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Herz aus Eis?

PROLOG

Der Helikopter schlug auf dem zerklüfteten, mit Schnee bedeckten Berghang auf.

Glas barst, Metall riss, hohe Flammen schossen auf und warfen ihren tödlichen Schein in einem wilden Höllentanz auf die weiße Gletscherwelt.

Ohne etwas sehen zu können, zerrte Kristian Koumantaros an seinem Sicherheitsgurt. Der Hubschrauber legte sich zur Seite und rutschte ein paar Meter den Abhang hinunter. Überall Feuer. Sengende Hitze schloss Kristian ein. Er riss weiter an dem Gurt. Der Verschluss klemmte.

Rauch drang in seine Lungen und machte Kristian das Atmen unmöglich.

Leben und Tod. Seine Gedanken trübten sich. Leben und Tod hingen jetzt also von einem verklemmten Gurtverschluss ab. Eigentlich waren Entscheidungen über Leben und Tod nicht anders als alle anderen Entscheidungen. Man tat, was man tun musste, und scherte sich keinen Deut um mögliche Konsequenzen.

Das Tosen der Feuersbrunst wurde lauter. Der Schnee gab nach, der Helikopter rutschte unaufhaltsam weiter bergab.

Gütiger Himmel! Kristian streckte die Arme vor, doch da war nichts, woran er sich hätte festhalten können. Der Helikopter stürzte donnernd den Berghang hinunter.

Nur eine weitere Lawine, dachte Kristian noch. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Und dann wurde es schwarz um ihn.

1. KAPITEL

Ohi. Nein“, die barsche tiefe Stimme konnte niemand anderem gehören als Kristian Koumantaros selbst. „Kein Interesse. Schick sie wieder weg.“

Elizabeth Hatchet stand in der Halle vor der Bibliothek und atmete tief durch. Ihr Entschluss stand fest, auch wenn es nicht leicht werden würde. Aber nichts an dem Fall Kristian Koumantaros war leicht. Weder der Unfall noch die Zeit der Reha, auch nicht die Lage des Wohnsitzes.

Sie hatte zwei volle Tage gebraucht, um hierherzukommen. Erst der Flug von London nach Athen, dann eine endlose Fahrt nach Sparta und schließlich das Geruckel auf dem Eselskarren, bei dem ihr die Zähne geklappert hatten, um diesen fast unzugänglichen Berg hinaufzukommen.

Warum ein Mensch, noch dazu jemand, der weder laufen noch sehen konnte, in einem ehemaligen Kloster auf einem irrsinnig steilen Berg im Taygetos-Gebirge auf dem Peloponnes lebte, war ihr völlig unbegreiflich. Aber jetzt, da sie endlich hier war, würde sie sich sicherlich nicht so schnell fortschicken lassen.

„Aber, kyrios“, hörte sie eine zweite Stimme und erkannte den griechischen Hausdiener, der sie an der Tür empfangen hatte. „Sie hat eine lange und beschwerliche Reise hinter sich …“

„Ich hab die Nase gestrichen voll von ‚First Class Reha‘! Von wegen, erste Klasse. Ausgemachter Blödsinn!“

Elizabeth schloss die Augen und zählte still bis zehn. In der Athener Filiale hatte man ihr gesagt, es sei ein langer, beschwerlicher Weg bis zum Kloster. Man hatte sie auch gewarnt, dass die Reise, die durch eine karge Landschaft mit atemberaubenden Ausblicken führte, fast so anstrengend sei wie Mr. Koumantaros selbst. Doch Elizabeth war auf den Eselskarren geklettert, in der festen Überzeugung, bestens vorbereitet zu sein. Ja, sie wusste, auf was sie sich einließ, als sie zugestimmt hatte, sich persönlich um die häusliche Krankenpflege von Mr. Koumantaros zu kümmern, der nach einem langen Klinikaufenthalt in Frankreich nach Griechenland zurückgekehrt war.

Sie hatte sich geirrt.

Seit dem Gerüttel auf dem im Schneckentempo dahinschleichenden Karren war ihr sterbenselend, und was nun Mr. Koumantaros anbelangte … Der Versuch, die Rehamaßnahmen bei ihm zu Hause durchzuführen, hatte ihre Firma fast in den Ruin getrieben.

Sie schreckte zusammen, als plötzlich das Klirren von zerbrechendem Glas hinter der Tür ertönte, gefolgt von einem Schwall äußerst blumiger griechischer Flüche.

