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Hengist und Horsa

INHALT

I. An den Ufern des Oceanus Germanicus

II. Neue und alte Bekanntschaften

III. Gewitterwolken am Horizont

IV. Ein Sturm braut sich zusammen

V. Der Zorn der Götter

VI. Abrechnung und Aufbruch

VII. Eine neue Welt

VIII. Den blauen Dämonen entgegen

IX. Die Herren des Nordens

X. Wenn die Waffen schweigen, bleiben die Scherben

XI. Viele Dinge haben zwei Seiten, aber jedes seine Zeit

XII. Ein Ausweg?

XIII. Alte Bekannte wieder vereint

XIV. Jenseits des Todes

XV. … wartet wiederum der Tod

XVI. Ungeahnte Herausforderungen

XVII. Auf hoher See und in Gottes Hand

XVIII. Eine Landpartie

XIX. Heimkehr

XX. Wiedersehen

XXI. Gefährlicher Zeitvertreib

XXII. Einen kühlen Kopf bewahren reicht nicht

XXIII. Zu guter Letzt

Historische Anmerkungen

Personenverzeichnis

Wörterbuch

Ortsverzeichnis

Danksagung

Der Autor

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Römerstraßen

Hoher Steinwall – Hadrianswall

………

Antoniuswall (in der Mitte des 5. Jahrhunderts bereits eine Ruine)

1    Cair Ebrauc/Eboracum – York

2    Lindum – Lincoln

3    Isca Dumnoniorum – Exeter

4    Londinium – London

5    Regulbium – Reculver

6    Durovernum caniacorum – Canterbury

7    Portus Dubris – Dover

8    Feddersen – Feddersen Wierde (hier wurde eine Wurtsiedlung aus dem 1. bis 5. Jahrhundert ausgegraben)

9    Beufleet – Beufleth (im 5. Jahrhundert nicht belegt)

10  Fahrstedt – Diekhusen-Fahrstedt (möglicherweise älteste Siedlung der Dithmarscher Südermarsch)

11  Stood – Stade (erst für das 7. Jahrhundert gesichert)

I. An den Ufern des Oceanus Germanicus

Litus saxonicum, Britannien, April 441

Ceretic

„Der Herr lasse dir die Sonne stets ins Gesicht scheinen und den Wind immer von deinem Rücken her wehen.“ Mit diesem Reisesegen hatte der kleine Gottesmann seinen Freund verabschiedet. Ceretic konnte ihn gut leiden, da Tallanus, so hieß der junge Diakon, sich im Gegensatz zu den meisten seiner Amtsbrüder weder aufblies, was ihm als secretarius des mächtigsten Bischofs des Landes wahrhaft nicht schwer gefallen wäre, noch ständig über die zweifellos verwerflichen Irrlehren der Agricolaner lamentierte.

Nun verschwamm die kleine Gestalt ebenso rasch im Dunst der See, wie sie für Ceretic und seine zwei Gefährten an Bedeutung verlor. Ein frischer Westwind wehte und über ihnen kreischten erwartungsvoll die Möwen. Aber dieses Mal würden sie enttäuscht werden, denn das kleine Boot fuhr nicht zum Fischen aus.

Zwei junge Männer, Tavish und Malo, begleiteten Ceretic auf einer wagemutigen Fahrt über die noch eiskalte graue See. Direkt zu dem gefürchtetsten aller Heidenvölker würde ihre Reise führen.

„Der Auftrag ist ein verdammter Sch…“, entfuhr es Ceretic. Erschrocken stellte er fest, dass er laut vor sich hin gemurmelt hatte. Es fehlte gerade noch, dass die zwei jungen Fischer aufgaben und umkehrten.

Tavish hatte ihn offensichtlich gehört. Was Wunder auch, er saß direkt vor ihm auf der Ruderbank. Mit großen Augen starrte er den Krieger an. „Aber der Hochkönig selbst hat es doch befohlen? Ein geheimer Auftrag von größter Wichtigkeit …“, protestierte er, doch das leichte Beben in seiner Stimme verriet Ceretic, dass er sich mit der Beteuerung vor allem selbst überzeugen wollte.

„Und so viel Silber verdienen wir sonst im ganzen Jahr nicht“, pflichtete ihm sein Gefährte Malo vom Bug her bei.

„Da habt ihr recht“, bestätigte Ceretic mit saurem Grinsen. Eigentlich hätte er es dabei belassen sollen, doch zwei gegensätzliche Gefühle drängten ihn nach einem Augenblick weiter zu sprechen: Zum einen seine schlechte Laune wegen des Auftrages selbst, zum anderen das ebenso schlechte Gewissen den beiden Fischern gegenüber. Und jetzt, wo sie auf See waren, konnten sie ohnehin nichts mehr verraten, da konnte er die beiden genauso gut in seine Sorgen einweihen.

„Vor drei Tagen erst hat der secretarius mir die vertrauliche Order des Comhairles überbracht und wir sind zusammen ohne Umwege an die Küste geeilt. Aber was meint ihr, warum der Hochkönig uns in aller Heimlichkeit losschickt? Warum sendet er nicht eine seiner schnellen Lusorien?“

Tavish schaute ihn mit blanken Augen an. Ceretic hatte die beiden nicht wegen ihrer Klugheit oder ihres Wagemuts ausgesucht, sondern weil sie als die besten Ruderer an Ruohims Küste galten.

„Vortigern ist ein schlauer Fuchs“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Er kann es sich nicht leisten, eines der wenigen Schiffe oder gar eine erfahrene Mannschaft zu opfern, falls die Barbaren nicht mit sich handeln lassen. Und es kommt noch besser: Wenn die Sachsen uns abmurksen, erfährt in Britannien niemand auch nur ein Sterbenswörtchen davon und Vortigern blamiert sich nicht einmal!“

Das Entsetzen in den Augen der beiden Männer ließ das schlechte Gewissen die Oberhand über Ceretics Verstimmung gewinnen. Als sie sich am Vortag handelseinig geworden waren, hatte er den Fischern nicht die ganze Wahrheit gesagt. Freilich konnte sich ein kluger Mann den Rest zusammenreimen, aber ein einfacher Fischer? Ceretic bemühte sich daher nun um einen beruhigenden Ton.

„Ihr habt ja mich“, behauptete er und ein etwas selbstgefälliges Grinsen schlich sich in seine Züge. „Und der König hat gute Gründe, warum er gerade mich, Ceretic ap Ruohim, für diese Fahrt ausgewählt hat.“

Das stimmte tatsächlich. Gemessen an seiner niederen Herkunft als verwaister Sohn einer Ruohimer Fischerfamilie hatte er es weit gebracht. Ganz allein hatte er sich am Hofe des Hochkönigs bewährt und den Respekt der anderen Krieger erworben. Dazu kannte er das Mündungsgebiet der Thamesa von klein auf, was für den heiklen Auftrag von großer Bedeutung war. Was ihn aber vor allem auszeichnete, waren seine Kenntnisse der barbarischen Sprache. Es war also nur folgerichtig, dass Vortigern gerade ihm diese heikle Mission anvertraute, die das Schicksal Britanniens für immer wenden sollte.

„Doch jetzt ist vor allem eins geboten“, fuhr er belehrend fort. „Eile. Denn genauso sicher, wie die ersten Schwalben zuhause bereits das Kommen des Sommers ankündigen, zeigen sie auch, dass die piktischen Horden in Kürze wieder über unser armes Britannien herfallen werden.“

Damit beendete Ceretic seine kleine Ansprache und die beiden Männer nickten wissend. Die Piktenüberfälle bedrohten auch ihre eigenen Familien und Dörfer. Ceretic atmete tief die schneidend kalte Seeluft ein und konzentrierte sich wieder ganz auf das Steuern des Bootes. Es handelte sich um eine Curach, wie sie auch von Pikten und scotischen Piraten genutzt wurde. Ein leichtes, aus Eschenleisten gezimmertes Gerippe, überspannt von einer harzgetränkten Ochsenhaut. Damit war die Curach nicht so fest und stabil, aber auch nicht so schwer wie ein Holzboot. Sie bog sich in den Wellen und wich den Kräften des Meeres aus, anstatt zu zerbersten. Das kleine quadratische Ledersegel stand voll im Westwind und trieb das leichte Fahrzeug rasch über die See. Gischt wehte Ceretic ins Gesicht und langsam ließ er die schweren Gedanken an die Heimat und die unsichere Zukunft hinter sich. Wenn der Wind durchhielt, würden sie den fretum gallicum bald überquert haben und die belgische Küste erreichen.

Und tatsächlich, als die Sonne im Westen den Horizont berührte, machte Ceretic einen breiten grünen Streifen aus. Davor mischte sich das Weiß von Dünensand und Gischt.

„Die morinische Küste“, stellte er zufrieden fest.

Seine Begleiter, die auf den Ruderbänken nach achtern schauten, drehten sich neugierig um. Für sie war es das erste Mal, dass sie die fremde Küste zu Gesicht bekamen. Doch außer dem Strand gab es nichts zu sehen. Portus Itius hatte Ceretic im Westen gelassen und den günstigen Wind genutzt, um möglichst weit Richtung Germania inferior und der friesischen Küste zu gelangen. Mit dem letzten Licht der Dämmerung setzte Ceretic die Curach auf den fremden Strand.

„Los, an die Arbeit! Oder habt ihr geglaubt, ihr könntet die ganze Zeit faul im Boot hocken bleiben?“, trieb er seine dösenden Gefährten an.

Beide kletterten steif und ausgekühlt ins flache Wasser. Im Boot konnte man sich nicht gut aufrichten und durch die dünne Außenhaut drang die Kälte des Meeres in alle Glieder. Umständlich wuchtete sich Ceretic aus seinem Sitz im Heck und packte mit an. Nachdem sie das kleine Segel und den Mast im Boot verstaut hatten, mussten sie das Fahrzeug aus der Brandungszone schleppen. Ceretic packte das Heck, während seine beiden Begleiter den Bug trugen. Er musste gut aufpassen, damit ihm die Curach nicht entglitt, denn das Meerwasser hatte die Oberfläche der geharzten Lederhaut aufgeweicht und sie glitschig und schmierig gemacht.

„Nur noch ein kleines Stück“, grunzte er, dann ließen sie das Boot in den trockenen Dünensand fallen. Treibholz und verrottender Tang kennzeichneten die Flutwasserlinie ein ganzes Stück hinter der Curach.

„Mal sehen, was sich uns hier für ein Empfang bietet.“

Ceretic schnaufte noch von der Anstrengung, stapfte aber gleich weiter durch den losen Sand, in dem sich nur vereinzelt dürre Halme des Strandhafers festkrallten. Oben auf der Düne ließ er seinen Blick schweifen. Etwa zwei Meilen im Süden sah er eine dünne Rauchsäule in den purpurnen Abendhimmel steigen. Im Westen, wo die Sonne vor ein paar Augenblicken im Meer versunken war, blitzte der Abendstern. Gedankenverloren strich Ceretic sich mit Daumen und Zeigefinger über den mächtigen roten Schnurrbart, der ihm beidseits fast bis zum Kinn herabhing. Sicherlich war die Siedlung aus Furcht vor friesischen und sächsischen Piraten so weit im Landesinneren errichtet worden. Die Menschen, die dort lebten, waren vermutlich Belgier. Bauern jedenfalls, keine Piraten. An der Küste konnte Ceretic niemanden entdecken. Das kam ihm gelegen, in der nun hereinbrechenden Dämmerung würde sie kein Mensch mehr stören. Zufrieden stapfte Ceretic zu seinen Gefährten zurück, die bereits das wenige Treibholz sammelten, das die letzte Flut an Land gespült hatte. Malo blickte fragend zu ihm auf.

Ceretic nickte. „Ich denke, wir können heute Nacht Feuer machen. Ich habe nichts Beunruhigendes entdeckt und hier in der Provinz Belgica sollten wir noch sicher vor den Barbaren sein.“

Malo und Tavish machten sich zufrieden an ihre Aufgabe. Bald zischte das feuchte Treibholz und das Salz knackte in einer gespenstisch flackernden bläulichen Flamme.

„Ob wir morgen schon auf Barbaren treffen?“, fragte Tavish neugierig.

„Bete zu Gott, dass nicht“, antwortete Ceretic ohne die Augen von den Flammen abzuwenden. „Die großen Ströme der Sachsen erreichen wir erst in zwei oder drei Tagen und wenn wir vorher auf Schiffe treffen, dann sind das wahrscheinlich Friesen.“ Eine Weile saßen sie schweigend. „Aber dafür ist es eigentlich noch zu früh im Jahr“, fügte er hinzu, als hätte er dieses Wissen gerade erst in den Flammen gelesen.

Am nächsten Morgen war der Wind aufgefrischt und der Himmel hing voll grauer Wolken. Ceretic stieg erneut auf die Düne, doch diesmal richtete er seinen Blick prüfend aufs Meer. Dann nickte er langsam. Sie könnten es wagen in See zu stechen.

