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Herr Tourette und ich

Über den Autor

Pelle Sandstrak hat unter anderem als Bestatter, Radiomoderator und Standup-Comedian gearbeitet. Heute reist er mit seinem Comedy-Programm »Mr. Tourette och jag« (Mr. Tourette und ich) um die Welt, hält Vorträge, schreibt Theaterstücke und Kurzprosa (»Nu är nog det värsta över« - Jetzt ist das Schlimmste wohl vorbei). »Herr Tourette und ich« wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Pelle Sandstrak lebt in seinem geliebten Skåne, in der Stadt Stockholm und im Nordnorwegen seines Herzens.

Pelle Sandstrak

Herr Tourette
und ich

Bericht eines glücklichen Menschen

Aus dem Schwedischen von
Susanne Dahmann

BASTEI ENTERTAINMENT

Meiner ganzen großen und kleinen Familie

Teil 1

Daten 1965

In Vietnam werden amerikanische Armeeverbände eingesetzt.
Malcolm X wird ermordet.

Alexei Leonow unternimmt als erster Mensch einen Spaziergang durchs All.

Boeing beschließt, die 747 in Serie zu produzieren.

Chrysler beschließt, die Dart-Serie fortzusetzen.

Wayne Gretzky wird vier Jahre alt.

Ich werde geboren.

Das Dorf

Das Dorf liegt in einem Tal. Glaubt man der Lokalzeitung, dann fließt der beste Lachsfluss von ganz Europa mittendurch und teilt es in zwei gleiche Teile. Das Dorf hat im Winter dreitausend Einwohner, im Sommer kommen dreizehntausend Touristen, von denen zehntausend auf Lachse gehen. Neben einer Reihe von Lehrern, einem Arzt, ein paar Veterinären und dem Bezirkszahnarzt wird die Gegend hauptsächlich von Bauern bevölkert.

Das Dorf ist der letzte Außenposten auf der Pilotenkarte, dahinter verlässt das Flugzeug Skandinavien und nimmt nach links gen Island, Grönland, Kanada oder die USA Kurs. Dann lässt man sowohl das Dorf wie auch die Halbinsel und Skandinavien hinter sich. Man sieht nur noch Nebel und so weit das Auge reicht graues, verregnetes atlantisches Meer. Doch weit kann das Auge gar nicht reichen, denn an dreihundert Tagen im Jahr regnet es. Wenn allerdings im Sommer zufällig die Sonne scheint, dann herrschen gern mal dreißig Grad, und das Tal verwandelt sich in den größten Umluftherd der Welt.

Außer im Garten zu kratzen, angeln zu gehen oder Kinder zu machen, kann man dem großen Vergnügen nachgehen, einmal im Jahr die Wanderung der Lachse den Fluss hinauf zu beobachten. Wir nehmen Thermoskanne, Waffeln und Campingstühle mit, und dann stellen wir uns mitten auf die Brücke und halten Ausschau nach den ersten wandernden Lachsen des Jahres. Drei Stunden später haben wir das dann hoffentlich für dieses Jahr wieder hinter uns. Während des Lachsfestivals treffen oder trennen sich Menschen, ehe sie wieder in die Gärten ziehen, und später in die Schlafzimmer.

So werden Menschen geboren und sterben, und die meisten im Dorf sind warmherzige und nette Menschen, die für einander nur das Beste wollen. Das Beste ist für die meisten der große zeitlose Tratsch, der jeden Tag aufs Neue geboren wird und nur selten abstirbt.

Unsere Schule besteht aus vier Gebäuden – zwei roten und einem grauen, plus einem Schwimmbad.

Von der Grundschule bis zur Mittelstufe waren wir achtzehn in der Klasse. In der Neunten verschwanden drei von uns: Der Südsame übernahm die Rentierherde, Entwicklungsland-Erik wanderte nach Kenia aus, und der Dritte ging zur See oder ertrank freiwillig.

This is your captain speaking

(1976) Ich sitze an Gate 7, direkt an der Tür. Der Mathelehrer trägt wieder dieses graubraune Samtjackett, das wie Menschenhaut aussieht. Er ähnelt einem Känguru mit Robin-Hood-Frisur oder Robin Hood in Kängurugestalt. Ich denke daran, dass ich den Mathelehrer noch nie in etwas anderem als in dieser verdammten Menschenhaut gesehen habe. Ich denke Gedanken, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.

Rasch blättere ich durch die Mathearbeit. Lief diesmal wieder nicht so supergut. In der letzten Zeit habe ich einfach nicht so den richtigen Flow.

»Ging doch ganz gut«, sagt das Känguru, ohne mich anzusehen.

Jeden Donnerstag geht das Känguru mit Papa auf Lachse. Das Känguru mag mich nicht, aber es mag meinen Vater, den mögen alle. Also tut das Känguru Papa zuliebe so, als würde es auch mich mögen.

This is your Captain speaking.

Nach der Mittagspause haben wir frei. Die Norwegischlehrerin erwartet ihr drittes Kind, und sie haben noch keine Vertretung gefunden. Wir kriegen frei, wenn wir versprechen, dass wir stattdessen zu Hause lernen. Alle versprechen, stattdessen zu Hause zu lernen. Wir sollen eine fünf Zeilen lange, kleine Geschichte über etwas schreiben, das wir mögen. Als aber die Norwegischlehrerin, die also ihr drittes Kind bekommen wird und die mit dem Känguru verheiratet ist, sagt, dass wir fünf Zeilen über etwas schreiben sollen, was wir wirklich mögen, da denke ich, eigentlich weiß ich nicht, was ich wirklich mag.

Und ich sage es so, wie es ist:

»Ich weiß, was ich mag, aber ich weiß nicht, was ich wirklich mag.«

»Denk dir was aus«, antwortet sie darauf.

Boeing 747 ready for take-off, denke ich, ohne es eigentlich wirklich zu denken. Ich denke wieder ready for take-off und dann seltsame Gedanken, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Ungefähr eine Stunde später finde ich mitten auf der Straße ein Stück Eis. Es sieht aus wie ein durchsichtiger Eishockeypuck. Ich fange vorsichtig an, ihn zu treten. Er gleitet, gleitet fein, sanft, gut, sehr schön. Börje Salming allein auf dem Eis. Der Puck, das Eis, Börje Salming und ich. Ich versuche, den ganzen Weg von der Schule nach Hause den Puck vor mir zu halten, bis zum Gartentor. Es läuft gut, flutscht nur so, er gleitet sehr fein, ganz easy. Ein paarmal verliere ich das Eisstück fast, fange es aber höchst elegant wieder ein, indem ich das linke Bein eine 45-Grad-Reflexzuckung vollführen lasse. Ich schaffe es gerade noch, das Eisstück zu mir zu ziehen, ehe der Holzlaster etwa einen halben Meter neben meiner Hüfte vorbeidonnert. Der Lastwagenfahrer macht sich nicht mal mehr die Mühe zu hupen, schließlich ist Dienstag, er fängt an, sich daran zu gewöhnen. Am Freitag habe ich das Eisstück schon unten am Laden verloren. Aber diesmal kann ich das Tor sehen, hundert Meter entfernt: das Gartentor. Es läuft gut, flutscht nur so, der Puck gleitet sehr fein, elegant, persönlicher Rekord. Gleich, nur noch fünfzig Meter, fünfundvierzig, fünfunddreißig, zwanzig, fünfzehn … im Hintergrund taucht ein Geräusch auf … noch zehn Meter zum Tor, acht … das Geräusch wird lauter … noch fünf Meter … der Körper spannt sich an, der Nacken wird steif, Rücken gerade, starrer Blick, den Kopf langsam nach oben drehen, in östlicher Richtung. Das Geräusch nähert sich hinter der Wolke – vier Jetturbinen auf dem Weg zum Dorf, über das Dorf hinweg und weiter nach Westen über den Atlantik.

This is your Captain speaking.

Ich bleibe am Gartentor stehen, sehe zu den Wolken hinauf, spanne den Körper an, konzentriere mich. Vielleicht essen die Passagiere jetzt gerade Hähnchen, zum Nachtisch Zwetschgenkuchen, vielleicht können sie zwischen Kaffee und Tee wählen. Der Kapitän und der Copilot trinken Kaffee, essen eine Vanilleschnecke, warten aber mit dem Hähnchen, bis sie sicher sein können, dass der Autopilot seinen Job korrekt erfüllt. Sie korrigieren das Navigationsradar, betrachten die Instrumente, halten nach dem Land Ausschau, sehen hinunter, sehen hinunter auf das Dorf, sehen das Dorf, sehen mich, sehen, dass ich da direkt vor dem Gartentor in Habachtstellung stehe und zu ihrer Boeing 747 hinaufschaue und Gedanken denke, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.

Ich habe die Stiefel ausgezogen und jeden Stiefel zu einem Flugzeug geformt, bei dem die Schuhspitze das Cockpit ist, der Schuh selbst die Kabine und die Schnürsenkel die Tragflächen. Die Schnürsenkel strecke ich vom Schuh weg, gerade zur Seite hinaus, so wie Tragflächen sitzen müssen, denn sonst stürzt das Flugzeug ab. Ich stelle mich zwischen die Stiefel, strecke die Arme aus, sehe zur Boeing hinauf und schaue dem Flugzeug nach, bis es hinter den Wolken da draußen über dem Meer verschwindet.

Dann ziehe ich die Stiefel an und gehe durch das Gartentor zum Haus, in dem wir wohnen. Hab keine Lust, die Schnürsenkel zu binden, die dürfen hinter den Stiefeln herschleifen, auch egal. Außerdem tut mir der Kopf ein wenig weh, der Nacken ist auch steif. Im Flur begegnet mir meine kleine Schwester, die fragt neugierig, aufrichtig neugierig: »Warum hast du da vor dem Gartenzaun so gemacht?«

»This is your Captain speaking«, antworte ich und gehe runter in mein Zimmer.

Ich lege mich aufs Bett, ziehe die Strümpfe aus, versuche, die Zehen zu verdrehen, probiere aus, wie weit ich sie voneinander abspreizen kann, ehe es zu sehr weh tut. Denn wenn der Fuß selbst die Kabine ist, der Knöchel das Cockpit, die Zehen die Tragflächen …

Die Frage meiner kleinen Schwester taucht wieder in mir auf: »Warum hast du da vor dem Gartentor so gemacht?«

Keine Ahnung. Aber ich weiß, was passiert, wenn ich da vor dem Gartentor nicht so mache:

Mein Hirn wird aus dem Kopf springen, sich wie ein Torpedo auf das Flugzeug zubewegen, das Flugzeug treffen, das Flugzeug massakrieren, das Flugzeug stürzt schnurgerade ab, auf das Dorf, in zehntausend Teilen, in tausend Menschenteilen, alle werden sterben. Und das alles ist die Schuld meines Gehirns.

