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Herbstbringer

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Gedicht
  7. Irgendwo im Vereinigten Königreich
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Epilog
  31. Quellennachweis

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Der Sommer stirbt in ihren Augen

Wo sie wandelt welkt die Welt

Wind und Regen nur als Zeugen

Bis auch sie zu Staub zerfällt

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IRGENDWO IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH

19. JAHRHUNDERT

Dumpf hörte sie die Brandung gegen die Klippen schlagen. Einst ein vertrautes Geräusch, entschwand es ihr zusehends, wirkte schon seltsam fern und unerreichbar.

Die Dunkelheit, die sie umgab, verzerrte alle Geräusche, ließ die aufgewühlten Gespräche über ihr wie durch dicke Watte an ihr Ohr dringen.

Oder durch feuchte Erde …

Wieder spürte sie den klatschenden Aufschlag einer Schaufel Erde. Wie lange würde es dauern, bis sie vollständig verscharrt war?

»Diese Strafe ist zu hart!« Klar und deutlich vernahm sie die flehende Stimme ihrer Mutter. Sie musste lächeln. Trotz allem hatte ihre Mutter nie aufgegeben, um sie zu kämpfen. Auch, als die Sache längst verloren gewesen war.

»Der Rat hat entschieden, Margaret. Wir dürfen und werden uns ihm nicht widersetzen. Nun schweig – sie kann dich womöglich hören.«

Onkel Albert. Das Lächeln verflüchtigte sich aus ihren Zügen wie ein aufgeschreckter Vogel. Seine Anwesenheit schloss eine Wendung der Ereignisse endgültig aus. Aber woher kam diese Ruhe, die sie in dieser dunklen Stunde durchströmte?

»Ein junges Mädchen lebendig zu begraben ist … barbarisch.« Wieder ergriff ihre Mutter das Wort.

»Komm, Margaret, wir sind hier nicht erwünscht.«

Ihre Kehle zog sich zusammen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dass ihr Vater bei ihrer Bestrafung zugegen sein würde, kam einer Absolution gleich.

»Vater«, schluchzte sie. Das Wort verhallte ungehört in der engen Holzkiste. Mit ihm schien ein Bann von ihr abzufallen. Panisch hämmerten ihre Fäuste gegen massive Eiche, immer verzweifelter wurden ihre Schreie.

Doch es war zu spät.

Wieder und wieder klatschte Erde auf den Sarg, mit jedem Mal klangen die Stimmen gedämpfter.

»Sie erfährt die gerechte Strafe für Hochverrat an ihresgleichen. Sie wird für die Schande büßen, die sie über uns gebracht hat«, konnte sie noch verstehen. Dann wurden jegliche Geräusche von einer besonders großen Ladung Erde erstickt.

Stille umfing sie und sollte für sehr lange Zeit ihre einzige Gesellschaft sein.

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1

Es war August, doch der Sommer welkte bereits. Eine einsame Gestalt spazierte durch den abendlichen Hyde Park. Trotz der milden Temperaturen trug sie einen bodenlangen schwarzen Mantel. Ein Spazierstock mit silbernem Knauf vervollständigte das Bild und ließ den hochgewachsenen Mann mit dem delikat getrimmten Bart wie einen Charles-Dickens-Schurken aussehen.

Manche Gewohnheiten wird man einfach nicht los.

Er wanderte am Ufer des Serpentine-Sees entlang. Wie lange war es her, dass er im Gefolge von Henry VIII. hier in diesem Park Jagd auf Rehe und Wildschweine gemacht hatte? Vierhundert Jahre? Oder waren es gar fünfhundert? Es fiel ihm immer schwerer, Ereignisse bestimmten Jahreszahlen zuzuordnen.

An das Jahr 1665 wiederum konnte er sich lebhaft erinnern. Die Ahnung eines Lächelns huschte über seine Züge, als er sich seinen Gedanken hingab. Es schien, als wäre es erst gestern gewesen, dass sich die Pest an London satt gefressen hatte. Ganze Heerscharen panischer Bewohner waren in die Parks geflohen, um der Ansteckungsgefahr zu entgehen. Bei dem Gedanken, wen die Überlebenden in den damals noch dichten Wäldern angetroffen hatten, musste er noch heute schmunzeln. Was für ein Festmahl das gewesen war!

Heutzutage verstopften nur noch Jogger und Tai-Chi-Besessene die Wege und Wiesen. Ganz zu schweigen von der beachtlichen Polizeipräsenz, die es immer schwerer machte, die eine oder andere einsame Joggerin unbemerkt zu verschleppen.

Ein rötlich-gelbes Blatt segelte gemächlich vor seine Füße. Stirnrunzelnd bückte er sich und hob es auf. Er roch daran. »Der Sommer stirbt früh in diesem Jahr«, sagte er leise in die heraufziehende Dämmerung. »Ungewöhnlich früh …«

Er zögerte. Er wusste, dass dies noch lange nichts bedeuten musste.

Nach einer kurzen Überlegung machte er kehrt und verließ den dunkelnden Park.

Man konnte nie wissen.

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Ihr Leben sollte an einem verregneten Dienstagvormittag beginnen. Eigentlich hatte es schon viel früher begonnen. Emily hatte sich jedoch schnell angewöhnt, ihre persönliche Zeitrechnung mit dem Tag ihrer Adoption einsetzen zu lassen.

Seit sie denken konnte, war sie im Waisenhaus Sheltering Tree untergebracht, einem freudlosen Ort mitten im Nirgendwo, umgeben von trauernden Bäumen und zerplatzten Kinderträumen. Sie wusste weder, wer sie war, noch, wie sie in das Waisenhaus gekommen war. Ihre Vergangenheit war ein trüber Nebel ohne erkennbare Formen.

Man gab ihr den Namen Emily, lobte ihre dunkle Haarpracht und schätzte sie auf dreizehn oder vierzehn Jahre. Dann steckte man sie zu den anderen auf ein Zimmer.

Intensive Nachforschungen nach Eltern und Verwandten blieben ergebnislos, nie war eine Vermisstenanzeige bei der Polizei oder in den Medien aufgetaucht. Ärztliche Untersuchungen bescheinigten dem Mädchen eine gute Gesundheit und stellten keinerlei Verletzungen fest, was auch die Polizei bald das Interesse verlieren ließ.

Ihre Gedächtnislücken blieben ungeklärt. Die Heimleitung stand vor einem Rätsel: Das bildhübsche Mädchen mit den seltsam weisen Augen und der verschlossenen Art schien geradewegs aus dem Nichts aufgetaucht zu sein.

Ihr war es einerlei, wie sie hieß oder was man über sie dachte; sie wollte bloß in Ruhe gelassen werden und hatte sich von Anfang an in die spärliche Bücherauswahl der Bibliothek vertieft. Vom ersten Tag an hatte man ihr mehr Freiheiten als den anderen Waisen gestattet, ließ sie ihre einsamen Spaziergänge machen und die Nächte durchlesen. Überdeutlich war das Besondere an diesem Mädchen ohne Vergangenheit zu spüren.

Gleichaltrige gab es kaum unter den Waisen, seltene Freundschaften zu besonders aufgeweckten Jüngeren wurden durch Adoptionen vorschnell beendet. Bereits nach wenigen Wochen hatte sie die hoffnungslose Realität des Waisenhauses durchschaut. Wie in einem Tierheim, das glückliche Besucher beinahe ausschließlich mit entzückenden Welpen oder niedlichen Katzenbabys verlassen, verkamen die älteren Insassen unvermeidlich zu Ladenhütern. Emily hatte sich schnell damit abgefunden. Was wäre ihr auch anderes übrig geblieben? Das Sheltering Tree war die einzige Heimat, die sie je gekannt hatte. Es gab ihr ein Bett und Essen, und zudem durfte sie sogar einmal in der Woche die deutlich besser sortierte Stadtbibliothek besuchen. Mehr brauchte sie nicht. Aber wie sollte sie auch: Sie hatte nie mehr gekannt.

Umso überraschender war es für sie, eines Tages in das Büro des Heimleiters Abtree gerufen zu werden. Immerhin wurde man nur zu ihm bestellt, wenn man etwas ausgefressen hatte oder in Kürze adoptiert werden würde. Da Emily noch nie etwas angestellt und den Gedanken an ihre Adoption längst aufgegeben hatte, betrat sie an diesem verregneten Dienstagvormittag zum ersten Mal jenen Raum, in dem schon für so viele Kinder ein neues Leben begonnen hatte.