„Mit diesem Wind erreichen wir die Mündung der Wirraha in zwei Tagen“, wandte er sich an seine Gefährten. Von dort aus richteten die Sachsen ihre gefürchteten Steven Richtung Meer und Britannien, dachte er schaudernd. Und ausgerechnet dorthin führt unsere Reise.

Doch vorerst lief alles nach Plan und Ceretics Vorhersage schien sich zu bestätigen. Den Tag über sichteten die drei Britannier lediglich zwei kleine Fischerboote, aber beide hielten einen gebührenden Abstand zu ihrem Fahrzeug. Warum sollte auch ein einzelner Fischer eine Begegnung mit drei Fremden riskieren?

„Wie willst du es eigentlich anstellen, den besten Heerführer unter den Sachsen ausfindig zu machen?“, riss Tavish seinen Steuermann am Abend aus den Gedanken. Sie saßen auf einer der zahllosen, lediglich von Seehunden und Vögeln bevölkerten Sandbänke und Inseln, aus denen ganz Friesland zu bestehen schien. Vor ihnen lag das Meer schwarz und schweigend bis an den fernen Horizont, während einige wenige Sterne das flackernde Licht des schwelenden Treibholzes am trüben Himmel spiegelten. Ceretic hoffte inständig, dass die Dünen in ihrem Rücken sie vor den Bewohnern dieser ungastlichen Küste verbargen. Er roch verrottenden Tang und das nasse Leder der Curach hinter ihnen.

„Erst einmal müssen wir bis dorthin gelangen“, erwiderte er eindringlich und sah seinen beiden Begleitern nacheinander einen Moment lang in die Augen. „Wir sind hier vor der friesischen Küste. Betet darum, dass wir keinem größeren Schiff begegnen. Als Piraten sind die Friesen nicht besser als die Sachsen. Wenn sie uns erwischen, murksen sie uns ab oder verkaufen uns als Sklaven in die Barbarei.“

„Wirklich gute Aussichten“, brummte Malo und legte einen weiteren Zweig aufs Feuer. Es zischte und dampfte, aber dann brannte er an.

Doch die Friesen waren nicht alles, was Ceretics Gedanken beschwerte. Er ließ sich in den Sand zurückfallen und das raue Dünengras kitzelte seinen Nacken. Was war, wenn sie nicht rechtzeitig heimkehrten? Wenn die Anwerbung der Sachsen nicht gelang? Wer schützte dann seine Heimat vor den verfluchten Pikten? Die gesamte Küste wurde von den Heiden, der Herr möge ihre Eingeweide verrotten lassen, heimgesucht. Ihre gefürchteten Boote tauchten bald hier und bald dort auf und spien ihre faulige Fracht an Land.

Am nächsten Morgen ließ ein dichter grauer Dunst die ersten Lichtstrahlen nur widerwillig zur ebenso grauen See dringen. Der Wind hatte etwas nachgelassen und das Meer schwappte träge an den Strand. Schließlich erhob sich die Sonne im Osten als roter Ball und verlieh wenigstens den grauen Dünen einen leichten rötlichen Schimmer. Ceretic und seine Begleiter schluckten hastig ihren Haferbrei herunter. Ein Schluck beigemengtes Meerwasser ersetzte das Salz. Es schmeckte grässlich, aber Salz zog auf See Wasser und nach wenigen Tagen würde auch das kostbarste, reinste Salz nicht besser als Meerwasser schmecken.

Gestärkt zogen die drei Britannier ihr leichtes Boot ins Wasser und setzten das Segel. Zunächst schien ihnen das Glück in Form des Westwindes weiter hold, doch gegen Mittag flaute er ab. Ceretic überlegte, ob er seine Gefährten würde weiter rudern lassen oder ob sie an Land günstigere Winde abwarten sollten. Die Tide war gerade gekentert und die nun einsetzende Ebbe würde ihre Fahrt bald zusätzlich hemmen.

„Seht nur dort hinten“, rief Malo plötzlich aufgeregt. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen nach achtern.

Ceretic wandte sich um und was er sah, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen: Zwischen zwei der Inseln, die in Steuerbord als lange Kette vor der fernen Küste lagen, schoss ein Schiff hervor.

„An die Riemen“, brüllte er vor Aufregung lauter als notwendig. „Das Wasser steht noch ziemlich hoch, die sind schneller hier, als ihr um Hilfe schreien könnt!“

„Vielleicht haben sie uns gar nicht bemerkt?“, hoffte Tavish. „Sie werden doch nicht unseretwegen so ein großes Schiff losschicken?“

Doch da schwenkte der runde Bug der Fremden bereits in ihre Richtung. Ceretic sah die Riemen in der Sonne blitzen, als sie sich im raschen Rhythmus aus der See hoben.

„Pullt was ihr könnt, vielleicht gelingt es uns, im flachen Wasser hinter den Inseln zu entkommen“, rief er und lenkte das Boot durch einen sanften Druck mit dem Ruderblatt auf den Sund zwischen zwei der Eilande in Richtung Steuerbord zu.

Die Curach war leicht und noch waren Malo und Tavish ausgeruht. Dadurch schafften sie es, die gesamte nächste Stunde ihren Vorsprung vor den Verfolgern zu halten. Doch inzwischen klebte Malo, der vor Ceretic saß, das verschwitzte Haar im Gesicht und auch Tavishs Atem ging pfeifend. Ceretic spürte, wie seine Gefährten ermatteten. Endlich passierten sie den engen Sund zwischen den Inseln und ruderten nun gegen den kräftigen Ebbstrom. Dieser hielt ihre Verfolger allerdings genauso auf wie sie.

„Haltet durch, sie kommen immer näher“, feuerte Ceretic seine Gefährten an. Er warf in regelmäßigen Abständen Blicke nach achtern und konnte bereits erkennen, wie die See unter den feindlichen Rudern schäumte. Zu ihrer Linken lag das graue Watt bereits hoch und trocken über der See.

„Verdammt“, knurrte Ceretic, weil sich keine rettende Durchfahrt hinter der Insel zeigte. Er musste noch eine ganze Weile den Kurs halten, bevor er endlich in einen Sund an Backbord einbiegen konnte. Hoffentlich kamen sie überhaupt noch hinter der Insel vorbei. Du Esel, schalt er sich in Gedanken selbst. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Ebbstrom sie so lange aufhalten würde. Nun stand das Wasser deutlich tiefer als zu Beginn der Verfolgungsjagd – vielleicht war es nun sogar für seine Curach zu flach. Wie hatte er sich nur mit den Friesen auf eine Wettfahrt in ihrem eigenen Wattenmeer einlassen können? Er griff mit der Linken nach dem kleinen Bronzekreuz, welches er um den Hals trug, und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Doch der Himmel blieb stumm und der Sund vor ihm verschmälerte sich zu einem breiten Priel.

„Die Friesen werden langsamer“, keuchte Tavish von vorne.

„Ja, sie wissen, dass wir in der Falle sitzen“, entgegnete Ceretic verbittert. Im Gegensatz zu Malo und Tavish, die auf den Ruderbänken nach achtern blickten, schaute er geradeaus und dort zeigte sich nur noch trockenes Watt. „Gleich setzen wir auf und dann müssen diese friesischen Hunde nur noch warten, bis sie auf dem Trocknen zu uns herüber spazieren können.“

Erschrocken starrten ihn seine Gefährten an. „Gott stehe uns bei“, rief Tavish erbleichend.

„Und errette uns aus der Hand dieser Heiden!“, vervollständigte Malo das Gebet.

Da lief ein leichter Ruck durch das Boot. Sie saßen auf dem Schlick.

„Der Herr sei uns gnädig“, murmelte Malo und bekreuzigte sich hektisch.

Ceretic stieg aus und richtete sich auf. Vor ihnen erhob sich auf fünfhundert Schritte trockenes Watt, dahinter glänzte die rettende See in der Sonne. Unerreichbar.

Wobei, schoss es Ceretic durch den Kopf, unerreichbar für die meisten Boote, aber was war schon unerreichbar für eine Curach?

„Schnell, raus aus dem Boot. Wir tragen es über die trockene Stelle!“, rief er mit neu erwachtem Mut. Auch die Augen seiner beiden Männer blitzten hoffnungsvoll auf.

Sofort sprangen sie in den Schlick, in dem sie knöcheltief einsanken. Dann packten sie das Boot und zogen es noch etwa hundert Schritte durch das immer flacher werdende Wasser.

„So, nun müssen wir sie tragen“, befahl Ceretic. Er packte wieder allein das Heck, aber das geschah ihm ganz recht. Zum einen hatte er heute noch nicht gerudert, zum anderen war er es gewesen, der sich von den Friesen hatte in die Falle treiben lassen. Nun, das wollen wir erst einmal sehen, dachte er. Der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn und er trat im Watt mit seinen blanken Füßen auf eine scharfkantige Muschel. Aber das alles nahm er kaum wahr.

„Weiter, weiter!“, keuchte er. Ceretic traute sich nicht, sich nach den Friesen umzuschauen. Inzwischen hatten die drei Britannier die höchste Stelle des Wattes überquert. „Wir schaffen es“, schrie Ceretic außer Atem. Endlich spritzte um Malos Füße wieder Wasser auf. Wunderbar kühl umschloss es einen Augenblick später auch Ceretics Knöchel. Noch ein paar Schritte und sie konnten die Curach wieder zu Wasser lassen. Sie hatten es geschafft! Nun wendete sich Ceretic den Verfolgern zu.

Die Friesen hatten inzwischen erkannt, was vor ihnen geschah und die Verfolgung der sicher geglaubten Beute zu Fuß aufgenommen. Aber um ihr tiefer gehendes Schiff herum stand das Wasser noch immer mehr als knietief und sie kamen nur langsam voran. Ceretic nahm sich sogar die Zeit, den Feinden den blanken Hintern zu zeigen. Eine Geste, die er den wilden Pikten abgeschaut hatte. Eigentlich nicht seine Art, aber die gerade durchlittene Anstrengung und Anspannung versetzten ihn in eine Art Rauschzustand. Auch seine Gefährten lachten erleichtert, als sie wieder in die Curach stiegen und losruderten. Diesmal half ihnen der Ebbstrom, der sie rasch dem offenen Meer entgegen zog. Als die Friesen schließlich die Kante des trocken gefallenen Watts erreichten, stimmten sie ein wütendes Geheul an. Aber Ceretic und seine Gefährten waren unerreichbar und in Sicherheit.

„Wir haben den Friesen in ihrem eigenen Wattenmeer eine Nase gedreht“, lachte Malo begeistert.

Auch Ceretic grinste breit. „Das muss die Nachwelt erfahren. Ich werde ein Lied darüber dichten!“

Dithmarschen, April 441

Ordulf

Ordulf kniff die Augen zusammen und sah voller Sorge in den grauen Himmel. Dann wandte er seinen Blick wieder hinab auf die ebenso graue See, die sich in endlosen Wellenkämmen auf das Land zuschob. Das Watt war bereits vollständig überflutet und die See leckte an den vorgelagerten Sanddünen, welche die Sommerfluten gewöhnlich bis in den Oktober hinein von den Weiden fernhielten. Nun waren es noch über drei Stunden bis zum Hochwasser und die Flut stieg mit beängstigender Geschwindigkeit. Es würde nicht helfen nur zu bangen und zu warten, er musste das Vieh in Sicherheit bringen. Zuerst die Rinder, sie bildeten die eigentliche wirtschaftliche Grundlage des Hofes, auch wenn die Pferde ungleich wertvoller waren.

Ordulf rief die zwei Knechte heran, die mit ihm auf der Wurt geblieben waren. Gemeinsam machten sie sich daran, die Rinder, die weit verstreut auf dem Marschland grasten, erst zusammen und dann zur Wurt zu treiben. Es ging langsamer als gedacht und Ordulf war bald in Schweiß gebadet, trotz des scharfen Westwindes.

Sein Vater und die beiden älteren Brüder waren bereits früh am Morgen zur Außenweide aufgebrochen, um die Pferde hereinzubringen. Er als jüngster Sohn musste sich um die weniger wertvollen Tiere kümmern und so oblag ihm nun die gesamte Verantwortung. Er fluchte leise. Warum hatten sie so lange gewartet? Der neue Mond war gerade erst einen Tag alt und seit Sonnenaufgang blies ein Westwind, der langsam aber in immer wiederkehrenden Böen zum Sturm anschwoll. Und das so spät im Jahr! Was hatte Uuodens Zorn nur zu dieser Unzeit erregt?

Inzwischen schlugen die Wellen immer wieder über die seewärts gelegenen Sanddünen und bedeckten bereits weite Teile der Marschwiesen. Die Entwässerungsgräben waren zum Überlaufen gefüllt. Nun ging es schneller, denn auch die widerspenstigen Bullen schienen zu merken, was dort von See her auf sie zukam. Instinktiv strebten sie dem hohen Land zu. Nervös schoben und stießen sie sich gegenseitig durch das Tor der Palisade, welche die kleine Wurt umschloss. Ordulf und die Knechte mussten aufpassen, nicht dazwischen zu geraten. Schließlich waren alle Tiere im Pferch. Erschöpft lehnte sich Hinnerk, der jüngste der Knechte, gegen das Gatter, aber Ordulf, der selbst gern verschnauft hätte, konnte ihm keine Ruhe gönnen.

