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Herrscherin des Lichts

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Bestsellerautorin Jennifer Armintrout, geboren 1980, begann schon früh sich für das Jenseitige zu interessieren. Ihre Faszination fand nicht zuletzt in ihren Vampirromanen Niederschlag, mit denen sie international die Bestsellerlisten stürmte. Die erfolgreiche Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern im amerikanischen Bundesstaat Michigan.

Jennifer Armintrout

Herrscherin des Lichts

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Michaela Grünberg

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1. KAPITEL

In der Darkworld erschwerten der allgegenwärtige Schmutz und Schlamm das Fliegen erheblich. Elfenflügel waren viel zu zart und zerbrechlich, um der Feuchtigkeit standzuhalten, die sich von oben aus der undurchdringlichen Schwärze heraus in einem monotonen Tröpfeln ihren Weg bahnte. Auch für den hartnäckigen Ruß, der alles hier bedeckte, waren sie zu empfindlich – das galt selbst für fühlende Wesen, die es wagten, die Grenze dieser Welt zu überschreiten.

Ayla kniete sich hin und suchte den morastigen Betonboden nach Spuren ab, die ihr Opfer bei seiner Flucht hinterlassen haben könnte. Sie hatte keine Schwierigkeiten gehabt, den Werwolf bis hierher zu verfolgen. Die einfältige Kreatur hatte nicht einmal bemerkt, dass ihr jemand auf den Fersen war. Und Aylas Flügel, keineswegs zarte, sondern kräftige Schwingen, deren ledrige Oberfläche beinahe an menschliche Haut erinnerte, durch dicke Knochen stabil und schwer, hatten ihr die nötige Geschwindigkeit verschafft, um an ihm dranzubleiben, als er durch die Tiefen der Darkworld stürmte. Aber ihr Flügelschlagen war nicht unbemerkt ge blie ben. Wäh rend sie dem Wer wolf nach ge jagt war, hat te wiederum etwas anderes ihre Fährte aufgenommen.

Sie konnte hören, wie es sich hinter ihr in der Dunkelheit an sie heranpirschte. Was auch immer es war, es hatte ebenfalls Flügel. Gefiederte, wenn sie das Rauschen richtig deutete, das von den Tunnelwänden widerhallte wie weit entferntes leises Donnergrollen. Wahrscheinlich dachte es, sie würde das Geräusch nicht wahrnehmen. Oder könne es nicht.

Der eisige Schauer, der ihren Rücken hinablief, hatte wenig mit der kalten Luft zu tun, die in zugigen Böen durch die Tunnel fegte. Ayla wusste, was ihr gefolgt war. Wie oft hatte sie gehört, wie in den Übungsräumen der Assassinengilde hinter vorgehaltener Hand über das Ungeheuer gemunkelt wurde. Es war ein Todesengel.

Die Geschichten waren zu zahlreich, um Wahrheit von Fiktion zu trennen. Einige behaupteten, ein Engel habe die Macht der Abwesenden Götter. Andere wiederum vertraten die Ansicht, sie seien nicht mächtiger als Elfen oder Feen. Und manche bestanden darauf, dass ein einziger Blick in ihr Antlitz für jedes Wesen den Tod bedeutete, ob sterblich oder Elf. Einmal, nicht lange nachdem Ayla ihre Ausbildung in der Gilde begonnen hatte, wurde ein Assassine vermisst. Wenig später fand man seinen Körper, von seinem eigenen Schwert aufgespießt, seine Flügel brutal vom Rücken abgerissen. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen, obwohl Garret, ihr Mentor, versuchte, ihr die Sicht zu versperren, um sie vor dem grauenhaften Anblick zu schützen. Die tiefen, groben Wunden in der aschfahlen Haut des Elfen sahen nicht aus wie Schnitte, sondern wiesen darauf hin, dass er wie von Krallen riesiger Pranken regelrecht zerfetzt worden war. Der letzte tödliche Hieb musste eine Gnade für den Unglücklichen gewesen sein.

Was auch immer die Todesengel waren, sie hatten nicht viel übrig für andere unsterbliche Geschöpfe.

Das Blut pochte in ihren Adern, als Ayla sich dazu zwang, ihre Jagd auf den Werwolf fortzusetzen. Verfolgt oder nicht, sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Bis der Todesengel angriff, würde sie seine Anwesenheit einfach ignorieren. Sie schloss die Augen, um die Fähigkeiten einzusetzen, die sie während ihrer Ausbildung erworben hatte. Ayla konzentrierte sich und suchte mit ihren vom Licht unabhängigen Sinnen die Umgebung ab. Riechen konnte sie den Wolf nicht, seine Fährte wurde durch den penetranten Gestank des Abwassers überdeckt. Hören auch nicht. Das aufgeregte Summen ihrer Fühler, eine unwillkürliche Reaktion auf die innere Anspannung, zusammen mit dem Flügelrauschen des Todesengels in der Dunkelheit hinter ihr ließen alle anderen, weiter entfernten Geräusche untergehen. Vorsichtig streckte sie die Hände aus und betastete, mit noch immer geschlossenen Augen, die Tunnelwand. Tiefe Löcher klafften darin, und aus ihnen entwich in dünnen Schwaden eine verblassende Wut. Aylas Finger berührten flüchtig die Reste dieser Energie, und in ihrem Geist flackerte ein roter Lichtfunke auf. Der Wolf hatte diesen Weg genommen.

Sich langsam wieder aufrichtend, befühlte sie die anderen Wände. Hier befand sich ein Blutspritzer, ein neongrelles Aufleuchten von Schmerz hinter ihren geschlossenen Augenlidern. Unschuldiges, einfaches Blut. Hier unten würde sie auf eine Leiche stoßen.

Geduckt bewegte sie sich vorwärts durch den Tunnel, die Hände dicht über dem Boden, den Spuren in der dicken Schicht verklumpten Drecks folgend, mit der er bedeckt war. Etwas tröpfelte irgendwo in der Dunkelheit. Es kam aus den Tiefen des Tunnels vor ihr und hörte sich an wie ein Tropfen, der aus einem Hahn in einen vollen Eimer klatschte. Da vorn musste es Wasser geben. Trübes Schmutzwasser, zweifellos, verunreinigt durch die Abfälle der Menschenwelt dort oben. Das und die sterblichen Überreste desjenigen, der dem Wolf zum Opfer gefallen war. Die Furcht und Verzweiflung seiner letzten Atemzüge lagen wie Giftwolken in der Luft.

Ayla folgte dem unsichtbaren Trampelpfad aus Blut und Schmerz. Das Wasser, durch das sie watete, reichte ihr bald bis zu den Knien, dann bis zur Hüfte. Etwas streifte die nackte Haut unter dem Rand ihrer Lederweste, und sie zuckte erschrocken zusammen. Neben ihr trieb, der Länge nach vom Hals bis zum Schwanz aufgeschlitzt, das leere Fell einer Ratte. Auf diesem Weg schien einer der Fressplätze des Werwolfs zu liegen. Sie konzentrierte Energie in ihrer Brust, dann lenkte Ayla sie in ihre Handfläche, wo sie sich zu einer hell strahlenden Kugel formte. Sie gab dem leuchtenden Gebilde einen kleinen Schubs nach oben, sodass es über ihrem Kopf schwebte und das Terrain innerhalb seiner Reichweite erhellte. Zu ihrer Linken führte ein weiterer Tunnel tiefer in die Darkworld hinein. Die Öffnung eines anderen lag geradeaus vor ihr. Auf der schlierigen Oberfläche des Abwassers, das in den drei Kanälen stand, trieben unzählige ausgeweidete Rattenkadaver.

Ratten. Ich setze mein Leben aufs Spiel wegen Ratten.

Weiter durch das stinkende Wasser watend, arbeitete sie sich bis zu einer Erhebung vor, die in eine schmale gepflasterte Plattform am Rand des Kanals überging. Dort erwartete sie auch schon der nächste tote Körper. Der Werwolf, mit verdrehten Gliedmaßen, die bereits steif waren, halb verwandelt, auf bizarre Weise zwischen seinen beiden Erscheinungsformen – Mensch und Wolf – stecken geblieben. Sein zu einer starren Grimasse verzerrter menschlicher Mund, verwoben mit den Resten der Wolfsschnauze, zeugte von dem Gift, das ihn umgebracht hatte, bevor Ayla die Chance dazu bekam. Und hätte er nicht die Ratten vorher erwischt und gefressen, wären auch sie elendig daran zugrunde gegangen.

Unter den Assassinen der Lightworld ging das Gerücht, dass Todesengel in den Schatten lauerten und dort auf die Seelen sterblicher Kreaturen warteten. Derjenige, der hinter ihr dem Wolf auf den Fersen gewesen war, würde nicht erfreut sein, sie über die Leiche gebeugt vorzufinden, wenn er kam und sich holen wollte, was ihm zustand.