Das Schlimmste ist, dass es auch in der Lokalzeitung stehen wird. Mama und Papa frühstücken gemütlich, und mitten in der Gemütlichkeit schlagen sie die Zeitung auf, in der steht, dass das Gehirn ihres Sohnes eine Boeing 747, die gerade zufällig über das Dorf flog, hat abstürzen lassen. Schämen werden sie sich, ich werde mich auch schämen, und in der Schule werden Lehrer und Schüler rufen, dass es mein Gehirn war, das das Flugzeug abstürzen ließ und so Hunderte von Menschen umgebracht hat. Ja, sammel doch die Leichenteile selbst ein, du verdammter Idiot. Aber ich will nicht auf dem Weg von der Schule nach Hause Leichenteile einsammeln, ich will stattdessen Eispuckhockey spielen.

Ich mag die Stiefel, die Art und Weise, in der sie die bösen Gedanken verdrängen. Gelobe mir selbst, Börje Salming, Boeing 747 und Radio Luxemburg, die Stiefel mit größtem Respekt und höchster Wertschätzung zu behandeln. Sowie ein Flugzeug über das Dorf fliegt und ich mich in der Nähe des Gartentors befinde, muss ich die Stiefel ausziehen und sie zu einem Flugzeug umformen – die Schnürsenkel sind die Tragflächen, die Schuhspitze ist das Cockpit, der Schuh selbst ist die Kabine. Dann muss ich nach oben schauen, zum Flugzeug hin, ganz still stehen, zuhören, das Flugzeug vorbei lassen – dann wird es keine Katastrophe geben. Schön. Fühlt sich gut an. Gut. Mein Hirn ist an seinem Platz im Kopf. Schlage mit der Hand an den Kopf, um sicher zu sein, dass es da drin ist. Wie ein Tätscheln der Schulter, nur am Kopf. Es tut ein klein wenig weh, aber das muss ich aushalten, lieber etwas Kopfweh als eine größere Flugzeugkatastrophe. Schlage ein letztes Mal mit der Hand an den Kopf, um auf der ganz sicheren Seite zu sein. Gut. Schön. Das Gehirn ist an seinem Platz, die Flugzeuge sind sicher, Mama und Papa werden ihr Frühstück genießen können, und ich muss nach der Schule keine Leichenteile einsammeln.

This is your Captain speaking.

Das Notritual

Ich habe die Gedankentätigkeit einigermaßen unter Kontrolle. Das Flugzeugritual führe ich nur dann aus, wenn es wirklich sein muss, wenn die Gedanken zu stark werden – wenn ich in der Schule einen langweiligen Tag hatte, den Eispuck zu früh verliere, schlecht geschlafen habe. Manchmal führe ich das Ritual in einer Woche einmal durch, in der nächsten dreimal, und dann wieder gar nicht. Das wechselt.

Ich steuere das Ritual insofern, als ich es nur ausführe, wenn niemand zu Hause ist, oder abends, wenn mich niemand sieht. Inzwischen muss ich sogar auf die Nachbarin Rücksicht nehmen, die Mama angerufen und gefragt hat, ob ich jetzt schon nachmittags mit dem Dehnen anfangen würde. Die Nachbarin macht mir Stress, was wiederum das Bedürfnis nach Ritualen erhöht, und das verursacht mir neue Bauchschmerzen. Als meine Mutter erzählt, dass die Nachbarin angerufen hat, rettet mich meine kleine Schwester, indem sie lächelnd sagt: »This is your Captain speaking.« Dann gehe ich runter in mein Zimmer, lege mich aufs Bett und bewege die Zehen vor und zurück, bis es richtig weh tut.

Ich kann nicht erklären, was passiert. Es passiert einfach. Ich schaffe es nicht, nachzudenken oder das Ritual selbst zu analysieren, entscheidend ist nur, wie ich es ausführe.

An manchen Tagen kommen überhaupt keine Flugzeuge. Wahrscheinlich sind sie da, aber ich höre und sehe sie nicht. Wenn starker Wind ist und es regnet, dann ist es fast unmöglich, die Flugzeuge zu erspähen. Aber ich habe auch bemerkt, dass sie manchmal auftauchen können, wenn ich es am allerwenigsten erwarte. Dann schaffe ich es oft nicht, die Stiefel auszuziehen, und das fühlt sich schlecht an, ganz schlecht, verdammt katastrophal, die Magenschmerzen kehren zurück. Also erfinde ich, ohne es zu planen, eine Notversion des Flugzeugrituals:

Auf dem Weg zur Schule. Flugzeuggeräusche. Ich bleibe stehen, strecke die Arme aus, schaue zu den Wolken hoch, gebe eine Boeing 747 – brrrrr. Dieses Ritual führe ich so schnell und so effektiv durch, dass niemand es bemerkt. In ein paar Sekunden ist alles vorbei.

Dann gehe ich weiter in die Schule.

Das Notritual benötigt weniger Raum, ist nicht so aufwändig, und außerdem muss ich dafür die Schuhe nicht ausziehen. In den ersten Monaten führe ich das Notritual auch nicht so oft durch, und wenn die anderen fragen, was ich da mache, und das geschieht selten, dann tue ich so, als würde ich einen Witz machen: »Siehst du denn nicht, dass hier grade Ingemar Stenmark über die Ziellinie rast?«

Diesen Witz kaufen sie ganz easy, so oft wie möglich und zu jeder Zeit.

Ich sorge immer dafür, als Letzter ins Klassenzimmer zu gehen, denn da ist dieses Gefühl, dass es ganz gut wäre zu warten, falls im letzten Moment, ehe der Unterricht beginnt, noch ein Flugzeug über das Dorf fliegt. Dann schaffe ich es noch, das Notritual durchzuführen, ehe ich ins Klassenzimmer gehe – stehenbleiben, Arme ausstrecken, zu den Wolken hochschauen, brrrr – auf diese Weise muss ich mir keine Sorgen mehr machen, wenn der Unterricht beginnt.

Nach ein paar Monaten kenne ich alle Flugbewegungen über dem Dorf auswendig.

Der erste Harpunier

Ein piepsendes Geräusch, wie der Alarm einer Behindertentoilette.

Der erste Harpunier stellt die Kaffeetasse ab, geht an Deck, packt die Strickleiter, ganz locker. Der erste Harpunier steigt konzentriert und entspannt die Leiter hinauf, Zentimeter für Zentimeter, Meter um Meter. Fünfzehn Meter später klettert er in den Ausguck. Er richtet die Harpune auf das graue Meer, dann auf den graublauen Wal, der in einer Art Ruhezustand auf dem Rücken liegt. Der erste Harpunier weiß ganz genau, an welcher Stelle der Pfeil in den gediegenen Walkörper eindringen muss. Der erste Harpunier weiß, dass es darauf ankommt, mitten in die linke Herzkammer zu treffen, ohne das Fleisch, den Speck oder den Tran zu beschädigen. Eine falsch gezielte Harpune kann dazu führen, dass der Walkörper zu nichts zu gebrauchen ist, ein Wal, auf dem nicht mal mehr die Katzen herumkauen wollen. Der erste Harpunier kennt die Fallen, und er vermeidet sie. Er spürt die Erwartungen und entscheidet sich, die Erwartungen nicht zu spüren. Stattdessen fühlt er den Kaffee, der immer noch in seinem Mund ist. Das Kaffeekörnchen, auf dem er kaut, erinnert an Kautabak, nur besser. Der erste Harpunier hat ruhige Hände, gelassene Finger. Poff. Direkt ins Herz. Poff. Poff. Zwei Schüsse später treibt der Wal an der Oberfläche, in seinem eigenen Blut, in seinem eigenen Atlantik badend, in seinem eigenen Swimmingpool. Alle jubeln, nur der erste Harpunier nicht. Der hat bereits begonnen, die Harpune auf das nächste Walopfer auszurichten. Der erste Harpunier legt eine neue Spitze in die Harpune ein, füllt sie mit der richtigen Menge Dynamit und Betäubungsmittel, hält die Harpune in die Luft, justiert das Zielfernrohr, yes Sir. Zwanzig Sekunden später steht er entspannt an Backbord und kratzt sich mehrmals im Nacken. Die Besatzung schlägt ihm anerkennend auf den Rücken, Hurrarufe, eilige Witze, schlechte Witze. Jetzt erwidert der erste Harpunier das Lächeln, doch sein Mund bleibt geschlossen. Dann trinkt er weiter aus seiner Tasse, in der der Kaffee noch nicht kalt werden konnte. Er lehnt sich zurück, wartet auf den nächsten Wal. Bald. Jederzeit. Jederzeit kann das Piepsen ertönen, als wäre er mit einer Kaffeetasse in der Hand auf einer Behindertentoilette eingeschlossen.

Man erzählt sich, dass die Harpune von Simen einmal direkt durch das Herz des Blauwals drang, durch Leber und Speck, auf der anderen Seite des Körper herauskam und den Kopf eines Heilbutts mit hundertfünfzig Kilo Übergewicht aufspießte, der sich unglücklicherweise gerade unter dem Bauch des Blauwals versteckt hielt. Es heißt, Simen sei der Einzige, der jemals ein Doppel erlegte – zwei Tiefseeriesen mit einem Schuss.

Abgesehen von dem Erlebnis, mitten im Winter den halben Atlantik ins Gesicht geschmissen zu kriegen und das Gefühl zu haben, dass man etwas Wirkliches tut, abgesehen von dem Kick des Schießens selbst und der Möglichkeit, ein Doppel zu erlegen, hängt mein Wunsch, erster Harpunier werden zu dürfen, sehr stark mit dem Gerücht zusammen, das besagt, alle Walfänger hätten viel Geld, große Autos und ein Schwimmbad im Garten. Dabei ist es völlig unerheblich, dass es an dreihundertsechzig Tagen im Jahr zu kalt zum Baden ist, nein, schon der Gedanke an ein Schwimmbecken im Garten ist das Zeichen für ewigen Erfolg. Simen sagt nicht einmal Schwimmbecken, er sagt Swimmingpool. Californian Swimmingpool. Es heißt, die Swimmingpools würden einmal im Jahr mit dem Schiff von Baltimore gebracht, und man müsse mindestens zwei Jahre im Voraus bestellen. So einen Swimmingpool will ich auch haben. Da kann ich auf dem Rücken im Pool liegen, zu den Flugzeugen hinaufschauen und einfach untertauchen, wenn die anstrengenden Gedanken aufkommen. Aber dann muss ich erst werden, was Simen ist – erster Harpunier. Oder Sportkommentator. Zwischen diesen beiden Berufen muss ich mich entscheiden. Und dann ist da noch das mit den Piloten. Klar, auch interessant. Aber Piloten haben, was der erste Harpunier nicht hat: frisch gebügelte Hosen, geputzte Schuhe, Uniformen, Dauerlächeln. Kurz gesagt: Sie sind mädchenhaft. Walfänger sind unrasiert, gehen in Ölzeug und sehen aus wie Gene Hackman. Genau. Ich will erster Harpunier werden.

»Erster Harpunier?«, höre ich Papas Stimme hinter der Lokalzeitung.

»Wie kann ich erster Harpunier werden?«

Papa lässt die Zeitung auf den Bauch sinken. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, sondern nur zwei blitzende Lichtreflexe von der Lesebrille.

» Du musst als Nummer vier anfangen«, sagt er ernst.

