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Herbstfarben der Liebe

1. KAPITEL

Meredith stand am Fenster und schaute in die verregnete Nacht über Chicago hinaus, während ihr Schwager sie besorgt musterte. Sie wusste, dass er ihr den Stress ansah, und sie hatte sichtlich abgenommen. Mal wieder. Mit vierundzwanzig sollte sie eigentlich sorglos das Leben genießen, stattdessen lastete ein gewaltiger Druck auf ihr.

Meredith Ashe Tennison war Vizepräsidentin von Tennison International und besaß einen hellwachen Verstand und eine natürliche Begabung für geschäftliche Angelegenheiten. Dieses Talent war von ihrem verstorbenen Ehemann Henry stets gefördert worden. Nach seinem Tod hatte sie den Vorstand des Konzerns mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Zielstrebigkeit überzeugt und Henrys Nachfolge angetreten. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, waren die Gewinne gestiegen, und sie plante, neue Vorkommen an Bodenschätzen zu erschließen.

Genau deshalb war Meredith momentan so angespannt. Ein Unternehmen im Südosten Montanas weigerte sich strikt, Tennison International seine Abbaurechte für einen dringend benötigten Rohstoff zu verkaufen. An der Spitze von Harden Properties stand ein Mann, der sie in all den Jahren, seit sie Montana verlassen hatte, wie ein Schatten aus der Vergangenheit verfolgt hatte.

Nur Don Tennison kannte die ganze Geschichte. Er und sein verstorbener Bruder Henry hatten sich sehr nahegestanden. Meredith hatte Henry kennengelernt, als sie noch ein schüchterner, verängstigter Teenager war. Inzwischen war sie Vizepräsidentin und Don Präsident von Tennison International, und zwischen ihnen herrschte eine gewisse Rivalität.

Meredith dachte über ihre bevorstehende Reise nach. Sie musste Billings einen Besuch abstatten. Die Stadt in Montana war nicht nur Sitz von Harden Properties, sondern auch ihre Heimat, wo sie von ihrer achtzigjährigen Großtante Mary ein Haus geerbt hatte.

„Du hast die Beerdigung doch telefonisch arrangiert. Hättest du nicht auch gleich das Haus verkaufen können?“, fragte Don leise.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Außerdem ist es eine gute Gelegenheit, mich mal bei unserem Gegner umzusehen. Bei Harden Properties wissen sie nicht, dass ich Henry Tennisons Witwe bin. Ich war sein bestgehütetes Geheimnis, und seit ich seine Nachfolge angetreten habe, meide ich die Fotografen.“

„Das hast du getan, um Blake zu schützen. Der Junge ist Millionen wert, genau wie du, und der letzte Entführungsversuch hätte fast geklappt.“

„Stimmt, aber Henry wollte auch immer verhindern, dass Cyrus Harden mich findet.“ Meredith schloss die Augen und wehrte sich gegen die Erinnerung an die Angst, die sie nach ihrer Flucht aus Montana gequält hatte. Sie war schwanger gewesen, und man hatte ihr vorgeworfen, mit einem anderen Mann geschlafen und ihm bei einem Diebstahl geholfen zu haben. Cys kaltherzige Mutter hatte sie aus dem Haus geworfen. Meredith wusste nicht, ob die Anzeige inzwischen zurückgezogen worden war, aber Cy hatte sie für schuldig gehalten. Ob er es immer noch tat?

Sie war von ihm schwanger gewesen und hatte ihn wirklich geliebt. Weinend war sie davongelaufen. Ihre Großtante hatte ihr eine Busfahrkarte gekauft, damit sie die Stadt verlassen konnte. In Schande und verfolgt von Myrna Hardens triumphierendem Lächeln …

„Du könntest darauf verzichten, Harden zu übernehmen“, schlug Don vor. „Es gibt noch andere Firmen, die über Bodenschätze verfügen.“

„Nicht im südöstlichen Montana“, entgegnete sie sanft. „Und Harden Properties hat dort das Monopol.“ Lächelnd drehte sie sich um. Blondes Haar umrahmte ihr ovales Gesicht mit dem makellosen Teint. Sie bewegte sich mit natürlich wirkender Anmut. Auch dafür hatte Henry Tennison gesorgt. Er hatte ihr nicht nur alles beigebracht, was sie über den Konzern wissen musste, sondern auch die Umgangsformen, die sie in ihrer Position brauchte.

„Er wird kämpfen“, sagte ihr Schwager.