Und da war er auch schon. Sie wirbelte herum, um sich ihrem Gegner zu stellen, erhaschte im Schein ihrer innerhalb von Sekundenbruchteilen verlöschenden Lichtkugel einen kurzen Blick auf ihn. Kalkweiße Haut spannte sich über einen kräftigen muskulösen Körper, der beinahe hätte menschlich sein können, wären da nicht die scharfen Krallen an Händen und Füßen gewesen. Das Biest hing kopfüber an der Decke des Tunnels, wie auch immer es ihm gelang, sich daran festzuhalten, seine Augen blicklose schwarze Spiegel, in denen Ayla ihr eigenes entsetztes Gesicht sehen konnte. Es machte ein zischendes Geräusch, breitete seine Flügel aus und setzte zum Sprung an. Vorher hastig einen tiefen Atemzug nehmend, mit dem sie so viel Luft in ihre Lungen sog, wie diese nur irgendwie halten konnten, warf Ayla sich ins Wasser und tauchte. Das Echo der durch den Körper der Kreatur aufgewirbelten Wellen schallte in ihren Ohren und trieb sie an, schneller zu schwimmen, doch ihre Flügel bogen sich in der Strömung, der Widerstand machte sie langsam und ließ bei jedem Schwimmzug einen reißenden Schmerz ihre Knochen durchzucken. Sie stob aufwärts und kam nach Luft schnappend an die Oberfläche.

Im nächsten Augenblick packte das Wesen sie, seine Klauen griffen in ihren zerzausten Zopf und verdrehten ihn wie eine Kordel. Es riss ihren Kopf nach hinten und stieß ein warnendes Grollen in einer harschen, kehligen Sprache aus. Dann entwirrte es die Klauen aus Aylas Haar, packte mit der einen ihre Schulter und holte mit der anderen zum Schlag aus.

Doch in dem Moment, als seine Handfläche ihre nackte Schulter berührte, geschah etwas Merkwürdiges. Rote Tentakel aus purer Energie wuchsen wie Efeuranken über seine Finger, weiter hinauf bis zu seinem Handgelenk und schlossen sich schließlich um seinen dicken, muskulösen Unterarm. Seine Hand ruckte und krampfte im Versuch, sich zu befreien, doch diese tückischen roten Fesseln ketteten ihn an sie, und er war unfähig, Ayla loszulassen.

Das war eines der anderen Gerüchte, die sie über Todesengel gehört hatte. Obwohl es sie nach sterblichen Seelen verlangte, war die direkte Berührung eines Geschöpfes, durch dessen Adern sterbliches Blut floss, bitteres Gift für sie.

Mit einem ungläubigen, aber gleichzeitig auch triumphierenden Keuchen sah sie nach oben, in das Gesicht des Todesengels. Seine Augen, von einschießendem Blut getrübt, fixierten sie, als die Tentakel seinen Hals emporkrochen und langsam seinen Kopf einhüllten.

„Ich bin zur Hälfte ein Mensch“, erklärte sie mit einem kalten Lachen der Erleichterung. Ob die Kreatur ihre Worte verstanden hatte oder nicht, war ihr egal. Der Todesengel öffnete den Mund und schrie, seine Stimme ging dabei von einem gespenstischen schrillen Aufschrei in ein menschliches angst- und schmerzgeplagtes Klagen über. Aylas Herz hämmerte in ihrer Brust, und sie schloss die Augen, während sie Luft in ihre vom Sauerstoffmangel noch immer brennenden Lungen sog. In ihrem Geist sah sie ihren Baum der Lebenskraft, seine Wurzeln in ihren Füßen verankert, die Zweige bis in ihre Arme und den Kopf reichend. Große runde Funken aus Energie flirrten an die Stelle, wo der Engel ihre Haut berührte und ihre Lebenskraft in einem wütenden Rot pulsierte. Das Tempo der Energiefunken erhöhte sich zusammen mit ihrem Herzschlag, wurde immer schneller und schneller, schwoll zu einem Sturm an, bis sie den Tumult in ihrem Innern nicht mehr aushielt. Sie riss sich von ihrem Angreifer los, stolperte rückwärts, rutschte aus, landete mit den Knien im Wasser und spuckte angewidert, als sie einige Spritzer der faulig schmeckenden Flüssigkeit in den Mund bekam.

Der Todesengel blieb stehen, wo er war, als wäre er an seinem Platz festgenagelt, doch sein Körper wand sich in Qualen. Das grelle Rot zog nach und nach in seine unnatürlich bleiche Haut ein. Seine eben noch blutigen, leeren Augen wurden weiß, dann erschien ein Farbfleck in ihrer Mitte. Sterbliche Augen, sterbliche Farbe. Ein sterblicher Körper. Ayla rappelte sich hoch und beobachtete schockiert, was da vor sich ging, das Rauschen ihres Blutes und der entfesselten Energie, die es durchströmte, dröhnte noch immer in ihren Ohren. Urplötzlich war es vorüber, der Todesengel brach zusammen, sank ins Wasser, und seine Gestalt verschwand unter der Oberfläche.

Ayla lauschte in die nachfolgende unheimliche Stille hinein, ob außer ihnen noch jemand anderes hier war. Oder etwas. Doch außer dem sanften Klatschen des Wassers gegen die halbrunden Tunnelwände war nichts zu hören. Kein Furcht einflößendes Flügelrascheln. Würde ein anderer Todesengel kommen, um den ersten zu holen, jetzt, da er das Schicksal alles Vergänglichen teilte und im Sterben lag?

Mit einem mitleiderregenden Schrei fuhr er hoch, bäumte sich auf, wild mit den Armen um sich schlagend. Ayla schrie ebenfalls, sprang automatisch in Kampfstellung, ihre Zwillingsmesser gezogen. Aber als sie sah, wie das nun sterbliche Wesen sich mühsam mit zitternden Händen aus dem Wasser und auf die schmale Plattform schleppte, um dort erneut in sich zusammenzusacken, entspannte sie sich wieder. Seine Brust hob sich mit jedem stockenden Atemzug seiner gerade erst darin gewachsenen Lungen, und seine Gliedmaßen flatterten vor Erschöpfung. Er war keine unmittelbare Bedrohung.

Die Neugierde überwog schließlich und ließ sie für einen Moment ihre Ausbildung vergessen, welche unter anderem vorschrieb, dass sie den Darkworlder an Ort und Stelle töten musste. Sofort. Doch wie viele Assassine bekamen jemals die Chance, ihr noch lebendes Opfer aus nächster Nähe zu betrachten? Wie viele bekamen die Chance, einen Todesengel zu vernichten? Ihre Waffen nach wie vor erhoben, bereit für den finalen Hieb, bereit, durch die Auslöschung dieses so sagenumwobenen Feindes zu einer Legende zu werden, näherte sie sich vorsichtig.

Der Engel lag auf dem Rücken, seine tiefschwarzen gefiederten Flügel unter sich gefaltet. Seine Haare, unglaublich lang, lagen wie ein nasser Teppich auf dem kalten feuchten Beton ausgebreitet, die Spitzen ragten ins Wasser. Die ausgeprägte, kräftige Muskulatur, die ihn so stark gemacht hatte, war geblieben, doch sein Körper wurde immer wieder von einem matten Zucken ergriffen, seiner ehemaligen Kraft beraubt.

Es erschien ihr falsch, feige, ihn in diesem erbärmlichen Zustand zu töten.

Ein Assassine kennt keine Ehre. Ein Assassine kennt kein Mitleid. Ein Assassine darf sich nicht zum Richter erheben und Gnade walten lassen, er ist der Henker derjenigen, die bereits verurteilt wurden, der Darkworlder, welche die Wahrheit des Lichts verleugnen.

Die Gebote der Gäis, in ihr Hirn gebrannt durch endlose Stunden monotoner Rezitation, flammten hell lodernd in ihrem Geist auf, und sie holte mit ihren beiden Waffen aus, um ihrem wehrlosen Opfer den Todesstoß zu versetzen. Seine Augenlider öffneten sich, und sein Blick flackerte über ihre Hände und die glänzenden Klingen darin.

Mit einem tiefen Atemzug und einem geflüsterten Gebet schloss Ayla die Augen. „Badb, Macha, Nemain, führt meine Hand, helft mir, Eurem Willen zu gehorchen.“

Er gab keinen Ton von sich, als die Messer auf ihn zuschossen. Hätte er es getan, wäre sie wahrscheinlich in der Lage gewesen, die Sache zu Ende zu bringen. Doch als sie die Augen öffnete, die scharfen Schneiden ihrer Dolche sah, die im Begriff waren, sich ihm in den Hals zu bohren und die Wirbel zu brechen, den teilnahmslosen Ausdruck auf seinem Gesicht …

Ihre Finger öffneten sich, und die Messer fielen klirrend zu Boden. Sie hob sie nicht wieder auf. Sollte er etwas haben, um sich gegen die Kreaturen zu verteidigen, die ihn früher oder später entdecken würden, die ihn nicht schnell und sauber töten würden, wie sie es getan hätte, wäre sie gehorsam der Gäis gefolgt. Nie zuvor hatte sie einen Schwur gebrochen, aber keine Macht dieser Welt, auch nicht der schon lange versunkenen Astralreiche, konnte sie dazu bringen, auch nur ein einziges Mal über ihre Schulter zurückzublicken oder gar stehen zu bleiben, als sie in den Tunnel watete, durch den sie gekommen war.

