Logo weiterlesen.de
Herr G.

Alan Lightman

HERR G.

Ein Roman der Schöpfung

Aus dem amerikanischen Englisch
von Lutz-W. Wolff

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch
ist meinem Bruder
Ronnie Lightman
(1951–2010)
gewidmet

Die Zeit

Soweit ich mich erinnern kann, war ich gerade von einem Nickerchen aufgewacht, als ich beschloss, das Universum zu schaffen.

Es passierte nicht viel zu der Zeit. Genauer gesagt, die Zeit existierte noch gar nicht. Und der Raum auch nicht. Wenn man ins Nichts hinaussah, hat man nicht viel mehr gesehen als seine eigenen Gedanken. Und wenn man sich Wind, Sterne oder Wasser vorstellen wollte, konnte man diesen Vorstellungen keine Form oder Beschaffenheit geben.

Diese Dinge existierten nicht. Glatt, rau, wächsern, scharf, spröde, stachelig – solche Eigenschaften hatten keine Bedeutung. Es schlief praktisch alles in einem Zustand unendlicher Möglichkeit. Ich wusste, dass ich schaffen konnte, was ich wollte. Aber das war zugleich das Problem. Unbegrenzte Möglichkeiten bringen auch unbegrenzte Unentschlossenheit mit sich. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, dies oder jenes zu schaffen, war ich mir unsicher, was daraus werden würde. Das machte mich nervös und ich schlief wieder ein. Aber dann kam der Moment, da gelang es mir … zwar immer noch nicht, meine Zweifel beiseitezufegen, aber zumindest war ich bereit, ein Risiko einzugehen.

Praktisch sofort fragte meine Tante Penelope, warum ich überhaupt etwas tun wollte. War ich mit der vorhandenen Leere denn nicht mehr zufrieden? Ja, doch, sagte ich, natürlich, aber …

Du bringst womöglich alles durcheinander, sagte meine Tante. Lass IHN doch in Ruhe, sagte Onkel Deva. Er kam zu mir herübergewackelt und stellte sich auf seine treuherzige Art neben mich. Sag mir bitte nicht, was ich zu tun habe, erwiderte meine Tante. Dann drehte sie sich um und sah mich scharf an. Das wie üblich ungekämmte und verfilzte Haar hing ihr bis auf die wuchtigen Schultern herab. Und?, sagte sie und wartete ab. Ich habe es nie leiden können, wenn mich meine Tante so anstarrte. Ich glaube, ich mach’s, sagte ich schließlich. Es war die erste Entscheidung, die ich in Äonen ungemessenen Daseins getroffen hatte, und es fühlte sich gut an, etwas entschieden zu haben. Oder besser gesagt: sich entschieden zu haben, dass etwas geschehen musste, dass eine Veränderung angesagt war. Ich hatte mich entschlossen, das Nichts zu ersetzen durch Etwas. Etwas ist ja nicht Nichts. Etwas konnte alles Mögliche sein. Meine Fantasie überschlug sich. Von nun an würde es eine Zukunft, eine Gegenwart und eine Vergangenheit geben. Eine Vergangenheit des Nichts und eine Zukunft des Etwas.

De facto hatte ich gerade die Zeit erschaffen. Völlig unabsichtlich. Es war nur so, dass meine Entscheidung zu handeln, Etwas zu machen und der permanenten Abwesenheit von Ereignissen damit ein Ende zu setzen, nicht ohne Zeit ging. Mit dem Entschluss, Etwas zu schaffen, hatte ich einen Pfeil in das gestaltlose, endlose Nichts geschossen, der in die Zukunft zeigte. Von jetzt an würde es ein Vorher und ein Nachher geben, eine kontinuierliche Abfolge von Ereignissen, eine Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft – mit anderen Worten eine Reise durch die Zeit. Die Zeit kam notwendigerweise vor Licht und Dunkelheit, Materie und Energie, und sogar Raum. Die Zeit war meine erste Schöpfung.

