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Herrlichste, beste, erste aller Frauen

IWAN GONTSCHAROW

Herrlichste, beste, erste aller Frauen

Eine Liebe in Briefen

Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Vera Bischitzky

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Impressum

Die Briefe Iwan Gontscharows an Jelisaweta Tolstaja erschienen 1913 in der Zeitschrift „Голос минувшего“, Moskau 1913, Nr. 11 und 12, herausgegeben von P. N. Sakulin.

Mit 6 Abbildungen

Zitate aus Iwan Gontscharow, Oblomow

Herausgegeben und neu übersetzt von Vera Bischitzky

© 2012 Carl Hanser Verlag München mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags München.

Dieses Buch wurde gefördert von der Mikhail Prokhorov
Foundation TRANSCRIPT:
Programme to Support Translations of Russian Literature

ISBN 978-3-8412-0651-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg unter Verwendung eines Motivs von akg images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Frontispiz

Iwan Gontscharow, 1850er Jahre

Vorbemerkung

Schande über Sie, sollte jemals ein anderer oder eine andere diese Briefe lesen als Sie, dann sage ich mich für immer von unserer Freundschaft los.

(aus dem Brief I. Gontscharows
vom 14. November 1855 an J. Tolstaja)

Wenige Schriftsteller haben ihr Privatleben so sorgfältig vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wie Iwan Gontscharow, der Schöpfer des unsterblichen »Oblomow«. Nur in seinen Briefen an einige Vertraute finden sich hier und da verschlüsselte Hinweise des zeitlebens Unverheirateten auf gewisse Liaisons. Durch die Literatur über Gontscharow schwirren Spekulationen, Namen und widersprüchliche Theorien, die Spuren aber verlieren sich bis auf eine Ausnahme – die hier vorliegenden Briefe – ausnahmslos im »Rauschen der Zeit«.

Auch jeden noch so freundschaftlich gemeinten Versuch einer Eheanbahnung wies der notorische Junggeselle entschieden zurück. Das Fazit seiner diesbezüglichen Überzeugung hat er Ilja Iljitsch Oblomow, dem Helden seines gleichnamigen Romans, in den Mund gelegt: »Es gibt doch tatsächlich Esel, die heiraten«. Von einer Zufallsbekannten aus dem Ostseebad Dubbeln ist überliefert, dass er eines Tages auf die Frage, ob er verheiratet sei, geradezu in Panik geriet: »Er hob beide Arme, als wolle er ein Schreckgespenst verjagen, und protestierte energisch: ›Nein, nein! Nie im Leben! Nie im Leben!‹«

Und doch hatte es einmal eine Zeit gegeben, da er seine Freiheit möglicherweise gegen ein Leben »an der Seite einer sittsamen, stolzen, stillen Kameradin« eingetauscht hätte, von dem auch Oblomow träumte. Wer wünschte es sich nicht, »das ewig gleichmäßige Schlagen eines glücklichen, ruhigen Herzens, folglich ein auf ewig erfülltes Leben, ein ewiges Lebenselixier …«

Als Iwan Gontscharow im Sommer 1855 im Salon der St. Petersburger Familie Maikow die achtundzwanzigjährige Jelisaweta Tolstaja aus Moskau trifft, ist er wie verwandelt. Der oft schwermütige dreiundvierzigjährige Beamte im Departement für Außenhandel beim russischen Finanzministerium, der einige Jahre zuvor durch seinen ersten Roman »Eine alltägliche Geschichte« großes Aufsehen erregt hat, wird plötzlich zum verliebten Schuljungen, er verfällt dem »Magnetismus« der Augen der jungen Frau und der »Vibration« ihrer Stimme, wie er sich in Anspielung an den damals populären Mesmerismus ausdrückt. Zwölf Jahre zuvor, um die Jahreswende 1842/1843, war er ihr bei den Maikows schon einmal begegnet. Damals hatte sich Jelisaweta Tolstaja in Begleitung ihrer Mutter für einige Zeit auf der Durchreise in St. Petersburg aufgehalten und auch den Silvesterabend bei den Maikows verbracht. Gontscharow befand sich ebenfalls unter den Gästen, doch er hatte, wie Zeitzeugen berichten, an diesem Abend nur Augen für eine andere junge Dame, ein Fräulein Tscheljajewa. Sie war Schülerin des Katharinen-Instituts in St. Petersburg – ein Widerhall dieser Schwärmerei findet sich in der erst hundert Jahre nach Gontscharows Tod veröffentlichten Erzählung »Pepinerka«.