„Los, weiter, wir müssen die Schafe holen“, rief er und verfiel in den Laufschritt. Sie mussten sie zur Wurt herüber treiben, bevor die Gräben unpassierbar würden. Im Laufen griff er nach einem Stecken, der an der Stallwand lehnte. Wenn er noch rechtzeitig bei den Schafen ankommen wollte, würde er den brauchen, um die schon gefüllten Gräben zu überspringen. Hinter sich hörte er die müden Tritte der Knechte durch die bereits matschig aufgeweichten Weiden am Fuße der Wurt patschen. Mechanisch setzte er den Stecken in die Mitte des ersten Grabens und sprang, auf den Stab, gestützt zur anderen Seite.

„Dort sind die ersten Schafe“, rief Hinnerk und zeigte nach vorn. Ordulf sah in die angegebene Richtung und kniff die Augen zusammen. Der junge Knecht hatte schärfere Augen als er. Doch auch er sah, dass das Wasser die blöden Schafe bereits einzukreisen begann. Anders als die Rinder trieb sie ihr Instinkt aber nicht dazu, höheres Land aufzusuchen. Sie verharrten an Ort und Stelle und betrachteten mit ängstlichem Blöken das Wasser, welches sich ihnen näherte. Ordulf fluchte leise und glitt fast in einer Pfütze aus, deren Wasser tiefer war als gedacht. Er würde nie verstehen, wieso Thunær seinen Wagen ausgerechnet von Böcken ziehen ließ. Die Tiere waren derartig dämlich, dass sie bei jeder Flut ersöffen, wenn man sie nicht rettete. Und damit gab sich ein so mächtiger Gott ab!

„Lass nach, das bringt nichts“, schnauzte er Hinnerk an, der versuchte, das erstbeste Mutterschaf in Richtung Wurt zu zerren. „Wir müssen den Leithammel suchen!“

Aber wo steckte das blöde Vieh? Ordulf sah zwischen den verstreuten, ängstlich blökenden Tieren umher, konnte den Hammel aber nirgends entdecken.

„Achtung!“, riss ihn Hinnerks Schrei aus seiner Suche. Er schaute sich fragend um, da traf ihn mit unglaublicher Wucht ein Schlag in den verlängerten Rücken. Er verlor das Gleichgewicht und die Welt um ihn verwandelte sich in eisige, stechende Kälte.

Erst als Ordulf versuchte, nach Luft zu schnappen, erkannte er, dass er sich unter Wasser befand. Über sich sah er Tageslicht und den Wasserspiegel des Grabens, den er gerade noch übersprungen hatte. Benommen von dem Schlag und der Kälte richtete sich Ordulf auf und kam an die Oberfläche. Am Ufer, an dem er sich gerade selbst noch befunden hatte, stand nun der Leitwidder Hinnerk. Der gleichnamige Knecht hatte sich mit einem Sprung über den Graben in Sicherheit gebracht. Schnaubend sah der Widder ihn aus blutunterlaufenen Augen an. Ordulf entschied, dass der junge Knecht derzeit die geringere Bedrohung darstellte und ließ sich von ihm an das gegenseitige Ufer helfen. Er biss sich auf die Lippen. Darum also liebte Thunær diese Mistviecher. Er meinte, ein dröhnendes Lachen über den Wolken zu hören, aber vielleicht rauschte ihm auch nur das Blut in den Ohren oder es war ein heranziehendes Gewitter. Auch seine Brüder würden grölen vor Lachen. Langsam wich die eisige Kälte in seinen Gliedern einer kochenden Wut. Wenn er Hinnerk – und zwar allen beiden – nun nicht zeigte, wer der Herr auf der Weide war, könnte er es nie wieder wagen, sie zu betreten. Und dasselbe galt für den alten Thankmar, dem zweiten der Knechte, denn auch seine Lippen zuckten verräterisch.

Ordulf griff den Stab und sprang entschlossen über den Graben. Hinnerk, der Widder, wich erstaunt einen Schritt zurück, aber da packte Ordulf ihn schon bei den gewundenen Hörnern. Der Zorn verlieh seinen kalten Muskeln die nötige Kraft. Er riss den Widder in die Höhe und schmetterte ihn mit aller Wucht auf den Boden. Dann trat er dem Tier wütend in die Flanke, nochmal und noch einmal. Der Widder schrie erschrocken auf und wand sich, aber Ordulf ließ nicht locker, auch als sein Zorn schließlich verraucht war.

„Jetzt kommt schon her und helft mir!“, schrie er die Knechte an.

Endlich war Thankmar heran und schlang einen Strick um den Hals des Widders.

„Gib her“, raunzte Ordulf und riss ihm das Ende des Seils aus der Hand. Er zerrte den Widder an der kurzen Leine auf die kleine Landbrücke zu, die noch zwischen ihnen und der Wurt aus dem Wasser ragte. Glücklicherweise war Hinnerk nicht so widerspenstig wie sonst. Mit etwas Glück würde die gerade erfahrene Lektion sogar noch anhalten bis sie die Wurt erreichten.

Nun wieder hoffnungsvoll blökend, folgte die Schafherde ihrem Leitwidder. Die beiden Knechte machten sich derweil daran, verstreute Schafe, die schon durch Wasserlachen abgeschnitten waren und sich alleine nicht trauten durch die Pfützen zu laufen, zur Herde zu treiben.

Als Ordulf und die beiden Knechte schließlich mit einem Großteil der Schafe die Wurt erreichten, waren der Vater und die Brüder mit den Pferden bereits zurückgekehrt. Die Flut stieg weiter. Beängstigend schnell, aber um die Wurt selbst fürchtete Ordulf so lange nach der Tag- und Nachtgleiche nun doch nicht mehr. Trotzdem war es für alle Wurtmannen – so nannten sich die Bewohner der Marsch, die auf ihren hoch aufgeworfenen Hügeln dem Ansturm der See trotzten – ein besorgniserregender Anblick zu dieser Jahreszeit, die gesamte Marsch von Wasser bedeckt zu sehen.

Ordulfs Blick suchte im Süden die große Wurt von Fahrstedt. Mit zusammengekniffenen Augen konnte er sie gerade noch erkennen. Sie ragte hoch wie ein stolzes Schiff aus der Wasserwüste. Dort saßen Wolderich und seine Sippe. Ihre eigene Wurt, welche Swæn, Ordulfs Großvater, mit eigenen Händen aufgerichtet hatte, war deutlich kleiner und trug nur einen einzigen Hof. Aber Ordulf vermutete, dass sie es mit dem ihrer Familie eigenen Jähzorn ohnehin nicht lange mit Nachbarn auf so engem Raum aushalten würden.

Pert Acaiseid, Orcaden, November 441

Álainn

Der Wind wirbelte in ihrem Haar und genauso wirbelte und peitschte er die grauen Wogen auf den Fels am Fuße der Festung. Die See gischtete über die Klippen bis zu ihr hinauf. Sie schmeckte Salz auf den Lippen. Ebenso salzig brannten die Tränen in ihren Augen, doch sie riss sich zusammen und klammerte sich am Rand der felsigen Klippe fest, damit die wilde Kraft des Windes sie nicht hinab warf. Und doch war solche ungezügelte Stärke das Einzige, was Halt bot. Das war die wichtigste Lektion, die Álainn in ihrem jungen Leben gelernt hatte. In den letzten sechs Monaten war sie eine Piktin geworden, zumindest dem äußeren Anschein nach. Eine Sklavin jener Barbaren, die den blutigen Kopf ihrer Mutter auf einen Haufen geworfen hatten. Sie konnte es selber kaum glauben, dass vor nicht einmal einem Jahr ihre größten Sorgen die zunehmende Vergesslichkeit der Mutter und die Arroganz des Großbauern Caellach gewesen waren. Was hätte sie nun nicht alles gegeben, diesen selbstgerechten Comarchus, wie er sich stolz nannte, wiederzusehen. Widerwillig riss sich Álainn von ihren Gedanken und dem Anblick der grauen See los, die so verlockend die Freiheit versprach. Sie erreichte den niedrigen Eingang der runden Steinhütte gerade, als im Dorf die ersten Hähne krähten.

II. Neue und Alte Bekanntschaften

Mündungsgebiet der Wirraha, April 441

Ceretic

„Sieht doch ganz einladend aus, das Sachsenland“, behauptete Tavish hoffnungsvoll.

Sie saßen etwa eine Meile vom Ufer entfernt auf dem Schlick. Das saftige Grün des Landes vor ihnen ließ an Britannien denken. Nur die geradezu ewige Weite des grauen Watts passte nicht ins gewohnte Bild. Die Curach war bei ablaufendem Wasser auf einer der zahlreichen Sandbänke im Mündungsgebiet eines großen Stromes aufgelaufen.

„Ja, das muss die Wirraha-Mündung sein“, bestätigte Ceretic.

„Merkwürdige Erhebung da drüben“, warf Malo ein und zeigte auf einen Hügel im sonst flachen Marschland. „Es steigt Rauch von dort auf. Ob in dem Hügel das verborgene Volk lebt?“

„Ich dachte, das gäbe es nur bei uns in Britannien?“, fragte Tavish erstaunt.

„Niemand lebt in dem Hügel. Auf dem Hügel leben Sachsen und den Hügel haben sie selbst gegraben, damit sie nicht ersaufen wenn das Wasser mal höher steigt als üblich“, korrigierte Ceretic schmunzelnd.

Ein Priester in Ruohim erklärte einmal, Gott strafe die Heiden mit hohen Fluten für ihre grausamen Raubzüge. Ceretic hatte sich schon als Kind darüber gewundert, dass sie sich trotz dieser deutlichen Warnung nicht von ihren heidnischen Wegen bekehrten, sondern lieber versuchten, Gottes Züchtigungen auf von Menschenhand errichteten Hügeln zu trotzen. Aber nun, wo er solch einen Hügel erstmals mit eigenen Augen sah, musste er über die schiere Größe des Erdwerkes staunen.

„Woher weißt du das eigentlich alles?“, unterbrach Malo seine Gedanken.

„Eine lange Geschichte“, antwortete Ceretic.

„Aber bis zur Flut haben wir doch noch jede Menge Zeit“, drängte nun auch Tavish.

„Also gut“, fügte sich Ceretic scheinbar widerstrebend, doch eigentlich redete er gern von sich. „Kennt ihr noch den alten Wulf?“, fragte er.

„Den alten Heiden?“, wollte Tavish wissen und bekreuzigte sich.

„Der Priester hat von ihm erzählt“, bestätigte auch Malo.

„Ja, ein Heide war er wohl, der gute Wulf“, gab Ceretic zu. „Aber er war auch ein Krieger Roms. Ein Sachse, der bei den Auxiliares gedient hat und nach seiner Dienstzeit und dem Abzug der Römer auf Ruohim blieb.“ Einen Augenblick schwieg Ceretic versonnen. Der einsame Veteran hatte ihn damals, als sein Vater auf der See geblieben war, unter seine Fittiche genommen. Aber das brauchten die beiden Jungspunde nicht zu wissen. „Jedenfalls hat er mich seine Muttersprache, das Sächsische, gelehrt“, erklärte er. „Und noch einiges mehr.“

Stunden später kehrte das Wasser zurück. Zuerst füllten sich die Priele und in den Senken begann der Schlick zu glänzen. Dann, in immer wiederkehrenden Wellen, überspülte das Meer den geriffelten Sand und hob schließlich die gestrandete Curach sanft vom Boden. Der Flutstrom trug sie rasch auf die mächtige Wurt zu.

„Seht nur, sie warten in Waffen!“, rief Tavish angstvoll.

Auch Ceretic hatte es gesehen. Inmitten der dunklen Menschenmenge am Strand blitzte es auf. Die tief stehende Abendsonne spiegelte sich in Helmen oder Speerspitzen.

„Natürlich tragen sie Waffen“, antwortete Ceretic harscher als er beabsichtigt hatte. Aber die Jungen sollten nichts von seinen eigenen Bedenken merken. „Was würdet ihr denn tun, wenn sich plötzlich ein fremdes Boot näherte?“ Sorgenvoll zupfte er an seinem Schnurrbart.

„Da sind auch Frauen und Kinder dabei!“, rief Malo plötzlich erleichtert.

Ceretic atmete auf. „Na, was habe ich euch gesagt?“, fragte er und versuchte so gleichgültig wie möglich zu klingen.

Bald waren sie auf Rufweite heran, doch die Sachsen blieben stumm. Ceretic setzte das Boot vor ihnen auf den Strand und sprang ins Wasser.

„Seid gegrüßt, edle Männer“, rief er laut und streckte die Arme mit den Handflächen nach oben aus, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war.

„Seid gegrüßt, Fremde“, antwortete ein leicht gebeugter, aber noch immer großer Mann mit grauem Haar. „Ich bin Wago, der Häuptling unseres Geschlechts“, fügte er hinzu und machte eine einladende Geste in Richtung der Höfe auf dem grünen Hügel hinter sich.

