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Herr Luna

OUVERTÜRE

1.

„Noch ist das hier mein Büro, nehmen wir uns also das Recht, ein bisschen zu stänkern. Steinchen, nu mach doch mal die Türe zu! Hast du mir das Buch und die Wanderkarte von Piešťany mitgebracht?“

Veronika Gallert reißt sich die Ohrclips herunter und knallt sie auf den Schreibtisch. Große, golden verschnörkelte Klimpergehänge mit rubinroten Schmucksteinen, diese Blut- und Rotweinfarbe passt gut zu ihr. Dann wirft die kleine Frau ihre gefährlich hochhackigen Pumps ab, die polternd in der Ecke der Zimmerchens landen, und dreht die Fußspitzen nach außen in die erste Position, dabei mit leichten Kniebeugen ein Demi-plié andeutend. Sie ist noch immer unheimlich elastisch und voller Energie, wenngleich ihr braun gebranntes Gesicht schon etwas knittrig ist und ihre muskulösen Füße mit nicht unerheblich großen Ganglien verunstaltet sind, was auch die unförmigen Ausbeulungen in den ansonsten eleganten Damenschuhen erklärt. Über 60 Jahre tanzen, tanzen, tanzen - und das in gerade einmal 65 Jahren Leben.

Viel herumgereist war sie nie. Früher in den Sommerferien die alternativlosen drei, vier Wochen Ostsee-Camping mit Gemeinschaftsdusche und gemeinschaftlichem Grillen, Schwimmen, Singen, Saufen. Später hin und wieder mal eine Woche Mallorca oder Ibiza - alles inklusive, außer Ruhe und Kultur. Und ein nerviger Tagesausflug nach Paris - zwölf Stunden Autobahn und der Louvre geschlossen, weil Dienstag. Die Theatertourneen konnte man auch nicht als Reisen mit Ausflugswert betrachten, da sie im Bus und in den Garderoben, Kantinen und Bühnengehäusen stattfanden, wo es wie zu Hause nach Schminke und Lackfarbe, nach Suppenküche und Turnhalle roch. In ihrer kleinen, so spärlich wie zweckmäßig möblierten Plattenbuchte hat sie einen tischhohen Globus zu stehen, der mit seinem biederen Möbelhausbarock zwar irgendwie in die Wohnung, jedoch nicht so recht zu ihr passt. Ein Geschenk von ihrer Tochter - die Welt ist nämlich keine Scheibe, Mutter. Mit dem Finger über diesen Globus zu reisen, ist allerdings auch keine praktikable Lösung. Denn zum einen sind in die dekorative Holzkugel die Kontinente und Meere als verschiedenfarbige Intarsien eingelegt, deren Beschriftung einem Märchenbuch entspringen könnte - nur eben nicht der geografischen Realität. Veronika hatte eines Nachts einmal nach einer ausgedehnten und rauschhaften Premierenfeier kurzerhand zur Nagelschere gegriffen und eine neue Fantasiegrenze eingeritzt, versehen mit der ungelenken Beschriftung Transsilvanien. Sie hatte die krause Eingebung, das berühmte Operettenland irgendwo auf den britischen Inseln zu verorten - kein Wunder, hatte man ja My Fair Lady gefeiert. Zum anderen dient der Globus als Mini-Bar. Man kann die Nordhalbkugel zur Seite schieben und zum Vorschein kommen die Bodenschätze: Scotch und Bourbon Whisky, Martell hors d’âge, schwerer Tokajer, klarer Obstbrand und giftgrüner Absinth. Ein Zauberglobus, für Reiseplanungen wirklich nur bedingt geeignet. Allerdings - man kann aus ihm beispielsweise einen Wodka herauffördern, um sich im Geiste auf eine Reise nach Moskau oder Sankt Petersburg zu begeben, man muss nur einen Umweg über die Küche nehmen, der Eiswürfel wegen. Doch ihr alter Schulatlas ist immerhin noch griffbereit und aufschlussreich. Sankt Petersburg gibt es darin zwar nicht, dafür aber Leningrad. Ihre Geburtsstadt Dresden hatte sie auf der Hauptseite der Deutschen Demokratischen Republik mit rotem Filzstift eingeringelt. Suchte sie westlich von Erfurt oder Magdeburg, konnte man nicht einfach die Landkarte nach links umblättern, sondern war auf kleine Pfeile mit den Angaben der viel weiter hinten liegenden Seitenzahlen angewiesen. Die Bundesrepublik Deutschland ist dort in weit kleinerem Maßstab abgebildet, sodass Veronika nur einen groben Kreis um die Gegend im Süden ziehen konnte - ihre neue Heimat. Hierfür hatte sie einen blauen Stift verwendet.