Dass Iwan Gontscharow (1812–1891) Jelisaweta Tolstaja bereits damals vorgestellt worden war, bezeugt auch sein ausführlicher Eintrag in ihrem Poesiealbum. Mit der ihm eigenen Prise Humor schrieb er dem Mädchen im Februar 1843 ins Poesiealbum: »Ein berühmter Dichter hat Ihnen vor seiner Abreise in die weite Ferne zur Erinnerung inspirierte Verse dagelassen; ein anderer gab Ihnen […] ebenfalls Verse mit auf den Weg. Alles in Versen! Das ganze Album ist voll davon: wie viele Pfeile, immer wieder Amor, Herzen, alles zeugt vom Sieg, es sind Trophäen der Jugend! Was soll ich sagen? Und wie? In Prosa! Doch Poesie – das ist ja Erf indung! Prosa dagegen, auch wenn die Sprache dürftig ist, so ist es doch die Sprache der Wirklichkeit, folglich der Wahrheit. Gestatten Sie mir also, Ihnen in dieser Sprache sowohl mein Bedauern auszudrücken, dass Sie uns verlassen, als auch Dankbarkeit für die teuren Minuten Ihres Aufenthalts hier bei uns und den Wunsch, dass Ihnen eine lichte und sorglose Zukunft beschieden sein möge – de Len.«

Den liebevoll-spöttischen Spitznamen Prinz de Len1 hatte man Gontscharow bei den Maikows verliehen – einer weitverzweigten Familie um den Maler Nikolai Maikow und seine Frau Jewgenija, in deren Salon die literarische, künstlerische und intellektuelle Elite der Stadt verkehrte. Gelehrte, Musiker, Maler, Literaten, alle »bildeten gemeinsam mit den Hausherren eine Art brüderlicher Familie oder Schule, wo jeder vom anderen lernte«, wie Iwan Gontscharow später in seinem Nachruf auf Nikolai Maikow (1794–1873) schreiben sollte.

Hier wurde der Gedankenaustausch über Probleme gepflegt, die die russische Gesellschaft bewegten, man sprach über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, über die Künste, über Literatur. Diese schöpferische Atmosphäre, in die der junge Gontscharow bereits 1835 eingetaucht war – zunächst als Hauslehrer für die beiden ältesten Maikow-Söhne engagiert –, hat zweifellos auch seine eigene Entwicklung als Schriftsteller beeinflusst.

Die Wiederbegegnung mit der noch unverheirateten Schönen wirbelt das Leben Gontscharows, der – ungeachtet seines überaus tätigen Lebens – gern mit seiner Lethargie kokettiert, völlig durcheinander, stellt es auf den Kopf, ja, erweist sich als Glücksfall für die Weltliteratur. Später werden sich zahlreiche Spuren des Erlebten im Roman »Oblomow« niederschlagen. Erst ein halbes Jahr zuvor war er von einer abenteuerlichen Weltumseglung mit der Fregatte Pallas nach Petersburg zurückgekehrt, zu der er sich im Herbst 1852 im Auftrag des Zaren Nikolai I. als persönlicher Sekretär des Admirals Putjatin auf den Weg gemacht hatte. Ziel der zweieinhalb Jahre währenden Reise war das hermetisch abgeschottete Japan, zu dem Russland Handelsbeziehungen anbahnen wollte, bereits damals in Konkurrenz zu den USA. Die strapaziöse Route führte ihn über England, durch den Atlantik, um das Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, die Philippinen, China und schließlich nach Japan. Wir verdanken dieser Reise lebendige, farbige Briefe, die zweibändige Reisebeschreibung »Fregatte Pallas« und einige fesselnde Reiseskizzen von der überaus beschwerlichen, monatelangen Heimreise auf dem Landweg durch das eisige Sibirien. Das Manuskript des geplanten Romans »Oblomow« hat Gontscharow ebenfalls im Gepäck, doch an eine Fortsetzung der Arbeit ist unter diesen ungewöhnlichen Umständen voller Abenteuer, Eindrücke und nicht zuletzt angesichts des täglichen Arbeitspensums an Bord der Fregatte nicht zu denken. Seit Jahren schon stockt das Romanvorhaben, der Alltag im Ministerium, andere Verpflichtungen und auch immer wiederkehrende depressive Verstimmungen hindern ihn am Schreiben.