Er schluchzte etwas Unverständliches, kaum dass sie außer Sichtweite war, doch es galt nicht ihr. Wahrscheinlich rief er seinen Einen Gott an, um Hilfe flehend. Aber hier unten gab es weder einen Gott noch eine Göttin. Ayla wusste, niemand außer ihr hörte sein Beten, und es verfolgte sie den ganzen Rückweg in die Lightworld.

2. KAPITEL

Malachi hatte früher nie verstanden, warum sie fielen. Sterbliche waren so trivial, rosig und fleischig. So unbedeutend, verglichen mit der Pracht des Himmelsreiches. Warum fallen, nur um einer von ihnen zu werden, zu verdorren und zu sterben, mit jedem Atemzug dem Tod ein Stück näher zu kommen?

So wie er es jetzt tat.

Erst nachdem die törichten Menschen den Schutzwall niedergerissen hatten, mit ihrer Schwäche für Gesänge, archaische Praktiken und Energiesteine, erst nachdem die Hölle und der Himmel sich in diese Welt ergossen hatten wie eine gigantische Flutwelle und nachdem die Sterblichen jene Geschöpfe, die sie einst herbeigeholt hatten, in den Untergrund verbannten, da begann er zu begreifen, warum ein Engel der Versuchung erliegen konnte, zu fallen. Immerwährende Existenz wurde zur Qual, wenn man sein Dasein abgeschnitten vom Schöpfer fristen musste. Verachtung für die Menschen, die sie eigentlich beschützen sollten, breitete sich unter ihnen aus wie eine Seuche, infizierte sie wie Parasiten, die sich in ihrem Geist wanden und schlängelten, wie es schon während der ersten großen Woge des Niedergangs geschehen war. Und diese Geringschätzung blühte und gedieh hier in der Finsternis, unterhalb der Menschenwelt. Einst hatten die Sterblichen ihren Blick zum Himmel erhoben. Nun brauchten sie nichts weiter zu tun, als durch ein Abflussgitter zu schauen, um die erbärmlichen, dahinschwindenden Überbleibsel von Gott zu sehen.

Malachi stieß abermals ein Wehklagen aus, obwohl er wusste, der Herr konnte ihn nicht hören. Es erschien ihm beinahe komisch, jetzt, da er mit seinem verbitterten menschlichen Verstand darüber nachdachte, dass sich der Allmächtige in all dem Chaos heimlich davongemacht und womöglich irgendwo verirrt haben könnte. Doch die Verbundenheit, die er gespürt hatte, von der jeder von ihnen immer begleitet worden war, hatte sich an dem Tag, als das Jenseits sich mit dem Diesseits vermischte, in Luft aufgelöst.

Sie erfüllten weiterhin ihre Pflicht, auch ohne Gott. Schließlich waren sie nichts als Diener. Sie verfügten über keinen freien Willen. Wäre ihnen in den Sinn gekommen, anders zu handeln, von ihrem Weg abzuweichen, hätte das ihren sofortigen kollektiven Fall zur Folge gehabt. Doch es war ihnen nicht in den Sinn gekommen und würde es auch zukünftig nicht. Sie sammelten die Seelen der Verstorbenen, brachten sie zum Äther und lagerten sie dort ein, bis Gott eines Tages zurückkehren und seinen Anspruch darauf geltend machen würde. Dennoch begannen sie einer nach dem anderen zu fallen, unlängst immer mehr von ihnen. Malachi hatte sich darüber gewundert und tat es noch. Sein Fall war ein Versehen gewesen. Er konnte sich keine Verlockung vorstellen, die ihn dazu hätte verführen können, absichtlich diese Qualen auf sich zu nehmen. Blut pulsierte unter seiner Haut. Knochen und Muskeln schmerzten. Nie zuvor hatte er Schmerz empfunden. Ohne es zu wollen und ohne Möglichkeit, es zu verhindern, starb er, mit jedem Augenblick ein wenig mehr.

Zeit. Dazu hatte er bisher keinerlei Bezug gehabt. Mit nichts als der Ewigkeit als Maßstab war so etwas wie Zeit vollkommen bedeutungslos gewesen.

Sie kamen. Irgendwo im Labyrinth der Tunnel waren sie und bewegten sich auf ihn zu. Er erwartete sie. So viele hatte er fallen sehen während des ersten Krieges, ausgelöst durch Luzifers kleinliche Eifersucht, und wusste deshalb, was ihm bevorstand. Bald schon hörte er das Rascheln von Flügeln in der Dunkelheit. Und dann wich die Dunkelheit. Die Versammlung der Engelsführer war ein überwältigender Anblick für die Augen eines Sterblichen. Stumm und ungerührt betrachteten sie ihn. Malachi glaubte zu wissen, was sie empfanden, und erkannte, dass sie nichts empfanden. Jetzt, da er ein Mensch war oder so etwas Ähnliches, waren ihm hingegen echte Gefühle nicht mehr fremd. Es tat weh. Er beneidete sie.

Warmes goldenes Licht umhüllte ihn, und er stemmte sich mühselig auf die Knie, zu dessen Ursprung aufblickend. Über ihm zog sich der schimmernde Lichtkreis zu einer einzigen funkelnden Kugel puren Glanzes zusammen. Er wandte sich ab und schloss die Augen, doch die gleißende Helligkeit hatte ihn bereits geblendet. Kleine rote Punkte tanzten vor seinen zugekniffenen Lidern.

„Gebrochener“, donnerte eine Stimme in strengem Tonfall, dann, sanfter: „Malachi.“

Als er die Augen wieder öffnete, sah er zwei nackte blasse Füße vor sich, die unter einer Robe aus schierem goldenen Licht hervorlugten. Azrael, der Engel des Todes. Wie passend, dass ausgerechnet er es war.

Malachi streckte die zitternden Hände aus, um den Gewandsaum des Erzengels leicht anzuheben. Er küsste das feine Tuch, klammerte dann die Finger darum. Es fühlte sich wie Stoff an, obwohl er natürlich wusste, es war nur eine Illusion, immateriell, und in seiner alten Gestalt wäre es ihm unmöglich gewesen, es anzufassen.

„Erhebe dich“, befahl Azrael, und Malachi gehorchte. Aber er konnte dem Geschöpf, dessen Ebenbild er selbst noch vor Kurzem gewesen war, noch immer nicht ins Gesicht schauen. Er könnte es nicht ertragen, in dieses makellose androgyne Antlitz zu blicken, so wunderschön, voller Milde und Verständnis, jedoch ohne Erbarmen. Immer ohne Erbarmen.

„Du bist gefallen.“ Die Stimme war tröstend, ohne jedoch Hoffnungen zu wecken.

„Es war ein Missgeschick.“ Die Worte wirkten so plump und unpassend angesichts der Anschuldigung. „Ich wäre niemals aus freien Stücken gefallen.“

Azrael beugte sich hinunter, nahm seine Hände und zog sie ein wenig zu sich heran. Und nun blickte Malachi in sein Gesicht. Die Züge des Erzengels verrieten nur mäßiges Interesse, während er eine flammend rote Faser aus Malachis Fingern zog. „Du hast einen Sterblichen berührt.“

„Ich wusste nicht, dass es sterblich war. Es erschien in der Gestalt eines unsterblichen Wesens aus der Lightworld. Ich hatte vor, es zu töten.“ Dieser Erklärungsversuch ließ ihn selbst innerlich zusammenzucken. Es hatte für ihn keinen Grund gegeben, sie zu berühren, nicht eine einzige Weisung des Schöpfers beinhaltete das Töten derer, die anders waren als sie. Für seinen Fall war ganz allein er selbst verantwortlich, er hatte die Entscheidung getroffen, und das nur aus einer plötzlichen Laune heraus.

„Die Belange der Bevölkerung dieses Untergrundes, ob sterblich oder unsterblich, sind nicht unsere Angelegenheit.“ Diese Wahrheit spiegelte sich in Azraels sanftem betrübten Lächeln wider. „Du hast den Entschluss gefasst. Und du bist gefallen.“

Dann verblassten die Gesichter der umstehenden Engel. Das Licht wurde schwächer. Azrael trat einen Schritt zurück.