Aufgeregt und gegen jede Vernunft hoffend stand sie Mr Abtree gegenüber. Alle Waisen hatten ein bisschen Angst vor dem großen Mann mit dem weißen Haar, der immer streng dreinblickte und penetrant nach Schuhcreme roch. Auch jetzt musterte er Emily durchdringend über die Ränder seiner Brille hinweg. Im Gegensatz zu den anderen Kindern empfand sie jedoch keine Furcht vor ihm. Sie wusste, dass er niemandem lange böse sein konnte. Woher sie dieses Wissen nahm, konnte sie nicht sagen. Sie wusste es, seit sie ihm das erste Mal in die Augen geblickt hatte. Und sie hatte gelernt, ihrem Instinkt zu vertrauen.

»Emily, meine Liebe, wie lange bist du jetzt bei uns?«

»Das kann ich nicht genau sagen«, antwortete sie leise. »Aber ich war gestern zum nunmehr dreiundneunzigsten Mal in der Stadtbibliothek.«

Leonard Abtree schmunzelte. Wo dieses Mädchen manchmal seine polierte Ausdrucksweise hernahm, war ihm schleierhaft. Eine unter seinen Mitarbeitern zirkulierende Theorie war, dass ihre gepflegte Sprache und ihr Wissensdurst auf ein reiches Elternhaus hindeuteten. Nicht zuletzt deswegen gab man ihr diesen Namen, als man sich dazu entschlossen hatte, das Mädchen aufzunehmen.

Emily. Die Eifrige.

Abtree glaubte nicht daran. Er sah in Emily eher eine Art weiblichen Mowgli aus dem Dschungelbuch, für die viele Dinge der modernen Zivilisation ein großes Mysterium waren. Dennoch machten ihr Lesen, Schreiben und diverse Fremdsprachen keinerlei Schwierigkeiten.

»Ganz recht, es sind bald zwei Jahre. Für ein junges Mädchen ohne Kontakt zu Gleichaltrigen muss sich das furchtbar lange anfühlen. Fast wie eine Ewigkeit …«

Etwas durchfuhr sie bei diesen Worten. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, und für einen flüchtigen Moment fühlte sie sich älter, stärker, überlegener. Dann war es vorbei.

Wieder wurde sie gemustert, diesmal mit einem fragenden Ausdruck. Hatte sie am Ende doch etwas ausgefressen?

»Aber was rede ich denn so lange um den heißen Brei herum?«, sagte er lächelnd und öffnete die Tür. »Du willst doch sicherlich die Familie kennenlernen, die dich adoptieren möchte.«

Sofort war alles Bisherige wie weggespült. Und mochte dieser Dienstagvormittag auch noch so verregnet sein: Für Emily war das Wetter so herrlich wie niemals zuvor.

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Als vier Wochen später der erste Schultag näher rückte, machte sie sich immer mehr Sorgen, dass irgendetwas schiefgehen könnte. Zwar schaffte die Schuluniform wenigstens die Klamottenfrage aus der Welt, sodass sie mit etwas Glück vertuschen konnte, dass sie das Modebewusstsein einer blinden Vogelscheuche hatte. Wie sie von ihrer Adoptivschwester Sophie erfuhr, konnte man sich aber selbst zwischen hundert identisch gekleideten Mädchen sofort als altmodisch outen, wenn man diesen Kragen oder jenen Gürtel falsch trug.

Und damit fingen ihre Probleme erst an. Figur, Frisur, Musikgeschmack, Make-up und geschätzte tausend weitere Dinge waren laut Sophie wichtiger als alles andere. Unnötig zu erwähnen, dass Emily alldem bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte und in Sophies Augen dringend Nachhilfe brauchte.

Sie hatte noch nie viele Klamotten besessen und trug meistens eine braune Cordschlaghose und eine lila Strickjacke. Sophies Kommentar »Das ist ja so Siebziger!« hatte ihr nur ein Stirnrunzeln entlockt. Tatsächlich sah sie mit ihren glatten langen Haaren, der blassen Haut und den feinen, ungeschminkten Gesichtszügen ein wenig so aus wie ein Blumenkind der 68er-Generation. Nur nicht ganz so bunt.

Sophie hatte sie außerdem innerhalb kürzester Zeit über alles informiert, was es über das kleine Örtchen Woods End zu wissen gab. Ihr konnte es natürlich nur recht sein: Noch vor dem ersten gemeinsamen Abendessen hatte sie mehr über ihre neue Familie erfahren als in den zwei Jahren zuvor über sämtliche Heimschwestern und das gesamte Waisenhaus. Sie lernte, dass Sophie fünfzehn Jahre alt war und nach den Ferien in dieselbe Klasse kommen würde wie sie, dass ihre Eltern Carter und Megan hießen, Mitte vierzig waren und sie alle fortan denselben Nachnamen tragen würden – Lanceheart. Sie würde als Tochter eines Redakteurs und einer ehemaligen Verlagsmitarbeiterin in einem Einfamilienhaus leben, eine Gesamtschule besuchen und eine rundliche Katze namens Jodie in ihrem Bett schlafen lassen – kurz: das ganz normale Leben eines englischen Vorstadtmädchens führen.

Emily störte es nicht, dass Sophie unentwegt quasselte. Von Natur aus in sich gekehrt, war sie immer froh, wenn andere ihren Part gleich mitübernahmen. Es war ein bisschen wie Radiohören. Einzig den Lautstärkeregler vermisste sie hin und wieder.

Schon nach wenigen Wochen in Woods End fühlte sie sich so zu Hause wie nie zuvor. Ihre neue Familie hatte sie aufgenommen wie eine heimgekehrte Tochter, und sie zu keiner Sekunde spüren lassen, dass sie praktisch eine Fremde war. Sich an dieses herzliche, wohlbehütete Leben zu gewöhnen, fiel ihr nicht schwer.

Ihre Eltern schien es nicht zu stören, dass Emily in Bezug auf ihre Vergangenheit völlig im Dunkeln tappte. Sie gaben sich mit den wenigen Fakten zufrieden, die sie bekommen konnten. Im Gegenzug hielt es Emily nur für fair, nicht nach dem Grund für ihre Adoption zu fragen. Sie wusste nur, dass sich ihre neuen Eltern immer eine zweite Tochter gewünscht hatten und angeblich sofort gespürt hatten, dass Emily die Richtige für ihre Familie war.

Es war, als hätten sich alle stillschweigend auf einen Kompromiss geeinigt.

So schnell gab sich Sophie natürlich nicht zufrieden. Dazu war sie viel zu neugierig.

»Aber es ist doch bestimmt komisch, wenn man sich an absolut gar nichts erinnern kann, oder?«, fragte sie daher am Abend vor dem Schulbeginn. Sie saßen auf Sophies Bett, umgeben von Postern, Zeitungsausschnitten und Zeitschriften.

Emily überlegte. Es war nicht das erste Mal, dass sie über diese Frage nachdachte. »Ich weiß nicht«, sagte sie schließlich, nachdem ihr Blick einige Zeit über die mit Postern tapezierten Wände gewandert war. »Ich kenne es ja nicht anders. Für mich hört es sich genauso merkwürdig an, wenn man sich an so viel erinnern kann wie du.«

»Hm«, machte Sophie unbefriedigt. »Aber wie kann es sein, dass du dich an nichts aus deinem früheren Leben erinnerst, dafür aber lesen, schreiben und sprechen kannst und unglaublich viel weißt, manchmal mehr als Dad?«

Das war Emily auch schon aufgefallen. Sie zuckte mit den Schultern.

Doch im Nachgeben war Sophie noch nie besonders gut gewesen. »Aber würdest du nicht gerne wissen, was du früher so alles erlebt hast? Wo du schon überall warst und wer deine …« Sie brach mitten im Satz ab.

»Wer meine Eltern sind?«, beendete Emily den Satz mit fester Stimme.