Und plötzlich findet er, der von sich sagt, »die Schwermut nagt bis zur physischen Zerrüttung an mir«, sich als Verliebter wieder, ihm wachsen Flügel, er sucht die Nähe der Angebeteten und schreibt ihr Brief um Brief.

Ist es aber legitim, als Außenstehender private, intime Briefe eines Fremden zu lesen, gar zu veröffentlichen, auch wenn sie aus einer längst vergangenen Epoche datieren und von einer Person der Zeitgeschichte stammen? Ganz besonders stellt sich diese Frage im Falle Iwan Gontscharows, der 1888, drei Jahre vor seinem Tod, in der Presse einen Aufruf veröffentlichte, in dem er darum bat, sämtliche seiner Briefe entweder zurückzugeben oder zu vernichten und nicht etwaigen »Literaturarchäologen« das Feld zu überlassen. Neben der Bitte um Wahrung seiner Privatsphäre war er der irrigen Annahme, dass seine Briefe »nichts Gescheites, Ernsthaftes, Gewichtiges« zu sagen hätten und auch nicht überschäumten vor »Gedankenblitzen, Scharfsinn und Talent« wie etwa die Briefe Turgenjews oder Puschkins, »kurz, sie enthalten nichts Olympisches«. Eine völlige Fehleinschätzung, denn Gontscharows überlieferte Briefe zählen zu den Perlen des Briefgenres, weshalb wir es heute, mehr als 150 Jahre später, nicht mehr als Indiskretion empfinden, sie zu publizieren. Viele der Empfänger kamen seiner Bitte nach, schickten sie an den Absender zurück oder vernichteten sie, so dass von den tausenden Briefen, die Gontscharow zeit seines Lebens schrieb, bis heute nur etwa 1800 der brillant, klug und geistreich geschriebenen bekenntnishaften Zeugnisse des »privaten« Gontscharow überliefert sind.

Das Konvolut, das wir hier erstmals in deutscher Sprache vorlegen, enthält 32 Briefe und kurze Nachrichten Gontscharows an Jelisaweta Tolstaja (1827–1877) vom August 1855 bis zum Oktober 1856, außerdem eine von Gontscharow als »Kapitel aus einem Roman« deklarierte Liebeserklärung unter dem Titel »Pour et contre«, die er in zwei Sendungen den Briefen beilegte. Adressatin ist die Tochter eines früh verstorbenen Gutsbesitzers, die unverheiratet mit ihrer Mutter in Moskau und auf dem Landgut der Familie in Swenigorod im Gouvernement Moskau lebt. Ergänzend wurden zwei Briefe Gontscharows an Jelisaweta Tolstajas Mutter und ein Schreiben an Alexander Mussin-Puschkin aufgenommen, den vier Jahre jüngeren Cousin und Bräutigam Jelisaweta Tolstajas, einen Kavallerieoffizier, der in Zarskoje Selo bei St. Petersburg Dienst tat und den sie im Januar 1857 heiratete.

Jelisaweta Tolstajas Antworten sind bis auf eine kleine Notiz, die sie auf der Rückseite eines der Briefe von Gontscharow skizzierte, nicht erhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie Gontscharow, wie viele andere Briefe und Papiere, kurz vor seinem Tod vernichtet.