„Nein!“ Verzweifelt ließ Malachi seinen Blick nacheinander zu jedem Einzelnen von ihnen wandern. Er fühlte sich elend bei der Vorstellung, dass es das letzte Mal sein würde, gleichzeitig aber war er überzeugt, es musste einen Weg geben, sie zur Einsicht zu bewegen. „Es war nicht mein Entschluss. Ich hatte keinen freien Willen. Sogar jetzt noch ist mein einziger Wille der des Schöpfers.“

Das Licht, das ihn umgab, flackerte erneut auf, und er fiel auf die Knie, wissend, was folgen würde. Goldene Blitze peitschten auf seine Flügel und seinen Rücken nieder. Er hatte dies so oft bei anderen mit angesehen und sich jedes Mal gefragt, warum sie alle schrien wie am Spieß, wenn ihre Flügel zerrissen und abgetrennt wurden, im festen Glauben, der Schmerz könne, auch für ein sterbliches Wesen, doch nicht derart unerträglich sein. Was für ein grandioser Irrtum. Die Qual verschlug ihm förmlich den Atem. Er verlor die Kontrolle über seinen Körper, seine zerbrechlichen sterblichen Hände versuchten sich in den harten Beton unter ihnen zu krallen, sodass die Nägel splitterten und einige sogar vollständig aus dem Fleisch herausbrachen. Er schrie, nicht um seinen abwesenden Gott anzurufen, sondern um die furchterregende Enge in seiner Brust loszuwerden, die ihm die Luft abschnürte, um die Schmerzen wenigstens ein bisschen zu lindern.

Und dann war es plötzlich vorüber, die spektralen Blitze verschwunden. Allein in der Dunkelheit, kippte Malachi einfach hintenüber, unfähig, seinen Sturz zumindest etwas abzufangen, sodass er genau auf seine zerstörten Flügel fiel. Er drehte das Gesicht, um seine brennenden Wangen gegen den kühlen Untergrund zu pressen. Klebriges Rot quoll langsam über den Boden, wurde an den Rändern in die Poren des kalten Steins gesogen, sodass sich ein ausgefranster nasser Fleck bildete.

Das hier würde ihn töten. Der Schmerz, das viele Blut, die Verzweiflung. Keine Kreatur, sterblich oder unsterblich, könnte solche Qualen überstehen. Er schloss die Augen, resigniert und ein wenig erleichtert zu wissen, es würde jetzt nicht mehr lange dauern. Hoffnungsvoll wartete er auf das Flattern von Flügeln und den Engel, der ihn zurück zum Äther bringen würde. Es kam ihm vor, als verginge eine Ewigkeit, und noch immer war keiner von ihnen wiedergekommen, um ihn zu holen. Die schneidenden Schmerzen wurden nach einer Weile dumpfer, verwandelten sich in ein quälendes Pochen, und die Nässe an seinem Rücken begann einzutrocknen und zu verkrusten. Er fragte sich, ob das ein Anzeichen für seinen unmittelbar bevorstehenden Tod war. Viele der Seelen, die er gesammelt hatte, waren Opfer grauenvoller Gewalt gewesen. Sie hatten nicht so heftig geblutet wie er. Und dennoch, obwohl er schwerer verletzt war als die meisten Sterbenden, die er gesehen hatte, schien sich alles so endlos lang hinzuziehen.

Bei jedem Geräusch, sei es ein Wasserplätschern, das leise Klackern direkt neben seinem Ohr oder das Vorbeihuschen einer Kakerlake, schrak er auf, im sicheren Glauben, es wäre nun Zeit. Die Hoffnung flammte auf und wurde im nächsten Moment wieder zerschlagen, und mit jeder Wiederholung verstärkten sich sowohl die Erwartung als auch die nachfolgende Enttäuschung. Er blieb allein, gestrandet in seinem sterblichen Gefängnis, gestrandet auf einer Insel in einem offenbar endlosen Meer aus Brackwasser. Wenn er genügend Kraft gehabt hätte, hätte er den Weg zurück zum Äther finden können, den Ort in der Darkworld, den die Engel zu ihrer Festung gemacht hatten. Doch die Hallen würden für ihn leer und verlassen erscheinen. Keiner der anderen Engel würde sich ihm zeigen, bis zum Augenblick seines Todes. Und davon abgesehen hatte er ohnehin nicht die Kraft, sich zu bewegen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Auf Hilfe oder den Tod, das spielte keine Rolle für ihn.

Schließlich kam tatsächlich etwas des Weges. Mit ausholenden Schritten durchs Wasser stapfend, eine einfache Melodie vor sich hin pfeifend, die von den nackten Betonwänden widerhallte und durch dieses Echo beinahe gespenstisch klang. Ein Licht erschien in der Ferne. Nicht das heilige weiße Licht des Todes. Gelb, künstlich, schmutzig und trübe wie alles hier unten. Es schaukelte mit jeder Bewegung seines Trägers, und als es näher kam, konnte Malachi die Umrisse eines Mannes erkennen. Klapperdürr, mit von der Feuchtigkeit gekräuselten Haaren, ein seltsames Gebilde über die Beine gezogen, das wohl die Nässe von seiner Kleidung fernhalten sollte. Er watete auf die Plattform zu, blieb stehen, nahm seinen eigentümlichen Hut mit der Lampe darauf ab und hielt ihn sofort zur Seite, als Malachi abwehrend die Hand hob, um seine Augen vor der Helligkeit zu schützen.

„Heilige Scheiße.“ Der Mann schniefte, dann wischte er sich die Nase an seinem Ärmel ab. Er blickte den Tunnel hinauf und hinunter, als fühle er sich bei irgendeinem Verbrechen ertappt, das er gar nicht begangen hatte. „Was zur Hölle bist du?“

Zu erschöpft, zu gleichgültig, um sich die Mühe einer Antwort zu machen, wandte Malachi sich ab.

„Aha. Okay.“ Der Hut fiel leise klappernd auf den Boden, und der Mann murmelte irgendetwas zu sich selbst, während er in seinen Taschen herumkramte. Malachi war egal, was er tat, solange er ihn einfach in Frieden sterben lassen würde, und das hoffentlich bald.

Der Stich, als etwas Spitzes sich in seinen Arm bohrte, traf ihn völlig unvorbereitet. Verwundert sah er von der Spritze in der Hand des Mannes zu dem entschuldigenden Ausdruck auf dessen Gesicht.

„Hör zu, Kumpel, das ist wirklich nur zu deinem Besten“, sagte der, die Nadel an seinem Hemd abstreifend, ehe er sie zurück in seine Tasche steckte. Malachis Sicht verschwamm plötzlich, wie von dichtem Nebel verschleiert. Ihm wurde übel. Und dann hüllte das Nichts ihn ein.

3. KAPITEL

Die Übungshalle der Assassinengilde war wie ausgestorben. Um diese Zeit kam niemand zum Trainieren oder Sparren her, was genau der Grund war, weshalb Ayla sich ausgerechnet an diesen Ort zurückgezogen hatte. Die Nachtwache, ein alter Assassine im Ruhestand, hatte mit einem verdrießlichen Brummeln sein Missfallen zum Ausdruck gebracht, als sie ihn weckte, damit er ihr die Tür öffnete. Doch sie hatte sich nicht bei ihm entschuldigt. Sie brauchte Zeit, um über ihr Versagen in der Darkworld zu meditieren, Zeit, um sich Antworten auf die Fragen zu überlegen, mit denen man sie garantiert konfrontieren würde. Ein intelligenterer Assassine würde sich rasch eine Ausrede einfallen lassen, mit der sich die Schmach kaschieren ließe, aber Ayla hatte kein Talent fürs Lügen. Sie verstrickte sich schon bei der kleinsten Flunkerei in Widersprüche, was natürlich dazu führte, dass ihr Schwindel sofort aufflog.

Nein, sie würde stattdessen versuchen, der Ursache ihres Fehltrittes auf den Grund zu gehen, diese Wahrheit in sich selbst zu entdecken, bevor Garret oder, die Götter seien ihr gnädig, der Gildenmeister sie aus ihr herausquetschten und sie dastand wie ein Schwachkopf. Oder wie ein erbärmlicher Versager, was, wie sie sich sagte, nicht zutraf. Einen simplen Holzstock schwingend, bewegte sie sich über den kahlen Steinboden des lang gestreckten Raumes mit den hohen Säulen, eine Abfolge verschiedener Techniken ausführend. Sie hatte beschlossen, mit den einfachsten Waffen zu beginnen und den Schwierigkeitsgrad so lange zu erhöhen, bis sie bei den anspruchsvollsten angelangt wäre. Wenn es nötig war, würde sie die ganze Nacht trainieren, zur Strafe für ihre Unfähigkeit und um zu beweisen, dass sie es besser konnte, als in derart beschämender Weise Schwäche zu zeigen, wie sie es bei ihrem Zusammentreffen mit diesem Darkworlder getan hatte.

Der Darkworlder. Woran lag es, dass sogar jetzt, wo er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lange tot war, Opfer irgendeines bösartigen Monstrums der Darkworld geworden, die Erinnerung an ihn Ayla einfach nicht loslassen wollte? Die Stelle an ihrer Schulter, wo er sie so brutal gepackt hatte, schmerzte noch immer. Sie würde morgen früh damit zu einem Heiler gehen, aber keinem Gildenangehörigen, sondern einem, der einfach seine Arbeit tat, ohne Fragen zu stellen, solange man ihn nur bezahlte. Irgendwie schaffte sie es schon, sich heimlich zum Streifen davonzustehlen und rechtzeitig zurück zu sein, ehe sie vor den Gildenmeister treten und Bericht erstatten musste.