Tavish und Malo blickten Ceretic fragend an. Sie hatten nichts verstanden und auch Ceretic selbst war verwirrt. Wieso luden ihn diese fremden Piraten so freundlich ein, obwohl er doch noch gar kein Geschenk überreicht hatte?

„Mein Sohn Eppo wird sich um euer Boot kümmern. Folgt mir“, drängte der Alte, als er das Zögern der Britannier bemerkte.

Gehorsam setzte sich Ceretic in Bewegung. „Der Alte lädt uns in seine Halle ein. Wenn er Böses im Schilde führt, sind wir ihm ohnehin ausgeliefert, also folgen wir am besten seiner Einladung“, erklärte er seinen Begleitern.

Sie folgten dem grauhaarigen Sippenoberhaupt einen schmalen Pfad den Hügel hinauf. Von Nahem sah Ceretic, dass das, was er zuvor für Palisaden gehalten hatte, eigentlich Pfahlreihen waren, die mit Weide umflochten wurden und das Erdreich der Wurt gegen das Meer sicherten. Erst ganz oben wurden die Höfe von einer schwachen Palisade, eher einem hohen Zaun, umgeben. Ihr alter Führer durchquerte eine Pforte und ging zielstrebig an mehreren kleineren Katen vorüber zu einem lang gestreckten Gebäude im Zentrum der Siedlung. Ceretic und seine Gefährten folgten ihm gebückt unter einem niedrigen Türsturz hindurch in die große Halle. Es war warm und die Luft abgestanden. Der Qualm eines offenen Feuers brannte Ceretic in den Augen, bevor er sich unter dem Dach sammelte und schließlich durch ein Windauge am Giebel abzog.

„Willkommen in meiner Halle!“ Der Gruß des Alten lenkte Ceretic von der Betrachtung seiner Umgebung ab. Schon winkte der Häuptling eine junge Frau heran, die ihm ein riesiges Trinkhorn reichte. Er nahm einen tiefen Zug und gab das Horn an Ceretic weiter. Eine klebrige Masse schwappte auf Ceretics Finger und der süßliche Geruch von Met mischte sich mit dem üblen Atem des alten Mannes. Ceretic ließ sich nichts anmerken und tat wie ihm geheißen. Immer mehr Männer strömten in die Halle.

Ob sie uns betrunken machen wollen, um uns auszurauben?, ging es Ceretic durch den Kopf. Doch da nahm ihm Wago das Horn wieder ab.

„So“, begann er zufrieden, „nun verratet uns eure Namen und das Ziel eurer Reise!“ Zu Ceretics Beruhigung sah ihn der alte Wago gespannt, aber durchaus freundlich an.

„Hochkönig Vortigern von Britannien entsendet euch seinen Gruß. Ich bin Ceretic, sein Bote.“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der mittlerweile versammelten Sachsen.

„Die Tapferkeit der Sachsen hat sich bis nach Britannien herumgesprochen.“ Hier unterbrachen eine generelle Unruhe und gedämpftes Gelächter seinen Vortrag. Hochmütige Barbaren, dachte Ceretic, fuhr aber mit erhobener Stimme fort. „Zum Zeichen seiner Freundschaft sendet Vortigern euch dieses Silber!“ Dabei zog er mit einer stolzen Geste einen kleinen Lederbeutel aus dem Gürtel und ließ die Münzen effektvoll zu Boden fallen. Nun war es plötzlich so still, dass das helle Klirren des letzten Sesterz bis in den hintersten Winkel der Halle drang.

„Solche Gäste sind uns immer willkommen“, beeilte sich Wago zu erwidern. Diesmal antwortete rundherum aufgeregtes, aber durchaus anerkennendes Gemurmel.

Ceretic atmete auf. Das Eis war gebrochen, mit einer einzigen Handvoll Silber! Nun musste Ceretic in aller Ausführlichkeit von seinem Auftrag berichten. Wago ließ sich derweilen als Gastgeber nicht lumpen. Der Abend wurde zu einem Gelage. Während er hochkonzentriert versuchte, die Fragen seines Gastgebers zu beantworten, dröhnte die Halle vor Betriebsamkeit. Laute Rufe in der barbarischen Zunge und Lachen vermischten sich mit dem Duft von heißer Brühe und gesottenem Salzfleisch. Bald schon schwirrte Ceretic von all den neuen und fremden Eindrücken der Kopf. Zu seiner Erleichterung trat schließlich ein Mann vor, der die Aufmerksamkeit des alten Wago von ihm ablenkte.

„Scht, der Scop wird uns nun ein Lied singen“, zischte der Gastgeber.

Bei dem Scop genannten Mann schien es sich um jemanden zu handeln, der eine ähnlich geachtete Stellung wie ein britannischer Barde einnahm. Ceretic, der sich selbst ebenfalls für einen begabten Dichter und Sänger hielt und ein beachtliches Repertoire von Liedern kannte, kam diese Abwechslung umso mehr gelegen. Nie hatte ihm Wulf von den sächsischen Sängern berichtet. Der Mann begann sein Lied. Die alte schleppende Weise erzählte von einem gewissen Hengist und seinen Abenteuern bei den benachbarten Friesen. Ceretic mühte sich redlich seine Enttäuschung zu verbergen. Das sollte Gesang sein? Ihm kam es eher ermüdend vor. In Britannien würde es dieser Barde jedenfalls nicht weit bringen. Als der Beifall für den Scop abebbte – die Sachsen schienen mit der gebotenen Kost zufrieden – erhob sich Ceretic beschwingt. Er hatte bereits einige Hörner Met mit den neuen Verbündeten König Vortigerns geleert und befand sich gerade in der rechten Stimmung. Jetzt würde er den Barbaren einmal zeigen, wie man in Britannien sang!

Der Scop reichte ihm gespannt die Harfe. Ceretic strich über die Saiten. Ja, das könnte gehen. Die Kelten hatten einfach mehr Rhythmus im Blut als diese Barbaren. Er griff in die Saiten und begann das Lied zu singen, welches er in seinem Geiste über ihr gerade bestandenes Abenteuer im friesischen Wattenmeer gedichtet hatte. Die Melodie war ein altes britannisches Tanzlied mit einem Refrain, der immer auf „Fol-de-diddle-da und Folde-diddle-daira oh“ endete. Das würden sogar die sächsischen Barbaren verstehen. Malo und Tavish erkannten die Weise und klopften und pfiffen den Takt dazu.

Als er geendet hatte, herrschte einen Moment Schweigen. Ceretic schaute in ausdruckslose bärtige Gesichter. Kurz fragte er sich, ob die Barbaren ihm überhaupt zugehört hatten. Doch dann brach mit einem Male stürmischer Beifall aus. Na also, dachte Ceretic zufrieden und verbeugte sich tief vor seinen Zuhörern. Wenigstens erkannten die Barbaren ein gutes Lied, wenn sie es hörten.

„Worum ging es?“, wollte Wago schließlich wissen. Auch er hatte als Zeichen seiner Anerkennung sein Methorn begeistert auf die Tischplatte geschlagen und mit beiden Füßen gestampft, aber verstanden hatten die Sachsen sein britannisches Lied natürlich nicht.

„Auch wir haben gerade bei den Friesen ein Abenteuer erlebt“, begann Ceretic und erzählte in allen Einzelheiten, wie sie den drei – oder waren es sogar vier? – friesischen Langschiffen entkommen waren, die sie bei Nebel vor der Küste eingekreist hatten. Als er an die Stelle kam, an der sie den Friesen schließlich im Wattenmeer entkamen, hielt sich Wago den Bauch vor Lachen. Dann musste Ceretic das Lied noch einmal auf Britannisch vorsingen und die Sachsen grölten das „Fol-de-diddle-da und Fol-de-diddle-daira oh“ aus voller Kehle mit. Dazu klopfte, klatschte und stampfte die halbe Halle den Takt mit – die andere Hälfte klopfte, klatschte und stampfte ohne den Takt zu treffen, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch.

Regulbium, Mai 441

Tallanus

Das denkwürdige Zusammentreffen von Vortigerns Rat lag nun bereits zwei Monate zurück. Nachdem Tallanus seinen Freund Ceretic bis Ruohim geleitet hatte, war er auf direktem Wege zu Bischof Albanus zurückgekehrt. Albanus bezeichnete ihn zwar als secretarius, aber in Wirklichkeit kam er sich eher wie ein Botenläufer oder sogar ein Leibeigener vor. Die vergangenen Wochen jedenfalls war er für seinen Herrn nicht weniger als drei Mal zwischen Cantiums Königsstadt Durovernum und Londinium hin und her gereist, während der Bischof niemals die Nähe des Hochkönigs und die Annehmlichkeiten des Hofes verließ. Wenn man ihm einmal selbst solch ein Amt wie das von Albanus anvertrauen würde, gäbe er sich sicherlich nicht solcher Bequemlichkeiten hin. Betroffen biss er sich auf die Unterlippe. Lag da nicht der wahre Grund für seine mangelnde Achtung vor Albanus?

„Quid autem vides festucam in oculo fratris tui et trabem in oculo tuo non vides?“, murmelte er.

„Was schimpfst du da?“, riss ihn eine junge Stimme aus seinen Gedanken. Tallanus fuhr herum und vor ihm stand Álainn, ein Bauernmädchen aus Regulbium. Nein, inzwischen eine junge Frau, korrigierte er sich, als sein Blick über ihre Gestalt schweifte. Er fühlte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht stieg, was keinerlei Sinn ergab, denn seine Freundschaft zu dem Mädchen war ebenso rein wie sein Gewissen. Zumindest in dieser Beziehung. Seine Versuchungen lagen andernorts. Eine junge Priesterweihe und vielleicht einmal der Hirtenstab eines Bischofs.

„Na, was ist?“, hakte Álainn nach und traf damit genau den wunden Punkt.

„Das war Latein und bedeutet: Was siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten und den Balken in deinem eigenen Auge siehst du nicht?“, antwortete er, immer noch verstimmt über sich selbst.

„So, so“, lachte sie. „Du bist mal wieder streng mit dir? Spazierst du deshalb hier am Meer herum?“ Lächelnd trat sie zu ihm und hakte sich unter.

Tallanus errötete schon wieder. „Nicht doch, was sollen die Leute denken?“, fragte er.

„Was sollen sie schon denken?“, antwortete Álainn unbekümmert. „Du kennst mich doch schon von Kindesbeinen an. Also, was hast du dir vorzuwerfen?“

Tallanus seufzte resigniert. „Der Satz, den ich dir gerade übersetzt habe, steht im Evangelium des heiligen Matthäus“, erklärte er.

„Aha. Klingt auch sehr weise“, unterbrach sie.

„Mein alter Tutor Dagomar hat ihn mich gelehrt. Du weißt schon, der im wüsten Norden Londiniums in seiner Einsiedelei als Eremit lebt“, fuhr Tallanus ungeachtet der Unterbrechung fort.

„Der Mann, von dem du immer behauptest, er sei ein richtiger Heiliger?“, fragte Álainn neugierig.

„Ja, genau der. Jedenfalls bleibt an mir nicht viel Heiliges, wenn ich mich mit ihm vergleiche. Du weißt ja, wie oft ich über meinen Herrn, Bischof Albanus, klage. Aber gerade ist mir aufgegangen, dass ich ihm nur seinen Platz neide. Dagomar dagegen hat den Bischofsstab abgelehnt. Stell dir vor, Vortigern trug ihm das Amt schon vor Albanus an. Stattdessen unterrichtet er lieber junge Waisen und Männer aus ärmlichen Verhältnissen wie mich in seinem claustrum in Rhetorik und Grammatik und den Lehren unseres Heilands.“

„Und aus lauter Gram über deinen frevelhaften Ehrgeiz hast du dich nun in dein Heimatdorf Regulbium verkrochen und starrst den ganzen Tag auf den Horizont?“

„Nein, nein, das ist mir nur gerade durch den Sinn gegangen. Ich bin wieder in Albanus Auftrag hier.“

„Na, kein Wunder, dass du nicht gut auf den hohen Herren zu sprechen bist, wenn er dich ständig in ganz Britannien herum jagt. Was kann ein so hoher Herr wie dein Bischof denn von so einem gottvergessenen Nest wie Regulbium wollen?“

Kopfschüttelnd schaute sie zu den windgeschliffenen Ruinen des alten Römerforts hinüber. Tallanus folgte ihrem Blick, wandte sich dann aber wieder dem Meer zu. Niemals zuvor hatte er sich danach gesehnt, einen der gefürchteten sächsischen Steven aus dem Meer tauchen zu sehen. Doch nun wartete er im Auftrag des Bischofs genau darauf. Obwohl Vortigerns Plan ihm mehr als wagemutig erschien. Hieß es nicht zu recht: Lupus pilum mutat non mentem – Der Wolf ändert das Haar, nicht den Sinn? Er zog seinen Mantel enger um die Schultern, trotz anbrechenden Frühlings fröstelte ihn.

