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Heroes Reborn - Folge 6

Inhalt

  1. Cover
  2. Heroes Reborn – Event Serie
  3. Folge 6: Flucht aus der Kälte
  4. Die Autoren
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Flucht aus der Kälte
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28

Heroes Reborn – Event Serie

Die sechste Folge der neuen eBook-Serie »Heroes Reborn«, die auf den faszinierenden Charakteren und der reichhaltigen Mythologie der weltweit erfolgreichen NBC-Serie »Heroes« sowie der lang erwarteten Fortsetzung »Heroes Reborn« basiert.

Die neue Staffel setzt fünf Jahre nach dem Finale der vierten Staffel ein, in einer Welt, in der Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gefürchtet, verfolgt und angegriffen werden.

Die eBook-Folgen 2-6 erzählen abgeschlossene Geschichten von Menschen und Evos und erweitern somit das Heroes Reborn Universum. Die einzelnen Folgen können unabhängig und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden.

Folge 6: Flucht aus der Kälte

Eine Gruppe Evos plant die Flucht aus Camp Hale, einem Internierungslager für Menschen mit sehr ungewöhnlichen Kräften.

Die Autoren

Kevin J. Anderson hat 125 Bücher veröffentlicht, von denen mehr als fünfzig nationale oder internationale Bestseller wurden. Er hat zahlreiche Romane in den Universen von »Krieg der Sterne«, »Akte X« und »Der Wüstenplanet« verfasst, aber auch einen einzigartigen Steampunk-Fantasy-Roman unter dem Titel »Clockwork Angels«, der auf dem Konzeptalbum der legendären Rockband Rush beruht. Zu seinen originären Arbeiten gehören die »Saga der Sieben Sonnen«, die Fantasy-Trilogie »Terra Incognita«, die Trilogie »Saga of Shadows« und die humorvolle Serie mit Dan Shamble, dem Zombie-Privatdetektiv. Anderson hat zahlreiche Anthologien herausgegeben, darunter die Serien »Five by Five« und »Blood Lite«. Anderson und seine Frau Rebecca Moesta sind die Inhaber von »WordFire Press«.

Peter J. Wacks ist ein Bestseller-Autor über Genregrenzen hinweg. Er hat auf vielen kreativen Gebieten wie Spielen, Fernsehen, Film und Comics gearbeitet. Seine Werke erreichen eine Gesamtauflage von über dreieinhalb Millionen. Peters Autorenkarriere begann in der Spieleindustrie, als er den internationalen Spielebestseller »Cyberpunk CCG« schuf. Danach hat er an »Alias« von ABC mitgearbeitet und Tie-in-Titel für »Veronica Mars« und »G.I. Joe« verfasst. Seine nächster Roman, »VilleAnne«, ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Steven L. Sears (einem der geschäftsführenden Produzenten von »Xena – die Kriegerprinzessin« und Veteran mit 30 Jahren Geschichte im Fernsehgeschäft) und erscheint gegen Ende 2015.

Kevin J. Anderson
Peter J. Wacks

HEROES

REBORN

Event Serie

Folge 6: Flucht aus der Kälte

 

In Zeiten des Krieges, Zeiten des Wandels, diffamieren die Menschen alles, was sich außerhalb einer eng definierten Norm bewegt. Wenn die Verfolgung einsetzt, wenden sich die Menschen ab und denken: »Wenigstens trifft es nicht mich.«

Man denke an den Mann, der zusah, als die Nazis einen seiner Nachbarn nach dem anderen abholten, und der schwieg, da sie ja nicht ihn holen kamen … bis sie schließlich an seine Tür klopften und niemand mehr da war, der für ihn hätte sprechen können.

Für jeden von uns kommt ein Augenblick, in dem uns der Schleier von den Augen gezogen wird, in dem wir die Welt neu sehen … wenn die Gesellschaft erkennt, dass all die entwickelten Menschen, all die Evos, nur geladene Waffen sind und ihr Abzug jederzeit gedrückt werden kann.