Beim Beschauen und Blättern war ihr aufgefallen, wie nah doch eigentlich Strasbourg liegt, Zürich, Salzburg. Von da aus ist es ein Katzensprung nach Venedig. Noch nie war sie dort gewesen. Oder in Budapest, in Wien. Und gleich daneben liegt ja Bratislava! Winni hatte ihr etliche Ansichtskarten von den Ausflügen während ihrer Sommerkuren geschickt. Aus der ungarischen Hauptstadt die Fischerbastei mit märchenhaften Türmchen und betörend blauem Donaublick. Aus der österreichischen Metropole den Stephansdom und, was sonst, Donau so blau. Aus der Slowakei kamen die meisten Kartengrüße: Die herrliche Pressburg - natürlich oberhalb der Donau so blau, so blau. Die markant gespannte Donaubrücke mit der wie ein schwebendes UFO anmutenden Aussichtsplattform an der Spitze der Pylone. Wie schön muss es sein, da einen Kaffee zu trinken, am besten einen Cognac dazu. Der riesige und doch filigrane Martinsdom, davor die schwarze Gedenktafel mit den Umrissen der geschleiften Synagoge. Postkarten. Abbildungen. Erinnerungen.

Fotos von Burgen und Holzhäusern, von Flussufern und Bergmassiven. Wie schön! Wieder griff sie nach dem alten Atlas, um sich einen Überblick über die vielen Teile der Karpaten zu verschaffen - mit Tatra und Fatra und Mátra und …, ach, sie hatte ja gar keine Ahnung von Geografie! Und es interessierten sie auch viel mehr die Farben, die Klänge, die Düfte. Was wird gerade blühen, wenn sie dort ist? Ob es da Wölfe gibt oder gar Bären? Vielleicht könnte sie in den Bergwäldern Wacholderbeeren fürs Sauerkraut sammeln? Weinanbau soll es auch geben, sagt der Atlas. Das ist gut. Sie könnte durch die Hänge streifen, eine Flasche Riesling in der Hand. In ein Dorfgasthaus einkehren und Kartoffelfladen mit Brimsenkäse essen. Auf der Mauer einer Festungsruine sitzen und den Eidechsen hinterherschauen, wie sie die steinerne Wand hochklettern. Und ganz ruhig werden, nicht mehr die Wände hochgehen wollen. Das Atomkraftwerk unten im Tal betrachten, ohne nervös zu sein. Sehen die weißen Kühltürme nicht majestätisch und regelrecht friedlich aus, wie sie da ihren supersauberen Wasserdampf herauspaffen? Ja, himmlisch, und jetzt eine Zigarette rauchen!

Während sie weiter ihre Gymnastik vollführt, nestelt sie in ihrer abgeschabten, aber nicht schäbigen Lederhandtasche herum, öffnet den kleinen kitschigen Flacon und tupft sich ein paar Tropfen Parfüm auf Hals und Nacken. Frisch, herb und doch mit leichter Süße verbreitet sich der Duft blühender Orangenbäume. Wohlgestimmt bemerkt sie auf dem Schreibtisch einen Stapel von Landkarten und Reiselektüre, auf Wilko ist eben Verlass.