»Vier?«

»Vierter Harpunier.«

»Warum?«

»So lauten die Regeln.«

»Was macht der vierte Harpunier?«

»Putzen. Erst die Klos, dann die Küche und die Tiefkühlanlagen. Das dauert fünf Jahre.«

»Fünf Jahre?«

»Mindestens.«

»Und wann wird der vierte Harpunier dann erster Harpunier?«

»Ein paar Jahre später.«

»Ein paar Jahre?«

»Wenn du Glück hast, wirst du nach fünf Jahren zweiter Schütze. Dann darfst du das Zielfernrohr einstellen, laden und die Ausrüstung versorgen.«

»Wann lernt man das?«

»Wenn man vierter Harpunier ist.«

»Aber da putze ich doch.«

»Das auch.«

»Das auch?«

»Zu Anfang wirst du dreifache Schicht arbeiten.«

»Wie lange dauert der Anfang?«

»Fünf Jahre.«

»Fünf Jahre und noch fünf dazu, das macht ja zehn Jahre.«

»Mindestens.«

Papa blättert weiter in der Lokalzeitung. Ich frage:

»Und wann werde ich nun erster Harpunier?«

»Wenn du gelernt hast, hinter dir aufzuräumen.«

»Und wann lernt man das?«

»Wenn man es am wenigsten erwartet. Jetzt.«

»Jetzt?«

»Fang damit an, dein Zimmer aufzuräumen. Komm in einer Stunde wieder, dann werde ich dir erzählen, wie man auch etwas schneller erster Harpunier werden kann.«

Papa blättert weiter in der Lokalzeitung. Ich schiebe mich ein wenig näher an die Zeitung heran. Betrachte die erste Seite. Gut. Schön. Kein Flugzeug abgestürzt, keine Leichenteile einzusammeln. Mein Gehirn ist an seinem Platz, ist zu Hause, ist bei mir, funktioniert ausgezeichnet.

Aber ich leide nicht darunter
(Gute Nacht)

Vorigen Sommer fuhr ich auf einer Tempo-60-Straße eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern. Das war im Grunde nichts Besonderes, ist eine Alterserscheinung, lieber zu schnell als zu lahm. In diesem Sommer sause ich hingegen mit an die 150 Stundenkilometer über dieselbe Tempo-60-Straße. Plötzlich bin ich zu schnell geworden, zu unkontrollierbar, zu viel – vor allem zu viel. Ich schaffe es nicht zu bremsen, kann mich aber trotzdem auf der Straße halten. Wie sich herausstellen wird, werde ich nie wieder einen gewöhnlichen, friedlichen 90-Stundenkilometer-Sommer erleben dürfen. Von jetzt an sause ich in meinem eigenen Tempo herum – die Energie ist mein Benzin, der Weg der Antrieb. Von jetzt an gibt es kein Halten mehr, alles wird vergehen, nichts wird mehr so sein, wie es war. Ganz egal, wie es auch war.

Meine Laune wechselt immer häufiger, meine Zündschnur ist kürzer, ich rede lauter, sage Dinge, die ich vor einem Jahr nicht gesagt habe, fluche häufiger, spucke aus, ohne ausspucken zu wollen. Und ich weiß nicht warum. Es geschieht etwas Neues, etwas anderes, aber ich leide nicht darunter, das tue ich wirklich nicht, noch nicht. Inzwischen führe ich nahezu überall das Notritual durch – auf dem Weg zum Laden, zum Training, zur Bushaltestelle, zur Brücke, zum Fluss.

Ich versuche, früh schlafen zu gehen. Ich setze mich auf die Bettkante, biege die Zehen mehrmals vor und zurück, bis es sehr weh tut. Schön.

Ich habe immer größere Probleme einzuschlafen. Habe noch nie verstanden, was gut daran sein soll, Schafe zu zählen. Lieber die Anzahl Knöpfe im Cockpit einer Boeing zählen. Natürlich bin ich noch nie im Cockpit einer 747 gewesen, also denke ich mir aus, wie es da wohl aussehen könnte. Das Beste am Ausdenken ist, dass niemand widersprechen kann, keiner weiß, was richtig und was falsch ist, es gibt keine Phantasiefakten, Idioten können genauso phantasieren wie Genies.

Also, wie sieht es denn aus, das Cockpit? Wenn ich mit der Dachverkleidung anfange, also die sitzt … da ist etwas auf meinem Rücken. Das muss eine Köcherfliege sein, eine Köcherfliege, die etwas unterhalb vom Kreuzbein sitzt oder herumspaziert oder herumkriecht. Sie bleibt stehen, vielleicht um zu scheißen, meinen Rücken einzuscheißen. Köcherfliegensauverdammt. Drehe mich im Bett herum, reibe den Rücken an der Wand, donnere den Rücken an die Wand, da, gut – Fliege tot. Ich gehe ins Badezimmer und nehme den Spiegel von der Wand, betrachte meinen Rücken. Keine Fliege. Keine Spuren, keine kleinen, runden Köcherfliegenscheißflecken auf dem Rücken. Gut. Ich kehre ins Bett zurück, lege mich auf den Rücken, schließe die Augen, denke ans Cockpit einer Boeing 747. Gute Nacht. Da ist sie wieder. Jetzt auf dem Bauch. Ich schlage mit der Hand auf den Bauch … nein … jetzt ist sie wieder unter mich gekrabbelt und fängt an, sich in meinen Rücken zu verbeißen. Ich donnere den Rücken an die Wand, haue mit der Hand auf den Rücken – so. Jetzt ist sie tot. Muss tot sein. Jetzt muss die Köcherfliegensauverdammt tot sein. Vielleicht ist sie in tausend Stücke geschlagen, tausend Fliegenleichenteile auf meinem Körper. Vielleicht sind die Fliegenleichenteile in meinen Rücken eingesogen worden, vergiften meinen Körper, und ich werde sterben, und ich werde auf dem Rücken im Sarg liegen, und Begräbnisbesucher mit offenen Mündern werden in Ohnmacht fallen, wenn sie sehen, dass meine Augen aussehen wie die einer Schmeißfliege, einer Köcherschmeißfliegensauverdammt. Rein ins Badezimmer, runter mit dem Spiegel, den Rücken betrachten. Aber keine Spuren. Keine Fliege. Gut. Ich gehe ins Bett zurück, lege mich auf die Seite, den Kopf an die Wand, die Beine an den Bauch gezogen. Denke an die Fliege, ans Flugzeug, ans Cockpit. Denke, dass eine Fliege aussieht wie eine Boeing 737 von hinten. Wenn man die Beine der Fliege gegen ein paar Räder austauscht, dann wird es schwer zu sagen, was was ist, fast unmöglich, wenn man ein Idiot ist, aber trotzdem gut phantasieren kann. Eine Boeing 747 hingegen, die ähnelt eher einem Wal. Einem Blauwal. Oder einem Finnwal. Nein, natürlich einem Blauwal. Und mein Gehirn ist die Harpune, die sich ihren Weg zum Flugzeug sucht, es direkt in den Benzintank trifft, poff poff poff poff und … und gute Nacht.

Wayne Gretzky hat das gesagt

(1977) Das Ziel ist also erster Harpunier, der Weg dorthin die Schule. Ich will gut in der Schule werden, auf die Seefahrtschule gehen und dann mein Praktikum auf einem der Schiffe von Simen machen. Wenn ich mich nicht doch darauf verlege, Sportkommentator zu werden. Ich will etwas werden, was wiederum dazu führt, jemand zu sein, was wiederum zu allem Möglichen führen kann, und es kann auch gern mein ganz eigener Californian Swimmingpool im Garten dabei sein.

Im Unterschied zu Mama und Papa scheinen die Lehrer nicht zu bemerken, dass mein Tempo seit ein paar Monaten ordentlich angezogen hat. Aber jetzt merkt man es auch im Klassenzimmer. Ich hebe die Hand, ohne zu wissen warum. Ich fluche, ohne es zu wollen. Der Körper bewegt sich, obwohl ich will, dass er still sitzt – die Finger trommeln, die Beine jucken, und die Zunge spielt unentwegt mit den Lippen. Die Konzentration ist dabei, wenn sie will, aber nicht so sehr, wenn ich will. Allmählich fange ich an, die Sachen aus dem Blick zu verlieren, ich verändere den Fokus oder finde Neues, worauf ich ihn richten kann – Geräusche in der Klasse, Autos auf der Straße, Farben, den unglaublich öden Hauptstadt-Slang vom Känguru. Wenn ich den Fokus verliere, dann merke ich, dass ich wieder zu Konzentration finden kann, indem ich den Stift ganz fest halte, ein Hockeyrund oder einen Slalomhügel ins Mathebuch zeichne oder die Finger mit dem Radiergummi dribbeln lasse. Manchmal gebe ich es auch auf, mich auf das Thema zu konzentrieren, und im Nu sind die Gedanken zu etwas anderem abgewandert – Cockpit, Walfängerausguck und Wayne Gretzky. Ich kann plötzlich mitten in einer Unterrichtsstunde dem Lehrer mit der Stimme von Wayne Gretzky antworten. Der Lehrer und die anderen in der Klasse glauben natürlich, ich würde einen Witz machen. Ich will aber keine Lacher, eigentlich will ich gar nichts. Ich fühle hauptsächlich. Das Gefühl ist das Radar, und das Radar sucht ab, es lenkt. Wenn ich wie Wayne Gretzky rede, dann finde ich zu dem Fokus zurück, den ich immer öfter zu verlieren drohe. Ich weiß nicht warum, aber so ist es.

Die schwierigste Zeit während des Schultages ist die Mittagspause. Wir nehmen unser Essen im Klassenzimmer ein. Alle haben ihre Vesperdosen von zu Hause dabei. Um zwölf Uhr fangen alle an zu essen. Es fällt mir schwer, mich auf das Essen zu konzentrieren. Die Geräusche um mich herum stören, ich schaffe es kaum, selbst zu essen, fast alle Zeit geht dafür drauf, das Kauen und Gnatschen und Spucken der anderen nicht hören zu müssen, Knäckebrot und Möhren und Äpfel. Ich halte mir die Ohren zu, denke ganz fest an Swimmingpools, Hockeyduelle und Blauwale. Aber ich habe nicht die kleinste Chance, die Misslaute aus dem Klassenzimmer wegzudenken – sie schlagen meine Gedanken knockout, und ich verlasse klatschend oder singend oder pfeifend das Klassenzimmer. Einige lächeln verständnislos, die anderen versuchen, fertig zu kauen. Ich gehe in den Keller und setze mich ganz hinten im Kellerflur in die Ecke. Da habe ich Ruhe. Das Einzige, was ich höre, ist der gedämpfte Laut vom Ventilator im Werkraum. Das ist ein schönes Geräusch, ruhespendend, wie ein behaglicher 747-Flug über den Atlantik – Zucken im Bauch, kleines Geräusch.

Dann setze ich den Schultag fort.

Die Tage fliehen dahin, die Wochen vergehen, bald ist wieder Weihnachten. Die Empfindsamkeit verläuft in Wellen. Manche Tage sind intensiver als andere, aber es gibt auch Monate, in denen alles ruhig ist und die Konzentration auch dabei ist, wenn ich es will.