Dinger.

Und wenn die Evos schließlich in Ketten gelegt werden … Wer erhebt dann die Stimme und spricht sich gegen ihre Unterdrückung aus?

- Mohinder Suresh

Sam Conlon klappte den Aufschlag des Regenmantels hoch, um den untersten Teil des Gesichts zu tarnen. Das Parkhaus war leer und dunkel. Er hatte das Gefühl, dass die Welt nur noch aus Grauschattierungen bestand und er sich in einen Bogart-Film verirrt hatte.

»Werden Sie sie und die Einrichtung auf die Probe stellen?« Die Stimme der Frau erklang aus den Schatten hinter der nächsten Säule.

»Woher weiß ich, dass Sie meine Akte wirklich vernichten werden? Hat Renautas so viel Einfluss beim FBI?«

Ein Seufzen trieb sachte durch die Luft. »Den haben wir. Wie ein Mitarbeiter mir mal direkt vor der Tür zum Büro des Präsidenten gesagt hat, Mr. Conlon, ist die Katze aus dem Sack. Die Welt kann nicht mehr in den früheren Zustand zurückversetzt werden. Wir haben die Macht, die Sie brauchen, aber um sie auch zu nutzen, müssen Sie das Spiel für mich durchziehen.«

Schwache elektrische Linien, die nur für Sam sichtbar waren, tauchten in der Luft auf, während die Frau sprach. Ein neues Muster bildete sich heraus. Er lächelte grimmig über ihre Lügen. »Ich mache es.«

Während er wegging, um sich zu stellen, ignorierte er ihre Antwort.

Einen Monat später

Kapitel 1

Die Rocky Mountains waren von herbstlichen Espenfarben gesprenkelt. Die hohen, zerklüfteten Gipfel, die aus dem Tal des Eagle River aufragten, waren von frühem Schnee bedeckt – der Jacque Peak, Battle Mountain, Searle Pass, Tennessee Pass.

Luther kannte sie alle, hatte die Geografie gründlich studiert, um seinen jüngsten Ausbruch zu planen.

Er wich den tief hängenden Zweigen der Ponderosa-Kiefern aus, während er den Grashang hinauflief und dabei immer wieder im nassen Mulch der gefallenen Nadeln ausrutschte. Eisige, zu dünne Luft brannte in seinen Lungen.

Im Tal unter sich sah er das umzäunte Gelände von Camp Hale, einem Lager zur »vorläufigen Einstufung«. Dort unten warteten auf ihn für den Fall seines Scheiterns Verwaltungsgebäude, Wachhäuser, Reihen von Unterkünften (euphemistisch »gemeinsame Wohnbauten« genannt) und Hochsicherheitsunterkünfte, wo die gefährlichen Evos festgehalten wurden.

Luthers besondere Kraft war nicht gefährlich, doch schon allein die Tatsache, dass er über sie verfügte, genügte, um ihm die Freiheit zu rauben.

Die meisten übrigen »Camp-Gäste«, wie man sie nannte, konnten das Gleiche behaupten. Nur einige wenige waren wirklich gefährlich, so sagte man zumindest.

Luther musste entkommen. Ein Gefängnis war ein Gefängnis, egal, wie oft einem gesagt wurde, dass es dem eigenen Schutz diente.

Er barst mit rudernden Armen zwischen den Bäumen hindurch und zerkratzte sich in einem Gewirr toter Zweige, aber er fand einen Felsvorsprung, erstieg ihn und lief weiter. Die Beine zitterten, seine Lunge fühlte sich an, als stünde sie in Flammen, aber auf ihn wartete noch ein weiter Weg.

Hinter ihm hörte er die Hunde bellen und heulen … sie kamen näher.

Luther lief noch schneller, trieb sich über die Grenze der Erschöpfung hinaus.