„Soll er doch kämpfen, Don“, antwortete sie. „Dann ist er beschäftigt, während ich seine Firma übernehme. Ich brauche Harden Properties, wenn wir so expandieren wollen, wie ich es plane. Vor Ort kann ich ein paar diskrete Nachforschungen anstellen, während ich überlege, was ich mit Großtante Marys Haus mache. Ich war nicht mehr in Billings, seit …“ Sie zögerte. „… seit ich achtzehn war.“

Don wusste, was damals geschehen war. „Das ist sechs Jahre her, fast sieben. Die Zeit heilt alle Wunden.“

„So? Glaubst du etwa, ich könnte vergessen, was die Hardens mir angetan haben? Sie haben mich eines Verbrechens beschuldigt, das ich nicht begangen habe, und in Schande aus der Stadt gejagt, obwohl ich schwanger war.“ Sie fröstelte. „Ich hätte das Baby fast verloren. Ohne Henry …“

„Er hat Blake und dich über alles geliebt. In den drei Jahren vor dem Unfall war er so glücklich, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.“

„Er war gut zu mir. Alle glaubten, ich hätte ihn nur geheiratet, weil er reich war. Sicher, er war fast zwanzig Jahre älter als ich, aber von seinem Vermögen hat er mir erst nach unserer Verlobung erzählt.“ Wehmütig schüttelte sie den Kopf. „Ich wäre fast davongerannt.“ Sie zeigte auf die wertvollen Antiquitäten. „Das hier hat mir Angst gemacht.“

„Er hatte nur für den Konzern gelebt. Bis du kamst, wollte er gar keine eigene Familie.“

Meredith seufzte. „Ich hätte ihm so gern ein zweites Kind geschenkt …“ Sie wandte sich ab. „Ich muss nach Billings.“

„Willst du Mr. Smith nicht mitnehmen?“,fragte Don.„Dort oben gibt es Grizzlybären. Berglöwen. Verrückte Wohnmobilfahrer …“

Sie lachte. „Mr. Smith wird gut auf Blake aufpassen. Der Junge liebt ihn und seinen Riesenleguan. Außerdem dauert es nicht lange. Ich bleibe höchstens ein paar Wochen in Montana.“

„Sei vorsichtig!“, warnte Don. „Die Hardens wissen sicher, wer du bist.“

„Nein, tun sie nicht. Henry hat zu Anfang niemandem von mir erzählt und mich später immer nur Kip genannt, also hat Cy Harden keine Ahnung, dass ich bei Tennison International bin. Er kennt mich nur als Meredith Ashe. Wenn ich den Rolls-Royce hierlasse, wird er mich nicht mit einem großen Konzern in Verbindung bringen. Und seine Mutter schon gar nicht.“ Ihre Stimme war eisig geworden.

„Ich habe mir Cy Harden nie als Muttersöhnchen vorgestellt.“

„Das ist er auch nicht. Aber Myrna Harden ist gerissen und intrigant. Damals war ich achtzehn, und sie hatte leichtes Spiel mit mir. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich will Harden Properties, und nichts und niemand wird mich davon abhalten.“

Ihr Schwager öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder. Sie war nicht die Erste, die sich mit Cy Harden anlegte. Das hatten schon andere versucht, nicht zuletzt Henry. Harden wusste vermutlich noch immer nicht, warum Henry ihn so sehr gehasst hatte.

„Du traust es mir nicht zu, was?“, fragte sie.

„Nein“, gab er zu. „Harden Properties ist ein Familienunternehmen. Er hält vierzig Prozent der Anteile, seine Mutter fünf. Das bedeutet, du brauchst sowohl die zehn Prozent seines Großonkels als auch die zehn Prozent seiner Manager und die Aktien im Streubesitz.“

„Ich werde sie bekommen“, erwiderte sie siegessicher. „Und Mr. Harden wird sich wundern, wenn ich damit in der Vorstandssitzung auftauche.“

„Unterschätz ihn nicht. Das hat selbst Henry nie getan.“

„Oh, keine Angst. Was liegt heute Nachmittag an? Ich muss mir ein paar neue Sachen kaufen.“ Sie zeigte auf ihr teures Kostüm. „Die kleine Meredith Ashe könnte sich so etwas nicht leisten.“ Sie lächelte. „Keine Sorge, Don. Ich weiß, was ich tue.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das hoffe ich.“

„Warum musst du schon wieder fahren?“, fragte Blake mit trotzigem Gesicht, als Meredith den schäbigen alten Koffer packte, den sie sich von Mr. Smith geliehen hatte. „Dauernd bist du weg. Nie bist du hier!“

Ihr kleiner Sohn hatte vollkommen recht, aber es ließ sich leider nicht ändern. „Geschäfte, mein Liebling“, erwiderte sie. Er sah ihr kein bisschen ähnlich, sondern kam ganz nach seinem Vater, von dem dunklen Haar und den braunen Augen bis zu dem südländischen Teint. Und eines Tages würde er wohl auch so groß wie Cy sein.

