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Herr Tourette auf Tour

Über den Autor

Pelle Sandstrak hat unter anderem als Bestatter und Stand-up-Comedian gearbeitet. Heute reist er mit seinem Programm »Mr. Tourette och jag« (Herr Tourette und ich) um die Welt. Er schreibt Theaterstücke, hält Vorträge und veröffentlichte bereits eine Sammlung von Kurzprosa mit dem Titel »Nu är nog det värsta över« (Jetzt ist das Schlimmste wohl vorbei). Der erste Teil seiner Autobiografie, »Herr Tourette und ich«, war ein Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Pelle Sandstrak lebt in der Nähe von Stockholm und in Nordnorwegen. Zurzeit arbeitet er am dritten Teil seiner Autobiografie.

Pelle Sandstrak

Herr Tourette
auf Tour

Die Abenteuer eines
glücklichen Menschen

Aus dem Schweidischen von
Susanne Damann
Mit Illustrationen von Johanna Salenius

Inhalt

Einleitung

Fakten 2011

Ein sturer Hund

Lofoten, Norwegen

Was hast du vor einer Viertelstunde gemacht?

Osnabrück, Deutschland

Kein Grund zur Sorge

Wolfsgraben, Österreich

Und wie war’s in Kristinehamn?

Logbuch Kristinehamn – Kabul

Kishmish und eine Sackrattenmütze

Kabul, Afghanistan

Das kriegen wir hin

Neufundland, Kanada

Close-to-hell-espresso

Indianapolis, USA

Flower Island

Palawan, Philippinen

Mr. Crossfire

Ljusdal, Schweden

Auf dem Kvissedeforsen

und eine Fahrt mit dem Krankenwagen

Epilog für die deutsche Ausgabe

Über den Autor

Einleitung

Ein langer, schlaksiger Professor steht direkt vor mir, er bewegt sich wie John Cleese und sieht auch so aus. Und plötzlich sagt er das, worauf ich fast mein ganzes Leben gewartet habe:

»Sie haben das Tourette-Syndrom. Und Sie sind zu siebenundneunzig Prozent schwerbehindert.«

Siebenundneunzig, denke ich. Das ist doch gar nicht schlecht. Wenigstens bin ich nicht hundert Prozent behindert.

Ich frage den Professor, warum er nicht hundert Prozent sagt, will wissen, wofür die letzten drei Prozent stehen.

Er antwortet augenblicklich:

»Siebenundneunzig Prozent schwerbehindert. Drei Prozent Hoffnung.«

Zehn Jahre später sitze ich gemeinsam mit einem Freund in einer Bar in Kopenhagen. Nach Jahren der Therapie mit Erfolgen und Niederlagen bin ich jetzt so gesund, wie ich sein möchte. In der Zwischenzeit habe ich als Dramatiker, Schauspieler, Bestatter und Stand-up-Comedian gearbeitet. Der Freund in der Bar darf noch einmal meinen Monolog über den in der Kulturwelt herrschenden Mangel an Geschichten und Bücher ohne Sinn anhören … Doch diesmal unterbricht er mich:

»Jetzt hör mal auf zu jammern, erzähl lieber deine eigene Geschichte.«

»Meine eigene Geschichte? Was habe ich für eine Geschichte zu erzählen?«, erwidere ich.

Seit zehn Jahren reise ich jetzt als Mr. Tourette in der Welt herum, aber ich kann mich an kaum ein einziges Hotelfrühstück, an kein spätes Bier an der Bar und an keine lange Schlange bei der Sicherheitskontrolle erinnern. An die unerwarteten Begegnungen und Situationen auf meinen Reisen allerdings erinnere ich mich sehr gut. Doch wie ich dort hingekommen bin, weiß ich nicht. Ich glaube, es fällt mir einfach zu, auch wenn es nicht ohne Mühe ist.

Ich bin ganz einfach ein Handlungsreisender mit der Hoffnung als Ware.

Drei Prozent.