Kyrios, es ist doch nur ein Glas. Das lässt sich ersetzen.“

„Ich hasse es, Pano. Ich hasse alles, was damit zusammenhängt.“

„Ich weiß, kyrios.“ Pano senkte die Stimme, sodass Elizabeth nicht mehr hören konnte, was der alte Butler sagte, aber offensichtlich beruhigte es Mr. Koumantaros.

Elizabeth half es nicht.

Kristian Koumantaros mochte unermesslich reich sein und sich diesen exzentrischen Rückzug in ein Kloster auf der Peloponnes-Halbinsel leisten können, aber das entschuldigte nicht sein Benehmen. Welches nur als egozentrisch und selbstzerstörerisch zu bezeichnen war.

Sie war lediglich hier, weil es keine Krankenschwester lange bei Kristian Koumantaros aushielt. Was einzig und allein an seiner Unbeherrschtheit lag.

Die Stimmen in der Bibliothek wurden wieder lauter. Elizabeth, die fließend Griechisch sprach, verfolgte die Unterhaltung, während man über sie diskutierte.

Mr. Koumantaros wollte sie nicht hier haben. Pano versuchte seinen Dienstherrn zu überzeugen, wie unhöflich es sei, die Krankenschwester wegzuschicken, ohne sie überhaupt empfangen zu haben. Mr. Koumantaros scherte sich nicht um Höflichkeit. Der Butler drängte, Miss Hatchet wenigstens eine Erfrischung anzubieten. Mr. Koumantaros hielt dagegen, die Krankenschwestern von „First Class Reha“ seien alle derart ausladend gewesen, dass sicherlich auch Miss Hatchet von einem Nachmittag ohne Imbiss nur profitieren könne.

„Kyrios“, Pano gab nicht auf, „sie hat einen Koffer mitgebracht. Sie gedenkt zu bleiben.“

„Hier?“, donnerte Koumantaros.

„Ja, kyrios.“ Der alte Hausdiener hätte nicht demütiger und entschuldigender klingen können, doch seine Antwort war Auslöser für eine Explosion.

„Herrgott noch mal, Pano. Lass endlich dieses verdammte Glas liegen, und wirf sie hinaus. Besorge ihr ein Pferd, einen Esel … was, ist mir gleich. Tu es einfach. Jetzt sofort!“

„Aber sie ist extra aus London gekommen …“

„Und wenn sie vom Mond eingeflogen wäre. Sie hätte nicht kommen sollen. Vor zwei Wochen schon habe ich dem Pflegedienst mitgeteilt, dass ich alle hinausgeworfen habe und niemanden mehr hier haben will. Es ist also nicht mein Problem, wenn sie ihre Zeit verschwendet.“

Draußen vor der Tür rieb Elizabeth sich den schmerzenden Nacken. Ja, sie vergeudete wirklich nur Zeit, wenn sie weiter hier stehen blieb. Sie reckte die Schultern, holte tief Luft und drückte die Türklinke herunter.

„Guten Tag, Mr. Koumantaros.“ Ein schneller Blick, und sie hatte das Innere des Raumes erfasst – die heruntergelassenen Rollläden, der mit Medikamenten überladene Tisch, der Stapel ungelesener Zeitungen in einer Ecke des Raumes, die Ausgaben mindestens eines ganzen Monats.

„Sie haben gelauscht und dringen hier unbefugt ein“, Kristian richtete sich abrupt im Rollstuhl auf, seine Stimme zitterte vor Wut.

Ohne ihn zu beachten, ging sie zu dem Tisch und studierte interessiert die Medikamentenschachteln und -fläschchen. „Lauschen war nicht notwendig, Mr. Koumantaros. Sie haben so laut geschrien, dass man jedes Wort mithören konnte. Und da ich die Verantwortung für Ihre Pflege übernommen habe, handelt es sich auch nicht um unbefugtes Eindringen.“

Ein Schauer durchlief die gekrümmte Gestalt in dem Rollstuhl. Ein Verband verdeckte Kristians Augen. Den dunklen Schopf leicht zur Seite geneigt, lauschte er auf die Geräusche, die darauf schließen ließen, wie Elizabeth sich in dem Raum bewegte. „Ihre Dienste wurden bereits aufgekündigt.“

„Sie wurden überstimmt.“ Elizabeth legte die Pillenschachtel ab und betrachtete ihren Patienten. Der Verband ließ die scharfen Züge seines Gesichts noch härter wirken. Schwarze Bartstoppeln zogen sich über das markante Kinn. Seit die letzte Krankenschwester gegangen war, hatte er sich wohl nicht mehr rasiert.