»Tut mir leid, ich wollte nicht …«, stammelte Sophie. Doch Emily winkte lächelnd ab. Die Jahre im Waisenhaus hatten ihr überdeutlich gezeigt, wie viel Schmerz der Tod der Eltern bei anderen Waisen ausgelöst hatte. Doch sie konnte sich ja nicht daran erinnern, je welche gehabt zu haben.

Nachdem sie dies gesagt hatte, schwieg Sophie kurz. Dann erwiderte sie: »Echt krass, dass du nichts über dich oder deine Eltern rausfinden konntest. Ich meine, du hast dich doch bestimmt nicht ohne Weiteres damit zufriedengegeben, dass du einfach so auf diese Welt gefallen bist. Du … du hast doch nach ihnen gesucht, oder?«

»Anfangs schon, aber das habe ich schnell aufgegeben. Welche Chance hätte ich auch, wenn schon das Waisenhaus nie etwas herausgefunden hat …« Ihr Blick fiel auf eine Filmzeitschrift auf Sophies Nachttisch. Titelthema war ein aufwendiger Science-Fiction-Knaller. »Vielleicht waren es ja Außerirdische, die mich hier zurückgelassen haben.«

Sophie kicherte. »Oder du kommst eigentlich aus der Zukunft, und deine Eltern sind noch gar nicht geboren.« Dann wurde sie ungewohnt ernst. »Ob es besser ist, gar nicht zu kennen, was man vermissen könnte? Wenn man nicht jeden Tag daran erinnert wird, was einem fehlt?«

Emily wurde hellhörig. Bislang hatte sie sich aus Andeutungen und unabsichtlich aufgeschnappten Satzfetzen zusammenreimen müssen, dass Sophies beste Freundin unter mysteriösen Umständen verschwunden war. Konkret angesprochen hatte man dieses Thema noch nicht. Was Emily allerdings nicht daran gehindert hatte, diese ganz besonders bittere Art von Fröhlichkeit zu spüren, mit der die Eltern verzweifelt versuchten, die Trauer ihrer Tochter zu überdecken.

»Deine Freundin … was ist mit ihr passiert?«, fragte sie vorsichtig.

Sophie schien regelrecht auf diese Frage gewartet zu haben. Sie stand schweigend auf, ging zur Fensterbank und kam mit einem kleinen Bilderrahmen zurück. Eine der beiden Personen erkannte Emily sofort – ein junges Mädchen mit Sommersprossen, dessen schiefes Grinsen höchstens von der schiefen Brille übertroffen wurde, die noch heute auf ihrer Nase thronte. Sophie. Neben ihr war ein Mädchen zu sehen, das irgendwie reifer und selbstbewusster wirkte.

Sophie setzte sich wieder neben sie, den runden Bilderrahmen auf ihrem Schoß. Emily wartete stillschweigend.

»Anne und ich waren seit dem Kindergarten die besten Freundinnen«, erzählte Sophie mit ungewohnt leiser Stimme, nachdem sie eine Zeit lang auf das Bild gestarrt hatte. »Sie wohnte nur zwei Straßen weiter, neben dem Sportplatz. Ohne sie hätte ich mehr als eine Bioarbeit verhauen, und sie wäre in Englisch ohne mich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Wir waren wirklich immer zusammen, sogar im Urlaub. Und dann, letztes Jahr, ist sie einfach verschwunden.«

»Ist sie tot?«

Sophie schüttelte ungestüm den Kopf. »Das glaube ich nicht! Die Polizei hat den Fall zwar schon längst abgeschlossen, aber man hat ihre … ihre Leiche nie gefunden. Du hältst mich vielleicht für verrückt, aber ich weiß einfach, dass sie nicht tot ist, egal, was die anderen sagen. Ich weiß es!«

Sie atmete schwer. Entsetzt sah Emily, dass sich Sophies Augen mit Tränen füllten. In solchen Situationen wusste sie nie, wie sie sich verhalten sollte. Also schwieg sie unbehaglich, bis Sophie sich wieder gefangen hatte.

»Meine Eltern sagen, dass ich mich damit abfinden soll«, fuhr Sophie kurz darauf fort. »Sie finden es ungesund, dass ich immer noch glaube, dass ich sie irgendwann wiedersehen werde, und haben Angst, dass ich mich abkapseln würde. Als wäre das nicht schon längst geschehen! Sie haben mich zu Psychiatern geschickt, gelangweilten Typen, die mich in ihre üblichen Kategorien gesteckt haben, um mich möglichst schnell wieder loszuwerden. Aber es interessiert mich nicht, was sie sagen – Anne lebt! Und wehe, du willst mich jetzt auch davon überzeugen, sie aufzugeben.« Sie funkelte Emily angriffslustig an. So aufgebracht war Sophie bisher noch nie gewesen.

»Keine Sorge, das habe ich nicht vor. Ich glaube dir. Warum sollte ich auch nicht? Du wirst schon deine Gründe haben.«

Es ist ein Wunder, was die richtigen Worte bewirken können. Sofort war der Zorn aus Sophies Zügen verfolgen.

»Wirklich?«, fragte sie beinahe ungläubig und blinzelte ihre Schwester an. Emily nickte. Urplötzlich fand sie sich in einer stürmischen Umarmung wieder, nach dessen Ende Sophie wieder ganz die Alte war. »Du wirst sehr bald merken, dass mir eigentlich niemand glaubt. An der Schule halten mich viele für nicht ganz dicht, nur weil ich der Polizei nicht glaube. Aber auch das ist mir egal, wirklich viele Freunde hatte ich sowieso noch nie. Der Einzige, der mir glaubt, ist Jake. Und jetzt du. Mein Gott, bin ich froh, dass ich auf Jake gehört habe!«

Jake, das wusste Emily bereits, war Sophies bester Freund. Bislang hatte sie nur von ihm gehört. Er verbrachte die Ferien bei seinen Eltern, die vor einigen Jahren in die USA ausgewandert waren und ihn für die verbleibende Schulzeit bei seinem Großvater in Woods End untergebracht hatten.

»Was meinst du?«

»Na, ich hatte anfangs vor, dich zu hassen und dir das Leben zur Hölle zu machen«, plauderte Sophie vergnügt drauflos. Emily runzelte die Stirn. »Für mich warst du nur eine weitere Maßnahme meiner Eltern, um mir meine ›Flausen‹ auszutreiben. Klar vermisse ich Anne, wir waren fast wie Schwestern. Ohne sie habe ich an der Schule nur noch Jake, und auch der ist nicht gerade jemand, der tausend Freunde hat. Außerdem geht er in eine andere Klasse. Trotzdem fand ich es einfach falsch, dass man mir in Form einer Adoptivschwester eine neue Freundin vorsetzt – einfach so, als wäre nie etwas passiert. Meine Eltern sagen zwar, dass sie schon immer ein zweites Kind gewollt haben. Ganz abgenommen habe ich ihnen das aber nicht.«

Das war neu für Emily. Sie ließ das Gesagte sacken. »Und Jake hat dich davon überzeugt, mich nicht sofort zu verdammen?«, fragte sie schließlich.

»Na ja, so in der Art …« Sophie druckste jetzt verlegen herum. »Er sagte, dass ich mit dem Mobbing auf jeden Fall bis nach den Ferien warten soll, damit er von Anfang an dabei sein kann, wenn ich dir das Leben schwermache. Aber ich hab dich sofort gemocht. Glaub mir, das erstaunt mich selbst am meisten. Wie hast du es nur angestellt, mich so schnell um den Finger zu wickeln? Mann, Jake wird ganz schön enttäuscht sein!«

Sie lachten beide. Ein Knoten war geplatzt. Und nun rückten wieder die alltäglichen Probleme ins Sichtfeld. Wie würde Emily in der Schule angenommen werden? Wenn man Sophies Erzählungen glaubte, schien es ziemlich schwer zu sein, Freunde zu finden. Obwohl Emily noch immer nicht verstanden hatte, warum Sophie so viel daran lag.

Und dann die Sache mit den Jungs. Es schien ein richtiges Regelwerk darüber zu geben, welchen Jungen man süß, welchen cool und welchen man lächerlich finden durfte. Und Sophie hatte es allem Anschein nach komplett auswendig gelernt. Mit der Genauigkeit einer Professorin für angewandte Jungenkunde referierte sie über diesen und jenen Kerl und wog Klamottenstil und Musikgeschmack gegeneinander ab.