Fakten 2011

203 Reisetage

98 Hotelübernachtungen

93 Flugreisen

54 Taxifahrten

39 Zugfahrten

18 Busreisen

12 Fähren

2 Helikopter

1 Rikscha

31040 Kilometer auf Autobahnen

18930 Kilometer auf Landstraßen

434 Hängebrücken

1034 Rondelle

340 Tunnel

809 Tassen doppelter Espresso

4 Tassen grüner Tee

80 Pfannkuchen

8 Liter Ahornsirup

212 Marzipanbrote mit Cognacgeschmack

189 Tüten Nussmischung

112 Liter Mineralwasser mit Kohlensäure und Zitronengeschmack

108 Zimtschnecken

81 Tüten Cocktailmöhren

3 gebrochene Finger

1 Gehirnerschütterung

1 Schädelbasisbruch

1 Nackenstarre

1 ausgekugelter Arm

0 Erkältungen

0 Grippeerkrankungen

50 460 Tics

Ein sturer Hund

Lofoten, Norwegen

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In Norwegen ist das Trocknen von Fisch eine uralte Tradition. Das Wort »Dorsch«, auf Schwedisch »torsk«, stammt vom altnordischen »turskr«, was Trockenfisch bedeutet. Trockenfisch ist ungesalzener Fisch, der drei Monate lang auf natürliche Weise von Sonne und Wind getrocknet wird. Dann wird er nochmals zwei bis drei Monate lang an einem trockenen und luftigen Platz im Haus nachgetrocknet. Während des Trocknens verschwinden ungefähr siebzig Prozent des Wassers aus dem Fisch, dieweil der Trockenfisch jedoch den Nährwert des frischen Fischs behält. Er ist reich an Proteinen, Vitamin B, Eisen und Kalzium. In Norwegen dient Trockenfisch als Snack oder um daraus traditionellen Stockfisch zu machen.

Der größte Teil des exportierten Stockfischs geht nach Italien, wo er eingelegt und in verschiedenen Gerichten verwendet wird. Auch heute noch ist der Trockenfisch eines der wichtigsten Exportgüter Norwegens.

Ich bin in Svolvær, eine der nordnorwegischen Küstenperlen, die im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zerbombt wurden. Als die Städte danach wieder aufgebaut werden sollten, hatte man weder Zeit noch Geld, um einen architektonischen Schönheitswettbewerb auszurufen, und das Ergebnis war in den meisten Fällen grotesk hässlich. Doch auf den Lofoten spielt die Architektur keine so bedeutende Rolle, da die Natur ringsherum von Gottes hauseigenem Architekturbüro, Mutter Natur AB, entworfen wurde. Das meiste ist atemberaubend schön und erstaunlich dramatisch. Die Menschen reisen wegen der Natur auf die Lofoten, und zu der Natur gehört auch das Wetter, das innerhalb von vierundzwanzig Stunden alles von Regen über Hagel bis zu sengender Sonne zu bieten imstande ist. Im Sommer werden die Inseln von Wohnwagen mit europäischen Touristen heimgesucht. Die Lofoten sind schmal, eng und lang, und in der Hochsaison bilden sich kilometerlange Schlangen von Wohnwagen, die sämtlich ganz im Süden der Insel, in Å, wenden werden. Wenn sie dann gewendet haben und wieder in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind, bilden sie erneut eine kilometerlange Wohnwagenschlange. Das Wohnwagenleben auf den Lofoten erschöpft sich also mehr oder weniger im Wenden in Å. Und im Schlangestehen. Darauf warten, dass der Wohnwagen vor einem parkt, rückwärtsfährt oder beides. Die Wohnwagenbesitzer ihrerseits kann man in zwei Kategorien einteilen:

Die einen haben ihr eigenes tiefgefrorenes Essen aus Bayern, Frankreich oder Italien dabei. Die kaufen nichts in den örtlichen Läden, angeln aber ein paar Wochen lang wie die Verrückten. Den gefangenen Fisch frieren sie ein und nehmen ihn mit nach Hause in ihre eigene Euroküche. Sie geben, abgesehen von akuten Notwendigkeiten wie der Ambulanz oder dem örtlichen Bootsverleih, keine einzige Krone in Norwegen aus. Obwohl sie noch nie auf See waren, sind sie überzeugt davon, ein Boot auf dem Atlantik im Griff haben zu können. Die andere Gruppe besteht aus Schweden, Dänen, Finnen und Holländern. Sie haben eine Einstellung, die der norwegischen ähnelt, und sind deshalb beliebt, weil sie nichts dabeihaben, ihr eigenes Abendessen angeln, die Lebensmittel ansonsten beim örtlichen Händler kaufen und unentwegt darüber klagen, wie teuer alles ist.