„Von wem?“

„Von Ihren Ärzten. Unser Pflegedienst steht in ständigem Kontakt zu ihnen. In den letzten Monaten tauchte immer wieder die Frage nach Ihrer geistigen Verfassung auf.“

„Sie belieben zu scherzen!“

„Nein, ganz und gar nicht. Man fragt sich inzwischen, ob Sie in einer Institution nicht besser aufgeho…“

„Raus!“ Mit dem ausgestreckten Arm zeigte er auf die Tür. „Sofort!“

Elizabeth rührte sich nicht, stattdessen musterte sie ihn genau. Er wirkte ungepflegt, richtig schmuddelig. So gar nicht wie der weltgewandte und mächtige Finanztycoon, der er gewesen war, mit Landsitzen und Schlössern überall auf der Welt verstreut, wo in jedem einzelnen eine schöne Geliebte auf ihn wartete. „Ihre Ärzte sorgen sich um Sie, Mr. Koumantaros. Und ich auch“, fügte sie leise hinzu. „Sie brauchen Hilfe.“

„Das ist absurd. Wären die Ärzte so besorgt, dann kämen sie selbst. Und Sie kennen mich nicht. Sie können nicht hier hereinplatzen und nach zwei Minuten ein Urteil abgeben.“

„Da ich Ihren Fall betreue, seit Sie aus der Klinik entlassen wurden, kann ich das. Keiner weiß mehr über Sie und Ihre Rehamaßnahmen als ich. Und da Sie von Anfang an so schwierig waren, sehe ich es als meine persönliche Aufgabe an. Diese Mutlosigkeit jedoch ist neu.“

„Ich bin nicht mutlos, sondern nur müde.“

„Dann nehmen wir das als Erstes in Angriff.“ Elizabeth schlug die Akte auf, die sie mitgebracht hatte, und machte sich Notizen. Es war wichtig, alles genau zu dokumentieren, schließlich musste sie ihren Pflegedienst absichern. „Während Sie sich hier in dieser Einöde abschotten, wartet man in Athen auf Sie. Es gibt Leute, die sich wünschen, dass Sie nach Hause kommen.“

„Ich lebe jetzt hier.“

Sie sah zu ihm hin. „Sie haben nicht die Absicht, zurückzukehren?“

„Jahre habe ich in die Renovierung investiert, um dieses Gemäuer zu einem modernen Heim umzufunktionieren, das meinen Ansprüchen entspricht.“

„Das war vor Ihrem Unfall. Jetzt ist es höchst unpraktisch für Sie, hier zu leben. Weder Familie noch Freunde können Sie ohne Weiteres besuchen, Sie leben völlig zurückgezogen …“

„So will ich es“, sein Ton wurde schärfer. „Das ist jetzt mein Zuhause.“

„Und was ist mit Ihrem Unternehmen? Mit Ihren Geschäften? Haben Sie die zusammen mit Freunden und Familie aufgegeben?“

„Wenn das Ihre Vorstellung von Krankenpflege ist …“

„Ja, natürlich.“ Sie sah keinen Grund, einen Rückzieher zu machen. „Ich bin nicht hier, um Ihnen nach dem Mund zu reden. Auch nicht, um Sie zu verhätscheln. Sondern um Sie wieder auf die Beine zu bringen.“

„Das ist aussichtslos.“

„Warum? Weil es Ihnen Spaß macht, hilflos zu sein? Oder weil Sie Angst vor den Schmerzen haben?“

Sein Gesicht wurde noch blasser. „Wie können Sie es wagen?“, setzte er an, als er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Wie können Sie es wagen, in mein Haus zu rauschen und …“

„Nun, rauschen würde ich das nicht nennen. Es hat mich volle zwei Tage gekostet, überhaupt hier anzukommen.“ Sie lächelte dünn. Dabei war es der letzte Ort auf Erden, an dem sie sein wollte. Und Kristian Koumantaros die letzte Person, um die sie sich kümmern wollte. „Es gibt keine medizinische Rechtfertigung, warum Sie so hilflos sein sollten.“

„Hinaus mit Ihnen!“

„Das geht nicht. Sie werden zugeben müssen, dass es bereits zu dunkel ist, um mit einem Eselskarren den Berg hinunterzufahren.“

„Woher sollte ich das wissen? Ich bin blind.“

Das Blut schoss ihr in die Wangen, aus Unmut und Scham – doch nicht wegen ihr selbst, sondern seinetwegen. Wenn er sich einbildete, sie würde ihn jetzt bemitleiden, täuschte er sich. Und einschüchtern ließ sie sich erst recht nicht. Nur weil er ein millionenschwerer Grieche war, verdiente er nicht automatisch Respekt.