„Ich soll auf einen Freund warten, der hoffentlich bald heimkehrt“, antwortete er ausweichend. Auch wenn er Álainn von klein auf kannte, gab es keinen Grund, ihr seinen Auftrag zu verraten. „Albanus will sofort von seiner Ankunft unterrichtet werden. Eigentlich kommt mein Freund aus Ruohim dort drüben.“ Dabei deutete er über den schmalen Wantsum-Fluss, der Ruohim von Regulbium und dem Rest Cantiums schied. „Aber ich denke, ich bekomme auch hier mit, wenn er zurückkommt.“

„Und wer ist dieser Freund?“, bohrte sie nach.

„Er heißt Ceretic“, antwortete Tallanus. Damit verriet er wohl noch kein Geheimnis.

„Wer?“

„Ein Mann den ich vor … wie lang ist das her?“ Er legte kurz die Stirn in Falten. „Ja, ich glaube vor fünf Jahren habe ich ihn in Durovernum am Hof kennengelernt. Er ist Waise, wie ich, und außerdem kommt er ganz aus der Nähe, eben von Ruohim dort drüben. Das hat uns einander näher gebracht.“ Tallanus musste schmunzeln. „Das und noch eine kleine Begebenheit.“

„Was denn?“, wollte Álainn wissen.

„Ceretic, der sich einiges auf seine Dichtkunst einbildet, hatte ein paar ganz gute Spottverse gedichtet. Über seine catuvellaunischen Kameraden. Sie waren so gut, dass sich die Männer, die ihm, dem Emporkömmling aus der Provinz, ohnehin die gute Aufnahme am Hof neideten, zusammen rotteten, um ihm eine gehörige Abreibung zu verpassen.“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich habe mich vor den Kerlen aufgebaut. Du musst wissen, dass es mindestens fünf waren, sehr groß und breit.“ Zur Verdeutlichung winkelte er die Oberarme seitlich ab und blies sich auf.

Álainn musste lachen. „Du hast dich mit einer ganzen Handvoll Krieger angelegt?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, ich“, behauptete Tallanus eifrig, musste dann aber ebenfalls lachen. „Damals war ich noch Subdiakon und sehr stolz auf meine neue Stellung beim Bischof. Jedenfalls habe ich sie angebrüllt: ‚Ich komme auch aus diesem Winkel Cantiums und ich kann euch versichern, dass man dort des Herrn Gebote mit größerer Ernsthaftigkeit beachtet als hier!‘“

„Und?“, fragte Álainn gespannt. „Was haben sie mit dir gemacht?“

„‚Krieger des Hochkönigs sollten sich nicht wie Wirtshausschläger aufführen. Seid euch gewiss, dass Bischof Albanus davon erfahren wird‘, habe ich ihnen noch entgegengeschleudert. Und ob du es glaubst oder nicht, die Kerle haben den Schwanz eingekniffen und sind vor mir“, dabei reckte sich der kleine Mann zur vollen Größe auf, was Álainn wieder zum Lachen brachte, „jawohl, vor mir geflohen. Ceretic kam ungeschoren davon und seit damals sind wir Freunde“, schloss er seine Heldengeschichte.

Plötzlich erstarrten die eben noch lachenden Züge seiner hübschen Begleiterin. „Sieh nur dort!“, rief Álainn und zeigte hinter ihn. „Oh Gott, nein!“ Ihr zitternder Zeigefinger wies hinaus auf die See.

Beufleet, April 441

Ceretic

„Vor vielen Wintern

zog über salzige Hügel

Hnæf der Dänen König,

hochherziger Krieger,

zu Finn, seinem Schwager,

seiner Schwester Hildeburhs Mann.

Mit ihm zogen tapfre Recken,

die Krieger aus Sachsen,

für rote Ringe

und güldenes Kleinod.

Die tapfersten Krieger,

sie kamen aus Sachsen.“

Hier unterbrach lautes Grölen der Anwesenden den Vortrag.

„Hengist, der Edle,

Hadulohas streitbarer Held,

mit ihm fuhren die Männer

hin zu Finns Burg.

Der Friesen König,

der finstere Finn,

verriet Hnæf, seinen Schwager,

und seiner Krieger Schar.

Im silbernen Mondlicht,

nach Singen und Trunk,

gewappnet zur Gräueltat,

Frieslands Getreue er rief.

Doch Hnæfs Mannen

bemerkten den Anschlag.

Hengist der Held

hütete die Halle.

Sie hielten fünf Tage

gegen Feinde den Ort.

Der grimme Torwächter

erschlug jeden Gegner.

Als die Friesen sahen

den bitteren Streiter

drangen sie in die Halle

von hinten durchs Dach.

Hnæf ward erschlagen

und der Helden gar viele,

da ließ Finn ab vom Töten

und sprach freundlich mit Hengist.

Die Sachsen zu bleiben

in seinem Saale er lud,

bis die Stürme sich legten

und die Schwalbe erschien.

Dann richteten die Sachsen

die Steven zur Heimkehr.

Die Nacht vor der Seefahrt

Finn zum Gelage sie bat

doch Hengist sann finster

über die Schmach, die ihm Finn tat,

als er erschlug König Hnæf,

des Hadulohers Herr.

Voll Rache im Herzen

erhob sich der Krieger

und erschlug in der Halle,

die Hnæfs Blut getrunken,

König Finn und seine Getreuen

in unbändigem Grimm!“

Das Gedicht hatte ihn hergeführt. Der Gesang des Scop war zwar langsam und unbeholfen, aber die Worte hatten eine Saite in Ceretic zum Schwingen gebracht und ein Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt: Dieser Hengist schien ihm der richtige Mann für König Vortigerns Plan. Ein Haudegen, der für eine Handvoll Silber bereit war, einem fremden König zu dienen.

So war es ihm zumindest damals vorgekommen. Missmutig stocherte er mit einem Stecken in der letzten Glut des Feuers, während über ihm ein unangenehm kalter Westwind einen Schauer gegen das Reeddach trieb. Wie sollte aus so einem schlechten Gedicht auch etwas Gutes werden? Drei Tage saß er nun in Beufleet, der Heimat dieses berühmten Hengist. Nach der Fürsprache des Jungen, der sie von Wagos Hof in Feddersen hierher geführt hatte, waren sie von Hengists jüngerem Bruder Horsa freundlich aufgenommen worden. Dessen Frau Erkenhilde kümmerte sich persönlich um das Wohlergehen der britannischen Gäste. Der Held selbst war allerdings nicht zu Hause. Dabei brannte Ceretic darauf zu erfahren, ob sich seine Hoffnungen erfüllten.

Ungeduldig schaute er sich um. Malo und Tavish waren nirgends zu sehen. Vermutlich halfen sie ihren sächsischen Gastgebern bei irgendwelchen landwirtschaftlichen Arbeiten. Immerhin lernten sie so etwas von der Sprache der Barbaren. Ceretic selbst verstand inzwischen fast jedes Wort. Einmal mehr erinnerte er sich voll Dankbarkeit an den väterlichen Freund Wulf, der ihn neben der sächsischen Sprache auch gelehrt hatte, sein Schwert wie ein römischer Legionär zu führen. Das machte es Ceretic einfach, nach Wulfs Tod Aufnahme in Vortigerns Diensten zu finden, denn der Hochkönig versuchte seine catuvellaunischen Krieger nach Art der römischen Legionen zu drillen.

„Herr Ceretic“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. Es klang eher wie eine Feststellung denn wie eine Frage. Ceretic fuhr erstaunt herum. Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Er starrte mit offenem Mund auf die Person, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte. Es war eine Frau, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte.

„Ich hoffe, Ihr denkt nichts Schlechtes von mir, weil ich Euch einfach so anspreche?“, fragte sie schüchtern.

„Ganz und gar nicht. Ich habe nur keine … Ich weiß gerade gar nicht mehr, wo wir uns zuletzt, äh, begegnet sind“, stammelte er.

Die junge Frau lachte leise. Sie war schön, eine wahre Schönheit sogar. Hochgewachsen und schlank mit strahlend blauen Augen und goldenem Haar.

„Entschuldigt. Eigentlich kennt Ihr mich auch noch gar nicht. Ich bin Rowena, Hengists Tochter“, fuhr die Sächsin fort.

Irrte Ceretic oder flog eine zarte Röte über ihr Gesicht? Nein, er musste sich in der dunklen Halle geirrt haben.

„Wir haben uns in Feddersen getroffen, aber da wart Ihr viel zu beschäftigt, um mich zu bemerken. Ihr habt ein Lied aus Eurer Heimat vorgetragen – so eine klare Stimme wie Eure und solche Musik habe ich noch nie gehört. Auch etliche noble Männer, die etwas von diesen Dingen verstehen, bestätigten später öffentlich, sie hätten nie ein besseres Lied vernommen.“

Ceretic bemühte sich um eine passende Erwiderung, damit er nicht wie ein ungalanter Trottel dastand. „Verdammt“, murmelte er.

Das Mädchen schien nicht sicher, ob es ihn richtig verstanden hatte und hob erstaunt die Augenbrauen. Ceretic schluckte hart. Er hätte sich ohrfeigen können.

„Ich bin Euch schon begegnet und habe Euch nicht bemerkt?“, fragte er schließlich. „Wenn meine Aufgaben mich so in Beschlag nehmen, dass mir solche Anmut wie die Eure nicht auffällt, dann bin ich pflichtbewusster als ich mir je vorstellen konnte.“ Und definitiv pflichtbewusster als ich dachte, fügte er in Gedanken hinzu. Ziemlich plump, aber die junge Sächsin errötete schon wieder, demnach war sein Gestammel wohl doch nicht so übel gewesen.

Dann legte sie die Stirn in Falten und richtete sich kerzengerade auf. „Ihr seid ein Dichter, der sich auf Worte versteht“, bemerkte sie kühl, drehte sie sich um und stolzierte aus der Halle. Ceretic blickte ihr noch eine ganze Weile verwirrt hinterher.

Dithmarschen, Mai 441

Ordulf

„Kommst du mit? Wolderich hat einen Gast, der allen freien Sachsen etwas mitzuteilen hat. Heute Nachmittag wird er in Fahrstedt sprechen.“ Aufgeregt lief Ordulf über den Hof. Nach der schlimmen Flut vor einer Woche, bei der sie drei volle Tage vom Meer eingeschlossen auf ihrer Wurt hatten ausharren müssen, war er nun voller Tatendrang.

„Kümmere dich erst um die Schafe“, rief sein ältester Bruder, der wie sein Vater und Großvater Swæn hieß, missbilligend. „Oder hilf mir.“ Er mühte sich gerade mit einem großen Ast ab, den die Sturmflut auf ihrer Weide zurückgelassen hatte. Aus dem Treibholz sollte ein neuer Türpfosten entstehen. Aber Ordulf war schon fort, um nach Agill, seinem nächst älteren Bruder, zu suchen.

Am Nachmittag schlossen sich ihm dann aber doch beide Brüder an. Ordulf hatte seine besten Kleider angelegt und schritt eilig voraus. Es war kein weiter Weg und in der flachen Marsch konnten sie die hoch aufragende Wurt der Wolderichsmannen nicht verfehlen. Auf dem großen Hof angekommen, schaute Ordulf sich gespannt um. Zwischen dem Langhaus mit den Stallungen und den dicht gedrängten Katen der Knechte und entfernteren Verwandten Wolderichs, blieb ein runder Platz frei, der zum Zusammentreiben des Viehs oder für Versammlungen genutzt wurde. Darauf befand sich bereits eine ansehnliche Schar meist junger Männer.

„Seht nur“, raunte Ordulf seinen Brüdern zu. „Der dort drüben mit der Lederkappe kommt doch aus der Nordermarsch. Und sogar Leute von der Geest sind da!“

Swæn stieß ihn als Antwort nur stumm in die Seite und winkte mit dem Kopf noch weiter nach rechts hinüber. Ordulf blickte in die angedeutete Richtung und kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Dann erkannte er ihn auch: Hoger, einer der Führer des Ebbingemannengeschlechts.

Unwillkürlich tastete Ordulf nach seinem Sax. Zwischen den Geschlechtern der Swænen und Ebbingemannen schwelte eine Blutfehde. Erst auf dem letzten Thing hatte Vater Swæn einen Ebbingemannen wegen Viehdiebstahls und dem Mord an einem seiner Kleinknechte angeklagt. Aus der Klage war nichts geworden, die Sippe der Ebbingemannen stellte mehr Eideshelfer als die Swænen und wurde zudem noch von den Rodbellingern unterstützt. Der alte Swæn hatte getobt und an eine Versöhnung war nicht zu denken.

Ordulf schaute mit zusammengekniffenen Augen zu Hoger hinüber, aber da trat der alte Wolderich in die Tür seines Hauses.

Das Gemurmel erstarb und alle Augen richteten sich gespannt auf den Greis. Er war immer noch eine imposante Erscheinung, doch der Mann, der ihm folgte, überragte ihn fast um Haupteslänge.