Bei Gontscharows Schreiben handelt es sich zunächst um kurze Nachrichten, in denen es ihm vor allem um Verabredungen oder Besorgungen geht. Aus ihnen wird ersichtlich, wie sich der verliebte Verehrer durch allerlei praktische Dienste nützlich machen möchte. »Ihr Ring und die Handschuhe sind repariert: ich füge sie bei. Wo sind Sie? Haben Sie vielleicht einen Wunsch?« (23. August 1855). Mit der Zeit werden die Briefe länger, die Gefühle brechen sich, nur notdürftig maskiert, Bahn. Nach Jelisaweta Tolstajas Abreise (sie hatte sich einige Wochen in St. Petersburg aufgehalten) werden sie viele Seiten lang und wachsen sich gar zu einem Kapitel aus dem bereits erwähnten fiktiven Roman »Pour et contre« aus.

Als sie ihm zu Beginn ihrer Bekanntschaft durch einen Diener eine kurze Nachricht sendet und offenbar eine Verabredung zwischen neun und zehn Uhr vorschlägt, ist er verwirrt. Er möchte sich keinesfalls verspäten, will alles richtig machen: »Entre 9 et 10 heures du soir, n’est-ce pas?2Ich bin mir nicht sicher. Wenn Sie heute Morgen gemeint haben, dann ist es nicht mehr zu schaffen, jetzt ist es zehn Uhr: was soll ich tun? Zwischen zehn und elf, das ginge noch, aber habe ich Sie richtig verstanden? Mein Gott, wie blöde ich geworden bin, seit Sie hier sind!« (August 1855).

Seine Zuneigung verbirgt er meist hinter scherzhaften Formulierungen, er sucht Vorwände, ihr zu schreiben, und drängt sie immer wieder, ihm doch auch ihrerseits einige Zeilen zukommen zu lassen: »Schließlich würde ich von Ihnen sogar gern etwas über den Schnupfen von Madame Jakubinskaja hören (von Ihrem eigenen Schnupfen gar nicht zu reden) und auch erfahren, ob es Madame Bogdanowa besser geht. Nutzen bringt das zwar keinen, aber es ist mir angenehm, Ihnen ein paar Worte zu schreiben, und noch angenehmer, selbige von Ihnen zu erhalten« (6. September 1855). Die Antworten der Bewunderten sind rar und fallen offenbar nur sehr kurz aus, denn immer wieder beklagt er sich über ihre »Miniaturnachrichten«. Bedrängt von der übergroßen Aufmerksamkeit, die ihr der bekannte Schriftsteller erweist, die erkennen lässt, dass er sich möglicherweise mehr erhofft als nur Freundschaft, beschließt Jelisaweta Tolstaja, Gontscharow ihr Tagebuch zu lesen zu geben. Er soll verstehen, dass ihr Herz seit vielen Jahren einem anderen gehört, ihrem Cousin Alexander Mussin-Puschkin (den sie bald heiraten wird). Gontscharow, als eifersüchtiger Nebenbuhler, spart denn auch nicht mit ironischen Kommentaren: »Er [der Cousin] ist nicht da, sprechen können Sie nicht mit ihm, […] so dass Sie (wie andere in dieser Lage) mit leblosen Dingen zu reden anfangen, zuerst mit dem Schreibtisch, dann mit dem Ofen usw. Tatjana sprach auch mit […] ihrer Kinderfrau. Gut, wenn man eine Kinderfrau hat, wer aber keine hat, kann ja das eine oder andere Wort mit einer Fliege wechseln« (19. September 1855).

Trotz der Ernüchterung nach der Lektüre des Tagebuchs und den überaus spärlichen Antworten auf seine Briefe lässt sich die Schwärmerei nicht zurückdrängen. Im Gegenteil, sie wächst sich mehr und mehr zur Leidenschaft aus.

Zweifellos schmeichelt der jungen Frau die Aufmerksamkeit des bekannten Schriftstellers. Sie gestattet ihm, sie ins Theater zu begleiten, hält ihn aber auf Distanz.

Er kleidet seine Geständnisse zunehmend in scherzhafte Formulierungen: »Sie wissen doch, Unbeholfenheit ist ein Zeichen großer Freundschaft« (11. Oktober 1855), oder er versucht sie zu beruhigen: »Seien Sie unbesorgt, um Gottes willen. Ich habe weder Hintergedanken, noch Fangnetze oder Vogelstellerei im Sinn, wie Sie sich gestern nicht gescheut haben, mir anzudeuten« (17. Oktober 1855).