Manchmal wird die Abwesenheit einer Sache nicht wahrgenommen, ehe sie existiert. Mit der Erfindung der Zeit nahmen Ereignisse, die früher in einem amorphen Klumpen zusammenflossen, Gestalt an. Jedes Ereignis konnte jetzt in einen zeitlichen Rahmen gestellt werden, der es von allen anderen trennte. Jede Bewegung, jeder Gedanke und jeder kleinste Zufall konnte in einer zeitlichen Reihenfolge platziert werden. Zum Beispiel wurde mir klar, dass ich sehr lange geschlafen hatte. Und neben mir – obwohl ich nicht wusste wie nahe, weil ich den Raum ja noch nicht geschaffen hatte – hatten Tante Penelope und Onkel Deva geschlafen. Ihr lautes Schnarchen war auf- und abgestiegen wie dies oder jenes, und wenn sie sich herumgewälzt hatten, dann war das im Ablauf der Zeit geschehen. Ihr ständiges Gezänk konnte ich jetzt ihren Wachzeiten zuordnen, die wiederum als Unterbrechung ihrer Schlafperioden erkennbar wurden. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie viel Zeit ich verschwendet hatte. Wir hatten ja alle in einer angenehmen, unendlichen Selbstvergessenheit und Richtungslosigkeit vor uns hin gedämmert. Waren wir im unstrukturierten Nichts denn nicht prächtig gediehen, ohne dass wir für unser Nichtstun in irgendeiner Weise verantwortlich waren? Ja, völlig ohne Verantwortung. Denn ohne Zeit konnte es keine Reaktionen auf unser Handeln geben, und es blieb folgenlos. Ohne Zeit brauchen Entscheidungen nicht auf ihre Auswirkungen überprüft zu werden. Wir waren alle ohne jegliche Verantwortung in einem sehr bequemen Nichts dahingetrieben.

Meine Tante beschwerte sich denn auch prompt, als uns die Zeit bewusst wurde. Ich habe dir doch gesagt, du verdirbst alles. Sie warf meinem Onkel einen missbilligenden Blick zu, als ob er mich dazu ermutigt hätte, das zu tun, was ich getan hatte, und dann begann sie mit einer verärgerten Aufzählung all der Dinge, die sie in der unmittelbaren Vergangenheit getan oder eben nicht getan hatte. Dann zählte sie die Dinge auf, die sie in der Zeit davor getan oder nicht getan hatte, und immer so weiter, immer tiefer hinein in den jetzt plötzlich sichtbaren Abgrund der Zeit, bis mein Onkel sie bat, endlich aufzuhören. Du hättest die Vergangenheit und die Zukunft niemals erschaffen sollen, sagte sie. Wir waren so glücklich hier. Siehst du? Jetzt muss ich plötzlich sagen, wir waren, früher hingegen … Ach! Da ist es schon wieder. Es war viel netter, als alles gleichzeitig passiert ist. Ich hasse es, über die Zukunft nachzudenken.

Aber findest du nicht, dass wir eine Verantwortung gegenüber der Zukunft haben?, sagte ich. Gegenüber all den Dingen und Wesen, die ich vielleicht noch erschaffe?

Unsinn, kreischte Tante Penelope. Was für ein törichtes Argument. Du hast keinerlei Verpflichtung gegenüber Dingen, die noch gar nicht existieren und die es nie geben wird, wenn du einfach mal deine großen Gedanken für dich behältst. Aber jetzt ist es zu spät, fuhr sie fort. Ich kann die Zeit spüren. Ich kann die Zukunft spüren. Sie hatte sich in einen ihrer Erregungszustände hineingesteigert, das Nichts pulsierte und zuckte angesichts ihres Missvergnügens. Mein Onkel streichelte sie sacht. Zum ersten Mal überhaupt reagierte sie auf seine Berührung. Ihr Geschimpfe verringerte sich. Bald darauf stellte sie fest, dass ihr Haar gekämmt werden musste. Das war einmal ein Anfang, und wahrscheinlich war es auch gut so.

Das Nichts

In Perioden und Intervallen rieselte die Zeit vorbei. Dann wieder schoss sie voran, strömte Hals über Kopf in die Zukunft, nur um anzuhalten und nur noch langsam zu tröpfeln. Ich hatte die Zeit zwar geschaffen, aber nicht festgelegt, ob sie gleichmäßig fließen sollte oder ruckelnd und stoßweise. Aber die Sache war noch viel heikler. Da ich bislang keine Uhren erschaffen hatte, wusste man gar nicht, wann die Zeit ruhig verging und wann sie sprunghaft und kabbelig war. Es gab nichts, womit man sie messen konnte. Vielleicht hing die Bewegung der Zeit vom Betrachter ab. Vielleicht war sie eine Frage der Wahrnehmung. Was wir am Anfang wussten, war nur, dass die Zeit fließt. Ich hatte keine Lust, mich gleich auf die eine oder andere Art festzulegen – ich hatte ohnehin schon so viel nachgedacht. Deshalb entschloss ich mich, eine Entscheidung über die Struktur der Zeit erst später zu treffen.