„Gut, dass die Dithmarscher aus dem ganzen Gau zusammen gekommen sind“, begann Wolderich. „Ich will euch jemanden vorstellen, von dem ihr sicher schon viel gehört habt. Das hier ist Hengist Witgissunu. Von seinen Abenteuern im Dienste des Dänenkönig Hnæf brauche ich nicht zu berichten. Aber ich lasse ihn für sich selbst reden, denn ich bin kein Mann großer Worte.“

Nach dieser für ihn ungewöhnlich langen Rede trat Wolderich einen Schritt zurück und ließ den angekündigten Recken in der Mitte des Kreises. Neugierig drängten sich die Männer heran.

Hengist prangte in voller Rüstung. Er trug einen Eisenhelm mit breitem Kamm und Nasenschutz. Stilisierte buschige Brauen aus vergoldeter Bronze beschatteten die zusätzlich durch Eisenringe geschützten Augen und verliehen dem Helden ein wildes und verwegenes Aussehen. Über einem schweren Lederwams und hochgeschnürten Bundschuhen trug er eine Brünne, die ebenfalls aus Eisenringen bestand. Da die meisten Sachsen ihre heimischen Händel mit dem Sax austrugen und nur im Krieg zu dem langen Schwert und runden Schilden griffen, beeindruckte diese komplette Rüstung Ordulf tief.

Unwillkürlich hielt er die Luft an. Das also war der berühmte See-Sachse, von dessen Abenteuern man sich im Winter am prasselnden Herdfeuer erzählte!

Hengists Blick glitt kalt und hart über die Versammlung hinweg. Dann rief er laut: „Ihr Männer von Dithmarschen, sächsische Stammesbrüder und Schwertgenossen! Ich habe euch etwas zu sagen. Von Abenteuern, roten Ringen und gutem britannischen Silber. Ihr alle könnt Heldentaten vollbringen, von denen man noch länger berichten wird, als von meiner Fahrt nach Finnsburg. Und reich beladen mit Schätzen sollt ihr heimkehren.“ Er blickte wieder mit seinen kalten Augen in die Runde. Dann, als die ersten Männer unruhig wurden, fuhr er fort: „Ja, es gibt güldene Kleinode zu gewinnen. Für jeden, der sein Schwert tapfer zu führen weiß, wird es wahrlich nicht schwer Reichtümer zu bergen. Genau wie ich mit Hnæf dem Dänen zog, so ruft nun ein anderer König unsere Dienste. Brave Kriegsmannen sucht er, denn in seinem eigenen Land findet er keine und die Feinde bedrängen ihn hart. Gutes Silber verspricht er denen, die ihm zu Hilfe eilen.“

Vereinzelte Rufe wie „Wenn der König richtige Männer sucht, dann soll er die Willichsmannen fragen!“, „Ich bin der Stärkste, nimm mich mit!“ oder „Halts Maul, du Angeber, lass ihn ausreden“ wurden laut. Hengist hielt noch ein paar Atemzüge inne und Ordulf fühlte ein Prickeln in seinem Nacken. Was der Haduloher da versprach, entsprach seinen innersten Wünschen. Vielleicht könnte er von dieser einen Fahrt genug Silber heimbringen um ein Mädchen zu heiraten! Er errötete bei dem Gedanken, aber zum Glück achtete niemand auf ihn.

„Wo finden wir diesen edlen König, der tapfere Recken sucht?“, rief ein Mann in der ersten Reihe. Ordulf glaubte, einen der Vogdemannen zu erkennen, der auch auf dem letzten Thing viele Worte gemacht hatte.

Hengist sah ihn fest an. „Wenn ihr tapfer und zu allem entschlossen seid, aber auch nur dann, kann ich euch zu ihm führen. Euch alle!“, rief er dann mit lauter Stimme und blickte wieder in die Runde. „Vortigern heißt der Mann. Er ist der Hochkönig Britanniens. Um dorthin zu gelangen, müssen wir uns einschiffen und über die Täler des Meeres ziehen. In Haduloha habe ich zwei feste Kiele liegen und ein weiteres Schiff wird aus Keydingen zu uns stoßen. Wir fahren einen Mond vor dem Sonnenwendfest. Wenn es in Dithmarschen tapfere Männer gibt, schließt euch mir und meinem Bruder Horsa an! Ich nehme Krieger auf, solange es noch Platz im Bauche meiner Schiffe gibt. Aber kommt nicht zu spät, denn auch die tapfersten unter den Hadulohern und Keydingern drängen darauf, nach Britannien zu ziehen.“

Nachdem Hengist seine Rede beendet hatte, zogen die Männer angeregt debattierend ab. Ordulf war wie benommen von den Möglichkeiten, die der Held gerade heraufbeschworen hatte. Da sein Vater kein eigenes Seeschiff besaß und es auf dem Hof immer genug zu tun gab, war er noch nie übers Meer gefahren, aber wie alle jungen Sachsen träumte er von solchen Abenteuern. Doch er hätte wohl besser nicht träumen sollen, denn plötzlich stolperte er und bekam noch einen Stoß in die Rippen, sodass er vornüber in den Dreck fiel.

„Seht nur, dort suhlt sich ein Swæn im Mist!“, hörte er eine höhnende Stimme. Er lag tatsächlich im Mist – mit der neuen Hose! Aus einem Loch am rechten Knie rann ein dünner Faden dunklen Blutes in den zerrissenen Stoff. Ordulf blickte auf. Hinter ihm standen zwei junge Männer, von denen ihn einer angerempelt, während der andere ihm ein Bein gestellt hatte. Wutentbrannt griff er eine Handvoll Mist und warf sie in Richtung seiner Gegner. Aber der junge Mann wich dem Geschoß aus.

„Seht nur, das Swæn suhlt sich, dass der Dreck nur so spritzt!“, wiederholte er nun so laut, dass es alle hören konnten. Dabei betonte er Ordulfs Geschlechternamen so, dass er wie „Swien“ oder „Schwein“ klang. Ordulf wollte sich auf die Fremden stürzen, aber sein Bruder Swæn ahnte wohl, was sich da anbahnte und packte ihn an der Schulter. Unter dem harten Griff wurde Ordulfs Blick wieder klar. Hinter den beiden grinsenden Kerlen standen noch drei Männer. Hoger war unter ihnen und so fiel es Ordulf nicht schwer zu erraten, dass es sich bei allen Fünfen um Ebbingemannen handelte. Er zerrte mit neuer Wut am Griff seines Bruders, aber inzwischen war auch Agill heran und hielt seinen anderen Arm.

„Sie wollen doch nur, dass du auf Wolderichs Hof den Frieden brichst“, zischte ihm Swæn ins Ohr.

Nur widerwillig ließ sich Ordulf von seinen Brüdern wegziehen. Weit im Westen über der See rollte ferner Donner heran. Es würde bald ein Gewitter geben.

„Wenn wir im Trocknen unseren Hof erreichen wollen, sollten wir uns sputen“, bedeutete Agill. Ordulf schaute noch einmal finster zu den Ebbingemannen hinüber und ballte die Fäuste.

„Bei Thunær, der dort im Westen seinen Wagen über den Himmel rumpeln lässt, das werdet ihr büßen!“, schwor er. Mit dem Gedanken an zukünftige Rache wendete er sich abrupt ab und ließ sich von Agill und Swæn von der Wurt hinabführen.

III. Gewitterwolken am Horizont

Regulbium, Mai 441

Tallanus

Tallanus fuhr herum. Waren es die gerufenen Sachsen? Tatsächlich zeigten sich draußen auf dem Meer mehrere graue Schatten. Wie hungrige Wölfe, dachte er schaudernd. Er konnte aber noch nicht klar erkennen, wen er da vor sich hatte. Waren es Sachsen oder Pikten? Er beschattete seine Augen mit der flachen Hand und blickte angestrengt auf die sich langsam nähernden Boote.

„Wir müssen die Leute im Dorf warnen“, drängte Álainn.

Tallanus starrte weiter auf die See, er konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen. Waren es die frisch geworbenen Auxiliares oder doch Piraten? Álainn fasste seine Hand und zog heftig daran. Das tat sie sonst nie, die ungewohnte Berührung riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ja, wir sollten sie warnen“, stimmte er ihr zu.

Besser die Menschen brachten sich einmal zu oft in Sicherheit, als einmal zu wenig. Wieso hatte er nur so lange gezögert? Bei einem Überfall entschied die Schnelligkeit über Leben und Tod, jeder Augenblick war kostbar. Sie hasteten den Hügel hinunter zum Dorf.

„Schiffe am Horizont! Bringt euch in Sicherheit!“, rief er schon von weitem. Einige Menschen blieben wie betäubt stehen, zu erschrocken zum Handeln. Andere griffen den Ruf auf und trugen ihn weiter. Schließlich fanden sie Caellach, den Comarchus.

„Wie viele Schiffe? Von wo kommen sie? Wann werden sie da sein? Sachsen? Pikten? W…“

„Noch zu weit weg, habe sie nicht erkennen können“, unterbrach Tallanus atemlos den Schwall von Fragen.

„Morgan, Ninian!“, rief Caellach zwei Halbwüchsigen zu, die mit offenen Mündern dabei standen. „Ihr lauft auf die Höhe und beobachtet die Fremden. Wenn ihr erkennen könnt, wie viele es sind und wohin sie sich wenden, dann kommt einer von euch unverzüglich zurück und berichtet mir!“

Tallanus stürzte weiter, um seine wenigen Habseligkeiten zu retten. „Packt alle Wertsachen zusammen – wir müssen in den Wald!“, rief er, als er die niedrige Kate seines Onkels, des letzten in Regulbium lebenden Verwandten, betrat.

Da gellte der Ruf „Pikten“ von draußen herein. Tallanus bekreuzigte sich. Warum hatte er nur gezögert? Wenn Álainn nicht gewesen wäre … Bald lief er mit seinem alten Onkel und dessen einziger Milchkuh im Schlepptau auf den nahen Waldrand zu. Die vorsichtigsten und schnellsten Dorfbewohner verschwanden gerade vor ihnen zwischen den Bäumen. Tallanus blickte zurück. Die Boote konnte man nun bereits klar erkennen, aber noch immer waren nicht alle Menschen aus dem Dorf geflohen. Einige waren zu alt und krank, andere zu geizig und konnten sich nicht von ihrem Besitz trennen. Wo war nur Álainn? Hoffentlich hatte sie bereits die Sicherheit des Waldes erreicht.

Regulbium, Mai 441

Álainn

Wo blieb nur ihre Mutter? Sie selbst hatte hastig einen Beutel mit Essen und einige Decken zusammengerafft, aber die alte Frau tauchte einfach nicht auf. Verzweifelt lief Álainn zurück in ihre Hütte. Dort stand ihre Mutter vor der offenen Truhe und blickte scheinbar orientierungslos auf ihre Sachen.

„Mutter komm! Die Pikten sind da!“

Ihre Mutter sah sie verständnislos an. „Welche Pikten? Ich weiß noch gar nicht, was ich zur Hochzeit anziehen soll.“

Schon seit einigen Jahren vergaß ihre Mutter immer wieder Dinge und in den letzten Monaten war es immer schlimmer geworden, aber sie konnte doch unmöglich die Pikten vergessen haben.

„Welche Hochzeit denn?“, fragte Álainn verwirrt.

„Na die von Coira und Gail natürlich.“

Die war nun schon vier Jahre her. Oder waren es fünf? Verzweifelt griff Álainn nach der Hand ihrer Mutter und zerrte sie unter lautem Protest aus der Hütte. Im Dorf waren noch einige Leute und weitere rannten vor ihnen in Richtung Wald. Sie waren nicht die Letzten. Doch irgendetwas stimmte nicht in dem Bild. Sie blickte noch einmal zurück und der Schreck schnürte ihr die Kehle zu.

Am Strand unter dem alten Kastell lag eine Reihe von Booten, die dort nicht hingehörten. Lederbespannte Curachs! Und da erhob sich auch schon Kampfgeschrei und das Klirren von Waffen und zerbrechendem Geschirr mischte sich mit den Hilferufen derer, die zu spät geflohen waren. Wie sie selbst.

Plötzlich tauchten zwei Fremde hinter der nächsten Hütte auf. Sie waren fast nackt und mit wilden blauen Mustern bemalt. Álainn schrie auf, drückte ihre Mutter an die Hauswand und stellte sich schützend vor sie. Der Schnurrbart des ersten Angreifers bog sich zu einem Grinsen. Er hob seine Axt. Instinktiv streckte sie die Hände zur Abwehr hoch, doch der Schlag traf sie unerwartet fest. Sie spürte noch, wie sich einer ihrer Finger schmerzhaft überdehnte, dann wurde es um Álainn herum dunkel.

Beufleet, April 441

Ceretic

„Silber? Wie viel Silber?“, fragte Hengist.

Ceretic seufzte innerlich. Das war das Einzige, was den Sachsen zu interessieren schien. Er hielt dem bohrenden Blick seines Gegenübers stand. Hengists eisgraue Augen starrten ihn unter buschigen rotblonden Brauen unverwandt an. Ceretic fröstelte. Zwinkerte Hengist niemals?

