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Herbstmond

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. TEIL I
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
  6. TEIL II
    1. 13
    2. 14
    3. 15
    4. 16
    5. 17
    6. 18
    7. 19
    8. 20
    9. 21
    10. 22
    11. 23
    12. 24
  7. TEIL III
    1. 25
    2. 26
    3. 27
    4. 28
    5. 29
    6. 30
    7. 31
    8. 32
    9. 33
  8. EPILOG
  9. DANKSAGUNG

PATTI CALLAHAN HENRY

Herbstmond

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Sabine Schulte

In unermesslicher Liebe und Bewunderung

widme ich dieses Buch

Bonnie und George Callahan:

meinen Mutmachern, Babysittern,

meiner Inspirationsquelle

und vor allem – meinen Eltern.

TEIL 1

Die Gefahr besteht darin,

dass die Seele sich einredet, sie sei nicht hungrig.

Sie kann sich das nur einreden, indem sie lügt.

Simone Weil

1

Sonnenflecken flüsterten im uralten Moos, huschten über einen umgestürzten Baumstamm. Nur wenige Schritte vor dem Wald brandete das Meer gegen den Strand an. Das Spiel der sich auftürmenden und wieder zurückziehenden Wellen glich Amy Reynolds’ Herzschlag. Früher hatte sie geglaubt, ihr Herz schlage regelmäßig und sei frei von Nick Lowry. Doch er hatte im Unsichtbaren weitergelebt – in den Aussetzern zwischen den Schlägen, in dem Geheimnis, von dem Amy wusste, auch wenn sie es nicht kannte.

Sie saß auf dem im Seewind gealterten Stamm, den Kopf auf den Knien, und wartete. Nun war sie bereit, sich anzuhören, was er zu sagen hatte. Zumindest glaubte sie das.

»Während der ganzen Zeit – der ganzen langen Zeit – hab ich überlegt, was ich dir sage. Ich hatte dir so viel zu sagen!« Er berührte ihren Mund, ihre Lippen.

Amys Hände flatterten in der Luft, Schmetterlinge, die nirgendwo Ruhe fanden.

»Und jetzt bist du hier, und ich finde keine Worte.« Nick schloss die Augen. »Du bist hier, und ich möchte nur die Stelle unten an deinem Hals berühren.« Er öffnete die Augen wieder und schaute auf ihren Hals. Bei der Erinnerung an seine Berührung stieg Hitze in ihr auf.

Sanft berührten Amys Finger das Grübchen zwischen ihren Schlüsselbeinen. Nick legte seine Hand darauf.

»Da. Die Stelle, wo dein silbernes Kreuz immer gelegen hat; bei jedem Atemzug hat es sich bewegt.«

»Ich hab’s verloren«, flüsterte Amy.

»Was hast du verloren?« Er umfasste ihre Hand.

»Das Kreuz … Dich.«

Nick stöhnte und senkte den Kopf; wie zum Gebet, dachte Amy, oder als gebe er sich geschlagen.

Und während all der Zeit hatte Amy geglaubt, ihr Leben sei so schön ordentlich und glatt wie die erstklassigen Laken auf ihrem Bett. Unter der Oberfläche jedoch verbargen sich Knicke und Falten.

Sie hatte die Risse in ihrem Leben zugedeckt, so wie sie das Haus, das der Vorbesitzer in einem schmutzigen Braunton gehalten hatte, dick mit weißer Farbe überstrichen hatte – ihr geliebtes altes Haus in der verschlafenen Stadt im Süden der Vereinigten Staaten, wo Amy mit ihrem Mann und ihren Kindern wohnte. Sie hatte eine Schicht aufgetragen und dann eine weitere, bis sie unwillkürlich unter der Tünche der Heuchelei zu ersticken drohte.

Dann überwältigte Nick sie. Und sie verlor den Mond und kroch auf allen vieren los, um ihn wiederzufinden.

An einem verführerisch normalen Tag, den sie in träger Behaglichkeit mit ihrer Familie verbringen wollte, war Nick Lowry wieder in Amy Reynolds’ Leben getreten.

Die Sonne tauchte die geparkten Geländewagen und Wohnmobile sowie die Camping-Grills in ein honigfarbenes Nachmittagslicht. Der würzige Geruch von Barbecue und Rauch mischte sich mit dem erdwarmen Duft zertretener Blätter. Hin und wieder schwebte eins langsam zu Boden, sie lösten sich von selbst, ohne dass auch nur ein Windhauch sie gepflückt hätte. Die Luft war so weich und satt, dass Amy bei jeder Bewegung das Gefühl hatte, darin zu baden.

Den ganzen Nachmittag lang spürte sie eine wohlige, genüssliche Schwere in den Gliedern. Doch im Herzen empfand sie an diesen lauen Herbsttagen auf dem Campus der Saxton University jedes Jahr das Gleiche: ein Verlangen, ein sonderbares, unangebrachtes Gefühl von Verlust, aber zugleich auch ein Versprechen. So war sie schon darauf eingestimmt – sie war voller Sehnsucht und Erwartung.

Amy stand mit ihrem Mann Phil auf der Wiese, wo die Tailgating-Party zum Heimspiel des Football-Teams stattfand. Seit dreiundzwanzig Jahren trafen sie sich hier mit alten Freunden zu traditionellen Cheeseburgern, kaltem Bier, Kartoffelsalat und Chardonnay. Heute würden sie die erste ernst zu nehmende Freundin ihres Sohnes Jack kennen lernen. Jack sprach wenig von ihr, aber doch mehr als von allen anderen Mädchen, mit denen er sich bisher getroffen hatte. Amy kannte nur ihren Vornamen – Lisbeth. Sie fand diesen Namen anmaßend, ja snobistisch und verspürte innerlich Abwehr, als habe das Mädchen sich bei der Geburt selbst so genannt.

Die Fahrt von dem Städtchen Darby in South Georgia, wo sie zu Hause waren, bis zur Saxton University dauerte zwei Stunden. Amy hatte den Kopf an die Kopfstütze gelehnt, gegen ihre Reisekrankheit angekämpft, Phils Hand genommen und gemurmelt: »Was ist Lisbeth für ein Name?«

»Ein deutscher, glaube ich …Vielleicht eine Form von Elizabeth.«

»Hört sich irgendwie hochnäsig an, findest du nicht?«

»Amy, lass uns nicht über sie urteilen, bevor wir sie überhaupt kennen gelernt haben.«

»Du hast Recht … Du hast ja Recht. Ich kritisiere schon. Tut mir leid. Aber Jack ist einfach so … so besonders, so anders, so viel  reifer als andere.«

»Könnte es vielleicht sein, dass du ein bisschen voreingenommen bist?« Spielerisch hatte Phil ihre Hand gedrückt. Er verstand ihre bedingungslose Liebe zu ihrem Sohn. In der gleichen Weise liebte Amy die ganze Familie, ihren Mann, ihren Sohn und ihre Tochter – ihre Liebe war wie ein Filter, der alle durchschnittlichen Eigenschaften in etwas Besonderes verwandelte.

Phil hatte ihre Hand an den Mund gezogen und sie auf den Handrücken geküsst. »Ich stimme dir zu, Liebste, aber ich bin auch ganz sicher, dass Jacks gute Menschenkenntnis hier Früchte getragen hat. Ich bin schon ganz gespannt auf die junge Frau, die endlich sein Herz erobert hat.«

Ärgerlich öffnete Amy die Augen und sah ihren Mann an. »Noch hat sie gar nichts erobert.«

»Ach, du hättest ihn am Telefon hören sollen!«

Amy zog die Nase kraus. Phil hatte Recht. Sie wusste noch nicht einmal den Nachnamen des Mädchens, hatte aber schon Vorbehalte. »Ich wünschte, wir hätten gestern Abend schon kommen können. Ihre Eltern waren schon hier und wären gerne mit uns essen gegangen.«

»Die Sitzung gestern Abend hätte ich unter keinen Umständen versäumen dürfen, Amy. Darüber haben wir doch vorhin gesprochen.«

»Ich weiß, ich weiß. Aber das heißt ja nicht, dass ich es mir nicht wünschen kann. Wer arbeitet denn schon freitags bis acht Uhr abends?«

»Mein Chef. Und ich daher auch.« Phils Gesicht verschloss sich wie immer, wenn er das Gefühl hatte, Amy stelle sein Arbeitsethos in Frage. Er war in einer strengen Familie aufgewachsen, wo Arbeit und Pflicht die Götter waren, vor denen man sich verneigte. Dass Amy ihre beruflichen Aufgaben lässiger sah und die Familie an erste Stelle setzte, verstand er nicht. Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um das zu vertiefen.

»Weißt du was?« Amy wechselte das Thema. »Meine Projektgruppe macht offenbar Fortschritte. Wir sind tatsächlich eine Stunde auf der Insel gewesen. Eine Stunde ist besser als gar nichts.«

»Das ist ja toll, mein Schatz.« Phil suchte nach einem Sender. Die Störgeräusche aus dem Radio übertönten alles andere und verstärkten Amys Frustration. »Ich kann den Sportkanal nicht finden. Inzwischen müssten wir ihn doch kriegen.«

Phil interessierte sich herzlich wenig für ihre Arbeit, genauso, wie sie seinen Job als Börsenmakler, die Zahlenkolonnen und die zerklüfteten EKG-Kurven der Aktienmärkte uninteressant fand. Aber sie hörte ihm wenigstens zu, wenn er davon erzählte. Das Inselprojekt, an dem sie im Rahmen ihres Lehrauftrags am Savannah College für Kunst und Design mitarbeitete, war eine Chance, im Denkmalschutz ein Zeichen zu setzen, aber Amy hatte das Gefühl, dass ihr Mann diese Arbeit bloß als kleines Hobby betrachtete – nicht anders als die Sammelalben, die sie für die Kinder gebastelt hatte.

Amy rieb sich die Stirn. Sie wollte sich den Tag nicht verderben lassen, an dem sie die erste große Liebe ihres Sohnes treffen würde.

Endlich hatte Phil die Stimme des Kommentators gefunden, der die Footballergebnisse und die Vorhersagen des Tages herunterrasselte. Sie waren um das Stadion herumgefahren, bis sie Amys beste Freundin Carol Anne entdeckt hatten, die mit beiden Armen winkte und auf den Parkplatz deutete, den sie ihnen freihielt. Nach zwei Stunden im Wagen sprang Amy begeistert aus der Beifahrertür und schloss Carol Anne in die Arme.

»Wir sind da, endlich!« Sie streckte sich und sog die frische Luft ein.

»Ich hab mich mit mindestens dreißig wütenden Jeepfahrern angelegt, um euch den Platz freizuhalten. Was kriege ich dafür?«

Lachend begann Amy, die voll gepackten Kühltaschen auszuladen, dankbar, dass ihre Übelkeit sich in dumpfe Kopfschmerzen verwandelt hatte. Zwischendurch ließ sie den Blick über die feiernde Menge schweifen.

»Wen suchst du?« Auch Carol Anne reckte den Hals.

»Jack. Er hat eine neue Freundin, die er uns vorstellen will … und ihre Eltern auch.«

»Oha. Das klingt nach was Ernstem.«

Amy betrachtete die Frau, die seit der ersten Klasse ihre beste Freundin war. Ihr Haar hatte immer noch die Farbe von frischem Honig, und ihre braunen Augen schauten so schalkhaft und lebendig wie eh und je in die Welt und ließen sich nichts entgehen. Carol Anne trug Jeans, die Amys siebzehnjähriger Tochter gepasst hätten, dazu ein orangefarbenes T-Shirt, auf dem quer über der Brust in großen Buchstaben »Saxton University« geschrieben stand.

»Mein Gott, Carol Anne, du siehst aus wie eine Studentin. Geh weg!« Amy tat so, als wolle sie ihre Freundin verscheuchen, und lachte.

»Du etwa nicht?«

»Nein, ganz bestimmt nicht.«

Amy stellte sich auf die Zehenspitzen und hielt wieder nach Jack Ausschau. Schließlich entdeckte sie ihn in dem Labyrinth aus Autos, Grills und Gruppen von Ehemaligen, die um Tickets für das Endspiel schacherten. An der Hand zog er ein dunkelhaariges Mädchen durch das Gewühl hinter sich her. Amy rief nicht nach ihm, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Stattdessen winkte sie, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Dann wandte sie sich an Phil, der gerade Decken und Klappstühle aus dem Wagen holte. »Da kommt Jack.«

»Schön.« Phil lächelte breit. Er stellte einen Stuhl ab und trat zu ihr.

Carol Anne fasste Amy am Handgelenk. »Ich lass euch mal kurz allein, damit ihr euren Sohn begrüßen könnt. Bin gleich wieder da.«

Mit aufgesetztem Lächeln sagte Amy: »Er hält sie an der Hand.«

Jack hatte sich zwischen seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen am College in den letzten drei Jahren immer Zeit freigehalten, um mit ein paar Freunden zum Picknick zu kommen, aber kein einziges Mal war er Hand in Hand mit einem Mädchen erschienen.

»Amy, hör auf!« Phil tätschelte ihren Po.

Schon war Jack bei Amy und umarmte sie. Die Wärme und Stabilität ihres Sohnes durchfluteten sie mit Zärtlichkeit. Ob andere Mütter auch jedes Mal am liebsten vor Freude weinen würden, wenn sie ihre erwachsenen Kinder an sich drückten? Amy hatte nie danach gefragt.

»Hi, Ma.« Jack küsste sie auf die Schläfe. Das tat er immer. »Ich möchte dir Lisbeth vorstellen.«

»Hallo«, sagte Amy zu dem zierlichen jungen Mädchen, das nur Augen für Jack hatte.

»Lisbeth, das ist meine Mutter.«

Nun schaute Lisbeth Amy an und lächelte. Ihre blauen Augen waren so klar, dass sie fast durchsichtig wirkten. Diese Augen, die blasse Haut und die kastanienbraunen Locken, die der jungen Frau über die Schultern fielen, verschlugen Amy fast die Sprache. Lisbeth war das Ebenbild eines irischen Wichtelmännchens und sah überhaupt nicht aus wie die eingebildete Deutsche, die Amy sich vorgestellt hatte.

Jack legte Lisbeth den Arm um die Schultern, weich wie ein Tuch. »Schön, Sie kennen zu lernen«, sagte das Mädchen blinzelnd. Doch Amy erstarrte plötzlich. Etwas an Lisbeths Unterkiefer zog sie an, als müsse sie die Hand ausstrecken und ihn berühren.

Jack wandte sich seinem Vater zu. »Und das ist mein Vater, Phil.«

Phil streckte Lisbeth die Hand hin. »Schön, dass wir uns endlich kennen lernen.«

»Das finde ich auch.« Das Mädchen schüttelte ihm die Hand.

Amy starrte Lisbeth immer noch an. Ihr Gesicht hatte etwas Vertrautes und gleichzeitig Fremdes, das sie nicht losließ. Das Mädchen errötete unter Amys unverwandtem Blick. »Meine Eltern sind schon auf dem Weg, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich hab versucht, ihnen zu erklären, wo Sie zu finden sind.«

»Gut, dann halten Sie die Augen offen. Es tut mir leid, dass wir gestern Abend nicht mit essen gehen konnten. Wir möchten sehr gern ihre Bekanntschaft machen. Und wir haben reichlich zu essen mitgebracht.« Amy griff nach Phils Hand. »Wir laden erst mal das Auto aus.«

Als sie sich von ihrem Sohn und seiner neuen Liebe abwandte, fühlte sie sich jung, nicht älter als die beiden. Aber an einem Herbsttag, an dem die goldenen Blätter unter den Füßen raschelten und man auf dem gesamten Campus von alten Freunden umgeben war, war das auch nicht schwer.

Phil trug die Stühle auf die andere Seite der Wiese, und noch bevor Amy die Kühltasche ganz ausgeräumt hatte, rief Jack schon nach ihr.

»Ma, Lisbeths Eltern sind da.«

Amy drehte sich um. Lisbeths Vater trat in ihr Blickfeld. Als sie versuchte zu sprechen, war ihr, als packe die Herbstluft sie mit kräftiger Faust an der Kehle.

Der Mann nahm Lisbeth in die Arme. »Lizzie, ich hab schon gedacht, wir würden euch nie finden.« Er küsste sie auf die Nasenspitze.

Wie gebannt schaute Amy ihn an. Lisbeths Vater war groß, fast eins neunzig, kräftig wie ein Baum, und sein Haar hatte die Farbe der goldbraunen Blätter unter ihren Füßen; an seinem Unterkiefer zog eine Narbe die Haut zusammen. Es war ein klaffender Schnitt im Fleisch gewesen, eine Bierflasche hatte ihm bei einer Schlägerei in der Kneipe das Kinn aufgeschlitzt. Amy tastete nach dem Kotflügel ihres Geländewagens hinter sich, verfehlte ihn aber.

Wie durch einen langen, hallenden Tunnel hindurch hörte sie Lisbeth kichern. »Daddy, das hier ist Mrs Reynolds. Amy Reynolds, stimmt das?«

»Ja … ja.« Amy sah sich Hilfe suchend nach ihrem Mann um. Doch Phil war noch auf der anderen Seite der Wiese beschäftigt und kehrte ihr den Rücken zu.

Sie roch Geräusche und hörte Gerüche. Seltsame Wahrnehmungen überschlugen sich, wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit, während ihre Sinne gleichzeitig wie gewohnt funktionierten. Die Luft vor ihr war greifbar, war messbar dicht und waberte. Wie ein elektrisches Pulsieren breitete sich in Amys Magengrube, in ihrem ganzen Innern langsam ein Wiedererkennen aus; die Erinnerung erwachte erst im Körper, noch nicht im Kopf.

»Das ist mein Vater, Nick Lowry.«

Die Luft teilte sich. Als sei er nicht soeben aus dem Grab der Vergangenheit, aus dem Sarg gebrochener Versprechen auferstanden, streckte er Amy die Hand hin. Er schaute sie an. Ein Grinsen verwandelte seine Züge in das breite, offene Gesicht des Nick Lowry, der einst ihr gehört hatte. Sie reichte ihrem ehemaligen Liebhaber zur Begrüßung die Hand, und plötzlich, mit einem inneren Geräusch, als würden Knochen zermahlen, trafen die mentale und die physische Erinnerung aufeinander.

Sein Gesicht war breiter geworden, vor allem der Unterkiefer, und sein Kinn weicher, aber es war unverkennbar. Die braunen Augen schimmerten immer noch wie flüssiges Kupfer. Er wirkte nicht überrascht – er musste gewusst haben, dass er sie treffen würde.

»Hallo, Mrs Amy Reynolds.«

»Hallo«, war alles, was Amy hervorbrachte. Sie lächelte und schüttelte ihm die Hand, erstaunt über ihre guten Manieren, während die Welt verschwamm.

»Was für ein Zufall … Was für ein –«

Eine blonde Frau, die hinter einem Kombi auftauchte, unterbrach sie. »Huhu! Na, hallo, Familie Reynolds.« Sie strich sich das Haar hinter die Ohren. »Ich hab schon so viel von Ihnen gehört.« Nun stand sie neben Nick und ließ die Hand an seinem bloßen Arm hinuntergleiten, während sie Amy die andere Hand entgegenstreckte. »Hi, ich bin Eliza Lowry.«

»Hi.« Amy schüttelte Eliza die Hand.

Eliza sah zu Nick auf und schaute dann wieder Amy an. »Und Sie sind Amy Reynolds? Die Mutter des hinreißenden Jack Reynolds?«

»Ja. Äh – ja.«

»Also, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Eliza.

Endlich erschien Phil an Amys Seite. Sie griff nach ihm, umklammerte seinen Arm wie einen Rettungsring. Phil stellte sich Nick und Eliza vor. Eliza knickste scherzhaft. Der Boden schien sich aufzulösen. Amy fühlte sich groß wie ein Ballon, als müsse sie gleich aufsteigen.

Eliza nahm Phils Hand. »Sehr erfreut.« Sie lächelte noch ein bisschen breiter. »Ich bin Eliza. Wollen wir uns nicht alle duzen?« Sie legte den Kopf etwas schräger, schaute in die Runde und strich wieder ihr Haar zurück.

Während alle zustimmend murmelten und nickten, landete ein gelbes, rot geädertes Blatt auf Phils Kopf. Amy nahm es aus seinem Haar – eine alltägliche Geste zur Abwehr des Unvorhergesehenen.

Sie schaute Jack und Lisbeth an, die neben Eliza standen, suchte fieberhaft nach etwas, was sie zu Nick und seiner Frau sagen könnte, fand aber nur einen grauen Strudel in ihrem Kopf, während ihr Mund sich öffnete und wieder schloss. Diese Eliza hält mich bestimmt für eine stumme Schwachsinnige, weil ich so hilflos mit offenem Fischmaul nach Luft schnappe, dachte Amy.

»Diese Footballspiele sind doch wirklich eine nette Abwechslung, oder?«, fragte Eliza nun.

»Besonders, wenn sie mal gewinnen«, erwiderte Phil und drückte Amys Ellbogen.

»Ja, als Saxton zum letzten Mal die nationalen Meisterschaften gewonnen hat, war Nick noch Student hier.« Eliza kicherte. »Aber in welchem Jahr das war, verraten wir nicht.«

Jack lachte. »Oh je, das muss vor … vor dreißig Jahren gewesen sein, oder?«

»Na, danke für das Kompliment.« Eliza kitzelte Jack am Arm. Am liebsten hätte Amy ihre Hand weggeschlagen.

Sie sah zu ihrem Sohn auf. »Nein, eher vor fünfundzwanzig Jahren.«

Daraufhin wandte Eliza sich ihrer Tochter zu, zog sie von Jack weg und versuchte, ihre Locken zu glätten, während sie auf das Mädchen einredete.

Phil runzelte die Stirn und blickte Amy erstaunt an. Er wirkte leicht ungeduldig, auch wenn er das gar nicht war. Seine glatte Haut, frei von Sommersprossen oder Leberflecken, verlieh ihm den Anschein von ewiger Jugend, und der weiche Mund, die feuchten Augen und die geschwungenen Brauen gaben ihm ein erwartungsvolles Äußeres. Amy hatte seine Sanftheit geschätzt, als er um sie warb – ihr verwundetes Selbst hatte sich darin geborgen gefühlt. Sie strich ihm das Haar aus den Augen, das blonde Haar, das immer falsch fiel.

»Kennt ihr euch denn alle von der Uni?«, fragte Phil.

»Klar …«, antwortete Nick.

»Aber das ist lange her.« Wieder griff Amy nach Phils Arm.

Nick lachte. »Ja, sehr lange.«

Er hatte immer noch dieses dümmliche Grinsen, das besagte: »Ich fühle mich nicht wohl, aber ich verberge das ganz prima, oder?« Es breitete sich in Wellen auf seinem Gesicht aus, in Wellen, die Amy vertraut waren … von früher. Sie lächelte zurück, überzeugt, dass sie sich nicht anmerken ließ, was in ihr zersprang.

»Und wie ist es dir all die Jahre ergangen?« Überrascht registrierte sie, dass die Frage von ihr kam.

»Gut, hervorragend. Und dir?«

»Ausgezeichnet, danke«, erwiderte sie.

Phil legte den Kopf schräg und rieb sich eine Stelle zwischen den Augenbrauen, über der Nasenwurzel – das tat er immer, wenn er verwirrt war.

Eliza wandte sich wieder der Gruppe zu. »So, und wo wohnt ihr?«

»In Darby«, antwortete Phil. »Und ihr?«

»Wir haben lange im Norden gelebt, viel zu lange, oben in Maine, aber vor ungefähr acht Jahren sind wir nach Garvey zurückgezogen. Da komme ich her, ich bin da aufgewachsen. Wisst ihr, daheim ist es einfach am schönsten.« Eliza stieß einen langen Seufzer aus, einen Seufzer der Erschöpfung, so als habe die Reise ihres Lebens sie endlich an einen Ort geführt, an dem sie sich ausruhen konnte.

»Ach, wie schön … Das ist wirklich schön … dass du und Nick … dass ihr eine Heimat habt«, stammelte Amy. Vor acht Jahren, dachte sie, Nick Lowry lebt seit acht Jahren keine zwei Stunden Autofahrt von mir entfernt! Jesus, Maria und Joseph, wie Carol Anne gesagt hätte, wenn sie dabei gewesen wäre.

»Nick fühlt sich in Garvey natürlich noch nicht richtig zu Hause. Aber das kommt schon noch. Ganz bestimmt.« Eliza fasste nach Nicks Hand.

»Wie der nächste Winter«, sagte Nick scherzhaft.

Alle lachten etwas zu laut. Nick hatte sich sein Talent, Spannungen durch sarkastische Bemerkungen aufzulösen, offenbar bewahrt. Die Erinnerungen hatten mit seiner Narbe begonnen, nun war da sein Sarkasmus, und auf einmal stürzte Amy in einen gut gefüllten Speicher voller Bilder, die sie eigentlich nie wieder hatte anschauen wollen. Niemals.

Sie entschuldigte sich und ging, immer noch ohne festen Boden unter den Füßen zu spüren, zwischen Autos und grillenden Menschen zu Carol Anne hinüber.

Carol Anne war nicht nur ihre Grundschulfreundin, mit der sie später auch das Zimmer im College geteilt hatte, sondern überdies oft die letzte Rettung, wenn Amys Seelenfrieden bedroht war. Die Freundin hatte ebenfalls einen jungen Mann aus ihrer Heimatstadt geheiratet, und inzwischen wohnten die beiden Familien nur zwei Blocks voneinander entfernt – ein weiterer Beweis dafür, wie angenehm Amys Leben war. Sie wollte und brauchte im Moment weder Veränderungen noch Überraschungen. Aufatmend ließ sie sich neben Carol Anne in einen grünen Segeltuchsessel fallen, auf dessen Rückenlehne ein riesiges Logo der Howard University aufgestickt war.

Amy blickte starr vor sich hin. »O Gott«, murmelte sie schließlich.

»Nein, nein, ich bin’s, deine liebste und beste Freundin. Nicht, dass du uns beide verwechselst.« Carol Anne legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ist irgendwas?«

»Guck mal zu meinem Auto rüber.«

»Okay … also, ich sehe deinen hübschen Sohn Jack, deinen bezaubernden Gatten Phil und ein niedliches junges Mädchen mit Eltern.« Sie schaute Amy an. »Na gut, jetzt hat Jack also zum ersten Mal eine ernsthafte Beziehung. Das wirst du überleben.«

»Guck richtig hin! Guck dir den Mann an!«

Sprachlosigkeit war bei Carol Anne so selten, dass Amy sie am liebsten kommentiert hätte, aber ihr fiel nichts Passendes ein.

»Großer Gott, nein«, flüsterte die Freundin endlich.

»Doch.«

»Ich hatte gedacht, er … er wäre verschwunden, in Costa Rica – Scheiße, vor fünfundzwanzig Jahren.«

»Das hab ich auch gedacht.«

»Und wer ist das? Wer ist seine Frau?«

»Keine Ahnung – sie heißt Eliza. Ich kenne sie nicht. Sie hat nicht hier studiert. Sie sagt, sie kommt aus Garvey.«

Carol Anne schüttelte den Kopf. »Also …«

»Mein Sohn mein Sohn geht mit seiner Tochter.«

»Nein.«

»Doch.«

»Das kann nicht gut sein.«

»Ich will nach Hause.«

»Ich auch«, ächzte Carol Anne.

Der Nachmittag wurde für Amy zu einer langsamen Traumsequenz. Zwischen den einzelnen Szenen gab es keine Überleitungen, es waren einfach Schnappschüsse, von ihrem Sohn, ihrem Mann, ihrem früheren Geliebten. Alle schienen sich wohl zu fühlen, während sie selbst darum kämpfte, halbwegs gleichmäßig zu atmen, sich ohne Zuckungen und nervöses Gezappel zu bewegen und den Mann, mit dem sie seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet war, zu berühren und zu küssen, ohne dabei das Gefühl zu haben, ihren Freund zu betrügen, wenn er ihr den Rücken zukehrte.

Jack stand neben seinem Vater am Grill und wendete die Cheeseburger. Er war hoch gewachsen und schlaksig, fünf Zentimeter größer als sein Vater, und musste sich immer noch an seine langen Glieder gewöhnen. Jack war später in die Höhe geschossen als seine Freunde, und manchmal schien er über die eigenen Füße zu stolpern, als seien ihm die Schuhe zu groß. Er sah gut aus, was kein Wunder war, denn den Knochenbau, die Muskulatur und die Augen hatte er offenbar von seinem Vater geerbt. Das Einzige, was Amy an ihrem Sohn von sich selbst entdecken konnte, war sein Mund – sein breites, unnachahmliches Lächeln. Seine Augen waren nicht so strahlend blau wie die seines Vaters, aber sie hatten den gleichen seidigen Glanz. Er zog Lisbeth dichter an sich.

Schamlos starrte Amy das junge Mädchen an. Wenn die beiden ihr nicht als Mutter und Tochter vorgestellt worden wären, hätte sie Lisbeth nie mit Eliza in Verbindung gebracht. Sie hätte erwartet, dass Eliza eine puppenhafte Version ihrer selbst als Tochter hätte – Barbie und deren kleine Schwester Skipper. Doch nun staunte Amy über die fremdartige Schönheit dieses dunkel gelockten Mädchens, das offenbar die blauen Augen von der Mutter hatte, während es die Gesichtszüge von Nick geerbt hatte. Eichenbraune und melassefarbene Ringellocken fielen über Lisbeths Schultern, und die kleine Spange, die darin hing, zeugte von einem vergeblichen Versuch, die Haarpracht zu bändigen. Sie schien ein wildes, schönes Kind zu sein – exotisch, das Gegenteil von Eliza.

Jack und Lisbeth ließen sich vom Grill fort zu einer Gruppe von Studenten treiben, ohne sich jemals voneinander zu lösen – wenigstens mit einer Hand hielten sie ständig Kontakt. Sie waren genauso alt wie Amy und Nick, als sie auf dem College ein Paar gewesen waren und Nick abgereist und nicht wiedergekommen war. Unwillkürlich drängten sich Amy Bilder auf: Verwühlte Laken, gemurmelte Versprechen, feuchte Schenkel. Sie schob die Erinnerungen beiseite und schlenderte zu Carol Anne hinüber, bemüht, Nick aus dem Weg zu gehen.

Dort fand Eliza – Amy musste sich zusammennehmen, um sie nicht Barbie zu nennen – sie eine Weile später allein in einem Campingsessel. Eliza setzte sich in den freien Sessel neben ihr, und Amy verfluchte heimlich Carol Anne, die gerade daraus aufgestanden war, um die Toilette im Chemiegebäude aufzusuchen.

Eliza lächelte, warf ihr Haar zurück und wies mit einem Kopfnicken auf Jack und Amy. »Das scheint ziemlich ernst zu sein, was?«

»Ja, sieht ganz so aus.« Amy hob die Hand und ließ sie dann auf die Armlehne ihres Sessels sinken, unsicher, wo sie die Hände lassen sollte. Als könne Eliza erraten, wo sie einmal gelegen hatten.

»Ich verstehe nicht, warum um dieses Football so ein Theater gemacht wird, aber Nick und die Kids lieben es einfach.«

»Na ja, das macht schon Spaß … und es ist immer schön, alte Freunde wiederzusehen und –«

Eliza hob die Hand. »Ich weiß – das sagt Nick auch immer. An meinem College gab es kein Football-Team, deswegen hab ich dieses ganze Tailgating nie mitgemacht.«

»Wo hast du denn studiert?«

»Ich war auf dem William-Dean – auf dem privaten College, ungefähr eine halbe Stunde von hier.«

»Das kenne ich. Dann warst du bestimmt oft hier, zu Partys oder Sportveranstaltungen.«

»Eigentlich nicht …«

»Ach so.« Amy fühlte sich wieder hilflos, als schwebe sie. Wie war es dazu gekommen, dass Nick die Bekanntschaft dieser Frau gemacht und sie geheiratet hatte? Es ergab alles keinen Sinn – wie ein Foto, das verwackelt war.

In einer synchronen Bewegung drehten die beiden Mütter sich ein wenig, um zu beobachten, wie Jack und Lisbeth sich unter ihre Freunde mischten. Eliza fing an, von ihrer Familie und von ihren Söhnen zu Hause zu erzählen, die Wrestling und Football trainierten.

Amy betrachtete Elizas Leinenbluse und die dazu passenden Shorts, ihre Stirn, die immer glatt blieb und keine Falten zeigte, und die Diamanten in ihren Ohrsteckern, die größer waren als der Stein von Amys Verlobungsring. Ihr wurde klar, dass sie sich im College wohl nie über den Weg gelaufen wären. Unter Amys Freundinnen hatte es geheißen: »Kommt, wir fahren an den Strand und suchen uns ein Plätzchen zum Dösen. Vergesst euer Badezeug nicht«, während man in Elizas Clique wohl eher gesagt hatte: »Lasst uns in das Apartment von meinen Eltern auf Hilton Head Island fahren, packt eure Gucci-Taschen, und vergesst den Lockenstab und den Fön nicht.«

Auf Elizas Frage hin erzählte Amy von ihrer Teilzeitstelle am Savannah College. Sie überlegte auch, ob sie von der Insel berichten sollte – von dem Haus und dem Stück Land, das sie retten wollte –, aber sie war mit ihren Gedanken woanders, sodass sie es gar nicht erst versuchte. Außerdem wusste sie ja auch nicht, ob Eliza sich überhaupt für irgendetwas außer Mode interessierte. Also lächelte und gurrte Amy, wenn es angebracht war, und erzählte von ihrer eigenen Tochter, die gerade das letzte Schuljahr auf der Highschool absolvierte und die beste Tennisspielerin ihrer Altersklasse in South Carolina war.

Nick tauchte ein paarmal bei ihnen auf, um Kommentare oder Meinungen zu ihrem Gespräch abzugeben, aber Amy konnte sich später nicht erinnern, um was es gegangen war. Sobald er fort war, brauchte sie ihre ganze Energie, um die Fassung wiederzugewinnen. Sie würde nicht zulassen, dass die Vergangenheit sie ohne Warnung überfiel, dass die Hitze in ihr aufloderte, während sie mit seiner Frau plauderte. Es war … unpassend. »Ich habe gedacht …«, Eliza ließ den Blick in die Ferne schweifen und schaute dann wieder Amy an, »… Jack und Lisbeth wirken so glücklich, so … Da habe ich überlegt, ob ihr, du und Phil, nicht am nächsten Wochenende mit den Kindern in unser Haus am See kommen wollt. Ich fände das nett. Wir könnten uns alle besser kennen lernen, während die Kids sich draußen herumtreiben.«

»In euer Haus am See?«

»Ja. Eigentlich gehört es meinen Eltern, aber meine Schwester und ich teilen es uns. Am Lake Hardin – das dürften von Darby aus nur ein paar Stunden sein.«

Ach, ja. Amy erinnerte sich an Partys in ihrer Collegezeit, zu denen sie nie eingeladen worden war. Sie hatten an dem exklusiven See in South Carolina stattgefunden.

»Ja«, hörte sie sich sagen. »Phil hat zwar immer einen sehr vollen Terminkalender, aber …«

»Na ja, das ist der Vorteil daran, dass Nick für Daddy arbeitet – er kann sich seine Zeit so einteilen, wie es ihm passt.«

Amy verschlug es die Sprache. Für Daddy?

»Das ist toll«, sagte sie dann. »Ich frage Phil. Ein Wochenende am See, das klingt herrlich, finde ich.«

Kaum hatte Amy zugesagt, kaum wusste sie, dass sie Nick wiedersehen würde, da meldete sich ein alter, verletzter Teil ihres Wesens. Mit dem Annehmen der Einladung gewann der schlimmste Teil von ihr die Oberhand – der Teil, der immer noch wissen wollte, was mit Nick Lowry geschehen war. Offenbar sprach und handelte sie bereits mechanisch.

In dem dichten Verkehr auf der Heimfahrt hörte Phil sich die Radiosendung zum Spiel an. Amy schloss die Augen und versuchte, an etwas Beruhigendes zu denken. Ihr Körper vibrierte, als habe eine riesige Stimmgabel ihn berührt, er summte vor neuer Energie. Sie konnte weder ihre Gedanken noch ihre Glieder im Zaum halten, und eigentlich wusste sie auch nicht, ob sie sich wirklich beruhigen wollte – es war lange her, dass sie über einen Mann wie Nick Lowry nachgedacht oder auf ihn reagiert hatte.

Phil berührte ihr Bein. »Und woher kennst du Nick, Amy?«

»Wir waren im College mit den gleichen Leuten zusammen. Nichts Besonderes.«

Es war eine Lüge, natürlich. Aber Amy konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass Phil ihr bei eingeschaltetem Radio nur mit halbem Ohr zuhörte, während sie die Geschichte mit Nick erzählte. In letzter Zeit hatte sie häufiger den Eindruck, dass Phil das, was sie sagte, nur zum Teil aufnahm. Und sich die alte, schmerzhafte Geschichte anzuhören würde mehr Aufmerksamkeit von ihm erfordern, als er im Moment aufbringen konnte, das wusste Amy.

»Ich hatte keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Nach dem College ist er sozusagen verschwunden – er ist nach Costa Rica gegangen oder so.« Das war immerhin die Wahrheit.

»Weißt du, ich glaube, ich erinnere mich an Nick Lowry aus Hanks Billardhalle … Wer hätte gedacht, dass er und Eliza vielleicht mal Jacks Schwiegereltern werden?« Phil lachte. »Nick war bei jedem Treffen betrunken und hat rumgeschwafelt. Eine unterhaltsame Art, seine freien Tage zu verbringen, was?«

Phil lachte wieder, und Amy war, als würden ihre Nerven mit einer Nagelfeile bearbeitet.

»Betrunken? Bestimmt trinkt er inzwischen nicht mehr so viel. Und er hat bei Hank nicht einfach nur rumgehangen, er hat da gearbeitet.« Amy schaute aus dem Fenster. »Heute war er jedenfalls nicht betrunken.« Sie drückte auf ihre Nasenwurzel. Phil hatte im Beisein der Lowrys eingewilligt, am nächsten Wochenende mit in das Haus am See zu fahren. »Du hast dich bereit erklärt, das nächste Wochenende mit ihnen zu verbringen. Unsere Kinder haben sich ineinander verliebt, und folglich werden wir gelegentlich mit ihnen zusammen sein. Ich möchte gerne, dass es für Lizzie, Lisbeth oder wie sie heißt, und für Jack schön wird.«

Wie oft mussten Kinder doch als Vorwand herhalten! Amy fühlte sich schmutzig, sie litt noch unter ihrer ersten Lüge, und nun hatte sie Phil bereits die zweite aufgetischt. Sie lehnte den Kopf ans Wagenfenster.

»Du hast Recht. Ich bin sicher, dass er mit dieser Freundin auch nicht ewig zusammenbleibt, also lass uns das Beste daraus machen.« Phil legte Amy die Hand aufs Knie und diskutierte dabei mit dem Radiosprecher, der das Ergebnis des Spiels wiederholte. Erschrocken merkte Amy, dass sie das Bedürfnis hatte, seine Hand wegzuschieben. Doch sie riss sich zusammen und beschloss, ihre Gefühle genauso ordentlich in verschiedene Schubladen zu packen wie ihre Kleidungsstücke zu Hause.

Die monotonen Stimmen im Radio und das vibrierende Brummen des Wagens lullten Amy schließlich ein. Dösend spürte sie noch einmal die Sonne des Herbsttages auf der Haut, während ihre Erinnerung an den letzten Tag mit Nick Lowry erwachte.

2

Die drei Wintermonate, die Nick in Costa Rica verbringen sollte, näherten sich von fern wie ein schwerfälliger Zug, ein rumpelndes graues Ungetüm. Amy hörte ihn im Schlaf und im Wachen und während sie sich liebten. In der Woche vor Nicks Abreise begann sie die wuchtigen Umrisse zu erkennen, roch den beißenden Rauch und spürte, wie die Erde bebte, als er auf den Gleisen auf sie zudonnerte. Sie hatten die Entscheidung gemeinsam gefällt, so wie sie alles gemeinsam machten. Nick würde im Winterquartal als Tropenbiologe in einem Naturschutzprogramm in Costa Rica arbeiten. Im Regenwald von Monteverde würde er zum Thema Aufforstung und Naturschutz, seinen Interessenschwerpunkten, forschen können. Amy wollte während dieser Zeit an der Saxton University bleiben und auf ihn warten.

Nach drei Monaten, wenn er sein Praktikum beendet hätte, würden sie sich wiedersehen und ihr gemeinsames Leben beginnen. Bei seiner Rückkehr würde Nick genau wissen, was er vorhatte, was sie beide zusammen vorhatten und wo sie sich niederlassen würden. Bisher wussten sie nur, dass Amy sich auf irgendeine Weise um architektonische Kostbarkeiten kümmern würde, während er im Naturschutz arbeiten wollte. Gemeinsam wollten sie Erhaltenswertes schützen.

Als Amy in der Abflughalle stand, um sich von ihm zu verabschieden, überfiel sie ein Gefühl von Endgültigkeit, so stark, dass es ihr den Atem nahm. Damals hatte sie alles so deutlich gespürt, ihre Haut war ganz dünn gewesen. Die Gefühle waren stark und absolut, und gegen ihre Wucht hatte oft nur Nick sie schützen können.

Bei ihrer letzten Umarmung flehte Amy ihn an zu bleiben. Normalerweise war er der Einzige, der Zeuge ihrer Emotionen wurde, aber an diesem Tag sahen die anderen Reisenden, die Amy nur undeutlich wahrnahm, wie sie zusammenbrach. Da war die Inderin mit dem Punkt auf der Stirn in dem grünen Plastiksessel, und da war die Flugbegleiterin, die gerade weiße Buchstaben auf der Abflugtafel befestigte. Sie sahen Amys Tränen.

Die Dame am Gate forderte die Passagiere ein letztes Mal auf, sich an Bord zu begeben. Amy packte Nick an seinem weißen Baumwollhemd. Sie wollte ihn unbedingt vom Rumpf der weißen Maschine fortziehen, die durch das verschmierte Fenster zu erkennen war. Vor Schlafmangel und Angst war sie heiser. Er war so erdverbunden, mit seinem dichten Haar, den muskulösen Schultern und den kupferbraunen Augen, deren Farbe sich nie veränderte. Amy dagegen war ein Luftwesen, leicht und verletzlich. Nick hielt sie auf der Erde fest. Sie klammerte sich an ihn.

»Flieg nicht! Bitte, flieg nicht!«

»Amy …« Seine Augen waren nass. Er beugte sich zu ihr hinunter und sagte ihr leise ins Ohr: »Du machst es uns nur noch schwerer.«

»Nein. Du darfst nicht fliegen. Etwas Schlimmes wird passieren, du kommst nicht zurück. Ich kriege keine Luft. Bleib hier.«

»Mir passiert nichts. Das verspreche ich dir. Dieser Abschied ist kein Ende – er ist der Anfang unseres gemeinsamen Lebens.«

»Nick, irgendwas … irgendwas stimmt nicht.«

»Du hast Angst.«

»Ja.« Jetzt würde er bleiben. Er wusste, dass sie Angst hatte. Er würde bleiben.

»Ich bin noch nie weg gewesen, das ist alles, Amy.«

»Nein, das ist es nicht … Es ist … Es ist etwas anderes.« Sie packte das silberne Kreuz, das sie an einer dünnen Kette um den Hals trug. »Bleib hier, bitte.«

Der letzte Aufruf hallte durch den Warteraum. Amy war, als habe ein Henker ihren Namen aufgerufen.

»Flieg nicht!« Die Menschen hinter Nick starrten sie an. Die Inderin drückte ein Kind an sich, die Flugbegleiterin schürzte die Lippen, ein dicker Mann wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab.

»Ich liebe dich.« Nick küsste sie auf die Lippen, küsste ihre Tränen, küsste ihre Wangen. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände. »Mach die Augen zu.« Er küsste ihre Augenlider. »Lass die Augen zu, bis ich weg bin.«

Amy gehorchte. Sie wollte die Augen erst in drei Monaten wieder aufmachen, wenn die graue Metalltür sich öffnen und Nick mit einem Dreimonatsbart und voller Geschichten vom Regenwald heraustreten würde, um sie in die Arme zu schließen.

Aber er kam nie wieder durch diese Tür, und das Letzte, was Amy Malone von Nick Lowry gespürt hatte, waren seine Lippen auf ihren geschlossenen Lidern, als er sie ein letztes Mal küsste und ihr versprach, zu ihr zurückzukehren.

Nick warf die Kühltasche hinten in den Mercedes und knallte den Kofferraumdeckel zu. Zusätzlich versetzte er dem Reifen einen Tritt. Dann schaute er sich nach seiner Frau um. Sie plauderte auf dem Weg zum Wagen mit einer alten Freundin, die sie nach dem Spiel zufällig getroffen hatte. Wenn sie gewusst hätte, wer Amy war, hätte sie sich wahrscheinlich schreiend auf den Boden geworfen.

Als Eliza ihm in ruhigem Tonfall erzählt hatte, wer der neue Freund seiner Tochter war, den er heute kennen lernen würde, hatte Nick kurz in sich hineingehorcht und festgestellt, dass es in Ordnung war. Amy trug den Namen ihres Mannes, und Eliza hatte offenbar nichts gemerkt. Die beiden Frauen waren sich nie begegnet, und jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, war Amy für Eliza nur noch seine alte Freundin. Obwohl Nick nie versucht hatte, Amy ausfindig zu machen, kannte er ihren Nachnamen – Reynolds. Zwar hatte er nicht mit letzter Gewissheit sagen können, dass sie es war, aber die Übereinstimmungen waren zahlreich, und seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen. Er hatte es gewusst, schon bevor sie sich umgedreht hatte – wie sie stand, wie ihr das Haar über die Schultern fiel, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug.

Wenn er bei ihrem Anblick überhaupt mit einem Gefühl gerechnet hatte, so war es reine, kochende Wut über ihren Verrat gewesen. Doch er hatte sich geirrt. Seine Wut war etwas anderem gewichen. Nick spürte wieder die gleiche Leere, die ihn erfasst hatte, als sie ihn enttäuscht hatte, als sie nicht gekommen war, um ihn abzuholen.

Eliza trat an den Wagen, schleuderte ihre Handtasche auf den Rücksitz und umarmte ihre Freundin zum Abschied. Nick zog den Schlüssel aus der Hosentasche, stieg ein und schlug die Fahrertür zu. Dieser alte Schmerz würde vergehen, ganz bestimmt.

Eliza streckte den Kopf in den Wagen. »Stimmt was nicht mit dir?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Nick steckte den Schlüssel ins Zündschloss und ließ den Wagen an. Jedenfalls nichts, was du gerne hören würdest, dachte er grimmig.

Auch Eliza stieg ein. »Du hast Ansley Worthington nicht mal begrüßt. Erinnerst du dich nicht an sie? Ihr Vater ist der Geschäftsführer von Southern Energy – da hätte es nichts geschadet, kurz hallo zu sagen.«

»Hab ja nicht geahnt, dass ich eine Chance verpasst habe, etwas für meine Karriere zu tun.«

»So hab ich es nicht gemeint, Nick. Was ist denn los?«

»Ich will einfach nur nach Hause. Der Verkehr wird von Minute zu Minute dichter …«

»Na, dann lass uns fahren.«

Nick schaltete das Radio ein. Eliza beugte sich vor und stellte es leiser.

»Wie war der Tag für dich?«

»Gut. Tolles Spiel. Saxton hat wieder gewonnen.«

»Das hab ich nicht gemeint. Wie findest du Lizzies Freund?«

»Scheint ein netter Kerl zu sein. Sehr nett sogar.«

»Ja, finde ich auch.«

Nick streckte die Hand aus und stellte das Radio wieder laut. Über Amy und ihre Familie wollte er weder mit seiner Frau noch mit sonst irgendjemandem sprechen. Als Amy nach dem Unfall nicht nach Costa Rica gekommen war, hatte er sich geschworen, die ganze Sache zu vergessen. Und auch, dass er sie mit Sohn und Mann an der Saxton University wiedergesehen hatte, ausgerechnet da, wo sie zusammen gewesen waren, änderte nichts an seinem Entschluss, die schmerzhafte Vergangenheit nicht wieder auszugraben.

»Das freut mich, dass du ihn magst. Ich habe seine Familie für nächstes Wochenende an den See eingeladen.«

Ruckartig wandte Nick den Kopf. »Was?«

»Wenn du das Radio leiser machen würdest, könntest du mich verstehen.« Eliza betätigte wieder eine Taste. »Ich hab sie für nächstes Wochenende in unser Ferienhaus eingeladen.«

»Das ist nicht wahr.«

»Doch. Warum denn nicht? Wir haben doch immer Gäste da …«

»Aber die Familie von Lizzies Freund zu bewirten passt mir nächstes Wochenende überhaupt nicht in den Kram. Mein neues Projekt ist anstrengend, und ich brauche einfach ein Wochenende zum Entspannen. Warum muss denn alles immer gleich in ein gesellschaftliches Ereignis ausarten?«

»Es geht nicht um ein Ereignis, Nicky, sondern bloß um Lizzies Freund. Und du kannst Daddy doch einfach sagen, dass du mehr Hilfe brauchst.«

Nick hob die Hand. »Nicht jetzt, Eliza. Ich will jetzt nicht darüber reden. Nicht schon wieder die alte Diskussion.« Er tätschelte seiner Frau das Bein, nicht sicher, ob er damit sie oder sich selbst beschwichtigen wollte.

Viele Jahre hatte er sich bei einem großen Unternehmen in Maine so gut geschlagen, dass Harlan Sullivan es für richtig gehalten hatte, ihm eine Stelle in seiner Firma anzubieten. Nicks Job bei Sullivan Timber, einer großen Holzfirma, hatte seine Vorteile – er konnte seine Fachkenntnisse im Ressourcenmanagement und im Schutz wildlebender Tiere einsetzen, und außerdem brauchte er sich Elizas Klagen über das gefährliche Leben oben im Norden nicht mehr anzuhören, denn sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als wieder in den Süden zurückzukehren. Nick hatte gehofft, Elizas Gejammer würde nachlassen, sobald er für das Familienunternehmen arbeitete und sie wieder in ihrer Heimatstadt wohnte, aber nein, sie wollte immer noch mehr: So wie die berufliche Leiter sollte er auch die gesellschaftliche Leiter hinaufklettern. Allerdings machte es ihm nicht viel aus, die ersten Sprossen zu erklimmen, solange er immer wieder mit den Händen in der Erde arbeiten konnte, die Arbeit tun durfte, die er liebte, und das engagiert.

Nick seufzte. Zwei Stunden dauerte die Rückfahrt zu ihrem Haus in Garvey. Die Bäume tanzten am Wagenfenster vorbei, in Harmonie mit dem Holpern der Reifen auf dem Asphalt. Als sie in die Einfahrt abbogen, sah er zu seiner Frau hinüber. Eliza hatte den Kopf an die Kopfstütze gelehnt und den Mund im Schlaf leicht geöffnet. Nick schaute zum Haus hinauf – weiße Säulen, ähnlich den Gitterstäben eines hochherrschaftlichen Gefängnisses, bewachten die vordere Veranda mit den weißen Korbmöbeln, dem Sofa, den Schaukelstühlen und der Hollywoodschaukel.

Auf dem frisch gemähten Rasen hatte der Rasenmäher ein Streifenmuster hinterlassen, so als habe jemand das Gras kreuz und quer gestaubsaugt. Das Gartenbauunternehmen war anscheinend da gewesen, während er mit Eliza das Spiel besucht hatte. Es kam gern, wenn er nicht zu Hause war – die Angestellten mochten es nicht, wenn er draußen erschien und ihnen erklärte, welche Pflanzen sie zurückschneiden, düngen oder in Ruhe lassen sollten.

Während Nick sein Zuhause und die Landschaft seines Lebens betrachtete, stieg aus den lange verdrängten Fragen eine auf, die auf eine ehrliche Antwort drängte: Wie war es bloß gekommen, dass er in diesem piekfeinen Haus wohnte, das noch nach acht Jahren nach neuen Teppichböden und feuchter Farbe roch und auf einem gepflegten, auf dem Zeichenbrett entworfenen Rasen stand? Obwohl er doch mitten im Wald, zwischen Bäumen und Blumen, leben wollte?

Er schloss die Augen und rieb sich die Lider.

Eliza regte sich, und Nick strich ihr sanft über die Wange. Sie öffnete die Augen und drehte sich mit einem Lächeln zu ihm.

»Hmmm«, murmelte sie.

»Wir sind zu Hause.«

»Mir war gar nicht klar, wie müde ich bin.«

»Mir auch nicht«, sagte Nick wahrheitsgemäß, denn bei dem Gedanken, wie sinnlos es war, über das nachzugrübeln, was hätte sein können, überfiel ihn eine bleierne Müdigkeit. Doch da waren sie wieder, seine Träume; mit der alten Wildheit brüllten sie ihn an, dabei hatte er geglaubt, sie längst überwunden zu haben.

3

In der Woche, bevor sie ins Ferienhaus der Lowrys fahren wollten, war Amy, als werfe ihr glattes Leben Falten, so als habe sie es zu lange in der Waschmaschine vergessen. Fragen und Erinnerungen an Nick Lowry stiegen in ihr auf, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Waren es die Wechseljahre? War es das beinahe leere Nest? Oder lag es daran, dass sie ihren Sohn mit einer Freundin gesehen hatte, mit der es ihm ernst war? All das mochten Gründe dafür sein, dass ihr behagliches Dasein einen Knacks bekommen hatte. Fortan schaute sie genauer hin und stellte Dinge in Frage, die sie früher nie gestört hatten.

Normalerweise fühlte sie sich in ihrem Zuhause vollkommen wohl. Sie hatte die Wäsche immer geliebt, die kleinen Stapel gefalteter Kleidungsstücke, die die einzelnen Familienmitglieder repräsentierten. Sie hatte es genossen, die Kinder um sich zu haben, freute sich über den Lärm, wenn sie durchs Haus rannten, plante mit Vergnügen den nächsten Geburtstag oder das nächste Ostereiersuchen. Die Mütter in der Schule und in der Nachbarschaft klagten über ihr unausgefülltes Leben, hassten den alltäglichen Kleinkram und kämpften mit dem Haushalt, und Amy hatte sich stets gefragt, wieso sie selbst so dankbar für all das war, was den anderen auf die Nerven ging.

Sie suchte nach einer Begründung, und ihr fiel ein, wie Phil damals, nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, der einzige Halt in ihrer Welt gewesen war. Molly und Jack waren noch ganz klein gewesen. Die Leere, die der plötzliche Tod ihrer Eltern in ihrem Leben hinterlassen hatte, war allein durch ihre Liebe zu Phil, Molly und Jack gefüllt worden. Im Vergleich zu dem Loch, das der Tod ihrer Eltern in ihrer Seele aufgerissen hatte, war ihr der Verlust von Nicks Liebe damals unbedeutend erschienen. Das musste sie sich jetzt vor Augen halten – sie musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war.

Amy stand in der Waschküche mit den blau und weiß gestreiften Wänden, die sie an einem unglaublich heißen Sommertag vor vier Jahren mit Mollys Hilfe angestrichen hatte. Wie in Zeitlupe zog sie nun die Kleidungsstücke aus Mollys Tennistasche. Ihre Handlungen schienen von ihr getrennt zu geschehen, als hätten sie nichts mit ihr zu tun. Einmal, als sie schon mit Phil zusammen war, als ihr Herz allmählich wieder heilte, nachdem Nick es ihr gebrochen hatte, hatte Phil sie gefragt, warum sie Countrymusic möge. Sie hatte ihm erklärt, das wisse sie nicht, und sie wisse auch nicht, warum sie die Farbe Taubenblau so liebe oder den Geruch vom Pullover ihres Großvaters oder die Art, wie der Regen über altes Glas mit Lufteinschlüssen rann. Warum sollte sie das ergründen? Würden solche Überlegungen nicht den Zauber zerstören? Amy reichte es, einfach zu wissen, was sie gern hatte.

Sie schüttelte die Wäsche aus und merkte, dass sie wieder das gleiche Gefühl empfand – sie wollte nicht analysieren, warum sie diesem Wiedersehen so gespannt entgegensah. Sie hatte Angst, dass sie damit die Erwartung zerstören könnte, die sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gespürt hatte. Im Moment erinnerten ihre Emotionen sie an die Tage, als unbegrenzte Möglichkeiten vor ihr lagen und sie nicht wusste, was als Nächstes geschehen würde; an die Zeit, als ihr Leben noch nicht in so geordneten, selbstverständlichen Bahnen verlief. Sie verglich ihren Zustand mit der Phase vor der Pubertät, in der man zwar spürte, dass eine Veränderung bevorstand, aber nicht wusste, wie sie aussehen würde.

In dieser Woche wurden Amys Träume lebhaft, und endlich konnte sie die blöde Frage beantworten, die ihr einmal jemand gestellt hatte: »Träumst du in Farbe?« Ja, konnte sie jetzt sagen, in Farbe und sehr, sehr bunt.

Am Donnerstag erwachte sie um zwei Uhr morgens. Phil schaute sie an. »Was ist?« Sie kuschelte sich an ihn.

»Du hast mich getreten. Du wälzt dich schon die ganze Nacht so unruhig herum.«

»Ja?« Ein bleiernes Schuldgefühl lähmte ihr fast die Zunge.

»Ja, wirklich.«

»Ich weiß nicht, warum.« Sie staunte über ihre neue Fähigkeit, Notlügen zu produzieren.

»Du wirst doch nicht krank?«

»Nein, mir geht’s gut, bestimmt.«

»Ich stehe morgen früh mit Molly auf und sorge dafür, dass sie in die Schule kommt. Versuch doch mal auszuschlafen. Irgendwas hat dich offenbar die ganze Nacht lang wach gehalten.« Phil drehte sich auf die andere Seite und glitt so sanft wieder in den Schlaf, wie er auch jeden Tag begann. Er tat nichts heftig oder abrupt.

Amy versuchte zu schlafen, jedoch vergeblich. Phils Art, ihr zu sagen, was er vorhatte und dass er für alles sorgen würde, ärgerte sie plötzlich. Er hatte sich immer etwas darauf zugute gehalten, dass er sich um alles kümmerte, um sie, um die Kinder. Dabei war Amy stolz auf ihn und sagte ihm das auch oft.

Phil stammte von einer Reihe charakterfester deutscher Vorfahren ab, von denen er auch sein Verantwortungsbewusstsein geerbt hatte. Seine Gefühle allerdings verschwanden oft hinter einer glänzenden Rüstung aus hohen ethischen Maßstäben. Doch Amy sah nicht auf das, was ihm fehlte, sondern erklärte häufig: »Uns allen fehlt etwas.« Ihre eigenen Gefühle lagen ihrer Ansicht nach zu dicht an der Oberfläche, aber auf diese Weise herrschte in der Familie ein Gleichgewicht. Wo sie nicht in der Lage war, sich um etwas zu kümmern oder für etwas zu sorgen, sprang ihr Mann ein. Und wo ihm Gefühle fehlten, füllte sie die Lücke. Die Kinder bekamen daher von beidem genug.

Aber auch nur die Kinder, dachte Amy, bevor sie diesen gedanklichen Verrat zensieren konnte.

Als der Wecker ging, stand Phil leise auf. Amy hielt die Augen geschlossen, während sie den vertrauten Geräuschen lauschte: Eine Schranktür klappte zu – das war Molly, die sich eine Müslischüssel aus dem Küchenschrank genommen hatte. Die Haustür quietschte – Phil holte die Zeitung von der Veranda. Die Spülmaschine wurde geöffnet und geschlossen, das Garagentor knirschte, Autotüren schlugen zu, und endlich verließ der Toyota brummend die Einfahrt. Amy kuschelte sich tiefer in ihr Kopfkissen.

Fragen quälten sie. Sie kannte die Antworten nicht, aber es musste welche geben – sie tanzten irgendwo zu einer spöttischen Melodie aus der Vergangenheit. Warum war Nick damals nicht mit dem gebuchten Flug zurückgekommen? Warum hatte er keinen Kontakt zu ihr aufgenommen? Warum war er in Costa Rica geblieben? Und wann war er zurückgekehrt? Warum hatte sie ihn nicht gefunden, obwohl sie alles versucht hatte? Und die drängendste Frage: Wann hatte er Eliza kennen gelernt und geheiratet?

Damals, lange vor den Zeiten von Handys und E-Mails, hatte sie ihn nicht erreichen und ihn nicht fragen können, ob er ihre Briefe erhalten hatte. Er war so fern wie Jupiter, der unerreichbare Planet mit den giftigen Gasen. Jeder ihrer Anläufe, das Rätsel zu lösen, war abgeblockt worden. Seine Mutter und die Universität hatten ihr mitgeteilt, Nick habe sich entschlossen, in Costa Rica zu bleiben und sie würden ihm ausrichten, dass er sich mit ihr in Verbindung setzen solle. Aber das hatte er nie getan.

Als sie Phil heiratete, hatte sie ihre Fragen hinter einer dicken Mauer begraben. Doch nachdem sie Nick Lowry wiedergesehen und berührt hatte, war ihr, als werde diese Mauer mit einem Vorschlaghammer bearbeitet, sodass der Mörtel bröckelte und die Fragen wieder hervorpurzelten.

Sie wartete erst eine Weile ab, ob Phil und Molly umkehren würden, weil Molly gemerkt hatte, dass sie eine Buchbesprechung oder ihren Tennisschläger vergessen hatte. Erst dann stand Amy auf und setzte sich auf den Bettrand. Sie ließ den Kopf auf die Knie sinken und stöhnte über ihre Müdigkeit. Am liebsten hätte sie die Zeit um eine Woche zurückgedreht. Am letzten Donnerstag hatte das alles ihr Leben überhaupt noch nicht berührt. Schließlich stand sie auf und tappte in die Küche – Kaffee, sie brauchte einen Kaffee.

Kristallklares Licht flutete durch das Küchenfenster und beleuchtete die Spüle. Amy wollte die honigfarbenen Holzjalousien schließen, hielt aber mitten in der Bewegung inne, um im Vogelhäuschen ein Rotkehlchen zu beobachten, das nach Sonnenblumenkernen pickte. Molly hatte das Häuschen in der vierten Klasse gemeinsam mit ihrem Vater in einem Bastelkurs gebaut und es stolz heimgebracht. Später hatte sie es mit Amy in einem hellen Apfelgrün und Blau angestrichen, damit es zur Küche passte, bevor sie es vor das Fenster hängten. Seit acht Jahren begann Amy nun jeden Morgen damit, dass sie die Vögel beobachtete.

Bei dieser Erinnerung an ihre Tochter empfand Amy die gleiche Zärtlichkeit wie früher, wenn sie sich über die Babybettchen gebeugt hatte, wohl wissend, dass sie die Neugeborenen nicht zwingen konnte, weiter ein- und auszuatmen. Das, was das Leben für sie bereithielt, konnte sie weder in Gang setzen noch bremsen. Und dazu gehörte auch Nick Lowry.

Vor Übermüdung und Erschöpfung brannten ihr die Augenlider. Sie wandte sich zum Küchentresen und hätte fast ihren handgetöpferten braunen Lieblingsbecher umgestoßen, der neben der vollen Thermoskanne mit Kaffee stand.

»Ach, Phil. Du bist so lieb.« Amy sagte den Satz laut und blätterte die erste Seite der Darby Chronicle um, die ihr Mann für sie hingelegt hatte.

Als sie sich Kaffee einschenkte, klingelte plötzlich das Telefon. Erschrocken stieß sie mit der Kanne gegen den Becher. Der Kaffee spritzte auf den Tresen und auf ihr weißes Baumwollnachthemd.

»Mist!« Sie war zittrig, unsicher, und sie hasste diesen Zustand. Ärgerlich schnappte sie sich mit einer Hand ein Küchenhandtuch und mit der anderen das Telefon.

»Hallo.« Amy war noch ganz damit beschäftigt, die Kaffeeflecken wegzuwischen.

»Amy? Ich bin’s, Eliza.«

Sie war sprachlos.

»Amy, bist du noch dran?« Elizas Tonfall war weich, fast singend, so wie man mit einem fremden Kind reden würde.

»Ja, ja. Sorry. Ich hab mich gerade mit Kaffee bespritzt. Wie geht’s, Eliza?«

»Sehr gut, danke. Ich wollte mich wegen morgen mit dir absprechen. Dir den Weg erklären und so.«

Morgen, war es wirklich schon morgen? Sie hatte eine Pediküre nötig und brauchte einen neuen Badeanzug.

»Ja, klar. Ja, ich hätte dich heute auch angerufen.« Amy schaute auf die Wanduhr mit dem Hahn. Punkt acht. »Und was kann ich beisteuern?«

»Also, ich habe schon mit den Kindern gesprochen, das ist alles organisiert. Wir machen uns ein wunderbares Wochenende.« Jetzt klangen Elizas Worte roboterhaft, wie von einem Tonband.

»Ja, wir freuen uns schon auf die Tage am See. Und es wird bestimmt schön, auch für Molly und  Wie heißt noch mal dein Sohn, der in Mollys Alter ist?«

»Alex.«

»Für Molly und Alex ist es bestimmt schön, sich kennen zu lernen.«

»Ihr wollt Molly mitbringen?«

»Doch, ja. Sie gehört ja zur Familie. Kommen deine Jungs denn nicht mit?«

»Ach, weißt du, sie haben Training … und so. Ich wollte sie bei meinen Eltern lassen.«

»Ich habe keine …« Amy holte tief Luft, und Eliza redete weiter: »Kann deine Tochter nicht übers Wochenende bei Freunden bleiben?«

»Ich hab ihr schon gesagt, dass sie mitkommen darf.«

»Also …« Eliza machte eine Pause, aber Amy wartete. Sie wusste, dass diese Pause ihr die Gelegenheit geben sollte, ihre Pläne zu ändern, aber das wollte sie nicht. Nun musste Eliza nachgeben, sonst riskierte sie es, als zickig bezeichnet zu werden, was hier im Süden das schlimmste Schimpfwort für eine Frau war.

»Molly und Alex hätten sicher viel Spaß zusammen. Max muss zum Wrestling, er kann also nicht … Ich bringe Alex mit«, lenkte Eliza ein.

»Gut … Dann sag mir, was ich beisteuern kann.«

Nachdem sie die Wegbeschreibung und Aufträge für das Essen erhalten hatte, legte Amy auf. Während des Gesprächs war ihr klar geworden, dass Eliza annahm, sie und Phil seien zusammen aufs College gegangen. Sie hatte Eliza in diesem Glauben gelassen und ihr nicht erzählt, dass sie sich mit Phil erst später angefreundet hatte, erst als sie begriffen hatte, dass Nick von seiner Reise nach Costa Rica nicht zurückkehren würde.

Phil stammte wie sie selbst aus Darby, hatte aber nicht an der Saxton University studiert. Die Menschen, die Amy von Kindesbeinen an kannte, waren auch seine Freunde. Seit sie im Abstand von zwei Monaten im gleichen Krankenhaus zur Welt gekommen waren und den gleichen Kindergarten besucht hatten, waren ihre Lebenswege miteinander verflochten gewesen. Sie hatten sich gut gekannt, ohne jedoch befreundet gewesen zu sein.

Phils Eltern konnten es sich nicht leisten, ihn in South Carolina studieren zu lassen, deshalb war er in Georgia geblieben und in Darby aufs College gegangen. Zu studieren und sich gute Noten zu erarbeiten war ihm leicht gefallen, daher hatte es seinem akademischen Fortkommen nicht geschadet, dass er sich häufiger an einer fremden Universität aufgehalten hatte. Es hatte ihm Spaß gemacht, die Rituale und Partys an der Saxton University zu verfolgen und daran teilzunehmen, aber ganz integriert hatte er sich nie. Wenn man jedoch ehemalige Studenten der Saxton University fragte, waren sie überzeugt, dass Phil ebenfalls dort studiert hatte. Amy hatte ihn immer wahrgenommen, am Rande; irgendwie hatte er für sie dazugehört, ohne je im Mittelpunkt zu stehen. Erst als sie den Trost eines vertrauten Menschen brauchte, fiel ihr auf, dass Phil auf sie wartete. Dass er sich immer abseits gehalten hatte, machte ihn noch anziehender für sie.

Amy setzte sich an den Küchentisch und ließ ihre Fingernägel über die kleinen Dellen und Riefen in der Tischplatte wandern. Nachdenklich zog sie die Ziffern und Buchstaben nach, die sich in den Jahren, in denen die Kinder hier ihre Hausaufgaben erledigt hatten, in das Holz eingedrückt hatten.

»Nimm dich zusammen«, murmelte sie vor sich hin. »Die Arbeit wartet.« Eliza hatte sie gebeten, ein Mittagessen und ein Frühstück für das Wochenende vorzubereiten. Diese Gelegenheit wollte sie nutzen, um mit ihren hausfraulichen Fähigkeiten aufzutrumpfen. Im Wochenendhaus der Lowrys sollte es keine abgepackten Sandwiches von Subway geben.

Amy zog ein paar Kochbücher aus dem Regal. Vielleicht könnte sie die Gedanken an Nick verdrängen, wenn sie sich auf ihre Pflichten konzentrierte.

Doch die Erinnerungen an den Abend, an dem sie Nick Lowry zum ersten Mal begegnet war, wurden so übermächtig, dass sie in keinem Kochbuch ein Zaubermittel dagegen fand, und auch ihr Wille war nicht stark genug, um die Bilder zu vertreiben.

4

In dem überfüllten Raum hingen ein schaler Biergeruch und die muffigen Ausdünstungen transpirierender Menschen in der Luft. Amy Malone lief der Schweiß den Rücken hinunter. Unter der langärmeligen Bluse fühlte ihre Haut sich wie gequollen an, und sie ärgerte sich, dass sie nichts Leichteres angezogen hatte. Bei den kühlen Außentemperaturen hatte sie irrtümlich angenommen, dass es im fensterlosen Betonkeller des Kappa Alpha House nicht allzu warm sein würde. Ihre Freundin Carol Anne, die das Zimmer mit ihr teilte, hatte sie schon gleich nach der Ankunft aus den Augen verloren, und sonst kannte sie niemanden.

Amy sah sich um. Ein junger Mann mit einer Hasenscharte lächelte sie an. Er trug ein Shirt von Lacoste und trank sein Bier durch einen langen Plastikschlauch. Sein Blick hatte etwas Ängstliches, und Amy stellte sich vor, dass er sich wünschte, wieder zu Hause in seinem Jugendzimmer zu sitzen und vom College zu träumen, statt mit der Wirklichkeit konfrontiert zu sein. Sie wandte sich ab und ging zur Bar, in der Hoffnung, Eiswasser zu bekommen und Carol Anne zu entdecken.

Ein schleimiger Film aus Substanzen, über die sie lieber nicht nachdenken wollte, bedeckte den Fußboden, und sie merkte, dass sie sich die Schuhe schmutzig machte. Zum Glück waren es nicht ihre besten.

»Entschuldige bitte. Kennst du Carol Anne?« Sie drängelte sich zu der provisorischen Theke durch, einer Sperrholzplatte, die auf ein paar alten Fässern lag. Verbindungsstudenten standen dahinter und zapften pflichtbewusst aus einem silbernen Fass Bier in rote Plastikbecher, für Mädchen, auf die sie sich in diesem Jahr noch keine Hoffnungen machen konnten. Sie würden warten, bis ihre Zeit auf der anderen Seite der Theke gekommen war.

»Wasser«, schrie Amy über das Sperrholzbrett hinweg.

»Wasser?«, fragte ein Junge mit Pickeln im Gesicht.

Sie konnte ihn kaum ansehen; beim Anblick der entzündeten roten Flecken wurde ihr weich ums Herz, und er tat ihr leid. »Ja, Wasser. Ich verdurste hier drinnen. Ein großes Wasser.«

»Was?« Offenbar verstand er kein Wort, so laut kreischten die Rolling Stones etwas von satisfaction.

»Wasser! Wasser! Wasser!«, schrie Amy, während die Leute in der Menge animalisch zur Musik stampften und zuckten. Der ganze Raum bewegte sich im gleichen Rhythmus, nur Amy stand starr und unbeteiligt da und wartete.

Der picklige Jüngling suchte nach Wasser und reichte ihr schließlich einen Becher davon. Amy stürzte die lauwarme Brühe hinunter und musste plötzlich gegen einen Brechreiz ankämpfen. Sie stemmte sich mit der Schulter gegen eine Seitentür: Flucht. Die Tür öffnete sich, und Amy plumpste draußen im Garten der Villa auf den Hosenboden. Es war eine helle Vollmondnacht. Amy schaute durch die in der Winterruhe erstarrten Magnolienbäume hindurch und betrachtete die weißen Säulen, die das Dach der vorderen Veranda trugen. Der Architekt hatte zwei verschiedene traditionelle Baustile der Südstaaten gemischt.

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