Ich rede häufiger, murmele still vor mich hin, summe. Vielleicht als Ablenkungsmanöver, vielleicht weil alles immer schlimmer zu werden scheint. Ich weiß nicht, was im Kopf passiert, denke nicht so viel über den Zustand nach, was die anderen aber auch nicht zu tun scheinen. Ich versuche so gut es geht, ein Gleichgewicht zwischen Boeing 747, Notritual und Gartentorritual herzustellen und es außerdem noch mit ein paar Portionen Walfängerarbeit zwischen den Wellen zu schaffen. Das Ganze flutscht, ich leide nicht, verspüre kein Unbehagen, jedenfalls nicht wie im Frühling, als ich die Rituale erfand. Momentan übernimmt der Impuls immer mehr das Steuer, was mir auch Vorteile verschafft. So mache ich zum Beispiel große Fortschritte im Sport. Wofür ich vor einem Jahr noch hart arbeiten musste, das funktioniert jetzt ohne größere Anstrengung. Als habe der Impuls die Ungelenkigkeit knockout geschlagen. Mein Sportlehrer redet auch ganz anders mit mir als noch vor einem Jahr. Da hieß es noch: »Jetzt komm schon, gib Stoff, etwas mehr Spiel.« Jetzt heißt es: »Ja, das genügt, beruhige dich, spiel den Ball.«

Im Sport bin ich immer dieselbe Person mit derselben Stimme: Wayne Gretzky, der Basketball spielt, Wayne Gretzky, der Fußball spielt, Wayne Gretzky, der Hockey spielt, Wayne Gretzky, der sechzig Meter läuft, Wayne Gretzky, der duschen soll, Wayne Gretzky, der findet, dass der Hintern des Sportlehrers exakt so aussieht wie der seiner großen Schwester. Da antwortet der Sportlehrer sehr bestimmt, dass es eine Grenze gibt und ich nicht alles sagen darf.

»Bitte keine derartigen Kommentare«, sagt er und hebt auf diese etwas ungelenke und ernste Weise die Augenbrauen. Ich antworte, ohne nachzudenken: »Das bin nicht ich, der findet, dass Ihr Hintern aussieht wie der meiner großen Schwester, sondern Wayne Gretzky.«

»Das ist nicht witzig«, erwidert der Sportlehrer, ohne mich anzuschauen.

Zu Hause am Esstisch erkläre ich, dass nicht ich das war, der gesagt hat, dass der Hintern des Sportlehrers aussieht wie der meiner großen Schwester, sondern …

Die große Schwester packt mich am einen Ohr, boxt mich in den Holzkeller und schreit so laut, dass die Sägespäne herumfliegen:

»Ich habe keinen verdammten Sportlehrerhintern.«

Ich schreie zurück:

»Das habe nicht ich gesagt …«

Die große Schwester schließt die Tür ab und ist weg, ehe ich den Satz beenden kann:

»… sondern Wayne Gretzky.«

Es passiert einfach
(Taktile Stimulanz)

Ich verspüre ein sehr starkes Bedürfnis, Sachen in die Hand zu nehmen, anzufassen, zu berühren. Dann werde ich ruhig, es entstresst mich, die Impulse verschwinden.

Sachen, die man nehmen kann – Schmuck, Leder, Gummi. Und das Bedürfnis kommt, wenn ich es am wenigsten erwarte und wenn ich es vor allem nicht tun sollte.

Ich versuche es bleiben zu lassen, aber da ist das Gefühl, als würde etwas im Körper überkochen.

Ich habe nicht die geringste Chance, es nicht zu tun.

Die Langeweile muss befriedigt werden. Sonst kocht sie über. Die Langeweile kommt von Unruhe, Wiederholung, Routine. Das Zucken im Bauch bekämpft die Routine mittels Aktion. Also zuckt es … und dann passieren die Dinge einfach. Ich will nicht stehlen, ich will nur das Material befühlen. Es sind Gefühl + Duft + Material, worauf ich scharf bin. Nichts anderes.

Das geschieht nicht oft, vielleicht zweimal in doppelt so vielen Jahren. Aber natürlich provoziert es, wenn es geschieht. Es ist nur menschlich, wütend zu werden, wenn jemand versucht, einem den Geldbeutel oder ein Schmuckstück wegzunehmen. Nicht wegnehmen, sondern nur anfassen. Das ist der Unterschied zwischen einem verrückten Dieb und taktiler Stimulanz. So einfach? Ja. Und nein. Denn es sieht ja so aus, als würde der Junge den Geldbeutel oder den Schmuck nehmen, er lacht absichtlich, neckt uns, und das alles mit Vorsatz. Der Zusammenstoß ist unausweichlich. Das Gerücht verbreitet sich, aber es bleibt auf dem Schulhof, erreicht niemals meine Mutter und meinen Vater, die mehr damit beschäftigt sind, Hilfe zu suchen, als das Mysterium der taktilen Ausflüge ihres Sohnes zu ergründen.

Das Zimmer des Rektors
(Premiere)

(1977) Fräulein Gemeinschaft hat offenbar ein Abo auf Ohrringe, denn sie wechselt sie täglich oder mindestens einmal die Woche. In den Pausen geht Fräulein Gemeinschaft auf dem Schulhof herum, sieht sich um, plaudert mit den Mädchen, gestikuliert und redet. Aber ich sehe sie gar nicht, ich sehe ein Paar farbenfroher Ohrringe, die sich auf und ab bewegen, wie lebendige Ampeln. Also:

Der Unterricht ist zu Ende, wir verlassen das Klassenzimmer. Ich habe zwei Möglichkeiten, mir die Zeit zu vertreiben: Fußball oder Reden über Fußball. Ich bin gerade auf dem Weg zum Fußballfeld, da sehe ich Fräulein Gemeinschaft herumgehen und vielleicht hundert Meter entfernt mit dem Hausmeister reden. Und wie aus dem Nichts taucht Möglichkeit Nummer drei auf: die Ohrringe von Fräulein Gemeinschaft. Fräulein Gemeinschaft spaziert jetzt weiter, allein, und ihre Ohrringe strahlen mir einfach entgegen, scheinen mich aufzufordern, sie anzufassen, zu fühlen, zu streicheln. Mein Körper bleibt stehen, die Gedanken rennen, das Gefühl siegt – Zucken im Bauch. Die Gedanken bleiben stehen, das Gefühl siegt, der Körper rennt ready for take-off. Die Startbahn ist lang genug, ich bin schon oben im Blauen, noch ehe ich fasten your seat belts anordnen kann. Der Körper zuckt los, fliegt hinter Fräulein Gemeinschaft her, die unbekümmert weiter in Richtung Verwaltungsgebäude schlendert. Mein Körper ist ganz eindeutig ein Marschflugkörper, und nur ungefähr einen Meter, ehe Fräulein Gemeinschaft das Gebäude betritt, beiße ich mir auf die Lippe, reiße den Körper zurück, grüße Fräulein Gemeinschaft mit der linken Hand – und nehme vorsichtig ihr Ohrgehänge mit der rechten und sause weiter Richtung Schwimmhalle, Fräulein Gemeinschaft hinter mir her. Ich weiß nicht, was die anderen tun oder denken, deshalb schere ich mich auch nicht darum. Das Ohrgehänge hingegen, das Ziel dieser Reise, darum schere ich mich. Ohne den Rest des Weges noch großartig zu planen, bleibe ich vor dem Eingang zur Schwimmhalle stehen. Ein Ohrgehänge, wie eine kleine Beere geformt, sanft und weich, rein wie Backpflaumen. Fräulein Gemeinschaft hat mich jetzt eingeholt, der Sportlehrer ist auch dabei. Sie stehen ein paar Meter entfernt, fünf, vielleicht zehn Meter, und sehen mich fragend an. Ich fühle mich jetzt etwas ruhiger, als würde das sanfte Material des Ohrgehänges die Energie aus dem Körper fließen lassen.

Fräulein Gemeinschaft kommt zu mir:

»Gib ihn her.«

Ich sage nichts.

»Gib den Ohrring her.«

Zucken im Bauch.

Sekunden später hält mich der Sportlehrer in einer Art Sportgriff, den ich noch nicht kenne, während Fräulein Gemeinschaft panisch etwas von dem Ohrgehänge wischt, was sie für Schmutz hält.

»Nach dem Mittagessen darfst du dem Rektor einen Besuch abstatten«, sagt sie.

»Dem Rektor?«

»Er wird nur ein kurzes Gespräch mit dir führen. Dir sagen, wie die Dinge so liegen. Was man tun darf, und was nicht. Geh jetzt zum Unterricht, dann isst du dein Essen, und um Viertel nach eins bist du am Zimmer des Rektors.«

Die Tür steht offen, deshalb gehe ich direkt in das Zimmer des Rektors hinein. Ich gehe sehr schnell hinein, damit Papa mich nicht sieht. Er unterrichtet im selben Gebäude, nur hundert Meter vom Zimmer des Rektors entfernt.

Der Rektor, der mit meinem Vater und Johan Gestapo gemeinsam zum Lachsfischen geht, steht am Fenster und schaut angespannt über den Lachsfluss, der langsam vorbeifließt, so wie er es schon seit zweihundertundfünfzig Jahren tut. Der Rektor ist eine fast exakte Kopie von Richard Nixon, nur hat er etwas weniger Haare und ist doppelt so groß wie der Präsident.

Vor mir hatte Ove, der Südsame, eine Audienz beim Rektor. Ove wird im Frühjahr mit der Schule aufhören. Es heißt, sein Papa wird sterben, und Ove wird dann die Rentiere allein versorgen müssen. Außerdem hat er die Erlaubnis erhalten, Schneescooter zu fahren, Schneescooter-Ferien. Aber es geht auch das Gerücht, Ove würde sich das mit seinem Vater alles nur ausdenken, denn auf diese Weise kann er sich ersparen, jeden Tag fünfzig Kilometer zur Schule hin und fünfzig wieder zurück zu fahren. »Ich werde später sowieso nichts anderes machen als Rentiere«, sagt er immer.

»Setz dich«, sagt der Rektor.

Nach ein paar Sekunden, zehn vielleicht, vielleicht auch dreißig:

»So, du hast also angeblich versucht, die Ohrringe von Fräulein Gemeinschaft zu klauen.«

»Ich?«

»Ja, du. Ist das wahr?«

Pause.

Der Rektor fährt fort, in freundlichem Ton.

»Also … wir haben alle das Recht, zu sagen, was wir wollen, ohne uns immer ständig erklären zu müssen. Aber zu lügen, anstatt die Wahrheit zu sagen … ja, wie würde denn die Welt aussehen, wenn alle herumgingen und einander anlügen würden … ja, das will ich dir mal erzählen … also, in Afrika …«

Vielleicht passiert es gerade in dem Augenblick, als der Rektor »also, in Afrika« sagt, ja, vielleicht passiert es gerade in dem Augenblick, dass ich den Kontakt zu ihm verliere, zum Tower und der ganzen Flugleitzentrale.