Cy. Seufzend wandte Meredith sich ab. Sie hatte ihn über alles geliebt. Um ihn nicht zu verlieren, hatte sie ihn angelogen und behauptet, schon zwanzig zu sein. Trotzdem hatte er sich mit seinen achtundzwanzig Jahren unwohl gefühlt und sich vermutlich für die Leidenschaft geschämt, die sie immer wieder in ihm weckte. Vielleicht hatte er sie sogar dafür gehasst.

Seine Mutter hatte es jedenfalls getan. Dass Meredith im Reservat der Crow-Indianer lebte, war für Mrs. Myrna Granger Harden ein Schock. Dass ihr Sohn mit einer Kellnerin ausging, galt in ihren snobistischen Kreisen als unverzeihliche Peinlichkeit – zumal sie ihm bereits eine standesgemäße Ehefrau ausgesucht hatte.

„Kannst du mich nicht mitnehmen?“, unterbrach Blake ihre Gedanken.

„Eines Tages“, versprach sie. „Dann zeige ich dir die Reservation, und du kannst deine indianischen Cousins kennenlernen.“

„Sind das richtige Indianer?“

„Richtige Indianer. Ich möchte, dass du stolz auf deine Herkunft bist, Blake“, sagte sie ernst.

„Blake!“

Die tiefe Stimme hallte über den Flur.

„Ich bin hier, Mr. Smith!“, rief der Junge.

Schwere Schritte kamen näher, und ein Hüne mit schütterem Haar betrat das Zimmer. Der Mann, den alle nur Mr. Smith nannten, hatte eine Tätowierung an seinem muskulösen Oberarm und trug eine Kakihose und ein olivfarbenes T-Shirt. Er war der unattraktivste, aber freundlichste Mann, den Meredith kannte. Niemand wusste genau, wie alt er war. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er war vom Geheimdienst zu Henry Tennison gewechselt, und nach Henrys Tod hatte Meredith ihn gewissermaßen geerbt. Neben ihrem Sohn war er der wichtigste Mensch in ihrem Leben.

„Schlafenszeit, junger Mann“, sagte er zu Blake.

„Jawohl, Sir!“ Blake salutierte lachend, rannte zu dem großen Mann, und der hob ihn auf die Schultern.

„Ich bringe ihn zu Bett, Kip“, sagte Mr. Smith zu Meredith und kniff die Augen zusammen. „Du solltest nicht reisen, sondern lieber mal ausspannen.“

„Unsinn, es geht mir gut“, widersprach sie. „Ich muss mich um Tante Marys Nachlass kümmern. Außerdem ist es die ideale Gelegenheit, unseren Gegner auszukundschaften.“ Sie küsste ihren Sohn auf die Wange. „Schlaf gut. Ich komme noch mal vorbei, um dich zuzudecken.“

Als die beiden hinausgingen, beugte sich Meredith seufzend wieder über den Koffer.

Zwei Tage später kam sie mit dem Bus in Billings an. Sie hätte fliegen können, aber das hätte jedem verraten, dass sie Geld hatte. Außerdem lag der Busbahnhof direkt neben dem Hauptquartier von Harden Properties.

Meredith trug das Haar offen. Mit ihren Jeans, der verwaschenen Denimjacke, alten Stiefeln und ohne Make-up sah sie fast genauso aus wie an dem Tag vor sechs Jahren, als sie genau hier in den Bus gestiegen war, um die Stadt zu verlassen.

Im Bürogebäude nebenan saß ein Mann am Schreibtisch, und sein Blick fiel auf die Reisenden, die auf ihr Gepäck warteten. Er stand auf, ging ans Fenster und starrte hinaus.

„Mr. Harden?“

„Was gibt es, Millie?“, fragte er, ohne sich umzudrehen.

„Ihr Brief …“

Er hörte sie kaum. Das kann nicht sein, dachte er. Nicht nach all diesen Jahren. Oft genug hatte er geglaubt, sie zu sehen, und sich jedes Mal getäuscht. Aber dieses Mal spürte er, dass es tatsächlich Meredith war. Sein Herz begann zu klopfen.

Cy Harden nahm wieder Platz. Sein hochgewachsener Körper in dem dunkelblauen Maßanzug wirkte so beeindruckend, dass selbst seine vertraute Sekretärin ihn bewundernd anstarrte. Er war jetzt vierunddreißig, doch manchmal wirkte das schmale, tief gebräunte Gesicht älter. Erste Fältchen zeigten sich um seine Augenwinkel, und im dichten schwarzen Haar fanden sich ein paar silberne Fäden. Für einen Mann, der sich vor allem für Landwirtschaft interessierte und viel Zeit auf seiner Ranch verbrachte, besaß er eine elegante Ausstrahlung.