Die Amerikaner stellen eine Art dritter Kategorie dar. Sie gleiten in Kreuzfahrtschiffen an den Lofoten vorbei und finden alles ungeheuer schön, sind aber überrascht, dass Island so wenige Vulkane hat. Aber sie sind fröhlich, trotz des isländischen Regens. Im Laufe des Herbstes kommt die wahre Seele der Lofoten zum Vorschein. Dann sind die Einwohner von ihrem Urlaub in Schweden oder Thailand zurück, der Regen stabilisiert sich, die Dunkelheit drängt sich auf, und der Alltag nimmt seinen Lauf.

Ich sagte, ungeachtet des Honorars, für einen Vortrag zu, um die Möglichkeit zu bekommen, die Lofoten im Oktober zu besuchen. Nach dem Vortrag setzte ich mich in den Mietwagen, der mich die circa vierzig Kilometer nach Leknes bringen sollte. Vierzig Kilometer auf den Lofoten entsprechen ungefähr hundert zu fahrenden Kilometern an anderen Orten. Mir war das Gerücht zu Ohren gekommen, dass mein Lieblingssnack Trockenfisch eben in der Gegend von Leknes in besonderer Qualität zu bekommen sei. Ein Mann namens Michaelsen im Hafenhotel in Henningsvær sollte nähere Informationen besitzen, wo in Leknes dieser berüchtigte Trockenfisch zu kriegen sei. Nun sind zwar die ganzen Lofoten voller Trockenfisch, doch dieser sollte von besonderer Klasse sein.

Als ich ein paar Kilometer später nach Henningsvær komme, bin ich ziemlich müde, und zwar weniger von der kurvenreichen und unebenen Straße, sondern mehr aufgrund des monotonen Geräuschs der Scheibenwischer, die jede Form von Wachheit aus dem Körper wischen. Als ich das letzte Mal in Henningsvær war, im August vor ein paar Jahren, saßen wir draußen im Café und tranken Espresso, drängelten uns mit Franzosen in der Schlange beim Bäcker und machten eine Kunstführung mit. Heute stehen auf dem Parkplatz nur ein kleinerer Lieferwagen und mein Mietwagen. Die Stille dominiert, nur einzelne dröhnende metallische Laute von einem Lastkahn weit draußen im Hafenbecken zeugen davon, dass es tatsächlich Menschen in dem Ort gibt. Ich gehe zur Hotelrezeption und drücke auf die Klingel, doch nichts geschieht. Ich warte noch ein paar Minuten, klingele erneut, doch niemand taucht auf. Als ich gerade gehen will, kommt ein junger Handwerker vorbei, ich versuche es:

»Ist Michaelsen da?«

»Michaelsen?«

»Ja?«

»Der ist nach Svolvær.«

»Svolvær? Wann ist er gefahren?«

»Vor einer Stunde.«

Michaelsen, meine Insiderquelle für die örtliche Trockenfischmafia, ist also nach Svolvær gefahren, das ich vor knapp zwei Stunden verlassen habe. Wir müssen uns ungefähr auf der Hälfte der Strecke begegnet sein. Ich frage den Handwerker, ob er mir den Namen des renommiertesten Trockenfischproduzenten in Leknes sagen kann. Als er einen der Großbetriebe nennt, weiß ich, dass er keine Ahnung von der Trockenfischszene hat.

Leknes ist einer der Hauptorte auf den Lofoten mit eigenem Flugplatz, administrativen Einrichtungen und Schulen. Und Leknes ist ohne Zweifel eine hässliche Stadt. Stamsund ist netter, Svolvær grandioser, Henningsvær herzlicher, während Leknes wie eine aufgemotzte Goldgräberstadt wirkt – eine Hauptstraße, an jedem Ende der Straße ein Rondell, dessen Hauptzweck es ist, die Autos umdrehen und dieselbe Hauptstraße wieder herunterfahren zu lassen. Läden, Restaurants, Hamburgerbuden, Würstchenstände und das Einkaufszentrum »Lofotsenteret« dominieren die Storgatan. Im Ort ist Leben, sogar Bewegung, aber trotzdem liegt so ein Gefühl von Wiederholung in der Luft.