„Es ist nach vier Uhr, Mr. Koumantaros. Diese Seite des Berges liegt bereits in tiefstem Schatten. Selbst wenn ich wollte, ich könnte nicht gehen. Außerdem bin ich beauftragt, mit Ihnen zu arbeiten. Entweder das oder Sie werden in eine Rehaklinik eingewiesen. Es liegt bei Ihnen.“

„Das soll eine Wahl sein?“

„Nein, nicht wirklich.“ Sie nahm ein Pillenfläschchen, öffnete den Deckel, lugte hinein. Drei Tabletten waren noch übrig. Von dreißig. Und das Rezept war erst vor einer Woche ausgestellt worden. „Sie schlafen also immer noch nicht, Mr. Koumantaros?“

„Ich kann nicht schlafen.“

„Wegen der Schmerzen?“ Den Notizblock an die Brust gepresst, starrte sie auf sein dunkles Haar. Wahrscheinlich war er inzwischen von den Schmerzmitteln abhängig. Noch eine Schlacht, die es zu gewinnen galt.

Kristian setzte sich umständlich im Rollstuhl um. „Als wenn Sie das interessieren würde.“

Elizabeth blinzelte nicht einmal. Sein Selbstmitleid löste keineswegs Mitgefühl in ihr aus. Selbstmitleid gehörte zum Heilungsprozess, es war der allererste Schritt. Dass Kristian Koumantaros bis jetzt nicht darüber hinausgekommen war, sagte ihr, welch langer Weg noch vor ihnen lag. „Es interessiert mich“, erwiderte sie sachlich. Dass der Ruf ihrer Firma, den Kristian Koumantaros fast ruiniert hätte, sie ebenso interessierte, sagte sie natürlich nicht. „Allerdings werde ich nicht wie die anderen nachgeben und Ihnen Ihre Ausflüchte abnehmen, nur weil Sie meinen, sich alles erlauben zu können.“

„Aber Sie dürfen sich alles erlauben?“ Wutentbrannt lenkte er den Rollstuhl in ihre Richtung. Die Reifen fuhren über knirschendes Glas.

„Vorsicht, sonst haben Sie gleich noch einen Platten.“

„Umso besser! Ich hasse diesen Stuhl! Ich hasse es, nicht sehen zu können! Ich verabscheue es, so leben zu müssen!“ Er fluchte unflätig, aber zumindest blieb er mit dem Rollstuhl stehen, sodass der alte Hausdiener hastig die Scherben auffegen konnte.

Kristian saß mit zusammengesunkenen Schultern reglos da.

Verzweiflung. Der große Mann war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Etwas regte sich in ihr. Doch so schnell das Gefühl kam, so schnell verdrängte sie es wieder. Er würde gesund werden. Es gab keinen Grund, warum er nicht gesund werden sollte.

Elizabeth bedeutete dem alten Butler stumm, sich zurückzuziehen. Mit einem Nicken verließ er die Bibliothek, Handfeger und das Kehrblech mit den Scherben in der Hand.

„Also, Mr. Koumantaros“, sagte sie, sobald die Tür leise ins Schloss fiel. „Sie müssen wieder mit Ihrem Rehaprogramm beginnen. Das klappt allerdings nicht, wenn Sie sämtliche Krankenschwestern vergraulen.“

„Sie waren allesamt unfähige, nutzlose …“

„Alle sechs?“ Elizabeth ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er hatte die sechs Pflegerinnen in Rekordzeit verschlissen. Um genau zu sein, sie hatte niemanden mehr, den sie noch einsetzen konnte. Aber Mr. Koumantaros durfte auch nicht sich selbst überlassen werden, und ein alter Butler konnte ihm nicht die nötige medizinische Pflege geben.