Am 18. Oktober reist Jelisaweta Tolstaja aus St. Petersburg ab. Nun werden Gontscharows Briefe immer länger und leidenschaftlicher:»Der Brief war lang geworden, wie alle Liebesbriefe: Liebende sind schrecklich redselig«, wird es später im »Oblomow« heißen.

Nur notdürftig kaschiert, gewährt Gontscharow der jungen Frau Einblick in sein »Seelenwirrwarr« und bedauert, dass »Sie diese Aufregungen und dieses Chaos doch weder geteilt haben noch darauf eingegangen sind«. Immer öfter deutet er durch drei Punkte vor dem Wort »Freundschaft« an, dass er »Liebe« sagen will. Je größer die Entfernung zwischen ihnen ist, je seltener er von ihr eine Antwort auf seine ungestümen Briefe erhält, desto mehr idealisiert er sie, sieht in seiner »betörend schönen Freundin […] alle Vorzüge vereint«, bescheinigt ihr ein »reines Herz«, »Erhabenheit des Charakters«, kurz, sie verkörpert für ihn »das Ideal der Frau, und dieses Ideal hat sich meiner so stark bemächtigt – ich bin blind!«

Als er nach ihrer Abreise eine offenbar in aller Eile geschriebene kurze und vermutlich nur aus Pflichtgefühl gesandte Nachricht von ihr erhält, wird seine Leidenschaft aufs Neue entfacht. Am 25. Oktober 1855 heißt es in einem langen Antwortbrief: »Sie konnten natürlich nicht vermuten, dass mein Brief dem Ihren schon entgegeneilte, haben nicht gespürt, dass Ihnen unablässig mein Gedanke hinterherstürmte, dass er, wie eine zudringliche Fliege, neben dem Zug dahinflog, vorwitzig in den Familienwaggon eindrang, Sie aufgeregt inmitten all der Bündel, Säcke, Kinder, alter und junger Fürstinnen ausf indig machte, in Ihrer Nähe für ein, zwei Stunden rastete und dann müde und erschöpft in das von Ihnen so geliebte Petersburg zurückflog.«

Um ihr seine Gefühle anzuvertrauen und zu prüfen, ob und wie sie darauf reagiert, ersinnt er ein Zwiegespräch zwischen zwei Freunden (beide sein Alter Ego), das er als »Roman« ausgibt. Am 25. Oktober 1855 sendet er ihr ein »Kapitel« aus diesem »Pour et contre« überschriebenen Text. Dieser »Roman« begann, wie er ihr schreibt, »in der Seele des Helden« und wird »Gott weiß wann enden […] Es ist eine der schmerzlichen, betrüblichen Seiten des Romans. Auf Ihnen lastet nun die traurige Pflicht, sie zu lesen. Die Freundschaft des Helden ist eine schwere Bürde. Ich schwanke sogar, ob ich diese Beichte des Helden überhaupt abschicken soll, die recht unschön ist, wie eine Wunde, die man einem Freund nur deshalb zu zeigen sich entschließt, weil man hofft, statt Abscheu Mitgefühl zu erregen.«