Ein Kleintraktor überholt mich innen im Rondell, das ist mir auch noch nie passiert, zumindest nicht in einem Mini-Rondell. Und dieser Traktor kracht außerdem noch fast mit einem eleganten gelbbraunen Volvo 145 zusammen.

Ich mache einen Spaziergang die Storgatan entlang, um mehr Informationen über erstklassigen Trockenfisch zu sammeln. Ich frage eine freundliche Frau hinter einem Delikatessentresen im Einkaufszentrum, doch sie hat noch nichts davon gehört. Dann frage ich im Sportgeschäft, doch die haben auch keine Ahnung, sondern nennen mir denselben Großbetrieb, den auch der Handwerker in Henningsvær erwähnt hat. Langsam macht es mich müde, dass niemand hier etwas von dem zu wissen scheint, was eigentlich allen geläufig sein müsste. Ich frage zwei Herren mit Kappen auf dem Kopf vor dem Postamt. Sie antworten:

»Macht verdammt guten Fösch.«

»Verkauft nur samstachs.«

»Aber heute ist Mittwoch.«

»Da müssen Sie wohl bis Samstach warten«, sagen sie und lachen, »außerdem isser unterweechs.«

»Unterwegs?«, frage ich.

Sie zeigen auf einen gelbbraunen Volvo 145, der vor der Polizeistation geparkt ist.

»Da störn Sie besser mal nich«, sagt einer der Männer.

Der Volvo steht ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt, und als ich auf das Auto zuwandere, rollt es langsam an. Obwohl er dabei ist, mich zu überfahren, scheint mich der Mann im Volvo nicht zu sehen. Wahrscheinlich will er nicht gesehen werden, nehme ich an, stürze mich aber trotzdem in meinen Leihwagen und folge dem Volvo und seinem Besitzer, der mein Trockenfischproduzent sein könnte. Ich schaffe es nicht, mich aufdringlich zu fühlen, weil der Mann im Volvo wie ein Verrückter fährt. Wenn es nicht überhaupt nur eine Straße gäbe, dann hätte ich ihn sofort verloren. Nach ein paar Kilometern biegt er rechts ab und fährt noch etwa einen Kilometer einen langen steilen Abhang hinunter. Er verschwindet hinter einem Hügel, und hinter dem Hügel liegt das Meer und etwas, was vermutlich Flesa heißt. Ich fahre vorsichtig den Abhang hinunter, und als ich mich dem Hügel nähere, erkenne ich das Dorf, das früher einmal ein lebendiger Fischerort gewesen sein muss, einer von den vielen ehemals lebendigen Fischerorten auf den Lofoten. Ich habe den Mann verloren, und mir ist rätselhaft, wohin sein Auto verschwunden sein könnte, weil die Straße aufhört. Vor mir liegt eine Reihe von Fischerhütten und Booten und ein von der Tide arrangiertes Fußballfeld aus Sand, Muscheln und Seegras. Ein paar hundert Meter entfernt davon sehe ich große, wie Stative wirkende Konstruktionen in die Luft ragen. Auf denen wird der beste Trockenfisch der Welt gemacht. Das ist ein schöner und friedvoller Anblick fürs Auge. Es liegt ein besonderes Gefühl in der Luft, das Kleine im Großen, der Wind, der Geruch. Ich bin am richtigen Ort. Tics – Zucken im Bauch, Händeklatschen, kleines Geräusch.

Ein Mann in blauem Overall und mit Kappe auf dem Kopf kommt auf mich zu. Ich gehe ihm sofort entgegen – das ist ein Trick, der ausgezeichnet funktioniert, wenn man nicht weiß, was der andere will. Stehen zu bleiben und abzuwarten verleiht dem anderen Überlegenheit, ihm physisch zu begegnen schafft hingegen ein ausgeglichenes Machtverhältnis.