Egal ob gleichmäßig oder stoßweise, die Erschaffung der Zeit hatte das Nichts schon geändert. Vor der Zeit bewegten wir uns nicht so durch das Nichts wie jetzt plötzlich, sondern erlebten alles gleichzeitig. Besser gesagt: Das Nichts klebte an unserem Dasein, das Nichts umfing unsere Gedanken, das Nichts war der Gegensatz zu unserem Etwas-Sein. Nach der Erfindung der Zeit war das Nichts zwar immer noch eine unendliche und unveränderliche Leere, aber jetzt konnte man darin herumreisen, man konnte es denken, man konnte sagen, man war zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, und zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen. Nicht, dass es im Nichts irgendwelche Wegweiser oder Markierungen gegeben hätte, um bestimmte Orte anzuzeigen – das Nichts war vollkommen leer und ohne Gestalt –, aber es wurde uns klar, dass solche Orte im Prinzip existierten und wir uns innerhalb eines gewissen Zeitabschnitts vom einen zum anderen bewegten.

Obwohl das Nichts vollkommen leer war, konnten wir gelegentlich schwache Erscheinungen wahrnehmen – durchsichtige, dünne Schleier und Nebel, Falten, Höhen und Täler des Nichts, die auftauchten und wieder verschwanden. Diese flüchtigen Strukturen erschienen an den Säumen der vielen Schichten des Nichts, dort, wo sie nicht genau aufeinandergelegt worden waren. Wenn man sich auf diese vergänglichen Erscheinungen zubewegte, verschwanden sie natürlich sofort, aber nicht ohne der völligen Gestaltlosigkeit des Nichts eine vorübergehende Unterbrechung und eine momentane, flüchtige Richtung gegeben zu haben.

Ich verbrachte große Schwaden von Zeit damit, mich durch das Nichts zu bewegen. Obwohl es leer war, lockte einen das Nichts doch ständig mit seinen unendlichen Möglichkeiten. Gern reiste ich lange Zeit in eine bestimmte Richtung, durch Nebel von Nichts, dann beschloss ich plötzlich, dass ich neue Gebiete erforschen wollte, bog nach rechts oder links ab und reiste lange Zeit in eine andere Richtung. Manchmal machte ich auch eine Kehrtwendung, bewegte mich dorthin, wo ich hergekommen war, und reiste extrem lange durch einen leeren Ort nach dem anderen. Oft hatte ich keinerlei bestimmte Richtung, sondern folgte nur einer natürlichen Neugier. Ich wollte wissen, wie sich das Nichts durch die Zeit verändert hatte. Manchmal spielte ich auch ein Spiel. Ich tat so, als hätte ich mich verlaufen, und versuchte dann unter Verzicht auf meine angeborene Allwissenheit, meine Position dadurch zu bestimmen, dass ich die Zeit zu schätzen versuchte, die ich bei meiner Bewegung in diese oder jene Richtung gebraucht hatte.

Das führte bald zu geometrischen Berechnungen. Einmal bewegte ich mich zum Beispiel in einer Spirale mit ständig größer werdendem Durchmesser, wobei ich immer wieder an Orten vorbeikam, an denen ich schon früher gewesen war. Es war scheinbar immer dieselbe Leere, aber mit subtilen Veränderungen bei jeder Wiederholung, winzigen Verschiebungen im Vakuum, die durch das Vergehen der Zeit ausgelöst wurden. Manchmal hielt ich auch einfach inne und bewunderte die stille Schönheit des Nichts, die Ruhe, die endlosen Pilaster und Balustraden des Nichts. Die tatsächliche Entfernung, die ich bei meinen Ausflügen zurückgelegt hatte, konnte ich allerdings nie wirklich messen, denn es gab ja keinen Raum. Ab und zu traten meine Tante oder mein Onkel hinter einem wehenden Schleier von Nichts hervor, wir stellten fest, dass wir überrascht waren, weil wir uns getroffen hatten, sagten Hallo und gingen dann unserer Wege. Solche zufälligen Begegnungen, die auf einem Vorher und Nachher beruhten, hatte es vor der Erschaffung der Zeit nie gegeben.