Ich spüre, wie ich sitze, wie schön sich das anfühlt, das Plastik, das Weichplastik auf dem Sofa, das an meinen Hosen reibt. Wie schön es ist, mit der Hand das Plastik zu berühren, es zu streicheln, das Geräusch, der Geruch. Ich sitze mitten in einer Backpflaumentüte, von wunderbaren Düften umgeben. Es piekt und kitzelt im Kopf, ich will bleiben, hier sitzen, in die Backpflaumentüte einziehen, halleluja, schön, das Gehirn ist zur Stelle, der Kopf auch, keine Unglücke geschehen, alle Köcherfliegen sind tot, der Weltmeister, der ich bin, Wayne Gretzky und this is your Captain speaking, und … und … dann, weit entfernt irgendwo im Hintergrund ist murmelnder Waffelteig zu hören. Blubbernder Waffelteig. Der blubbernde Waffelteig kommt näher, drängt in die Backpflaumentüte hinein, der Waffelteig wird deutlicher, waffelig blubberndes Gebabbel, das fortfährt, das näher kommt, das Waffelgebabbel stößt mich wieder in die Wirklichkeit, zurück in die Schule, die Stimme wird deutlicher und noch deutlicher, und es ist die Waffelstimme des Rektors, die immer weiter blubbert über …

»… ja, so ist das also in Afrika, und im Besonderen in Kenia. Also alle haben somit das Recht, verstanden zu werden, ohne sich ständig erklären zu müssen, aber zu lügen und nicht zu sagen, wie es wirklich war, … ja, wie würde denn die Welt aussehen, wenn alle herumgehen und einander anlügen würden … so, nun weißt du, was es bedeutet, ein Mitmensch zu sein, ehrlich zu sein … so … du kannst jetzt gehen.«

Es ist, als würde ich aus einem Rausch erwachen, so schön – Zucken im Bauch.

»Backpflaumen sind gut«, sage ich, ohne es vorzuhaben.

»Was?«

»Was?«, wiederhole ich.

»Doch … Backpflaumen sind gut«, sagt der Rektor und sieht weiter aus dem Fenster.

Ich drücke einen Fingernagel in das herrliche – und falsche – Sofaleder. Zucken im Bauch.

»Ja«, fährt der Rektor fort, »du kannst jetzt gehen.«

Die Drohpropaganda des Rektors funktioniert nicht wie gedacht. Natürlich war der Grundgedanke gut, aber die Wirkung ist gerade entgegengesetzt. Stattdessen fange ich an, das Zimmer des Rektors zu mögen. Ich verspüre überhaupt keine Bedrohung da drinnen, sondern Ruhe, Entspannung und einen anziehenden Duft von Backpflaumen. Wenn die anderen also sagen: »Pass auf, sonst landest du wieder beim Rektor«, dann antworte ich wahrheitsgemäß: »Yes, Backpflaumen.«

Das Bedürfnis, Ohrgehänge und Geldbeutel zu nehmen und zu befühlen, ist die ganze Zeit da, aber ich schaffe es doch, mich zurückzuhalten, den Impuls zu kontrollieren, die Lust herunterzufahren. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Papa in der Nähe ist, was in gewisser Weise bedeutet, dass ich nicht richtig loslasse. Da könnten Gerüchte in Umlauf kommen, womöglich würden die Leute anfangen zu denken, dass meine Eltern einen Verrückten zum Sohn haben. Auch wenn es nur wenige einzelne Male geschieht, kann ein seltsames Verhalten doch Missverständnisse hervorrufen, und sogar lebenslange Gerüchte. Schließlich ist es nur menschlich zu glauben, dass der Junge ein wenig verrückt ist. In dem Alter sollte man doch Fußball spielen und keine fremden Geldbeutel streicheln.

Konzentration, Teil 1

(1978) Es herrscht ein wahnwitziges Gesurre, die Köcherfliegen gehen mir schon auf die Nerven, und dabei ist es noch nicht einmal richtig Frühling. Herbst und Winter waren gut, vor allem kalt und trocken, gute Gerüche und tote Insekten. Aber jetzt surrt es wieder. Ein früher Frühling ist überhaupt nicht gut. Fühle mich schwerer und müder, die Leute babbeln herum, im Rinnstein stinkt es nach Katzenpisse, und in eben diesem Augenblick werden Millionen von Köcherfliegen geboren, Tod allen Köcherfliegen.

Ich versuche, die Eindrücke zu verdrängen, indem ich in der Schule besonders fleißig arbeite. Je besser die Noten, desto größer meine Chance, ein Praktikum auf einem von Simens Booten machen zu können, und dann muss ich nicht einmal in diese langweilige Seefahrtschule gehen, der direkte Weg ist doch schlauer als der geniale Weg. Aber falls Simen technische Grundkenntnisse verlangt, dann ist es doch das Beste, zu lernen, fleißig zu sein und schlau, den Weg des Genies zu wählen. Also schlage ich ein Arbeitstempo ein, das mich hoffentlich so schnell wie möglich zur See bringt. Bin ich erst mal draußen auf dem Meer, geht es mir besser denn je. Draußen auf dem Meer, an Bord eines der Schiffe, da gibt es keinen Frühling, keine Gestankseindrücke oder aggressive Köcherfliegen mit verschwitzten Flügeln, und keine babbelnden Menschen. Also fange ich an zu schuften, verdammt, jetzt werde ich es allen zeigen. Aber sie werden leider nicht viel zu sehen kriegen. Ich kümmere mich hauptsächlich um Rituale, achte darauf, sie immer öfter auszuführen, immer sorgfältiger. Wenn ich die Rituale nicht korrekt ausführe …

wird das Gehirn sich zu dem Flugzeug hinaufarbeiten, das stürzt ab, Menschen sterben, die Lokalzeitung schreibt, mein Gehirn wird brachgelegt, und ich werde niemals erster Harpunier werden, werde niemals zur See gehen können, dann wird es das ganze Jahr über Frühling sein, Köcherfliegen bis ans Ende meiner Tage …

Also kommt es jetzt darauf an, das Ritual mit Exaktheit auszuführen. Die Stiefel genau nebeneinander aufstellen, hochschauen, das Flugzeug mit unverrücktem Blick verfolgen, die Arme ausstrecken, das Boeing-Geräusch in genau der richtigen Tonlage anstimmen.

Am Beginn des Frühlings taucht, ohne dass ich es eigentlich plane, noch ein neues Ritual auf. Wenn ich mich auf den Stuhl im Klassenzimmer setze, muss ich eine Bewegung ausführen, von der ich glaube, dass der erste Harpunier sie macht, wenn er sich nach einem weiteren Volltreffer auf den Stuhl im Kaffeepausenraum setzt:

Ich gehe mit kerzengeradem Rücken ins Klassenzimmer, stelle mich an die Schulbank, lege die Hände auf den Stuhl, nehme Schwung, so dass die Beine auf dem Tisch landen und der Hintern auf dem Stuhl. Wie in einer take-off-Position. Dann strecke ich die Arme zur Seite weg und stimme ein schwaches Jetturbinengeräusch an, brrrr …

Das alles geht schnell, sehr schnell. In nur fünf Sekunden ist das Ritual vorüber. Wenn ich mich aber nicht mit symmetrischer Exaktheit hinsetze oder das perfekte Boeing-Geräusch hinbekomme, dann muss ich das Ritual wiederholen. Sonst werde ich mich nicht auf die Mathematikstunde vom Känguru konzentrieren können …

werde keine gute Zensur bekommen, ich werde niemals zur See gehen, muss im Dorf bleiben, in der Papierfabrik arbeiten, für den Rest meines Lebens mit Frühling und der Scheiße und den Fliegen zu kämpfen haben, das Gehirn wird runtergedimmt werden, wird zu einer kleinen Haselnuss schrumpfen und dann einfach nur wegsterben …

So wird das Schulbankritual zu einem weiteren Ritual, mit dem es umzugehen gilt. Anfänglich bemerken die anderen im Klassenzimmer mein neues Ritual gar nicht. Als mein Verhalten sich immer öfter wiederholt, meinen die Lehrer, und die Schüler ebenso, ich würde Witze machen. Aber einer der Lehrer, Anton, beobachtet mich besonders genau, als wolle er mich etwas fragen, als hätte er den Verdacht, dass ich nicht witzig sein will. Das beunruhigt mich. Ich will nicht, schäme mich, wage es nicht, von den Gedanken und dem ganzen Scheiß in meinem Kopf zu erzählen. Da würden sie nur lachen und mich für einen Idioten halten, so einen richtigen haushohen Idioten, einen Affen.

Ich versuche, die Rituale geheim zu halten, merke aber, dass das mit jedem Monat, der vergeht, schwieriger wird. Das Bedürfnis nach Zwangshandlung wächst. Auch vor jeder Klassenarbeit oder Hausaufgabe wird es immer schlimmer – ich muss die perfekte Arbeit schreiben, damit ich die perfekte Zensur kriege, den perfekten Praktikumsplatz auf dem perfekten Walfänger.

Und so scheitere ich. Natürlich. Die Konzentration wird nicht besser, ich konzentriere mich auf alles Mögliche, nur nicht auf maritime Lösungen und mathematische Theorien. Ich bin zu verspannt, denke zu intensiv, ritualisiere um die Schulbank herum, das Gehirn sitzt fest, während der Körper am liebsten drei Runden nonstop um die Schule rennen würde. Geräusche und Gerüche und Eindrücke blockieren Mathematik und Chemie und Geschichte. Ich will Ziffern und Buchstaben sehen, aber ich schaffe es nicht. Ich sehe die Aufgabe, sie liegt vor mir, kann ganz einfach gelöst werden. Aber immer stört irgendetwas die Konzentration – das Geräusch eines Autos auf der Straße, der Stift von irgendjemandem auf der Tischplatte, ein Stuhl, der knarrt, jemand, der mit den Zähnen knirscht, Möhren, die bald gekaut werden, die Kleider vom Känguru, die Köcherfliege am Fenster, Buchstaben, Ziffern, Zeichen, verdammte Köcherfliegenscheiße.

»Still jetzt«, sagt das Känguru.

»Das war ich nicht«, erwidere ich.

»Du warst es, und jetzt hör auf.«

»Das war ich nicht. Das war Wayne Gretzky.«

Alle lächeln. Ich nicht. Das Känguru schüttelt den Kopf. Ich auch. Die anderen lächeln. Ich auch.

Konzentration, Teil 2

Vielleicht ist es April, vielleicht Mai. Denke Gedanken, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Ziffern und Buchstaben werden vermischt, schaffen Chaos, weit von Mathematik und Physik entfernt. Ich sitze auf dem Stuhl zurückgelehnt, das Känguru brabbelt, während ich in Gedanken Köcherfliegen töte. Die Bleistiftspitze bohrt sich durch den Kopf, die Flügel hänge ich zum Trocknen auf, damit die Mäuse vorm Mittagessen was zum Spielen haben.

Die Stimme vom Känguru ist dünn, spitzig, monoton. Er spricht den Hauptstadtdialekt, klingt wie einer von den Männern in Anzug vom Meteorologischen Institut im Fernsehen. »Mathematik ist wichtig, wenn du erster Harpunier werden willst«, das klingt ebenso aufregend wie »Gegen Abend wird ein Tiefdruckgebiet von Westen her erwartet«.

Also sehe ich das Känguru an, höre zu, schaue, höre auf zuzuhören, schaue weiterhin.

