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Hemmungslos!

1. KAPITEL

Reed Sullivan stieg die breiten Stufen zu dem vornehmen Herrenhaus seiner Urgroßmutter in Beacon Hill mit einem ähnlich unguten Gefühl hinauf wie damals, als sie ihn zum ersten Mal zu sich zum Tee bestellt hatte.

Begonnen hatten seine regelmäßigen Besuche eigentlich als Unterweisungen in gutem Benehmen – sozusagen als weiterführende Lektionen zur allwöchentlichen Folter in Miss Margarets Tanzschule für Töchter und Söhne aus gutem Hause. Mit ihrem schlohweißen, hochgesteckten Haar und dem obligatorischen eleganten Chanel-Kostüm hatte Moira Sullivan auf ihn als Achtjährigen unendlich alt gewirkt. Anfangs hatte er sich unwohl gefühlt, war still und wortkarg gewesen, wohl wissend, dass in diesem Haus seine besten Umgangsformen gefragt waren. Das Einzige, was er sich damals gewünscht hatte, war, diese Qual möge so schnell wie möglich vorübergehen.

Seine Urgroßmutter hatte ihn aufgefordert, sich an Bergen von Konfekt gütlich zu tun – ohne Rücksicht darauf, dass er sich damit den Appetit auf das Abendessen verdarb, und ihn dabei listig dazu gebracht, ihr sein Leid über die Tanzstunden zu klagen. Schließlich gab es für einen Jungen seines Alters kaum etwas Erniedrigenderes, als vor den Augen seiner lästernden Kameraden den Arm um ein Mädchen legen und es im Dreiviertel-Takt durch den Raum schieben und zerren zu müssen.

Danach hatte Moira Sullivan den edlen Perserteppich zurückgeschlagen, eines der vornehmen Stickereikissen auf den auf Hochglanz polierten Parkettboden des Wohnzimmers gelegt, sich darauf gekniet und ihn zu einem Murmel-Wettkampf herausgefordert. Dabei hatte er seine wertvolle „Indische Lutz“ an sie verloren, gegen die er zwei „Peppermint Swirl“ und eine „Blue Clearie“ eingetauscht hatte.

Nach diesem ersten Nachmittag wurden ihm die wöchentlichen Besuche bei seiner Urgroßmutter zu einer lieben Gewohnheit. Manchmal stellten sie überhaupt den Höhepunkt einer ganzen Woche dar; unter anderem deshalb, weil sich ihm dabei immer wieder die Chance bot, seine hoch begehrte „Indische Lutz“ von Moira zurückzugewinnen. Selbst während seiner Teenagerjahre, als es vor allem Mädchen, Autos und Image waren, die ihn beschäftigten, und Murmeln das Letzte, was er im Sinn hatte, nahm er sich immer Zeit für ihre gemeinsamen Mittwochnachmittage. Und auch die vergangenen zwei Jahrzehnte während seines Rechts- und Wirtschaftsstudiums in Harvard hatte ihr wöchentliches Besuchsritual überdauert.

Danach hatte er in einer niedrigen Position im Familienimperium begonnen und sich an immer länger werdenden Arbeitstagen seine heutige Führungsposition erkämpft – diverse Schuljungen-Schwärmereien, geheime Affären sowie die Peinlichkeit einer geplatzten Verlobung einmal außer Acht gelassen.

Bis zum heutigen Tag gehörte der Mittwochnachmittagstee mit Moira zu den Highlights in Reed Sullivans Woche.

Sie waren schon ein seltsames Paar, die älteste lebende Sullivan und der 33-jährige Erbe des gesamten Imperiums. Obwohl sie auf Grund ihres Geschlechts und Alters in vollkommen anderen Welten lebten – immerhin trennten sie 66 Jahre –, verband sie unabhängig von äußeren Umständen oder Unterschieden ein unsichtbares Band.

Wenn Reed in Moira Sullivans geräumigem luxuriösen Wohnzimmer saß, Tee trank und mit ihr über Verwandte und gemeinsame Bekannte klatschte, dann war er weder Firmenchef noch Aufsichtsratsvorsitzender und auch nicht der Erbe des riesigen Sullivan-Vermögens mit all den damit verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Er war einfach nur Moiras liebster Urgroßenkel. Und es gab nichts, was Reed seiner geliebten Urgroßmutter hätte abschlagen können.

Zumindest fast nichts.

In letzter Zeit hatte sie nämlich seine Zuneigung und Geduld bis an die Grenze ausgereizt …

Nun, zumindest meine Geduld, korrigierte sich Reed im Stillen, während er abwesend die glatte „Indische Lutz“ in der Hosentasche seines marineblauen Anzugs zwischen den Fingern rollte. Denn die Zuneigung zu seiner Urgroßmutter kannte keine Grenzen.

Leise seufzend nahm er die Hand aus der Tasche und drückte am Vordereingang zu Moiras Haus auf den glänzenden Klingelknopf aus Messing.

Noch bevor der langgezogene Signalton in der kühlen Septemberluft verhallt war, wurde die Tür geöffnet.

„Hallo, Eddie“, begrüßte Reed den gut gebauten jungen Mann vor sich, der ihm dienstfertig Aktenkoffer und Sporttasche abnahm. „Hat sie heute ausnahmsweise mal keinen Besuch?“

Eddie schüttelte grinsend den Kopf: „Eine attraktive Rothaarige ist da.“

Reed seufzte ein zweites Mal.