»Du und Jake … habt ihr euch schon mal …«, begann Emily nach Sophies Nachhilfestunde.

»Neiiiiiin«, quiekte Sophie, »doch nicht mit Jake!«

»Ich dachte, ihr versteht euch so gut?«

»Ja, wir kennen uns schon ziemlich lange. Aber genau deshalb könnte ich mir nie vorstellen … na, du weißt schon.« Sie machte eindeutige schmatzende Geräusche mit ihren Lippen und bewegte sich mit geschlossenen Augen auf Emily zu. Diesmal quiekte Emily.

»Da fällt mir ein: Jake ist noch zu haben. Vielleicht gefällt er dir ja«, sagte sie kichernd. »Er hält auch nicht viel vom Reden und hat oft einen ähnlichen Blick drauf wie du.«

»Was denn für einen Blick?«, fragte Emily verwundert.

»Na, du weißt schon … dieser gedankenverlorene Blick, den ich schon oft bei dir beobachtet habe. Obwohl der bei Jake längst nicht so überzeugend ist wie bei dir. Hey, darauf wollte ich doch gar nicht hinaus. Du willst ablenken, hm? Ich bin jedenfalls gespannt, was Jake zu dir sagt. Könnte mir vorstellen, du gefällst ihm ziemlich gut.«

Emily war das Thema unangenehm. Was hauptsächlich daran lag, dass sie sich schrecklich unerfahren und zurückgeblieben fühlte. Im Waisenhaus hatte es nie einen Jungen gegeben, den sie interessant oder gar süß gefunden hatte. Nicht, dass Sophie viele Erfahrungen mit Jungs vorzuweisen hatte. Aber sie war immerhin bestens vorbereitet.

Es klopfte. »Genug geplaudert, Mädchen«, verkündete ihr Vater und steckte den Kopf zur Tür herein. »Ab ins Bett mit euch, morgen geht der Ernst des Lebens wieder los.«

Der Ernst des Lebens … Emily fragte sich, wie der wohl aussehen würde.

»Hast du gut geschlafen?«, begrüßte Sophie sie am Frühstückstisch. Beide hatten bereits ihre Schuluniformen an, was für Emily sehr ungewohnt war.

»Ja, es ging«, log sie müde. Schon seit Langem litt sie unter Albträumen. Sie kam zwar mit ungewöhnlich wenig Schlaf aus, oft genügten ihr vier, fünf Stunden leichten Dämmerns. Trotzdem hatte sie es letzte Nacht einmal mehr riskiert und sich in das Reich des Schlafes gewagt. An diesem wichtigen Tag wollte sie schließlich fit sein.

Doch die Albträume waren wie immer gekommen. Quälend langsam vorbeiziehende Bilder voller Tod und Dunkelheit, erfüllt von erstickten Hilferufen und manischem Gelächter, verfolgten sie durch die Nacht. Sie endeten immer mit den schreckgeweiteten Augen eines Jungen, die sie auch diesmal schweißgebadet erwachen ließen. Nach so einer Nacht war selbst sie müde. Sie befand, dass ihr halbherziges »Ja, es ging« die Übertreibung des Jahrhunderts war.

»Wo ist die Schule eigentlich?«, fragte sie gezwungen locker. Auch wenn in den letzten Wochen kaum ein Tag vergangen war, an dem sie nicht über den bevorstehenden Schulanfang geredet und mehr als einmal die Läden, Cafés oder das Kino in Woods End angesteuert hatten, wusste sie bislang nur, dass es eine große Gesamtschule war, die diese tristen, dunkelblau-grauen Uniformen vorschrieb.

»Nicht weit von hier, vielleicht zehn Minuten mit dem Auto. Sie liegt auf Dads Arbeitsweg, also fährt er uns.« Sophie verzog das Gesicht. »Das Blöde ist nur, dass wir uns immer seine Musik anhören müssen.«

Emily hatte bereits von dem angeblich furchtbaren Musikgeschmack Carters’ gehört. Und sie brauchte noch nicht mal den ganzen Schulweg, um in eine völlig neue Welt einzutauchen. Chopins zweite Klaviersonate erwischte sie frontal, fegte jegliche Vorstellungen von Musik beiseite, die sie in den letzten zwei Jahren angenommen hatte. Wie konnte Sophie bei dieser offensichtlichen Genialität und so viel Schönheit nur derart leidend das Gesicht verziehen?

Völlig von der Musik gefangen, ließ sie ihren Blick aus dem Fenster in den herbstlichen Wald wandern. Sie hatte den Eindruck, den Blättern praktisch bei ihrer magischen Verfärbung zusehen zu können, derart intensiv begleitete und ergänzte das Farbenspiel die dramatische Musik.

»Schade, dass ich euch ausgerechnet jetzt rauslassen muss«, bemerkte ihr Vater geknickt, als er die Lautstärke runterdrehte und vor der Schule hielt. »Gleich kommt der unvergleichliche Totenmarsch …«

»Äh, ja Dad, danke fürs Fahren und bis heute Abend.« Sophie beeilte sich, aus dem Wagen zu entkommen.

»Viel Glück an deinem ersten Tag!«, rief Carter noch, dann folgte Emily ihrer Schwester mit klopfendem Herzen kopfüber in die nächste Flut neuer Eindrücke. So viele Schüler! Allein oder in kleinen Grüppchen strömten alle dem ehrwürdigen Steingebäude zu, das von jahrhundertealtem Wissen und unzähligen Schülergenerationen kündete. Emily verliebte sich sofort in die Säulen, Türmchen, Wasserspeier und verzierten Fassaden. Ja, hier würde es sich aushalten lassen.

Wirklich? Aus unzähligen Autos dröhnte Musik, es wurde gelacht, gelästert und geflirtet. Emily fühlte sich im gleichen Moment mehr denn je fehl am Platz. Ihr kam der Gedanke, dass es dem alten Gebäude genauso ergehen musste. Leider nur ein schwacher Trost.

Eine Schule hatte sie sich immer ganz anders vorgestellt. Vor allem ruhiger. Würde sie sich hier jemals wohlfühlen? Würde sie eines Tages auch zu dieser Gruppe Mädchen dort hinten gehören, die mit arrogant erhobenen Köpfen noch eine letzte Zigarette vor der ersten Stunde rauchten? Oder wie eine andere Schülerin vor den Augen aller mit ihrem Freund knutschen? Sie konnte es sich nur schwer vorstellen.

»Wieso gehen wir nach links?«, fragte sie verwundert, als sie den eindrucksvollen Bau zusehends hinter sich ließen. »Ich dachte, die Schule beginnt gleich?«

»Und genau deshalb müssen wir uns ranhalten. Wir sind gleich da.« Sophie deutete auf einen Betonklotz, der so viel Klasse und Gemütlichkeit ausstrahlte wie ein Hochsicherheitsgefängnis.

»Oh«, entfuhr es Emily enttäuscht. Sehnsüchtig blickte sie zu dem alten Gebäude zurück. Immerhin erzählte Sophie ihr noch, dass sich darin die Bibliothek befand, bevor der lieblose Neubau die beiden Schwestern schluckte.

Schon die ganze Zeit hatte sie das Gefühl, dauernd angestarrt zu werden. Hatte sie dies anfangs darauf geschoben, neu an der Schule zu sein, war es ihr auf dem Weg in den Klassenraum dann doch etwas seltsam vorgekommen, unter Hunderten Schülern und Schülerinnen aufzufallen wie ein schwarzes Schaf.

»Aber dir ist doch wohl klar, warum, oder?«, fragte Sophie belustigt, nachdem Emily sich ihr noch vor der ersten Stunde anvertraute.