5 + 3 + 2, er schreibt die Ziffern auf die Tafel und fährt fort:

»Wenn wir nun die Zwei nehmen und die Drei davon abziehen und dann eine Zehn dazu, und dann …«

Seine Stimme versackt in einem breiähnlichen Zustand, im Grenzland zwischen dem Waffelteiggebabbel des Rektors und einem Zementmischer im Leerlauf. Der Mund bewegt sich, als wolle er etwas sagen, könne sich aber nicht mehr daran erinnern, wie er aufgeht:

»Zwei plus drei plus vier ist gleich x, das dann multipliziert wird mit«, ehe sich die Stimme wieder verwandelt in »Teig plus Teig plus Teig geteilt durch Teig ist gleich Waffelteigquadrat«. Sein Mund, der sich bewegt, auf und nieder platscht, während der gelbliche Teig aus dem einen Mundwinkel rinnt, kleine herzförmige mathematische Dreien und Vieren mit Kästchen drauf.

Geräusche von der Straße vor dem Fenster, die Bundesstraße. Auto. Was für ein Auto?

Also, was für ein Auto, welche Marke? Volvo, Saab, Citroën, Ford, Opel? Fünfzigtausend Kracher darauf, dass es ein Volvo ist. Fünfzigtausend. Das Känguru brabbelt weiter, das Auto kommt näher, volle Konzentration auf das Fenster, das Geräusch, die Bundesstraße, fünfzigtausend Kracher, das Auto kommt näher, fünfzigtausend …

Zucken im Bauch, Geräusch

»Volvo«, sage ich, ohne es zu wollen.

»Was sagst du?«, fragt das Känguru.

»Was?«, frage ich zurück.

»Er hat Volvo gesagt«, sagt Oskar und fügt noch hinzu: »Idiot.«

»Selber Idiot«, erwidere ich.

Der Unterricht geht weiter. Ich denke an Boeing 747, Volvo, Wayne Gretzky. Sehe mich im Klassenzimmer um – Oskars Rücken, Lenas Hosen, der Geruch von Scheiße, Kuhscheiße, Feuchtigkeit, die Lampe an der Decke, die Köcherfliege im Lampenschirm sieht mich an, als würde ich in einem Fernsehkrimi mit Gene Hackman als Polizist beim Verhör sitzen. Der Heizkörper. Der Heizkörper an der Wand. Denke an das Wasser, das in dem Heizkörper fließt. Was ist, wenn die Rohre platzen und das kochende Wasser mein Gesicht, meine Stirn und meine Augen trifft und ich Verbrühungen erleide und ins Krankenhaus komme und der Arzt sagt: »Mit einem weggebrannten Auge kannst du natürlich kein Harpunier mehr werden.«

»Scheißheizkörper …«

»Was hast du gesagt?«, fragt das Känguru.

»Nichts.«

»Jetzt ist hier Mathematik dran, und da musst du zuhören, ja, vor allem wenn du nun so unbedingt erster Harpunier werden willst«, sagt das Känguru.

»Idiot«, grinst Oskar.

»Waffelschnauze«, flüstere ich.

»Was redet ihr da?«, fragt das Känguru.

Zucken im Bauch + Geräusch = keine Chance, den Wortfluss zu kontrollieren:

»Ich kann verdammt noch mal nicht erster Harpunier werden, wenn ein Auge wegverbrannt ist«, sage ich, ohne zu denken, dass ich dass sagen werde.

»Jetzt mal ganz ruhig …«

Ich versuche, mich zu beruhigen. Ich schlage das Mathematikbuch auf, Seite zwei. Wieder höre ich Geräusche um mich herum. Lena spielt mit dem Stift, lässt ihn zwischen den Zähnen hin und her wandern. Ich stecke meinen Stift in den Mund, mache genau dasselbe, nur zehnmal fester, um Lena aus dem Rhythmus zu katapultieren, um ihr Stiftekauen kaputt zu kauen.

»Still jetzt«, sagt jemand, wahrscheinlich das Känguru.

Ich sehe ins Mathematikbuch. Der Blick bleibt am Buchstaben x hängen. Ich nehme den Stift und kreise das x ein. X ist ein gefährlicher Buchstabe – er hat scharfe Kanten, steht hoch und steht runter, wie eine Schere, ein Messer. Gefahr …

… x kann Löcher in Sachen machen – Stoff, Kleider, Insekten, Tiere, Menschen. Dann läuft Blut raus. Blut steckt an, Ansteckung tötet, tötet Menschen. Kann kein x mit der Hand schreiben oder allzu lange auf den Buchstaben schauen. Stichwunden + Blut + Ansteckung = Gefahr. Vermeide x. Z ebenso. Y auch. Der Buchstabe e hingegen erinnert an einen umgedrehten Angelhaken, der auch Wunden in die Haut reißen kann, die Blut machen, das Ansteckung macht, das Tod macht …

Ich schaue weg, wenn ich x, z, y sehe, und manchmal, wenn ich e sehe, vermeide die Gefahr. Ich fange auch an, alle x, z, y wegzuradieren. Nicht den ganzen Buchstaben, nur den halben. Schreibe halbe x, z, y anstelle von ganzen.

x = Ansteckung + Blut + Tod
halbes x = ungefährlich
z = Ansteckung + Blut + Tod
halbes z = ungefährlich
y = Ansteckung + Blut + Tod
halbes y = ungefährlich

Mathematikarbeit

Ich schlage die Mathematikarbeit auf. Das Einzige, was ich sehe, sind eine Menge x und z und y. Sie leuchten mir entgegen, wie Warndreiecke. Zucken im Bauch, Geräusch.

Der Lehrer sieht zu mir hin. Aber ich komme davon. Ich fange sofort an, alle x, z und y durchzustreichen.

X ist am schlimmsten, denn es sieht am brutalsten aus.

Dann kommt das z, das ist fast ebenso brutal, schließlich erinnert es an ein x mit Totalschaden.

Verschiedene Seiten einer Medaille, kurz gesagt.

Am Schluss kommt das y, das nur ein halbbrutaler Buchstabe ist. Nicht so aggressiv in der Ausformung wie x und z, aber ausreichend brutal, um in der Liste lebensgefährlicher Buchstaben noch unter die ersten drei zu kommen.

Ich korrigiere also weiterhin alle x, z und y. Ich streiche durch und schreibe neue x und z und y hin, schreibe halbe x und z und y. Jeder Buchstabe nimmt mir zehn Minuten von meiner Zeit.

Jetzt ist seit Beginn der Arbeit eine halbe Stunde vergangen. Die anderen scheinen konzentriert und motiviert zu sein. Ich bin motiviert, aber nicht konzentriert. Stattdessen rechne ich die Wahrscheinlichkeit aus, angesteckt zu werden:

Keine ganzen x + keine ganzen z + keine ganzen y = kein Blut = keine Ansteckung.

So. Jetzt kann ich anfangen zu rechnen. Endlich.

Ich schaffe es noch fünf Minuten zu rechnen, ehe das Känguru uns unterbricht:

»So, zusammen … jetzt ist die Zeit um.«

»Teufel noch mal«, denke ich.

»Still«, sagt Oskar vor mir.

Während Känguru die Mathearbeiten einsammelt, erzählt er, dass wir die Arbeiten am Ende der Stunde zurückkriegen. Derweil er sie korrigiert, sollen wir verschiedene Trapeze und Winkel und Rechtecke zeichnen. Ich fange an, das Dreieck zu malen, aber es dauert nur ein paar Sekunden, und schon verwandelt sich die eine Ecke in das Starttor von Europas gefährlichster Slalomabfahrt. Ich habe es nicht geplant, dass die Mathematikstunde dem World-Cup-Slalom in Wengen weichen muss, aber in Ermangelung von mathematischer Spannung zuckt es nun im Bauch – Dreiecke und Rechtecke werden durch eine Direktsendung der Sportschau ersetzt, und zwar mit mir selbst als Sportkommentator und Torsetzer.

Schnell stelle ich die Tore im Dreieck auf. Alle Tore sind blau oder schwarz. Ein Strich, ein Tor. Ich schaffe es, ungefähr fünfundvierzig Tore zu setzen. In die eine Ecke schreibe ich START. Ich umrande START mit einer rechteckigen Flagge, genau wie im Fernsehen. Dann mache ich genau dasselbe ganz unten im Dreieck, aber da schreibe ich ZIEL anstelle von START. Ich nehme meinen Bleistift und fahre langsam Slalom zwischen den Strichen, ohne die Tore zu berühren. Würde ich zufällig ein Tor berühren, wäre das gleichbedeutend mit einer Disqualifizierung.

In diesem Moment denke ich nicht viel an das Känguru, und ich glaube auch kaum, dass ich groß in seiner Gedankenwelt vorkomme, denn er ist vollauf damit beschäftigt, die Arbeiten zu korrigieren. Außerdem hat er in der letzten halben Stunde kein einziges Mal meinen Namen gesagt, was schon ein gutes Zeichen ist.

Stenmark bereit … da fährt er los … das erste Tor, das zweite, ausgezeichnet, hält eine gute Linie, stabil im Rhythmus, au, ein wenig zu weit nach rechts, aber er kann die Spur halten … und die Zwischenzeit zeigt … achtzehn Sekunden … eine Sekunde schneller als Franz Klammer … und er macht in demselben Rhythmus weiter, das dreizehnte Tor, jetzt zum Ziel, vierunddreißig Sekunden, fünfunddreißig und … JAAAA … das ist die Führung, Ingemar Stenmark aus Schweden …

Alle in der Klasse scheinen mich anzuschauen. Auch Känguru. Dann korrigiert er weiter die Arbeiten, während die anderen sich wieder ihren Dreiecken und Rechtecken zuwenden.

Vor dem Ende der Mathestunde schaffe ich noch ein paar weitere Läufe. Der Norweger Odd Sörlie und der Italiener Pablo Picasso. Ingemar siegt überlegen vor Picasso, während Franz Klammer einen sensationellen dritten Platz belegt – seine erste Medaille überhaupt im Slalom, normalerweise ist er Abfahrer. Leider schaffe ich es nicht mehr, ihn zu interviewen, nicht jetzt im Ziel. Wir müssen mit dem Interview bis zur nächsten Doppelstunde warten. Jetzt hat auch noch das Känguru angefangen die Mathearbeiten auszuteilen, die er in Rekordzeit korrigiert hat. Das könnte ein gutes Zeichen sein, vielleicht habe ich es trotz allem geschafft.

Ich warte, nicht gespannt, aber doch ein klein wenig erwartungsfroh. Doch, ich denke schon, dass ich so zwei bis neun Volltreffer gelandet habe. Wenn die ganzen x, z und y nicht gewesen wären, dann hätte ich vielleicht sogar noch mehr Volltreffer, was mich wiederum direkt für die Seefahrtschule qualifiziert hätte, was mir wiederum schon für das nächste Jahr einen festen Platz an Bord eines der Schiffe von Simen verschafft hätte. Wenn nicht all die x, z und y gewesen wären, dann wäre das hier ein Durchbruch geworden, zumindest ein kleinerer. Also, auf alle Fälle lief es nicht ganz schlimm.