Es würde schwer werden, ein stabiles Bündnis zwischen Britanniern und Sachsen zu schmieden. Eine Treue, die allein auf Silber beruhte, konnte jederzeit überboten werden. Vielleicht würden im Laufe der Zeit Familienbande hinzukommen und den Mammon ersetzen? Bei diesem Gedanken erschien seltsamerweise das Bild von Hengists schöner Tochter vor seinem geistigen Auge.

„Ich habe natürlich nur eine Anzahlung dabei, aber Vortigern hat viel Silber in seinem Hort, viel mehr Silber. Er ist der Hochkönig Britanniens!“, antwortete er diplomatisch und griff mit weit ausholendem Gebaren in den Beutel an seinem Gürtel. Es klirrte hell und als Ceretic die Hand herauszog, war sie mit Silbermünzen gefüllt. Hengist pfiff erstaunt durch die Zähne und Ceretic atmete auf. Wenn sich auch dieser Wilde von einer einzigen Handvoll Silber blenden ließ, würde es vielleicht doch gelingen, die Sachsen als Auxiliares zu werben.

„Bringt Met, wir wollen den Boten des britannischen Hochkönigs gebührend empfangen!“, rief Hengist laut und schon eilte Rowena mit einem großen Büffelhorn herbei. Hinter ihr brachten weitere Frauen mehr Trinkhörner herein.

„Rowena, meine Tochter“, bemerkte Hengist.

„Wir haben uns schon getroffen“, stieß Ceretic so unbeteiligt wie möglich hervor und hoffte inständig, dass die brennende Röte, die ihm in die Wangen stieg, niemandem auffiel. Rowena schenkte ihm ein kurzes Lächeln, als sie ihrem Vater das Horn reichte, dann machte sie einen Knicks und verschwand wieder.

Hengist nahm einen tiefen Zug und reichte das Horn mit dem süßen Gebräu an Ceretic weiter. „Ein prächtiges Mädchen, nicht wahr?“ Für einen Augenblick glättete ein seltenes Lächeln seine harten Züge. Ceretic wollte gerade zustimmen, da kehrten die scharfen Falten zurück. „Wehe, wenn sich irgendein Kerl an sie heranmacht. Die Schicksalsfrauen haben Rowena bestimmt, einmal Königin zu werden.“

Ceretic spürte fast körperlich einen Stich in seiner Brust. Wie sollten seine Bündnispläne bei diesem finsteren und herrischen Mann eine Chance haben?

Hengist fuhr ungerührt mit seiner Vorstellung fort. „Und das hier ist mein Sohn Oisc.“ Dabei zog er einen aufgeweckten Blondschopf von vielleicht zwölf Jahren an der Schulter von seinem etwa ebenso alten Spielkameraden weg.

„Hallo“, bemerkte Oisc kurz und war schon wieder verschwunden.

Hengist schmunzelte ihm hinterher. „Eigentlich heißt er Octha, aber alle nennen ihn Oisc, ich weiß selbst nicht warum, hat sich einfach so eingeschlichen. Der andere Junge war übrigens Ebissa, der Sohn meines Bruders Horsa.“

Dithmarschen, Mai 441

Ordulf

Am Abend im Familienrat war die Stimmung noch düsterer als das heraufziehende Gewitter. Die Stube wurde spärlich durch die Glut des langsam verlöschenden Herdfeuers erleuchtet, das dann und wann noch einmal von einem kräftigen Luftzug angefacht wurde, wenn die ersten Gewitterböen durch das Windauge im Giebel pfiffen. Das rote Licht der Glut und tiefe Schatten zeichneten die Züge des Vaters noch schärfer nach, als sie bei Tageslicht schon waren.

„Du willst das Land unserer Väter verlassen, die Wurt, die dein Großvater mit eigenen Händen gebaut hat?“, grollte der alte Swæn seinen Sohn und Stammhalter an. „Und deine beiden Brüder willst du gleich noch mitnehmen?“ Dabei schaute er mit grimmig zusammengezogenen Brauen zwischen Agill und Ordulf hin und her, die sich auf der langen Wandbank so schmal wie möglich machten. „Und mich wollt ihr mit eurer alten Mutter und ein paar Knechten allein zurücklassen? Schöne Söhne habe ich da herangezogen!“

„Das Meer steigt jedes Jahr höher“, warf der jüngere Swæn ein.

„Dann nimm dir ein Beispiel an deinem Großvater und mach auch die Wurt höher!“, schimpfte sein Vater.

„Aber Swæn“, unterbrach ihn seine Frau Wiebke. „Du weißt selbst, dass ein Mann bei Zeiten losziehen und Silber und Ruhm erwerben muss. Das ist seit jeher so gewesen und du selbst hättest mich wohl kaum auf diesen matschigen Hügel bekommen, wenn du nicht vorher deine Tapferkeit und Tüchtigkeit mit dem Schwert bewiesen hättest. Swæn und Agill sind nun alt genug. Lass sie ziehen. Im Herbst werden sie mit Ruhm und vielen guten Silberstücken heimkehren. Nur Ordulf ist noch zu jung.“

„Aber ich bin doch gar nicht zu jung und ich will …“, begann Ordulf.

„Ruhe! Du bleibst hier auf dem Hof. Jetzt erst recht, wo du dich vor den verdammten Ebbingemannen so blamiert hast“, donnerte sein Vater. Wie immer gefiel es ihm gar nicht, wenn sich seine Frau einmischte. Insbesondere da er, wie ebenfalls üblich, nicht gegen Wiebkes Argumente ankam. „Wir reden morgen noch einmal über die Sache“, knurrte er, um sein Gesicht zu wahren, auch wenn jedem klar war, dass es niemals dazu kommen würde. „Es ist schon spät. Dann wollen wir mal nach dem Bette hingehen, gute Nacht euch allen“, grollte er und verschwand in die Kammer hinter dem Herd, die er mit seiner Frau teilte.

Beufleet, Mai 441

Ceretic

Eigentlich konnte Ceretic zufrieden sein. Er hatte mit Hengist den richtigen Mann für Vortigerns Plan gewonnen. Der finstere Held ließ sich täglich vom unerschöpflichen Silberhort des Hochkönigs erzählen und auch sein Bruder Horsa lauschte gebannt, wenn Ceretic von den grünen Weiden seiner Heimat schwärmte.

„Aus Silber mache ich mir nicht viel, das ist eher etwas für meinen Bruder. Aber wenn Vortigern uns auf gutes Land setzt und mit Nahrung und Kleidung versorgt, ist das einen rechten Kampf wert“, bemerkte er einmal.

Dennoch waren die Tage an Hengists Hof für Ceretic eine ständige Qual. Er sah Rowena dauernd, aber immer nur von weitem im Kreis der Frauen und Mägde. Es erschien ihm unmöglich, sich ihr unter den Augen des grimmigen Vaters zu nähern. Der stolze Blick, den sie ihm am Ende ihrer ersten Begegnung, also der ersten Ceretic bewussten Begegnung, zugeworfen hatte, ließ darauf schließen, dass auch sie die von Hengist erwähnte Prophezeiung kannte. Außerdem hatte er einen Auftrag und durfte diesen nicht um seiner eigenen romantischen Gefühle willen gefährden. Der Hochkönig und das arme britannische Volk harrten bang auf den Ausgang seiner Unternehmung. Und überhaupt, diese Rowena war eine Barbarin.

Doch alle Argumente vermochten sein aufgewühltes Gemüt nicht zu beruhigen. Jeden Tag empfing er zusammen mit Hengist die Krieger, die sich der geplanten Fahrt anschließen wollten, auf dem Hof. Zwischendurch begleitete er oft einen der beiden Brüder, die abwechselnd mit den bereits versammelten Recken auf den Salzwiesen zu Füßen der Wurt Zweikämpfe oder den Angriff im Keil übten. Tavish und Malo nahmen inzwischen an den Waffenübungen teil, als gehörten sie selbst zu den Sachsen. Hengist verteilte großzügig Ceretics, oder eigentlich richtiger: Vortigerns, Silber, aber zu diesem Zweck hatte Ceretic es schließlich hergebracht. Und die versammelten Krieger mussten ernährt und bei Laune gehalten werden. Nach zwei Wochen bahnten sich auch für Ceretic persönlich bessere Zeiten an.

„Ich will auch über die Ælf zu den Dithmarschen fahren und dort Männer werben. Das sind zwar eigensinnige Dickköpfe, aber wenn es hart auf hart kommt, halten ihre Schädel einiges aus“, verkündete Hengist eines Morgens. „Ich denke, du, Ceretic, solltest mit meinem Bruder hier bleiben, falls zwischendurch weitere Krieger aus Keydingen oder dem Bardengau eintreffen. Passt mir gut auf Oisc und Rowena auf.“

Ceretics Herz tat einen Luftsprung. Horsa war ein umgänglicher Mann und Ceretic mochte ihn, aber vor allem würde es ihm nun vielleicht gelingen, Rowena wieder unter vier Augen zu sprechen. Um den jungen Oisc mochte sich dann Horsa kümmern.

Am Abend nach Hengists Abreise, kurz bevor die Frauen loszogen, um Wasser aus dem nahen Fleet zu schöpfen, schlich sich Ceretic aus der Halle. Mit klopfendem Herzen lenkte er seine Schritte in Richtung des Tores in der kräftigen Palisade, die Hengists Hof und Wurt umgab. Kurz vor dem Tor bog er links ab und blieb hinter der alten Scheune unschlüssig stehen. Wie sollte er es anstellen, Rowena auf sich aufmerksam zu machen? Da hörte er bereits das Geplauder der Frauen vom Torweg herüberklingen. Ceretic zog sich in den Schatten des tief gezogenen Reetdachs der Scheune zurück. Die Frauen bemerkten ihn nicht und zogen an ihm vorbei zum nahegelegenen Fleet. Rowena war unter ihnen. Ceretic sah hilflos zu, wie sie mit ihren Kameradinnen durch das Tor verschwand. Etwas später tauchten alle wieder auf, weiterhin eifrig tratschend, schwere Wassereimer in den Händen. Ceretic hatte nur Augen für Rowena, aber allein mit seinen Blicken konnte er sie nicht von den übrigen Weibern trennen. Wütend und enttäuscht stampfte er auf. Er würde noch einige Augenblicke im Schatten verharren und dann unverrichteter Dinge wieder in die Halle zurückkehren.

Plötzlich knarrte es hinter ihm. Ceretic fuhr herum und es verschlug ihm den Atem, als er eine weibliche Gestalt in einer Tür der Scheune stehen sah. Doch dann traf ihn die Enttäuschung wie ein Schlag. Vor ihm stand nicht Rowena, sondern eine kleine rothaarige Magd.

„Wie kann ich Euch behilflich sein? Ich komme gerade von …“, begann er steif, aber das freche Ding unterbrach ihn.

„Ja, ja, kann ich mir denken. Meine Herrin schickt mich. Morgen Nachmittag gehen wir zum Waschen an den Fleet. Am anderen Ufer gibt es eine gute, tiefe Stelle und eine Wiese, die wir zum Bleichen der Wäsche nutzen. Wir werden bei Ebbe hinüber gehen und du sollst dort im Gebüsch auf sie warten.“ Damit war sie wieder verschwunden.

Ceretic schaute benommen auf die knorrige Eichentür in der alten Scheunenwand. Doch die alten Bohlen verrieten durch nichts, ob er tatsächlich gerade eine Botschaft von Rowena erhalten oder alles nur geträumt hatte. Er zog seinen Mantel dichter um die Schultern und ging gemessenen Schrittes zur Halle zurück.

„Was ist dir denn widerfahren?“, begrüßte ihn Tavish erstaunt. „Du grinst ja, als habe dich der Hochkönig gerade in den Ritterstand erhoben.“

Am nächsten Morgen bat Ceretic Horsa um ein Pferd. „Ich will den Nachmittag für einen Ausritt nutzen, mich etwas bewegen und die Gegend in Augenschein nehmen.“

„Kannst du gern. Ich selbst habe noch auf dem Hof zu tun, aber ich gebe dir einen meiner Männer mit, damit sie dir das Land zeigen und dich beschützen“, schlug Horsa vor.

„Das wird nicht nötig sein“, beeilte sich Ceretic zu widersprechen. „Ich beherrsche die sächsische Sprache schon ganz gut und wenn mich jemand fragt, sage ich ihm einfach, ich gehöre zu Hengist und dir. Dann wird es niemand wagen, sich an mir zu vergreifen.“

Die Antwort brachte Horsa zum Schmunzeln. „Aber du kennst die Gegend doch gar nicht, also nimm mein Angebot schon an“, insistierte er dennoch.