„Vergessen Sie den Brief“, erwiderte er. „Finden Sie die Adresse von Mary Raven heraus. Ihr Ehemann war ein Crow-Indianer namens John Raven-Walking, aber im Telefonbuch stehen sie als Raven. Sie sind vor zwei oder drei Jahren in die Stadt gezogen.“

„Ja, Sir.“ Millie entschwand.

Cy überflog einige neue Verträge und die Anfrage von einem seiner Direktoren, warum er sich weigerte, ein paar Abbaurechte für einheimische Bodenschätze an Tennison International abzutreten. Er nahm gar nicht richtig wahr, was er las, denn die Erinnerungen stürmten auf ihn ein – an die Frau, die ihn vor sechs Jahren verraten und Billings fluchtartig verlassen hatte.

„Sir, hier ist ein Nachruf.“ Millie kehrte mit der Lokalzeitung zurück. „Ich habe ihn letzte Woche schon gesehen, aber vergessen, ihn zu erwähnen. Jetzt musste ich wieder an diese Ashe denken. Sie wissen schon, das junge Mädchen, das damals in den Diebstahl verwickelt war.“

Er runzelte die Stirn. „Das wurde nie bewiesen.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ja, hier steht es. Mrs. Mary Raven. Und da ist auch die Adresse. Die drucken sie immer ab. Sie ist vor zwei Tagen beigesetzt worden. Keine Angehörigen. Ich nehme an, bei der Zeitung wussten sie nichts von Miss Ashe …“

„Geben Sie her!“ Er schaute auf die Anzeige. Mary war tot. Bis zum Tod von Raven-Walking hatte sie in der Reservation gelebt und war dann in ein Haus in der Stadt gezogen. Er fragte sich, wie sie es sich hatte leisten können. Cy hatte das Haus nie gesehen, war Mary Raven aber einmal zufällig begegnet und hatte sie nach Meredith gefragt. Die alte Frau hatte ängstlich und ausweichend geantwortet und war praktisch vor ihm davongelaufen. Er hatte sie in Ruhe gelassen. Vermutlich war Meredith längst verheiratet, mit einem Haus voller Kinder.

Die Vorstellung tat ihm weh. Cy seufzte verärgert. Nun ja, jetzt, nach dem Tod ihrer Großtante, würde sie bestimmt zurückkehren. Vielleicht war sie gerade aus dem Bus gestiegen.

Mit grimmiger Miene lehnte er sich zurück. Meredith war hier, das spürte er. Aber er wusste nicht, ob er darüber froh oder traurig sein sollte. Er wusste nur, dass sie sein Leben erneut durcheinanderwirbeln würde.

Meredith wagte nicht zu hoffen, dass Cy aus seinem Büro kommen und ihr über den Weg laufen würde, während sie auf den Bus wartete. Vielleicht hielt er sich gar nicht in Billings auf. Wie Henry und jetzt sie war er sicher oft auf Geschäftsreisen. Dass sie schon heute dem Mann begegnete, von dem sie in ihrer Jugend geträumt hatte, wäre ein geradezu schicksalhafter Zufall.

Sie bestieg den Bus, der sie innerhalb weniger Minuten bis fast vor das kleine Haus ihrer Tante brachte. Es lag im Schutz hoher Bäume in einer Sackgasse. Mit dem Schlüssel, den der Makler ihr geschickt hatte, schloss sie die Tür auf. Im südöstlichen Montana war der September frostig und der Schnee nicht weit. Hoffentlich war sie wieder weg, bevor sie hier eingeschneit würde. Es war kalt im Haus, aber zum Glück hatte der Makler an Strom und Gas gedacht.

Meredith ließ den Blick über die Einrichtung wandern: schlichte Holzmöbel im Stil der ersten Siedler. Doch Mary hatte auch die Sachen ihres Ehemanns behalten. An den Wänden hingen die Kultgegenstände, auf die er so stolz gewesen war, zusammen mit gegerbten Fellen, bemalten Tierhäuten, gewebten Teppichen, einem riesigen Mandala und dem Bogen mit Pfeilen, die er von seinem Großvater bekommen hatte.