»Wir müssen uns nach der Stunde noch mal unterhalten«, lächelt mir das Känguru zu. Er gibt mir die Mathearbeit, aber es gelingt mir nicht, sie in der Luft aufzufangen, und so landet sie schwer auf der Tischplatte vor mir, wie klebrig gelber Schneematsch. Zufällig landet sie so, dass sie in der Mitte aufgeschlagen wird, so, dass sich mir die ganze Katastrophe offenbart. Ein Ekelgefühl macht sich im Körper breit. Ich fange an zu zittern oder mich zu schütteln oder zu frieren. Ein Zittern, das sich in Schweiß verwandelt, der sich in Blut verwandelt, das sich in Ansteckung verwandelt, die in Tod und Verderben endet. Ich starre. Kann mich nicht rühren. Der Schneematsch ist an der Tischplatte festgefroren, wie ein toter Körper unter einem großen, schweren Lastwagen – Zucken im Bauch, Geräusch. Alles liegt vor mir, der Beweis, von jetzt an kann mich niemand mehr auf andere Gedanken bringen, meine Theorie stimmt, die Gedanken stimmen, die schlimmsten, ekligen Gedanken stimmen: Das Känguru hat meine halben x, z und y korrigiert, indem es die fehlenden Stücke mit Rotstift hinzugefügt hat.

Ich bleibe sitzen. Das Känguru wollte mit mir reden, scheint das Gespräch aber vergessen zu haben. Aber das ist auch nicht das Problem. Das Problem liegt vor mir, die Katastrophe selbst. Ich kann die Arbeit, die so viel rote Farbe, also Blut und Ansteckung und Tod enthält, nicht in die Hand nehmen. Als die anderen weg sind, nehme ich die Arbeit mit den Handschuhen. Dann mache ich mich schnell auf den Heimweg. Aber diesmal wähle ich einen anderen Weg. Ein paar hundert Meter hinter der Schule biege ich ab und gehe weiter zum Fluss hinunter. Dort unten ist es glatt, spiegelglattes Eis, ich muss mich festhalten, sonst werde ich, noch ehe ich selbst etwas zu essen bekommen habe, zu Fischfutter. Ich setze mich auf einen großen Stein, der Schnee dringt durch die Hose, trifft auf den Hintern, und nach nur einer Minute fange ich schon an zu frieren, ekliger Schneematschscheiß. Ich betrachte die Mathearbeit, den Fluss, die Handschuhe.

Rote Farbe = Blut = Ansteckung = Tod = die Mathearbeit ist angesteckt

Ich denke an die Worte des Kängurus: »Nehmt die Mathearbeit mit nach Hause zu euren Eltern, und dann sollen sie ganz unten auf Seite fünf unterschreiben. Damit klar ist, dass sie eure Mathearbeit gesehen haben.«

Mama und Papa sollen unterschreiben, also müssen sie die Mathearbeit anfassen. Dann können sie angesteckt werden, im Krankenhaus landen, sterben. Meine Schuld. Nur komplette Idioten bringen andere in Kontakt mit etwas Ansteckendem. In manchen Ländern steht auf so etwas sogar die Todesstrafe. Zucken im Bauch. Ich werfe die Mathearbeit in den Fluss. Nur wenige Sekunden später schon greift der Fluss die Mathearbeit an und ertränkt sie ebenso geschmeidig und brutal, wie Ingemar Stenmark seine Konkurrenten in Wengen in Grund und Boden fährt, yes Sir. Ich betrachte die Handschuhe …

… die Handschuhe, die die Mathearbeit angefasst haben, die die Handschuhe angesteckt hat, die jemand in meiner Familie anfassen könnte, die denjenigen dann anstecken werden, was wiederum Tod und Verderben …

Ich werfe die Handschuhe auch in den Fluss. Sie verschwinden, vielleicht fünfzig, vielleicht hundert Meter hinter der Mathearbeit. Ich rutsche vorsichtig zum Fluss hinunter, strecke die Finger aus, tauche sie ins Wasser, spüle ab, was kleine Ansteckungsbazillen sein können, die vielleicht noch an den Fingern kleben geblieben sind. Ich bin sehr nahe am Fluss, halte mich aber mit der rechten Hand, mit der schmutzigen, an einem Ast fest, während ich die linke Hand wasche. Dann tausche ich, halte mich mit der linken Hand an einem anderen, sauberen Ast fest, während ich die rechte Hand wasche. Ansteckung weg. Ich schlängele mich wieder auf den Stein hinauf und halte nach den Handschuhen und der Mathearbeit Ausschau. Ich will sie wirklich gen Westen schwimmen sehen, hin zum Meer und noch weiter weg von unserem Haus. Ich weiß, dass Papa hier angelt, unterhalb der Brücke, nur zweihundert Meter von dem Stein entfernt, auf dem ich sitze. Ich will wirklich die Mathearbeit und die Handschuhe verschwinden sehen, sie sollen nicht auf den Grund des Flusses gesogen werden, an einem Stein hängen bleiben und von einem Lachs gefressen werden, der dann angesteckt wird, den Papa dann zufällig fängt, den er dann mitnimmt, isst, von dem er angesteckt wird – und stirbt. Aber jetzt weiß ich, weiß ich, ich weiß, dass sich die Mathearbeit und die Handschuhe mit hoher Fahrt dem offenen Meer nähern, und ich bin sicher und kann nach Hause gehen, und das ist schön, schön, so schön.

Die Möwe, Teil 1

»Deine Hände sind ja eiskalt«, sagt Mama, als ich nach Hause komme. »Was hast du denn gemacht?«

Ich sage es so, wie es fast gewesen ist:

»Ich bin mitten in eine Schneeballschlacht geraten.«

»Es gibt noch etwas Fischgratin«, sagt Papa, hinter der Lokalzeitung hervor.

»Fischgratin?«

»Fakegratin«, sagt meine große Schwester. »Da ist kein einziger Fisch drin.«

»Natürlich ist da Fisch drin«, sagt Papa.

»Ich habe auf jeden Fall keinen gefunden«, entgegnet meine große Schwester und verschwindet in ihr Zimmer.

Nach dem Essen werfe ich mich aufs Sofa, wärme meine Hände am Holzofen, bewege sie vor und zurück, bis es zu sehr weh tut, schön – Zucken im Bauch, kleines Geräusch.

Mama: »Du hast doch heute Morgen erzählt, dass ihr eine Mathearbeit schreiben würdet …«

Lange Pause.

»Habt ihr das?«

»Welche Mathearbeit?«

»Heute Morgen hast du erzählt, du würdest wahrscheinlich nach eben dieser Mathearbeit direkt auf die Seefahrtschule gehen können. Ihr würdet die Arbeit eine Stunde später schon zurückbekommen. Wie ist es denn gelaufen?«

»Was … was hast du gesagt?«

»Die Mathearbeit …«

»Ist Simen nicht erster Harpunier geworden, ohne auf die Seefahrtschule zu gehen?«

»Das war früher. Es ist also nicht so gut gelaufen?«

»Was denn?«

»Das ist doch keine Katastrophe. Du hast noch viele Jahre vor dir.«

»Gut …«

»Also, wie ist es gelaufen? Müssen wir die Arbeit nicht unterschreiben?«

»Ja, schon …«

»Und was ist damit?«

»Es stimmt nicht, was sie sagt, natürlich ist Fisch in dem Gratin«, unterbreche ich sie und fahre fort: »Sie begreift einfach nicht den Unterschied zwischen Fisch und Salami, Fakegratin und Fischgratin.«

Papa unterbricht mich:

»Heute Abend ist die Versammlung im Angelverein, da kann ich ja deinen Mathelehrer fragen, der dich auch morgen sicher fragen wird, warum wir die Arbeit nicht unterschrieben haben. Das ist nur eine Routinesache, damit der Lehrer deine Arbeiten vergleichen und sehen kann, wie du klarkommst. Also … können wir jetzt mal die Mathearbeit sehen?«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Sie ist verschwunden.«

»Wohin?«

»Aber ich war es nicht.«

»Du nicht?«

»Also, ich war es nicht, der sie weggenommen hat.«

»Und wer hat sie dann weggenommen?«

Zucken im Bauch:

»Die Möwe. Die Möwe hat sie genommen.«

Ich schaffe es, meine Zimmertür zu schließen, ehe sie fragen:

»Die Möwe?«

Die Möwe, Teil 2

(Nächster Tag) Mathestunde. Ich verspüre Unbehagen, es zuckt im Körper, ich schwitze. Die Stunde neigt sich ihrem Ende zu, die anderen in der Klasse holen ihre unterschriebenen Mathearbeiten heraus, meine schwimmt irgendwo zwischen Island und Grönland, dicht gefolgt von den Handschuhen.

Die anderen in der Klasse legen die Arbeit gut sichtbar auf die Tischplatte, damit der Ordnungsdienst Lena sie einsammeln kann. Ich schüttele den Kopf, als Lena mich fragend ansieht und dann die restlichen Arbeiten einsammelt, die sie dann feierlich, als ginge es um ein wichtiges Staatsgeheimnis, dem Känguru überreicht. Das Känguru blättert das Bündel rasch durch, ohne etwas zu sagen. Alle verlassen das Klassenzimmer, aber das Känguru kann noch meinen Namen rufen, ehe ich es rausschaffe.

»Komm mal her«, hängt er noch dran.

Das Känguru sieht mich an, blättert wieder das Bündel mit den Mathearbeiten durch. Sein Jackett und seine Hose ärgern mich, sehen aus wie verschwitzte Salami und fette Leberpastete, außerdem habe ich was auf dem Rücken, verdammte Köcherfliege, verschwinde, lass das, hau ab …

»Hau ab«, sage ich, ohne es gedacht zu haben.

»Was?«, fragt das Känguru.

»Nichts.«

»Ich kann deine Mathearbeit nicht finden. Hast du sie zu Hause vergessen?«

»Vielleicht.«

»Schau noch mal in deiner Tasche nach, vielleicht ist sie da drin.«

Bauch zuckt, ich schwitze, es riecht nach Ekel, die Köcherfliege scheißt …

»Ich war es nicht.«

»Du nicht?«

»Ich war es nicht, der die Mathearbeit genommen hat.«

»Dann hat also jemand die Mathearbeit genommen?«

»Ja.«

»Wer?«

»Ich nicht.«

»Und wo ist sie dann jetzt?«

»Weg.«

Bauch zuckt, ich schwitze, es riecht nach Ekel, die Köcherfliege scheißt noch mehr …

»Also, wo ist die Mathearbeit?«

»Ich war es nicht.«

»Wer war es dann?«

»Ich war es nicht, der sie genommen hat.«

»Wer hat sie dann genommen?«

Bauch zuckt, ich schwitze, es riecht nach Ekel, die Köcherfliege scheißt noch mehr, Zucken im Bauch …

»Die Möwe. Die Möwe hat sie genommen.«

»Jetzt hör auf, Witze zu machen.«

»Es war die Möwe.«

»Jetzt hör endlich auf.«

Bauch zuckt, die Köcherfliege scheißt …

»Die Möwe hat sie genommen.«

»Jetzt hör auf.«

Bauch zuckt, die Köcherfliege scheißt, ich schwitze, Kopfschmerzen …

»Die Möwe hat sie genommen …«

»Schluss jetzt …«

»Die elende Möwe kam angeflogen und hat …«

»Möwen nehmen keine Mathearbeiten mit, und jetzt hörst du auf mit …«

»Die Möwe kam angeflogen, hat die Mathearbeit zusammen mit den Handschuhen genommen und ist nach Island geflogen und hat die halbe Insel vollgekotzt …«

Ich verlasse das Klassenzimmer und verstecke mich unten beim Werkraum, direkt an der Tür. Ich lehne mich gegen die Wand, horche, nehme das Ventilatorengeräusch in mich auf, so schön und sanft, gedämpft und beruhigend, ready for take-off – Zucken im Bauch, Geräusch.