Der Mann hat ein zerfurchtes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer Hakennase. Seine Haare sind ein einziges Durcheinander, an den Ohren kurz, oben auf dem Kopf verstrubbelt, er ist unrasiert, hat buschige Augenbrauen und auffällige Narben und Verletzungen am Hals. Und er wirkt müde. Als wir aufeinandertreffen, strecke ich die Hand aus und sage entschieden:

»Pelle.«

Er sieht mich abschätzig an.

»Warum verfolgen Sie mich?«

»Trockenfisch. Habe gehört, dass es hier den besten gibt.«

»Wer sagt das?«

»Eine Frau in Svolvær.«

»Sind Sie heute von Svolvær gekommen?«

»Werde heute Abend von Leknes weiterfliegen.«

»Man kann auch von Svolvær fliegen.«

»Dann hätte ich den Trockenfisch verpasst.«

Plötzlich schlägt er einen anderen Ton an:

»Vegard. Dachte, Sie wären von der Polizei. Der Volvo hat kein Nummernschild. Deshalb sind sie hinter mir her. Die ganze Zeit. Drohen mir, sie würden das Auto stilllegen. Aber das machen sie nicht. Jetzt das achtzehnte Jahr hintereinander. Da sterb ich lieber, als an den Volvo ein Nummernschild zu machen. Die wissen, dass sie nicht gewinnen können. Dass alles nur ein Spiel ist. Aber sie haben nichts anderes zu tun.«

Sein Zuhause ist eine Art selbstkomponierte Wohnwagenfischerhütte – ein klappriger Wohnwagen, der mit einer charmanten Fischerhütte verbunden ist. Den Volvo hat er rückwärts zwischen die Wohnwagenfischerhütte und einen Schuppen gesetzt, und ich spreche hier nicht von bloßem Einparken, sondern von teuflischer Präzision. Er geht zum Schuppen, hinter dem sich das Meer ausbreitet – wieder stehe ich mitten in einem Naturgemälde. Als er die mit zwei dicken Vorhängeschlössern gesicherte Tür öffnet, verspüre ich den unwiderstehlichen und ersehnten Duft von frisch getrocknetem Fisch. Der Fisch wird nach einer uralten Methode zubereitet, bei der so viel schiefgehen kann und nur so wenig richtig gut wird. Hier hängt alles von der Rohware und der Nase des Produzenten ab.

Der Verkauf geschieht direkt ab Schuppen und natürlich unter der Hand. Der beste Trockenfisch muss immer schwarz verkauft werden, denn Fisch in dieser Qualität kann man nicht über den Tresen verkaufen. In den Läden haben sie keine Ahnung und können nicht einmal den Unterschied zwischen Trockenfisch und getrocknetem Fisch sehen oder spüren. Stattdessen wählen sie den Trockenfisch der Großbetriebe, der billiger einzukaufen ist.

Er nimmt einen Dorsch und den Rücken einer Steinforelle aus einer braunen Pappschachtel. Ich bemerke, dass seine Hände zittern, in konstanten Vibrationen und unfreiwilligen Erschütterungen, die von einer Krankheit, nicht von Nervosität herzurühren scheinen. Er nimmt einen Hammer von der Wand und taucht ihn in einen Eimer Wasser, Meersalz und Tang – das ist der Essig direkt aus dem Meer. Dann legt er den Fisch auf ein Schneidebrett aus Birkenholz und klopft kleine Stückchen davon los. Er streckt mir das Schneidebrett hin und bittet mich, zu probieren. Der Fisch zergeht auf der Zunge, das Salz liegt im Hintergrund wie eine zusätzliche Überraschung, nicht wie ein anstrengendes Muss. Noch ein Stück, ich lege es auf die Zunge, kaue, sauge – erstaunlich. Er bittet mich in die Küche, um den Durst zu löschen. Die Küche liegt im Wohnwagenteil, da gibt es sogar einen Kühlschrank und diverse Schränke und Schubladen und einen hohen Zeitungsstapel, der wahrscheinlich mal entsorgt werden sollte. In der einen Ecke des Wohnwagens hat er ein Loch zur Fischerhütte gemacht. Er holt eine Flasche Leichtbier heraus, das überrascht mich, denn er ist eigentlich nicht der Typ, der Leichtbier zum Trockenfisch trinkt. Mir gießt er ein Glas ein, er selbst trinkt aus der Flasche. Als er die Kühlschranktür aufmacht, um noch eine Flasche herauszuholen, beleuchtet das Kühlschranklicht sein stark gezeichnetes Gesicht. Er wird auf die sechzig zugehen, und seine Bewegungen sind langsam. Wir trinken noch eine Flasche Leichtbier zur Steinforelle.