„Weißt du, Horsa, nach der langen Zeit auf See und dann dem untätigen Leben auf dem Hof … Ich fürchte, dass ich ein wenig eingerostet bin und nicht mehr ganz sicher im Sattel sitze. Ich würde lieber allein ein paar Stunden losziehen. Niemand soll später sagen, wir Britannier könnten nicht reiten.“

Dagegen wusste auch der gutmütige Horsa nichts einzuwenden. So ließ er für Ceretic eine ziemlich gemütlich aussehende Mähre satteln. Ceretic verzog beim Anblick des Pferdes säuerlich den Mund. Eigentlich war er ein sicherer Reiter und liebend gern hätte er einen der feurigen Hengste gewählt. Die sächsischen Pferde waren allesamt viel größer und vermutlich auch schneller, als die britannischen Ponys. Doch er fügte sich schweigend und stieg in den Sattel. Das war angesichts der Größe des Rosses gar nicht so einfach. Ceretic musste sich ein zweites Mal mit viel Schwung hochstemmen, um es bis in den Sattel zu schaffen. Horsa sah ihm belustigt zu.

„Wie macht ihr das denn sonst?“, fragte Ceretic mit unterdrücktem Ärger.

„Dafür gibt es diese Schlaufen hier“, entgegnete Horsa gut gelaunt und hob eine der Lederschlaufen an, die in Höhe des Sattelgurtes neben dem Bauch des Tieres hingen und als Aufsteighilfe dienten. „Habt ihr die in Britannien etwa nicht?“

„Brauch ich nicht“, erklärte Ceretic peinlich berührt. Rasch drückte er dem Pferd die Waden in die Flanken, woraufhin es sich gemächlich in Bewegung setzte. Ceretic lenkte das Tier dem Lauf des Beufleetes folgend nach Süden. Bald zweigte rechter Hand ein Pfad ab, der nach wenigen hundert Schritten in einem Bruchwald verschwand. Ceretic schauderte. Hengist hatte erwähnt, dass hinter dem Gehölz das Opfermoor lag. Die warme Sonne in seinem Gesicht vertrieb die düsteren Gedanken rasch und Ceretic folgte weiter dem festen Uferweg.

Als er sich nach etwa einer halben Stunde ausreichend weit vom Hof entfernt wähnte, trieb er sein Reittier in einen langsamen Trab. Nachdem noch einmal dieselbe Zeitspanne verstrichen war, überquerte er den hier nur noch wenige Schritte breiten Fleet und kehrte in einem weiten Bogen nach Norden um. Dichtes Gebüsch bedeckte das unbebaute Land. Glücklicherweise durchschnitten kleinere Wildwechsel und Bachläufe das Dickicht, sodass Ceretic weiterhin gut vorankam. Doch mit zunehmender Entfernung von dem Wasser ziehenden Fleet, wurde auch auf dieser Seite der Boden immer morastiger. Schilf säumte besonders feuchte Stellen.

Plötzlich brach sein Pferd mit der Vorderhand ein. Ceretic klammerte sich erschrocken an der Mähne fest. Beinahe wäre er in den Sumpf gestürzt. Dieses Moor war wirklich heimtückisch. Er konnte sich wahrhaftig gut vorstellen, dass die heidnischen Unholde sich solch einen Ort aussuchten, um armen Seelen aufzulauern und ihre schaurigen Opfer zu empfangen. Ceretic schickte ein leises Stoßgebet zum Himmel hinauf. Immerhin war sein Pferd nicht in Panik verfallen. Das ließ doch eigentlich darauf schließen, dass ihm solche Situationen nicht völlig fremd waren, überlegte er. Beklommen versuchte er, die in ihm selbst aufkeimende Panik zu unterdrücken und lehnte sich im Sattel nach hinten, um die Vorderhand der Stute zu entlasten. Tatsächlich zog das treue Pferd, begleitet vom kräftigen Schmatzen des Schlamms, erst den rechten, dann den linken Huf aus dem Morast. Ceretic verharrte reglos im Sattel und blickte prüfend in alle Himmelsrichtungen, doch es zeigte sich keine Menschenseele, die sein Ungeschick beobachtet hätte. Er beschloss, blind auf die Instinkte seines Reittiers zu vertrauen. Langsam, aber doch zielstrebig, setzte die Stute nun einen Huf vor den anderen, bis sie wieder den höher gelegenen Marschboden unter sich hatten.

In einem kleinen Wäldchen ließ sich Ceretic erschöpft aus dem Sattel gleiten. Tief atmete er durch. Vielleicht war Horsas Rat, einen Führer mitzunehmen, doch nicht so überflüssig gewesen. Er nahm seiner Stute Sattel und Zaumzeug ab und band sie mit einer langen Schnur an einem der niedrigen Bäume in Schulterhöhe fest. So könnte sie zwar mit dem Maul den Boden erreichen, aber nicht mit den Beinen über die Leine steigen und sich darin verheddern. Zufrieden betrachtete Ceretic, wie das Pferd zu grasen begann. Dann blickte er sich nochmals prüfend um. Niemand störte die Ruhe des Nachmittags.

Eilig wandte er sich zu Fuß zurück in Richtung des Beufleets. Anhand des Sonnenstandes schätzte er, dass ihm noch etwa zwei Stunden bis zu dem geplanten Treffen blieben, aber er wollte die besagte Stelle am Ufer des Fleets lieber noch in aller Ruhe in Augenschein nehmen, bevor Rowena mit ihren Gefährtinnen dort auftauchte.

Bald ging der niedrige Bruchwald, in dem Ceretic sein Pferd versteckt hatte, in das dichte Buschwerk über, welches binnenwärts an die salzigen Marschen anschloss. Nun, bei Ebbe, waren die meisten der kleinen Wasserläufe hier trockengefallen. Ceretic versuchte sich anhand der Sonne zu orientieren und hoffte, dass ihn der gewundene Wildwechsel, dem er folgte, irgendwann zum Fleet führen würde. Tatsächlich erblickte er nach einer Weile vor sich die Dächer der Beufleeter Wurtsiedlung über dem Geäst.

Bald darauf erreichte er eine größere, mit saftigem Gras bewachsene Lichtung. Das gesuchte Ufer des Fleets befand sich direkt dahinter, nur durch einen letzten dichten Streifen Buschwerk verdeckt. Noch befand sich keine Menschenseele an diesem Ufer des Fleets. Ceretic vermutete, dass es sich bei der freien Grasfläche vor ihm um die von der Magd erwähnte Wiese handelte. Daher verbarg er sich tief in dem Streifen Buschwerk zwischen Wiese und Fleet, aber so, dass er beide Seiten durch das Blattwerk im Auge behalten konnte. Aufgeregt versuchte er, sowohl die Zeit als auch die Mücken, die ihn stürmisch begrüßten, totzuschlagen.

Es dauerte eine scheinbare Ewigkeit, bis endlich eine Reihe Frauen im Hoftor von Beufleet erschien. Schwer beladen mit Waschbrettern und Körben strebten sie dem Fleet zu. Ceretic hielt den Atem an, als sie durch das niedrige Wasser des Fleets wateten. Als er Rowena erkannte, tat sein Herz einen Luftsprung, während nur wenige Schritte von ihm entfernt die Frauen mit dem Waschen begannen.

Seine Geduld wurde auf eine neue harte Probe gestellt. Die Frauen waren nicht in Eile und auch Rowena tratschte eifrig mit ihren Kameradinnen und sah sich nicht einmal nach ihm um. Ceretics Gefühle schwankten zwischen wilder Freude und tiefer Niedergeschlagenheit, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als reglos und still in seinem Versteck auszuharren. Nach einer Weile kamen die ersten Wäscherinnen durch einen schmalen Hohlweg auf die Lichtung in Ceretics Rücken. Wie erwartet breiteten sie die fertige Wäsche auf dem saftigen Grün zum Bleichen aus. Wieder und wieder frage er sich, wie Rowena es nur anstellen wollte, hier unbemerkt mit ihm Kontakt aufzunehmen. Doch ihm fiel keine Lösung ein und so gewann die Niedergeschlagenheit in seinen Gedanken an Raum. Er wagte es kaum, die Äste weit genug auseinander zu biegen, um sie zu betrachten, geschweige denn ihr ein Zeichen zu geben.

Als die Sonne bereits tief im Westen stand und den Himmel in leuchtendes Orange tauchte, begannen die Frauen ihre Sachen einzusammeln. Schließlich zogen sie allesamt, weiterhin munter plaudernd, mit Körben voll frisch gewaschener Wäsche über die Furt. Rowena ging mit ihnen. Ceretic wurde schmerzhaft bewusst, dass die fremde Magd, oder gar Rowena selbst, ihn zum Narren gehalten hatte! Er schalt sich einen Dummkopf. Wie hatte er glauben können, dass sich die hochmütige Tochter Hengists dazu herabließ, ihn zu treffen? In aller Heimlichkeit, ohne dass der Vater etwas merkte! Pah, was für ein Narr er war.

Gerade wollte er seinen Platz räumen, um zu seinem Pferd zu schleichen, da sah er aus dem Augenwinkel, dass die Mädchen auf der anderen Seite des Fleetes angehalten hatten. Rowena setzte plötzlich ihren Korb ab und wühlte in der frischen Wäsche. Aufgeregt redete sie auf ihre Gefährtinnen ein. Ceretic beschloss, dass es wohl sicherer wäre noch abzuwarten, bis sie gänzlich verschwunden wären. Sonst würde man ihn entdecken und dann würde er endgültig zum Gespött der Sachsen!

Rowena drehte um und trat entschlossen in die Furt, zurück auf seine Seite. Und diesmal begleitete sie nur die kleine rothaarige Magd! Ceretic konnte sein Glück kaum fassen. Hastig trat er aus dem Gebüsch auf die Lichtung und strich Kleider und Haar glatt. Da kam Rowena auch schon durch den Hohlweg gelaufen. Ein wenig außer Atem und eine sanfte Röte auf den Wangen. Wahrscheinlich vom Laufen, überlegte Ceretic. Mit klopfendem Herzen schritt er auf sie zu und streckte ihr beide Hände entgegen. Zu seiner Enttäuschung warf sie sich aber nicht in seine Arme, sondern ergriff die dargebotenen Hände.

„Rowena“, flüsterte er und blickte in die blauen Augen, die ihm in den letzten Wochen den Schlaf geraubt hatten. „Ich ergebe mich dir, du hältst mich in deiner Hand. Ich habe mich in den letzten Wochen nach dir verzehrt!“

Ihr standen Tränen in den Augen. „Einen Mann wie dich habe ich noch nie getroffen. So …“ Ihr schienen die rechten Worte zu fehlen. „So ganz anders als die lärmenden Krieger in der Halle meines Vaters und doch bringt deine Stimme sie alle zum Schweigen. Ach Ceretic, wenn diese Prophezeiung nicht wäre, könnte ich denken …“ Schon wieder brach sie ab. Und viel sprachen sie nicht mehr, zu stark waren ihrer beider Gefühle.

Nach einem Augenblick, so schien es Ceretic, wandte sich das Mädchen wieder zum Gehen. Er bewunderte ihren schlanken Körper, wie sie sich in das Gebüsch duckte, um ein scheinbar vergessenes Kleidungsstück hervorzuziehen, dann drehte sie sich ihm noch einmal zu ihm um und drückte einen leichten Kuss auf seine Wange.

„Bis bald“, hauchte sie und war schon verschwunden. Er hörte, wie die rothaarige Magd sie mit einem verdrießlichen „endlich“ auf der anderen Seite des Gebüsches empfing. Dann herrschte wieder Stille. Erst jetzt bemerkte Ceretic, dass sich der Himmel bereits tiefrot verfärbt hatte. Während sie Hand in Hand gestanden hatten, musste die Zeit nur so geflogen sein. Ceretic löste sich aus seiner Erstarrung und machte sich beschwingt auf, um sein wartendes Pferd zu suchen. Die einsetzende Dämmerung und das nun wieder steigende Wasser bereiteten ihm einige Schwierigkeiten, doch das tat seiner Hochstimmung keinen Abbruch. Schließlich fand er die Baumgruppe mit dem ihm erleichtert zuwiehernden Ross.

Dithmarschen, Mai 441

Ordulf

Swæn und Agill übten sich nun täglich im Umgang mit den Waffen. Ständig schleuderten sie Speere und Äxte oder liefen mit Schild, Schwert und Sax über den Hof und das Vorland. Ordulf musste einen umso größeren Teil der Hofarbeit verrichten. Nur wenn sie den Kampf Mann gegen Mann übten, mit Schilden, Holzknüppeln und Stangen, durfte er als Gegner herhalten. Abends blieb ihm zu alledem noch der Spott der aufgeregten Brüder. Innerlich kochte Ordulf über diese Ungerechtigkeit. Eine Woche vor dem geplanten Aufbruch rief Agill ihn wieder zu solch einem Übungsgefecht.

„Du hast genug mit den Lämmern gespielt, Kleiner. Komm und spiel einmal einen Britannier!“

„Einen Pikten“, verbesserte ihn Swæn grinsend.

Ordulf kam wütend aus dem Schafspferch geschossen. Agill stand breitbeinig auf dem Hof, Schild und Knüppel drohend erhoben. Als sich Ordulf bückte, um seine Waffen vom Boden aufzuheben, schlug ihm sein Bruder zum Spaß auf den Kopf, aber der Hieb traf fester, als Agill geplant hatte, denn Ordulf richtete sich gerade im selben Moment auf. Der Knüppel traf Ordulf an der Augenbraue.

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