Ayla schloss die Augen, ließ gekonnt den Stock zuerst in der einen, dann in der anderen Hand kreisen und genoss das Gefühl, wie das harte Holz gegen ihre Handflächen schlug. Es war jetzt fünf Jahre her, dass sie ihre Ausbildung zur Assassine begonnen und zum ersten Mal die derbe, unhandliche Übungswaffe gebraucht hatte. Damals waren ihre Hände schon bald voller Blasen gewesen, die Haut aufgesprungen und mit blutigen Scheuerwunden übersät, doch sie hatte durchgehalten. Die dicke, schützende Hornschicht, die sich in dieser Zeit gebildet hatte, war heute kaum noch vorhanden, überflüssig geworden durch die weichen, lederumwickelten Griffe der eleganten Dolche, die sie jetzt benutzte.

Sie war verweichlicht. Darin bestand die Wurzel des Übels. Sie hatte vergessen, was es bedeutete, eine Assassine im Dienste von Mabb, der Königin des Elfenreiches, zu sein. Vielleicht sollte sie wieder mehr mit einem Holzstock arbeiten, um sich abzuhärten.

Nein, es lag nicht nur an ihrem Kampfstil. Sie bekam einfach nicht genügend Gelegenheiten, zu kämpfen. Jeden Morgen wartete sie hoffnungsvoll auf dem Rand ihrer Pritsche hockend auf Garret. Der dann, wenn er endlich kam, ein zerknirschtes Gesicht machte und den Kopf schüttelte. Die Königin mochte keine Menschen, hatte er Ayla einmal erklärt, und sie solle deshalb besser gar nicht erst erwarten, allzu viele Aufträge zu bekommen. Man munkelte, dass Cedric, der Gildenmeister, eines von Mabbs vielen männlichen Spielzeugen war und niemals weder sie noch ihre Egozentrik infrage stellen würde, selbst dann nicht, wenn sie unfaire Vorurteile gegenüber einem der ihm unterstellten Assassine bei ihm schürte.

Während sie verbissen die nächsten Techniken absolvierte, sah sie das Gesicht des Gildenmeisters vor sich. Aber wie immer konnte sie ihm einfach nicht lange böse sein. Stattdessen richtete sich ihre, wie sie sehr gut wusste, irrationale Wut nach kurzer Zeit auf Garret, ihren Mentor. Er sollte sie verteidigen und sich für sie einsetzen. Zu seiner Schwester gehen und verlangen, dass sie die Sanktionen aufhob, die sie über Ayla verhängt hatte, wie auch immer es überhaupt dazu gekommen sein mochte, und ihr mehr und bessere Aufträge beschaffen. Das gehörte schließlich zu seinen Pflichten, und zwar umso mehr, als dass sie derzeit seine einzige Schülerin war.

Aber nein, Garret zog es vor, Mabb ihren Willen zu lassen und sie zu verhätscheln, als wäre sie eine Gottheit und nicht lediglich das Oberhaupt eines einzigen Volkes. So wie er am liebsten auch Ayla verhätscheln würde und dadurch aus ihr, einer starken, kompromisslosen Assassine, ganz schleichend seine nachgiebige, willige Gefährtin zu machen. Ihrer überraschenden Schwächelei von vorhin nach zu urteilen, trugen seine Bemühungen bereits erste Früchte.

Wie durch ihre zornigen Gedanken herbeigerufen, kam Garret just in diesem Moment durch die große, oben abgerundete Flügeltür marschiert. Der Nachtwächter rief ihm irgendetwas hinterher, doch seine Worte wurden vom Knall der zufallenden Türflügel und dem Donnern der schweren Stiefel ihres Mentors auf dem Steinboden verschluckt. Für einen Augenblick erwartete Ayla, er würde einen Wutanfall bekommen. Doch kurz darauf musste sie gedanklich seine versteinerte Miene verscheuchen, die sie in ihrer Vorstellung schon vor sich gesehen hatte, denn tatsächlich war es Besorgnis, die in sein Gesicht geschrieben stand, nicht Verärgerung.

„Seit wann bist du zurück? Ich wäre fast umgekommen vor Sorge!“ Sein Umhang flatterte hinter ihm, als er an ihre Seite eilte.

Vorgebend, sie wolle ihren Zopf neu binden, löste Ayla rasch das dünne Lederband, mit dem er zusammengehalten wurde, und ließ ihr Haar über ihre zerschundene Schulter fallen wie einen flammend roten Vorhang.

„Ich bin gerade eben erst eingetroffen.“

Jetzt wurde er wütend, seine Augenbrauen zogen sich unter den Fühlern zusammen, die flach an seinen dunklen Locken anlagen, wie die Ohren einer wild gewordenen Raubkatze. „Und du bist nicht direkt zu mir gekommen? Du warst zwei Tage länger weg, als dein Auftrag es erforderte …“

„Hätte ich ihn entkommen lassen sollen?“, fiel sie ihm ins Wort, stellte ein Ende des Stocks auf den Boden und richtete sich, mit beiden Händen das andere Ende umfassend, gerade auf.

„Du hättest dich an die Instruktionen halten sollen, die ich dir gegeben habe!“ Er griff sie an den Oberarmen, gefährlich nahe der Stelle, wo der Darkworlder sein kleines Andenken auf ihrer Haut hinterlassen hatte.

Garret selbst jagte ihr keine Angst ein, wohl aber die Möglichkeit, dass er ihre Wunden entdecken könnte, und die Fragen, zu denen diese Entdeckung unweigerlich führen würde. Ihm den kältesten Blick zuwerfend, den sie zustande brachte und den sie bei unzähligen Todeskandidaten aufgesetzt hatte, wenn sie um Gnade winselten, zischte sie: „Ich muss meine Trainingseinheit beenden.“

Sein Gesichtsausdruck wurde weicher, und er ließ sie los. Sie wusste, es war ihm unangenehm, Ärger offen zu zeigen. Es machte ihn unattraktiv. „Es tut mir leid. Ich bin etwas übermüdet. Mabb hat ein Suchkommando nach dir ausgeschickt, aber sie schafften es nicht, die Grenze zur Darkworld zu überqueren. Ich hatte schon befürchtet, dir sei etwas zugestoßen.“

Sie wandte sich von ihm ab und schleifte den Stock zum Waffenregal. Mabbs angeblich ausgesandter Suchtrupp hätte keinerlei Probleme gehabt, in die Darkworld zu gelangen. Im Gegensatz zu den scharf bewachten Eingängen der Lightworld waren die Tunnel, die in das Territorium ihrer Feinde führten, völlig ungeschützt. Aber die Königin würde es dennoch nicht riskieren, die Bewohner der Darkworld zu provozieren, indem sie Soldaten in ihr Gebiet schickte und damit womöglich einen Krieg vom Zaun brach. Jedenfalls ganz sicher nicht wegen Ayla, die Mabb aufs Tiefste verachtete und daraus auch keinen Hehl machte.

Ayla nahm sich eines der Breitschwerter, obwohl ihre Muskeln vor Überanstrengung brannten und eine weinerliche Stimme in einem Winkel ihres Gehirns förmlich nach Schlaf bettelte. Mehr Training, mehr Zeit zum Nachdenken, das war es, was sie brauchte.

„Ayla, bitte“, sagte Garret besänftigend, und sie konnte an seinen Schritten hören, dass er langsam auf sie zuging. „Du bist erschöpft. Wir können morgen trainieren, aber im Moment halte ich es für das Beste, wenn du dich ein wenig ausruhst. Bleib heute Nacht bei mir. Und morgen früh gehen wir dann als Erstes gemeinsam zum Refugium.“

Refugium. Das Wort verhieß so verführerische Annehmlichkeiten, Erholung und inneren Frieden. Sie könnte dort meditieren, in den Bassins baden, sich regenerieren.

Die Erinnerung an den Darkworlder einfach fortwaschen.

Der bloße Gedanke an ihn bekräftigte sie in ihrem Entschluss, weiterzumachen. „Ich werde morgen ins Refugium gehen. Allein.“ Ebenso wie ich heute allein schlafen werde, fügte sie stumm hinzu.