Als ich ihn frage, ob er schon lange hier wohnt, antwortet er: »Lange«, und als ich frage, ob er von den Lofoten stammt, antwortet er, dass er von den Lofoten stammt. Nach einer Weile sagt er noch, dass er von Austvågøy kommt, der nördlichsten Insel der Lofoten. Wir befinden uns auf dem, was man die mittlere Insel nennt, Vestvågøy. Direkt davor durchschneidet ein Fjordarm die Lofoten. Wenn man auf den Hügel hinter dem Haus steigt, kann man im Westen den Atlantik sehen und im Osten den Vestfjorden.

An der Wand hängt neben einer kaputten Wanduhr eine Tauchermaske älteren Jahrgangs. Sie hängt einfach da, und es ist unmöglich zu sagen, ob sie der Dekoration dient oder ob da einfach ein leerer Haken war.

Er reicht mir ein dickes Stück Trockenfisch, das ich mit einer weiteren Flasche Leichtbier herunterspüle. Er sieht mich an, während er mehr oder weniger konkrete Fragen darüber stellt, woher ich komme, was ich mache, wo ich wohne, was für ein Auto ich habe, wie ich von ihm gehört habe. Er wirkt auf zurückhaltende Weise neugierig.

Langsam spricht er, mit einem tiefen Bass, und wäre sicherlich vielfacher Millionär, wenn er fließend Englisch spräche und auf eine Karriere als Erzählerstimme in Hollywoodfilmen setzen würde. Als ich das sage, lächelt er ein wenig und antwortet, dass er das vielleicht mal probieren sollte, aber als ich sage, dass es nie zu spät sei, schlägt seine Stimmung plötzlich um.

»Für sehr vieles ist es schon zu spät. Und von dem, was noch da ist, weiß ich ziemlich genau, wie es enden wird.«

Ich wechsele das Thema und frage, wie viel er für ein paar Kilo haben will. Zwei Tausender, ist das genug? Er antwortet nicht.

»Haben Sie viele Kunden?«, frage ich.

»Ich lebe schließlich davon. Und ich lebe. Also habe ich Kunden.«

»Legen Sie Netze aus?«

»Ståle ist der Fischer, ich kümmere mich hier um die Sachen.«

Er erzählt, dass Ståles Vater und sein eigener Vater sich in den Sechzigerjahren ein Fischerboot geteilt haben, ehe sie jeder sein eigenes Boot bekamen und das Unternehmen vergrößerten. Beide waren bekannt dafür, geschickte Fischer zu sein. Ståle hat den Betrieb des Vaters übernommen und ist noch heute Berufsfischer. Und Vegard wohnt auch auf Ståles Grund und Boden.

»Er will nicht viel Miete, und ihm ist scheißegal, wie ich lebe, er mischt sich nicht ein. Wir waren viele Jahre lang Klassenkameraden, sind aber nie enge Freunde geworden.«

»Und Sie haben den Betrieb von Ihrem Vater übernommen?«

»Mein Alter hat mich nicht groß gefragt, ob ich den Laden übernehmen wollte, sondern hat mich einfach an Bord geparkt und mir gesagt, worauf es ankam. Wenn ich ein Leben auf dem Meer in Frage stellte, dann ließ er eine lange tränenreiche Geschichte darüber ab, was er und seine Vorfahren mit zwei leeren Händen zustande gebracht hätten.«

