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Herr Erwin und sein blauer Hund

Über den Autor

Jens Reinländer, geb. 1964 in Sachsen, arbeitete als Seemann und im Bergbau und studierte am Literaturinstitut in Leipzig. Seit vielen Jahren schreibt er erfolgreiche Kinderbücher und begeistert mit seinen lustigen Lesungen Kinder landauf, landab. Er lebt mit Frau und Tochter in der Nähe von Leipzig.

www.jens-reinlaender.de

Jens Reinländer

Herr Erwin
und
sein blauer Hund

Eine kleine Geschichte
vom Glück

Mit Bildern von Claudia Boldt

BASTEI ENTERTAINMENT

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Eines Morgens tappte ich ins Badezimmer, blinzelte verschlafen meine Zehen an und versuchte mich daran zu erinnern, was denn nun als Nächstes zu tun wäre. So beginnt fast jeder Tag bei mir und immer mit demselben Problem. Wenn man gerade eben noch im Traum in einem knallroten U-Boot durch eine Wüste geschippert ist oder eine Meute Riesen im Tauziehen besiegt hat, dann ist es ausgesprochen kompliziert, sich plötzlich in einem gewöhnlichen Badezimmer zurechtfinden zu müssen.

Zum Glück habe ich das aber bisher immer irgendwie geschafft und auch an diesem Morgen schien sich erst einmal alles ganz normal zu entwickeln. Ich gähnte wie ein Löwe, zählte bei der Gelegenheit vorm Spiegel meine Zähne nach, um sicher zu sein, dass ich nicht über Nacht aus versehen ein paar von ihnen verschluckt hatte, dann zog ich mir kurz an der Nase, schruppte mein Kinn, und schon wussten meine Hände wieder, was sie zu tun hatten. Die linke Hand schnappte sich die Zahncremetube. Die rechte Hand zog die Kappe ab und griff nach der Zahnbürste.

Das klappte ja heute wieder prima mit euch beiden, freute ich mich, während meine linke Hand die Tube zusammendrückte, damit ich etwas Zahncreme auf die Zahnbürste bekam. Doch aus der Tube kam nicht ein Klecks. Nichts. »Du musst fester drücken!«, sagte ich. Meine linke Hand presste und presste. Erst einmal, dann zweimal, schließlich noch einmal. Aber von Zahncreme war weit und breit nichts zu sehen. »Merkwürdig, die Tube ist prall wie eine Wurst und trotzdem kommt nichts heraus. Vielleicht leidet sie ja an Verstopfung«, brummte ich und sah mir ihre Öffnung jetzt mal genauer an. Ein weißer Punkt mit einem dicken blauen Streifen quer durch war zu sehen. Ganz klar, das war meine Zahncreme, die aber heut partout nicht aus der Tube wollte. Allmählich wurde ich wütend. Schließlich hatte ich keine Lust, mich den lieben langen Tag mit einer Tube widerspenstiger Zahncreme herumzuärgern.

»Also gut, du hast es nicht anders gewollt. Wenn du nicht freiwillig herauskommst, dann mach ich dir eben Beine«, fauchte ich und quetschte die Tube mit solcher Kraft, dass man hätte meinen können, sie wäre ein Stück Knetmasse. Jetzt war ich richtig sauer – und wach obendrein. Doch ganz unverhofft machte es da »Plopp« und ich hatte gewonnen. Oder etwa nicht? Vor Staunen blieb mir der Mund offen stehen. Ich glaube, ich habe ausgesehen wie ein Karpfen, der nach Luft schnappt. Aber was ich jetzt sah, war auch wirklich total verrückt. Der Zahncremeklecks, der sich nun auf meiner Bürste befand, hatte zwei winzige dünne Beine. Die Beine wirbelten wild durch die Luft, und mit einem Ruck saß da plötzlich ein seltsames Kerlchen vor mir auf meiner Zahnbürste. Es trug einen mächtig großen Hut auf dem Kopf. Kein Wunder, dass meine Zahncremetube verstopft war, dachte ich.

»Na endlich, das wurde aber auch Zeit«, schnaubte das Männlein unfreundlich und sah mich dabei vorwurfsvoll an. Als ob ich etwas dafür konnte, dass es in meiner Zahncremetube gesteckt hatte. Dann zog es mit einem kräftigen Ruck seinen Hut bis auf die Nase runter, und noch bevor ich mich versah, schnellte es von der Zahnbürste und tauchte mit einem tadellosen Kopfsprung in meinen Badezimmerspiegel ein. Ganz so, als wäre der gar nicht aus Glas, sondern aus purem Wasser wie in einem Badesee.

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»Das gibt’s doch nicht! Träume ich etwa immer noch?«, murmelte ich und rieb mir erstaunt die Augen. Doch es kam noch verrückter. In meinem Badezimmerspiegel war jetzt ein Postkasten zu sehen! Leuchtend gelb stand er auf einem dicken Baumstumpf und hatte sein breites Schlitzmaul weit aufgesperrt. Gerade noch sah ich den letzten Zipfel des Männleins durch den Schlitz huschen, dann klappte mit Schwung die Abdeckung über den Briefschlitz. Es schepperte so sehr, dass mir vor Schreck die Zahnbürste aus der Hand fiel und ein kleines Schild, das an einer Kette vom Deckel herabhing, wie verrückt im Kreis propellerte. Auf dem Schild stand in verschnörkelten Buchstaben geschrieben: Herr Erwin.

Aha, so heißt der unfreundliche Wicht also, dachte ich noch. Dann klingelte es unten an der Haustür Sturm, und ich musste los. Zu einer Angelpartie. Die hatte ich meinem Kumpel Fred versprochen. Fred war nämlich leidenschaftlicher Angler.

Und so zogen wir zum See. Es dauerte nicht lange und Fred holte einen Riesenfisch nach dem anderen aus dem See. Bei mir dagegen biss nicht mal eine Kaulquappe an. Das war fies. Aber was sollte ich tun? Ich musste neben Fred ausharren und weiter auf mein Anglerglück hoffen. Versprochen war versprochen. So starrte ich finster aufs Wasser, während Fred neben mir alle paar Minuten fröhlich aufsprang und mit seinem Kescher einen fetten zappelnden Fisch aus dem See hievte.

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