Ich kann sagen, meine langen Reisen durch das Nichts waren sehr befriedigend. Ich war gern in Bewegung, mochte es, von einem Ort zum anderen zu gehen. Wenn ich mich bewegte, spürte ich eine gesteigerte Intensität der Existenz und des Daseins. Die Leere akkumulierte sich, wenn ich reiste. In zunehmender Zahl hefteten sich die Wolken und Nebel des Nichts an mich, sodass ich das Gefühl hatte, in dicke, weiche Kissen gekleidet zu sein. Ich hatte jedenfalls ein riesiges Vakuum, in dem ich herumdenken konnte. In Anbetracht der Tatsache, dass das Nichts aus völliger Leere bestand, begann ich es mit meinen Gedanken zu füllen, und diese Gedanken dienten in gewisser Weise als Wegweiser: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Idee, das Verhältnis von Umfang und Durchmesser von Kreisen und Kugeln mit der Zahl π ein für alle Mal festzulegen. Da drüben hatte ich die Idee eines Farbspektrums. Und so weiter. Das Nichts diente meinen Gedanken als anmutiges Gefäß. Es wurde zum Spielplatz meiner Ideen.

Dann gab es Musik. Das Nichts hatte immer schon unter den Klängen meiner Gedanken vibriert, aber ehe es die Zeit gab, war die Totalität aller Klänge simultan, als würden Tausende und Abertausende Töne zugleich gespielt. Jetzt erklangen sie nacheinander, wurden zu Klangkaskaden, Arpeggios, Glissandos. Wir konnten jetzt Melodien hören. Wir nahmen Rhythmen und metrische Abschnitte wahr, in denen die Zeit zu köstlichen Klangfalten wurde. Zweivierteltakte, Dreivierteltakte, Synkopen. Wenn wir uns durch das Nichts bewegten, wurden wir in Bann gehalten von köstlichen Klängen, den hinreißend zarten, melodischen Vibrationen des Nichts.

Den größten Teil der Musik konstruierte ich aus einer Tonleiter von Frequenzen, die in der Regel im festen Verhältnis von 2112 standen, denn die Exponentialfunktion dieser Zahl kam dem Verhältnis kleiner natürlicher Zahlen wie 3:2 und 4:3 am nächsten. Dreiklänge, die auf diesen Tonleitern beruhten, hörten sich angenehm an. Aber ich experimentierte auch mit Viertelton-Verhältnissen, nichtharmonischen Verhältnissen und sogar mit Tonleitern, die variable Frequenzverhältnisse hatten. Auch die brachten schöne Musik hervor, solange man nicht zwei verschiedene Töne zur gleichen Zeit spielte. Indem ich die Intensität der Obertöne variierte, schuf ich eine unendliche Fülle von Klängen.

Überall und jederzeit waren wir umhüllt von Musik. Manchmal ergoss sie sich in gewaltigen Sturzbächen. Zu anderen Zeiten machte sie nur ganz leise Schritte, die so zart wie die flüchtigen Schleier des Nichts waren. So wie sich in der Vergangenheit Partikel von Nichts an unser Wesen geheftet hatten, umgab uns jetzt die Musik. Sie drang sogar in uns ein. Ich hatte die Musik geschaffen, doch besaß sie ihrerseits Schöpferkraft; sie erhob das Sein und gestaltete es zu neuer Vollkommenheit.

Raum

Ich hatte vor, eine ganze Menge Dinge zu schaffen. Ohne jede Erfahrung mit der Körperlichkeit konnte ich mir diese Dinge nur als Funktionen oder Eigenschaften, etwa zur Quantifizierung der Zeit, zur Kommunikation, als Licht oder Schatten vorstellen. Aber die Abstraktionen hatte ich bald satt. Ich wollte fühlen und anfassen. Schließlich hatte ich sehr lange geschlafen. Ich brauchte etwas Neues, was mich interessierte, eine Herausforderung, vielleicht sogar andere Wesen, die mich überraschten und amüsierten. Meine Ideen, sowohl für die beseelten als auch für die unbeseelten Dinge, bedurften der körperlichen Existenz, sie brauchten Volumen und Ausdehnung. Und deshalb musste ich den Raum schaffen.