Wir betreten die Fischerhütte selbst, sie hat zwei Etagen und Luken im Fußboden, die einmal dazu dienten, so schnell wie möglich an Bord des Bootes und aufs Meer hinauszukommen. Seine Hände zittern immer noch, auch die Unterlippe bewegt sich unkontrolliert auf und ab. Er scheint Schmerzen zu haben, vermeidet gewisse Bewegungen. Es gibt noch mehr Gegenstände im Raum, die mich an das Meer und das Tauchen erinnern. Auf dem Tisch dient eine Tauchermaske als Aschenbecher, zur Hälfte mit ausgedrückten Joints, Streichhölzern und Silberpapier gefüllt. An der Wand hängt ein Bild von ihm und einem anderen Mann, beide tragen eine Taucherausrüstung, haben eine Zigarette im Mundwinkel und halten einander lächelnd und fröhlich im Arm. Das Bild sieht aus, als stamme es aus den Siebzigerjahren. In einer Ecke sind mehrere Zeitungsartikel an die Wand gepinnt, die alle dasselbe Thema haben: Tauchen. Neben dem offenen Kamin, vor dem ein trockener, feiner Holzstapel lagert, liegt ein Bündel Briefe. Ein altes Ledersofa, ein Gartentisch aus Plastik und ein schwarzer Schaukelstuhl stellen die Einrichtung dar. Das Bett befindet sich im ersten Stock, und es erinnert an eine große Hängematte. Auch dieses ist selbst konstruiert und hängt direkt vor einem großen Fenster, das zum Meer zeigt. In der Hängematte liegt ein Schaffell.

Es riecht muffig, klebrig und feucht. Vor dem Fenster stehen leere Bierdosen mit Pfeifenreinigern darin, unter der Hängematte liegen zwei Katzen und schlafen. Ich weiß nicht, ob die Katzen oder das Katzenfutter mehr riechen.

Vegard setzt sich aufs Sofa, ich in den Schaukelstuhl. Er macht noch ein Leichtbier auf und kämpft mit dem Kronkorken. Seine Hände zittern.

»Als Jugendlicher wurde ich plötzlich so verdammt seekrank. Ich konnte kaum ein Boot sehen, ohne speien zu müssen. Der Todesstoß war dann wohl in einem Februar, als wir weit draußen auf dem Meer waren und ich nur über der Reling hing und kotzte. Mein Alter hat mir das Gesicht mit einem Wasserschlauch abgespritzt. ›Jetzt zeig verdammt noch mal, dass du ein Mann bist‹, hat er geschrien. Er brüllte das mit Trauer im Blick. Sie mussten mich an Land bringen. Von da an war ich in Vaters Augen eine verdammte Memme. An dem Tag, als mein Alter lieber Ståle an Bord haben wollte als mich, haute ich nach Oslo ab. Mama hat hinterher erzählt, das sei einer ihrer glücklichsten Tage gewesen – nun musste sie mich nicht mehr leiden sehen.«

Vegard nimmt ein paar Streichhölzer, die er elegant zwischen den Fingern rollen lässt. Er erzählt, dass er beim Militär eine Ausbildung zum Schweißer gemacht hat, ehe er in Oslo an der Universität landete, um Soziologie zu studieren. Die Zulassung für die Universität zu bekommen war ein großer Erfolg in seinem Leben, und er hatte vor, das so richtig zu feiern.

»Hatte mich eben an der Bar niedergelassen, als ein Bekannter vom Militär zu mir kam und mich begrüßte. Thorbjørn, so hieß er. Das war damals, als die Ölbohrungen in der Nordsee anfingen, die Unternehmen riefen nach Leuten, die an dem mitarbeiten konnten, was der zukünftige Reichtum Norwegens werden würde. Thorbjørn konnte mir auf der Stelle einen Job als Taucher garantieren, weil ich ein guter Schweißer war und beim Wehrdienst den Hobbytaucherschein gemacht hatte. ›Soziologie kannst du später noch studieren‹, sagte er, ›das hier ist once in a lifetime. Wir bauen das Land auf und tragen zu seinem Wohlstand bei. Sei ein Held‹, sagte er. ›Ja, auch du. Und außerdem wirst du verdammt viel Geld verdienen.‹ Thorbjørn überredete mich, und wir fuhren nach Westen zu einer Fortbildung.«

Ehe Vegard in den Küchenteil seiner Wohnung geht, fügt er noch hinzu:

»Es gibt wohl kaum etwas weniger Memmenhaftes, als in der Nordsee nach Öl zu tauchen. Mein Alter sollte lernen, dass sein Sohn alles andere als eine verdammte Memme war. Das sollte er auf die Ohren kriegen, der alte Sack.«

Ich selbst war zu jung, um mich an die Jahre zu erinnern, in denen Norwegen das flüssige Gold entdeckte. Doch meine Eltern klebten vor dem Fernseher, wenn Nachrichten über mögliche Öl- oder Gasvorkommen gebracht wurden. Ihnen erschien ein norwegischer Ölreichtum traumhaft. Damals konnte ja noch niemand ahnen, was alles dort unter dem Meeresboden lag und wartete. Papa machte sich am meisten Sorgen wegen eines möglichen Beigeschmacks, den die Fische bekommen würden, während Mama sich fragte, wie man in Norwegen eine Bohrinsel bauen könnte. Gab es Kurse in so etwas?