Die Wachleute von Camp Hale brauchten nicht mal die Hunde, um ihn zu verfolgen. Luther sah die auffälligen gelben Flecken, die er zurückließ und die den Erdboden mit leuchtenden Fußabdrücken bedeckten … Während seine Erregung zunahm, verlor er die Herrschaft über seine Kraft und konnte nicht verhindern, was in der Terminologie des Experten »chromographischer Ausfluss« hieß.

Die blödeste Superkraft aller Zeiten!

Für einige der stärker entwickelten Evos wäre diese chamäleonartige Kraft nützlich gewesen, aber Luther hatte sie nicht im Griff, und aus irgendeinem schrägen genetischen Grund hatte er nur Zugriff auf die Farbe Gelb. Während er also durch die Gegend lief, erzeugten seine Fußabdrücke kräftige Farbkleckse – wurden die Grashalme gelb, wurden die Kiefernnadeln gelb, wurden sogar Steine und Erde gelb. Wenn man dazu noch den hell orangefarbenen »Arbeitsoverall« bedachte, den alle Gefangenen trugen …

Gelb und Orange. Zumindest sind die Chancen gering, dass ich von einem Jäger versehentlich erschossen werde.

Er hoffte, dass er den Verfolgern entwischte, dass er einfach genug Entfernung zurücklegte, damit sie ihn nicht mehr einholten, aber er hatte von Anfang an gewusst, dass es eine fromme Hoffnung war. Eines Tages würde sich die fromme Hoffnung auszahlen. Nur nicht heute, es sei denn, irgendein Glücksfall trat ein.

Luther rang in der Höhenluft nach Atem. Wegen des geringen Sauerstoffgehalts in dreitausend Metern Höhe hatte man hier im Zweiten Weltkrieg das ursprüngliche Camp Hale zur Höhenausbildung der 10. Gebirgsjägerdivision errichtet. Luther hatte gehofft, noch vor Sonnenaufgang mehrere Meilen zu schaffen, aber er fand einfach keinen Pfad, und der Boden war zerklüftet.

Er hatte sich verirrt.

Und jetzt, am folgenden Morgen, konnten ihn die Wachleute anhand einer verblassenden Spur aus neongelben Flecken verfolgen. Sie brauchten die Hunde eigentlich nicht.

Er war inzwischen dicht an der Baumgrenze und kämpfte sich aus dem Kiefernwald hervor, bis er freies Grasland voraus entdeckte – was bedeutete, dass die Wachleute ihn spätestens jetzt sehen konnten. Er konnte hören, wie die Hunde sich begierig ins Zeug legten.

Zwischen schweren Atemzügen rief einer der Wachleute auf den Hängen unter ihm – ein gewisser Thomas Rizzoli, aber im Lager eher als ZS bekannt: »Komm schon, Luther! Sei kein Idiot!«

Luther nuschelte eine Entgegnung; mehr brachte er nicht zustande. Stolpernd duckte er sich zurück in den Schatten der Bäume und folgte einer Abflussrinne. Der Weg des geringsten Widerstands. Er hatte im Grunde keinen anderen Plan als den, einfach zu entwischen. Er hatte gehofft, wenn er tief genug ins Gebirge vordrang, könnte er sich den Verfolgern entziehen und vielleicht eine Skihütte oder eine Bergarbeiterstadt finden, wo man ihm half. Es sah aber nicht danach aus.

Heute nicht.

Er folgte einem abwärts führenden Wildwechsel und legte Tempo zu, da er jetzt nicht mehr den Bäumen ausweichen musste. Bergab zu laufen, das schadete auch nicht. Leider wurden die Verfolger ebenfalls schneller. Er stolperte und rutschte auf dem nassen Gras aus. Der Weg führte zu einem Fluss hinab. Vielleicht konnte er das Gewässer überqueren und so die Hunde überlisten – besser noch, darin die Fußabdrücke verstecken. Vielleicht war ihm das Glück letztlich doch gewogen.