Garret seufzte tief. „Ganz wie du möchtest.“

Sie sah ihm nach, als er ging. In den schweren Gildengewändern wirkte er, eigentlich von sehr schlanker Statur, viel kräftiger, als er in Wirklichkeit war. Seine Flügel lagen an seinem Rücken an, die feine transparente Haut überzogen mit einem schillernden Netz aus Farben wie Ölschlieren auf einer Pfütze. Er war ziemlich begehrt unter den Hofdamen, wie Ayla jedes Mal festgestellt hatte, wenn sie zum Palast ging, um Bericht zu erstatten. In der Gunst des Bruders der Königin zu stehen war etwas, das bei vielen Neid erweckte, und Ayla wusste ihre Position zu schätzen, wenngleich sie auf seine Annäherungsversuche kaum einging. Es war kein Geheimnis, dass ihr Vater, ein Mensch, ihr dank eines gewonnenen Pokerspiels überhaupt erst Zutritt zur Lightworld hatte ermöglichen können. Aber Garrets Entscheidung, sie zu trainieren, war eine selten glückliche Fügung gewesen, und sie konnte nicht darauf spekulieren, noch einmal so vom Schicksal verwöhnt zu werden. Sie war ihm dankbar. Die meisten Schüler und Mentoren wurden einander zugewiesen, ausgenommen, man „arrangierte“ etwas, und Ayla wäre nicht in der Lage gewesen, für die Zuweisung zu einem guten Lehrer zu bezahlen.

„Aber als ich dich bei der Versammlung gesehen habe“, sagte Garret oft zu ihr, „da wusste ich, ich muss in deiner Nähe sein, und sei es nur als dein Mentor.“

Sie fühlte sich verpflichtet, sich erkenntlich zu zeigen, fand es jedoch schwierig, dies in Form einer lebenslangen Bindung zu tun. Ihr war natürlich nicht entgangen, was über sie getuschelt wurde. Dass sie zu stolz wäre, dass ihr nicht klar wäre, wie unrealistisch ihre Erwartungen wären. Es war schließlich nicht so, als könne man noch höher aufsteigen als bis zur Erbin des Königreichs. Dass dieses Königreich, genauer gesagt, die gesamte ursprüngliche Lebensweise ihres Volkes, nicht mehr existierte, spielte dabei keine Rolle. Und nicht nur das, auch die Unsterblichkeit der Elfen gehörte der Vergangenheit an. Theoretisch konnte Mabb zwar noch immer für die Ewigkeit herrschen, doch eine tödliche Verletzung oder Krankheit wären auch für sie das Ende. Es war allerdings unwahrscheinlich, dass die Königin einem von beidem zum Opfer fallen würde, mit ihrem gewaltigen Tross an Leibwachen und Heilern im Rücken. Dennoch, für eine Halbblütige wie Ayla wäre eine Bindung mit Garret mehr als alles, worauf sie in ihren kühnsten Träumen jemals hätte hoffen dürfen, und das wusste sie.

Ebenso wie Garret. Und das war ein großer Teil des Problems.

Warum konnte sie seinen Avancen nicht einfach nachgeben, zu ihrem eigenen Vorteil? Das Leben in den Baracken war ganz und gar kein Vergnügen, ständig musste man seine wenigen Halbseligkeiten vor den Gaunern von Kobolden verstecken, die ebenfalls dort einquartiert waren und alles stahlen, was nicht niet- und nagelfest war. Würde sie bei Garret in seinem Domizil außerhalb des Palastes wohnen, bräuchte sie sich darum nicht mehr zu sorgen. Außerdem hätte sie Besitztümer, die es auch wert waren, vor Diebstahl geschützt zu werden. Einen weichen Teppich zum Beispiel anstelle des rauen kalten Betonbodens in ihrer Unterkunft. Essen und köstlichen Wein, worum sie nicht vorher hatte kämpfen müssen, entwendet aus der Welt der Menschen, wo die Dinge schön und sauber waren. Es gab nicht allzu viele Luxusgüter hier im Untergrund, doch Garret würde ihr alles geben, was er konnte, und das einfach nur, weil er es wollte.

Sie arbeitete sich durch die verschiedenen Schwertabwehrtechniken, bis sie sicher war, dass Garret die Räumlichkeiten der Gilde in der Zwischenzeit verlassen hatte. Es war beinahe Morgen, als sie todmüde aus der Trainingshalle wankte. In der Menschenwelt würde es bald Mittag sein, und die Sonne, die Ayla noch nie zu Gesicht bekommen hatte, stünde hoch am Himmel, ihr Licht würde durch die Gitter bis in die Abwasserkanäle dringen und damit im Untergrund den verzögerten Tagesanbruch ankündigen.

Ayla war damals noch nicht geboren, als das Menschenvolk den Wall und damit die Astralreiche zerstört hatte. Garret hingegen war dabei gewesen, und wie alle Elfen, die in den Schlachten gegen die Menschen gekämpft hatten, erinnerte er sich noch sehr gut daran, obwohl seitdem fast dreihundert Jahre vergangen waren. Manchmal sang er Lieder, die davon handelten, und spielte dazu seine Harfe mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns, so leidenschaftlich, dass es einem vorkam, als wären seine Emotionen mit der Musik zu einer Art Zauber verschmolzen, der jeden Zuhörer in seinen Bann zog. Auch zwischen den Menschen selbst hatte zu dieser Zeit ein Krieg gewütet, bei dem die eine Seite ihren einen wahren Gott wie ein Schwert vor sich hergetragen hatte, mit dem alle „Ungläubigen“ niedergemetzelt werden sollten. Wie ein schwingendes Pendel waren die Menschen zuerst begeistert von dieser neuen Lebensart gewesen, doch dann wollten sie plötzlich nichts mehr davon wissen. Es geschah während der letzten großen Verschiebung, dass die Grenze zwischen dem, was sie für die Realität hielten, und der Welt ihrer Träume und Albträume endgültig verschwand.

Garret sprach mit Abscheu über das Gehabe der Menschen, die behaupteten, ihre Praktiken seien die Wiederauferstehung der alten Ordnung, und an jeder Straßenecke magische Steine, Orakel und Bücher in glänzenden Einbänden verkauften, mit deren Hilfe angeblich jeder ein mächtiger Zauberer werden konnte. „Einige besaßen sogar die Frechheit, sich als Druiden auszugeben“, hatte er einmal gespottet, nachdem ihm der übermäßige Gebrauch seiner Pfeife ein wenig zu Kopf gestiegen war. „Druiden. Ich streifte oft mit Amergin durch die Wälder. Er hat mir diese Harfe geschenkt. Diese Dummköpfe, wenn sie auch nur eine winzige Ahnung davon hätten, was es bedeutet, ein Druide zu sein … Ach, aber die Hälfte von denen isst ja nicht einmal Fleisch von Tieren. Sie finden, das sei grausam und barbarisch.“

Aber es hatte alles nichts genützt. Die Anhänger des Einen Gottes, die ihn aus den nichtigsten Anlässen im Gebet um Hilfe baten, und die Scharlatane mit ihren Geisterweckungen und ihren Versuchen, die Astralreiche in ihre Welt hinüberzuziehen, hatten schließlich die Oberhand gewonnen. Die Götter schienen „wie sich auflösende Nebelschleier zu zerfallen“, wie Garret es ausdrückte, und die Kreaturen, welche die Menschheit bis dahin als reine Mythen betrachtet hatte, wurden auf die Erde gespült, ohne Hoffnung, sie je wieder verlassen zu können. Zuerst waren sie freudig begrüßt worden, man feierte ihnen zu Ehren sogar große, ausgelassene Feste. Doch als sie sich wider Erwarten nicht als die eifrigen dienstbaren Geister erwiesen und nicht so besessen von ihrer Verehrung für die menschliche Rasse, wie die Sterblichen sie sich vorgestellt hatten, da wandten diese sich schon bald gegen die unfreiwilligen Neuankömmlinge.

Es hieß, der Krieg sei ausgebrochen, nachdem die Elfenvölker die Menschen in den Untergrund gedrängt hatten, wobei die Geschichte, die außerhalb der Lightworld die Runde machte, etwas anders klang. In dieser Version hatten sich die Sterblichen freiwillig dorthin zurückgezogen. Ihre Welt gegen die unterirdischen Höhlen und Gänge getauscht, die sie ins Erdreich gegraben hatten. Tunnel zur Abwasserentsorgung und für die großen Transporter, die den Boden erbeben ließen, wenn sie in der Nähe auf ihren Schienen vorbeifuhren. Sie hatten weitere Schächte ausgehoben, Verbindungswege zwischen den Tunneln geschaffen und nach und nach die ausgedehnten Städte des Untergrundes erbaut.

Als immer mehr Menschen aus der oberen Welt hierher flüchteten, schwang sich einer von ihnen zu ihrem Anführer auf. Seinen Namen auszusprechen war in der Lightworld streng verboten, doch Ayla hatte nicht ihr ganzes bisheriges Leben hier verbracht. Auf dem Streifen, wo sie als Kind gelebt hatte, der neutralen Zone zwischen Dark- und Lightworld, wurde offen über ihn geredet. Madaku Jah, der Prophet. Oder der Verräter, je nachdem, wen man fragte. Doch egal, ob er verflucht oder gepriesen wurde, er hatte jedenfalls eine Armee aufgestellt, die gegen die Geschöpfe kämpfte, die nun die Erdoberfläche bevölkerten, und sie schlussendlich in genau den Untergrund verbannt, in den sie einst die Sterblichen getrieben hatten.