Der Raum erschien nicht auf einmal, sondern in langsamen Schritten. Nur sehr allmählich nahm er an Breite, Höhe und Tiefe zu. (Ich hatte mit einer ganzen Anzahl von Dimensionen gespielt. Zwei schienen mich unnötig einzuengen, ja, fast zu ersticken, während mir vier oder mehr als zu luxuriös vorkamen und leicht dazu führen konnten, dass kleine Dinge verloren gingen. Aus diesem Grunde entschloss ich mich, bei meinem ersten Versuch drei Dimensionen zu nehmen.)

Wenn ich mich recht entsinne, erschien der Raum zunächst als winzige runde Blase, die in aller Stille in meinem Geist steckte. Dann zog sie sich in die Länge und summte in schriller Tonlage. Eine Zeit lang war das Universum ein kleines, ziemlich flaches Ellipsoid. Aber die Höhe und Tiefe holten allmählich auf, wobei sie ein ungeduldiges Glucksen von sich gaben; so stellte sich die Kugelform wieder her. Dann ertönte ein lautes Seufzen, und mit einem tiefen Grollen entfalteten sich gleichzeitig alle drei Dimensionen und wuchsen ins Leere hinaus.

Mein Universum war geboren! Am Anfang war es noch winzig, aber wunderschön, eine köstliche kleine Kugel. Ihre Oberfläche war glatt und seidig, jedoch unendlich stark. Es glänzte und drehte sich leicht. Und es vibrierte vor Energie. Ich stellte fest, dass ich den Raum nicht ohne Energie schaffen konnte – die beiden waren unentwirrbar miteinander verbunden, als gäbe das eine dem anderen die Form. Die Energie heulte und zappelte, weil sie aus der glatten, seidigen Hülle herauswollte, aber das konnte sie nicht, denn diese Hülle umschloss alles, was es gab (außer mir, meiner Tante und meinem Onkel), und es war eine mathematische und logische Unmöglichkeit, dass irgendetwas, das sich im Inneren befand, herauskommen konnte. Nur das Nichts blieb außerhalb dieser Hülle.

Bei ihrem ständigen Versuch zu entkommen brodelte und kochte die Energie mit gewaltiger Hitze. Sie dehnte und streckte die unzerreißbare Hülle, mal in diese, mal in eine andere Richtung. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als den Raum selbst auszudehnen. Sie verzerrte Umfänge, Durchmesser, Winkel und Kurven, ja, sogar die mathematischen Prinzipien des Raums. Die Geometrie reagierte auf die heftigen Attacken und fing ebenfalls an, durchdringend zu summen. Energie und Geometrie begannen, mit schrillem Kreischen zu kämpfen, erst zwängten die Terrassen und Schluchten des Raums die Energie mit brutaler Gewalt zusammen, dann schlug die Energie zurück und gestaltete den Aufbau des Raums neu. Auf diese Weise dehnte sich die kleine Kugel, die das Universum ursprünglich gewesen war, im Verlauf des Kampfes mit alarmierender Geschwindigkeit aus.

Irgendwann wurde Tante Penelope, die sich ausnahmsweise in aller Ruhe das Haar bürsten wollte, von der expandierenden Kugel umgestoßen. Rette mich!, rief sie Onkel Deva theatralisch zu, was natürlich völlig übertrieben war. Mein Onkel half ihr, sich wieder aufzurichten. Was war das für ein Ding?, schrie sie. So eine Unverschämtheit! Dann stampfte sie ins Nichts hinaus, ohne sich bei Onkel Deva zu bedanken. Auch als sie längst hinter den Falten und Rüschen des Vakuums verschwunden war, hörte ich sie noch schimpfen: Was hat er jetzt wieder angestellt? Kein Ende nimmt das, kein Ende. Kein Ende nimmt das, kein Ende …