Als die Vegetation spärlicher wurde und er die letzten Büsche aus dem Weg schob, fand er tatsächlich einen schmalen Bach – aus einem Sprühregen gespeist, der über einen Felssims weiter oben fiel. Der Wildwechsel endete hier. Luther konnte den Hang gegenüber nicht erklimmen. Eine Träne lief ihm über die Wange, und er ballte die Fäuste.

Er seufzte und ließ die Schultern hängen. Zeit, sich wieder die Maske des entwaffnenden Witzbolds aufzusetzen. Die Hunde stürmten laut bellend heran, und hinter ihnen stolperten Rizzoli und die Wachleute mit roten und verärgerten Gesichtern einher. Rizzoli blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die übrigen Wachleute hielten die Hunde zurück.

Rizzoli schnaubte und holte Luft. »Du bist eine echte Nervensäge, Luther. Glaubst du, ich hätte heute nichts Besseres zu tun? Ruthers wird stinksauer sein.«

Luther setzte sich auf einen Felsbrocken neben dem kühlen sprudelnden Wasser. »Wenigstens bin ich weiter gekommen als beim letzten Mal. Das solltest du anerkennen, ZS.«

Der Wachmann blickte finster drein. »Nur eine Person darf mich so nennen.« Er gab den Kollegen einen Wink. »Tasern wir ihn und schaffen ihn ins Lager zurück.«

Beunruhigt setzte sich Luther auf. »Nein, wartet! Ich komme freiwillig mit.«

»Das wäre einfacher, ZS«, sagte einer der übrigen Wachleute.

Rizzoli schüttelte den Kopf. »Darauf kommt es nicht an. Der Idiot hat es verdient.«

Luther verzehrte 1.200 Volt zu 19 Impulsen pro Sekunde als Frühstück.

Kapitel 2

Als das Team aus verschwitzten Wachleuten und bellenden Hunden einen schmutzigen, aber grinsenden Luther stolpernd durchs Haupttor des Einstufungslagers Hale führte, empfand die Direktorin und Einsatzleiterin Deborah Ruthers keinerlei Befriedigung oder Erleichterung. Nur Enttäuschung. Tiefe Enttäuschung.

Luther war wacklig auf den Beinen und ließ gelbe Flecken auf dem Boden zurück. Eine sinnlose Gabe … keine offensichtliche Gefahr. Aber wer konnte das schon mit Bestimmtheit sagen?

Es war unmöglich, vor den übrigen Lagerinsassen zu verbergen, dass Luther ausgerissen war, dass er zu fliehen versucht hatte – wieder einmal. Viele waren im Gemeinschaftsraum versammelt, gingen ihren Tagesaufgaben nach, gingen in den Baracken ein und aus, kehrten von Arbeitseinsätzen zurück. Ruthers verfügte ganz gewiss über genügend Arbeitskräfte, und alle packten mit an und taten ihr Bestes, um Camp Hale angenehm zu gestalten. Sie legten Blumengärten an, Gemüsegärten. Sie hielten die Wohnräume sauber, pflegten den Anstrich, sorgten gar für Gemütlichkeit.

Ruthers gab sich größte Mühe, Kameradschaft und Teamarbeit zu kultivieren. Sie sprach auch lieber von »Camp-Gästen« als von Gefangenen. Das vorläufige Einstufungslager war nicht als feindselige Umgebung gedacht. Renautas hatte es als Zufluchtsort eingerichtet, einen erträglichen Aufenthaltsort für jeden, der bei Tests als Evo entdeckt wurde und zur Dokumentation und Einstufung hierherkam, abgesehen von den Leuten, die im Hochsicherheitstrakt landeten – an die Ruthers allerdings nicht gerne dachte. Hale war zum größten Teil eine Zuflucht vor den Schwierigkeiten, die sich einstellten, wenn man als andersartig etikettiert wurde. Die meisten dieser Leute zeigten keine besonderen Kräfte, die gefährlicher oder nützlicher gewesen wären als die von Luther.