„Eine von ihnen war nicht schlecht. In gewisser Hinsicht.“ Er tippte mit einem Finger auf den Metallrahmen des Rollstuhls. „Die jüngste von ihnen, Calista. Aber wenn das die Beste war, mit der Sie aufwarten können …“

„Miss Aravantinos wird nicht mehr zu Ihnen kommen.“ Elizabeth spürte, wie Ärger sich in ihr meldete. Natürlich würde er die Schwester erwähnen, die er gänzlich fertiggemacht hatte. Gerade erst die Ausbildung abgeschlossen, war das Mädchen Wachs in Kristian Koumantaros’ Händen gewesen. Im wörtlichen Sinne. Für einen Mann mit lebensgefährlichen Verletzungen verfügte er über erstaunliche Verführungskünste.

„So hieß sie also?“

„Das war rücksichtslos und abscheulich von Ihnen. Wie alt sind Sie genau …?“ Sie blätterte in der Akte. „Fast sechsunddreißig. Das Mädchen ist noch keine dreiundzwanzig. Sie hat übrigens gekündigt. Nachdem sie von hier zurückkam, war sie völlig demoralisiert.“

„Ich habe Calista nicht gezwungen, sich in mich zu verlieben.“

„Liebe?“ Elizabeth rang nach Luft. „Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Sie haben sie verführt. Aus reinem Mutwillen und Langeweile.“

„Sie sehen das völlig falsch, Schwester Hatchet …“, einer seiner Mundwinkel zuckte abfällig. „Sie sind doch Engländerin, oder?“

„Ich lebe in England, ja“, antwortete sie knapp.

„Nun, Miss Hatchet, Sie tun mir unrecht. Ich bin ein Romantiker, kein Kämpfer“, seine Stimme wurde tiefer, rauer. „Ich dränge mich keiner Frau auf. Wenn überhaupt, dann hat die süße Calista sich mir aufgedrängt.“

„Das reicht jetzt, Mr. Koumantaros.“ Elizabeth fasste den Stift fester. Und fester. Und fester. Sie verabscheute sein spöttisches Lächeln, hasste seinen überheblichen Ton. Sie konnte gut nachvollziehen, warum ein junges Ding wie Calista das Handtuch geworfen hatte.

„Sie hatte dieses romantische Bild von mir“, fuhr er fort. „Sie wollte herausfinden, wozu ein Invalide noch fähig ist. Ich kann zwar nicht mehr laufen, aber …“

„Mr. Koumantaros!“ Sie sprang auf. Plötzlich schien ihr der Raum zu stickig, zu erdrückend. Es war später Nachmittag, die Hitze des Tages ließ nach. Ihr war völlig unverständlich, warum die Fenster nicht geöffnet wurden, um die frische Bergluft hereinzulassen. „Die Details können Sie sich sparen.“

„Aber nein, Sie sollten sie hören.“ Kristian schob den Rollstuhl näher auf sie zu. Die aufgerollten Ärmel seines Hemdes gaben sehnige Unterarme frei. Die einstige Sonnenbräune jedoch war längst verblasst. „Sie sind falsch informiert, wenn Sie meinen, ich hätte Calista ausgenutzt. Calista hat nur bekommen, was sie wollte. Und seit sie gegangen ist, schicken Sie mir ganz bewusst nur bissige Xanthippen, die zudem noch bis zum Himmel stinken.“

„Wie bitte?“, schockiert stutzte sie. „Unsere Krankenschwestern sind effizient und kompetent. Eine solche Unterstellung ist beleidigend!“

„Nicht, wenn es der Wahrheit entspricht. Solche Frauen wollte ich nicht in meinem Haus haben, geschweige denn mich von ihnen anfassen lassen.“

So war das also. Er wollte das Klischee der Krankenschwester aus dem nicht jugendfreien Nachtprogramm – wilde Mähne, große Oberweite, enger Minirock. Sie begann zu verstehen, wie es ihm gelungen war, die anderen aufzureiben, bis sie um einen anderen Einsatz gefleht hatten: Jeder, nur nicht Mr. Koumantaros, überall, nur nicht bei ihm!

