv, war Nik ein echter Frauentyp. Doch für Kezia hatte er ohne Bedauern sein sorgloses Jetset-Dasein gegen das Leben eines hingebungsvollen Ehemanns und Vaters eingetauscht. Er umarmte Anna herzlich und küsste sie auf beide Wangen, doch gleich darauf kehrte sein Blick zu seiner Frau zurück.

Anna gönnte den beiden ihr Glück von Herzen, wenngleich sie selbst der Institution Ehe sehr skeptisch gegenüberstand. Ihre Eltern machten beide gerade jeweils den dritten Versuch, und sie verspürte keinerlei Bedürfnis, deren Beispiel zu folgen.

Als sie in die Runde blickte und feststellte, dass sie als Einzige ohne Partner gekommen war, kehrte unvermittelt ihre Nervosität zurück. Normalerweise spielte bei gesellschaftlichen Anlässen einer ihrer Kollegen oder ein befreundeter Schauspieler die Rolle ihres Begleiters. Heute hatte sie darauf verzichtet, da sie wusste, dass außer Damon nur Freunde da sein würden. Sie konnte nur hoffen, dass er mit einer seiner zahlreichen Geliebten erscheinen würde. Schon die bloße Vorstellung, den ganzen Abend über neben ihm zu sitzen, brachte sie aus dem Gleichgewicht.

„Was möchtest du trinken, Anna?“

Einen großen Gin Tonic, hätte sie am liebsten erwidert, als sie Nik zur Bar folgte. Stattdessen bat sie wie üblich um ein Glas Wasser mit Eis. Keinesfalls würde sie wegen Damon Kouvaris ihre eisernen Grundsätze über den Haufen werfen, mochten ihre Nerven auch noch so sehr nach einer Beruhigung verlangen.

Vielleicht kommt er ja gar nicht, überlegte sie. Als Direktor von Kouvaris Construction reiste er ständig zwischen den diversen Projekten seines Unternehmens hin und her. Möglicherweise gab es auf einer seiner Baustellen ein Problem, das dringend seine Anwesenheit erforderte. So war es auch vor zwei Monaten gewesen, als Anna ihn zum ersten Mal auf Niks Insel Zathos getroffen hatte.

Wenig später befand sie sich mitten in einem lebhaften Gespräch, sodass sie keine Gelegenheit mehr hatte, noch länger über Niks aufregenden Cousin nachzudenken. Sie lachte gerade über eine witzige Anekdote, die jemand zum Besten gegeben hatte, als sie unvermittelt ein leichtes Prickeln auf der Haut verspürte. Ein sechster Sinn sagte ihr, dass jemand sie beobachtete. Langsam drehte sie sich um und sah einen großen, breitschultrigen Mann in der geöffneten Terrassentür stehen.

Damon!

Seine kraftvolle Silhouette zeichnete sich gegen die Abendsonne ab, und für einen Moment glaubte Anna, eine Heldenfigur aus der griechischen Mythologie vor sich zu sehen. Reiß dich zusammen, befahl sie sich verärgert und wollte sich wieder abwenden, aber Damon hielt ihren Blick fest. Der beunruhigend sinnliche Ausdruck in seinen dunklen Augen zog Anna unwiderstehlich in seinen Bann. Sekundenlang schien die Zeit stillzustehen, dann trat Nik auf seinen Cousin zu, und der Augenblick war vorbei.

„Wie ich sehe, hast du Anna bereits entdeckt, Damon. Seit Theos Taufe auf Zathos habt ihr beiden euch nicht mehr gesehen, oder?“

„Nein.“ Ohne den Blick von ihr zu lösen, trat Damon auf sie zu. „Wie geht es Ihnen, Anna?“ Seine tiefe Stimme klang weich und melodisch, und der griechische Akzent verstärkte die erotische Wirkung noch.

„Nett, Sie wiederzusehen, Mr. Kouvaris.“ Anna setzte ein unpersönliches Lächeln auf und reichte ihm förmlich die Hand, doch von einem schlichten Händedruck schien Damon nicht viel zu halten. Ehe Anna reagieren konnte, verschränkte er seine Finger mit ihren, zog sie zu sich heran und küsste sie auf beide Wangen.