Unterdessen wurde mein Universum größer und größer. Sobald es einmal geschaffen war, schien es entschlossen zu sein, so fett wie nur irgend möglich zu werden. Ich beschloss, noch ein zweites zu machen. Diesem allerdings versetzte ich einen winzigen Stich, als es entstanden war, wirklich nur ein ganz winziges Loch, weil ich sehen wollte, ob sich dadurch etwas ändern würde. Die kleine Kugel begann sich zunächst genauso auszudehnen wie das erste Universum, aber nach ein paar Augenblicken hielt es inne, vibrierte kurz in einem flüchtigen Gleichgewicht, dann begann es sich zusammenzuziehen und wurde kleiner, es schrumpfte immer weiter zusammen, bis es nur noch ein winziger Punkt war. Dann machte es leise plopp! und war gänzlich verschwunden. Ich war entzückt. Ich machte weitere Universen. Bei jedem versuchte ich eine andere Variante. Manchen gab ich einen seitlichen Schubs, anderen ein paar extra Umdrehungen. Manche quetschte ich im Zeitpunkt ihrer Erschaffung zusammen, um ihnen noch mehr Energie zu geben. Bei manchen änderte ich die Zahl der Dimensionen des Raums: Mal waren es vier, mal sieben oder sechzehn – nur weil ich sehen wollte, was dann passierte. Es ließen sich ja auch Bruchteile von Dimensionen vorstellen, zum Beispiel 13,8. Manche dieser Universen entstanden erst gar nicht, weil sie die Voraussetzungen nicht unter einen Hut brachten. Einige sprangen mit furchterregender Energie ins Dasein, versickerten dann aber im Nichts. Manche waren von Anfang an schlapp; andere rasten durchs Nichts und erzeugten schrille Geräusche und Vibrationen. Ein Universum behielt zwar konstant seine Größe, drehte sich aber schneller und schneller, bis es in der Mitte zerplatzte. Mehrere begannen sich zunächst auszudehnen, zogen sich dann aber zusammen, bis man sie kaum noch sah, dehnten sich wieder aus in einer Art schaumigen Wiedergeburt – woraufhin der Zyklus sich wiederholte: Ausdehnung, Schrumpfung, Ausdehnung, Schrumpfung, in einer endlosen Folge von Geburt, Vernichtung und Wiedergeburt.

Nach einiger Zeit flog eine Riesenanzahl von Universen herum. Sie drehten sich mit fantastischer Geschwindigkeit um ihre eigene Achse, vibrierten, pulsierten, dehnten sich aus und zogen sich wieder zusammen. Meine Tante war nirgends zu sehen. Onkel Deva sympathisierte zwar mit meinem Vorhaben, hatte sich aber in Deckung begeben. Wie nicht anders zu erwarten, begannen einige meiner Universen, miteinander zu kollidieren. Jede Kollision führte zu einer bombigen Explosion und schickte Fragmente von Welten durchs Nichts, gebrochene Dimensionen und oszillierende Energien.

Mir wurde klar, dass ich nicht genug darüber nachgedacht hatte, ob ich ein oder mehrere Universen erschaffen sollte. Vielleicht hätte ich vorausschauender sein sollen. Ein einzelnes Universum hätte die Möglichkeit von Kollisionen verhindert, andererseits wäre es mir vielleicht langweilig geworden. Ein Universum würde eine Wahrheit haben. Viele würden viele Wahrheiten haben. Bei beiden Möglichkeiten gab es Vor- und Nachteile.

Ich setzte mich, konzentrierte mich und begann, darüber nachzusinnen. Dann meditierte ich. Ich versuchte, meinen Geist ganz leer werden zu lassen. Ich atmete das Nichts ein und aus. Atmete es ein und dann wieder aus. Langsam wurde ich ruhiger. Frieden breitete sich über dem Nichts aus. Meine Tante und mein Onkel erschienen als kleine Lichter, die einen langsamen Walzer tanzten, dann kam der Frieden auch über sie. Das Nichts beruhigte sich, seufzte und trieb dahin in der vergehenden Zeit. Ich atmete ein und atmete aus und kam zu dem Entschluss, es sollte nur Eins geben. Ein Universum. Die Myriade provisorischer Universen, die ich gemacht hatte, verblasste und löste sich auf, und das eine Universum war das, was übrig blieb.

Und während ich noch meditierte, beschloss ich, die Quantenphysik zu erschaffen. Ich wusste die Sicherheit der Logik und der klaren Definitionen zwar zu schätzen, fand aber, dass die scharfen Kanten des Seins ein bisschen abgerundet werden mussten. Ich wollte ein bisschen künstlerische Zweideutigkeit in meiner Schöpfung, ein gewisses Maß an Zerstreuung. Vielleicht hat die Quantenphysik sich auch selbst erfunden. Rein mathematisch war sie wunderschön. Und so subtil.