Er hat diesen Text einzig erdacht, um ihr seine Liebe zu gestehen, und erzählt darin unter der Maske eines »Freundes« von seinen seelischen Qualen, analysiert ihre Einstellung zu ihm und kommt zu dem Schluss, dass sie wohl nur Freundschaft für ihn empfinde, »ein Gefühl wie ungesäuerter Teig, ohne den kleinsten Tropfen Sauerteig, ohne Gärung«. Doch selbst mit dieser rudimentären Freundschaft will er sich zufriedengeben. Dann wieder lässt er den fiktiven »Freund« in einem Dialog sagen: »Ach ja, du hast recht: Diogenes hat am helllichten Tage mit der Laterne ›den Menschen‹ gesucht, ich suchte ›die Frau‹, und als ich sie gefunden hatte, wollte ich die Laterne löschen, jetzt aber« – »Jetzt?« – »Lasse ich es sein, man f indet sie ja doch nicht, es ist mir auch lästig, und es ziemt sich nicht in meinem Alter … Ich will lieber die Ruhe suchen – das soll von nun an mein Ideal sein.« Doch ungeachtet dieser Überlegungen spricht er einige Seiten später erneut von seiner Liebe, fürchtet, sich durch eine Liebeserklärung lächerlich zu machen, man solle lieber »den Arzt kommen« lassen, ironisiert er gleich darauf. Wie oft er das Schicksal segne, dass er ihr begegnet sei: »Ich scheine besser geworden zu sein […] Als sei ich auf dem schmutzigen Pfad des Lebens einem Engel begegnet.« Dieser etwa 20 Seiten lange Liebesbrief endet mit der Aufforderung des »Freundes« an den Liebeskranken: »Schreibe ihr das alles, wie sie dann entscheidet, so soll es sein.« Gontscharow sendet die lange Liebeserklärung ab, doch wieder erhält er keine Antwort. Dennoch schickt er ihr erneut Briefe, erfindet Vorwände, immer wieder streut er auch kleine erzieherische Hinweise ein, denn Jelisaweta Tolstaja schreibt nicht nur ihm nicht, sie lässt auch die Briefe der gemeinsamen Bekannten unbeantwortet: »Schicken Sie ihr in einem freien Augenblick über die Maikows besser selber eine kleine Nachricht […] und danken Sie ihr für die Hilfe bei der Beförderung der Saloppe.« Sogar frivole Anspielungen erlaubt er sich: »Als er las, dass Sie sich auch des Nachts bei den Maikows wohlgefühlt haben, fragte er Jewgenija Petrowna, was sie in der Nacht mit Ihnen angestellt hätten.«

Am 14. November 1855 bittet er sie: »Sagen Sie mir auch den Grund für Ihr Schweigen? Sind Sie so sehr beschäftigt, dass Sie keine Zeit haben, oder denken Sie gar ans Heiraten? Ich hoffe, dass Sie mich dies als Ersten wissen lassen.« Doch er wird nicht aufgeklärt. Selbst als er ihr von einem Traum berichtet, der ganz deutlich seine Verletzlichkeit illustriert, quittiert Jelisaweta Tolstaja dieses Bekenntnis mit Schweigen. Sie sei ihm im Traum begegnet, er sei nackt gewesen und habe seine Blöße nur notdürftig bedecken können: »Schließlich kamen Sie […] Aber ich selbst trug – stellen Sie sich das bloß vor – nicht das geringste Kleidungsstück und bedeckte mich mit irgendeinem Laken …« Doch das alles scheint Jelisaweta Tolstaja nicht zu interessieren, sie schweigt weiter hartnäckig. Vor allem das Bekenntnis seiner Liebe (»Pour et contre«) bleibt ohne jede Reaktion. »Dabei hat er ja nur Ihre Meinung erfahren wollen, Sie aber schweigen«, heißt es bitter in einem weiteren Brief vom 1. Dezember 1855, der mit den Worten beginnt: »Beharrliches Schweigen ist natürlich ein wirksames Mittel, den unnützen Briefwechsel mit unnützen Freunden abzubrechen.«Insgesamt wird Gontscharow in diesen zweiunddreißig Briefen achtundzwanzig Mal das Wort »schweigen« gebrauchen. Er schwankt zwischen Hoffen und Bangen, verbirgt die Liebe, die er empfindet, hinter dem Wort »Freundschaft«, macht ihr Vorwürfe und endet mit den Worten: »Der Brief ist allzu lang geworden: er wird Ihnen keinerlei praktischen Nutzen oder Gewinn bringen, es sei denn, Sie ziehen den einzig richtigen, logischen Schluss, dass ein langer Brief, den ich trotz meiner knapp bemessenen Zeit geschrieben habe, ein … langer Brief ist« (31. Dezember 1855). Obwohl er wieder keine Antwort bekommt, folgen weitere Briefe, in denen er sein »Selbstgespräch« fortsetzt, bisweilen hat es den Anschein, dass es sich auch um eine Selbstvergewisserung handelt, wie das gelegentlich der Fall ist, wenn ein Gegenüber, ja ein Spiegel gebraucht wird, um sich der eigenen Gefühlswelt bewusst zu werden. War er verliebt ins Verliebtsein? Jahre später (1872) wird Gontscharow in seinem Aufsatz »Absichten, Aufgaben und Ideen des Romans ›Die Schlucht‹« über seinen Helden Raiski schreiben: »Raiski liebt […] sie nur in Gedanken, mit Hilfe seiner Einbildungskraft. Wegen ihrer äußerlichen Schönheit glaubte er, ohne jeden Anhaltspunkt, in ihr auch innere Schönheit zu erkennen, die er sich einbildete, er sieht halsstarrig nur das, was er sehen will, ohne in Betracht zu ziehen, dass sie anders sein könnte.« Eine späte Erkenntnis?