Und nun standen die Zeichen erneut auf Sturm. Nur ein Narr konnte die Vorboten des kommenden Unheils ignorieren. Ein weiterer Kampf braute sich zusammen, dieser aber würde nicht gegen die Menschen geführt werden, den gemeinsamen Feind der beiden Welten des Untergrundes. Dieses Gefecht fände hier statt, zwischen ihnen. Der beunruhigende Gedanke daran verfolgte Ayla hartnäckig, während sie zu den Baracken schlurfte, ihr Körper am Rande des Zusammenbruchs.

Als sie ankam, waren nur die Kobolde gerade dabei, ihre Schlafstätten zu verlassen. Ihre Gier nach dem kleinsten bisschen Sonnenlicht, das sie erhaschen konnten, hatte sie zu ausgesprochenen Frühaufstehern gemacht.

Einer von ihnen blieb vor ihr stehen und grinste sie breit an. „Ayla, du siehst ja grauenhaft aus. Komm mit uns ins Refugium.“

„Natürlich sehe ich grauenhaft aus. Ich habe die ganze Nacht trainiert. Und jetzt muss ich mich ausruhen, solange ich noch kann.“

„Wie du meinst.“ Der Kobold entblößte abermals seine Zähne zu einem verschmitzten Lächeln. Jedes Wesen mit einem Tropfen sterblichen Blutes in sich würde nach einer solchen Nacht im Vergleich zu den reinrassigen, ewig jungen und starken Elfen furchtbar aussehen. Außerdem hatten sie sich ausschlafen können. Sie waren nicht von den schrecklichen Bildern einer unlängst sterblich gewordenen und nun hilflos den Gefahren der Darkworld ausgesetzten Kreatur gequält worden.

Ebenso wenig, wie du dich damit hättest quälen müssen, schalt sie sich selbst. Es gab keinen Grund, an ihn zu denken. Oder ihn zu bedauern. Das war ihr erster Fehler gewesen. Sich nicht über ihren Sieg zu freuen, was sie anscheinend ja nicht tat. Alles, worüber sie nachdenken sollte, war ein guter Grund für ihr Versagen.

Nur, weshalb lag sie dann schlaflos auf ihrer harten Pritsche, die Geräusche der anderen gerade erwachenden Assassine ausblendend, unfähig, die Erinnerung an die Stimme und das schmerzverzerrte Gesicht des Darkworlders einfach zu verdrängen?

4. KAPITEL

Malachi öffnete die Augen, und das Erste, was er wahrnahm, waren ein mechanisches Surren und ein erdrückendes Gewicht auf seinem Rücken. Er lag bäuchlings auf einer harten Platte, die Erinnerung daran, was geschehen war, kam nur langsam zurück. Der Mann im Tunnel, der ihn gestochen und betäubt hatte, seine eigene Angst, als ihm klar geworden war, in was für eine Lage ihn das brachte. Dass er dem, was danach kommen würde, hilflos ausgeliefert sein würde.

Panik ergriff ihn, und es war ein Gefühl, das ihm nicht gefiel. Tatsächlich hatte ihm keine der Emotionen sonderlich gefallen, die er bis jetzt erleben musste. Er ballte die Hände zu Fäusten und stützte sie auf die seltsame Unterlage, auf der er lag, um sich hochzustemmen. Die Kälte des Metalls an den Stellen, wo es nicht von seinem Körper erwärmt worden war, fuhr wie ein eisiger Stich durch seine Finger.

„Halt still, ich bin fast fertig.“ Die Aufforderung klang überraschend ruhig und freundlich, wenn man bedachte, dass der Mann ihn entführt hatte.

Malachi schluckte, sein neuerdings verletzbarer Hals war trocken wie Sandpapier. „Ich habe Durst.“

„Tut mir leid, während der Operation gibt’s nichts zu trinken. Wegen der Hygiene“, antwortete der Mann. Ein dünner bläulicher Schleier zog an Malachis Gesicht vorbei, und als er über den hohen Rand des Tisches schaute, sah er die glimmenden Überreste einer dieser abhängig machenden Papierrollen, nach denen die Sterblichen hier unten ganz verrückt waren. Ständig versuchten sie verzweifelt, genügend davon zusammenzutragen, um ihre Sucht zu befriedigen.

Sterbliche lebten aus zwei Gründen im Untergrund. Entweder sympathisierten sie mit den hierher verbannten Kreaturen, oder sie waren selbst aus der Menschenwelt verbannt worden, weil sie der Magie frönten, mittlerweile ein schweres Vergehen dort oben. Doch welche Umstände diesen Mann nun in den Untergrund verschlagen hatten, interessierte Malachi weit weniger als das, was er da gerade mit ihm anstellte. „Operation? Ich verstehe nicht.“

„Natürlich tust du das nicht.“ Ein weiterer Schub des Surrens, begleitet von einem beißenden Geruch, den Malachi als den versengten Fleisches wiederkannte, unterbrach die Antwort des Mannes für einen Moment. „Deine Rasse, ihr seid ja Geistwesen“, fuhr er dann fort, „braucht keine Reparaturen, zumindest normalerweise nicht. Aber du, du mein Freund … warst in einem ziemlich miserablen Zustand, als ich dich gefunden habe.“

Obwohl die Worte des Mannes fremdartig waren, so erschloss sich Malachi ihre Bedeutung dennoch. Er verfluchte den Menschen innerlich und ließ sich resigniert zurück auf den Tisch sinken. „Du hättest mich sterben lassen sollen.“

„Konnte nicht widerstehen. Ich hatte noch nie das Glück, ein Paar dieser Schönheiten in die Hände zu bekommen. Hör mal, falls du vor mir ins Gras beißen solltest, macht es dir doch nichts aus, wenn ich sie behalte, oder?“ Abermals surrte es, dann sagte er: „Okay, das war’s. Fast so gut wie neu.“

Der Mann ließ von ihm ab, sprang vom Tisch – es musste sein Knie gewesen sein, das so fest auf seinen Rücken gedrückt hatte, überlegte Malachi – und half ihm, sich aufzusetzen. Das Gewicht seiner Flügel riss ihn beinahe gleich wieder um. Sie waren bereits in dem Augenblick viel zu schwer gewesen, als die Umwandlung in einen Sterblichen eingesetzt hatte, doch jetzt hingen sie krumm und schief und sperrig wie zwei Fremdkörper an ihm.

„Was hast du mit mir gemacht?“

„Dir das Leben gerettet. Und deine Flügel.“ Der Mann berührte einen von ihnen, und Malachi machte unwillkürlich ein zischendes Geräusch vor Schmerz. „Na ja, sie werden für ein Weilchen noch ziemlich empfindlich sein, aber das wird schon.“

„Wer bist du? Warum tust du das?“ Malachi rutschte an den Rand des Tisches, setzte vorsichtig die Füße auf den Boden und versuchte aufzustehen, doch seine Beine wollten ihn nicht recht tragen. Grelle Sternchen tanzten in Wellen vor seinen Augen, und der Raum schien mit jedem neuen Sternenhagel dunkler zu werden. Er taumelte rückwärts und knickte die Spitzen seiner Flügel an der Tischkante um.

„Nein, nein, nicht umkippen! Ich kann dich dicken Brocken nicht auffangen, wenn du hinfällst.“ Der Mann stützte ihn am Ellbogen, dann streckte er ihm die andere, blutverschmierte Hand hin. „Keller mein Name. Und ich tue das hier, weil ich es hasse, wenn ansonsten kerngesunde Zeitgenossen wie du wegen Kleinigkeiten draufgehen, die man leicht wieder hinkriegen kann. Du wärst da draußen verblutet. Ich will dir nicht reinreden, was du mit deinem Leben anfangen sollst, aber was mich angeht, ich führe lieber eins, das zu irgendwas gut ist, anstatt alleine in der Kanalisation zu verrecken. Ist wirklich ein Höllenloch, dieser stinkende Irrgarten.“

„Wo bin ich?“ Malachis Sicht wurde wieder klarer, und er blickte sich um. Überlappende Rohre verschiedener Dicke hingen wie ein Gitter an der Decke, und der Mensch hatte sie als Aufhängung für mehrere viel zu helle Lampen benutzt, die ein grauenhaftes, monotones Summen von sich gaben. Die bröckligen Wände waren mit langen Stücken aus Maschendraht bedeckt, wodurch eine Art einfacher Schutzwall entstand. Überall standen Kisten, Stahlschränke und sich unter Bergen von Werkzeugen und Ersatzteilen biegende Tische und Arbeitsbänke.