»Natürlich, ich bin die Neue. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich so ausgiebig unter die Lupe genommen werden würde.«

Sophie musste lachen. Das war mal wieder typisch Emily. »Na was soll’s, irgendjemand muss es dir ja mal sagen: Du bist so ziemlich das hübscheste Mädchen, das je die Woods-End-Gesamtschule besucht hat. Und jetzt bild dir bloß nichts darauf ein, sonst fällst du noch mehr auf«, sagte sie und grinste. Dass sie sich gehörig etwas darauf einbildete, Emily als ihre Schwester vorstellen zu können, verschwieg sie natürlich. Emily musste ja nicht alles wissen. »Die erste Stunde fängt an!«

Wie auf Kommando rauschte eine spindeldürre Frau zur Tür herein. Entsetzt fand sich Emily goldenen Schuhen, goldenen Fingernägeln, klobigen goldenen Armbändern, goldenen Ohrringen in Käferform und – beunruhigenderweise – goldenen Haaren gegenüber. Etwas ungelenk nahm das Wesen hinter dem Pult Platz. Emily merkte schnell, dass Miss Peacroft sich vorzüglich darauf verstand, dem Lernen jeglichen Spaß zu rauben und Emilys Vorfreude auf den Matheunterricht gänzlich verpuffen zu lassen. Und was noch schlimmer war: Die Lady schien es auf Neuankömmlinge abgesehen zu haben und wurde nur noch unausstehlicher, als Emily jede an sie gestellte Aufgabe, selbst die offensichtlich ungerechten und kniffligen, fehlerfrei und schnell beantworten konnte.

»Wow!«, zischte Sophie anerkennend. »Du hast es geschafft, dir gleich in der ersten Stunde einen Feind zu machen.«

Emilys Plan, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, war allerspätestens jetzt grandios gescheitert.

Schon in der großen Pause stand fest, dass dieser Tag nicht so schlimm werden würde, wie Emily es sich in den letzten Wochen ausgemalt hatte. Er wurde viel schlimmer.

Auf den Geschichtsunterricht hatte sich Emily eigentlich am meisten gefreut. Schon immer mit einem schwer zu stillenden Interesse an historisch relevanten Fakten ausgestattet, hatten die wöchentlichen Ausflüge in die Bibliothek während ihrer Zeit im Waisenhaus ihr Übriges getan, um dem jungen Mädchen ein geradezu unheimliches geschichtliches Wissen zu verschaffen.

Dass dies bei Mr Randall, der wegen seines Aussehens und der lässigen Klamotten der heimliche Schwarm mehr als eines Mädchens war, sofort auf Anerkennung stieß, war nicht weiter verwunderlich.

»Also, denken wir uns zurück ins 19. Jahrhundert«, holte Eugene Randall aus. Emily hing förmlich an den Lippen des Lehrers, andächtig lauschte sie seinen Ausführungen über das viktorianische Zeitalter. Dass dies nichts, oder zumindest nicht ausschließlich, mit seinem Aussehen zu tun hatte, stieß bei Sophie auf taube Ohren. Grinsend ahmte sie Emilys träumerischen Blick nach, mit dem sie dem Unterricht folgte.

Emily war es einerlei: Wie ein Kind, dem man ein packendes Märchen vorliest, dachte sie sich in das viktorianische Zeitalter hinein. Wie dieser Lehrer so leidenschaftlich vom Krimkrieg, von dem gewaltigen Empire und von der brummenden Hauptstadt erzählte … das alles kam Emily seltsam vertraut vor. Es fühlte sich an, als wäre sie selbst dabei gewesen, und sie konnte förmlich das Rascheln der opulenten viktorianischen Kleider auf den Gehwegen Londons und das Hufgetrappel der Pferde hören.

»Wer kann mir sagen, ob Königin Victoria anderen Religionen und Randgruppen gegenüber so liberal und freundlich eingestellt war wie ihr Vorgänger, König William?« Als würde sie aus einer anderen Zeit stammen, wehte Randalls Frage in ihre Versunkenheit. Diesmal lösten seine Worte keine angenehmen Bilder aus. Wie vor wenigen Wochen in Mr Abtrees Büro durchfuhr sie ein gleißender Blitz aus dem Nichts, der die Bilder vor ihrem inneren Auge in Flammen, Mord und grausame Hetzjagden verwandelte.

»Liberal?«, stieß sie hervor und sprang auf. Entgeistert blickte Sophie sie an. Dafür, dass Emily kein Aufsehen erregen wollte, machte sie an ihrem ersten Tag ziemlich viel falsch. Der Rest der Klasse musterte das neue Mädchen neugierig.

»Ah, Emily.« Nach ihren geistreichen Wortmeldungen zu Beginn der Stunde war Mr Randalls Interesse geweckt. »Wie siehst du das?«

Doch Emily nahm den Lehrer kaum wahr. Sie wusste selbst nicht, was sie da gerade tat. »Er hat uns verfolgt für das, was wir waren, und das ganze Königreich wusste nichts davon! Er hat uns herausgelockt, auf dem Land zusammengetrieben wie Vieh und einen nach dem anderen zur Strecke gebracht! Die Worte William und liberal sollten niemals zusammen genannt werden!«

Sophie traute ihren Augen und Ohren nicht: Wie ein böser Rachegeist stand Emily mitten im totenstillen Klassenzimmer. Der Blick lodernd, die Stimme durchdringend und verächtlich wie bei einem geifernden Ankläger, redete sie sich zunehmend in Rage. »So viele mussten sterben, obgleich er uns Schutz zugesichert hatte. Leere Worte eines Lügners, nichts weiter. Und dennoch feierte ihn das Volk als Heiligen, als Friedensbringer und Erlöser der Armen. Dabei war er nur ein grausamer Mörder!«

Sie erschlaffte wie ein undichter Ballon und sank auf ihren Stuhl zurück.

Wie aus tiefer Hypnose kam sie langsam zu sich. Ein Schleier fiel von ihren Augen, und sie blickte verwirrt in die sprachlosen Gesichter ihrer neuen Mitschüler.

Wieso starrten sie alle an? Hatte sie gerade etwas gesagt? Über den letzten Minuten lag ein nebliger Film, nur vage konnte sie sich an geschriene Worte und heftige Emotionen erinnern.

»Was war das?«, formte Sophie lautlose Worte. So hatte sie sich ihren Plan, mithilfe ihrer hübschen Schwester mehr aufzufallen, nicht vorgestellt. Atemlose Stille herrschte in den Reihen. Auch Mr Randall, sonst ein ruhender Pol in kniffligen Situationen, war eindeutig überfordert.

»Tja«, durchbrach er die nagende Stille und versuchte sich hilflos an einem halbherzigen Scherz, »die Theatergruppe kann sich in diesem Jahr wohl auf talentierte Verstärkung freuen, was?«

Doch bei einem Blick in die Gesichter ihrer neuen Mitschüler wusste Emily, dass dieser Auftritt nicht durch einen kleinen Witz vergessen werden würde.

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Es war unmöglich zu sagen, wie viele anonyme Pubs es unter dem bleigrauen Himmel Londons gab. Niemand wusste ganz genau, welche Läden ohne Erlaubnis geöffnet und welche Läden urplötzlich dichtgemacht hatten, obwohl sie eigentlich noch geöffnet sein dürften.

Aus diesem Grund liebte Balthasar diese Stadt: Man konnte jedes Mal in einen anderen Pub gehen und würde sie doch nie alle kennen. Anders formuliert: Man wurde von Gästen oder Wirten nie zweimal gesehen, wenn man es nicht wollte. Und Balthasar wollte es nicht.

Er hängte seinen nassen Mantel an die Garderobe, stellte seinen Spazierstock daneben und gab dem Wirt, einem nervösen Kerl mit schütterem Haar und dicker Brille, einen Wink. Noch bevor er sich zu dem blonden Mann an einen der niedrigen Tische abseits der Bar gesetzt hatte, wartete ein Glas dunklen Rotweins auf ihn.

»Wie machst du das nur?«, fragte ihn seine Verabredung anstelle einer Begrüßung.

»Hallo, Aaron, ich freue mich auch, dich zu sehen«, entgegnete er trocken.

»Für lästige Konversationspflichten dieser Art sind wir beide zu alt. Also? Kannst du mir das mal erklären? Wieso scheint jeder gottverdammte Wirt in dieser gottverdammten Stadt zu wissen, dass du bevorzugt gottverdammten Rotwein trinkst?«

Balthasar schnalzte mit der Zunge. »Aber, aber. Du wirst doch auf deine alten Tage nicht mit dem Fluchen anfangen. Nennen wir es einfach Charisma. Ausstrahlung, Auftreten, Körperhaltung, du verstehst?«

Aaron verstand es nicht. Er wollte nicht einsehen, weshalb es ihm schon lange nicht mehr gelang, Menschen derart schnell in seinen Bann zu ziehen, während Balthasar mit jedem Treffen besser darin wurde.