Da er eine neue, finanziell einträglichere Stelle in Aussicht hat, versucht er ihr anzudeuten, dass er eine solide Partie sei: »Bei der Stelle handelt es sich um die eines Oberzensors, das heißt der russischen Zensur, mit dreitausend Rubeln Gehalt und 10 000 Scherereien« (23. Dezember 1855).

Doch es ist alles vergeblich, sämtliche Briefe laufen ins Leere. Nachdem schließlich noch einmal eine kurze Nachricht eingetroffen ist, nimmt er wieder zur für ihn so charakteristischen Selbstironie Zuflucht: »Noch mehr danke ich Ihnen für den homöopathischen Brief. Sie veranlassen mich, auch an die Homöopathie zu glauben: eine derart kleine Dosis, aber wie wunderbar sie wirkt!« (20. Februar 1856).

Hier brechen die Briefe ab.

Ein halbes Jahr später setzt sich Gontscharow auf Bitten von Jelisaweta Tolstajas Mutter dafür ein, für ihre Tochter und deren Cousin eine Heiratserlaubnis beim Heiligen Synod – der obersten Kirchenbehörde – zu erwirken (da sie Verwandte zweiten Grades sind, ist eine Hochzeit nicht ohne weiteres möglich). Diese beiden Briefe finden sich ebenfalls im Konvolut wie auch ein letztes Schreiben an Jelisaweta Tolstaja vom 29. Oktober 1856, in dem er ihr – nun bereits in förmlichem Ton – eine Bitte erfüllt.

Schließlich ist noch ein kurzer Brief (vom 30. Oktober 1856) an Alexander Mussin-Puschkin überliefert, den früher so bespöttelten »Freund aus Kindertagen«, der jetzt zum Bräutigam avanciert ist. In diesem Brief bittet Gontscharow darum, eine Fotografie der jungen Frau behalten zu dürfen, und sendet Jelisaweta Tolstaja, nun korrekt die Form wahrend, auf dem Umweg über Mussin-Puschkin ein bereits im Februar avisiertes Foto, auf dem außer ihm selbst Lew Tolstoi, Iwan Turgenjew und andere Autoren abgebildet sind. »Möge Jelisaweta Wassiljewna auch mich in Gesellschaft meiner fünf Kollegen in Erinnerung behalten, als einen der eifrigsten Bewunderer ihrer Schönheit, ihres Verstands und anderer Vorzüge.«

Nachdem Jelisaweta Tolstaja im Januar 1857 geheiratet hat, verflüchtigt sich Gontscharows Traum vom »beschaulichen Leben« endgültig. Nie mehr wird er ans Heiraten denken – zumindest ist darüber nichts überliefert – und sein Leben als Junggeselle beschließen. Hatte aber sein Alter Ego in »Pour et contre« nicht prophezeit: »Tout va pour le mieux«3? Und tatsächlich: Im Sommer 1857 ereignet sich während eines viermonatigen Auslandsaufenthalts das »Marienbader Wunder« – Gontscharow lebt auf, Inspiration und Kräfte kehren zurück, innerhalb von vier Wochen schreibt er »fast bis zum Umfallen« den ersten Teil des »Oblomow« zu Ende, zehn Jahre, nachdem er die ersten Kapitel entworfen hat, entwickelt den zweiten und weite Teile des dritten Teils.

