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Herz in Fesseln

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Anne Mather

Herz in Fesseln

Voller Überraschungen ist Felicitys neuer Job im Landhaus des Starjournalisten Matt. Bald kann sie der wachsenden erotischen Spannung zwischen ihnen immer weniger widerstehen. Doch warum zieht Matt sich nach leidenschaftlichen Küssen jedes Mal sofort wieder zurück? Kaum haben sie eine heiße Liebesnacht miteinander verbracht, verschwindet er ohne ein Wort des Abschieds nach London. Verletzt vermutet Felicity das Schlimmste: Ihr Traummann liebt eine andere Frau …

1. KAPITEL

Matt wurde vom Läuten der Kirchturmglocke wach. Das war ungewöhnlich, denn noch vor einigen Monaten hatten ihn selbst nachts die durchdringenden Rufe des Muezzin nicht geweckt. Während der vier Jahre, die Matt in Nordafrika verbracht hatte, hatte er sich an alle möglichen Geräusche gewöhnt – besonders in den letzten achtzehn Monaten, in denen er in Gefangenschaft in Abuqara gewesen war. Am schlimmsten waren die Schüsse gewesen, die immer wieder auf dem Gefängnishof gefallen waren, doch sogar daran hatte er sich letztendlich gewöhnt.

Es war schon erstaunlich, welche körperlichen und seelischen Qualen ein Mensch überleben konnte – und Matt hatte überlebt. Sechs Monate waren nun vergangen, seit er nach England zurückgekehrt war, und er hätte längst wieder in die Alltagsroutine der Zivilisation zurückfinden müssen, doch das Gegenteil war der Fall. Matt kam mit dem Leben, das er vor seiner Zeit in Afrika geführt hatte, einfach nicht mehr zurecht. Ihm war klar geworden, dass er sich verändert hatte und nicht mehr der Mensch war, der er vor seiner Reise nach Afrika gewesen war. Tagsüber grübelte er über sich und das Geschehene nach, und nachts fand er keinen Schlaf oder wurde von Albträumen gequält, in denen er die traumatischen Ereignisse von Abuqara immer wieder durchlebte.

Matt stand auf und ging ans Fenster. Wenigstens litt er beim Aufstehen nicht mehr unter den unangenehmen Schwindelgefühlen wie in den ersten Wochen nach seiner Heimkehr. Bei seiner Ankunft in England war er völlig abgemagert und entkräftet gewesen, doch durch gesunde Ernährung und konsequentes Krafttraining war es ihm gelungen, sich körperlich weitgehend wieder fit zu machen.

Ja, körperlich machte Matt täglich Fortschritte, doch seine psychische Verfassung besserte sich nicht. Manchmal war er nahe daran, sich in sein Schicksal zu ergeben, doch dann mahnte er sich zur Geduld. Er musste einfach nur zur Ruhe kommen, und genau deshalb hatte er sich Old Coaching House gekauft. Es lag in Mallon’s End, einem kleinen Dorf weit weg von London und dem hektischen Leben, das er mit Diane geführt hatte, bevor er nach Abuqara gegangen war, um dort als Journalist über den Bürgerkrieg zu berichten.

Diane war über Matts Entscheidung, aufs Land zu ziehen, alles andere als glücklich gewesen. Sie war in Mallon’s End, wo auch ihre Eltern lebten, aufgewachsen und konnte nicht verstehen, weshalb Matt auf das aufregende Leben und die beruflichen Chancen, die ihm London bot, verzichten wollte. Vor seiner Gefangenschaft in Abuqara hatte Matt für einen Fernsehsender gearbeitet, wo er hätte wieder Anschluss finden können, doch das wollte er nicht.

Matt wusste selbst nicht genau, weshalb er dieses Angebot abgelehnt hatte. Die Erbschaft seiner Großmutter hatte ihm jedoch ein gutes finanzielles Polster beschert, das es ihm ermöglichte, eine längere Auszeit vom Berufsleben zu nehmen. Dazu war ihm die Möglichkeit eröffnet worden, ein Buch über seine Erfahrungen als Gefangener der Rebellen in Abuqara zu schreiben.