»Hängt wohl mit deinem kitschigen Auftreten zusammen«, spottete er daher. »Die düstere Kleidung und dieser völlig übertriebene Spazierstock schreien geradezu nach schwerem, dunklem Wein.«

»So wie meine Kehle.« Ein zynisches Lächeln umspielte Balthasars Lippen, als er sein Glas hob. »Auf uns und die Menschheit. Möge sie niemals aussterben!«, intonierte er mit einer vollen Stimme, die jeden Schauspieler neidisch gemacht hätte.

Er genehmigte sich einen tiefen Schluck und ließ den blutroten Tropfen genüsslich wirken.

Ganz anders Aaron. Seit sich die beiden kannten – und ihre Bekanntschaft hatte Weltreiche kommen und gehen sehen –, hatte er sämtliche Trends mitgemacht und war für jede neue Erfindung immer genau so lange zu begeistern gewesen, bis sie von einer noch besseren abgelöst wurde. Eigentlich erstaunlich, dass er seit über hundert Jahren ausgerechnet der Cola die Treue hielt und selten ohne eine Dose der schwarzen Brause anzutreffen war. Seine Vorliebe ging sogar so weit, dass er eine Zeit lang leere Coladosen als Markenzeichen neben seinen Opfern hinterlassen hatte. Balthasars Einwände, dass dies wohl kaum dieselbe Wirkung habe wie Jack the Rippers Traubenstängel in den Händen toter Prostituierter, hatte er trotzig überhört. Man musste schließlich mit der Zeit gehen.

»Warum dieses Treffen?« Auch jetzt stand ein großes, mit Eiswürfeln gefülltes Colaglas vor dem Mann mit der sorgfältig zerschlissenen Lederjacke und den strähnigen blonden Haaren. Die markante Nase und tiefe Augenringe verliehen ihm Ähnlichkeit mit einem sehr müden Geier. Gesagt hatte ihm das noch niemand. Zumindest niemand, der noch lebte.

Balthasar lehnte sich zurück und setzte ein Gesicht auf, das sein Gegenüber auf den Tod nicht ausstehen konnte. Es war sein berüchtigtes »Ich weiß was, das du nicht weißt«-Gesicht.

»Also schön, was ist es? Tun wir nach all den Jahren doch einfach mal so, als hätten wir deine nervtötende Geheimniskrämerei schon hinter uns gebracht.«

»Du tust mir unrecht, Aaron, aber meinetwegen. Es ist kalt geworden, findest du nicht?«

»Und? Die Sommer sind schon lange nicht mehr das, was sie vor ein paar Jahrhunderten waren.«

»Gewiss, gewiss. Und dennoch …« Er nahm einen weiteren Schluck und ließ die Worte einige Zeit in der Luft hängen. »Bei einem Spaziergang im Hyde Park, es muss wohl zwei Winter her sein, habe ich es zum ersten Mal bemerkt. Etwas … lag in der Luft. Wie die Stimmung vor einem Gewitter. Daraufhin habe ich Nachforschungen angestellt. Es war alles andere als leicht, im Verborgenen zu agieren. Ich war beileibe nicht der Einzige, der etwas gespürt hatte. Doch jetzt habe ich Gewissheit. Ich habe Nachricht aus dem Süden erhalten. Eine verlässliche Quelle, hat mich noch nie enttäuscht. Es gibt keinen Zweifel: Sie ist zurück, Aaron. Schwer zu glauben, dass hundertachtzig Jahre derart schnell verfliegen konnten, nicht wahr? Waren wir nicht erst kürzlich auf der ersten Weltausstellung zu Gast? Es kommt mir vor, als wäre es letzte Woche gewesen, dass wir diese spanischen Urlauberinnen in mein Quartier gelockt haben …«

Doch Aaron hatte die letzten Sätze gar nicht mehr wahrgenommen.

»Es ist also so weit«, wisperte er trocken. »Wer weiß noch davon?«

»Niemand, und das soll selbstverständlich auch so bleiben. Man schöpft Verdacht, das ist alles.«

»Auf was warten wir dann noch? Solltest du recht behalten …«

»… ich habe recht«, sagte Balthasar leise, aber gefährlich. Diese Stimme war es nicht gewohnt, auf Widerspruch zu stoßen. »Wir warten, bis sie sich selbst zu erkennen gibt. Davor ist sie wertlos für uns.«

»Alles, was ich brauche, ist eine Fährte!«

»Gewiss.« Balthasar tätschelte Aaron den Arm, als würde er einen Hund belohnen.

Wenig später verließen zwei Herren unbestimmbaren Alters den John Barleycorn Pub und gingen ohne eine Verabschiedung getrennter Wege. Sie würden ihn nie wieder betreten.

Wind kam auf. Er trug den Duft des Herbstes mit sich.

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Es kostete Sophie einige Überzeugungskraft, Emily in den nächsten Tagen zu überreden, in die Schule zu gehen. Am Ende schaffte sie es nur, weil sie ihr versprochen hatte, ihren Eltern nichts von dem Vorfall im Geschichtsunterricht zu erzählen.

Doch in der Schule war der Auftritt der neuen Schülerin eines jener Gesprächsthemen, die sich mit gespenstischer Schnelligkeit verbreiten.

»Es war mir deutlich lieber, als mich alle wegen meines Aussehens angestarrt haben. Obwohl ich selbst das schon höchst seltsam finde.« Zerknirscht saß sie neben Sophie auf einer Mauer auf dem verlassenen Schulhof. Es war Mittwochnachmittag, und sie warteten auf Carter, der sich mal wieder verspätete.

»Hm«, brummte Sophie geistesabwesend. Mittlerweile hatte sie genug von dieser Sache, weshalb sie Emilys üppig belegtem Sandwich deutlich mehr Aufmerksamkeit widmete. »Und du hast wirklich keinen Hunger? Du hast kaum was gegessen heute …«

Emily schüttelte den Kopf. Sie sah eine Weile zu, wie der Wind die vergilbenden Blätter über den Schulhof fegte.

»Wenigstens wird es endlich Herbst. Dann habe ich wieder eine Ausrede, um mich mit einem Buch in mein Zimmer zurückzuziehen.«

Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie sich in ein Buch vertieft hatte. Vielleicht sollte sie der Schulbibliothek und diesem wunderschönen alten Gebäude mal einen Besuch abstatten?

»Endlich? Machst du Witze?« Sophie holte sie zurück in die Gegenwart.

Ganz im Gegensatz zu Emily mochte Sophie die kalte Jahreszeit nicht besonders. Wie zur Bestätigung des Gesagten zog sie ihren Mantel enger um sich und bibberte demonstrativ.

»Du und Jake, ihr werdet euch echt mögen. Er macht neuerdings einen auf melancholischen Romantiker und hat sich schon am letzten Schultag vor den Sommerferien auf den Herbst gefreut. Du weißt schon, Melancholie, Memento mori und so was …«

»Wieso habe ich ihn eigentlich noch nicht kennengelernt?«, fiel Emily ihr ins Wort. »Wolltest du ihn mir nicht längst vorgestellt haben?«

»Scheinst es ja ganz schön eilig zu haben.« Sophie grinste schelmisch. »Er kommt erst nächstes Wochenende zurück. Der glückliche Mistkerl darf länger Ferien machen! Ausdrückliche Erlaubnis des Direktors, weil er seine Eltern so selten sieht. Aber immerhin schafft er es zur Horrornacht.«

Oh ja, die Horrornacht. Sophie lag ihr seit Tagen damit in den Ohren. Sie markierte bereits Anfang September den Beginn einer minutiös durchgeplanten Halloweenzeit, die auch die obligatorischen Kürbisschnitzereien miteinbeziehen würde. Wieso man schon zwei Monate vorher derart Feuer und Flamme dafür sein konnte, hatte sie noch nicht verstanden. Möglicherweise lag es daran, dass sich Sophie selten auf etwas wirklich freute. In dieser Hinsicht waren sie sich sehr ähnlich.