Jahre später wird er den Juristen Anatoli Koni (1844 bis 1927), einen der wenigen engen Freunde seiner letzten Jahre, in einer Herzensangelegenheit trösten. Im Juli 1888 schreibt er ihm: »Ich habe Ihnen damals ja gesagt, dass diese dunkle Wolke vergehen wird und die Strahlen des Lebens von neuem zu leuchten beginnen. ›Fürchte dich nicht, glaube nur!‹«

Vera Bischitzky

Die Briefe
»Herrlichste, beste, erste aller Frauen«

22. August 1855

Belieben Sie, zu den Maikows zu kommen, und gestatten Sie mir in diesem Falle, Sie zu begleiten? Sollten Sie aber zu Hause bleiben wollen, gestatten Sie mir dann, meine chinesischen Alben vorbeizubringen, oder ist es Ihnen recht, dass ich sie schicke? Wenn Ihnen allerdings nichts dergleichen recht ist, belieben Sie mir zu erlauben, mich einfach schlafen zu legen? Im äußersten Falle bin ich auch dazu bereit.

Ihre Befehle erwartet

der Ihnen – bis zum Grab einschließlich – ergebene

I. Gontscharow

23. August 1855

Ihr Ring und die Handschuhe sind repariert: ich füge sie bei. Wo sind Sie? Haben Sie vielleicht einen Wunsch?

Ihr eifriger Verehrer Gontscharow

Ich schicke außerdem zwei Almanache zur Lektüre und hoffe, dass Madame Jakubinskaja mit ihrer Hilfe heute Nacht gut einschlafen kann, Madame Bogdanowa wünsche ich gute Besserung.

Sind Sie eigentlich noch hier?

Abb. S. 22

Jelisaweta Tolstaja

26. August 1855

Obwohl Sie drohen, nur für zwei Wochen zu verreisen, möchte ich Ihnen dennoch eine gute Reise wünschen. Ich wäre sogar imstande, zu Ihnen zu kommen, um Sie zum Bahnhof zu begleiten, wie das gewöhnlich all jene tun, die zeigen wollen, dass es ihnen sehr leidtut, sich von den Abreisenden zu trennen, wenn es mir denn erstens tatsächlich leidtäte, mich von Ihnen für eine so kurze Zeit zu trennen, wenn ich Ihnen das zweitens aus irgendeinem Grunde zeigen müsste und drittens, wenn ich mit Gewissheit wüsste, an welchem Tag Sie fahren.

Ich wollte Sie vor der Abreise jedenfalls noch einmal sehen und bin deshalb am Mittwoch nach dem Mittagessen bei Jewgenija Petrowna vorbeigefahren, bei der Sie zu Mittag zu essen versprochen hatten, aber Sie waren nicht da. Was soll ich denn jetzt tun? Bleibt mir nur, diese Nachricht zu senden, in der Hoffnung, Sie nehmen sie als Beweis dafür, dass Ihre Abwesenheit, auch wenn sie nur von kurzer Dauer ist, Ihren Freunden keinerlei Freude bereitet, unter anderem auch

Gontscharow

Sollten Sie aber nicht heute, sondern erst morgen fahren, werden Sie dann vielleicht heute Abend bei Jewgenija Petrowna sein? Und stimmt es, dass Sie nur für zwei Wochen verreisen?

29. August 1855, 11 Uhr vormittags

Jewgenija Petrowna und Nikolai Apollonowitsch haben mir aufgetragen, Ihnen mitzuteilen, dass sich beide, sollte es morgen, am Alexander-Tag, nicht regnen, die Prozessionszeremonie der Zarenfamilie zum Newski-Kloster aus den Fenstern des Koshewnikowschen Hauses anschauen werden, in dem ich ihnen Plätze habe reservieren lassen. Sie vermuten, dass Sie wie versprochen heute aus Zarskoje Selo zurückkehren, und wollen deshalb morgen früh um neun Uhr

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