„Willkommen in meiner Werkstatt“, sagte Keller mit gespieltem Stolz. „Ja, im Kanalisationsdistrikt. Aber hey, die Miete ist spottbillig, und immerhin hab ich ein trockenes Plätzchen erwischt. Du würdest nicht glauben, was es hier für Bruchbuden gibt – die Bewohner müssen in Hängematten schlafen, weil der Schlamm da drin einem bis zu den Knien geht.“

Malachi schwieg dazu. Er hatte viele der Notunterkünfte in der Darkworld von innen gesehen. Alle hier gestrandeten Kreaturen, sterbliche und unsterbliche gleichermaßen, kämpften ums Überleben in einem der unwirtlichsten Teile des Untergrundes, und ihr diesbezüglicher Einfallsreichtum kannte keine Grenzen. Kellers bescheidene Werkstatt wirkte wie ein Palast im Vergleich zu diversen anderen Behausungen, und seine zahlreichen Aufbewahrungskisten ließen vermuten, dass er einen Weg gefunden hatte, an materielle Besitztümer zu gelangen.

„Ich hab dich mit ein bisschen ultraleichtem Aluminium zusammengeflickt. Hat jemand beim Kartenspielen gesetzt, und ich hatte Glück. Es soll mal zu einem Flugzeug gehört haben.“ Keller tätschelte eine der wunden Stellen an Malachis Flügel, und das resultierende metallische Geräusch lenkte ihn von den damit verbundenen Schmerzen ab. Als der Mann sich ihm zudrehte, sodass er direkt vor ihm stand, sah Malachi, dass sein einer Arm vom Ellbogen abwärts komplett fehlte. Ein kompliziertes System aus Metall und bunten Drähten ersetzte den abhandengekommenen Körperteil. Und bei genauem Hinsehen fiel auf, dass auch der Kopf des Mannes bereits eine Reparatur hinter sich hatte. Eine längliche, gebogene, glänzende Metallplatte wand sich um sein Ohr. Keller kratzte sich mit seiner künstlichen Hand daran, als ob er nachdenke, und an der Stelle, wo die beiden Ersatzteile aneinanderrieben, sprühten kleine Funken. „Tja, jetzt weißt du, warum ich nicht auf der Oberfläche wohne und es mir gut gehen lasse wie die anderen Menschen.“

„Ja.“ Es gab nichts weiter darauf zu sagen. Der Mann war eindeutig ein Bio-Mech, ein Wesen, das glaubte, der menschliche Körper sei eine Anhäufung austauschbarer Komponenten, denen der Zahn der Zeit nichts anhaben konnte, wenn man sie nur rechtzeitig erneuerte. Das allerdings entsprach nicht den Vorstellungen des Herrn, wie die zahlreichen Seelen der Opfer fehlgeschlagener Operationen bewiesen, die regelmäßig von den Todesengeln geholt werden mussten.

„Ja. Genau. Ich hab deinen Arsch gerettet, na und? Meinetwegen kannst du zur Hölle fahren“, schnaufte Keller, und erst da wurde Malachi bewusst, dass er ihn angestarrt hatte.

„Ich habe nicht um dein Mitleid gebeten. Ich flehte Ihn an, mich sterben zu lassen, und dies ist das Ergebnis?“ Malachi schüttelte den Kopf. Die Geste kam ganz von allein, merkwürdig selbstverständlich. „Ich gehöre nicht hierher.“

„Ich kann dich jederzeit dahin zurückbringen, wo ich dich vom Fußboden gekratzt habe.“ Keller klang … gekränkt? Es bereitete Malachi solche Schwierigkeiten, Worte, Gesichtsausdruck und Tonfall zu einer sinnvollen Einheit zusammenzusetzen.

„Du bist nicht erfreut.“ Mehr Anteilnahme für die verletzten Gefühle seines Gegenübers konnte Malachi nicht aufbringen. Das Einzige, was ihn im Moment interessierte, war sein ungewohnter sterblicher Körper und der Tod, um den der Mann ihn betrogen hatte.

„Erraten. Ich bin ganz schön angestunken. Du verdankst mir dein Leben.“ Keller drehte sich zu einer seiner Werkbänke um und sortierte einige der Gegenstände, die darauf lagen. „Das ist schon was wert, ob du’s glaubst oder nicht.“ Nach einer langen Pause warf er mit einem lauten Knall etwas offenbar ziemlich Schweres neben den Gerümpelstapel, den er gerade aufgeschichtet hatte. „Was hattest du eigentlich in diesem Tunnel zu suchen?“

Malachi verspürte kein Verlangen danach, diesem Mann sämtliche Einzelheiten der Geschehnisse der letzten Stunden anzuvertrauen. Es war schlimm genug, dass er selbst wusste, was passiert war. Aber der Gedanke daran, nicht darüber zu sprechen, ließ den erdrückenden Kummer, der sein Herz schwer machte, nahezu unerträglich werden, und so formte sein Mund wie von allein die Worte, die er nicht aussprechen wollte, und er hörte sich sagen: „Ich bin gefallen.“

„Ist das nicht schon eine ganze Weile her mit dem großen Fall der Engel? Ich dachte, das wäre damals in biblischen Zeiten gewesen.“ Trotz seiner Fragen schien den Menschen Malachis Geständnis sehr zu beeindrucken.

„Das erste Mal, ja. Aber es geschieht auch heute noch.“ Malachi schloss die Augen. „Ich hatte es nicht beabsichtigt. Es war ein Versehen.“

Kellers Stimme klang wie aus weiter Ferne kommend. „Mann, wenn das kein Pech ist. In der einen Minute bist du unsterblich, und in der nächsten … bist du’s nicht mehr.“

Auf einmal begann alles um Malachi herum sich zu drehen. Er schwankte nach links, dann nach rechts, und es fühlte sich an, als würde er jede Sekunde vom Tisch rutschen. Mit einem erschrockenen Aufschrei hastete Keller an seine Seite. „Leg dich hin, leg dich hin“, wies er ihn an. Mit einem besorgten Stirnrunzeln musterte er Malachis Gesicht. „Du musst dringend irgendwas essen. Und danach gehen wir zum Streifen.“

„Warum?“ Das Wort, das da über seine aufgesprungenen Lippen kam, ergab seltsamerweise gar keinen Sinn für ihn.

„Weil du einen Heiler brauchst.“ Keller verschwand aus seinem Sichtfeld, und Malachi schaffte es nicht, ihm mit den Augen zu folgen. Zu sehr brannten sie bei jeder Bewegung, zu schwer waren seine Lider.

„Da, iss das.“ Der Mensch drückte ihm einen Kanten Brot in die Hand. „Ist nicht viel, aber ich habe eher selten unerwarteten Besuch, den ich bewirten müsste.“

Irgendwie gelang es Malachi beim zweiten Versuch, sich zitternd auf die Ellbogen zu stützen. Nahrungsaufnahme war eine ausgesprochen befremdliche Erfahrung. Das spröde körnige Brot trocknete Malachis Kehle noch mehr aus. Es schmeckte grauenvoll, dennoch konnte er nicht aufhören, sich ein Stück nach dem anderen davon in den Mund zu stopfen, krampfhaft bemüht, die schmerzhafte Leere in seinem Bauch zu füllen. Er verschluckte sich, und Keller legte ihm beruhigend seine echte Hand auf die Schulter. „Hey, hey, mach langsam. Hier hast du was zum Runterspülen.“

Malachi griff nach dem Becher, der ihm vor die Nase gehalten wurde, und trank gierig. Jetzt fühlte er sich plötzlich anstatt hohl und leer unangenehm prall gefüllt, und er wünschte, der Mensch hätte ihm niemals etwas zu essen gegeben.

Keller nahm den Becher zurück und tippte mit einem Finger dagegen. „Siehst du, gutes, sauberes Wasser, nicht? Du hast Glück, an jemanden mit Beziehungen geraten zu sein.“

„Ich bin noch immer durstig.“ Malachi streckte die Hand nach dem Trinkgefäß aus, doch Keller hielt es blitzschnell außer Reichweite.

„Nicht jetzt. Manchmal, wenn Leute fast verhungert sind, dann verputzen sie so viel auf einmal, sobald es was gibt, dass sie …“ Er winkte ab. „Sagen wir einfach, du würdest dich damit in noch größere Schwierigkeiten bringen, als du sowieso schon hast.“

Ein heftiges Ziehen fuhr von oben nach unten durch Malachis Oberkörper, als würde er mit einem Schwert in zwei Hälften zerteilt. „Wo ist … wo ist dieser Heiler?“

„Auf dem Streifen.“ Keller schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an, wie um seine Größe abzuschätzen. „Aber wir sollten dir besser was anziehen.“

„Ich trage keine Kleidung.“ Als er noch ein Engel gewesen war, hatten sich sämtliche Gewänder, die er benötigte, ohne sein Zutun aus reiner Energie materialisiert. Echte Dinge, insbesondere raue Stoffe, stellte er sich schrecklich lästig und unbequem vor.

„Kann sein, aber, wie soll ich das jetzt sagen … Du siehst ein klein wenig menschlicher aus als früher.“ Keller ging zu einem der Schränke und zog eine Kiste heraus. „Zum Glück hab ich kürzlich diesem Typen in der Bar ein ...

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