Sie schüttelte den Kopf, als Luther hereinkam und mit den Armen schlenkerte, um sich zu lockern; eindeutig litt er noch immer unter den Nachwirkungen des Taserschusses. »Wir versuchen hier alle nur, unser Bestes zu geben«, murmelte Ruthers vor sich hin. Unruhestifter wie Luther waren dabei ganz sicher nicht hilfreich.

Einige der Lagerinsassen grinsten. Sie applaudierten, als Luther wieder eintraf. Er wirkte verlegen; ein 35 Jahre alter und leicht übergewichtiger Mann mit den ersten Ansätzen einer Wampe. In der Gesellschaft draußen wäre er völlig unauffällig gewesen. Nichts, worum man sich hätte Sorgen machen müssen, wenn ihm auch der Hang, Dinge versehentlich gelb zu färben, sicherlich im Beruf Probleme bereitet hätte.

Manche Insassen pfiffen und johlten, ein paar klatschten Beifall. »Vielleicht nächstes Mal, Luther.«

Er wirkte verlegen, grinste aber und verbeugte sich unbeholfen. Die Wachleute trieben ihn weiter.

Ruthers war nicht amüsiert, aber sie wollte auch nicht, dass sich Camp Hale wie ein Gefängnis anfühlte. Sie wollte, dass die Lagerinsassen und die Wachleute und das Verwaltungspersonal miteinander auskamen, dass sie ein Team bildeten. Das war es, was das vorläufige Einstufungslager Hale sein sollte, und Ruthers glaubte daran.

Sie meldete sich mit kräftiger Stimme zu Wort, und die unruhigen Insassen wurden still. »Sehen Sie«, sagte sie. »Ich kann verstehen, dass sich einige von Ihnen eingeschlossen fühlen. Uns zu verlassen kommt derzeit aber nicht in Frage. Renautas und ich tun alles, was wir können, um Camp Hale zu so etwas wie einem … Ferienlager zu machen. Wir haben hier nur minimale Sicherheitsvorkehrungen. Die Zäune dienen Ihrem eigenen Schutz, und Sie sollten wirklich hierbleiben. Geben wir Ihnen nicht die Möglichkeit, Nachrichten zu sehen? Sie wissen, wie es seit Odessa da draußen zugeht. Deshalb haben wir Hale errichtet. Um Sie zu schützen. Damit wir Sie einschätzen lernen, Ihnen freie Unterkunft gewähren, es Ihnen gemütlich machen können. Warum sollte jemand davor weglaufen wollen? Um draußen verfolgt zu werden?«

Sie sah, wie die Leute nickten und nachdachten. Sie alle kannten die Geschichte, und keiner von ihnen war ein wirklich gewalttätiger Rebell. Was Ruthers selbst anging – sie hätte einen netten Job bei einem privaten Sicherheitsdienst in Denver haben können, aber Renautas hatte ihr einen stattlichen Bonus und eine befristete Stelle angeboten, um das neu errichtete Lager in den Bergen zu leiten, hier, wo die nächsten Städte nichts weiter waren als Wintersportorte für die Nebensaison und sterbende Bergarbeiterstädte.

Das Einstufungslager Hale war keine staatliche Einrichtung, wurde aber aufgrund einer Vollmacht des Präsidenten betrieben. Ruthers sah, dass einige Camp-Gäste über ihre Worte murrten, offensichtlich unzufrieden; aber auch sie wussten sehr gut, was sie ihnen sagen wollte. Sie wussten von den Turbulenzen in der Welt da draußen. Sie wussten von den gewalttätigen Vorurteilen gegen Evos.

Sie – die Unauffälligen hier in Camp Hale – waren den größten Gefahren ausgesetzt. Sie waren keine Helden. Sie hatten keine Kräfte, die stark genug waren, um sich zu schützen. Sie gaben einfach nur Ziele ab.