Als sie das Telefon neben der Tür entdeckte, atmete sie erleichtert auf. Sie würde es brauchen, genau wie das Faxgerät und ihren Computer. Mr. Smith würde ihr diese Dinge bringen, dann konnte sie Marys Bibliothek als Büro nutzen. Die ließ sich nämlich abschließen, nur für den Fall, dass einer der Hardens auf die Idee kam, sich hier umzusehen.

Sie hatte viel zu erledigen, aber an erster Stelle standen die Abbaurechte. Ohne sie würde die geplante Expansion von Tennison International ins Stocken geraten. Sie seufzte, denn vor ihr lag viel Arbeit. Doch am schlimmsten empfand sie die Trennung von Blake, der ganz offenbar unter ihrer Lebensweise zu leiden begann. In der Schule zeigte er sich bereits häufig unruhig und unkonzentriert. Kein Wunder. Inzwischen konnte sie sich kaum noch mit ihm zum Essen hinsetzen, ohne von einem geschäftlichen Anruf gestört zu werden. Vielleicht konnte sie hier in Billings genug Arbeit aufholen, um daheim wieder mehr Zeit für ihn zu haben.

Meredith kochte sich eine Kanne Kaffee und schaute sich lächelnd in der Küche um. Das Haus würde sie verkaufen, aber Tante Marys Handarbeiten und die Kultgegenstände von Onkel Raven-Walking betrachtete sie als Vermächtnis für Blake.

Wehmütig erinnerte sie sich daran, wie sie auf dem Schoß ihres Onkels gesessen und seinen Erzählungen gelauscht hatte. Vor allem davon, wie selbstverständlich die Crow-Indianer alles bereitwillig miteinander teilten. Selbst Feinde wurden mit allem Notwendigen versorgt und beschenkt, bevor sie freigelassen wurden. Fremde wurden niemals angegriffen, wenn sie unbewaffnet und in friedlicher Absicht erschienen, denn ihre Vorfahren bewunderten mutige Menschen.

Mut … Meredith nippte an ihrem Kaffee. Davon würde sie jede Menge brauchen. Myrna Hardens hartes, strenges Gesicht blitzte vor ihrem geistigen Auge auf, und sie fröstelte. Doch im nächsten Moment hob sie das Kinn und erinnerte sich daran, dass sie nicht mehr achtzehn und arm war. Sie war fast fünfundzwanzig und reich, reicher als die Hardens.

Nachdem sie den Kaffee ausgetrunken und ihre wenigen Sachen verstaut hatte, nahm sie den Bus zu einem kleinen Supermarkt und kaufte Lebensmittel ein. Da das Wetter zwar kalt, aber sonnig war, beschloss sie, zu Fuß zum Haus zurückzukehren. Im Stadtpark verfärbten sich bereits die Blätter bunt, und die Berge, die die Stadt einschlossen, sahen in der klaren Herbstluft blau aus. Sie liebte diese Stadt und das weite Land, das sie umgab, immer noch.

Als sie die Straße erreichte, in der das Haus ihrer Großtante stand, hielt sie inne. Seltsam, der schnittige graue Jaguar hatte vorhin noch nicht davor gestanden. Vielleicht wollte der Makler mit ihr sprechen.

Da sie in den Jeans nach dem Schlüssel wühlte, sah sie die Gestalt auf der Veranda erst, als sie die Treppe erreichte. Augenblicklich erstarrte sie, und ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen.

Cyrus Granger Harden war ebenso groß wie Mr. Smith, aber damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Cy wirkte finster und bedrohlich, selbst in dem teuren dunkelblauen Anzug. Doch als er in den Sonnenschein trat, wurde Meredith warm. Er war älter geworden. In dem schmalen Gesicht mit den dichten Brauen und braunen Augen bemerkte sie ein paar Fältchen. Doch die gerade Nase, der sinnliche Mund und die Form der Lippen waren ihr so vertraut, dass sie sich zwingen musste, den Blick abzuwenden. Das schwarze Haar schimmerte wie das Gefieder eines Raben.

„Dachte ich mir doch, dass du es bist“, begann er ohne Vorrede. Seine Stimme klang noch so tief und schneidend wie früher. „Ich kann vom meinem Büro aus den Busbahnhof sehen.“

Ich bin älter, ich bin reicher, ich habe Geheimnisse, und er hat keine Macht über mich, dachte sie und sagte es sich vorsichtshalber gleich zweimal.