Nun, sie würde Kristian Koumantaros diese Genugtuung nicht verschaffen. „Roch Calista schlecht?“

„Nein, sie duftete wie ein Rosengarten.“ Dass er lächelte, fachte ihre Wut nur noch mehr an. „Aber nach Calista haben Sie mir nur alte Schachteln geschickt. Um mich zu quälen und für etwas zu bestrafen, das Calistas eigene Schuld war. Und sagen Sie mir nicht, dass diese Schwestern nicht fett und hässlich waren. Ich mag blind sein, aber ich bin nicht dumm.“

„Ihnen wurden erfahrene Schwestern zugeteilt, die den Anforderungen der Arbeit gewachsen waren.“

„Eine von ihnen roch wie ein Tabakladen, die andere wie ein Fischgeschäft. Und ich bin sicher, die nächste hätte gut als Streitfregatte durchgehen können.“

„Sie sind grob und unverschämt.“

„Ich sage nur die Wahrheit. Sie haben Calista durch Gefängniswärterinnen ersetzt.“

Erst schoss heiße Rage in ihr auf, dann jedoch zuckte es um ihre Lippen. Mr. Koumantaros hatte vielleicht nicht ganz unrecht. Nach dem Vorfall mit der armen Calista hatte Elizabeth tatsächlich ganz bewusst ältere Schwestern eingeteilt, die sich nicht so leicht durcheinanderbringen ließen. Mr. Koumantaros konnte vielleicht nicht laufen oder sehen, aber sein Verstand arbeitete ohne Probleme.

Sie musterte ihn nüchtern. Elizabeth wusste um die Umstände seines Unfalls, kannte seine gesamte Krankengeschichte, war über die langen Monate der Rehamaßnahmen informiert. Er konnte von Glück sagen, dass er überlebt hatte. Sein Gehirn hatte glücklicherweise keinen organischen Schaden davongetragen, die motorischen Fähigkeiten würde er zurückgewinnen. Fraglich war, ob er wieder würde sehen können. Diese Frage würde sich nur mit der Zeit und nach weiterer Therapie beantworten lassen.

„Nun, das ist jetzt alles vorbei“, sie gab sich Mühe, heiter zu klingen. „Die Schlachtschiffe sind weitergezogen. Dafür bin ich ja jetzt hier.“

„Sie sind wahrscheinlich die Schlimmste von allen.“

„Richtig. Hinter meinem Rücken flüstert man, ich sei der Albtraum eines jeden Patienten.“

Brütend saß er da, ohne ein Wort zu sagen. Elizabeth konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Sie würde sich nicht von ihm einschüchtern lassen. Sie wusste Bescheid über griechische Tycoons. Sie war einst mit einem verheiratet gewesen.

„Fangen wir also an“, sagte sie bestimmt. „Als Erstes mit Ihren Mahlzeiten. Ich weiß, es ist schon spät, aber … haben Sie heute überhaupt zu Mittag gegessen?“

„Ich habe keinen Hunger.“

Elizabeth klappte die Aktenmappe zu. „Ihr Körper braucht Nahrung für den Genesungsprozess. Ich werde Ihnen ein leichtes Mahl zurechtmachen.“

„Ich will nichts essen.“

„Nein, natürlich nicht. Warum Nahrung zu sich nehmen, wenn Sie bereits abhängig von den Schmerztabletten sind, nicht wahr?“ Sie würde sich nicht auf unnütze Diskussionen einlassen. „Wenn Sie mich dann entschuldigen … Ich kümmere mich um Ihr Essen.“

Die Küche lag im Turm, im pyrgos. Hausdiener, Köchin und Haushälterin saßen in angeregtem Gespräch beisammen. Sobald Elizabeth eintrat, verstummte die Unterhaltung. Drei Gesichter mit feindseligen Mienen drehten sich zu ihr hin.

Was Elizabeth nicht weiter verwunderte. Erstens war sie keine Griechin und sprach die Sprache dennoch fließend, und zweitens zeigte sie dem reichen und mächtigen Dienstherrn nicht den gebührenden Respekt.