Ohne große Begeisterung und überwiegend aus gutem Willen hatte Emily eingewilligt, diesen Abend mit ihr und Jake bei dem kleinen Horrorfestival im Kino zu verbringen. Noch fehlte die Erlaubnis ihrer Eltern, die sich Sophie mit Emilys Zusage vorzeitig sichern wollte. Rasch war Emily bei ihren neuen Eltern in den Ruf gekommen, verantwortungsbewusst und ungewöhnlich reif zu sein, was Sophie natürlich für sich zu nutzen wusste. Dafür waren Schwestern ja schließlich da.

»Du und diese dämliche Horrornacht«, entfuhr es Emily schärfer als beabsichtigt. Sophies gekränkter Gesichtsausdruck entwaffnete sie sofort. Mist, darin war ihre Schwester wirklich gut. Wieso war sie nur so gereizt? Dass man sie schon in ihrer ersten Woche als Freak abgestempelt hatte, konnte ihr doch nur recht sein. Es garantierte ihr immerhin, in Ruhe gelassen zu werden.

»Ich glaube, ich war einfach zu lange nicht von Büchern umgeben. Meinst du, es ist in Ordnung, wenn ich mich noch eine Weile in der Bibliothek umsehe und den Bus nach Hause nehme?«

Ihre Schwester verzog das Gesicht. Dann fuhr endlich ihr Vater auf dem Schulhof vor. Selbst bei geschlossenen Fenstern waren dramatische Bläser und donnernde Pauken zu hören.

»Das klingt nach Wagner«, stöhnte Sophie. »Der Schlimmste von allen …« Grinsend fügte sie hinzu: »Gib’s zu, du willst nur nicht bei diesem Krach nach Hause fahren«, sagte sie beim Einsteigen.

Emily machte sich gar nicht erst die Mühe, zu widersprechen.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als Emily das eindrucksvolle alte Gebäude betrat. So spät am Nachmittag war die Bibliothek fast menschenleer, nur hier und da saßen einsame Schüler. Die golden schimmernden Lampen an den Arbeitstischen wirkten wie kleine Inseln im Halbdunkel des Lesesaals.

Sie genoss das Geräusch ihrer Schritte auf dem gebohnerten Parkett. Es sorgte für ein Gefühl von Behaglichkeit und Zugehörigkeit, das durch die rund um sie aufragenden Bücherregale noch verstärkt wurde. Einen Moment lang stand sie nur da, schloss die Augen und genoss diese ganz besondere Stille der Bibliothek, die nur von gelegentlichen Blättergeräuschen durchweht wurde. Tief sog sie den einzigartigen Geruch alter Bücher ein, dann nahm sie mit wachsender Begeisterung die vielen Regale unter die Lupe, kletterte Leitern hinauf, blätterte in Büchern und entschied sich nach einiger Zeit des seligen Herumstöberns für ein dickes Exemplar mit britischen Dichtern der Romantik. Die Ära König Williams, wie sie gequält feststellte.

In einem der Lesesessel am Fenster machte sie es sich gemütlich und war bereits nach wenigen Minuten derart in die Lektüre vertieft, dass sie gar nicht wahrnahm, wie sich der Lesesaal leerte. Eine Tischlampe nach der anderen erlosch, bis Emilys Sessel der einzige beleuchtete Platz in der Dunkelheit war.

»Kleine Miss«, riss sie eine brüchige Stimme aus einer besonders schönen Stelle bei ihrem Lieblingsautor William Blake. Der alte Mann, der da aus der Dämmerung auf sie zukam, hätte mit seiner Laterne und dem gebückten Gang gut einen Nachtwächter aus Blakes London abgegeben. »Sosehr ich Ihre Lesefreude in diesen modernen Zeiten zu schätzen weiß, muss ich Sie dennoch bitten, zu gehen. Meine Bücher und ich möchten Feierabend machen.«

Seufzend klappte sie das schwere Buch zu und blickte zu dem greisen Bibliothekar auf. »Na schön. Ich komme morgen wieder.«

Der alte Mann starrte Emily mit weit aufgerissenen Augen an. Seine Laterne warf ein flackerndes Licht auf sie, und sie stellte verwundert fest, dass seine Hand zitterte. Was hatte sie denn nun wieder falsch gemacht?

»Geht es Ihnen nicht gut?« Was sollte sie tun, wenn der Bibliothekar vor ihren Augen einen Herzanfall bekam? Außer ihr war niemand mehr hier.

Auf dem faltigen Gesicht, das Emily trotz der beklemmenden Situation an einen alten Baumstamm erinnerte, war ein Kampf der Emotionen entbrannt. Furcht hatte anfangs die Oberhand, wurde dann von Zorn und Unglauben abgelöst.

»Unmöglich«, stammelte er nach einer gefühlten Ewigkeit. Es schien, als habe er große Mühe, die Augen von der eingeschüchterten Emily abzuwenden. Dann eilte er davon, so schnell es seine Beine zuließen, und ließ sie verdutzt in der Dunkelheit zurück. Erst nachdem seine gehetzten Schritte schon lange in der Ferne der Bibliothek verklungen waren, verließ sie das Gebäude.

»Ich finde Mr Graham ja sowieso komisch«, war Sophies erster Kommentar, nachdem Emily ihr alles erzählt hatte. Sie hatte eine sehr trübe Busfahrt durch trübes Wetter und ein Abendessen hinter sich bringen müssen, bevor sie allein mit ihrer Schwester sprechen konnte.

»Einmal hat er mich tagelang durch die Gänge verfolgt, nur weil ich ein Buch falsch einsortiert hatte. Das war vielleicht gruselig.«

»Aber ich habe ja nicht mal ein Buch falsch einsortiert! Und anfangs war er auch sehr freundlich. Erst, als er mich angesehen hat, reagierte er, als wäre ich ein Geist oder der Tod persönlich. Dabei habe ich ihn noch nie zuvor gesehen!«

»Na ja, wie der Tod siehst du nicht gerade aus. Wie ein Geist schon eher, so blass wie du bist«, witzelte Sophie. »Hey, vielleicht hat er mitbekommen, was du da neulich über König William erzählt hast. Wer weiß – bei seinem Alter könnte er ihn fast persönlich gekannt haben und fand deine Anschuldigungen gar nicht lustig.«

Emily seufzte. Das würde sie wohl nie wieder loswerden.

»An meinen Auftritt in Geschichte habe ich auch schon gedacht. Aber sein Blick … du hättest seinen Blick sehen müssen. Er hatte Angst vor mir!«

»Er ist ein sehr alter Mann, das darfst du nicht vergessen. Wir fragen am Samstag einfach Jake, er weiß vielleicht, was sich sein Opa dabei gedacht hat.«

»Der Bibliothekar ist Jakes Großvater?« Es war doch immer wieder erstaunlich: Die wirklich interessanten Fakten tauschte Sophie regelmäßig gegen langweiligen Klatsch und Tratsch aus.

Ihrer ersten Begegnung mit Jake blickte sie mittlerweile vorsichtig optimistisch entgegen. Nach allem, was Sophie erzählt hatte, schien er wirklich nett zu sein.

Sophie holte sie aus ihren Gedanken. »Komm, lass uns Mom und Dad überreden, uns zu der Horrornacht ins Kino gehen zu lassen. Sie waren vorhin ganz gut drauf.«

Emilys flehendes »aber die ist doch erst nächste Woche« wurde natürlich überhört. Seufzend schlurfte sie ihrer Schwester hinterher.

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Die nächsten Tage verliefen ruhiger, und der Vorfall in der Geschichtsstunde wurde von anderem Tratsch verdrängt. Außerdem hatte sie Jakes Großvater nach seiner seltsamen Reaktion nicht wieder gesehen – obwohl sie beinahe täglich zwischen den hohen Regalen herumspazierte und ihre Nase in dieses oder jenes Buch steckte.

Kaum hatte sich Emily jedoch selbst wieder davon überzeugt, dass mit ihr alles in Ordnung war, wurden die Albträume schlimmer. Sobald sie die Augen schloss, lauerten sie auf sie. Bilder von blutunterlaufenen Augen, die sie flehend und zu Tode geängstigt anstarrten, düstere Schattenfiguren in hohen Räumen, unheilvolles Gelächter.

Emily nahm es hin. Immerhin konnte sie das vor anderen Menschen verborgen halten. Und wenn sie dafür keine weiteren peinlichen Szenen erdulden musste, würde sie gut damit leben können.