»Ich weiß, dass es lästig ist, aber ich versuche, Ihnen so viele Freiheiten wie möglich einzuräumen. Im Grunde sind die Wachmannschaft, das Verwaltungspersonal und ich ebenso ungern hier wie Sie.« Sie wurde lauter. »Hier haben Sie und ich jedoch die beste Chance. Warten Sie einfach ab, bis sich die Lage in der Welt draußen beruhigt hat. Hier sind Sie in Sicherheit. Es dient Ihrem eigenen Wohl.«

Nach den Gesichtern zu urteilen, glaubten die Camp-Gäste – die meisten jedenfalls – ihren Worten.

Ruthers selbst glaubte auch daran.

Kapitel 3

Andrew Meek hatte ein mulmiges, flaues Gefühl, als er und sein Freund Reggie zurück zur Arbeit gingen. Er hatte die ganzen Sprüche und Versprechungen und die ganze Propaganda gehört, und er hatte keine Chance gehabt, als sie ihn aus Denver hierherbrachten und zur »vorläufigen Einstufung« in den Bergen ablieferten, nicht weit von Leadville, Colorado, entfernt.

Er glaubte nur nicht daran.

Er traute weder dem Staat noch Renautas oder sonst einem Emblem oder Schild an irgendwelchen Gebäuden. Schutzzäune waren trotzdem Zäune, und Gemeinschaftsunterkünfte waren trotzdem Baracken … und Unschuld bedeutete trotzdem Schuld.

Reggie lächelte und zeigte dabei die schlechten Zähne, die aus einer Kindheit ohne Kieferorthopädie resultierten. »Da fragt man sich glatt, wie lange wir in der Welt draußen überlebt hätten, oder, Andrew?«, fragte er, während er ihr Hausmeisterzeug aufsammelte, um sich die nächsten Baracken vorzunehmen. »Das ist nix, worüber man die Nase rümpfen sollte.« Mit einem Funkeln in den Augen wandte er sich Andrew zu und kniff das linke Auge in einem krampfhaften Zucken zusammen, während Andrew nieste.

»Hör auf damit, Reggie!«, schimpfte er. Reggies »tolle« Evo-Kraft bestand darin, dass er Leute zum Niesen bringen konnte. Zweifellos eine gefährliche, destruktive Kraft.

»Ist doch nix Schlimmes!«, lachte Reggie.

»Wir müssen noch vor dem Mittagessen zwei Barackenblöcke schaffen.« Andrew sagte nichts weiter zum Nieser, weil Reggie es immer für einen Triumph erachtete. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Freiwilliger hatte man ihnen die Arbeiten von Hausmeistern und Platzwarten übertragen. Von allen in Camp Hale wurde erwartet, mit anzupacken und sich einzubringen, obwohl Ruthers sehr darauf achtete, den Eindruck eines Zwangsarbeitslagers zu vermeiden. Wenn Insassen aushalfen, erhielten sie ein kleines Gehalt auf Sperrkonten eingezahlt, ein Ausgleich für ihre Zeit hier – falls sie Camp Hale irgendwann wieder verlassen durften.

Andrew störte sich nicht daran und fand, dass seine Zeit hier ohne Arbeit viel schlimmer, ja geisttötend langweilig gewesen wäre. Er hatte noch nie eine Stelle gehabt, die man auch nur entfernt als glamourös hätte bezeichnen können. Fünf Jahre als Angestellter im öffentlichen Dienst, während derer er langweiligen Papierkram für die Stadt Denver erledigte, hatten ihn für Langeweile gerüstet.

Als man ihn beim Gentest als Evo erkannte, wurde er blitzschnell in die Berge verfrachtet, zwei Stunden von zu Hause entfernt. Weder er noch sonst ein Lagerinsasse hatte dabei ein Mitspracherecht besessen, auch wenn man ihm das vorspiegelte.

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