Immer noch auf- und niederwippend, holt sie ein golden verschnörkeltes Feuerzeug und die Schachtel mit den langen dünnen Zigaretten hervor, zündet sich eine an, saugt mit geschlossenen Augen tief den ersten Zug ein, lässt unvermittelt die Spannung aus ihrem Körper weichen und sich in den schwarzen Ledersessel fallen, atmet ganz langsam mit einem leisen „phhhhhhhh“ den Tabakrauch aus den gespitzten, purpurrot geschminkten Lippen, die wie eine reife Frucht in der herbstlichen Landschaft ihrer Mundpartie prangen, öffnet die Augen wieder, fährt sich mit einer Hand heftig reibend und grabend durch den fesch blondierten Kurzhaarschopf und fixiert ihr Gegenüber mit heiterem Blick:

„Apropos stänkern, Steinchen - erinnerst du dich an deinen ersten Tag hier im Theater?“

Wilko Hartenstein lehnt am Türrahmen, ein Bein noch im Büro, aber eines schon im Flur, weil er eigentlich gleich wieder zur Bühne will. Er genießt verstohlen den sächsischen Nachklang von Veronikas Ansprache, Heimat, und muss einen Moment überlegen:

„Wieso stänkern? An den Drachentanz kann ich mich erinnern, weil ich schon recht verwirrt war, als frisch gebackener Ballettrepetitor nicht am Klavier sitzen, sondern mit einem seidenen Untier an langen Holzstöcken über die Probebühne jagen zu sollen. Du hast mich angeschrien ‘Nicht die Brust durchstoßen!’, als ich gar zu ungeschickt hantierte.“

„Genau, genau, oder, sagen wir, fast genau, Wilko, denn unsere Drachenjagd war nicht an deinem ersten Arbeitstag, sondern am zweiten! So etwas merke ich mir immer ganz genau, wie du weißt. Am ersten Tag habe ich dir vorgeführt, wie Theater geht. Versuch dich zu erinnern. Und nu mach endlich die Türe zu, der Feind lauscht überall. Und setz dich einen Augenblick zu mir! Ich mag jetzt nicht allein sein. Lass uns bissel über früher reden.“

Für Wilko war sie immer Tante Veronika gewesen bis zu dem Tag, an dem er sein erstes Engagement in dem Theater antrat, in dem sie arbeitete. Tante Veronika war Mutters beste Freundin. Sie kannten sich durch ihre Arbeit. Mama bildete an der Musikhochschule junge Pianisten aus, woraus Solisten natürlich nur im Promillebereich hervorgingen und der größte Teil, wenn er überhaupt der Musik als Beruf treu blieb, als Repetitoren oder Studienleiter in die Theater der damaligen DDR ausschwärmte. Winnifred Hartenstein legte Wert auf Praxisnähe, weshalb sie ihre Schützlinge auch oft bei deren Praktika in den Dresdner Theatern besuchte. So traf sie eines Tages im Operettenhaus auf Veronika Gallert, die hier als Choreografin und Ballettmeisterin arbeitete, nachdem sie ihre Tanzkarriere am Opernhaus mit Ende Dreißig beenden musste. Einer von Winnifreds Schülern begleitete eine Ballettprobe und tat sich schwer mit einem Walzer. Als die Tanzchefin gerade noch dabei war, ihre Leute als klassische Ziegen und tapsige Drehrumbums zu kritisieren, fuhr die Klavierchefin heftig dazwischen:

„Das liegt aber auch an meinem Meisterpianisten! Darf ich mal?“

Und noch ehe die verdutze Gallert antworten konnte, stampfte die Hartenstein durch den Probenraum, zerrte ihren Zögling beherzt vom Hocker, begann die Walzermelodie aus voller Kehle zu singen und mit ihm dazu durch den Ballettsaal zu wirbeln:

„Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei,

Wal-zer und Fröh-lich-keit!

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei,

Blut und Lust sind da-bei!

Ramm-tamm-tamm,

ramm-tamm-tamm …

Mann! Du bist doch kein Apotheker! Lass dich einfach mal gehen! Das Klavier ist doch auch keine Nähmaschine! Tanz auf den Tasten! Du kannst das! Ramm-tamm-tamm, Le-bens-lust!“

Sodann entschuldigte sie sich lachend beim Ballett:

„Wenn eure Chefin mit euch meckern darf, dann darf ich das auch mit meinem Studenten. Ihr seid alle gut, aber ihr könnt noch mehr. So. Und jetzt weitermachen.“

Veronika klatschte darauf sofort in die Hände:

„Genau, genau! Los, es geht weiter! Oder soll ich in die Kantine gehen und der Frau Hartenstein das Zepter ganz in die Hand geben - so, wie die Walzer tanzen kann? Die würde euch aber auf Trab bringen!“

Der blasse Klavierstudent musste grinsen, die Tänzerinnen und Tänzer kicherten und die zwei Frauen nickten sich lächelnd zu. Später in der Probenpause beim Kaffee fragte Veronika:

„Sie sind ja ein richtiges Theaterpferd, aber wie haben Sie das mit dem Apotheker gemeint?“

„Ach herrje, ich hätte auch Beamter oder Mathelehrer sagen können, Frau Gallert, aber mein Exmann ist Apotheker, verstehen Sie? Oberpharmazierat! Mich bringt solch hölzerner Umgang mit Musik einfach auf die Palme - Pedanterie statt Gefühl, Bürokratie statt Einfühlungsvermögen. Apotheker eben.“

„Nuja, nuja, mein mir von Gott zugemuteter ehemaliger Ehemann ist Schauspieler, und ein guter, aber glauben Sie mir, zu viel Einfühlungsvermögen in die Künste, insbesondere in junge Musikerinnen oder Regieassistentinnen, tut auch nicht gut. Ich heiße Veronika. Darf ich Sie mit einem Piccolo bestechen, damit ich Winnifred zu Ihnen sagen kann?“

Das Sektgelage wurde noch am gleichen Abend in der Hartenstein-Villa auf den Elbhängen, dem der heiter-resoluten Winnifred anheimgefallenen Vermögen aus der zerbröselten Ehe mit Herrn Oberpharmazierat, fortgeführt. Bei schönster Aussicht über die barocke Altstadt wurde auf die Männer und auf den Staat geschimpft. Kochen konnten beide nicht, sodass Erdnuss-Engerlinge und Salzstangen hinreichend erschienen. Da Veronika als Gastgeschenk eine Schallplatte mit historischen Aufnahmen berühmter Operetten mitgebracht hatte, wich alsbald der auf einer opulenten nichtsozialistischen HiFi-Anlage chopinspielende Pollini den knisternd schwelgenden Melodien von Lehár, Strauß, Kálmán und Lincke. Und als in jener lauen Sommernacht auf der perlweinglitzernden Terrasse der kleine Wilko im Frottee-Schlafanzüglein auftrat, um zu fragen, wann Papa ihn wieder besuchen komme, mussten die beschwipsten Theaterfrauen heulen.

Der Aschenbecher ist randvoll, Veronika sitzt schmächtig und mit abwesendem Blick in ihrem Bürosessel. Wilko öffnet das Fenster, um zu lüften.

„Tante Veronika, auch wenn du irgendwie zu unserer Rumpffamilie gehört hast, hatte ich doch einen Heidenrespekt vor Dir, als ich hier meinen Dienst begann. Jetzt weiß ich auch wieder, wie du mir mit einem Schlag dein Theaterprinzip aufgezeigt hast! Der Matthias Graupner war damals auch ganz neu und du hast nicht viel von ihm als Regisseur gehalten. Wir standen im Foyer, du, der alte Kapellmeister Fricke-Seifert und ich. Du warst so wütend über das, was da auf den Proben passierte, oder besser gesagt darüber, was nicht passierte. Und dann kam dein Satz: Kommt Männer, na los, Frickelchen und Steinchen! Wir setzen uns jetzt mal ganz unauffällig in die Probe. Und dann… stänkern wir ein bisschen!“

Veronika schaut mit koketter Verschämtheit zu Boden.

„Ach du liebes Herrgöttle zu Biberach, der Graupner ist schon ein guter Kerl, aber manchmal so hilflos! ‘Komm her geh weg!’ ist so ein Satz von ihm, über den ich mich immer wieder zerbröseln könnte. Oder wie er neulich die alte Müllern angefahren hat: ‘Spielen Sie doch nicht so, spielen Sie lieber!’ Aber so sind die Regisseure. Erinnerst du dich an den drolligen Österreicher, den Karli Aiblinger, der mir auf einer Stellprobe vor meinem ganzen Ballett einmal zurief: ‘A Schmarrn ist das Gehüpfe! Ihr seid dumm, aber lieb.’ Ich war sprachlos, auch wenn du dir das vielleicht nicht vorstellen kannst…“

In ihr unbekümmertes Lachen hinein krächzt aus dem Wandlautsprecher die Ansage:

„Die Probe geht weiter, meine Herrschaften, die letzte für diese Spielzeit. Herr Graupner bitte zur Bühne, Herr Wasserkorn, Frau Gallert, Herr Hartenstein, die Damen und Herren des Opernchores, die Damen und Herren des Balletts. Die Solisten haben Feierabend, nur die Luna nochmal kurz zur Stellprobe, Frau Nakamura bitte. Wir beginnen in fünf Minuten.“

Generalmusikdirektor Wilhelm E. Wasserkorn steht verlassen und zusammengesunken auf dem Gang, trommelt nervös mit den Fingern an die Fensterscheibe, die den Blick auf einen gelblichgrauen, gesichtslosen Verwaltungsbau freigibt. Veronika tippt ihn an die Schulter:

„Wir müssen zur Probe! Geht’s Ihnen nicht gut?“

„Frau Gallert! Hallo! Sie sind mir ja auch so eine…“

„Bitte, wie meinen?“

„Ach naja, der Graupner hat nur Probleme hier! Und Sie können ihn ja auch nicht leiden.“

„Wilhelm, wovon reden Sie?“

„Sie sollten den Mann unterstützen…“

„Also was soll das, was ist denn los? Der ist doch ein guter Regisseur. Nur eine andere Generation eben. Ich hab ihm doch gar nichts getan! Was, zur Tarantella, meinen Sie, Wasserkorn?“

„Seit ich hier bin, in Nachfolge Ihres liebwerten Freundes Fricke-Seifert, Gott hab’ ihn selig, liebe Veronika, erlebe ich andauernd nur, dass der Andreas attackiert wird. Zu jung, zu unmusikalisch, zu verkopft, zu gerade. Und nun redet ihm auch noch der Bürgermeister drein!“

Die Gallert ist einigermaßen verstört:

„Was? Das geht doch gar nicht! Ich kann Ihnen überhaupt nicht folgen.“

Nach wie vor höchst nervös, versucht der Musikdirektor zu erklären:

„Der städtische Kulturreferent hat den Graupner angerufen und ihn allen Ernstes gefragt, ob er sich das Stück schon mal angehört habe.“

„Oh Gott, das ist ja wie früher im Osten! Der Kulturonkel aus dem Rathaus hat unseren Regisseur angerufen und tatsächlich gefragt, ob er sich das Stück, an dem er seit Wochen heruminszeniert, schon jemals angehört hat? Ha…!“

„So ist es, liebe Gallert, so ist es. Dieser junge schwäbisch-dynamische Anzugträger von der Amtei da drüben, dieser smarte Herr Doktor Dyrr, meinte, man möge doch die Berliner Luft nicht bringen. Man kenne doch die Probleme, die es in Berlin in Bezug auf die Schwaben gebe. Man solle doch lieber einen Marsch spielen, der hiesiges schwäbisches oder wenigstens württembergisches Lokalkolorit vermittle. Man wisse doch, dass es in Operetten ganz normal sei, zu extemporieren und stückfremde Nummern einzulegen. Man kennt sich aus im Stadtrat! Idioten, alles Idioten!“

„Du lieber Himmel! Maestro, was glauben Sie denn, warum ich damals abgehauen bin? Doch wohl nicht, damit uns hier und heute Politfunktionäre erklären, wie Theater geht! Die sind doch alle nur mit Menschenhaut überzogen. Aber warten Sie mal ab. Ich habe heute noch ein Interview mit der Tageszeitung, da kann ich das gleich zurechtrücken. Dann ist die Lunte gelegt und der Zirkus geheizt. Natürlich spielen wir die Berliner Luft-Luft-Luft, sonst platzt der Mond! Dem Chef werde ich auch gleich noch einheizen. Ich hoffe doch sehr, dass unser Intendant nicht nur ein Spielgefährte der Mächtigen ist, sondern auch ein mächtiger Spielleiter. Freiheit der Kunst und so weiter. Kommen Sie, wir müssen!“

Veronika eilt zur Inspizientenseite. Auf der Hinterbühne ist es seltsam still. Offenbar sind alle noch in der Pause. Wieso ruft man sie so dringend ein, wenn hier niemand ist? Sie verlangsamt ihren Schritt. Man weiß in diesem rembrandtschen Halbdunkel nie, was die Requisite wieder irgendwo vergessen hat, woran man krachend und scheppernd anstoßen oder worüber man elendiglich stolpern und sich die alten Knochen brechen kann. Es ist wirklich finster. Nicht einmal auf der Bühne ist vernünftiges Arbeitslicht, die sparen mal wieder mächtig. Nur ein Spot funzelt irgendwie aus einer Brücke und beleuchtet glimmend den Flügel, der mitten auf der Bühne steht, wo er, verdammt noch mal, bei einer Arbeitsprobe mit Ballett nun weiß Gott nichts zu suchen hat. Und der Bühnenboden müsste auch mal wieder gewischt werden. Ein Saustall, dieses Theater! Sie betritt mit vorsichtigen Schritten und dem höchst ärgerlichen Gesicht, das sie hier oft genug aufsetzen muss, aus der Gasse heraus die Bühne. Da sitzt doch Steinchen am STEINWAY! Aber noch ehe sie eine giftige Frage herauszischen kann, schlägt Wilko ein paar Töne an, geschmeidig wie Geigenschnörkel, humpelnd wie ein später Walzer. Der junge Tenor, der frisch von der Hochschule kommt und eine ganz nette Stimme, ansonsten aber keine Ahnung hat, wie heißt der nochmal, tritt zeitlupenhaft aus dem Schwarz der gegenüberliegenden Gasse und beginnt, während er mit tenortypisch offenen Armen zur Bühnenmitte schreitet, zu tönen:

Blick doch um dich mit klaren, frohen Augen,

dann macht auch dir die Welt ein froh’ Gesicht,

ei, sprich, wozu soll’n denn die Grillen taugen?

es ändert sich dadurch dein Schicksal nicht.

Warum in ungewisse Fernen eilen,

es führt dich in Gefahr des Irrlichts Schein!

Wo man dich liebt, nur da musst du verweilen,

wo man dich liebt nur, kannst du glücklich sein.

In Zeitlupe bewegt auch sie sich auf die Mitte der Bühne zu. Noch steht das Pianoforte zwischen ihr und dem Sänger. Gegen inneren Widerstand realisiert sie, dass dies heute ihre letzte Probe als Ballettmeisterin an diesem hohen Hause ist und dass sie demnächst, wenn die Theaterferien vorüber sind, nur noch als Pensionärin und Gast die Luna-Proben zu Ende bringen wird und auf Wunsch des Intendanten für eine Tannhäuser-Inszenierung im kommenden Jahr eine kleine Massen-Choreografie der herumwabernden Bacchantinnen, Adelsleute und Pilger übernehmen soll. Etwas verschwommen nimmt sie wahr, wie ihre Tänzer ungeschminkt und in Trainingsklamotten auf die Bühne kommen, ganz ohne Tanzgehabe, aber voller Spannung und Beklommenheit. Sechszehn schöne junge Frauen und Männer, Asiaten, Afrikaner, Inder, Berliner und Schwaben umringen den Tenor, den schwingend Klavier spielenden Wilko und sie. Einige knien nieder oder legen sich ihr zu Füßen, fast ohne Tanzgehabe. Das Licht wird etwas aufgezogen, und da ist ja auch der ganze Opernchor! Leise, was selten ist und schön, summt er:

Schlösser, die im Monde liegen,

bringen Kummer, lieber Schatz.

um im Glück dich einzuwiegen,

hast du auf der Erde Platz!

Die alte Dame will die Augen schließen, aber damit würden die aufsteigenden Seelenwasser ja erst recht herausgepresst werden. Das sucht sie zu verhindern und starrt scheinbar unbewegt auf den leicht schräg stehenden Deckel des schwarzen Flügels, in dem sich Teile der Obermaschine und der Seitenbühne - Vorhänge, Scheinwerfer, Metallstangen, Holzbretter - und Menschen spiegeln. Ihr wollt mich loswerden? Ihr wollt mich nicht loswerden? Ihr liebt mich? Ihr liebt mich nicht?

Wenn Schnee und Eis die Erde rings bedecken,

ruht wie im Todesschlummer Wald und Flur.

Doch naht der Lenz, dann wird sein Hauch erwecken

zum neuen Leben herrlich die Natur!

Und will dein Herz verzweifeln und verzagen,

bau auf die Zukunft frisch und wohlgemut.

Der Sonnenschein folgt trüben Regentagen,

drum harre aus, es wird schon alles gut.

Jetzt muss zwingend noch einmal der Mondschlösser-Refrain kommen, auf dem Klavier wird er schon humpelnd und geigenschnörkelig intoniert, doch das Ensemble schweigt.

Intendant Kayserberg - wo, zum Kuckuck, kommt der nun noch her? - spricht auf die süßliche Musik würdevoll den wahrscheinlich gut gemeinten Refrain:

„Schlösser, die im Gestern liegen, bringen Kummer, liebe, verehrte Veronika Gallert. Genießen Sie ihren Ruhestand bitte mit dem Blick nach vorn. Wir danken Ihnen für die vielen Jahrzehnte Ihrer Theaterarbeit in Ost und West und die turbulente Zeit bei uns. Hier in diesem Haus haben Sie immer einen Ehrenplatz.“

Blumen. Beifall. Bussis. Bravorufe. In ihrem Kopf reimt sarkastisch der nimmermüde Gallert-Teufel:

Tränen, die ins Leere fließen,

bringen Kummer, lieber Schatz.

Den Ruhestand soll ich genießen!

Was nutzt mir ein Ehrenplatz…?

Da weint doch tatsächlich ein Ballettmädel! Patricia weint, und zwar ganz bitterlich. Etwas weiter hinten tuscheln zwei Chorsängerinnen miteinander. Wilko Hartenstein starrt geistesabwesend auf die Tasten, als hätte er gerade einen Rachmaninow überstanden. Er spürt, dass eine Ära zu Ende geht. Dann geht das Arbeitslicht an und die Bühne zeigt sich in ihrer ganzen Pracht, der Pracht einer Werkhalle.

Bis Punkt dreizehn Uhr - auf die Dienstzeiten achten Frau Personalrätin Ungedeih und Herr Chorvorstand Tunichtgut stets ganz genau - wird noch an der Mondrevue geprobt. Urlaubsstimmung dräut: Wir werden ja bezahlt, auch wenn wir nichts tun. Und wenn wir uns eine Papiertüte über den Kopf stülpen müssen, weil der blutleere, aber berühmte Regisseur sich das so ausgedacht hat, dann bekommen wir fünfundzwanzig Euro extra. Pro Vorstellung. Veronika, die ja eigentlich milde gestimmt sein sollte, ob des herzlichen ...

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