Im Grunde lernten wir in der Schule nichts Erinnerungswertes über die Nordsee. Hingegen brachte man uns bei, dass eine Bohrinsel nicht umfallen kann und dass die Nordsee ein Teil des Atlantiks ist. Wir erfuhren niemals etwas über die Menschen, die draußen auf den Bohrinseln arbeiteten. In meinem Kopf blieben sie eine mystische Gemeinschaft, die alle drei Wochen in Sea-King-Helikoptern rausgeflogen wurde. Wir haben niemals ihre Gesichter gesehen, haben nie ein Interview mit ihnen gehört. Der Einzige, den wir hörten und sahen, war der Chef von Statoil, Norwegens ungekrönter König, der ein paarmal im Jahr mit einem amerikanischen Militärhubschrauber eine Charmeoffensive entlang der Küste fuhr und uns Schulkindern erzählte, dass man das Öl braucht, wenn man nicht frieren will.

»Wie lange waren Sie draußen auf der Nordsee?«, frage ich.

»Sie meinen, wie lange ich drinnen saß?«

»Drinnen?«

»In den drei Wochen, die wir draußen waren, saßen wir drinnen. Im Bunker.«

Er reicht mir das Trinkglas und entschuldigt sich dafür, dass er das Schnapsglas nicht findet.

»Habe das Glas bei Ikea gekauft. In Schweden. Vor ein paar Jahren. Hält immer noch. Die anderen fünf aus dem Paket sind weg. Keine Ahnung, was aus denen geworden ist.«

Aus einem Korb neben dem Zeitungsstapel holt er eine Zeichnung. Sie erinnert an den ersten Rohentwurf eines Architekten für ein futuristisches Haus – sich überkreuzende Pfeiler, Buchstaben, zylindrisch geformte Symbole, unzusammenhängende Ziffern. Zu Anfang kapiere ich das Bild nicht, das doch den Bunker darstellt, in dem sie gewohnt und gearbeitet haben, doch langsam geht mir auf, dass so eine kleine Hölle aussieht.

Vegard erklärt mir, dass sie sich in einem Kammersystem auf einer Fläche von achtzehn Quadratmetern bewegt haben. Dusche, Toilette, Ruheraum, alles war eins. Diese Kammer wurde auf einhundertvierzig Meter Tiefe abgesenkt. Dort zogen sie die Taucheranzüge an, kontrollierten die Ausrüstung, redeten. Und warteten.

»Die Stille war das Schlimmste. Warten und denken. Dann grünes Licht und runter ins Wasser. Vier Stunden im Wasser. Dann wieder in die Kammer. Neue Schicht. Wieder runter. Vier Stunden.«

Er fängt an, nach etwas zu suchen. Unter dem Sofa findet er ein paar stark abgenutzte Hausschuhe, die er aneinanderklopft.

»Die habe ich jetzt schon über fünfzehn Jahre. Gehen niemals kaputt. Echtes Schaffell.«

»Achtzehn Quadratmeter?«

»Mit anderen vierundzwanzig Stunden am Tag eine Zelle zu teilen ist eine zu große Belastung für die Psyche, denn die Psyche braucht auch einmal Zeit für sich allein. Wir waren drei Wochen lang Auge in Auge auf achtzehn Quadratmeter eingesperrt. Und dabei hatten wir noch nicht einmal etwas Ungesetzliches getan. Im Gegenteil, wir waren schließlich die Helden der Nation, arbeiteten rund um die Uhr, neue Bohrinseln wurden errichtet, das Geld strömte rein.«

Er macht eine Ledertasche auf, die auf dem Sofa liegt, scheint darin aber nicht nach etwas zu suchen.

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