Sobald ich die Quantenphysik geschaffen hatte, blähten sich alle Gegenstände – die zu diesem Zeitpunkt allerdings erst in meinen Kopf existierten – auf und schwollen zu einem Nebel von unbestimmter Position an. Alle Sicherheiten verwandelten sich in Wahrscheinlichkeiten, und meine Gedanken gabelten sich in Dualitäten: ja und nein, spröde und biegsam, an und aus. Ab sofort konnten Dinge gleichzeitig hier wie dort sein. Das Eine wurde die Vielen. Eine große Decke der Unschärfe legte sich über das Nichts und machte alles ganz weich. Mein schläfriger Atem verlangsamte sich, bis man ihn nicht mehr wahrnahm. Wenn ich die Ohren spitzte, konnte ich überall aus dem Nichts das milliardenfache leise Klappern und Klingeln von neuen Welten hören, die auf ihre Entstehung warteten. Mit der Erfindung der Quantenphysik hatte jeder Punkt im Nichts die Chance, ein neues Universum zu werden, und diese Möglichkeit konnte man ihm auch nicht verweigern. Die Erschaffung der Zeit und des Raums hatte ein Universum möglich gemacht – und diese Möglichkeit, die im Quantenschaum des Nichts schlummerte, genügte, um eine unbegrenzte Zahl von ihnen ins Leben zu rufen. Bald zischten jedenfalls wieder jede Menge neue Universen herum.

Ich revidierte meine Entscheidung, dass es nur das Eine geben sollte. Oder genauer gesagt, dadurch dass ich die Quantenphysik erfunden hatte, wurden die Vielen nötig. Ich spähte ins Nichts hinaus und versuchte, mein originäres Universum wiederzufinden, das erste, das ich gemacht hatte. Aber es war hoffnungslos verloren gegangen unter Milliarden und Abermilliarden von anderen, die da herumsausten: pulsierenden Kugeln, gestreckten Ellipsoiden und kreiselnden Kosmen, die vor Energie barsten. Das Nichts vibrierte vor Kreischen, Donnergrollen und scharfem Knallen.

Ganz allmählich kamen auch Tante Penelope und Onkel Deva wieder aus ihren Verstecken heraus. Du bist fleißig gewesen, sagte mein Onkel und schaute mit mildem Verdruss auf die herumfliegenden Universen. Wenn ich du wäre, würde ich mein Herz an keins davon hängen. Das wird nämlich bloß eine Enttäuschung für dich. Ich beschloss, darüber nachzudenken. Aber ich war schon jetzt ziemlich verliebt in einige der schwellenden Kugeln.

Was ist in diesen Dingern eigentlich drin?, fragte Tante Penelope. Raum, sagte ich. Hmpf, sagte sie. Aber wenn wir jetzt Raum haben, dann hätte ich bitte gern einen Stuhl, auf dem ich sitzen kann. Ich habe lange genug gestanden.

Also machte ich einen Stuhl für Tante Penelope. Dieser Stuhl war die erste Materie, die ich geschaffen habe. Er hatte drei geschwungene Beine und eine achteckige Rückenlehne. Ich hatte ihn so entworfen, dass er bequem, aber nicht zu bequem war. Meine Tante nahm ohne Kommentar darauf Platz.

Es wartete noch mehr. Ich wollte noch viel mehr Materie machen. Ich wollte Galaxien und Sterne machen. Ich wollte Planeten machen. Ich wollte lebende Geschöpfe machen und denkende Köpfe. Aber für den Augenblick saß ich bloß da und meditierte und betrachtete zufrieden die leeren, aber vibrierenden Universen, die ich gemacht hatte.

Ein Fremder erscheint im Nichts

Ich meditierte. Ich habe meditiert. Ich meditiere. Ich werde meditieren.

Obwohl ich meinen Geist von allen Gedanken geleert hatte, war ich mir der neuen Universen doch bewusst, die um mich herumschwirrten. Ich konnte die Gegenwart der pulsierenden Sphären spüren und in ihrem Inneren Raum und Volumen. Was noch wichtiger war: Das Potenzial des Raums konnte ich spüren, der jetzt überall im Nichts verteilt war. Wenn ich nun in meinem meditativen Zustand durchs Nichts segelte, segelte ich nicht mehr durch ein formloses, zeitloses Nichts, sondern ein Nichts, das mit Zeit und Raum durchsetzt war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Herr G." sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen