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Herr Lehmann

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1. DER HUND
  5. 2. MUTTER
  6. 3. FRÜHSTÜCK
  7. 4. MITTAGESSEN
  8. 5. KAFFEE UND KUCHEN
  9. 6. ABENDBROT
  10. 7. SPÄTER IMBISS
  11. 8. STAR WARS
  12. 9. ZIGARETTE
  13. 10. KUDAMM
  14. 11. HOTELFOYER
  15. 12. GASTMAHL
  16. 13. KUNST
  17. 14. WIEDERVEREINIGUNG
  18. 15. HAUPTSTADT
  19. 16. KLARE WORTE
  20. 17. ÜBERRASCHUNG
  21. 18. ZIVILDIENST
  22. 19. URBAN
  23. 20. PARTY

1. DER HUND

Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging. Er war müde und abgestumpft, er kam von der Arbeit im Einfall, einer Kneipe in der Wiener Straße, und es war spät geworden. Das war kein guter Abend, dachte Herr Lehmann, als er von der westlichen Seite her den Lausitzer Platz betrat, mit Erwin zu arbeiten macht keinen Spaß, dachte er, Erwin ist ein Idiot, alle Kneipenbesitzer sind Idioten, dachte Herr Lehmann, als er an der großen, den ganzen Platz beherrschenden Kirche vorbeikam. Ich hätte die Schnäpse nicht trinken sollen, dachte Herr Lehmann, Erwin hin, Erwin her, ich hätte sie nicht trinken sollen, dachte er, als sich sein Blick zerstreut in den Maschen der hohen Umzäunung des Bolzplatzes verfing. Er ging nicht schnell, die Beine waren ihm schwer von der Arbeit und vom Alkohol. Das mit dem Schnaps war Quatsch, dachte Herr Lehmann, Tequila und Fernet, morgen früh wird es mir schlecht gehen, dachte er, Arbeiten und Schnapstrinken verträgt sich nicht, alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch, dachte er, und gerade ein Typ wie Erwin sollte seine Angestellten nicht noch zum Schnapstrinken überreden, dachte Herr Lehmann. Er kommt sich noch großzügig dabei vor, wenn er die Leute zum Schnapstrinken überredet, dachte Herr Lehmann, dabei tut er das bloß, um selbst einen Vorwand zum Saufen zu haben, aber andererseits, dachte er, ist es auch nicht richtig, die Verantwortung auf Erwin abzuwälzen, am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt.

Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen, dachte Herr Lehmann, als er sich der anderen Seite des Lausitzer Platzes näherte, jeder muss selber wissen, was er tut und was nicht, und nur weil Erwin ein Depp ist und einen zum Schnapstrinken überredet, heißt das noch lange nicht, dass Erwin schuld ist, dachte er, aber er dachte auch mit Genugtuung an die Flasche Whisky, die er heimlich hatte mitgehen lassen und die in der großen Innentasche seines langen, für einen Septembertag im Grunde viel zu warmen Mantels steckte. Er selbst hatte zwar keine Verwendung für Whisky, denn er trank ja im Prinzip schon lange keinen Schnaps mehr, aber Erwin musste immer mal wieder bestraft werden, und Herr Lehmann konnte die Flasche zur Not seinem besten Freund Karl schenken.

Dann sah er den Hund. Herr Lehmann, wie sie ihn neuerdings nannten, obwohl die, die das taten, auch nicht viel jünger waren, obwohl tatsächlich einige von ihnen, sein bester Freund Karl und auch Erwin zum Beispiel, sogar älter waren als er, kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund hatte einen großen Kopf mit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei großen, lappigen Ohren, die links und rechts davon herunterhingen wie zwei welke Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, dass man darauf eine Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, dass man ihn jetzt so nannte, hatte noch nie ein so hässliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.

Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits aber auch keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines Gegenübers. Der Hund zog im Rhythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht. Nicht wegsehen, dachte Herr Lehmann, nichts anmerken lassen, einfach vorbeigehen, dachte er und machte einen Schritt zur Seite. Der Hund knurrte noch lauter, es war ein bösartiges, nervtötendes Geräusch. Bloß nichts anmerken lassen, das Tier spürt die Angst und nutzt sie aus, dachte Herr Lehmann, noch ein kleiner Schritt zur Seite, dachte er, nicht aus den Augen lassen, noch ein kleiner Schritt, und dann noch einer, so, und dann gleich geradeaus, dachte Herr Lehmann. Aber dann ging der Hund einfach auch ein Stück zur Seite, und sie standen sich wieder gegenüber.

Er will mich nicht vorbeilassen, dachte Herr Lehmann, der seinen bald stattfindenden dreißigsten Geburtstag nicht gerade als rauschendes Fest zu feiern gedachte, gerade weil er davon überzeugt war, dass das bloß ein Geburtstag war wie jeder andere auch, und er hatte seine Geburtstage noch nie gerne gefeiert. Das ist doch lächerlich, so etwas darf es gar nicht geben, dachte er, ich habe ihm doch gar nichts getan. Er sah die großen, gelben Zähne, und es schauderte ihn bei der Vorstellung, wie sie von den riesigen Kiefern des Hundes in eines seiner Beine, in einen Arm, in seinen Hals geschlagen wurden, ja sogar um seine Hoden wurde ihm angst und bange. Wer weiß, was das für einer ist, dachte er, vielleicht ist der auf irgendwas abgerichtet, ein Killerhund, ein Hodenbeißer, einer, dachte er, der die Schlagader im Arm trifft, und dann verblutet man hier mitten auf dem Lausitzer Platz, es ist ja niemand da, der Platz ist menschenleer, dachte er, wer soll sich so früh am Sonntagmorgen schon hier herumtreiben, die Kneipen sind ja alle schon geschlossen, es ist ja immer das Einfall, das am allerspätesten zumacht, vom Abfall einmal abgesehen, aber das zählt nicht, dachte er, um diese Zeit treiben sich ja bloß noch Verrückte herum, geisteskranke Berliner mit abgerichteten Killerhunden, Perverse, die sich im Gebüsch einen runterholen, während sie sich ansehen, dachte Herr Lehmann, wie ihre beißwütigen Hunde ihr tödliches Spiel mit mir treiben.

»Wem gehört dieser Hund hier?«, rief er über den leeren Platz, »WEM GEHÖRT DIESER VERDAMMTE SCHEISSHUND?«, aber niemand meldete sich. Nur der Hund knurrte noch lauter und verdrehte seinen Kopf so, dass die Augen rot glühend schimmerten.

Es ist bloß die Netzhaut, beruhigte sich Herr Lehmann, es ist bloß die blöde Netzhaut, er hat den Kopf verdreht, und jetzt fällt das Licht so in seine Augen, dass es von der Netzhaut in meine Richtung reflektiert wird, dachte er, es ist die Netzhaut, die ist rot, Karotin, Vitamin A und so Zeug, das ist ja bekannt, dass das gut für die Augen ist, dachte er, er hatte daran eine dunkle Erinnerung aus seiner Schulzeit, er war immer gut in Biologie gewesen, aber das war nun auch schon lange her, Biologie, dachte Herr Lehmann, Biologie hilft jetzt auch nicht mehr weiter, ich muss hier weg, und es erfüllte ihn ein nie zuvor gekanntes Verlangen nach seinem Zuhause, einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Eisenbahnstraße, wo seine Bücher und sein leeres Bett auf ihn warteten, keine hundert Meter entfernt von der Stelle, an der jetzt ein völlig fremder Hund sein Leben bedrohte.

Wenn er mich nicht vorbeilässt, dachte Herr Lehmann, den sie früher alle ganz normal Frank genannt hatten, bis eben dieser kindische Witz, ihn mit Herr Lehmann anzureden, um sich gegriffen hatte, dann muss ich eben zurückgehen. Und er sah im Geiste schon die Stationen des Umwegs, den er nehmen musste, um die tollwütige Bestie des Lausitzer Platzes weiträumig zu umgehen, Waldemarstraße, Pücklerstraße, Wrangelstraße und dann von der anderen Seite kommend in die Eisenbahnstraße hinein, das ist ein Kinderspiel, dachte er, manchmal ist ein Rückzug besser als ein Angriff, dachte Herr Lehmann, ein taktisch kluger Rückzug kann strategisch zum Sieg führen. Umzudrehen traute er sich dabei nicht, bloß nicht umdrehen, dachte er, immer dem Tier in die Augen sehen, und er machte vorsichtig kleine Schritte rückwärts, und der Hund machte knurrend kleine Schritte vorwärts. Bloß nichts überstürzen, dachte Herr Lehmann, der sich schon sehr auf das Fußbad gefreut hatte, das er sich seit einiger Zeit immer nach der Arbeit gönnte, obwohl er sich in seinem jetzigen Zustand nicht sicher war, ob er das noch hinkriegen würde, bloß nichts überstürzen, dachte er und widerstand der Versuchung, sich einfach umzudrehen und davonzulaufen, das wäre fatal, dachte er, der Hund ist schneller als ich, der springt mich von hinten an, dachte er, und dann kann man sich überhaupt nicht mehr schützen, das ist nicht gut. Nach ein paar weiteren Schritten brach der Hund, der sein Knurren jetzt schon mit einem gelegentlichen Bellen anreicherte, seitlich aus und schlich geduckten Hauptes um ihn herum, sodass Herr Lehmann, um die Bestie nicht aus den Augen zu lassen, sich auf dem Absatz drehen musste, bis sie sich schließlich genau andersherum gegenüberstanden. Dann eben in die andere Richtung, dachte Herr Lehmann, da wollte ich sowieso hin. Er machte wieder einige Schritte zurück, und das ganze Spiel lief umgekehrt noch einmal ab, der Hund lief um ihn herum, Herr Lehmann drehte sich mit, und am Ende standen sie wieder in der Ausgangsposition. Ich muss mit ihm reden, dachte Herr Lehmann.

»Hör mal«, begann er leise mit tiefer und, wie er hoffte, beruhigender Stimme. Der Hund setzte sich. Das ist schon mal gut, dachte Herr Lehmann. »Ich verstehe dich ja«, sagte er, »du hast es auch nicht leicht.« Er griff in die Taschen seines Mantels auf der Suche nach irgendetwas, das er dem Hund schenken konnte, manchmal, dachte er, hilft nur Bestechung, es muss ja nicht gleich etwas zu essen sein, dachte er, vielleicht will er ja bloß spielen, die Besitzer solcher Hunde sagen ja immer, dass sie bloß spielen wollen, vielleicht habe ich für ihn was zum Spielen dabei, aber er fand nichts als seinen Schlüsselbund und die Flasche Whisky, denn er gehörte, wie er jetzt zum ersten Mal bedauerte, nicht zu denen, die sich die Manteltaschen mit allerlei Kram vollstopften und diesen Kram dann vergaßen und jahrelang mit sich herumschleppten. Der Hund wurde etwas nervös, und Herr Lehmann hörte auf zu fummeln. »Du kannst ruhig sitzen bleiben«, sagte er zum Hund, »ich wollte nur gucken, ob ich was für dich habe, du kriegst doch sicher manchmal auch was von deinem Herrchen, vielleicht ist es sogar ein Frauchen, mein Gott, was für Ausdrücke das sind, Herrchen, Frauchen, wer denkt sich so was bloß aus?«

Dem Hund schien es egal zu sein; er ließ die dürren Vorderbeine einknicken, und sein fetter Leib klatschte auf den Asphalt.

»So ist es richtig, leg dich erst mal hin«, sage Herr Lehmann, dem das Hinlegen in den letzten Jahren selbst zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden war, und bewegte sich, während er pausenlos weiterredete, mit ganz kleinen Fußbewegungen wieder zur Seite. »Da bin ich doch der Letzte, der schlafende Hunde weckt«, kalauerte er drauflos, »schlafe, mein Hundchen, schlaf ein und so, ich weiß, wie es ist, wenn man müde ist, ich kenne das, ich hab’s nämlich auch nicht leicht, ich bin auch müde, aber du, du armer kleiner Scheißer, bist noch viel müder …« – Stück für Stück bewegte er sich zur Seite, »… das macht einen Hund müde, wenn er herumläuft und die Leute bedroht, weiß der Himmel, wie man als Hund auf so einen Scheiß kommt, so, jetzt bin ich schon fast einen ganzen Meter weiter links als du, und jetzt mach ich mal einen ganz klitzekleinen Schritt nach vorne, und du schläfst jetzt mal schön, nur ein ganz kleiner Schritt nach vorne, und dann noch einer …« Der Hund schaute sich das eine Zeit lang an, dann sprang er mit einer Kraft und einer Geschwindigkeit auf, die Herr Lehmann bei diesen mageren, ganz kraftlos wirkenden Beinen nicht für möglich gehalten hätte, und knurrte und bellte so aggressiv auf Herrn Lehmann ein, dass dieser vor Schreck richtig wütend wurde.

»SCHEISSE!«, schrie er aus vollem Halse über den leeren Platz. »NIMM DOCH EINER DEN SCHEISS-HUND HIER WEG! NIMM DOCH EINER DEN VERDAMMTEN SCHEISSHUND HIER WEG, HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN NOCH MAL! UND HALT’S MAUL!«, brüllte er den Hund an, der daraufhin tatsächlich verstummte.

Herr Lehmann beruhigte sich wieder. Ich muss mich zusammenreißen, dachte er, ich darf jetzt nicht die Nerven verlieren. »Da wird man ja aggressiv«, sagte er entschuldigend.

Der Hund setzte sich wieder. Herr Lehmann, dessen Füße von der Arbeit schmerzten, dem die Beine wie Blei und die Knochen am ganzen Körper wie zerschlagen waren, ging selbst kurz in die Hocke, um wenigstens die Beine zu entlasten. Das brachte aber nicht viel, es war auf Dauer eher noch unbequemer. Jetzt ist es auch egal, dachte er, jetzt kann ich mich auch gleich ganz hinsetzen. Er ließ sich nach hinten fallen und kam in einer Art Schneidersitz zur Ruhe. Wenn mich einer sieht, ging es ihm kurz durch den Kopf, dann muss der mich ja für den letzten Penner halten. Der Asphalt unter seinem Hintern war kalt, und er fror. Es ist die kälteste Zeit des Tages, dachte er und richtete es so ein, dass er auf dem unteren Ende seines Mantels saß. Um diese Zeit ist es arschkalt, obwohl es tagsüber noch so heiß wird, dachte er, und wie hell es schon geworden ist, das muss ja schon verdammt spät sein, dachte Herr Lehmann. Und ihm fiel auch jetzt erst auf, wie viele Vögel überall waren, sie hockten auf den Bäumen, in den Büschen, auf der hohen Umzäunung des Bolzplatzes, auf den Sitzbänken, die nicht weit von ihm zu einem Halbkreis gruppiert herumstanden und auf denen tagsüber immer einige Penner oder alte Leute oder beides saßen, sie fliegen ja gar nicht herum, wunderte sich Herr Lehmann, sie sitzen bloß da und machen Lärm, und wie sie Lärm machen, dachte er. Es gibt doch eine Menge Tiere in der Stadt, dachte Herr Lehmann, als er auch noch zwei dunkle Schatten, Kaninchen wahrscheinlich, über die Wiese bei der Kirche huschen sah.

»Warum jagst du eigentlich keine Kaninchen?«, fragte er den Hund, der sich ganz auf dem Asphalt ausgestreckt und den Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt hatte. Herr Lehmann entsann sich der auf nicht ganz astreine Art erworbenen Flasche Whisky, zog sie aus dem Mantel, schraubte sie auf und nahm einen kräftigen Schluck gegen die Kälte.

»Jetzt ist das auch egal«, erklärte er dem Hund. »Du bist wahrscheinlich zu blöd oder zu langsam für Kaninchen, mit deinen komischen Beinen.«

Der Whisky schmeckte furchtbar, wie Schnaps überhaupt, für Herrn Lehmann machten da die Feinheiten keine Unterschiede, aber er brachte etwas innere Wärme und verscheuchte noch einmal die Kopfschmerzen, die bei ihm, als Vorgeschmack auf den Kater des nächsten Tages, bereits eingesetzt hatten.

»Du siehst ja vielleicht aus«, sagte Herr Lehmann, der sich in letzter Zeit immer öfter dabei ertappte, dass er mit einer gewissen Wehmut und ohne die früher übliche innere Abwehr an seine Kindheit zurückdachte, zum Hund, »wie diese Tiere, die man als Kind aus Kastanien gemacht hat, wo man so Streichhölzer in die Kastanien steckt, als Beine und so. Wenn ich einfach weglaufen würde, wer weiß, ob du mich überhaupt kriegen würdest, mit den Beinen.«

Herr Lehmann nahm noch einen Schluck, der Hund tat gar nichts. »Bin selber nicht sehr schnell«, sagte er, bloß um irgendetwas zu sagen. »Wie heißt du eigentlich?«

Er stellte die Flasche neben sich, zog die Beine an den Körper und legte die Arme darum. Der Hund blinzelte ihn friedlich an.

»Vielleicht sollten wir mal feststellen, wie du heißt«, sagte Herr Lehmann, der das für eine gute Idee hielt. Ich muss bloß wissen, wie er heißt, dachte er, dann hört er mit dem Scheiß auf, dann wird er friedlich, mit seinem Namen ist er vertraut, er hat ja ein Halsband, also hat er ein Herrchen, also hat er einen Namen, ich brauche bloß seinen Namen zu sagen, dann fühlt er sich heimisch, dann ist Autorität da, dachte Herr Lehmann. »Bello«, schlug er vor. Der Hund rührte sich nicht. »Hasso?« Nichts.

Dann hörte Herr Lehmann Schritte. Sie kamen von hinten. Er blickte sich um und sah eine Frau näher kommen, eine dicke Frau mit weiten Kleidern und einem Kopftuch. Eine Frau, dachte Herr Lehmann, vielleicht kann sie mich ablösen. Aber obwohl er sich jetzt, wo ihn jemand sah, etwas komisch dabei vorkam, wie er auf dem Asphalt saß, mit einer Flasche Whisky neben sich, stand er nicht auf, er war viel zu müde und wollte den Hund nicht reizen. Er verrenkte sich den Hals und sah der Frau entgegen, die, wohl weil sie ihn und den Hund erblickt hatte, ihren Schritt beschleunigte und ganz auf die andere Seite des Weges wechselte.

»Entschuldigen Sie«, begann Herr Lehmann, als sie auf seiner Höhe war, aber die Frau sah nicht zu ihm hin, sie blickte starr nach vorne und legte noch einen Zahn zu, als er das Wort an sie richtete. Der Hund sah zur anderen Seite und ließ sich nichts anmerken. »Warten Sie doch mal«, rief Herr Lehmann verzweifelt, »ich habe hier nämlich ein Problem, das ist nämlich …« – die Frau, so dick sie auch war, fing an zu rennen und war verschwunden, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte. Der Hund knurrte zufrieden.

»Scheißblöde Kuh«, sagte Herr Lehmann und wandte sich dann wieder an den Hund. »Harro?« Auch dieser Name bewirkte nichts. »Bello, Rüdiger, Fiffi – nein, wie ein Fiffi siehst du eigentlich nicht aus – Kuddel, Saftsack – wie gehen denn jetzt diese Hundenamen noch mal – Otsche?« Otsche, so hatte der Hund einer lange verstorbenen Großtante von ihm geheißen, es war ein kleiner Langhaardackel gewesen, den am Ende ein Lieferwagen überfahren hatte, Herr Lehmann hatte ihn damals, als er noch ein Kind war, aus tiefstem Herzen gehasst. »Wastl, Hansi, Lassie, Wauwau, Watschel, Spinnebein …« Der Hund zeigte kein Interesse. »Watzmann, Bootsmann, Boxi, Boskop …«

Herr Lehmann verlor die Lust an diesem Spiel. Das ist ja alles Unsinn, dachte er, ich bin ja betrunken. Er nahm noch einen Schluck von dem Whisky und schüttelte sich.

»Du musst wissen«, sagte er dann, »dass ich Hunde schon immer gehasst habe. Schon als kleines Kind. Und das ist lange her. Hunde gehören nicht in die Stadt, ich hab immer Angst gehabt vor Hunden. Hallo! Hallo, Polizei!«, rief er schwach, als er einen Polizeiwagen den Platz entlangfahren sah. Er hob eine Hand und winkte, aber der Wagen fuhr vorbei, ohne dass man ihn bemerkte.

»Da kannst du aber froh sein«, belehrte er den Hund, »die hätten dich erschossen, aber ruckzuck. Noch denkst du, dass du im Vorteil bist, aber das kannst du vergessen. Strategisch bist du im Nachteil. Der Mensch ist dem Tier überlegen. Wenn du ein Wolf wärst und ich irgendein Bauerndepp, der durch den Wald latscht, dann hättest du vielleicht eine Chance. Aber wir sind hier in der Stadt. Es werden Leute kommen und mir helfen. Und dich wird man einsperren. Außerdem ist der Mensch im Gegensatz zum Tier in der Lage, Werkzeuge zu benutzen, Werkzeuge, du Scheißtyp, denk mal drüber nach. Das ist der entscheidende Unterschied, Werkzeuge, damit fing alles an. Zum Beispiel diese Flasche hier!« Er hob die Flasche, und der Hund knurrte. »Ich könnte dir diese Flasche auf den Kopf hauen, da sähst du aber alt aus. Das ist zwölf Jahre alter Whisky. Irischer Whisky. Kostet im Einkauf über 40 Mark oder so, was weiß ich denn, 2 cl kosten bei Erwin sechs Mark, das musst du dir mal reintun, obwohl, so genau messen wir das auch nicht ab.« Wenn man Schnaps trinkt, dachte Herr Lehmann, dann redet man immer zu viel. Und zu viel Unsinn. Und mit Hunden, dachte er, das ist das Schlimmste von allem.

Er goss, nur um einmal etwas anderes zu tun, die Verschlusskappe voll und hatte sie schon an den Mund gesetzt, als er den interessierten Blick des Tieres bemerkte. Zum Test hielt er die gefüllte Kappe erst nach links, dann nach rechts, und der Hund folgte ihr mit den Augen, sein Maul stand offen, die Zunge hing heraus, und er hechelte aufgeregt.

»Aha!«, sagte Herr Lehmann. »Verstehe«, sagte er, »dann pass mal auf!«

Er beugte sich vor und warf die gefüllte Kappe so nach vorn, dass sie zwischen den Vorderpfoten des Hundes landete und der Schnaps sich in einer kleinen Lache dazwischen ausbreitete. Der Hund roch daran, rückte seinen unförmigen Leib zurecht und begann, die Flüssigkeit aufzulecken.

»Kannst noch mehr haben«, sagte Herr Lehmann, und er überschwemmte den Gehweg, der aufgrund einer glücklichen Fügung zum Hund hin etwas abfiel, mit Schnaps. »Scheinst ja dran gewöhnt zu sein«, sagte er, als er sah, wie gierig der Hund das kleine Rinnsal aufschlabberte, das ihm entgegenfloss. »Gehörst wahrscheinlich irgendeinem Penner«, sagte Herr Lehmann und nahm auch gleich selbst noch einen schönen Schluck. Gleiche Chancen für alle, dachte er, sonst ist das unfair. Der Hund schaute ihn kurz mit glasigen Augen an und leckte dann weiter.

»Du bist gleich so was von k.o., das schwör ich dir aber. Buh!« Herr Lehrmann stieß die Flasche zum Hund hin durch die Luft, aber der reagierte gar nicht. Er leckte weiter, bis nichts mehr da war, und versuchte dann, auf die Beine zu kommen.

»Gar nicht mehr so einfach, was?« Herr Lehmann nahm einen letzten Schluck, spritzte aus purem Übermut noch etwas von dem Whisky über den Hund und stand dann selber mit wackligen Beinen auf. Der Hund machte einen kleinen Gehversuch und zog unsicher die Lefzen hoch, als Herr Lehmann ihn ganz sacht mit dem Fuß unterm Kinn berührte. Er gurgelte etwas, das wohl ein Knurren sein sollte.

»Aus dem Weg, Schurke!«, rief Lehmann großartig und schob ihn mit dem Fuß, so gut es ging, beiseite. Der Hund versuchte, den Fuß zu erschnappen, aber das klappte nicht mehr. Er war zu langsam. Lehmann trat ihn um.

»Komm doch her! Komm doch, wenn du was willst, du fette Wurst!« Der Hund rappelte sich hoch, stellte sich quer und lehnte sich an Herrn Lehmanns Beine.

»Weg da, Scheißkerl«, sagte Herr Lehmann, aber jetzt, wo sich das hässliche Tier so vertrauensvoll und haltsuchend an ihn schmiegte, tat es ihm ein bisschen leid. Er trat ein wenig zurück, und der Hund kippte langsam nach, bis sein schwerer Körper auf Herrn Lehmanns Füßen lag. Herr Lehmann kam aus dem Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und fiel über den Körper des Hundes hinweg auf den Boden, wobei er nur mühsam verhindern konnte, dass die Flasche zerbrach.

»Was machen Sie denn da?«

Herr Lehmann schaute hoch und sah über sich zwei Polizisten. Er hatte sie gar nicht kommen hören.

»Musste mir den Hund vom Leibe halten«, sagte er. »Wenn man einen braucht, ist ja keiner da. Von euch, meine ich. Nicht den Hund. Hab schon alles erledigt. Alles im Griff, Leute, ehrlich.«

»Der ist total besoffen«, sagte der eine Polizist, der etwa Herrn Lehmanns Alter hatte.

»Nun stehen Sie mal auf«, sagte der andere, der um einiges älter war.

»Ist nicht so einfach«, sagte Herr Lehmann, »der Scheißhund, Sie sehen ja selbst, das sehen Sie doch.« Er stützte sich auf Arme und Beine, aber der Hund, der sich unter ihm wälzte, und die Flasche, die er noch immer in der Hand hielt, machten es ihm schwer. Der jüngere Polizist nahm ihm die Flasche aus der Hand und zog ihn, unangemessen grob, wie Herr Lehmann fand, in die Höhe.

»Ist das Ihr Hund?«, fragte der andere streng.

»Nein, Scheißhund!« Leicht schwankend stand Herr Lehmann vor ihnen und versuchte, die Flasche zu erhaschen, aber die Polizisten ließen es nicht zu. »Hat mich bedroht, der Scheißund. Konnte nicht nach Hause.«

Die Polizisten sahen beide zum Hund, der gar nicht mehr gefährlich aussah und bloß hechelnd und mit heraushängender Zunge ins Nichts starrte. Der jüngere von ihnen ging in die Hocke und streichelte das Tier über den Kopf. Der Hund versuchte aufzustehen, aber das gelang ihm nicht mehr.

»Der ist ja besoffen«, sagte der hockende Polizist.

»Das ist Tierquälerei, das gibt eine Anzeige, das ist strafbar«, sagte der andere.

»Wegen Tierquälerei.«

Sie wiederholen sich, dachte Herr Lehmann, das tun so Leute immer, sie sagen immer und immer wieder dieselben Worte.

»Das arme Tier, Sie haben dem ja Alkohol eingeflößt, das ist Tierquälerei. Sie sollten sich was schämen. So ein wehrloses Tier!«

»Wehrlos? Ha!«, empörte sich Herr Lehmann. »Das war Notwehr, ich hatte keine Wahl und so.« Er war viel zu müde, um das genauer zu erklären. »Das war Notwehr. Ging nicht anders. Punkt«, sagte er. »Ganz klare Sache. Kein Thema.«

Die Polizisten glaubten ihm nicht. Sie wollten seinen Ausweis sehen und nahmen seine Personalien auf.

»So, Herr Lehmann!«, sagte der ältere von beiden, als er ihm seinen Ausweis zurückgab. »Sie hören von uns. Und jetzt machen Sie, dass Sie nach Hause kommen. Den Hund nehmen wir mit, den sehen Sie nie wieder. Tierquälerei ist das, ich habe selbst einen Hund, eine Schande ist das.«

»Hoffentlich«, sagte Herr Lehmann.

»Hoffentlich was?«

»Seh ich den nie wieder.«

»Hauen Sie ab, aber ganz schnell, bevor ich mich vergesse!«

Herr Lehmann ging müden Schritts davon. Am Eingang der Eisenbahnstraße schaute er sich noch einmal um und sah, wie die beiden Polizisten das fette Tier zu ihrem Wagen schleppten.

»Armer Kerl«, hörte er den einen sagen. Dann erwachte der Hund aus seiner Lethargie und biss zu. Herr Lehmann ging schnell weiter und lachte erst, als er um die Ecke war.

2. MUTTER

»Frank, bist du das? Du klingst so komisch. Es hat so lange geklingelt, bis du rangegangen bist, da hab ich schon gedacht, du bist gar nicht da. Ich wollte schon wieder auflegen.«

Herr Lehmann liebte seine Eltern. Er war ihnen für vieles dankbar, und sie lebten weit weg von Westberlin, in Bremen, das ergab einen Abstand von zwei Staatsgrenzen und einigen Hundert Kilometern. Was er auch sehr an ihnen schätzte, war die Tatsache, dass sie niemals im Leben auf die Idee kämen, ihn mit Herr Lehmann anzusprechen. Das einzige Problem mit ihnen war: Sie standen gerne früh auf und riefen gerne früh an.

»Mutter!«, sagte Herr Lehmann.

»Ich wollte schon wieder auflegen.«

Warum, dachte Herr Lehmann, hast du es nicht getan? Ich, dachte Herr Lehmann, der sich auf seine Rücksichtnahme, die Bedürfnisse anderer Menschen betreffend, durchaus etwas zugutehielt, hätte es getan. Genauer gesagt, dachte Herr Lehmann, hätte ich es vor allem nicht dreißigmal klingeln lassen, damit geht’s doch schon mal los, dachte er. Fünfmal, das ist okay, zumal die meisten Leute Anrufbeantworter haben, die nicht ohne Grund schon nach vier- oder fünfmaligem Klingeln anspringen, dachte Herr Lehmann und bedauerte, dass er sich noch immer nicht ein solches Gerät angeschafft hatte, aber der Gedanke, zu Karstadt am Hermannplatz, also im Grunde nach Neukölln zu gehen, um so etwas zu kaufen, war ihm zutiefst zuwider.

»Frank, bist du noch da?«

Herr Lehmann seufzte.

»Mutter«, sagte er, »Mutter. Es ist …«, Herr Lehmann, der schon lange keine funktionierende Uhr mehr brauchte, weil er ein ausgezeichnetes Zeitgefühl entwickelt hatte und im Notfall immer noch auf öffentliche Uhren oder die telefonische Zeitansage zurückgreifen konnte, dachte kurz nach, »… höchstens zehn Uhr! Wenn du doch weißt, dass ich nachts …«

»Schon Viertel nach zehn, da schläft man doch nicht mehr, da wundere ich mich schon, dass du noch schläfst, ich bin schon seit sieben auf den Beinen«, sagte seine Mutter auf eine so auftrumpfende Weise, dass sich Herr Lehmann, der sich eigentlich für einen durchweg ausgeglichenen Menschen hielt, dessen Temperament sich mit den Jahren abgelagert hatte wie der Griselkram in altem, teurem Rotwein, zu einer scharfen Gegenreaktion provoziert sah.

»Warum?«, fragte er.

»Ich wollte schon wieder auflegen, aber dann habe ich gedacht, das kann ja nicht sein, dass du schon aus dem Haus bist, du arbeitest doch immer so spät.«

»Eben, Mutter, eben«, sagte Herr Lehmann, fest entschlossen, diesen seiner Erfahrung nach typisch mütterlichen Versuch, einer Frage auszuweichen, nicht durchgehen zu lassen. »Aber das war nicht die Frage, Mutter!«

»Welche Frage denn?«, kam es ärgerlich zurück.

»Warum, Mutter? Ich fragte: Warum? Warum bist du seit sieben Uhr auf den Beinen?«

»So ein Quatsch, das mache ich doch immer.«

»Ja, aber warum?«, konterte Herr Lehmann.

»Was meinst du jetzt damit, warum?«

»Mutter!« Herr Lehmann hatte Oberwasser. Sie hört mir zu, dachte er befriedigt, sie reagiert, statt zu agieren, dachte er, sie ist jetzt in der Defensive, da heißt es nicht lockerlassen, nachfassen, den Sack zumachen, die Sache zu einem befriedigenden Abschluss bringen, sie ein für alle Mal aus der Welt schaffen, klare Verhältnisse auch und so weiter … Leider hatte er darüber ein bisschen den Faden verloren.

»Wie jetzt, womit?«, fragte er, ärgerlich über sich selbst, »warum … ist doch klar, ich meine …, kann man ja wohl mal fragen warum, das ist eine Frage …«

»Junge, du faselst«, kam es streng zurück. »Und sprich mal etwas deutlicher, man kann dich ja kaum verstehen.«

»Nix da«, brauste Herr Lehmann auf, der jetzt ausgesprochen schlecht gelaunt war und sich des ganzen Elends dieser Situation bewusst wurde. Es ist erniedrigend, dachte er, fast dreißig Jahre alt zu sein und nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf, dem ein Treffen mit einem Killerhund und zwei bescheuerten Polizisten voranging, mit schmerzendem Kopf und ausgetrocknetem Mund von der eigenen Familie beleidigt zu werden, von der eigenen Mutter, dachte Herr Lehmann, ausgerechnet von der Mutter, wo es doch immer heißt, dass die Mutter von allen Menschen dieser Welt derjenige ist, oder muss es diejenige heißen?, dachte er zwischendurch, der oder die, ist ja egal, dachte er, der oder die jedenfalls unbedingtes Verständnis haben sollte für alles, was das eigene Kind so macht und tut. Berühmte Beispiele schossen ihm durch den Kopf, Mütter von Serienmördern, die beteuerten, dass sie ihr Kind dennoch über alles liebten und sich selbst die Schuld für alles gaben, die jeden Morgen ganz früh aufstanden und zum Gefängnis gingen, um ihrer verdorbenen Brut selbst gekochtes Essen und/oder Heroin zu bringen, worüber ihm dann auch wieder einfiel, worum es eigentlich ging.

»Jetzt hör mal zu, Mutter«, startete er erneut seinen Gegenangriff, »hier ist die Frage: Warum …«

»Ich kann dich ganz schlecht verstehen. Hast du irgendwas im Mund?«

»EINE ZUNGE«, rief Herr Lehmann giftig, du willst deutliche Sprache, Mutter, dachte er grimmig, kannst du haben. »IST ES BESSER SO?«

»Du brauchst nicht so zu schreien, ich bin nicht taub. Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du etwas deutlicher sprichst oder jedenfalls nicht isst, während wir reden, das gehört sich nun wirklich nicht.«

»Mutter, lenk jetzt nicht ab«, sprach Herr Lehmann übertrieben deutlich, was eingedenk seines dehydrierten Zustandes nicht leicht war. Die Dehydrierung, dachte er, aber auch der Mangel an Elektrolyten sind der wichtigste Grund für den Kater. »Warum stehst du schon um sieben Uhr auf?, das war die Frage. Du bist Hausfrau, außerdem ist heute Sonntag, Mutter, du hast den ganzen Tag nichts zu tun, jedenfalls nichts, was man nicht auch später als um sieben Uhr machen könnte, warum also, wenn ich das mal so fragen dürfte, warum also stehst du in Drei Teufels Namen morgens um sieben auf, nur um mich dann um zehn Uhr mit einem Anruf zu terrorisieren, dessen wesentlicher Inhalt darin besteht, mir zu sagen, dass du schon seit drei Stunden wach bist. Warum, Mutter, warum?«

»Also …«, kam es leicht entrüstet und ganz und gar nicht geschlagen aus der Leitung, »… – warum nicht?«

Das, dachte Herr Lehmann, ist bemerkenswert. Sie ist zäh, dachte er, so viel muss man ihr lassen, sicher eine der Eigenschaften, die ich explizit ihr verdanke, dachte Herr Lehmann, der immer schon der Meinung gewesen war, dass Zähigkeit eine seiner herausragenden Eigenschaften war, geschult durch lange und erlebnisreiche Jahre ohne festes Einkommen.

»Warum nicht? Warum nicht? Weil es sich nicht gehört«, griff Herr Lehmann zum Äußersten. »Wenn du« – Herr Lehmann bemerkte mit Erleichterung, dass mithilfe von Adrenalin und Disziplin seine gewohnte Eloquenz zurückkehrte – »selber sagst, dass es sich etwa nicht gehört, Mutter, dass man mit vollem Mund spricht, selbst dann nicht, wenn man um ein Gespräch nicht gebeten hat, sondern nur mithilfe zigfachen Klingelns aus dem Schlaf gerissen wurde, einem durch Arbeit im Schweiße seines Angesichts wohlverdienten Schlaf, wie ich noch anmerken möchte, wenn du also sagst, dass sich ebendies nicht gehört, wie kannst du dann in Gottes Namen davon ausgehen, dass es in Ordnung sei, jemanden, der nachts sein Geld verdient, der die ganze Nacht, die ganze gottverdammte Nacht arbeitet, um sein Brot sauer zu verdienen, wenn ich das mal so sagen darf, so jemanden also aus dem Schlaf zu reißen, stumpf hundertmal das Telefon klingeln zu lassen, obwohl einem dann klar sein muss, dass derjenige entweder nicht da ist oder schläft, wie also kannst du davon ausgehen, dass sich so etwas gehört? Ganz zu schweigen davon, dass, wenn du die Frage, warum du um sieben Uhr aufstehst, mehr als schlicht mit den Worten ›warum nicht‹ beantwortest, sich natürlich auch umgekehrt die Frage stellt, warum du dich darüber wunderst, dass ich um zehn Uhr noch schlafe, wo doch die Frage, warum ich das tue, ebenso leicht mit der Antwort ›warum nicht‹ beantwortet werden könnte, wenn das überhaupt eine Antwort ist und nicht etwa eine völlig unzulässige Gegenfrage!«

So, dachte Herr Lehmann, das musste einmal gesagt werden. Wobei es ihm andererseits jetzt, wo er ein bisschen aufgewacht war und er seinem Ärger in einer längeren Rede hatte Luft machen können, auch ein bisschen leidtat, seiner Mutter so eine Standpauke gehalten zu haben. Er war sich nicht sicher, ob das wirklich hatte sein müssen, es gehört sich eigentlich nicht, so mit seiner Mutter zu reden, dachte er, schließlich liebt man seine Mutter, sie hat einem das Leben geschenkt, dachte Herr Lehmann, so viel ist sicher, und dass sie nicht die Hellste ist, ist gewiss nicht ihre Schuld, dachte Herr Lehmann, sie ist eben nur eine einfache Frau, dachte er, obwohl ihm der Begriff »einfache Frau« dabei unangenehm aufstieß, das ist kein guter Begriff, »einfache Frau«, dachte er, das ist bourgeoiser Bildungsbürgerscheiß, dachte Herr Lehmann.

»Ernst, willst du nicht mal mit ihm sprechen? Er redet so komisch!«

»Mutter, was soll das denn jetzt?«

Aus der Tiefe der fernen Wohnung seiner Eltern war ein abwehrendes Gemurmel zu hören.

»Immer soll ich ihn anrufen«, hörte Herr Lehmann seine Mutter sagen. »Dabei war es doch deine Idee …«

»Was jetzt, Mutter, was ist los? Willst du lieber erst mal in Ruhe mit deinem Mann sprechen? Und dann später noch mal anrufen? Denk an die Kosten«, spielte Herr Lehmann einen weiteren Trumpf aus.

Aber seine Mutter hörte nicht zu. Herr Lehmann, der nur mit einer Unterhose bekleidet war, und er ging immer mit Unterhose ins Bett, seit ihm einmal eine frühere Freundin erklärt hatte, dass es unhygienisch sei, nackt zu schlafen, und dass die dauernde Kochwäscherei verschmutzter Laken, um die Herr Lehmann sie im Übrigen nie gebeten hatte, eine Umweltsauerei ersten Ranges sei, versuchte die Zeit, in der seine Mutter damit beschäftigt war, einen wahrscheinlich auch schon ins dreißigste Jahr gehenden Konflikt nicht erkalten zu lassen, dadurch zu nutzen, dass er in die Küche hinüberging, um dort unter äußerster Anspannung beider Telefonschnüre, sowohl der glatten, aber dennoch stets verwickelten wie auch der von Natur aus spiralförmigen, einige Gläser Leitungswasser zu trinken und einen Kessel Kaffeewasser aufzusetzen.

»Hallo, hallo«, rief er in den Hörer, während er mühsam den Gasherd entzündete, und: »Ich bin auch noch da!«, während er zwei Löffel Kaffee in einen Becher tat, aber in Wirklichkeit genoss er diese Atempause, trotz der schwierigen Kopfhaltung, die er einzunehmen gezwungen war, um am Ball zu bleiben.

»Du sagst doch immer, dass wir ihn anrufen sollen, und ich soll das dann immer tun.«

»Hab … nicht …«

»Das ist ja nun die Höhe. Wer hat denn gerade …«

»Was kann ich dafür, dass …«

»… seit Jahren schon, und immer heißt es hinterher, das hätte ich aber …«

»Ich habe nicht gesagt, dass …, ich habe nur gesagt, dass ihm einer Bescheid …«

»Und was soll das nun wieder heißen, dass ihm einer Bescheid sagen muss, wer soll das denn sein, wenn nicht ich?«

»Was Bescheid sagen?«, warf Herr Lehmann in den Äther, während er, der er Kaffeemaschinen nicht leiden konnte und sowieso der Meinung war, dass der Filter in der Geschichte des Kaffees einen der größten Irrtümer überhaupt darstellte, weil der direkt aufgegossene Kaffee viel gesünder war, schon deshalb, weil auf diese Weise all jene Schwebstoffe, die der Filter sonst zurückhielt, dazu beitrugen, die Wirkung des Koffeins über eine längere Zeit zu verteilen und damit einen negativen Effekt auf den Kreislauf in jeder Form zu verhindern, sich etwas aufgoss, was er, seit seine alte Kaffeemaschine nicht mehr funktionierte, euphemistisch als Cowboykaffee bezeichnete.

»WAS BESCHEID SAGEN?«, schrie er in den Hörer, nicht so sehr aus Erregung, sondern in dem schlichten Bedürfnis, dem Wahnsinn ein Ende zu machen. »HALLO, HALLO, MUTTER, HALLO MUTTER, HALLO, MUTTER, MUTTER …«

In diesem Moment, und das war Herrn Lehmann, der eigentlich schon lange nichts mehr darauf gab, was die Nachbarn von ihm dachten, weil er sie allesamt für asoziale Vollidioten hielt, vor allem dann, wenn sie ihrer Vorliebe für Kurzgebratenes frönten und das Treppenhaus und manchmal sogar seine Wohnung mit billigem Fett ausräucherten, dann doch unangenehm, klopfte es laut durch die Wand. Das ist die blöde Schnappe mit den Rastalocken, dachte er, und ihm wurde bewusst, was für Missverständnisse entstehen konnten, wenn ausgerechnet diese Frau mit anhörte, wie er laut und ohne Unterlass nach seiner Mutter schrie.

»Was willst du denn, Frank?«, meldete sich ebendiese Mutter zurück.

»Mutter, du hast mich angerufen, hast du das vergessen? Ich stehe hier rum und höre euch bei euren Streitereien zu …«

»Das ist doch kein Streit, wie kommst du jetzt darauf, dass wir uns streiten, Streit ist ja nun wirklich was ganz …«

»Denk an die Kosten«, ermahnte Herr Lehmann seine Mutter aufs Neue. »Und sag mir endlich, was du eigentlich willst, bitte«, erniedrigte er sich hinzuzufügen, »bitte Mutter, was willst du eigentlich?«

»Also, man kann seinen eigenen Sohn ja wohl auch mal ohne Grund …«

»Ja, Mutter«, unterbrach Herr Lehmann beschwichtigend, »ja, natürlich.«

»… da braucht man ja wohl wirklich keine Rechenschaft abzulegen, wenn man den eigenen Sohn …«

»Ja, Mutter! Ist schon gut«, bemühte sich Herr Lehmann eine Situation zu entspannen, von der er wusste, dass sie unendlich weit eskalieren konnte, hier war alles möglich, bis hin zu Tränen.

»Wir kommen nach Berlin!«

Darauf war Herr Lehmann nicht vorbereitet, das war ein harter Schlag. So hart, dass Herr Lehmann schwieg. Sie kommen nach Berlin, sie kommen nach Berlin, dachte er und konnte es sich einfach nicht vorstellen.

»Frank, bist du noch da?«

»Ja, Mutter. Wieso kommt ihr nach Berlin?«

»Aber Junge, das wollten wir doch immer schon mal.«

»Davon«, sagte Herr Lehmann gereizt, »habe ich noch nichts gemerkt. In den ganzen Jahren, in denen ich jetzt hier wohne, habe ich davon noch nichts gemerkt, Mutter, dass ihr nach Berlin kommen wollt.«

»Aber sicher doch, da war doch oft die Rede von.«

»Nein, Mutter«, sagte Herr Lehmann, »davon war nie die Rede. Es war immer die Rede davon gewesen, dass ihr nicht nach Berlin kommen wollt, weil euch das mit der DDR nicht geheuer ist und mit durch den Ostblock fahren und so, und dass ihr euch nicht von den Vopos demütigen lassen wollt und der ganze Quatsch.«

»Aber Frank, wirklich, das ist doch heute alles gar nicht mehr so schlimm, nun stell dich mal nicht so an.«

»Ich? Wieso ich? Was heißt denn jetzt, ich soll mich nicht so anstellen?«

»Das sind doch ganz olle Kamellen, das ist doch schon lange nicht mehr so schlimm heute, da gibt es doch Verträge und so.«

»Das habe ich immer gesagt, ihr habt aber gesagt …«

»Jetzt stell dich doch nicht so an wegen ein paar Polizisten, wir haben ja nun wirklich nichts verbrochen, da brauchen wir gar nichts zu befürchten.«

»Ich stelle mich nicht an.«

»Das klang mir aber eben noch ganz anders.«

Das bringt jetzt nichts, dachte Herr Lehmann resigniert. Man kommt nicht dagegen an.

»Wann kommt ihr denn?«, wechselte er das Thema.

»Das ist eine ganz tolle Sache«, sagte seine Mutter. »Das ist alles inklusive, Busfahrt, Hotel und ein Theaterbesuch.«

»Ja, aber wann kommt ihr denn?«

»Das ist ein Theater am Kurfürstendamm, da soll der Ilja Richter mitspielen, das heißt, das heißt … Ernst, wie heißt das noch mal, was die da spielen? … Na, in dem Theater! … Natürlich, mit dem Ilja Richter … Was? … Nein, der doch nicht … Bist du sicher?«

»MUTTER!«

»Harald Juhnke, das ist mit Harald Juhnke, sagt dein Vater«, sagte Herrn Lehmanns Mutter.

»Mutter, wann? Wann kommt ihr denn nun, verdammt noch mal?!«

»Ach so, das ist noch ein bisschen hin, das ist Ende Oktober erst, wann ist das noch mal, Ernst?«

»Ende Oktober«, entfuhr es Herrn Lehmann heftiger als er wollte. »Ende Oktober, verdammte Scheiße, das ist ja noch sechs Wochen hin oder länger oder was …« Er war sich über das heutige Datum nicht ganz sicher, es war nur irgendwie Anfang September, so viel war klar. »Ihr kommt Ende Oktober, und da rufst du mich heute schon deswegen an?« Aber eigentlich ist es falsch, hier zu protestieren, dachte er gleichzeitig, das ist ungerecht, es ist nur fair, wenn man lange vorher gewarnt wird, so etwas will vorbereitet sein.

»Aber freust du dich denn gar nicht? Und was soll das heißen, mit solchen Wörtern zu kommen, wenn die …«, ab diesem Moment wurde die Stimme von Herrn Lehmanns Mutter brüchig, und er wusste, dass jetzt alle Dämme brechen würden, »… eigenen Eltern zu Besuch kommen, und das nach all den Jahren, wo du schon da wohnst, und ich hatte mich schon so gefreut, endlich mal zu sehen …«, jetzt war der Tränenfluss in vollem Gange, Herr Lehmann konnte das an ihrer Stimme hören, die dennoch nicht in diesen Tränen erstickte. Sie kann das gleichzeitig, dachte Herr Lehmann, volle Pulle weinen und normal weiterreden, dachte er, sich selbst in eine tiefe Erbitterung hineinsteigernd, immer und immer weiterreden, »… wie du eigentlich lebst«, fuhr seine Mutter fort, »und dann das Restaurant, wo du arbeitest, und was du für Freunde hast, und überhaupt muss man doch …«

»Wollt ihr mich jetzt besuchen oder wollt ihr mich überwachen?«, entfuhr es Herrn Lehmann, der eigentlich lieber nachgeben und ihr versichern wollte, was sie sowieso wissen müsste, dass er nämlich nichts gesagt hatte, was darauf hindeutete, dass er sich nicht auch freute, dass man im Gegenteil ja sogar froh sein konnte, wenn der eigene Sohn es bedauerte, dass es noch so lange hin war, bis sie kamen, aber das wollte er nicht, das wäre die vollendete Niederlage gewesen, und mit den vollendeten Niederlagen bei seiner Mutter musste jetzt mal Schluss sein. So darf das nicht ausgehen, dachte er, dann ist der ganze Tag versaut. Ihm fiel ein, wie er neulich bei seinem besten Freund Karl im Fernsehen eine Sendung über Depressive gesehen hatte, und die eine Frau hatte gesagt: »Morgens ist es am schlimmsten, da fängt der Tag an«, und genauso ging es ihm jetzt, deshalb musste er irgendetwas tun, er musste eine letzte Attacke wagen.

»Überwachen? Überwachen? Was denkst du denn von uns?«, kam es derweil schrill aus Bremen herüber, das Weinen war schon wieder vorüber, es kommt und geht wie ein tropischer Regen, dachte Herr Lehmann.

»Warum kommt ihr nicht noch ein bisschen später?« Herr Lehmann hatte diese plötzliche Eingebung und wusste, dass er zurück im Spiel war.

»Wieso? Was ist denn da?«, fragte seine Mutter misstrauisch.

»Na denk mal nach …«

»Aber Frank, was soll denn das jetzt!«

»Hast du meinen Geburtstag vergessen, oder was?« Herr Lehmann hasste diesen Quatsch, aber was, ...

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