Trotzdem freute sie sich am Ende der zweiten Schulwoche mehr denn je auf das Wochenende. Sie war nämlich inzwischen ziemlich neugierig auf diesen Jake.

Erstaunlicherweise teilte ausgerechnet Sophie Emilys gute Laune nicht. Kaum, dass sie am Freitag aus der Schule gekommen waren, hatte sie sich in ihr Zimmer verkrümelt und es seither nur sporadisch verlassen. Ihre Adoptiveltern schien das nicht sonderlich zu überraschen, weshalb Emily am Abend beschloss, sie zu fragen.

»Wisst ihr, was mit Sophie los ist?«

Sie setzte sich neben die beiden auf die Couch. Im Fernsehen lief ein alter James-Bond-Film.

»Was meinst du?«, fragte Carter, ohne die Lautstärke runterzudrehen.

»Ich frage mich, ob das vielleicht etwas mit Anne zu tun hat«, sagte Emily bewusst lauter, um Schüsse und quietschende Reifen zu übertönen.

Sofort hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer neuen Eltern. »Sophie hat mit dir darüber gesprochen?« Megan war ehrlich verwundert. Sie und Carter tauschten einen vielsagenden Blick.

»Hör mal«, begann Carter zögernd. »Du sollst nicht denken, dass wir dir bewusst etwas verheimlicht haben. Es ist nur … wir wollten, dass Sophie es dir selbst erzählt. Und zwar dann, wenn sie dazu bereit ist.«

»Sophie ist überzeugt davon, dass Anne nicht tot ist.«

Ihr Vater setzte eine besorgte Miene auf. »Das wissen wir. Wir wissen auch, dass es nicht gut für sie ist. Ihr Psychologe findet es sehr ungewöhnlich, dass Sophie noch immer in der ersten Trauerphase steckt – man nennt das Schock und Verneinung. Aber vielleicht tut sich jetzt endlich was: Anne war ein großer Halloween-Fan und liebte alle Gruselfilme, die sie in die Finger bekommen konnte. Sophie will es ihr anscheinend neuerdings gleichtun. Wir hoffen, dass es eine Form der Verarbeitung ist.«

Emily nickte. »Deswegen lasst ihr uns zu dieser Filmnacht gehen.«

Die beiden lächelten. »Was haben wir doch für eine aufgeweckte neue Tochter«, sagte Megan stolz. »Aber genug davon: Hast du Lust, diesen Film mit mir durchzustehen? Ich könnte gut etwas weibliche Verstärkung gebrauchen. Alleine komme ich nicht weit mit meinen Sticheleien.«

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»Wer denkt sich diesen Unfug eigentlich aus?«, fragte Emily Sophie am nächsten Morgen. Sophie hatte sich wieder einigermaßen gefangen. Konkret bedeutete das, dass sie immerhin noch nicht pausenlos quasselte, als die beiden Schwestern im Garten Laub harkten. Es war die erste einiger Maßnahmen, die ihre Eltern als Gegenleistung für den abendlichen Kinobesuch erwarteten. Warum sie es wirklich erlaubt hatten, behielt Emily für sich.

»Endlich reagierst du mal normal auf etwas. Glaub mir, wenn du nach deiner Freude an staubigen alten Bibliotheken und Dads Musik auch noch James Bond toll finden würdest, müsste ich dich umtauschen.« Missmutig fischte sie Herbstlaub aus den Beeten. »Dabei war der Sommer viel zu kurz«, murmelte sie, als hätte das Wetter sie persönlich beleidigt. »Ich mach dir einen Vorschlag: Warum kümmerst du dich nicht um dein geliebtes Herbstlaub, während ich eben die Einkäufe erledige. Wir müssen uns ranhalten, wenn wir noch mit Jake Kürbisse schnitzen wollen.«

»Klar, gerne. Dass so ein Kürbis aber nicht wochenlang überlebt, ohne wirklich grausig auszusehen und zu stinken, ist dir bewusst, oder?«

»Natürlich. Ist doch umso besser. Dann können wir dieses Jahr gleich mehrere schnitzen.«

Emily machte sich kopfschüttelnd an die Arbeit. Sie konnte sich einfach nicht sattsehen an den kräftigen Farben des Herbstes, die sie aus unerklärlichen Gründen an vergangene Zeiten erinnerten. Auch wenn sie sich in Romanwelten zurückzog, spielten sich die dargestellten Ereignisse für sie ausschließlich im Herbst ab. Es passte einfach besser, fühlte sich heimeliger an.

Der Nachmittag begann vielversprechend. Überpünktlich kam Jake angeradelt und balancierte nur mit viel Mühe einen gewaltigen Kürbis auf seinem Lenker. Emily sah auf den ersten Blick, dass er anders war. Er war zurückhaltend und still wie sie, hatte schulterlange Haare und schlanke Hände.

Natürlich entging Sophie nicht, dass die beiden sich tief in die Augen sahen, als sie einander vorgestellt wurden. Emily war sofort fasziniert von Jakes scheuen, dunklen Augen und seinen Klamotten. Buttons von Bands wie Joy Division, Muse oder den Beatles zierten eine zerschlissene schwarze Jeansjacke.

»Ihr sagt, wenn ich störe, ja?«, stichelte Sophie, und der besondere Moment war verflogen. »Wollten wir nicht einen Kürbis schnitzen? Es sei denn, ihr habt was Besseres zu tun …«

Emily schoss das Blut in den Kopf. Beschämt wandte sie den Blick ab. Und während sie die Maserung des gefliesten Küchenbodens betrachtete, wurde ihr klar, dass sie noch nie zuvor rot geworden war.

Sophie hatte tatsächlich recht gehabt mit ihrer Einschätzung: Zwischen ihr und Jake hatte es gewaltig gefunkt.

»Ist das Wetter nicht wunderbar?«, fragte Jake, als sie das Haus betraten. Emily lächelte scheu.

Sophie hingegen war weit von einem Lächeln entfernt. »Machst du Witze?« Sie funkelte ihn angriffslustig an. »Nur weil ihr beiden Wind, Regen und glitschiges Laub mögt, heißt das noch lange nicht, dass die ganze Welt das so sieht.«

»Na komm, es ist immerhin Anfang September …«, erwiderte Jake besänftigend.

»Du hast gut reden mit deinem verlängerten Sommerurlaub. Hier ist der Sommer schon lange vorbei! Und das Schlimmste daran ist, dass es aus irgendeinem Grund nur Woods End so früh erwischt hat. Ich habe heute mit Tante Lucy telefoniert. Sie wohnt im Norden und hat mir erzählt, dass sie immer noch zwanzig Grad und jede Menge grüne Bäume haben. Zwanzig Grad!«

Sie warf einen missmutigen Blick in die graue Welt vor dem Küchenfenster, dann rückte sie mit einem großen Messer dem Kürbis zu Leibe, um ihre meteorologisch bedingten Aggressionen an ihm auszulassen.

»Wo kommt dieser Kürbis eigentlich her?«, fragte Emily. »Ich dachte, die werden erst später geerntet?«

Jake beeilte sich, Sophie mit seiner Antwort zuvorzukommen, um ein paar Worte mit ihr wechseln zu können. »Ein Bauer am Ortsrand hat wohl schon ein paar aus seinen Feldern gezogen. Andernfalls hätten wir eine große Zucchini aushöhlen müssen oder so.«

Eine gute Stunde später begutachteten sie ihr Werk. Die Küche erinnerte dank der vereinten Anstrengungen an eine Kürbismetzgerei. Überall waren Fetzen orangefarbenen Fruchtfleischs und unzählige Kürbiskerne verteilt.

»Sieht ein bisschen so aus wie ein verwirrter Hamster.« Kritisch musterte Jake das mühsam geschnitzte Kürbisgesicht. Zwei unterschiedlich große Augen blickten die drei beinahe vorwurfsvoll an.

»Das ist nur, weil du ihm unbedingt eine Nase verpassen musstest. Die hat meine tollen Augen völlig ruiniert. Aber ich finde, er sieht ein bisschen so aus wie du, Jake. Findest du nicht, Emily?«

»Ach, überhaupt nicht!«, erwiderte sie etwas schneller als nötig. Dann verstummte sie ...

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