Erleichterung. Schön. Angriff vorüber. Ich würde gern schlafen.

Das Känguru erwischt mich eine halbe Stunde später, als ich gerade mit dem Bauer-Schläger und einer Milchtüte als Puck einen Schlagschuss trainiere. Ich versuche zu erklären, dass die Milchtüte voll sein muss, ein leeres Milchpaket hat nicht dasselbe Gewicht wie ein volles, die Härte des Schlagschusses wäre also nicht dieselbe. Das Känguru ist nicht sauer, nicht böse. Eher bestimmt als böse. Der Ärger scheint sich gelegt zu haben, wahrscheinlich hat das Butterbrot zum Mittag dabei geholfen. Ich soll nach der Mittagspause in das Zimmer des Rektors kommen. Dem Gespräch mit dem Rektor messe ich keine große Bedeutung bei. Es sind all die wunderbaren Gerüche, auf die ich mich so freue – das Sofa und die Bücher, der Tisch und die Auslegeware, die Backpflaumen und yes Sir.

Der Rektor ist schon in seinem Zimmer, steht am Fenster, sieht auf den Fluss hinaus. Vor mir war wieder einmal Ove, der Südsame, dran, sich anzuhören, was man tun darf und was nicht.

Jetzt bin ich an der Reihe.

»Setz dich«, sagt der Rektor.

Ich setze mich auf sein weinrotes Plastiksofa. Es duftet immer noch nach Backpflaumen. Der Rektor sieht mich an. Nach zehn, vielleicht dreißig Sekunden:

»Aha, es heißt also, du würdest behaupten, eine Möwe habe deine Mathearbeit genommen und sei damit weggeflogen.«

»Genau.«

»Genau?«

»Genau das hat die Möwe gemacht.«

»Also«, sagt der Rektor und fährt in freundlichem und sicherlich pädagogisch wertvollem Ton fort: »Wir haben alle das Recht, zu sagen was wir wollen, ohne es weiter erklären zu müssen. Aber zu lügen anstatt die Wahrheit zu erzählen … ja, wie würde die Welt denn aussehen, wenn alle herumlaufen und einander anlügen würden? Also, in Vietnam …«

Vielleicht passiert es genau in dem Moment, als der Rektor »Vietnam« sagt, dass ich den Kontakt zu ihm verliere. Ich spüre, wie ich sitze, wie schön das Weichplastik des Sofas an meiner Hose reibt, wie schön es ist, die Hand das Weichplastik berühren zu lassen, es zu streicheln, das Geräusch. Der Geruch. Ich sitze mitten in einer Backpflaumentüte, von schönen und wunderbaren Düften umgeben. Es piekst im Kopf, kitzelt, ich will bleiben, hier sitzen, in die Backpflaumentüte einziehen, halleluja, das Gehirn ist zur Stelle, der Kopf auch, keine Unglücke geschehen, alle Köcherfliegen tot, Weltmeister wie ich, Wayne Gretzky und Ingemar Stenmark und yes Sir und … und dann, in weiter Entfernung, im Hintergrund … der Waffelteig kommt näher, drängt in die Tüte, der Waffelteig wird deutlicher, blubberndes Gebrabbel, ein bestimmtes und bekanntes waffeliges Blubbern, das weitergeht, als wäre das Blubbern zwanzig Jahre nonstop gelaufen, die Waffelstimme schubst mich wieder in die Wirklichkeit, zurück in die Schule, die Stimme wird deutlicher, und noch deutlicher und der Rektor sagt abschließend:

»… ja, so war es also in Vietnam, und du verstehst sicher … vergleichbare Dinge geschehen in der ganzen Welt, ja, Gerechtigkeit geschieht nicht von selbst, die muss man sich erarbeiten. Aber zu lügen und nicht zu sagen, wie die Dinge wirklich liegen, das ist … ja, wie würde denn die Welt aussehen, wenn alle herumlaufen und einander anlügen würden? So … nun kannst du gehen.«

Es ist, als würde ich aus einem Rausch erwachen, Zucken im Bauch:

»Backpflaumen sind gut«, sage ich, ohne es gedacht zu haben.

»Ja … doch, Backpflaumen sind gut«, sagt der Rektor und sieht weiter aus dem Fenster.

Ich drücke den Zeigefingernagel ins Plastiksofa, schön – Zucken im Bauch.

»Ja«, wiederholt der Rektor, »jetzt kannst du gehen.«

Ich gehe.

Der Rest des Tages fühlt sich gut an, als hätte sich der Backpflaumenduft ins Blut gedrängt und mir eine gehörige Dosis Schlafmittel verpasst. Zumindest ein paar Stunden lang fühlt es sich so an. Als ich nach Hause komme, muss ich vor dem Gartentor stehenbleiben, weil ein Flugzeug über das Dorf fliegt.

Es ist niemand zu Hause. An der Kühlschranktür steht, dass Papa unten in der Stadt an der Küste ist, Mama hat Nachmittagsdienst, die große Schwester trainiert Eistanzen, die kleine Schwester ist beim Treffen der Jugendtruppe von 4H. Ich toaste eine Scheibe Brot und ertränke sie in Erdnussbutter und Ahornsirup, stopfe mir das Brot in den Mund und gehe runter in mein Zimmer. Dann bleibe ich eine Stunde, vielleicht auch drei Stunden in meinem Zimmer. Spiele Hockey, zeichne ein paar Boeing 747, blättre im Walfängerguide ’78. Simens Boote sind auch diesmal mit auf der Liste, schon das dritte Jahr in Folge. Sinnlos. Vollkommen sinnlos. So gegen halb acht, kurz bevor die Fernsehnachrichten beginnen, öffne ich vorsichtig die Tür. Mama und Papa sehen immer die Nachrichten. Sie trinken Kaffee oder Tee, kommentieren, diskutieren, als würde jede Nachricht sie persönlich betreffen. Als ich jetzt die Tür aufmache, höre ich keine einleitende Fernsehmusik oder die Stimme eines Nachrichtensprechers, es ist still. Ich gehe zur Treppe. Doch. Sie sind zu Hause. Sie sitzen im Wohnzimmer, auf dem Sofa neben dem Bücherregal. Sie reden. Sie reden leise, ernst, sie unterbrechen sich nicht einmal gegenseitig. Papa steht auf, geht zum Telefon, wählt eine Nummer. Wartet. Ich schleiche näher heran, verstecke mich hinter Mamas gigantischer und hässlicher Keramikvase, die angeblich aus Kenia kommt, doch in Wirklichkeit hat die Nachbarin sie voriges Jahr auf der Gedankenbefreiungswoche im Gemeindehaus gemacht.

»Er scheint nicht da zu sein«, sagt Papa und legt auf. »Ich werde morgen in der Schule versuchen, ihn zu erwischen, vielleicht in der großen Pause.«

Dann verschwinden die Stimmen und gehen in eine Art Gemurmel über. Ich gehe wieder in mein Zimmer. Dann höre ich Schritte auf der Treppe. Papas Schritte. Er klopft an die Tür.

»Wer ist da?«, lüge ich.

»Wayne Gretzky«, lügt Papa.

»Komm rein.«

»Danke. Und, was machst du so?«

»Nachdenken.«

»Worüber denkst du nach?«

»Die Boote von Simen. Sie sind dieses Jahr wieder auf der Liste. Wie kommt denn das?«

»Simen weiß, was er tut.«

»Woher weiß er das?«

»Er hat das einfach drauf.«

»Wie, drauf?«

»So wie du. Du weißt, welchen Weg du zur Schule gehen musst. Simen weiß, wie man Wale harpuniert.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Nach zwanzig Jahren ist das ungefähr dasselbe.«

»Ich habe ihn lange nicht gesehen.«

»Er wohnt aber in Mosjøen.«

»Wann fahren wir mal hin?«

»Bald.«

»Er hat uns eine ganze Weile nicht besucht.«

»Er ist … er ist krank gewesen.«

»Simen ist erster Harpunier, so einer wird nie krank.«

»Er ist nur manchmal etwas zu durstig.«

»Aber er hat doch Geld, Millionen, schließlich ist er zum dritten Mal hintereinander auf der Liste.«

»Trotzdem ist er durstig.«

»Also, wann fahren wir nach Mosjøen und besuchen ihn und seine Schiffe? Bald?«

»Erst muss ich mit dem Freund von John Lachse fischen.«

»Mit dem Freund von John?«

»Er arbeitet mit Jugendlichen, als eine Art Arzt.«

»Warum denn?«

»Warum was?«

»Warum ist er eine Art Arzt?«

»Warum willst du erster Harpunier werden?«

»Um ins Schwarze zu treffen. Und um ein eigenes Schwimmbad im Garten zu haben.«

»Der Freund von John will kein Schwimmbad im Garten haben.«

»Und deshalb ist er eine Art Arzt geworden?«

»Naturheilarzt und Psychologe. Ja, genau. Und ich habe vor, mit ihm zu sprechen.«

»Worüber?«

»Über dich.«

»Über mich?«

»Natürlich zusammen mit dir.«

»Worüber?«

»Zum Beispiel darüber, warum die Möwe Mathearbeiten wegholt.«

»Weiß er das?«

»Auf jeden Fall wird er dafür bezahlt, sowas zu wissen.«

»Aber doch nicht so gut bezahlt, dass er ein eigenes Schwimmbad im Garten hätte.«

»Da hast du Recht.«

»Ja, das habe ich.«

Wer schert sich schon um den April?

(1978) Der Frühling lässt mich schaudern, er stört die Konzentration und macht mich schlecht gelaunt. Die Geräusche. Diese verdammten Geräusche. Die Vögel brüllen und blubbern und singen Heavy-Metal, und es pfeift in den Ohren, und ich verliere den Fokus und scheiß auf den Frühling. Die Gerüche. Diese verdammten Gerüche. Kuhscheiße, Schafkacke, Männerscheiße, Erde, nasse Erde, Wasser, verschwitzte Köcherfliegen, die Millionen von verschwitzten Köcherfliegenkindern kriegen. Ich sollte dem Frühling aus dem Weg gehen. Er ist sowieso total unnötig, steht nur dem Sommer im Weg, der meist dem Herbst und dem Winter im Weg steht. Ich liebe den Winter und hasse den Frühling. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Niemand wird mich je dazu bringen, den Frühling zu lieben oder auch nur zu glauben, dass er auch seine guten Seiten hat.

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