„Nennen Sie mich Damon“, bat er sie. „Ich finde, wir sollten alle Förmlichkeiten beiseitelassen, schließlich sind wir praktisch miteinander verwandt.“

Abrupt löste Anna ihre Hand aus seiner und trat einen Schritt zurück. Die vertrauliche Begrüßung hatte sie völlig aus der Fassung gebracht. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und noch immer glaubte sie, die leichte Berührung seiner Lippen auf ihrer Haut zu spüren. Zu allem Überfluss verriet ihr das amüsierte Funkeln in Damons Augen, dass er sich ihrer Reaktion auf ihn durchaus bewusst war.

„Ich verstehe nicht ganz, wie Sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen sind.“ Sie war selbst überrascht, wie kühl und distanziert ihre Stimme klang.

„Ganz einfach.“ Damon schenkte ihr ein entwaffnend jungenhaftes Lächeln. „Ich bin Niks Cousin, und Kezia sagte mir, dass ihr beiden euch so nahesteht wie Schwestern.“

Anna hätte gern etwas Schlagfertiges erwidert, doch ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Damon war ihr für ihren Geschmack viel zu nah, und die Tatsache, dass sie sich wie magisch von seinem Gesicht angezogen fühlte, war noch beunruhigender. Dabei war er keineswegs ein schöner Mann. Jedenfalls nicht im landläufigen Sinn. Mit seiner ausgeprägten, leicht unregelmäßig geformten Nase, den dichten schwarzen Brauen und der kantigen Kinnpartie erinnerte er eher an einen Boxer, der schon einige harte Kämpfe hinter sich hatte. Die breiten Schultern und der kräftige, muskulöse Körperbau verstärkten noch den Eindruck rauer, bodenständiger Männlichkeit. Am meisten war Anna jedoch von seinen vollen, unglaublich sinnlichen Lippen fasziniert.

Sein Kuss würde keine sanfte Verführung sein, ging es ihr durch den Kopf. Nein, dieser Mann würde totale Unterwerfung fordern. Er wäre ein ungehemmter, besitzergreifender Liebhaber, der seinen unwiderstehlichen Mund als Instrument für alle möglichen lustvollen Qualen einsetzen würde …

Als Anna sich bei ihren entgleisten Gedanken ertappte, riss sie den Blick von seinem Gesicht los und konzentrierte sich stattdessen auf sein blütenweißes, gestärktes Hemd. Wie alle Models war sie groß – ohne Schuhe maß sie einsfünfundsiebzig –, aber neben Damon fühlte sie sich klein und seltsam wehrlos.

„Sie sehen einfach hinreißend aus, Anna.“ Bewundernd ließ er den Blick über ihre leicht gebräunte Haut schweifen. „Wie ich hörte, waren Sie kürzlich in Südafrika.“

Hatte Kezia es ihm erzählt? Anna erinnerte sich an die kleine Anspielung bei ihrer Ankunft und hoffte inständig, dass ihre Freundin nicht vorhatte, sich als Kupplerin zu betätigen.

„Ich habe mich bei Ihrer Agentur nach Ihrem Aufenthaltsort erkundigt“, beantwortete Damon ihre unausgesprochene Frage. Als er sah, wie Anna daraufhin verärgert die Lippen zusammenpresste, fügte er ohne jede Verlegenheit hinzu: „Zuerst wollte die nette Dame am Telefon mir keine Auskunft geben, aber sobald ich sie davon überzeugt hatte, dass ich ein persönlicher Freund von Ihnen bin, war sie überaus hilfsbereit.“

Das kann ich mir vorstellen. Vermutlich hat er keine fünf Minuten gebraucht, um sie mit seinem Charme einzuwickeln, schoss es Anna durch den Kopf.

„Die Tatsache, dass wir auf Theos Taufe zusammen getanzt und einige Worte miteinander gewechselt haben, macht uns noch lange nicht zu Busenfreunden“, stellte Anna spröde fest und bereute auf der Stelle ihre unbedachte Wortwahl.

„Stimmt.“ Um Damons Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Aber unser gemeinsames Patenkind ist doch ein zwingender Grund, einander besser kennenzulernen, finden Sie nicht? Wenn ich es recht bedenke, ist es sogar unsere Pflicht.“

Verärgert registrierte Anna, dass er sich über sie lustig machte. Als Kezia sie gebeten hatte, die Patenschaft für deren kleinen Adoptivsohn Theo zu übernehmen, hatte sie begeistert zugestimmt, doch da war ihr auch noch nicht klar gewesen, auf wen Niks Wahl fallen würde. Aus Höflichkeit hatte Anna ihre Bedenken für sich behalten, aber es war ihr mehr als zweifelhaft erschienen, dass ein Mann wie Damon Kouvaris sich auch nur am Rande für Kinder interessierte.

An seinem Interesse für Frauen dagegen bestand kaum ein Zweifel. Ein Blick aus seinen dunklen Samtaugen genügte, um jede Frau schwach werden zu lassen. Sie selbst war das beste Beispiel dafür. Als Nik ihr auf Zathos seinen Cousin vorgestellt hatte, waren ihr augenblicklich die Knie weich geworden, und auch jetzt spürte Anna wieder dieses verräterische Beben in ihren Gliedern.

Als Kezia verkündete, dass das Essen serviert sei, zog Damon wie selbstverständlich Annas Arm unter seinen. „Da wir beide allein gekommen sind, wäre es mir ein Vergnügen, beim Dinner Ihr Tischpartner zu sein.“

Anna rang sich ein Lächeln ab, obwohl sie am liebsten laut aufgeschrien hätte. Damons Gegenwart bewirkte, dass sie sich gereizt und überempfindlich fühlte … und gleichzeitig so lebendig wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Während sie den anderen Gästen ins Speisezimmer folgten, registrierte sie überdeutlich die leichte Berührung seines Oberschenkels an ihrem. Es war nur ein beiläufiger Körperkontakt, dennoch durchzogen sie erregende Schauer, und sie spürte, wie sich jeder einzelne ihrer Muskeln verspannte.

Was war nur mit ihr los? Sie war Anneliese Christiansen – „die Eisprinzessin“, wie die Presse sie gern nannte. Niemand hatte es je geschafft, ihren Panzer zu durchdringen, und es machte sie wütend, mit welcher Leichtigkeit dieser arrogante, anmaßende Grieche ihr inneres Gleichgewicht erschüttern konnte.

Als Damon ihr höflich den Stuhl zurechtrückte, nahm sie den schwachen Duft seines Aftershaves wahr. Die würzige, exotische Note verwirrte ihre Sinne, und es kostete sie einige Mühe, ruhig ihre Serviette auseinanderzufalten und ihm mit einer Selbstsicherheit zuzulächeln, die sie nicht empfand.

Der erste Gang war ein köstlicher Meeresfrüchtesalat. Anna hatte seit dem Frühstück, das wie üblich aus Joghurt und etwas Obst bestanden hatte, nichts mehr gegessen. Der Gedanke, Damon wiederzusehen, hatte sie den ganzen Tag über in einen Zustand nervöser Angespanntheit versetzt, doch jetzt merkte sie, wie hungrig sie war.

„Haben Sie Ihren Trip nach Südafrika genossen, Anna? Die Wildblumen in der Savanne sind um diese Jahreszeit ein atemberaubender Anblick.“

Anna ließ die Gabel, die sie gerade zum Mund führen wollte, wieder sinken. Der leicht heisere Klang seiner Stimme bewirkte, dass sich ihre Kehle augenblicklich verengte. „Ich war beruflich dort und hatte keine Zeit für Besichtigungstouren“, gab sie ihm höflich Auskunft.

„Wie schade. Arbeiten Sie immer nach einem so engen Zeitplan?“

Etwas in seinem Tonfall verriet Anna, dass Damon das Posieren in Designerkleidung nicht gerade als harte Arbeit einstufte. Wofür hielt dieser arrogante Mensch sich eigentlich? Schon bei ihrer ersten Begegnung hatten seine versteckt geringschätzigen Kommentare über ihre Arbeit sie auf die Palme gebracht.

„Es mag Sie überraschen, aber die Arbeit als Fotomodell stellt einige sehr hohe Ansprüche, und ich nehme meinen Beruf sehr ernst“, informierte sie ihn. „Ich bin für ein Fotoshooting bezahlt worden und nicht, um gratis in Südafrika Urlaub zu machen.“

„Eine sehr lobenswerte Einstellung.“

Damon schien sich blendend auf ihre Kosten zu amüsieren. Wie die meisten Männer glaubte anscheinend auch er, dass schöne blonde Frauen automatisch oberflächlich und dumm waren. Eine Sekunde war Anna versucht, ihm mitzuteilen, dass sie gerade ein vierjähriges Fernstudium abgeschlossen und jetzt ein Wirtschaftsdiplom in der Tasche hatte, aber dann ließ sie es sein. Was Damon Kouvaris von ihr dachte, konnte ihr völlig gleichgültig sein.