Sie setzte ein unbeschwertes Lächeln auf. „Hallo, Cy. Was machst du hier in den Slums?“

Sein Mund wurde schmal. „Billings hat keine Slums. Warum bist du zurückgekommen?“

„Ich will mir euer Familiensilber holen“, erwiderte sie. „Das habe ich bei meinem letzten Besuch vergessen.“

Sichtlich nervös steckte er eine Hand in die Hosentasche. Der Stoff spannte sich über dem muskulösen Oberschenkel, und Meredith musste sich beherrschen, um nicht hinzusehen. Unbekleidet war sein Körper perfekt wie eine griechische Statue: athletisch, mit einem flachen Bauch und …

„Nachdem du fort warst, hat Tanksley meiner Mutter gestanden, dass du mit dem Diebstahl nichts zu tun hattest.“

Tony Tanksley war der „Komplize“, mit dem sie angeblich geschlafen hatte. Nur ein eifersüchtiger Idiot hätte glauben können, dass Meredith einen Mann wie Cy gegen Tony eintauschte. Doch da Myrna ihn nicht nur für sein Lügenmärchen bezahlt, sondern ihm auch viele Einzelheiten verraten hatte, war die Geschichte glaubwürdig erschienen. Vor allem hatte Cy ihr zugetraut, ihn zu betrügen und ein Verbrechen zu begehen. Liebe ohne Vertrauen war keine Liebe.

„Ich habe mich schon gefragt, warum die Polizei nie bei mir aufgetaucht ist.“

Er zuckte mit den breiten Schultern. „Sie konnte dich nicht finden.“

Das war nicht erstaunlich, denn Henry hatte sie während ihrer Schwangerschaft auf einer Karibikinsel versteckt, unter Mr. Smiths Schutz. Niemand hatte ihren richtigen Namen erfahren, und nach der Heirat kannte man sie nur als Kip Tennison.

„Das freut mich.“ Sie nahm die Einkaufstüte auf den anderen Arm. „Ich wäre ungern im Gefängnis gelandet.“

Cy musterte sie. „Du bist schlanker, als ich dich in Erinnerung habe. Und älter.“

„Ich werde fünfundzwanzig.“ Ihr gelassenes Lächeln erreichte die Augen nicht. „Du bist jetzt vierunddreißig, stimmt’s?“

Er nickte und ließ den Blick an ihr hinabgleiten. Sechs lange Jahre. Er dachte an die Tränen auf ihrem jungen Gesicht, an den Hass in ihrer Stimme, aber auch an die Liebesnächte in seinem Bett, an ihren weichen Körper unter seinem, an ihr leises Aufstöhnen …

„Wie lange wirst du hierbleiben?“, fragte er gepresst.

„Lange genug, um das Haus zu verkaufen.“

„Du willst es nicht behalten?“

„Nein. In Billings habe ich zu viele Feinde.“

„Ich bin nicht dein Feind“, widersprach Cy.

Sie hob das Kinn. „Nicht, Cy? Ich hatte einen ganz anderen Eindruck.“

Er wandte sich ab und schaute die Straße entlang. „Du warst jung. Viel zu jung. Ich habe nie gefragt, aber ich wette, ich war dein erster Mann.“

Meredith errötete.

„Also war ich es“, murmelte er zufrieden. Erstaunt verspürte er einen Anflug von Erregung.

„Ja, du warst der Erste“, bestätigte sie kühl und lächelte. „Aber nicht der Letzte. Oder hast du geglaubt, du wärst nicht zu überbieten?“

Er ignorierte die Spitze. „Wo bist du die vergangenen sechs Jahre gewesen?“

„Überall und nirgends. Hör zu, diese Tüte wird mir zu schwer. Hast du mir etwas zu sagen, oder ist das nur ein freundlicher Besuch, um festzustellen, wie schnell du mich aus der Stadt vertreiben kannst?“

„Ich bin gekommen, um dich zu fragen, ob du einen Job brauchst. Ich weiß, dass deine Tante dir nichts als Rechnungen hinterlassen hat. Ich habe hier ein Restaurant. Dort wird eine Kellnerin gesucht.“

Meredith traute ihren Ohren nicht. Cy bot ihr eine Stelle als Kellnerin an? Dabei könnte sie es sich leisten, den Laden zu kaufen. Hatte er ein schlechtes Gewissen? Oder interessierte er sich wieder für sie? Egal. Der Job passte gut in ihre Pläne.

„Einverstanden“, sagte sie. „Muss ich mich bewerben?“

„Nein. Sei einfach morgen um neun Uhr da. Wenn ich mich recht entsinne, hast du damals, als wir uns kennenlernten, auch in einem Café gejobbt.“

„Das stimmt.“ Ihre Blicke trafen sich, und eine Sekunde lang erinnerten sie sich stumm an ihre erste Begegnung. Sie hatte ihm Kaffee aufs Jackett gekippt, und bei dem Versuch, den Fleck zu entfernen, war der Funke übergesprungen. Die Anziehung kam schlagartig, war wechselseitig und … verheerend.

„So lange her“, sagte Cy gedankenverloren. „Mein Gott, warum bist du davongerannt? Zwei Tage später wurde mir klar, was passiert war, aber ich konnte dich nicht finden, verdammt!“

„Du hast deiner Mutter geglaubt, nicht mir. Ich hoffe, ihr beide seid zusammen sehr glücklich geworden.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Was hatte meine Mutter mit dir und Tanksley zu tun?“

Er wusste es nicht! Sie konnte es kaum fassen, aber sein verwirrter Blick schien echt. Er hatte keine Ahnung!

„Wie hast du ihn dazu gebracht, alles zu gestehen?“, fragte sie.

„Das habe ich nicht. Er hat Mutter gesagt, dass du unschuldig bist, und sie hat es mir erzählt.“

Ihr Herz schlug schneller. „Hat sie dir sonst noch etwas erzählt?“

„Nein. Was hätte sie mir denn noch erzählen sollen?“

Dass ich von dir schwanger war, dachte Meredith betrübt. Dass ich achtzehn war und nicht wusste, wohin ich gehen sollte. Bei Großtante Mary konnte ich nicht bleiben, solange ich in Billings als Diebin galt.

Sie senkte den Kopf, damit er den Zorn in ihren Augen nicht sah. Die ersten Wochen waren die reine Hölle gewesen, auch wenn sie gereift und gestärkt daraus hervorgegangen war. Sie hatte ihr Leben in die eigenen Hände nehmen müssen und seitdem nie wieder Angst gehabt.

„Gab es etwas?“

Sie sah ihn an. „Nein. Nichts.“

Doch er spürte, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Ihre Augen funkelten. Er hatte sie zu Unrecht beschuldigt und sie verletzt, aber was sie jetzt ausstrahlte, ging tiefer als bloße Empörung darüber.

„Das Restaurant ist das Bar H Steak House. Es liegt an der North Twenty-seventh neben dem Sheraton.“

„Ich werde es finden. Danke für den Job.“

„Heißt das, du bleibst wenigstens ein paar Wochen?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Warum willst du das wissen? Ich hoffe, du hast nicht vor, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört haben. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten, zerbrochene Beziehungen mit Kraftkleber zu kitten, Cy.“

Er erstarrte sichtlich. „Gibt es einen anderen?“

„In meinem Leben, meinst du? Ja, den gibt es.“

„Das hätte ich mir denken können“, sagte er mit unbewegter Miene.

Sie antwortete nicht. Er schaute auf ihre linke Hand, und sie war froh, dass sie daran gedacht hatte, den Ehering abzunehmen. Doch den Verlobungsring trug sie noch. Einen Smaragd mit kleinen Diamanten. Henry hatte über ihre Wahl gelacht, weil der Ring nicht teuer gewesen war. Er hatte ihr einen mit einem dreikarätigen Brillanten schenken wollen, doch sie hatte auf diesem bestanden.

„Du bist verlobt?“

„Ich war es“, verbesserte sie. Das stimmte. Henry hatte sie eine Woche später geheiratet.

„Jetzt nicht mehr?“

Meredith schüttelte den Kopf. „Ich habe einen Freund, der mir sehr viel bedeutet, aber ich will mich nicht wieder binden“, log sie.

„Warum ist er nicht mitgekommen?“

„Ich brauchte mal eine Atempause. Außerdem bin ich hier, um Tante Marys Nachlass abzuwickeln.“

„Wo hast du gelebt?“

Sie lächelte. „Im Osten. Jetzt entschuldige mich, ich muss diese Sachen in den Kühlschrank stellen.“

Er trat zur Seite. „Wir sehen uns morgen.“

Vermutlich aß er in dem Restaurant, in dem sie arbeiten würde. „Ja. Bist du sicher, dass ich den Job auch ohne Zeugnisse bekomme?“

„Mir gehört das verdammte Restaurant“, knurrte er. „Du hast den Job, wenn du ihn willst.“

„Ich will ihn.“ Sie schloss die Tür auf und zögerte. Da er nicht wusste, dass sie reich war, tat er es wahrscheinlich aus Mitleid und schlechtem Gewissen. „Du bist sehr großzügig. Danke.“

„Großzügig.“ Cy lachte bitter. „Mein Gott, ich habe noch nie im Leben etwas verschenkt, ohne dass es mir einen Vorteil verschafft oder mich reicher gemacht hätte.“

Meredith sah ihm traurig nach, als er zu seinem Wagen ging. Ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen hatte sie zutiefst erschüttert. Sie betrat das Haus, stellte die Einkäufe ab, setzte sich und dachte an ihre erste Begegnung.

Es war eine Woche vor ihrem achtzehnten Geburtstag gewesen, aber sie hatte sich immer älter gemacht, und die Uniform, die sie als Kellnerin trug, hatte ihre schlanke Figur betont. Cy hatte sie unverhohlen angestarrt, während sie von Tisch zu Tisch ging, und sie mit seiner selbstbewussten, fast arroganten Ausstrahlung verunsichert.

Dann sprach er mit der für ihn zuständigen Kellnerin, und Sekunden später wechselte er den Tisch.

Dass ein so attraktiver Mann sich für sie interessierte, ließ Merediths Herz schneller schlagen. „Sie sind neu hier“, sagte er, als sie ihm die Speisekarte brachte. Seine Stimme war tief und sinnlich.

„Ja.“ Sie klang atemlos, und ihre Hände waren kalt. „Ich habe heute erst angefangen.“

„Ich bin Cyrus Harden und frühstücke meistens hier.“

Sie kannte den Namen, wie fast jeder in Billings. „Ich bin Meredith“, erwiderte sie heiser.

Er zog eine Augenbraue hoch und lächelte. „Sind Sie volljährig?“

„Ich bin … zwanzig.“ Hätte sie ihm ihr wahres Alter verraten, wäre sein Interesse schlagartig erloschen, das wusste sie instinktiv.

„Bitte bringen Sie mir einen Kaffee, dann überlegen wir, wohin wir beide heute Abend gehen.“

Sie eilte zum Tresen zurück und stieß mit Terri zusammen.

„Vorsicht, Mädchen“, flüsterte die erfahrenere Kollegin, als Cy nicht herüberschaute. „Cy Harden gilt als rücksichtslos, und das nicht nur in geschäftlichen Dingen.“

„Das macht nichts. Er … er redet nur mit mir“, stammelte Meredith.

„So siehst du aber nicht aus“, entgegnete Terri besorgt. „Cy Harden ist nicht dein Kaliber. Er ist reich, und seine Mutter würde niemals zulassen, dass er eine Frau heiratet, die weder Geld noch Beziehungen hat. In seinen Kreisen bleibt man unter sich.“

„Aber wir unterhalten uns doch nur.“

„Dann sieh zu, dass es dabei bleibt. Er könnte dir sehr, sehr wehtun.“

Meredith lächelte abwesend und servierte Cy den Kaffee.

„Hat Ihre Kollegin Sie vor mir gewarnt?“, fragte er.

Verlegen sah sie ihn an. „Woher wissen Sie das?“

„Ich bin mal mit Terri ausgegangen“, erwiderte er gelassen. „Sie wurde zu besitzergreifend, deshalb habe ich Schluss gemacht. Es ist lange her. Lassen Sie sich von ihr nicht verunsichern.“

Meredith fiel ein Stein vom Herzen. Er war an ihr interessiert und Terri einfach nur eifersüchtig. Sie strahlte. „Tue ich nicht“, versprach sie.

Jetzt, Jahre später, erinnerte sie sich an ihre Naivität und stöhnte auf. Entschlossen stand sie auf und verstaute die Einkäufe. Wie hatte sie damals nur so leichtsinnig sein können? Aber mit achtzehn, nach einer behüteten Kindheit, hatte sie nicht geahnt, was auf sie zukam. Für jemanden wie Cy Harden war sie eine allzu leichte Beute gewesen. Hätte sie damals gewusst, was sie jetzt wusste, hätte sie niemals …

Unsinn. Sie hätte es auf jeden Fall getan, denn Cy hatte sie fasziniert. Das tat er noch immer, auch nach all dem Leid und Schmerz. Er war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, und sie erinnerte sich an die langen Nächte in seinen Armen, als wäre das alles erst gestern gewesen.

Aber sie war nicht in Billings, um eine alte Liebesaffäre aufzuwärmen. Sie war hier, um sich zu rächen. Henry hatte ihr beigebracht, dass jeder Mensch eine Schwäche aufwies, die sich geschäftlich ausnutzen ließ. Manche verbargen ihre Achillesferse nur besser als andere.

Cy war darin ein Meister, und sie musste behutsam vorgehen, wenn sie seine finden wollte. Aber dann würde sie ihn überlisten, und er würde einen hohen Preis für seinen Verrat zahlen müssen. Sie war keine naive Achtzehnjährige mehr, die einen Mann liebte, den sie niemals bekommen würde. Dieses Mal hielt sie alle Trümpfe in der Hand. Und wenn sie die Karten geschickt ausspielte, würde sie ihren Sieg so sehr genießen wie damals seine trügerischen Küsse.

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