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Hermanns Bruder

Inhaltsübersicht

1. Der Kompass

2. Nimmerland

3. Blaue Augen, braune Augen

4. Geburt

5. Ein Junge im Bücherschrank

6. Der Emigrant

7. Der König von Schweden

8. Baron von Mosch

9. Bredowstraße

10. »Grund der Verhaftung: Betreffender ist der Bruder des Reichsmarschalls Göring«

11. Schwarz, Rot und Gelb

12. Der zufriedene Paria

13. Wieder ein anderer

Anhang

Die Liste der Geretteten1*

  1. Ehepaar Dr. Alsegg

  2. Alfred Barbasch

  3. Ehepaar Benaroya

  4. Ehepaar Benbassat

  5. Prof. Dr. med. Bauer

  6. Prof. Dr. med. Charvat

  7. Prof. Dr. med. Diviš

  8. Prokurist Gratien

  9. Dr. jur. W. Grüss

  10. Hohensinn

  11. Vilem Hromadko

  12. Joseph Ferdinand

  13. Ing. Georg Kantor

  14. Dr. med. L. Kovacs

  15. Frau Franz Lehár

  16. Fräulein M. Likar

  17. Frau Direktor V. Maschek

  18. Dr. med. Medvey

  19. Frau de Montmollin

  20. Dir. Jan Moravek

  21. Frau Hans Moser

  22. Familie Serge Otzop

  23. Inspektor Pernkopf

  24. Familien Pilzer

  25. Familie Pollak

  26. Mann von Henny Porten

  27. Dr. Kurt v. Schuschnigg

  28. Gen. Dir. Bruno Seletzky

  29. Major Frank Short

  30. Franz Šimonek

  31. Hans Stahl

  32. Gen. Dir. Karel Staller

  33. Dr. Vilem Szekely

  34. Dir. Franz Zrno

1. Der Kompass

Der Name. Sein Name ist der Grund dafür, dass er in diesem finsteren Loch gelandet ist. Es ist Mai, man schreibt das Jahr 1945 – das genaue Datum kennt er nicht –, und er findet sich als Häftling der US Army im Seventh Army Interrogation Center (Verhörzentrum der 7. US-Armee) in Augsburg wieder. Das ehemalige Mietshaus im Stadtteil Bärenkeller wird jetzt von der jüngst inhaftierten NS-Elite bevölkert, die hier ihrem Prozess in Nürnberg entgegensieht. Zehn von ihnen werden ein Jahr darauf zum Tod durch den Strang verurteilt worden sein.

In einer der improvisierten Zellen macht er sich daran, seine Verteidigung vorzubereiten. Als er sich von der Pritsche erhebt, um sich an den Schreibtisch unter dem vergitterten Fenster zu setzen, durchzuckt ihn ein reißender Schmerz; ein Nierenleiden macht ihm zu schaffen, von dem seine Bewacher nichts bemerken. Seine Frau und die kleine Tochter, die nicht ahnen, wo er sich überhaupt befindet, warten daheim in Salzburg verzweifelt auf Nachricht von ihm.

Man hat ihn beschuldigt, ein Komplize des NS-Regimes zu sein – jenes Regimes, dem er sich mit all seiner Kraft entgegengestellt und das ihn nur fünf Monate zuvor der Subversion bezichtigt hat. Der Gestapo galt er als Staatsfeind, als Dorn im Fleisch des Volkskörpers. Juden und Nichtjuden, politische und apolitische Menschen, Arier wie Slawen, Reiche wie Arme hat er beschützt, hat sie aus Konzentrationslagern befreit oder ihnen zur Flucht über die Grenzen verholfen. Doch seine Bewacher wollen von alledem nichts wissen. Für sie zählt einzig und allein sein Name.

Denn es geht hier um den jüngeren Bruder eines weiteren Gefangenen: In Zelle fünf desselben Verhörzentrums sitzt der größte Fisch, der den Alliierten ins Netz gegangen ist, der ehemalige Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring. Albert Göring – so heißt der Mann, von dem in diesem Buch die Rede sein wird – hat sich gegen Ende des Krieges im amerikanischen Counter Intelligence Corps (der Spionageabwehr-Abteilung des Heeres) gemeldet und ist sofort verhaftet worden. Nun beginnt er, seine Geschichte zu erzählen, eine phantastische Geschichte voller Heldentaten, geheimer Missionen und unfassbarer Tollkühnheiten. Er erzählt, wie er auf die herrschaftlichen Privilegien einer Kaste verzichtete, die ihn seines Namens wegen jederzeit aufgenommen hätte, und behauptet, er habe seinen Status stattdessen genutzt, das Regime von innen her anzugreifen. Er unterhält die Befrager mit Anekdoten, in denen er nur knapp der Gestapo entgeht, sich in aller Öffentlichkeit schützend vor alte jüdische Damen stellt, einen Devisenschmuggel aufbaut oder für Flüchtlinge Papiere fälscht … und man glaubt ihm nicht. Einer der Amerikaner, Major Paul Kubala, kommt zu dem Schluss: »Das Ergebnis der Vernehmung von Albert GOERING, Bruder des REICHSMARSCHALLS Herman [sic], ist einer der plattesten Versuche der Reinwaschung und Ehrenrettung, die das SAIC [Seventh Army Interrogation Center] je erlebt hat. Albert GOERINGs Mangel an Raffinesse lässt sich allenfalls noch mit der Körpermasse seines fettleibigen Bruders vergleichen.«1

Deshalb trägt er jetzt in seiner Zelle auf fünf Seiten vierunddreißig Namen zusammen, die das Unglaubliche glaubhaft machen sollen. Als Titel wählt er »Menschen, denen ich bei eigener Gefahr (dreimal Gestapo-Haftbefehle!) Leben oder Existenz rettete«. Dann folgen, in alphabetischer Reihenfolge, die vierunddreißig Namen einer kleinen Auswahl von Menschen, denen er geholfen hat, der Verfolgung zu entgehen. Er fügt ihre Titel und Berufe, ihre früheren Adressen, die Staatsangehörigkeit, den Ort der letzten Begegnung, die aktuellen Adressen, die »Art der Hilfe« sowie die »Rasse« hinzu. Dann unterschreibt er und übergibt das Dokument seinen Bewachern. Sein Schicksal liegt nun in ihren Händen.

 

Sechzig Jahre später sitze ich in den National Archives in Washington und halte eben diese Liste in den Händen, die Albert damals zusammengestellt hat. Diese fünf unscheinbaren, fleckigen Seiten sind meine erste wahre Berührung mit Albert Göring.

Aber eins nach dem anderen. Besser beginne ich in meiner Heimatstadt Sydney in Australien, auf dem Campus der University of Sydney, bei meiner Abschlussfeier. Meine Eltern sind da und schlagen sich tapfer mit den Tücken ihrer Digitalkamera herum. Mein Betreuer schüttelt mir feierlich die Hand, wildfremde Menschen wünschen mir alles Gute. Und jetzt?, fragen sie alle. Eine Dissertation in Philosophie oder Finanzwissenschaft vielleicht? Nein, ich will mich weder mit dem Doktortitel noch mit dem Windsorknoten schmücken. Stattdessen erzähle ich ihnen von der Idee, die mich seit einiger Zeit beschäftigt, von einer Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich einen Dokumentarfilm über den Bruder von Hermann Göring gesehen habe2*: Göring, diese Personifikation des Terrorregimes, hieß es da, hatte einen Bruder, der Widerstand leistete.

Die Vorstellung, jenes Monster, das wir aus dem Geschichtsunterricht kannten, hätte einen Oskar Schindler zum Bruder gehabt, schien mir geradezu unglaublich. Ein kurzer Besuch in der Stadtteilbibliothek, ein längerer in der Bibliothek meiner Universität und eine Konsultation der allwissenden Suchmaschine Google hatten wenig zutage befördert, das die Geschichte hätte bestätigen oder widerlegen können. Da musste doch mehr zu finden sein! War es denn möglich, dass die Leistungen eines Mannes durch die Persönlichkeit seines Bruders vollkommen ausgelöscht wurden? Der Name Göring wurde plötzlich so vielschichtig, dass ich an der Geschichtsschreibung zu zweifeln begann.

Einen Monat nach jener Abschlussfeier buchte ich ein Around-the-World-Ticket und verließ Sydney mit einem klaren Ziel vor Augen, jedoch ohne zu wissen, wie ich es erreichen sollte. Von außen betrachtet, sah alles nach einem typischen Backpacker-Abenteuertrip aus oder wie die pubertäre Weigerung, erwachsen zu werden. Doch ich hatte eine Mission: Ich wollte endlich die Spekulationen und Gerüchte von den Fakten trennen, bis Alberts wahre Geschichte zutage trat.

Und diese Mission beginnt hier, in den US National Archives, mit diesen fünf eselsohrigen Papierbögen in meiner Hand. Ich sitze in dem klinisch sauberen Lesesaal zwischen Tweedsakko- und Schnurrbartträgern und versuche mich in Albert hineinzuversetzen, der sie vor so vielen Jahren in seiner Zelle beschrieben hat. Ich frage mich, warum er aus den Hunderten von ihm geretteten Menschen gerade diese Namen wählte. Der Habsburger Erzherzog Joseph Ferdinand ist an zwölfter Stelle dabei und der glücklose österreichische Kanzler Dr. Kurt von Schuschnigg als Nummer siebenundzwanzig. Es sind alles Prominente, wird mir klar, Menschen, die man leicht finden und befragen kann, selbst heute noch.

In dem Moment beginne ich die Liste der Geretteten als Landkarte zu begreifen: als hätte Albert die gesamte Geschichte seiner Kriegsjahre in kondensierter Form in diese vierunddreißig Namen gelegt, als wäre die Liste ein Koordinatensystem. Meine Reise ins Ungewisse bekommt auf einmal eine Richtung. Die angestaubten Aktenstapel und papierenen Spuren, die ein Mensch hinterlässt, sind nur tote Überbleibsel. Doch diese Liste ist weit mehr als Papier. In ihr melden sich die Menschen zu Wort, die Albert Görings lebendiges Andenken wahren. Ihre Stimmen, das weiß ich jetzt, werden auf dieser Reise mein Kompass sein.

2. Nimmerland

Von meinem Fenster blicke ich auf den Schwarzwald, den gerade dichter Nebel in eine märchenhafte Aura hüllt. Hier könnte jederzeit ein kleines Mädchen mit leuchtend roter Kappe vom Weg abkommen, und eine Prinzessin, weiß wie Schnee, könnte mit ihren kleinwüchsigen Verehrern hinter dem nächsten Hügel leben. Es ist das Reich der Brüder Grimm und seit neuestem mein Zuhause. Hier möchte ich meine Suche nach der wahren Geschichte der Göring-Brüder beginnen.

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft in Wiehre, einem besonders pittoresken Viertel der Bilderbuchstadt Freiburg, nahe der französischen und der Schweizer Grenze. Wenn ich will, kann ich in Deutschland frühstücken, in der Schweiz zu Mittag essen und pünktlich zum Abendessen in Frankreich sein. Die Stadt ist eine Art Nimmerland für Hippies, Ökos, Punks, studentische Aktivisten in Palitüchern und allerhand Sonderlinge, die von der rauen Realität um sie herum nichts wissen wollen. Hier ist ihr Refugium, in dem sie sich selig treiben lassen und die Schlechtigkeiten und Verbindlichkeiten der Erwachsenenwelt getrost vergessen können.

Als ich beschloss, in diese altehrwürdige Universitätsstadt zu ziehen, malte ich mir aus, dass ich in ein geistiges Milieu eintauchen würde, aus dem der nächste Friedrich Nietzsche hervorgehen könnte, der nächste Günter Grass oder Karl Marx. Aber bis auf die andere Sprache und die Verbindungsfeten habe ich hier dieselbe bierselige Kumpanei vorgefunden wie in meiner letzten Studentenstadt: in »Happy Valley«, einem der Standorte der Pennsylvania State University, wo ich ein Austauschjahr zugebracht habe. Die europäische Kultiviertheit lässt also vorerst auf sich warten, doch Freiburg hat auch so einiges zu bieten. Jägermeister für unter einem Euro zum Beispiel.

 

Um meine Forschungen zu finanzieren, habe ich einen Job im hiesigen Irish Pub angenommen. Ein echter Traumjob mit nur einem Haken: Meine Chefin teilt mich immer nur für ein paar Schichten pro Woche ein. Seitdem bin ich unfreiwilliger Vegetarier. Mein Speiseplan besteht überwiegend aus Kohlenhydraten: Kartoffelpüree, selbstgemacht oder aus der Tüte, sowie Nudeln, Nudeln und Nudeln. Atkins und seine Low-Carb-Diät hin oder her – in den letzten sechs Monaten habe ich zehn Kilo abgenommen.

Doch diese finanzielle Unzulänglichkeit macht mein Job auf anderen Gebieten mehr als wett: mit endlosen Wortgefechten und Frotzeleien, Klatschgeschichten und einer Menge Spaß – oder craic, wie der Ire sagt. Die Stammbelegschaft und die Springer sind eine bunte Mischung von Expats: Iren, Kiwis, Schotten, Russen, Kanadier, Briten, Spanier, Walisen, Südafrikaner, Amis und Aussies. Alle haben sie ihre persönliche Auswanderergeschichte, sind vor einem tristen Leben geflohen, vor einer Exfrau, den dominanten Eltern oder sogar einem Haftbefehl. Dieser Irish Pub mitten in Nimmerland-City ist ihr inoffizielles Botschaftsgebäude, ihre Zuflucht in der Ferne und ihre Ersatzfamilie. Hier wärmen sie sich an dem, was sie gemeinsam haben: der provisorischen Existenz, der Sprache, der Tendenz zum Alkoholismus und vor allem ihrem Sinn für Humor. In der scheinbar humorfreien germanischen Kultur ist Letzterer besonders wichtig für die geistige Gesundheit – andererseits spielen sie alle, wenn sie genug deutsches Bier intus haben, völlig verrückt.

Das scheinen jedenfalls die entsetzten Gesichter der deutschen Gäste auszudrücken. Jeden Samstagabend fängt die Stammbelegschaft nach ihren ersten zehn Pints an, auf den Tischen zu tanzen, während die Deutschen wie erstarrt dasitzen, konsterniert die verrückten Ausländer beäugen und sich an ihrem warmen Kakao, ihrer Kiba oder ihrem Bananen-Weizen festklammern. Nach sechs Monaten in diesem Land kann ich es noch immer nicht fassen, dass ganze Horden junger Männer an einem Samstagabend in den Irish Pub einfallen, um dort heiße Schokolade zu bestellen … mit Sahne!

Nicht weit von meiner Wohnung ist die Goethestraße, und passend zu ihrem Namenspatron prunkt sie mit dem verwinkelten Backsteincharme der Romantik. Ein schlankes, malerisches Häuschen reiht sich an das nächste, Türmchen und Giebel zieren die Dächer, und pastellfarbene Fassaden mit ausladenden Balkonen werden von dunkelbraunen Ecksteinen gerahmt. Fehlen nur noch die goldbeschlagenen Kutschen und ihre vornehmen Passagiere in gepuderten Perücken. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen; keins dieser Gebäude ist wirklich alt.

Genaugenommen wurde im Zentrum von Freiburg außer dem Münster fast alles erst nach 1945 erbaut. Die Stadt hatte im Zweiten Weltkrieg zwei schwerwiegende militärische Fehler auszubaden. Zehnter Mai 1940: Dichter grauer Nebel verhüllte den Schwarzwald. Kinder tummelten sich auf den Spielplätzen, Bauern boten auf dem Münsterplatz ihre Waren feil, die Glocken der Herz-Jesu-Kirche in Stühlinger waren gerade verklungen, als ein Kruppstahlhagel auf die Umgebung des Hauptbahnhofs niederging. Kein Fliegeralarm hatte die Bevölkerung gewarnt, keine offizielle Verlautbarung, nicht einmal Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff. Wer hätte auch alarmiert sein sollen, wenn das beruhigende Grummeln von Heinkel He 111ern ertönte und durch die Wolken das schwarzweiße Balkenkreuz auf ihren Tragflächen zu erkennen war? Doch Balkenkreuz oder nicht, an diesem trüben Frühlingstag ließen 57 Freiburger ihr Leben, darunter 22 Kinder. Warum? Wegen der unterentwickelten Navigationstechnik und der schlechten Sicht. Übereifrige Piloten hatten den Führer durch einen Überraschungsangriff beeindrucken wollen und die Stadt für das französische Dijon gehalten. Manche besaßen damals die Dreistigkeit, die »verfluchten Tommys« für den Angriff verantwortlich zu machen – nicht zuletzt Propagandaminister Goebbels.

Gut vier Jahre später waren es tatsächlich die »verfluchten Tommys«, denen der zweite Fehler unterlief. In der fälschlichen Annahme, in Freiburg hielte sich eine größere Anzahl Truppen auf, luden über 300 Kampfflugzeuge der Royal Air Force knapp 2000 Tonnen Bomben auf Freiburgs Eisenbahnanlagen ab. Zur Definition von »Eisenbahnanlagen« gehörten offenbar auch Wohnhäuser und Kirchen, Buchläden, Restaurants, Bäckereien, Cafés und Parks, Universitäten und Schulen – das gesamte Stadtzentrum. Aber nur fast, denn Freiburgs höchstes Gebäude, das imposante Münster, blieb stehen und dominiert bis heute die Silhouette der Stadt. Nach dem Angriff ragte das Gotteshaus einsam und trotzig aus den rauchenden Trümmern hervor.

Anders als bei dem Bombenangriff von 1940 wurden die Bürger von Freiburg diesmal vorgewarnt. Es waren jedoch nicht die Luftschutzsirenen oder das Radio, das sie veranlasste, in die Bunker zu fliehen, sondern, so will es die Legende, ein Erpel. Ein ganz alltäglicher Vogel, wenn auch einer von ungewöhnlicher Voraussicht und Überzeugungskraft. Noch bevor – zumindest für die menschlichen Sinne – die ersten Bomber zu hören oder zu sehen gewesen wären, hatte – so die Legende – dieses Tier mit den Flügeln zu schlagen begonnen, hoch aufgerichtet seine Vorahnungen in die Welt hinausgekrächzt und sich so auffällig benommen, dass die beunruhigten Passanten in die Schutzräume flüchteten. Zahlreichen Freiburgern soll der tapfere Erpel so das Leben gerettet haben, während er selbst nach dem Angriff tot unter den Trümmern gefunden wurde.

Gleich jenseits der Altstadt, auf der anderen Seite des Leopoldrings, gibt es im Stadtgarten, in einem kleinen Teich hinter dem Freilufttheater und der Schienenbahn, eine kleine Statue, die jenen berühmten Erpel im entscheidenden Augenblick porträtiert: Den Schnabel himmelwärts gereckt, scheint er gerade seine verzweifelte Warnung auszustoßen. »Die Kreatur Gottes klagt, klagt an und mahnt«, ist in den Sockel eingraviert.

Diese Inschrift würde auch für eine Albert-Göring-Statue gut passen, wenn es sie denn gäbe. Wie jener Vogel besaß Albert einen sechsten Sinn für die heraufziehende Gefahr und sah sich verpflichtet, seine Zeitgenossen zu warnen. Er lebte in München, der Geburtsstadt des Nationalsozialismus. An der Universität teilte er den Vorlesungssaal mit Himmler und erkannte die ersten Vorzeichen der studentischen nationalistischen Bewegung. Er erlebte, wie sein Bruder sich mehr und mehr mit Hitler und seiner Clique einließ und wie seine Reden zu Hasstiraden verkamen. Kurz gesagt, ahnte er von Anfang an, wohin diese zukünftigen Staatenlenker Deutschland führen wollten. Also schlug er Alarm und mahnte seine Landsleute, sich vorzusehen. Doch im Gegensatz zu jenem prophetischen Erpel wurde Albert Göring von seinen Zeitgenossen ignoriert.

 

Vor meiner Zimmertür rumpelt und lärmt es. Offenbar haben meine Mitbewohner eine ihrer »Putzoffensiven« gestartet, wie sie es so schneidig nennen. Ich wohne mit vier deutschen Studenten in einer Dachgeschosswohnung: einem Punkrocker-Grundschullehrer, einem Linguisten, einem angehenden Opernregisseur und einem Violinisten. Eine eigenwillige Truppe, die es sich gleich auf die Fahnen geschrieben hat, mir Freiburg zu zeigen und mir im ewigen Kampf mit den städtischen Behörden Schützenhilfe zu leisten. Auf den ersten Blick sind sie ganz normale Männer Anfang zwanzig, wie sie überall in der westlichen Welt anzutreffen sind: trinkfest und immer für einen Spaß zu haben. Aber wenn es um Sauberkeit und Ordnung geht, können sie ihre Herkunft nicht verleugnen. Wie in den meisten deutschen WGs gibt es auch hier einen farbigen, tortenförmigen »Putzplan«, und immer wieder sonntags treten alle in Reih und Glied in der Küche an und stürzen sich in die Schlacht gegen Unordnung und Schmutz. Nur meiner gestrigen Ein-Mann-Mission im Badezimmer habe ich es zu verdanken, dass ich heute ausnahmsweise beurlaubt bin.

Da übertönt ein Klopfen das Geheul des Staubsaugers. »Vill?« – was nun? Habe ich nicht genug Ungeziefer vernichtet? Nein, der Linguist will mir nur einen Brief überreichen, den die Aufräumaktion zutage befördert hat. Er ist von Eckardt Pfeiffer, dem Lokalhistoriker und Herausgeber einer Regionalzeitung in Franken (der Region, in der Albert und Hermann Göring aufgewachsen sind), der in Fragen zur Familie Göring als Kapazität gilt. Vor über fünf Monaten hatte ich ihn angeschrieben in der Hoffnung, er könnte mir eine paar Anhaltspunkte liefern.

Der Brief ist formell, aber freundlich im Ton, inhaltlich jedoch wenig ergiebig. Alles, was Pfeiffer mitzuteilen hat, ist, dass Albert in Hersbruck zur Schule gegangen sei. Das Schreiben wirkt fast wie eine Kopie all der anderen Antworten, die ich seit Beginn meiner Forschungsbemühungen bekommen habe. Meist beginnen sie mit den Worten »lassen Sie mich Ihnen zunächst dazu gratulieren, dass Sie sich mit der Geschichte Albert Görings befassen wollen« und enden entweder auf »Leider sind die Informationen, die wir zu Ihrem Vorhaben beisteuern können, äußerst begrenzt« oder auf »Unglücklicherweise sind uns die gewünschten Informationen nicht mehr zugänglich, da unser/e [Name des Familienmitglieds] im Jahr [ Jahreszahl] verstorben ist und sein/ihr Wissen mit ins Grab genommen hat«. Ich befürchte allmählich, dass ich zwanzig Jahre zu spät gekommen bin.

Doch dann beschließe ich, die Strategie zu wechseln: Wenn die Informationen nicht zu mir kommen wollen, komme ich eben zu ihnen. Sofort rufe ich meine Chefin an und sage ihr, dass ich eine mehrwöchige Reise nach Franken plane. »Wann?«, fragt sie in ihrer typisch irischen, pragmatischen Art. – »Sobald Sie mir mehr Schichten zuteilen, damit ich das Geld dafür sparen kann.« Sie legt auf.

3. Blaue Augen, braune Augen

Es ist früh am Morgen und eiskalt. Ich warte auf Dustin, einen Amerikaner, der sich in seiner Heimat fremd fühlt und seit zehn Jahren im freiwilligen Exil in Europa lebt. Er kann besser Deutsch als ich und will mich als Assistent und Dolmetscher begleiten. Endlich biegt er um die Ecke, wir laden das Gepäck ein, werfen einen letzten Blick auf die Karte und machen uns auf den Weg zur Autobahn.

Bald darauf lassen wir das sonnige Baden-Württemberg hinter uns und erreichen das grau verhüllte Bayern. Die Autobahn verschwindet im dichten Nebel und mit ihr die sanft geschwungenen Hügel, die Kirchtürme und adretten Dörfchen, die Hängebrücken und die hartgefrorenen Ackerfurchen der Felder. Wir stecken in einem Pulk von BMWs und Mercedessen, die kurz davor scheinen vom Boden abzuheben. Die Autobahn schlängelt sich inzwischen durch die steilen Berge und Nadelwälder der Fränkischen Schweiz. Hier liegt der Veldensteiner Forst, benannt nach der Burg Veldenstein, unserer ersten Station auf der Reise in Alberts und Hermanns Kindheit.

Der Weg zur Burg führt über malerische, gewundene Landstraßen. Hellgrüne, von niedrigen Steinmauern umgebene Kuhweiden wechseln sich ab mit dichten Gehölzen und dunkel bemoosten Felsformationen. Jeden Moment erwartet man, eine Fuchsjagd aus dem Wald hervorbrechen zu sehen, mit dem jungen Hermann Göring an der Spitze. Hoch zu Ross und in voller Montur, einschließlich des Tirolerhuts, würde er der heulenden Meute nachsetzen, um den panisch fliehenden Fuchs zur Strecke zu bringen. Doch zunächst begegnen uns weitere kleine Dörfer mit nur einem Dutzend Häuser um die Kirche herum, und an jeder Abzweigung stehen Wegekreuze. Schließlich windet sich die Straße einen Berghang entlang. Unter uns mäandert die Pegnitz, von oben drängt sich der Fels bedrohlich an den Wegrand heran. Hinter der nächsten Haarnadelkurve erwartet uns der erste imposante Anblick der Burg Veldenstein. Uneinnehmbar thront sie auf einem mächtigen Felsmassiv. Ihre Verteidigungsanlagen fügen sich perfekt in die Physiognomie der Landschaft ein: Steinerne Wehrgänge säumen die zerklüfteten Felswände, und runde Bastionen ragen über jedem Vorsprung auf. Jeder Eroberungsversuch von ebener Erde aus wäre Selbstmord. Im Mittelpunkt der Anlage blickt der Bergfried wachsam auf das Städtchen Neuhaus an der Pegnitz herab. Seine gebieterische Präsenz dürfte seinerzeit die wechselnden Untertanen in Schach gehalten haben. Zu seinen Füßen führen hölzerne Türen wie Kaninchenbauten direkt in den Fels. Verbergen sie Geheimgänge, durch die sich im Mittelalter die Mätressen in die Gemächer schlichen? Oder lagert hier sogar noch die Beute von Hermann Görings Kunstraubzügen?

Wir folgen der Straße an der Burgmauer entlang bergaufwärts und parken am Rande einer Wiese, auf der zwei Jungen Fußball spielen. Der ältere von beiden steht am Elfmeterpunkt und katapultiert den Ball immer wieder an dem jüngeren vorbei ins Tor, der ihm jedes Mal hangabwärts nachrennen muss. Vielleicht haben auch Hermann und Albert Göring hier ihre Kräfte gemessen. Den größeren, sportlichen Hermann stelle ich mir als Torschützen vor, dessen mächtiges Ego geschmeichelt ist, wann immer sein schmächtiger Bruder einem verpassten Ball hinterhereilen muss. In der frischen, nach Holzfeuern duftenden Abendluft laufen Dustin und ich zum Burgtor zurück, um einen Blick in Hermanns und Alberts Vergangenheit zu erhaschen.

 

Als das Ariertum besonders hoch im Kurs stand, 1938, veröffentlichte der deutsche Historiker Otto Freiherr von Dungern einen Artikel über den Stammbaum – oder vielmehr den Ariernachweis – von Hermann Göring. Der Artikel war Teil einer Sammlung von Ahnentafeln weiterer berühmter Deutscher, unter ihnen Arthur Schopenhauer und Rudolf Heß. Zu der Zeit galten den meisten Deutschen sechzehn arische Vorfahren als hinreichender Schutz gegen die Verfolgung aufgrund der Nürnberger Rassegesetze.2

Dungern sollte sich als ausgesprochen findiger Genealoge erweisen. Er griff nach der Gartenschere und verfolgte die Verästelungen der Familiengeschichte bis in das zwölfte Jahrhundert zurück. Am Fuß des Stammbaums fing er an, verwarf Unkraut und mindere Seitenwurzeln und spürte Herzwurzeln auf, die sich aus den Herrscherhäusern der Hohenzollern und Wittelsbacher speisten. Dann lichtete er beherzt die Krone auf der Suche nach einem tragenden Ast, der den Baum mit Heroismus und Ehrgeiz versorgen sollte. Den fand er in keinem Geringeren als dem »eisernen Kanzler« und Gründervater des Deutschen Reichs Otto von Bismarck. Zwischenzeitlich schwang er sich zu erstaunlicher Kreativität auf und schuf abstrakte Gartenkunst wie die gewundene Ranke zu dem größten aller deutschen Literaten, Johann Wolfgang von Goethe. Dann stutzte er die feineren Verästelungen bis in die Spitzen zurecht, die schon benachbarte Stammbäume streiften, und entdeckte einen prächtigen Seitenzweig mit Verbindung zu Kaiser Wilhelm II., dem Urenkel der Königin Victoria.3 Schließlich stand, von einem Wust nutzloser, toter Äste umgeben, ein strahlender arischer Stammhalter vor ihm.

Wenn man diese Propaganda einmal beiseitelässt und sich mit den verworfenen Familienzweigen auseinandersetzt, ist der typische Vorfahr der Familie Göring eher ein hochrangiger, bodenständiger preußischer Beamter, der sporadische Kontakte zum Hochadel pflegt.

Als Einstieg in die wahre Herkunftsgeschichte der Familie Göring bietet sich daher eher der 1694 geborene Michael Christian Göring aus Schlawe an. Dieser Vorfahr, auf den die Görings besonders stolz waren, diente seinerzeit dem preußischen König Friedrich dem Großen und war der Erste, der statt des alten Familiennamens »Geringk« die moderne Schreibung »Göring« verwendete. Er brachte es vom Regimentsquartiermeister in Wesel zum Steuerrat und commissarius loci (Ortskommissar) an der Ruhr. Obwohl er zusätzlich finanzielle Mittel für das preußische Heer sammelte und im Siebenjährigen Krieg als Geisel nach Frankreich verschleppt wurde, gelang es ihm nebenbei, einen Sohn zu zeugen: Christian Heinrich Göring. Christian Heinrich seinerseits lebte im Rheinland ein bescheidenes, aber respektables Leben und zog dort Alberts und Hermanns Großvater Wilhelm Göring auf. Wilhelm trug wieder erheblich zum Renommee der Familie bei, jedoch nicht durch kriegerische Eroberungen oder eine Beamtenkarriere, sondern durch seine gesellschaftlichen Erfolge: Er pflegte Umgang mit höchsten Kreisen und heiratete schließlich Caroline de Nerée, Tochter einer holländischen Adelsfamilie mit hugenottischen Wurzeln.4

Am 31. Oktober 1838 ging aus dieser Ehe in Emmerich, unweit der niederländischen Grenze, ein weiterer Spross der Familie Göring hervor, Heinrich Ernst, der zukünftige Vater von Albert und Hermann. Als Sohn eines angesehenen Richters war auch ihm eine juristische Laufbahn vorgezeichnet, die er jedoch zunächst nicht verfolgte. Er studierte zwar an den renommierten juristischen Fakultäten von Heidelberg und Bonn, doch mit siebenundzwanzig Jahren legte er die preußische Uniform an und zog in den Deutschen Krieg von 1866. In nur sieben Wochen wurde die Karte Europas neu gezeichnet; das aufstrebende Preußische Königreich expandierte, während Österreich an Einfluss verlor. Schon 1871 stellte Preußen die Kartographen mit seinem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg vor neue Herausforderungen, und wieder half Heinrich Göring dabei, die Grenzen zu erweitern, innerhalb deren kurz darauf das Deutsche Reich entstand. Er wurde für seinen Einsatz mit einem Posten als Kreisrichter, später als Landgerichtsrat belohnt.5

Doch schon bald befielen ihn Schwermut und Unzufriedenheit. Sein Widerwille gegen die Juristerei kam wieder hoch, und schlimmer noch: Er verlor seine erste Frau Ida, mit der er in zehn Ehejahren fünf Kinder gezeugt hatte, von denen eins früh gestorben war. Heinrich wurde depressiv und ruhelos; ein ehrbarer Richterposten war ihm nicht genug. Er suchte eine neue Herausforderung, eine Eintrittskarte in höhere Kreise, und beides fand er im diplomatischen Dienst des neuen Auswärtigen Amtes in Berlin. Er wusste um den Expansionsdrang des Deutschen Reiches und um den Wunsch Kaiser Wilhelms II., endlich wie England und Frankreich in den exklusiven Klub der Kolonialmächte aufgenommen zu werden. Kanzler Bismarck, mit dem Heinrich befreundet war, riet ihm, in London aus erster Hand das britische Erfolgsmodell der Kolonialverwaltung zu erlernen.6

Doch dafür musste Heinrich Göring zunächst eine Ehefrau finden, die ihm bei diesem neuen Abenteuer zur Seite stehen konnte, aber auch nicht zuletzt seine Kinder großziehen sollte. In der Situation kam ihm ein junges Mädchen mit leuchtend blauen Augen gerade recht, eine neunzehnjährige, kurvenreiche Blondine aus einfachen Verhältnissen namens Franziska Tiefenbrunn. Ihr Vater, Peter Paul Tiefenbrunn, war ein angesehener Grundbesitzer in der Tiroler Marktgemeinde Reutte. Schon bald waren der preußische Richter und das Tiroler Fräulein verlobt, nicht unbedingt nur aus Liebesgründen. Franziska war bereits mit dem ersten gemeinsamen Kind Karl Ernst schwanger, als sie ihren Verlobten nach England begleitete. Am 28. Mai 1885 wurde Franziska Tiefenbrunn in der Londoner St.-James-Kirche als Fanny Göring dem gut zwanzig Jahre älteren Heinrich angetraut.7 Noch im selben Jahr wurde Heinrich, inzwischen ein anerkannter Experte für Kolonialverwaltung, von Bismarck zum ersten Reichskommissar von Deutsch-Südwestafrika ernannt.

 

Dustin und ich treten beim ersten Glockenschlag der nahen Kirche durch das äußere Tor der Burganlage von Veldenstein. An dem geschlossenen Kassenhäuschen wirbt ein Schild für Eis am Stiel. In der winterlichen Stille ist das Krächzen von Raben, die im Bergfried Quartier bezogen haben, das einzige Lebenszeichen. Ein kopfsteingepflasterter Weg führt uns zum eigentlichen Burgtor, oberhalb dessen ein mittelalterliches Wappen in den Stein gemeißelt ist.3*

Ein weiterer Torbogen, eine asphaltierte, von Fahnenstangen flankierte Einfahrt, führt in das Gebäude, das einmal den Görings als Wohnraum gedient haben muss und inzwischen zum Burghotel umfunktioniert worden ist: Ein dreistöckiges architektonisches Durcheinander mit algengrüner Fassade, weißen, gesprossten Bogenfenstern, Terrakottafliesen und einer leuchtend roten Eingangstür, die entfernt an das Tor zu Willy Wonkas Schokoladenfabrik erinnert. Etwas unsicher, was mich dahinter erwarten mag, greife ich nach dem Türknauf.

Drinnen empfängt uns ein Deutscher Schäferhund mit gebleckten Zähnen und einem bedrohlichen Knurren, das gleich darauf in ohrenbetäubendes Gebell übergeht. Aus dem Flur antwortet ihm der ebenfalls bellende fränkische Dialekt seines Besitzers, eines hünenhaften Mannes, der wenig erfreut wirkt, uns zu sehen. Sein Gesicht verzieht sich zu einem Fotolächeln, das seinen Unwillen nur umso mehr betont. Wir fragen, ob das Restaurant geöffnet habe, und nach einigem Zögern erwidert der Mann mit tiefer Stimme: »Natürlich. Folgen Sie mir.«

Er führt uns in den Speisesaal, eine chaotische Kultstätte der Tierpräparation: Überall hängen Hirschgeweihe aller Größen, Gämsenköpfe und ausgestopfte Fasane an den Wänden; ein Papagei, ein Geier und eine Eule setzen besondere Akzente. Dazu sind einige der Waffen ausgestellt, die vermutlich für die etwas steife Haltung dieser Kreaturen verantwortlich sind: Armbruste, Piken, Schwerter und Schilde, ja sogar eine vollständige Ritterrüstung. Bis auf Ludwig II. und Jesus sind wir die einzigen Gäste. Nur das Zischen und Knacken des Kaminfeuers unterbricht dann und wann die klösterliche Ruhe des Raums. Um die Atmosphäre nicht zu stören, unterhalten wir uns nur im Flüsterton. Hauptsächlich dreht sich unser Gespräch um das bizarre Setting und die Frage, wie wir unserem Wirt Informationen entlocken könnten. Noch bizarrer, fast schon surreal wird es, als plötzlich aus den über den Köpfen zweier Mönchsfiguren angebrachten Lautsprechern eine Art mittelalterlich anmutende Marschmusik erklingt, gefolgt von dem Soundtrack zu Mel Gibsons Film Braveheart.

Jedes Mal, wenn unser Wirt den Raum betritt, versuchen wir, ihn in ein unverfängliches Gespräch über das Wetter oder die Burg zu verwickeln, doch er fertigt uns jedes Mal mit einsilbigen Antworten ab und macht auf dem Absatz kehrt. Als sich die Tür das nächste Mal öffnet, betritt nicht er, sondern eine junge Kellnerin mit langem blondem Haar und einem freundlichen Lächeln den Raum. Sofort vollzieht sich ein geheimnisvoller Wandel. Die versammelte Fauna hört auf, uns bedrohlich anzustarren, die scheppernde Musik wirkt harmonischer, wir fühlen uns wohl. Nach einigen netten Worten erfahren wir von der Kellnerin, dass unser Wirt tatsächlich Herr Betzelt ist, genau der Mann, den ich, wenn auch nur ungern, nach den früheren Burgbewohnern fragen muss.

Wie nicht anders zu erwarten, ist Herr Betzelt beim Thema Albert Göring nicht weniger einsilbig als sonst. Er geht sogar so weit, zu erklären, im gesamten Ort, ach was, auf der ganzen Welt wüsste niemand irgendetwas über Albert Göring zu sagen. An diesem Punkt des Gesprächs verabschieden wir uns dankend und machen uns auf den Weg in den Ort, um ein Nachtquartier zu besorgen und seine Behauptung zu überprüfen.

 

Im heutigen Namibia, in der Innenstadt von Windhoek, trug eine der größten Durchfahrtsstraßen über ein Jahrhundert lang den Namen »Göring-Straße« – eine der wenigen sichtbaren Erinnerungen an die fünf Jahre, die Heinrich Göring in der Gegend zwischen den Flüssen Oranje und Kunene als Reichskommissar verbrachte. Mit seinem Stellvertreter Louis Nels und dem Polizeibeamten Hugo von Goldammer, aber ohne seine Frau – Fanny Göring war nach Deutschland zurückgekehrt, um dort ihren ersten Sohn zur Welt zu bringen –, ging Heinrich Göring 1885 in Walvisbay an Land.8 Er kam als Geschäftsmann: Göring hatte die schwierige Aufgabe, den Herero und Nama sogenannte Schutzverträge zu verkaufen. Diese sollten es deutschen Geschäftsleuten erlauben, die natürlichen Ressourcen des Landes auszubeuten, und den christlichen Missionaren, das Wort Gottes zu verbreiten, ohne dass sie einen Speer im Rücken fürchten mussten. Problematisch war nur, dass das Produkt, welches Göring anzubieten hatte, sich bei der Kundschaft keiner besonders großen Beliebtheit erfreute. Genauer gesagt, missfiel ihnen das Konzept derart, dass sie immer wieder deutsche Außenposten angriffen, darunter auch Görings Wohnsitz.

Diese Erfahrungen sowie die Hitze und Wasserknappheit setzten seiner Frau Fanny, die inzwischen mit dem kleinen Karl Ernst nachgekommen war, gesundheitlich sehr zu. Noch schlechter ging es ihr nach der Geburt des zweiten Kindes, Olga, die sie beinahe nicht überlebte. Doch die aufopferungsvolle Pflege eines jungen Berliner Arztes mit dem Adelstitel »von« im Namen sorgte dafür, dass sie später weitere einflussreiche Kinder zur Welt bringen sollte. Dr. Hermann von Epenstein wachte Tag und Nacht an ihrem Bett und erhaschte den einen oder anderen Blick aus ihren strahlend blauen Augen. Er war hingerissen. Sobald sie in Gegenwart ihres Retters zu sich kam, begann auch sie sich für ihn zu erwärmen.9

Angesichts der Befürchtung, seine Karriere könne ebenso schnell enden, wie sie begonnen hatte, beschloss Heinrich Göring, seinem Angebot an die örtliche Bevölkerung etwas mehr Nachdruck zu verleihen. Die dabei ins Feld geführten Truppen wurden von vor Ort aufgestellten Polizeieinheiten aus sympathisierenden Einheimischen unterstützt. Doch sobald die äußere Ordnung wiederhergestellt war, kehrte der Reichskommissar zu seinem gemäßigten Ansatz zurück. Er sah die Einheimischen nicht als »Wilde« an, die von den zivilisierten Deutschen gezähmt werden mussten, sondern als normale Mitmenschen und schärfte auch seinen Untergebenen ein, sie entsprechend zu behandeln.4*10 Bald wurden wieder mehr Karotten als Schlagstöcke importiert. Diplomatie und ein offenes Ohr ersetzten Zwang und Gewalt. Verträge wurden geschlossen. Zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten entwickelte sich beinahe so etwas wie friedliche Kooperation. Gegen Ende von Heinrich Görings Zeit als Reichskommissar erstreckte sich das deutsche Territorium 800 Kilometer landeinwärts.11

Doch letztendlich erwiesen sich die Schutzverträge als nicht tragfähig. Das Deutsche Reich konnte seine verbrieften Pflichten, nämlich den Schutz der Vertragspartner, nicht mehr erfüllen. Der Häuptling der Nama, Hendrik Witbooi, gab wenig auf das königliche Siegel eines fernen Regenten und griff immer wieder die Viehherden der Herero an. Viele Volksstämme, vor allem die Herero, verloren das Vertrauen in ihre Beschützer und kündigten ihrerseits die Verträge auf. Heinrich und seine Leute mussten die Kolonie vorübergehend räumen.12

 

Bei seiner Rückkehr im Jahr 1890 fand Heinrich Göring die Heimat stark verändert vor: Ein Reich ohne Bismarck, unter der Herrschaft des ungestümen jungen Kaisers Wilhelm II., voller konservativer Ideale. Heinrichs Vorstellungen von der Gleichberechtigung der Menschen, ob schwarz oder weiß, zivilisiert oder »wild«, wurden alles andere als wohlwollend aufgenommen. Seine Versuche, afrikanische Einheimische gegen unmenschliche Behandlung zu verteidigen, brachten ihm den Vorwurf ein, er sei Sozialist, was zu der Zeit ebenso schwer wog wie der Vorwurf des Kommunismus in der McCarthy-Ära.13

Göring beschloss, seinem geliebten Vaterland den Rücken zu kehren, selbst wenn das bedeutete, seine Frau und die Kinder – Fanny hatte gerade ihre zweite Tochter Paula geboren – wieder den Härten des Lebens in der Ferne auszusetzen. 1891 trat er den Posten des Deutschen Generalkonsuls und Ministerialresidenten in Haiti an. Dort, im auch politisch aufgeheizten Klima der Karibik, gingen Heinrichs Draufgängertum und Fannys strahlende Schönheit noch einmal eine folgenschwere Verbindung ein. Neun Monate darauf, am 12. Januar 1893, kam im Marienbad-Sanatorium in Rosenheim, Bayern – nicht allzu weit von Hitlers Geburtsort Braunau am Inn –, ein Junge zur Welt: Hermann Wilhelm Göring. Seinen ersten Vornamen verdankte er Fannys Retter, dem jungen Berliner Arzt aus ihrer Zeit in Afrika, Dr. Hermann von Epenstein. Auch bei dieser Geburt stand von Epenstein Fanny zur Seite. Mit zweitem Namen war Hermann nach Kaiser Wilhelm I. oder auch nach dem von der Familie verehrten Großvater Wilhelm Göring benannt.

Der kleine Hermann verbrachte nur sechs Wochen bei seiner Mutter, dann kehrte sie zu ihrem Gatten und dem Rest der Familie nach Haiti zurück. Die befreundete Familie Graf in Fürth bei Nürnberg übernahm seine Pflege bis zur Rückkehr der Görings nach gut drei Jahren. Diese frühe Trennung von der Mutter sollte das Leben Hermann Görings entscheidend prägen.

Nach den Erinnerungen seiner älteren Schwester Olga Rigele war Hermanns Wiedersehen mit den Eltern alles andere als ein freudiges Ereignis. Als die Grafs am Bahnsteig ihre heimgekehrten Freunde in die Arme schlossen, drehte der Dreijährige der Szene den Rücken. Und als Fanny ihren Sohn hochheben wollte, wand er sich, fuchtelte mit den Armen, brach in Tränen aus und schlug mit den Fäusten auf seine biologische Mutter ein. Den stillen Fremden, der etwas abseits stand, seinen Vater Heinrich, beachtete er nicht einmal.14

Heinrich Göring, vom Dienst in Haiti vorzeitig gealtert und geschwächt, arbeitete nach seiner Rückkehr noch einige Wochen im Auswärtigen Amt und zog dann als Pensionär in eine Wohnung im Berliner Vorort Friedenau. Zunächst gefiel ihm das Leben als Pensionär im Kreis seiner preußischen »Landsleute« aus Staatsdienst und Armee. Sonntags fuhr er mit den Kindern nach Potsdam, wo sie die pompösen Aufmärsche des preußischen Heeres bestaunten – der Beginn von Hermann Görings lebenslanger Faszination für alles Militärische.15 Doch einen ehrgeizigen, fortschrittlichen Mann wie Heinrich konnte der Ruhestand nicht lange glücklich machen. Schon als junger Jurist hatte er sich lieber zur Armee gemeldet, war als desillusionierter Konsul von Deutsch-Südwestafrika nach Haiti gewechselt, und nun, als ruheloser Pensionär, wandte er sich der Flasche zu. Häufige Schübe von Bronchitis und Lungenentzündung verschlechterten zusätzlich seinen gesundheitlichen Zustand. Und während Heinrich zusehends körperlich verfiel, verbrachten seine Ehefrau und der alte Freund der Familie von Epenstein mehr und mehr Zeit miteinander.16

In diese familiären Verwicklungen hinein wurde am 9. März 1895 in Friedenau ein braunäugiger Junge namens Albert Göring geboren. Albert galt von Anfang an als das schwarze Schaf der Familie. Dieser Status prägte sein gesamtes späteres Leben: Alberts wacher Sinn für Widerstand gegen den verhassten Status Quo brachte ihn 1933, als die Nationalsozialisten die Macht an sich rissen, dazu, seine Heimat zu verlassen. Er befähigte ihn, dem Regime den Kampf anzusagen, machte ihn zum Exilanten und zum Verfolgten der Gestapo. Und, was das Wichtigste ist, diese seine Charaktereigenschaft rettete Hunderten potentiellen Opfern des Regimes das Leben.

 

Einige Jahre nach Alberts Geburt schlug von Epenstein, vorgeblich aufgrund von Heinrichs gesundheitlichen Problemen, der Familie Göring vor, in die kürzlich von ihm erworbene Burg Veldenstein einzuziehen. Ritter5* von Epenstein hatte die vormals von Fürstbischöfen, von schwedischen und bayerischen Rittern bewohnte Burganlage 1897 für 20 000 Mark gekauft und sollte bis 1914 eine Million Mark in ihre Instandhaltung investieren. Als Arzt befand er sich schon im Ruhestand, doch das Erbe seines Vaters erlaubte es ihm problemlos, solche Summen aufzubringen. Dr. Epenstein senior war als Arzt am Hof König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen tätig gewesen, hatte erfolgreich mit Immobilien gehandelt und war ein sehr angesehenes Mitglied der preußischen Gesellschaft. Den »Makel«

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