Sie wandte sich wieder ihrer Vorspeise zu, doch inzwischen war ihr der Appetit vergangen. Damon dagegen aß mit unübersehbarem Genuss. Anna war sich jeder seiner Bewegungen bewusst, und als er nach seinem Weinglas griff, betrachtete sie aus den Augenwinkeln seine kräftigen, gebräunten Hände.

Von Nik wusste sie, dass der alte Kouvaris seinen Sohn das Baugeschäft von der Pike auf hatte lernen lassen. Inzwischen verbrachte Damon mehr Zeit in Konferenzsälen als auf Baustellen, doch vor zwanzig Jahren hatte er sein Berufsleben als einfacher Arbeiter begonnen.

Gewöhnt an die künstliche Welt des schönen Scheins, wirkte Damons überwältigende Männlichkeit fremd und beunruhigend auf Anna – und löste ärgerlicherweise ständig unerwünschte Fantasien in ihr aus. Als sie sich bei der Frage ertappte, wie diese großen, starken Hände sich wohl auf ihrer nackten Haut anfühlen mochten, atmete sie hastig tief ein und verschluckte sich prompt an einer Garnele.

„Ganz ruhig, Anna … hier, trinken Sie das …“

Anna zwang sich, einen Schluck aus dem Wasserglas zu trinken, das Damon ihr an die Lippen hielt. Gleichzeitig versuchte sie, gegen die albernen Tränen anzukämpfen, die seine ungebetene Fürsorglichkeit heraufbeschwor.

„Besser?“, erkundigte er sich nach einer Weile und betrachtete sie forschend.

„Ja, danke“, murmelte sie und kam sich dabei vor wie eine Idiotin. Als Topmodel wurde sie ständig zu hochkarätigen gesellschaftlichen Events eingeladen und hatte dabei einige der begehrenswertesten Männer der Welt kennengelernt. Da wäre es doch gelacht, wenn sie es nicht schaffte, einen Abend mit Damon Kouvaris zu verbringen, ohne sich vollkommen lächerlich zu machen.

Der Hauptgang wurde serviert, aber Anna konnte Mrs. Jessops Kochkünsten nicht die gebührende Anerkennung zollen. Unfähig, auch nur einen Bissen herunterzubringen, schob sie ihr Lammfilet auf dem Teller hin und her und hoffte, dass es so aussah, als würde sie essen.

„Haben Sie wirklich keinen Hunger, oder gehören Sie auch zu den Frauen, die fanatisch jede Kalorie zählen?“, raunte Damon ihr zu. „Sie haben eine sensationelle Figur, Anna, aber ich würde Sie ungern noch dünner sehen.“

Seine letzte Bemerkung gab Anna den Rest. Im Stillen schwor sie sich, ihm zukünftig keine Gelegenheit mehr zu geben, sie überhaupt zu sehen, geschweige denn, sich weitere unangebrachte Bemerkungen über ihre Figur zu erlauben. Dass Damon in ihrem Gesicht lesen konnte wie in einem offenen Buch, entging ihr zum Glück.

In seinen Augen sah sie aus wie eine kostbare Porzellanfigur …

Damon konnte kaum den Blick von Annas Gesicht losreißen. Ihre klassischen Züge waren perfekt, und ihr Mund eine sinnliche Einladung, die er nur allzu gern angenommen hätte. Vor Kurzem hatte er irgendwo gelesen, dass die Kosmetikfirma, die sie repräsentierte, ihr einen neuen Vertrag über mehrere Millionen Pfund angeboten hatte. Der Grund dafür war nicht schwer zu verstehen: Mit ihrem hellblonden Haar, das sie an diesem Abend zu einem schlichten Knoten im Nacken geschlungen hatte, dem makellosen Teint und den großen, kunstvoll betonten Augen war Anneliese Christiansen nicht nur eine Stilikone, sondern auch der Inbegriff aller Männerfantasien.

Während Damon den Blick auf ihrem sanft geschwungenen Mund ruhen ließ, spürte er, wie sein Körper automatisch auf den Anblick ihrer scharlachroten Lippen reagierte. Sie schimmerten verführerisch und waren so unglaublich sexy, dass ihn jähe Hitze durchflutete.

Er hatte sie vom ersten Moment an begehrt, aber leider war die Taufe seines Patenkindes nicht der passende Rahmen gewesen, um der Befriedigung seiner erotischen Gelüste nachzugehen. Anna war anscheinend ebenfalls dieser Meinung gewesen. Ihr betont gleichgültiges Verhalten ihm gegenüber hatte ihn amüsiert, aber auch neugierig gemacht. Insbesondere deswegen, weil er deutlich gespürt hatte, dass sie sich ungeachtet ihrer kühlen Distanziertheit ebenfalls von ihm angezogen fühlte.

Dementsprechend frustriert war er gewesen, als man ihn telefonisch zu einer seiner Baustellen gerufen hatte. Seit er denken konnte, nahm seine Arbeit gleich nach seiner Familie den wichtigsten Platz in seinem Leben ein, doch an jenem Tag hätte er einiges dafür gegeben, um noch länger auf Zathos bleiben zu können.

Kaum war er wieder nach Athen zurückgekehrt, hatte Damon seine Affäre mit Filia beendet. Sofort als er Anna kennengelernt hatte, war er fest entschlossen, sie zu erobern, aber dazu brauchte er freie Bahn. Erwartungsgemäß hatte Filia ihm eine heftige Szene gemacht, doch mithilfe einiger kostspieliger Geschenke war es ihm schließlich gelungen, sie zu trösten. Jetzt war er wieder ungebunden und begierig darauf, zu entdecken, ob die knisternde Spannung, die er zwischen sich und Anna wahrgenommen hatte, ihr explosives Versprechen einlösen würde.

„Meine Essgewohnheiten gehen Sie zwar nichts an, aber zu Ihrer Information ernähre ich mich normal und gesund“, unterbrach Anna unvermittelt seine Überlegungen.

Damon lächelte. „Ich freue mich, das zu hören, denn in diesem Fall spricht ja nichts dagegen, dass Sie morgen Abend mit mir essen gehen. Ich hole Sie gegen sieben Uhr ab, einverstanden?“

Bevor sie etwas entgegnen konnte, erkundigte sich einer der Gäste, wo genau in Athen sich die Geschäftsräume von Kouvaris Construction befanden. Während Damon es ihm ausführlich erklärte, kochte Anna im Stillen vor Wut.

Offenbar ging dieser selbstherrliche Kerl wie selbstverständlich davon aus, dass sie seine Einladung annahm, was nur ein weiterer Beweis dafür war, dass er sie für ein einfältiges Blondchen ohne eigene Meinung hielt. Sie brannte förmlich darauf, ihm eine eiskalte Abfuhr zu erteilen, doch zu ihrem Bedauern unterhielt Damon sich für den Rest des Dinners mit seinem Tischpartner zur Linken. Erst als der Kaffee serviert wurde, wandte er sich ihr wieder zu.

„Gibt es ein bestimmtes Restaurant, das Sie bevorzugen?“, erkundigte er sich beiläufig, als würden sie sich schon seit Monaten treffen.

„Ihr Angebot ist zwar ungemein verlockend“, bemerkte Anna sarkastisch, „aber leider habe ich morgen Abend schon etwas vor.“

„Kein Problem, dann verschieben wir es eben auf übermorgen.“

„Da habe ich auch schon etwas vor.“

„Und am Freitag?“ Damons Miene verriet nichts, doch sein Tonfall deutete an, dass das Spiel anfing, ihn zu langweilen.

„Ich fürchte, da geht es auch nicht.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass Ihr Modeljob so zeitaufwendig ist.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich arbeiten muss“, korrigierte Anna ihn gereizt. War das Ego dieses Mannes wirklich so aufgebläht, dass er kein Nein akzeptieren konnte? „Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ich mich zurzeit mit jemand anderem treffen könnte?“

Einen Moment lang wirkte Damon irritiert, dann fragte er unumwunden: „Und? Tun Sie es?“

Sie brauchte jetzt nur Ja zu sagen, dann wäre sie ihn ein für alle Mal los. Der Gedanke war verführerisch, aber Annas angeborene Ehrlichkeit zwang sie, den Kopf zu schütteln.

„Darf ich fragen, womit Sie dann an sämtlichen Abenden dieser Woche beschäftigt sind?“

„Mit Haarpflege“, teilte sie ihm mit und machte sich keine Mühe, ihren feindseligen Tonfall abzumildern. Sie wusste selbst, dass sie überreagierte, aber noch nie hatte die Nähe eines Mannes sie so aus dem Gleichgewicht gebracht, und er sollte auf keinen Fall merken, welche Wirkung er auf sie hatte.

Damon verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Offenbar führen Sie ein sehr erfülltes Leben“, stellte er fest. Dann wandte er sich wieder seinem Tischnachbarn zu.

Wie es aussah, hatte Anna ihr Ziel erreicht. Damon hätte kaum deutlicher machen können, dass er das Interesse an ihr und einem gemeinsamen Dinner verloren hatte.

Aber warum fühlte sie sich dann plötzlich so deprimiert?

„Ich dachte, du magst Damon.“

Nachdem Kezia sich davon überzeugt hatte, dass Theo friedlich schlief, zog sie leise die Tür zu seinem Zimmer hinter sich zu. Sie hatte Anna gebeten, sie nach oben zu begleiten, um nach dem Kleinen zu sehen, aber in Wirklichkeit war es ihr darum gegangen, ihre Freundin für einen Moment allein zu sprechen. „Er wollte dich doch nur zum Dinner ausführen“, hielt sie Anna vor Augen, „aber du hast so getan, als hätte er dich aufgefordert, mit ihm ins Bett zu gehen.“

„Weil ich den deutlichen Eindruck hatte, dass seine Einladung nur eine Einleitung dazu war“, konterte Anna trocken. „Du hast selbst gesagt, dass Damon Kouvaris ein Frauenheld ist, und ich habe nicht die Absicht, mich in die Schar seiner Eroberungen einzureihen.“

„Ja, leider …“

Kezia hatte es nur ganz leise und mehr zu sich selbst gesagt, doch Anna war der Kommentar nicht entgangen. „Was willst du damit sagen?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

Seufzend betrachtete Kezia das angespannte Gesicht ihrer Freundin. „Dass du nicht den Rest deines Lebens damit verbringen kannst, aus Angst vor Verletzungen jeden Mann vor den Kopf zu stoßen“, antwortete sie ehrlich. „Okay, dein Vater war ein Schürzenjäger und hat deine Mutter unglücklich gemacht, aber das bedeutet doch nicht, dass jeder Mann, den du kennenlernst, genauso ist.“

„Willst du etwa behaupten, dass Damon zu der treuen Sorte gehört?“ Anna lachte humorlos auf, während sie Kezia zum Treppenabsatz folgte. „Glaub mir, ich treffe täglich Männer wie ihn und weiß genau, dass er nur an einem interessiert ist. Aber von mir bekommt er es bestimmt nicht.“

Als Damon plötzlich wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchte, fuhren die beiden zusammen wie erschrockene Schulmädchen.

Kezia fing sich als Erste. „Du liebe Güte, Damon!“, rief sie und schnitt ein Gesicht. „Hattest du etwa vor, uns zu Tode zu erschrecken?“

„Tut mir leid, aber Nik sagte, dass ihr beiden nach Theo sehen wolltet, und da dachte ich mir, ich könnte vielleicht auch einen Blick auf mein Patenkind werfen. Ich hoffe, ich habe euch nicht gestört.“ Sein Lächeln schloss sie beide ein, aber sein Blick war unverwandt auf Anna gerichtet.

„Nein, wir haben nur ein wenig geplaudert“, murmelte sie und fragte sich entsetzt, wie lange er wohl schon dort gestanden hatte.

„Dann bin ich ja beruhigt.“

Während Damon sie weiter mit undurchdringlicher Miene betrachtete, versuchte er, sich einen Reim auf die Gesprächs-fetzen zu machen, die er von Annas Unterhaltung mit Kezia mitbekommen hatte. Bis jetzt hatte er ihr unterkühltes Verhalten ihm gegenüber für Taktik gehalten.

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