Matts Blick fiel in den herrlichen großen Garten, dessen Blumen, Bäume und Büsche in voller Blüte standen. Jeden Tag genoss Matt den Anblick dieser sommerlichen Pracht, denn genau das brauchte er im Moment, und davon hatte er Tag und Nacht geträumt, während er die kahlen Wände seiner Gefängniszelle angestarrt hatte.

Ja, nun hatte die Zivilisation ihn wieder, doch er zog es vor, sich vor all den Menschen und Orten zurückzuziehen, die ihm vorher so vertraut gewesen waren. Es war schon paradox – hatte er sich im Gefängnis noch so sehr nach Kontakt zur Außenwelt gesehnt, so zog er sich jetzt immer mehr von allem zurück.

Auch das verstand Diane nicht, und Matt konnte es ihr nicht einmal verübeln. Er brachte es einfach nicht über sich, ihr seine Seele zu öffnen, und ob er das jemals schaffen würde, wusste er noch nicht.

Matt atmete tief durch und trat vom Fenster weg. Der Rummel, der in den letzten Monaten um seine Person veranstaltet worden war, war ihm einfach zu viel geworden. All die Interviews, Befragungen und Telefonsitzungen waren ihm derart auf die Nerven gegangen, dass er nur noch das Bedürfnis hatte, nicht nur London den Rücken zu kehren, sondern sein ganzes bisheriges Leben drastisch zu verändern. Und wenn Diane ihn deshalb für verrückt hielt, dann konnte er eben auch nichts daran ändern.

Matt ging unter die Dusche und ließ lange kühles Wasser über seinen Körper laufen. Danach zog er eine leichte Sommerhose und ein schwarzes T-Shirt an. Einen Fön brauchte er nicht, denn sein Haar war extrem kurz und würde im Nu trocknen. In Abuqara hatte man ihn kahl rasiert, und seit seiner Rückkehr zog Matt es vor, das Haar viel kürzer zu tragen als zuvor. Diane hatte gesagt, es stünde ihm gut, doch ob sie das ernst gemeint oder nur gesagt hatte, um sein Selbstwertgefühl zu steigern, wusste Matt nicht. Sie machte sich Sorgen um ihn und um ihre Beziehung, und das konnte er ihr nicht einmal verdenken.

Es war kurz vor sieben Uhr und noch ziemlich kühl im Haus, als Matt hinunter in die Küche ging. Er würde demnächst prüfen müssen, ob und wie die Heizung funktionierte, und auch sonst gab es viel im Haus zu tun. Die Möbel waren uralt, die Tapeten lösten sich teilweise schon von den Wänden, und auch der Fußboden war nicht mehr in allerbestem Zustand – kurzum, das Haus musste drinnen komplett renoviert werden. Dies wollte Matt jedoch erst in Angriff nehmen, wenn er sich definitiv entschieden hatte, ob er auf Dauer bleiben wollte oder nicht. Doch neue Möbel brauchte er auf jeden Fall, und die würde er am ehesten in einer Auktionshalle finden, da sie zum Stil dieses Hauses passen sollten.

Matt kochte zuerst Kaffee, dann gab er Speckwürfel in eine Pfanne mit Öl und schaltete den Herd ein. Während Matt seine erste Tasse Kaffee trank, blickte er nachdenklich hinaus in den verwucherten Garten. Hier gab es so viel Arbeit, dass ihm Zweifel kamen, ob er das alles allein schaffen würde. Andererseits war körperliche Arbeit genau das, was er im Augenblick brauchte. Sie lenkte ihn von seinen seelischen Qualen ab und würde ihm hoffentlich helfen, sich bald wieder wie ein normaler Mensch zu fühlen.

Er trank gerade den letzten Schluck Kaffee, als er draußen Schritte hörte. Wer mochte das sein? Der Wagen stand in der Garage, sodass eigentlich noch niemand wissen konnte, dass das Haus schon wieder bewohnt war. Matt spähte aus dem Fenster, konnte jedoch keinen Menschen sehen. Er stellte die Tasse auf den Tisch und ging dann an den Herd, um den Speck zu wenden, als er das Geräusch erneut vernahm. Da draußen war jemand, das bildete er sich doch nicht ein!

Matt ging an die Tür und riss sie auf – und blickte auf ein kleines Mädchen herab, das vor einem großen Kaninchenstall auf dem Boden hockte und Löwenzahnblätter durch die Gitterstäbe schob.

Das Mädchen blickte zuerst verwundert zu Matt auf, dann stand sie auf. „Wer sind Sie denn?“, fragte sie neugierig.

Das müsste ich eigentlich dich fragen, dachte Matt amüsiert. „Mein Name ist Quinn. Und wer bist du?“

„Hm … Nancy“, antwortete die Kleine nach kurzem Zögern. „Nancy Drew. Wohnen Sie hier?“

„Ja. Seit ein paar Tagen.“

Nancy biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „Sie haben aber keinen Hund, oder?“

„Nein, jedenfalls im Moment noch nicht. Magst du Hunde?“

„Ja. Mein Grandad hat auch einen, einen Retriever. Aber der ist ganz schön frech, kann ich Ihnen sagen.“

„Wer? Dein Grandad?“

„Nein, Harvey natürlich!“, berichtigte Nancy sofort. „Er jagt Buttons ständig durch den Garten, und deshalb kann ich ihn auch nicht mehr draußen herumspringen lassen.“

„Wen? Harvey?“, fragte Matt belustigt. Dieses Mädchen war wirklich reizend.

„Na, Buttons natürlich!“ Nancy sah Matt nun vorwurfsvoll an. „Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, was?“

„Nein, ich habe nur Spaß gemacht“, gab Matt lächelnd zu. „Aber jetzt mal im Ernst – wer ist denn Buttons?“

„Na, mein Kaninchen!“ Nancy wies auf den großen Käfig vor ihren Füßen. „Mummy hat gesagt, ich soll ein neues Zuhause für ihn suchen, und das habe ich jetzt getan.“

Matt war natürlich klar, dass ihre Mutter damit sicher nicht seinen Garten gemeint hatte, doch er wollte das kleine Mädchen nicht enttäuschen. Er ging neben ihr in die Hocke und sah zu, wie das große weiße Kaninchen genüsslich die Löwenzahnblätter verspeiste.

„Das ist Buttons“, erklärte Nancy stolz. „Ist er nicht süß?“

„Ja, das ist er“, stimmte Matt zu, obwohl er von Kaninchen keine Ahnung hatte. „Aber ist der Käfig nicht viel zu klein für ihn?“

„Na, das ist ja das Problem. Deshalb habe ich Buttons auch in den Garten gelassen. Aber das geht jetzt nicht mehr, weil …“

„Harvey ständig hinter ihm her ist“, vervollständigte Matt ihren Satz, und das Mädchen nickte.

„Er weiß ja nicht, dass Buttons schreckliche Angst vor ihm hat.“

„Aber Harvey kann auch nichts dafür“, gab Matt zu bedenken. „Hunde jagen nun einmal Kaninchen, das ist eben so.“

Da sah Nancy ihn hoffnungsvoll an. „Heißt das, er darf hier bleiben?“

Matt stand wieder auf. „Von mir aus gern. Das heißt, wenn deine Mummy nichts dagegen hat.“

„Oh, sie weiß gar nicht, dass ich mit Buttons hier bin. Sie werden uns doch nicht verraten, oder?“

Felicity stemmte verärgert die Hände in die Hüften. Hier also steckte Amy! Sie stand vor Old Coaching House und unterhielt sich seelenruhig mit einem Mann! Hatte die Kleine sie denn nicht rufen hören? Amy kannte sich in Old Coaching House zwar sehr gut aus, aber trotzdem hatte Felicity ihrer neunjährigen Tochter nicht erlaubt, allein dorthin zu gehen, seit Colonel Phillips, der Vorbesitzer, gestorben war. Bis kurz vor seinem Tod hatte ihm Felicity den Haushalt geführt und Amy in den Schulferien oft mitgenommen.

Allem Anschein nach war das alte Haus nun schon verkauft worden, und das war ein Grund mehr, weshalb Amy dort nichts zu suchen hatte. Felicity beschleunigte ärgerlich ihren Schritt. Wie oft hatte sie ihrer Tochter schon gesagt, dass sie nicht mit Fremden reden solle?

Während Felicity auf das Haus zuging, musterte sie den Mann, den sie auf etwa Mitte bis Ende dreißig schätzte. Er war groß, sehr schlank und sportlich gebaut, hatte sonnengebräunte Haut und schwarzes, extrem kurzes Haar. Felicity fand ihn auf Anhieb attraktiv und fragte sich unwillkürlich, was einen so außergewöhnlichen Mann in eine so ruhige und unspektakuläre Gegend wie Mallon’s End verschlagen haben mochte.

In nächsten Moment hob er den Kopf und sah sie an. Felicitys Herz begann plötzlich schneller zu schlagen. Das war in der Tat der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war!

„Guten Morgen“, grüßte sie etwas verunsichert. „Ich hoffe, meine Tochter hat Sie nicht gestört.“

„Ganz bestimmt nicht“, meinte Matt lächelnd, und Felicity verspürte einen leichten Schauer beim Klang seiner angenehm tiefen Stimme.

„Ach, Mum, ich bin doch kein Baby mehr!“, protestierte Amy, der es offensichtlich nicht gefiel, dass ihre Mutter sich einmischte.

„Das hat nichts damit zu tun“, wies Felicity sie streng zurecht. „Du kannst nicht einfach hierherkommen, jetzt da Colonel Phillips nicht mehr lebt. Ich habe nach dir gerufen –hast du mich denn nicht gehört?“

Amy schob trotzig die Unterlippe vor. „Kann schon sein.“

„Und warum antwortest du dann nicht? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht!“

„Ich bin sicher, Nancy wollte Sie nicht beunruhigen, Mrs. Drew“, schaltete sich Matt schließlich ein. „Und es ist ja nichts passiert.“

„Nancy?“ Felicity sah ihre Tochter vorwurfsvoll an. „Amy, hast du schon wieder mit deinem Namen geschwindelt?“

Eine leichte Röte überzog Amys Gesicht, und sie blickte verlegen zu Boden. „Kann schon sein.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Matt lächelte amüsiert. „Dann heißt sie also nicht Nancy Drew?“

„Ganz und gar nicht.“ Felicity hatte Mühe, ihren Ärger zu unterdrücken, aber sie wollte ihn keinesfalls an diesem Mann auslassen. Schließlich konnte er nichts dafür, dass ihre Tochter ständig schwindelte. „Sie heißt Amy. Amy Taylor. Nancy Drew ist nur …“

„Ich weiß, wer Nancy Drew ist“, meinte Matt amüsiert und wandte sich wieder an Amy. „Welchen aufregenden Fall hast du denn diesmal gelöst?“

Da verschränkte die Kleine die Arme vor der Brust und sah ihre Mutter trotzig an. „Da siehst du, was du angerichtet hast – Quinn macht sich lustig über mich!“

„Quinn?“

„Mein Name ist Matthew Quinn“, stellte Matt sich vor. „Ich habe dieses Haus gekauft.“

„Das … habe ich mir schon gedacht“, erwiderte Felicity und wurde noch etwas nervöser. Das war also ihr neuer Nachbar! „Ich hoffe, Sie und … Ihre Familie werden sich hier wohlfühlen.“

„Ich lebe allein“, antworte Matt, und wieder fand Felicity den rauen Tonfall seiner Stimme so sexy wie sein Äußeres. „Aber trotzdem vielen Dank.“

Da kam Felicity ein Gedanke. Wenn Mr. Quinn allein lebte, konnte er vielleicht eine Haushaltshilfe brauchen. Ob sie ihn mal danach fragen sollte?

„Komm jetzt, Mom“, drängte Amy, bevor Felicity sich entscheiden konnte, und zog sie ungeduldig am Ärmel. „Ich muss in die Schule.“

Felicity runzelte die Stirn. Seit wann hatte es Amy so eilig, zur Schule zu kommen? Da war doch etwas im Busch! Irgendetwas hatte Amy angestellt, das war sicher!

Vielleicht wusste Mr. Quinn, was Sache war. Felicity sah ihn fragend an, und als ihre Blicke sich begegneten, hatte sie plötzlich das Gefühl, als tanzten hundert Schmetterlinge in ihrem Bauch. Irritiert senkte sie etwas den Kopf, doch das machte das Ganze noch schlimmer, denn nun fiel ihr Blick auf Matts muskulöse Brust, seinen flachen Bauch und …

Felicity atmete tief durch. Was war bloß los mit ihr? Sie geriet doch sonst nicht gleich aus der Fassung, nur weil ein attraktiver Mann vor ihr stand! Da entdeckte sie schließlich den Käfig, der neben der Haustür auf dem Boden stand. Deshalb also war Amy hierhergekommen!

„Kannst du mir vielleicht verraten, was Buttons mitsamt Käfig hier zu suchen hat?“, stellte sie ihre Tochter zur Rede.

Das Mädchen biss sich auf die Lippe und blickte hoffnungsvoll zu Matt Quinn auf, und da war Felicity klar, worüber die beiden vorhin gesprochen hatten. Sie wollte ihm schon einen Vorwurf machen, als ihr plötzlich auffiel, wie müde, ja fast schon erschöpft, er aussah.

„Ist … alles in Ordnung, Mr. Quinn?“, fragte sie verunsichert.

„Natürlich“, antwortete er kurz angebunden, und Felicity entging nicht, dass sich sein Gesichtsausdruck plötzlich veränderte. „Wenn Sie mich bitte einen Augenblick entschuldigen würden – ich fürchte, mein Essen brennt gerade an.“

2. KAPITEL

Felicity ärgerte sich maßlos darüber, dass Amy sie angelogen hatte. Nachdem sie ihr erklärt hatte, dass Buttons ins Tierheim gebracht werden müsse, wenn sich niemand finden würde, der ihn zu sich nahm, hatte Amy ihr freudig erzählt, sie hätte bereits jemanden gefunden, der ihn haben wolle. Eine Schulfreundin habe ihr angeboten, das Tier zu sich zu nehmen, und so hatte Felicity Amy erlaubt, Buttons mitsamt Käfig auf einer Schubkarre zu dieser Freundin zu transportieren. Niemals wäre Felicity in den Sinn gekommen, dass ihre Tochter das Kaninchen stattdessen zum Nachbargrundstück bringen würde!

Und wie stand sie, Felicity, nun vor ihrem neuen Nachbarn da? Entweder musste er annehmen, dass sie kein Herz für Tiere besaß, oder, noch schlimmer, dass sie eine verantwortungslose Mutter war, die nicht auf ihr Kind aufpassen konnte. Ja, angeblich war sie verantwortungslos – wie oft hatte Felicity sich diesen Satz schon anhören müssen, seit sie vor zehn Jahren mit sechzehn schwanger geworden war!

Auf dem Nachhauseweg hatte Amy ihr zwar versichert, dass Mr. Quinn nichts gegen den neuen „Gartenbewohner“ einzuwenden habe, doch Felicity war sich da nicht so sicher. Wahrscheinlich hatte er nur deshalb nichts gesagt, weil er Amy nicht in Schwierigkeiten bringen wollte.

Wie dem auch war – nun sah Felicity sich mit der unangenehmen Aufgabe konfrontiert, nachher noch einmal zu ihrem neuen Nachbarn zu gehen, um sich bei ihm zu entschuldigen und Buttons zurückzuholen. Amy würde natürlich enttäuscht sein, dass sie ihr Kaninchen nun doch ins Tierheim bringen musste, aber daran ließ sich eben nichts ändern.

Felicity überlegte erneut, ob sie es wagen sollte, Mr. Quinn auf eine Anstellung als Haushälterin anzusprechen. Aber wenn er nun doch eine Freundin hatte? Dass er keine Familie besaß, musste nicht zwangsläufig bedeuten, dass er alleinstehend war. Ein so gut aussehender Mann wie Matthew Quinn konnte sich vor Verehrerinnen sicher kaum retten.

Nachdem Felicity Amy zur Schule gebracht hatte, fand sie ihren Vater beim Frühstück in der Küche vor. Bis vor vier Jahren hatte George Taylor die kleine Apotheke im Dorf geleitet. Doch die schwindende Bevölkerung aufgrund schlechter Arbeitsmöglichkeiten und die Tatsache, dass viele Häuser nur noch von Stadtbewohnern als Feriendomizil genutzt wurden, sowie die Konkurrenz aus dem Supermarkt hatten ihn dazu bewogen, vorzeitig in Rente zu gehen. Nun besserte er sein Einkommen dadurch auf, dass er wöchentlich Artikel für die Lokalzeitung schrieb, und er beaufsichtigte Amy, wenn Felicity gelegentlich abends in der Dorfschenke als Kellnerin arbeitete.

Harvey, der Golden Retriever ihres Vaters, sprang übermütig an ihr hoch, als sie das Cottage betrat. Felicity ärgerte sich jedes Mal über die schlechte Erziehung des Hundes. Er war bereits sieben Jahre alt, führte sich jedoch immer noch auf wie ein Welpe, da er von ihrem Vater maßlos verwöhnt wurde.

„Rate mal, wo Buttons ist?“, sagte sie, während sie sich Kaffee einschenkte und dann an den Tisch setzte.

George Taylor legte die Zeitung beiseite und blickte neugierig auf. „Wo denn? Ich dachte, Amy wollte ihn zu einer Freundin bringen. Sag bloß, sie hat ihn in ihrem Zimmer versteckt.“

„Noch schlimmer – sie hat ihn in den Garten von Old Coaching House gebracht.“

Da musste George Taylor herzhaft lachen. „Ganz schön clever, das kleine Früchtchen!“ Dann rieb er sich nachdenklich das Kinn. „Aber so schlecht ist die Idee eigentlich gar nicht. Das Haus ist doch derzeit unbewohnt, nicht wahr?“

„Das dachte ich auch, aber dem ist nicht so. Ich habe den neuen Besitzer heute Morgen kennengelernt.“

George Taylor zog verwundert die Brauen hoch. „Ich wusste gar nicht, dass das Haus schon verkauft wurde.“

„Ich auch nicht.“ Felicity schüttelte seufzend den Kopf. „Ist das nicht schrecklich? Kaum ist Colonel Phillips unter der Erde, da wird schon sein Hab und Gut …“

„Er war sehr alt und krank, Felicity“, unterbrach ihr Vater sie und tätschelte tröstend ihre Hand. „Es ist doch gut, dass er so friedlich gestorben ist und nicht lange leiden musste.“

Felicity seufzte erneut. „Ich weiß, einundneunzig ist ja auch ein stolzes Alter. Aber er war immer so nett zu mir, und die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Und dieses Einkommen fehlt uns natürlich jetzt.“

Da wurde ihr Vater ernst. „Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, Felicity. Mir war es noch nie recht, dass du anderen Leuten den Haushalt führst, wo du eine so gute Ausbildung hast. Ich weiß nicht, was deine Mutter dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass du deine Zeit mit Putzen vertust.“

Felicity erwiderte dazu nichts. Sie hatte keine Lust mehr, über dieses leidige Thema zu sprechen, denn es kam immer wieder das Gleiche dabei heraus. In einem Punkt musste sie ihrem Vater allerdings recht geben – wenn ihre Mutter noch am Leben gewesen wäre, hätte sie Amy betreuen können, und sie, Felicity, würde weiterhin als Physiotherapeutin arbeiten, so wie sie es im letzten Jahr vor dem Tod ihrer Mutter getan hatte. Nachdem diese jedoch bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, hatte Felicity ihren Job aufgeben müssen, um sich selbst den ganzen Tag um ihre kleine Tochter zu kümmern.

Damals war es auch nicht möglich gewesen, eine Betreuung für das Kind zu engagieren, da Felicitys Vater bereits in Rente gegangen und das Geld deshalb zu knapp gewesen war. Er wäre zwar bereit gewesen, auf Amy aufzupassen, damit Felicity arbeiten konnte, doch sie hatte gemerkt, dass er genug mit sich selbst und seiner Trauer zu tun hatte und mit der Betreuung einer lebhaften Vierjährigen überfordert gewesen wäre.

Nun, da Amy älter war, wäre dies zwar denkbar gewesen, doch Felicity wollte ihrem Vater nicht zu viel zumuten. Er fand sich sehr gut in seinem „Rentnerdasein“ zurecht, und Felicity wollte ihm nicht die Freiheit nehmen, in Ruhe schreiben zu können, zur Bibliothek zu gehen oder sich mit Freunden im Pub zu treffen, wann immer ihm danach zumute war.

„Sag mal, du hast dir doch bestimmt schon Gedanken darüber gemacht, ob der neue Besitzer von Old Coaching House eine Haushaltshilfe braucht, habe ich recht?“, fragte er prompt.

„Schon möglich“, antwortete sie ausweichend, da allein der Gedanke an Matthew Quinn ihr Herz höher schlagen ließ. „Aber ich muss auf jeden Fall noch mal rüber, um Buttons zu holen.“

„Das kann ich machen, wenn du willst“, bot ihr Vater spontan an.

Felicity überlegte einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf. Sie musste Matthew Quinn selbst erklären, wie es dazu gekommen war, dass Amy einfach sein Grundstück betreten und den Kaninchenkäfig dort abgestellt hatte. Als Colonel Phillips noch am Leben gewesen war, hatte Felicity drei Vormittage die Woche in seinem Haushalt gearbeitet und Amy während der Schulferien häufig mitgenommen. Der alte Mann hatte das Mädchen sehr gemocht, und die beiden hatten stundenlang zusammen Karten, Mühle oder Dame gespielt, oder Amy hatte nach Herzenslust in den vielen Kisten mit alten Münz- und allerlei anderen Sammlungen gewühlt, die der alte Herr in seinem Haus gehortet hatte.

Amy liebte dieses große alte Haus. In ihren Augen war es eine richtige Schatzkammer, und es war ihr unverständlich, dass sie plötzlich nicht mehr hierherkommen durfte. Felicity vermutete, dass einer von Colonel Phillips Verwandten das Haus geerbt und offenbar sofort zum Verkauf angeboten hatte. Davon hatte niemand im Dorf gewusst, noch nicht einmal Felicitys Vater.

„Wer ist denn der neue Besitzer, und woher kommt er?“, fragte er und riss Felicity damit aus ihren Gedanken. George Taylor war aufgestanden, um den Hund in den Garten zu lassen.

Felicity zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass er Matthew Quinn heißt, sonst hat er mir nichts erzählt.“

Sie räumte den Tisch ab und begann das Geschirr zu spülen, was ihr Vater zu ihrem Leidwesen niemals tat. Überhaupt beteiligte er sich nur wenig an der Hausarbeit, doch Felicity hatte weder Zeit noch Lust, ständig deswegen mit ihm zu streiten.

„So, das war’s“, sagte sie nach einer Weile und hängte das Geschirrtuch an den Haken. „Ich gehe besser gleich, dann habe ich es hinter mir. Meinst du, ich kann Buttons einfach mitnehmen, wenn Mr. Quinn nicht da sein sollte?“

„Natürlich.“ Ihr Vater runzelte nachdenklich die Stirn. „Quinn hast du gesagt … der Name kommt mir irgendwie bekannt vor …“

In der Diele warf Felicity kurz einen Blick in den Spiegel. Wie sie nur aussah! Die langen rotblonden Locken fielen ihr wild ins Gesicht, ihre helle Haut, die auch in der Sonne niemals bräunte, war deutlich gerötet, und ihre großen blauen Augen glänzten irgendwie seltsam.

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