„Sieh sie dir erst einmal an, bevor du dich beschwerst!“ riet ihm Eddie, während er Reed geübten Griffes aus seinem Kamelhaarmantel half, noch bevor dieser Gelegenheit hatte, ihn allein auszuziehen. „Auf jeden Fall ist sie wesentlich besser als die letzten drei.“

Reed runzelte die Stirn und griff gleich darauf nach dem Pflaster auf seiner linken Augenbraue, das sich durch diese Geste in schmerzhafte Erinnerung gebracht hatte. „Besser in welcher Hinsicht?“

Eddies belustigtes Grinsen wurde anzüglich. „Große braune Augen, erotischer Mund, eine wilde rote Lockenmähne, unglaublicher Körper. Und ziemlich ausgefallen gestylt.“

„Ausgefallen?“

„Nun ja, eine interessante Mischung aus Tina Turner und Pamela Anderson“, erklärte Eddie, während er den Mantel auf einem Kleiderbügel sorgfältig an die Garderobe hängte.

„Tina Turner und …?“ Reed erschauerte bei dem Gedanken. Sein Geschmack ging eher in Richtung Grace Kelly: elegant, edel und zurückhaltend. Geschmacklos gekleidete Temperamentbündel ohne ordentlichen Haarschnitt – wie wohlhabend sie auch sein mochten – waren nicht gerade sein Fall.

„Pamela Anderson“, ergänzte Eddie zuvorkommend und streckte die Hände nach den polierten Griffen der großen Doppeltür zum Wohnzimmer aus. „Du weißt schon, die Blonde mit den Wahnsinnsbrüsten.“ Schwungvoll stieß er die Flügeltür weit auf: „Mr. Sullivan ist eingetroffen, Ma’am“, sagte er mit klangvoller Stimme und machte eine so formvollendet ehrerbietige Verbeugung in Richtung seiner Brötchengeberin, als wüsste er nicht einmal, was das Wort „Wahnsinnsbrüste“ bedeutete, ganz zu schweigen davon, dass er es selbst in den Mund nehmen würde.

Die beiden Frauen auf dem blassblauen viktorianischen Brokat-Sofa blickten erwartungsvoll hoch. Moira Sullivan sah noch immer genauso aus wie damals vor 25 Jahren, als Reed zum ersten Mal bei ihr zum Tee gewesen war. Sie trug eines ihrer eleganten Nachmittagskostüme und einen weinroten Seidenschal, der ihren hellen Teint und das schlohweiße Haar optimal zur Geltung brachte. Eine zarte dreireihige Perlenkette betonte ihren schlanken Hals, während ein großer rechteckiger Saphir an ihrer rechten und ein überwältigender Brillant-Ehering an ihrer linken Hand funkelten. Doch es waren ihre Augen, an denen Reeds Blick schließlich hängen blieb. Deren Blau strahlte noch intensiver als der Saphir an Moiras Hand – voller Wärme und Liebe, aber auch mit jenem typischen, unverhohlenen Anflug von Vorfreude und Erwartung, der ihm über die Jahre so vertraut geworden war.

„Hallo, Gran“, sagte er argwöhnisch und blickte zu der jungen Frau, die neben seiner Großmutter auf dem Sofa saß.

Die Augen der Rothaarigen waren wirklich so groß und braun, wie Eddie behauptet hatte; sie standen weit auseinander, was durch die scharf nachgezogenen Augenbrauen noch betont wurde. Eine ungebändigte Mähne von Korkenzieherlocken fiel der jungen Frau auf die Schultern herab. Ihre Kleidung war eine wilde Mischung der verschiedensten Stoffe, Farben und Stile.

Eher Typ Zigeunerin als Pamela Anderson, dachte Reed nach der ersten prüfenden Musterung unwillkürlich.

Die junge Besucherin trug ein weißes Männerhemd, das am Kragen von einer Brosche keltischen Stils zusammengehalten wurde. Lange, fantasievoll gestaltete metallene Ohrringe mit glänzenden Steinen schimmerten durch die widerspenstige Lockenpracht. Ihre dunkelgrünen Samthosen steckten in halbhohen, lilafarbenen Wildlederstiefeln. Ein voluminöser Mohairschal in kräftigen Gold-, Braun- und Auberginetönen baumelte ihr leger über die Schultern.

Von ihrem angeblich unglaublichen Körper konnte Reed sich wegen dieses Schals und einer riesigen Stofftasche, die sie auf dem Schoß hatte, kein Bild machen. Doch ihr Mund … Mit dem Wort erotisch kann man ihn nicht annähernd beschreiben, beschloss er nach kurzer Überlegung.

Ihre Lippen waren voll und wohlgeformt, rosa glänzend und feucht, als hätte sie soeben an einem Himbeereis gelutscht. Es war ein Mund, gemacht für heiße, aufregende Küsse und atemlos auf einem Satinkissen geflüsterte Versprechen – der Mund einer Zigeunerin.

Und Zigeunerinnen waren nicht sein Typ, nicht einmal, wenn sie so attraktiv und sexy waren. Er schwärmte für nette, normale, konventionelle, wohlerzogene junge Frauen. Jene Art von Frau, mit der sich die männlichen Mitglieder seiner Familie schon seit Generationen verabredeten, um sie dann zu heiraten und mit ihnen eine Familie zu gründen. Eben jener Typ, dem die letzten drei Frauen angehörten, die er in den vergangenen Monaten hier in Moiras Wohnzimmer getroffen hatte. Und letztlich auch jene Art von Frau, mit der er vor einigen Jahren verlobt gewesen war.

Allerdings hatte sich später herausgestellt, dass seine ehemalige Versprochene gar nicht so konventionell gewesen war, wie er erwartet hatte. Nach fünf Jahren Verlobungszeit hatte sie ihn – mehr oder weniger vor dem Altar stehend – verlassen und sich nach New Orleans abgesetzt, wo sie im Dessousgeschäft einer Freundin arbeitete, während sie sich überlegte, ob sie nun heiraten wollte oder nicht. Sie hatte sich für die Ehe entschieden – mit einem Friseur aus New Orleans statt mit dem attraktiven Millionenerben Reed Sullivan.

Reed hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht – was die Sullivans immer taten –, doch es war ein schwerer Schlag gewesen. Besonders für seinen Stolz. Und nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, war ihm klar geworden: nur für seinen Stolz. Sein Selbstwertgefühl hatte etwas gelitten, aber sein Herz war völlig unversehrt geblieben. Rückblickend musste er zugeben, dass Kate genau das Richtige getan hatte, als sie ihn verließ. Denn seine Gefühle für sie – oder besser gesagt: ihre Gefühle füreinander – waren nicht mehr als freundschaftlich gewesen. Mit ihrem Entschluss zu heiraten hatten sie vor allem die Erwartungen ihrer Familien erfüllen wollen.

Reed plante nach wie vor, diese Erwartungen zu erfüllen, doch gleichzeitig auch seine eigenen.

Zumindest irgendwann.

Also, was zum Teufel beabsichtigte seine Urgroßmutter mit dieser Zigeunerin in ihrem Wohnzimmer?

Um einen weiteren Versuch, ihn zu verkuppeln, konnte es sich ja wohl unmöglich handeln. Nicht mit dieser Frau.

Oder doch?

„Soll ich den Tee servieren, Ma’am?“, riss ihn Eddies Stimme aus seinen Grübeleien über Moiras schillernden Gast.

„Ja bitte, Eddie“, antwortete Moira Sullivan lebhaft. „Und erinnern Sie Mrs Wheaton bitte daran, einen großen Teller Plundergebäck mitzuschicken!“ Sie lächelte die junge Frau neben sich auf dem Sofa an. „Ich habe ihre Backkünste vor unserem Gast hier schon in den höchsten Tönen gelobt.“

„Jawohl, Ma’am.“ Eddie machte eine leichte Verbeugung und verließ den Raum. Diskret schloss er die Tür hinter sich.

Moira streckte ihrem Urenkel die Hand entgegen. „Reed, mein Junge“, sagte sie erfreut. „Darf ich dir eine neue Bekannte vorstellen? Das ist Zoe Moon.“ Wieder lächelte sie ihrer Besucherin freundlich zu.

Miss Zoe Moon“, fügte sie hinzu. Dabei strahlte sie wie eine stolze junge Mutter.

Reed unterdrückte einen Seufzer. Offenbar hatte er sich geirrt. Es gab keinen Zweifel: Hier handelte es sich um einen weiteren Kupplungsversuch seiner Urgroßmutter. Gerade hatte sie ihm wieder eine potentielle Heiratskandidatin vorgestellt. Die geplatzte Hochzeit lag mittlerweile drei Jahre zurück, und seine Familie konnte es kaum mehr erwarten, ihn endlich verheiratet zu sehen. Schließlich würde er schon bald seinen vierunddreißigsten Geburtstag feiern, und es gab keinen anderen männlichen Sullivan, der auch nur die dreißiger Marke unverheiratet überschritten hatte. Die Tatsache, dass es Reed als Erstem geglückt war, erschien den konservativeren Mitgliedern der Familie – also so gut wie allen – bedenklich, ja sogar äußerst verdächtig.

Reed setzte ein höfliches Lächeln auf und ging zum Sofa, um die ausgestreckte Hand seiner Urgroßmutter zu ergreifen. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die nächsten zwei Stunden so charmant und geduldig wie möglich Moiras Kupplungsversuche über sich ergehen zu lassen.

„Wie geht es dir?“ Er beugte sich zu ihr hinunter, um sie auf die Wange zu küssen. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, nickte er der jungen Frau kurz zu. „Miss Moon.“

„Nennen Sie mich doch Zoe“, sagte sie und streckte ihm ebenfalls die Hand entgegen.

Ein süßer Duft nach altmodischem Veilchenparfüm stieg ihm in die Nase, während er Zoes Hand schüttelte, die langgliedrig und zierlich war, doch nicht zerbrechlich wirkte. Die junge Frau trug mehrere Ringe aus unterschiedlichsten Materialien, einige davon mit glänzenden Steinen verziert, ähnlich denen an ihrem Ohrschmuck. Ihre Fingernägel waren in schimmerndem Rostrot lackiert.

Reed hatte plötzlich die feurige Vision, wie sie ihre Nägel in seinen Rücken krallte und sich dabei lustvoll unter ihm wand. Er zog schnell die Hand zurück.

„Reed Sullivan“, sagte er höflich und überlegte, ob sie sich wohl auch auf etwas anderes als eine Ehe mit ihm einlassen würde, auf die seine Großmutter mit Sicherheit hoffte.

„Schön, dass wir uns endlich kennenlernen.“ Zoe Moons Stimme klang ruhig und melodiös – und war verführerisch wie ihr Körper. Der Ausdruck in ihren Augen erschien Reed freundlich und interessiert, vielleicht auch eine Spur forschend, als versuche sie herauszufinden, was sie von ihm zu halten hatte.

Als potentiellen Ehemann, keine Frage, dachte Reed leicht verärgert.

„Moira hat mir so viel von Ihnen erzählt“, sagte Zoe Moon.

„Tatsächlich?“ Er schenkte seiner Großmutter ein amüsiertes Lächeln und ließ sich den Damen gegenüber auf dem großen Ohrensessel nieder. Zwischen ihnen befand sich ein niedriger Glastisch, auf dessen polierter Oberfläche eine große Kristallvase mit einem geschmackvollen Blumenarrangement stand. „Das kann ich von Ihnen leider nicht behaupten.“

„Das liegt einfach nur daran, dass ich Zoe erst vergangenen Montag kennengelernt habe“, erklärte Moira.

Großartig, dachte Reed. Jetzt schleppt sie hier schon eine völlig Fremde an.

„Zoe ist Geschäftsfrau.“

„Wie interessant“, murmelte Reed höflich, aber keineswegs ermutigend. „Und welche Art von Geschäften machen Sie?“

„Kosmetik“, antwortete Moira, bevor Zoe etwas sagen konnte. „Sie hat mir gerade einige ihrer hochwertigen Produkte gezeigt.“

Reed warf einen prüfenden Blick auf die Tiegel, Dosen und Fläschchen, von denen die meisten hinter dem üppigen Blumenarrangement verborgen waren, weshalb er ihnen beim Hereinkommen keine besondere Beachtung geschenkt hatte. Viele der Gefäße waren geöffnet und verliehen der Luft einen frischen, jedoch nicht aufdringlichen Duft nach Blumen und würzigen Kräutern. Der Geruch war ihm aufgefallen, als er den Raum betreten hatte. Doch ohne weiter darüber nachzudenken, hatte er eine der Potpourri-Schalen, die im ganzen Haus verstreut waren, dafür verantwortlich gemacht.

Bei näherem Hinsehen fielen Reed auch einige Schuhkartons auf, die neben Moira auf dem Sofa standen, und eine große Stofftasche, die zu Zoes Füßen lag. Entweder hatte Miss Moon gerade auf dem Rückweg von ihrem monatlichen Großeinkauf beschlossen, seiner Urgroßmutter einen Besuch abzustatten, oder sie trug ihre Waren spazieren wie ein orientalischer Straßenhändler. Wie dem auch sein mochte, Reed erschien beides gleichermaßen unprofessionell. Jemand sollte dieser Frau sagen, dass so etwas einen denkbar schlechten Eindruck machte.

„Dann sind Sie …“ Er runzelte die Stirn, doch wieder rief sich das Pflaster über seiner Augenbraue in schmerzhafte Erinnerung, und schnell glätteten sich seine Züge wieder. „… eine Vertreterin?“

„Nein, nein, keine Vertreterin“, widersprach Moira energisch. „Sie ist Unternehmerin.“ Moira betonte das Wort Unternehmerin, als befürchte sie, Reed würde sie nicht richtig verstehen. „Sie verkauft nicht irgendjemandes Kosmetikprodukte, sondern ihre eigenen.“

„Streng genommen, handelt es sich gar nicht um Kosmetikprodukte“, warf Zoe Moon lächelnd ein. „Nur Bodylotion, Badeöl, Seifen und Cremes. Vorerst.“

„Was heißt hier nur?“, tadelte Moira. Sie nahm eine der schlanken mattgrünen Flaschen vom Tisch, auf deren Etikett vor dem Hintergrund einer schmalen blassgelben Mondsichel der schwungvolle Schriftzug „New Moon“ prangte. „Zoe stellt ihre Produkte selber her, zu Hause in ihrer Küche. Und sie verwendet nur erstklassige, absolut natürliche Ausgangsstoffe.“ Moira entkorkte die Flasche und reichte sie Reed. „Versuch diese Handlotion“, befahl sie. „Es ist die beste, die ich kenne. Die Haut wird weich und geschmeidig wie Samt.“

Zoe griff blitzschnell nach der Flasche, bevor Reed auch nur seine Hand danach ausstrecken konnte. „Ich bin sicher, Mr. Sullivan …“ Sie betonte seinen Namen auf eine solche Art und warf ihm dabei einen ganz bestimmten Seitenblick zu, damit kein Zweifel darüber bestand, es war ihr nicht entgangen, dass er sie bewusst formal mit Miss Moon angesprochen hatte. „… legt keinen Wert darauf, duftend wie ein Rosengarten in sein Büro zurückzukehren.“

Erstaunt, vielleicht sogar ein wenig verstimmt über ihre bevormundende Art, beobachtete Reed, wie Zoe die Flasche wieder verschloss und zurück auf den niedrigen Couchtisch stellte. Als einer von Bostons reichsten und meist umworbenen Junggesellen war er daran gewöhnt, vom anderen Geschlecht höchst respektvoll, oft genug sogar ehrfürchtig behandelt zu werden. Üblicherweise pflegten ihn die Frauen nicht auszulachen, auch nicht hinter seinem Rücken.

„Oh, Reed wird von hier aus nicht ins Büro zurückgehen, nicht wahr?“, mischte sich Moira ein, die das Geplänkel zwischen ihren beiden Gästen völlig kalt zu lassen schien.

Höchst merkwürdig, dachte Reed. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters war seine Urgroßmutter stolz darauf, jederzeit und überall Herr der Lage zu sein.

„Nach dem Tee geht Reed immer zum Rugby-Training.“ Moira lächelte ihren Urgroßenkel an, ohne dabei den Blick von Zoe abzuwenden. „Ich bin sicher, dabei kümmert es ihn nicht, wonach er riecht.“

Zoe sah Reed prüfend an: das kleine Pflaster über der Augenbraue, die breiten Schultern, seine langen Beine in der edlen marineblauen Hose. Als würde sie sich überlegen, wie gut er für das Rugby-Training in Form war … oder für andere sportliche Höchstleistungen.

Es kostete ihn eine beinahe übermenschliche Willenskraft, sich nicht scheu wie ein unerfahrener Teenager abzuwenden, um ihrem forschenden Blick zu entgehen. Tapfer hielt er Zoes Musterung stand, bis sie ihm wieder in die Augen sah. Ihre Miene war kühl, selbstsicher, beinahe arrogant. Und es schien ihr noch nicht einmal peinlich zu sein, dass er sie bei ihrer schamlosen Inspektion ertappt hatte. Sie lächelte nur gelangweilt und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Gastgeberin zu.

„Ich bin nicht sicher, dass seine Mannschaftskollegen viel Verständnis für den Duft von Lavendel aufbringen können, wenn sie einander mitten im Spiel um den Hals fallen.“ Sie drehte sich wieder zu Reed um. „Wie nennt man diese Handgemenge beim Rugby noch?“

Er runzelte die Stirn. Ganz offensichtlich machte diese Frau sich lustig über ihn! „Gedränge“, murmelte er übellaunig.

Zoe Moon schien die unterschwellige Warnung in seiner Stimme gar nicht zu bemerken. „Gedränge, ach ja. Vielen Dank.“ Sie nickte lächelnd und konzentrierte sich wieder auf Moira.

Reeds Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr.

Wenn diese Frau darauf aus war, die zukünftige Mrs Sullivan zu werden, dann stellte sie sich dabei aber alles andere als geschickt an. Nicht dass sie überhaupt jemals auch nur die kleinste Chance gehabt hätte. Aber sie schien nicht die leiseste Ahnung zu haben, dass selbst Bankdirektoren und Firmenchefs vor seinem finsteren Gesichtsausdruck erzitterten.

„Tja, also ich denke, dass seine Mannschaftskollegen dem Lavendelduft bei einem Gedränge nicht allzu viel abgewinnen könnten. Er würde sich unangenehm mit dem männlichen Geruch nach Blut und Schweiß mischen …“

„Vielleicht haben Sie recht“, stimmte Moira zu, ohne eine Miene zu verziehen. Auch ihr schien Reeds Missmut nicht aufzufallen. „Trotzdem halte ich es für wichtig, dass Reed Ihre Produkte kennenlernt.“

„Er könnte sich einfach die Rezepturen ansehen.“

„Natürlich! Was für eine hervorragende Idee!“ Moira griff zu einer der neben ihr auf dem Sofa gestapelten Schuhschachteln, öffnete den Deckel und begann darin zu wühlen.

Reed fiel auf, dass sich weder Schuhe noch Kosmetikartikel in der Schachtel befanden, sondern Berge von Papier, die wahllos hineingestopft worden zu sein schienen.

„Wo sind sie denn nur?“, murmelte Moira abwesend, als spräche sie mit sich selbst. „Die Rezeptur für diese wunderbare Handlotion hatte ich doch vor ein paar Minuten noch in der Hand.“

„Wieso zum T…“ Reed konnte es sich gerade noch verkneifen, in Gegenwart seiner Urgroßmutter eine so unschöne Formulierung zu gebrauchen. „Wieso in aller Welt sollte ich mir die Rezeptur für eine Handlotion ansehen wollen?“, fragte er schließlich. „Aber natürlich werde ich sie mir ansehen, wenn ich dir damit eine Freude machen kann“, fügte er schnell hinzu, als Moira ihn strafend ansah.

Die Flügeltür zum Wohnzimmer wurde geöffnet. „Der Tee, Ma’am.“ Eddie rollte den zweirädrigen Servierwagen in den Raum.

„Sehr gut.“ Moira schenkte ihrem Butler ein zufriedenes Lächeln. „Ich bin schon ganz ausgedörrt. Wahrscheinlich geht es unseren Gästen da ähnlich. Diese geschäftlichen Angelegenheiten machen einfach durstig.“

„Geschäftliche Angelegenheiten?“, wiederholte Reed. War ihm hier etwas entgangen? „Was für eine Art von …“

„Stellen Sie den Wagen bitte hierher.“ Moira deutete auf eine Stelle zwischen Zoes Platz auf dem Sofa und Reeds Ohrensessel. „Das wäre dann alles, Eddie. Wir werden uns selbst bedienen, danke.“

Eddie verließ nach einer leichten Verbeugung den Raum.

Moira deutete auf den Teewagen. „Zoe, meine Liebe, würden Sie uns bitte Tee eingießen? Ich fürchte, die Teekanne ist zu schwer für meine alten Knochen.“

„Gerne.“ Zoe stellte die riesige Stofftasche, die noch immer auf ihren Knien geruht hatte, auf den Boden und erhob sich. Dabei blieb der voluminöse Mohair-Schal auf dem Sofa zurück.

Die Frage, mit der Reed sich gerade nach dem Gesundheitszustand seiner Urgroßmutter hatte erkundigen wollen, blieb ihm im Halse stecken – ein unglaublicher Körper, in der Tat.

Zoe Moon sah aus wie eine Göttin … eine Amazone … ein Playboy-Playmate des Jahres, ach was: des Jahrzehnts!

Ihr Körper schien nur aus sinnlich lockenden Kurven zu bestehen: straffe, perfekt geformte Brüste, die sich üppig gegen das sportliche weiße Hemd abzeichneten, eine unbeschreiblich schmale Taille, die von dem goldfarbenen Ledergürtel, den sie trug, noch unterstrichen wurde, wohl gerundete Hüften und in den engen dunkelgrünen Samthosen unendlich lang wirkende schlanke Beine.

Wie hatte Eddie sie vorher beschrieben? Attraktiv? Gut und schön, aber das war noch nicht einmal die halbe Wahrheit!

Reed lief buchstäblich das Wasser im Munde zusammen, als er Zoe Moon dabei zusah, wie sie Tee in eine der teuren Porzellantassen seiner Großmutter goss.

„Zucker? Zitrone? Milch?“, fragte sie ihre Gastgeberin und blickte sie dabei mit ihren ausdrucksvollen braunen Augen an.

Moira wandte ihre Aufmerksamkeit kurz von der Schuhschachtel auf ihrem Schoß ab und antwortete: „Nichts, meine Liebe, danke. Aber ich hätte gerne einen von diesen Butterkeksen. Legen Sie ihn einfach hierher.“ Sie deutete mit dem Kopf auf eine freie Stelle vor sich auf den Tisch, bevor sie sich wieder dem Inhalt der Schuhschachtel widmete. „Ich weiß genau, dass es hier sein muss“, murmelte sie, während sie sorgfältig einen Papierstapel nach dem anderen unter die Lupe nahm.

„Was suchst du denn eigentlich, Gr…“

„Und Sie, Mr. Sullivan?“, fragte Zoe und wandte sich mit einer leeren Teetasse zu ihm um. „Was möchten Sie?“

Dich, dachte Reed den Bruchteil einer Sekunde, bevor er sich wieder zusammenreißen konnte. Nackt, im Bett, unter mir, vor Lust stöhnend.

Zoe lächelte und schüttelte den Kopf, als könne sie Gedanken lesen. „In Ihren Tee“, fügte sie hinzu.

Und Reed Sullivan, Erbe des Sullivan-Imperiums, Finanzgenie und Mann von Welt, fühlte sich augenblicklich wie damals, als ihn Schwester Mary bei dem Versuch ertappt hatte, in der Pause auf dem Klettergerüst Patsy Flannery unter den Rock zu schauen. Und genau wie damals öffnete er den Mund, um sich zu verteidigen, aber seine Stimme versagte. Er konnte nur hoffen, dass er nicht auch noch rot wurde.

„Mr. Sullivan?“, riss ihn Zoe aus seinen Gedanken. Mittlerweile hatte sie die Tasse mit Tee gefüllt und erwartete mit der Zuckerzange in ihrer mehrfach beringten Hand seine Antwort.

Unwillkürlich hatte er eine Vision, in der Zoe Moon genauso vor ihm stand wie im Augenblick – doch nackt. Nein. Nicht nackt. In seiner Vision trug sie Schuhe mit hohen Pfennigabsätzen und ein hauchdünnes schwarzes, spitzenbesetztes Schürzchen mit …

„Mr. Sullivan!“, sagte Zoe scharf, als wüsste sie genau, was in seinem Kopf vorging.

Vielleicht war aber auch nur sein schlechtes Gewissen daran schuld, dass sie genauso klang wie Schwester Mary damals auf dem Spielplatz.

„Ein Stück Zucker.“

„Ein Stück Zucker.“

Geschickt fischte Zoe mit der silbernen Zange ein Stück Zucker aus der Zuckerdose und ließ es vorsichtig in die Teetasse gleiten. Dann nahm sie einen der kleinen Löffel, rührte einige Male um und ließ den Löffel am Rand der Tasse vorsichtig abtropfen, bevor sie ihn auf die Untertasse legte. Dabei streifte sie versehentlich eines der mit Zuckerguss überzogenen Petits Fours und hob geistesabwesend die Hand an den Mund, um ihren Fingerknöchel abzulecken.

Bewegungsunfähig saß Reed in seinem Sessel und beobachtete fasziniert jede ihrer vollendeten Bewegungen. Ihre Zunge war fast so rosa wie der Zuckerguss. Und wahrscheinlich auch genauso süß …

„Ihr Tee, Mr. Sullivan.“

Reed kehrte aus einer kurzen, aber aufregenden Fantasie, in der er Zuckerguss von Zoe Moons Fingern – und diversen anderen Körperteilen – leckte, auf den Boden der Wirklichkeit zurück, in der sie vor ihm stand und ihm seinen Tee buchstäblich unter die Nase hielt. Verzweifelt versuchte er sein Bestes, sie sich nicht wieder nackt vorzustellen, doch seine Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Sie gehörte einfach zu jener Art Frau, die erotische Fantasien geradezu provozierte. Er fragte sich, wie sie wohl in einem jener zarten Spitzengebilde aussah, die man in Dessouskatalogen bewundern konnte. Vielleicht etwas in Schwarz mit Strapsen, verziert mit Blümchen im gleichen Farbton wie der Zuckerguss der Petits Fours?

„Hoffentlich ist es so recht“, sagte Zoe.

„Sicher, vielen Dank“, antwortete er trotz der Bilder, die durch seinen Kopf geisterten, zuvorkommend, während er sich anschickte, die Teetasse aus ihrer Hand entgegenzunehmen. Zum ersten Mal im Leben hatte er das Gefühl, dass sich die jahrelangen Lektionen in gutem Benehmen auszahlten.

Ihre Finger berührten sich.

Eine Hitzewelle jagte durch die Nervenzellen seines Arms direkt in sein Gehirn und löste dabei vor allem in tiefer liegenden Regionen alle Alarmglocken aus. Einen kurzen Moment lang sah sie ihm überrascht in die Augen, als hätte sie etwas Ähnliches gefühlt, dann ließ sie die Untertasse los und wandte sich ab. Reeds Finger zitterten so stark, dass er die andere Hand zu Hilfe nehmen musste, um der schwankenden Teetasse in der Untertasse Halt zu geben und keinen Tee zu verschütten.

„Hier ist es ja!“, rief Moira triumphierend. „Ich wusste, ich hatte es in dieser Schachtel gesehen.“

„Was hast du in dieser Schachtel gesehen?“, fragte Reed, ohne seinen Blick von Zoe abzuwenden.

Sie drehte ihm nun den Rücken zu, während sie sich selbst so ruhig Tee eingoss, als hätte es diese spannungsgeladene Berührung zwischen ihnen niemals gegeben.

„Die Rezeptur“, antwortete Moira.

„Die was?“, murmelte Reed zerstreut, während er sich überlegte, wie wunderbar es aussehen musste, wenn Zoes Haarpracht über ihren nackten Rücken fiel … und wie es sich anfühlen würde, sie in die Hand zu nehmen … und ob die Locken zwischen ihren schlanken Oberschenkeln wohl dieselbe flammend rote Farbe wie jene auf ihrem Kopf besaßen.

„Die Rezeptur, die du dir ansehen sollst“, sagte Moira ungeduldig. „Ich habe sie gefunden.“

Reed zwang sich dazu, seine Augen lange genug von Zoe abzuwenden, um seiner Urgroßmutter einen Blick zuwerfen zu können.

„Und was genau ist das für eine Rezeptur?“, erkundigte er sich wenig begeistert.

„Die Rezeptur für Zoes wundervolle Handlotion. Hast du denn überhaupt nicht zugehört? Reed?“ Ihr Tonfall wurde vorwurfsvoll. „Junger Mann! Hörst du, was ich sage?“

„Entschuldige, Grandma.“ Mit übermenschlicher Anstrengung wandte er sich Moira zu. „Du hast meine volle Aufmerksamkeit.“ Zumindest würde sie diese haben, sobald sich Zoe entschloss, wieder auf dem Sofa Platz zu nehmen, sodass sie zurück in sein Blickfeld rückte. „Also, was soll ich mir ansehen?“

„Vorerst einmal diese Rezeptur“, antwortete Moira und reichte ihm ein Stück Papier. „Und danach natürlich auch noch den Rest dieser Unterlagen.“ Dabei deutete sie mit dem Zeigefinger auf die Schuhschachtel auf ihrem Schoß.

„Den Rest der Unterlagen?“ Reeds Blick wanderte zu Zoe hinüber, die sich erneut auf ihrem Platz auf dem Sofa niederließ.

Beiläufig streifte sie sich eine lange, widerspenstige Strähne aus dem Gesicht und legte ihre Beine übereinander – ihre unendlich langen, schlanken, mit Samt umhüllten Beine –, wobei sie die Teetasse elegant in der linken Hand balancierte.

„Ähm …“ Reed schluckte und zwang sich, seinen Blick wieder zurück auf Moira zu lenken. „Was für Unterlagen?“

„Oh …“ Moiras Brillantring funkelte, als sie eine unbestimmte Handbewegung machte. „Alles Mögliche. Rechnungen, Quittungen, Kontoauszüge und so weiter“, sagte sie leichthin, womit es ihr schließlich gelang, die Aufmerksamkeit ihres Urgroßenkels endgültig auf sich zu ziehen.

Denn Moira Sullivan sagte nie etwas leichthin. Niemals.

„Zoe hat nicht nur ihre Rezepturen, sondern auch ihre Buchhaltung mitgebracht.“ Sie lächelte der jungen Frau aufmunternd zu. „Sie haben doch alles hier, nicht wahr?“

„Alles, von dem ich dachte, es könnte vielleicht nützlich sein.“ Zoe deutete auf die Stofftasche zu ihren Füßen. „Was nicht in den Schuhschachteln ist, ist hier in dieser Tasche.“

„Nützlich?“, schaltete sich Reed ein. „Nützlich inwiefern?“ Er lehnte sich vor und stellte seine Teetasse auf dem Couchtisch ab, um sich voll auf die Unterhaltung konzentrieren zu können. Er hatte das unbestimmte Gefühl, auf Grund der libidinösen Spannung in seinem Gehirn, aber auch in anderen Teilen seines Körpers, irgendein wichtiges Detail verpasst zu haben. „Worum geht es hier eigentlich?“

„Also wirklich, Reed“, sagte Moira strafend. „Du hast offenbar tatsächlich nicht zugehört. Ich möchte, dass du dir Zoes Unterlagen für mich ansiehst.“

„Das habe ich schon verstanden. Aber weshalb?“

„Weil ich ihr das Geld leihen möchte, um ein richtiges Unternehmen aufzubauen. Und ich möchte, dass du uns sagst, wie sich das am besten machen lässt.“

2. KAPITEL

Reed stand auf. „Du bleibst sitzen, Grandma. Miss Moon und ich finden allein hinaus.“

Moira lehnte sich auf dem Sofa zurück, ohne auch nur Anstalten zu machen, Einspruch zu erheben. „Ich danke dir, mein Junge. Meine alten Knochen wollen wirklich nicht mehr so richtig.“ Sie streckte Zoe die Hand entgegen. „Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit“, sagte sie, während sich die beiden Frauen die Hand schüttelten. „Es wird richtig aufregend werden. Sobald Reed die Formalitäten erledigt hat, werden wir eine kleine Party geben.“ Moira Sullivan lächelte bei dem Gedanken daran. „Am besten ein festliches Dinner mit Smoking für die Herren, damit wir Ladies uns auch ein wenig herausputzen können. Und mit viel Champagner. Mögen Sie Champagner, Zoe?“

„Ich liebe Champagner.“ Einem plötzlichen Impuls folgend küsste Zoe ihre Gastgeberin auf die Wange. „Vielen Dank“, flüsterte sie und drückte vorsichtig die zerbrechliche Hand der alten Dame.

Ich danke Ihnen.“ Moira erwiderte Zoes Händedruck mit einer für ihr Alter geradezu erstaunlichen Kraft. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so auf etwas gefreut. Wir werden sicher viel Spaß zusammen haben.“ Mit fast kindlicher Freude lächelte sie ihren Urgroßenkel an. „Findest du nicht auch, mein Junge?“

Zoe konnte sich schwer vorstellen, dass das Wort, mit dem Mr. Reed Sullivan die augenblickliche Lage charakterisieren würde, auch nur im Entferntesten etwas mit Spaß zu tun haben könnte. Wenn sie sich nicht vollkommen täuschte, war er alles andere als begeistert gewesen, nachdem ihm klar geworden war, was seine Urgroßmutter beabsichtigte. Ganz im Gegenteil – den Blick, den er ihr zugeworfen hatte, konnte man nur als angewidert bezeichnen.

„Mal sehen“, sagte Reed vorsichtig und bestätigte damit Zoes Vermutung. „Es ist noch zu früh, um schon solche Pläne zu machen.“

Er legte Zoe die Hand auf den Rücken, wie um sie möglichst schnell aus dem Zimmer zu schieben. Doch abrupt zog er sie wieder zurück, als hätte er sich verbrannt. Die Berührung durchzuckte Zoe wie ein Stromschlag. Sie machte einen Schritt zur Seite, blieb stehen und drehte sich zu Reed um. „Um diese Jahreszeit ist die Luft oft statisch aufgeladen“, sagte sie und lächelte geheimnisvoll.

„Ja“, stimmte Reed zu und entfernte sich ebenfalls einen Schritt von ihr. „Das wird es sein. Grandma, du solltest Eddie bitten, den Luftbefeuchter ein weniger höher zu stellen. Miss Moon?“ Er machte eine Handbewegung, mit der er ihr bedeutete, zur Flügeltür vorauszugehen.

Obwohl er die personifizierte Höflichkeit zu sein schien, konnte der Mann es ganz offensichtlich kaum erwarten, dass sie das Wohnzimmer seiner Urgroßmutter verließ. Und sich weit von deren Scheckbuch entfernte. Er verbarg seine Ungeduld hinter guten Manieren und einem unverbindlichen Lächeln, das sie innerhalb der letzten Monate schon in den Gesichtern von mindestens einem halben Dutzend Bankiers gesehen hatte. Zoe wusste genau, was er dachte. Wenn es nach ihm ginge, würde sie das Geld nie bekommen. Nur gut, dass es nicht nach ihm ging.

„Hoffentlich“, murmelte sie leise.

„Wie bitte?“

Zoe schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich habe nur laut gedacht.“

„Oh.“ Erneut streckte er die Hand aus, höflich, aber bestimmt. „Nach Ihnen.“

Spontan beschloss Zoe, dass es ihm guttun würde, sich ein wenig in Geduld zu üben. Sie hatte nicht den Eindruck, dass dieser Mann auch nur gelegentlich auf irgendjemanden oder irgendetwas warten musste, und es konnte ihm keinesfalls schaden, wenn sie ihn jetzt dazu zwang.

Sie stellte ihre schwere Stofftasche auf dem Boden ab und begann, in einer der Plastiktüten zu wühlen, die sie in der linken Hand trug.

„Wieso lasse ich Ihnen eigentlich nicht ein wenig Handcreme hier?“, sagte sie an Moira gewandt. „Dann können Sie diese mit der Lotion vergleichen und feststellen, welche Ihnen mehr zusagt.“ Schließlich förderte sie einen flachen grünen Glastiegel zu Tage und reichte ihn Moira. „Verwenden Sie eine Woche lang die Lotion an der einen und die Creme an der anderen Hand, damit wir herausfinden, mit welcher die Haut zarter und feuchter wird. Das ist dann sozusagen …“, über ihre Schulter hinweg lächelte sie Reed harmlos an, „…

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