„Hallo“, grüßte sie nun. „Ich wollte etwas zu essen für Mr. Koumantaros zusammenstellen.“

Jeder starrte sie nur an. Pano war der Erste, der sich räusperte. „Der kyrios isst um diese Zeit noch nicht.“

„Also hat er wohl gut gefrühstückt?“

„Nein, nur Kaffee.“

„Und wann isst er seine erste Mahlzeit?“

„Nicht vor dem Abend.“

„Ich verstehe.“ Sie fragte sich, wie lange die drei wohl schon für Kristian Koumantaros arbeiten mochten und wie sie mit seiner düsteren Laune fertig wurden. „Isst er dann gut?“

„Manchmal.“ Die rundliche Köchin wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Früher, vor dem Unfall, da hat er tüchtig zugelangt, doch jetzt …“

Elizabeth nickte. „Wir werden uns bemühen, dass er wieder Appetit bekommt. Am besten fangen wir mit einem leichten Mahl an, vielleicht ein horiatiki salata.“ Auch bekannt als Griechischer Salat mit Fetakäse, Tomaten, Gurken und Zwiebeln, nur mit etwas Zitrone und Olivenöl beträufelt. „Irgendwo draußen muss es doch ein Plätzchen geben, eine sonnige Terrasse vielleicht, wo er sitzen und sein Essen genießen kann. Mr. Koumantaros braucht Sonne und frische Luft.“

„Die Sonne schmerzt dem kyrios in den Augen“, ließ Pano sie wissen.

„Weil Mr. Koumantaros schon viel zu lange im Dunkeln sitzt. Licht wird ihm guttun, es stimuliert die Drüsenfunktionen, wirkt gegen Depression und fördert den Heilungsprozess. Da er allerdings so lange im Haus war, bleiben wir wohl erst einmal im Schatten.“

„Sicher, Ma’am“, stimmte die Köchin zu. „Aber Mr. Koumantaros wird nicht hinausgehen.“

„Oh doch, das wird er.“ Elizabeth schluckte unauffällig. Leicht würde es allerdings nicht werden.

Kristian hörte die Schritte. Die englische Krankenschwester kam also wieder zurück.

Na wunderbar.

Er lauschte, hob den Kopf und schaute in die Richtung der Geräusche, ohne etwas zu sehen. Denn seit vierzehn Monaten und elf Tagen lebte er in absoluter Dunkelheit. Seit dem Absturz.

Sie bewegte sich jetzt nicht mehr, und er fühlte sie dort stehen. Ohne dass er sie sehen konnte, ohne dass er sie erreichen konnte. Sie stand nur da. Starrte ihn an. Wartete. Es ärgerte ihn maßlos, die Situation nicht einschätzen zu können. Was er erreicht hatte, hatte er mit seinen Augen, mit seinem Verstand, mit seinem Instinkt erreicht. Ohne seine Augen, ohne die schnelle visuelle Auffassungsgabe wusste er nicht mehr, was wahr und real war.

Wie bei Calista, zum Beispiel.

„Sie sollten längst wieder bei Ihrer Arbeit sein“, hörte er die neue gnadenlose Schwester sagen. „Sie haben ein Unternehmen zu führen, zahllose Menschen hängen von Ihnen ab. Stattdessen verstecken Sie sich hier in Ihrer Villa.“

„Ich kann kein Unternehmen führen, wenn ich weder gehen noch sehen kann.“

„Aber Sie könnten längst laufen, und es gibt auch die Chance, dass Sie wieder sehen …“

„Weniger als fünf Prozent“, er lachte bitter. „Vor den Operationen bestand noch eine fünfunddreißigprozentige Chance. Aber da haben sich die Ärzte ja Kunstfehler geleistet.“

„Das waren keine Kunstfehler, sondern Operationen im Experimentierstadium, ohne gesicherte Erkenntnisse über die Resultate.“

„Richtig. Und diese Experimente haben meine Chancen auf null reduziert.“

„Nicht auf null.“

„Fünf Prozent. Wo ist da der Unterschied? Vor allem, wenn ich nach der Operation, selbst wenn sie gelingen sollte, trotzdem weder Auto fahren noch segeln oder fliegen kann, wie man mir bereits eröffnet hat.“

„Und deshalb sitzen Sie lieber hier im Dunkeln und ertrinken in Selbstmitleid?“

Ihre Stimme war jetzt näher. Sie musste rechts von ihm stehen. In Kristian meldete sich eine massive Antipathie für Schwester Hatchet. Ihre blasierte Selbstgerechtigkeit ging ihm mehr und mehr gegen den Strich. „Die Dienste Ihrer Agentur wurden längst aufgekündigt.“

„Nein, durchaus nicht.“

„Ich mag blind sein, aber Sie sind offensichtlich begriffsstutzig. ‚First Class Reha‘ hat den letzten Scheck von mir erhalten. Es wird keine weitere Bezahlung erfolgen.“

Er hörte das leise Nachluftschnappen.

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