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Helmut Kohl

Über dieses Buch

Bekannt und geachtet ist Helmut Kohl als Kanzler der deutschen Einheit. Doch sie ist nicht Kohls einziges Verdienst. Henning Köhler zeigt, dass die Deutschen mit ihm gleich in mehrfacher Hinsicht eine Wende erlebten. Die erste, bereits 1982 von Medien und Opposition verspottet, half, die Wirtschaftskrise zu überwinden und die Nachrüstung durchzusetzen. Fest davon überzeugt, das historisch Richtige zu tun, hielt er an der Einheit der Nation auch dann fest, als dies nicht dem Zeitgeist entsprach. Seine Überzeugung und der von ihm souverän genutzte weltpolitische Umbruch ermöglichten »die Wende« – die deutsche Einheit, die über einen schwierigen, aber zäh durchgehaltenen Weg auch zur wirtschaftlichen und sozialen Einheit Deutschlands führte.

Eine Wende brachte Kohl schließlich auch Europa – indem er maßgeblich an der Einführung von Binnenmarkt und Währungsunion mitwirkte.

Früh schlug Helmut Kohl aus Medien und Opposition Kritik entgegen. Sie und die Spendenaffäre am Ende seiner Amtszeit prägen noch heute das Bild des Altkanzlers in der Öffentlichkeit. Zeit für eine Gesamtbewertung dieses Lebenswerks. Detailliert und kenntnisreich zeichnet Henning Köhler Helmut Kohls Leben für die Politik nach – eine umfassende politische Biografie.

Über den Autor

Henning Köhler war bis 2003 Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und wurde u. a. durch seine Arbeiten ADENAUER. EINE POLITISCHE BIOGRAFIE (1994) und DEUTSCHLAND AUF DEM WEG ZU SICH SELBST. EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE (2002) einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Gastprofessuren führten ihn 1981/82 an die Stanford University und 1987/88 sowie 1996/97 an das Institute for Advanced Study in Princeton. Köhler ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in Berlin-Lichterfelde.

HENNING KÖHLER

Helmut Kohl

Ein Leben für die Politik

DIE BIOGRAFIE

INHALT

  1. Vorwort
  2. I. Die Anfänge 1945–1958
    1. »Ohne geistige Enge« – das Elternhaus
    2. Eine politische Schuljugend 1945–1950
      1. Eintritt in die Junge Union
    3. Der »junge Kohl« – die Fünfzigerjahre
      1. Aufstieg im Landesverband
      2. Geschichte statt Politik
      3. Abgeordneter im Mainzer Landtag
      4. Familiengründung
  3. II. Die Modernisierung von Rheinland-Pfalz 1959–1969
    1. Blitzstart in verkrustetem Gelände
      1. Networking nach allen Seiten
    2. Der Fraktionsvorsitz als Machtbasis
      1. Das Team entsteht
      2. Dauerbrenner Bekenntnisschule
    3. Die Wachablösung
      1. Ein Kraftakt – die Verwaltungsreform
    4. Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz
      1. Die Achtundsechziger und das Hochschulgesetz
      2. Regierungsalltag und Glanzlichter
      3. Lebensmittelpunkt Rheinland-Pfalz
  4. III. Politik auf Bundesebene 1962–1972
    1. Der Reformer im Bundesvorstand
    2. Gegen Große Koalition und Mehrheitswahlrecht
    3. Nach dem Machtverlust: Wer wird Parteivorsitzender?
    4. Kohl und die sozialliberale Ostpolitik
  5. IV. Zehn harte Jahre: Parteivorsitzender – Kanzlerkandidat – Oppositionsführer 1973–1982
    1. Der neue Parteivorsitzende und sein Generalsekretär
    2. Die Reaktion auf den Rücktritt Willy Brandts
    3. Das Ringen um die Kanzlerkandidatur
    4. Das Wahljahr 1976
      1. Der Warschauer Vertrag
      2. Der Wahlkampf kommt in die heiße Phase
      3. Getrennte Schwestern? – Der CSU-Beschluss in Wildbad Kreuth
    5. Die Kärrnerarbeit als Oppositionsführer 1976–1979
      1. Der Terror der RAF
      2. Geißler und der CDU-Bundesparteitag in Ludwigshafen
    6. Die bitterste Niederlage
      1. Das Memorandum des Kurt Biedenkopf
      2. Der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur 1979
      3. Wahlkampf für Franz Josef Strauß
      4. Die sozialliberale Koalition wankt – Genschers »Wende-Brief« und die Folgen
      5. Auf ein Neues: Die Frage der Kanzlerkandidatur
    7. Die Wende – Kohl wird Kanzler
      1. Kabinett und Kanzleramt
      2. Die erste Regierungserklärung
      3. Bestätigung – die Bundestagswahl 1983
  6. V. Die Ära Kohl (I) 1982–1990
    1. Die großen Herausforderungen: Wirtschaftliche Konsolidierung und Nachrüstung
      1. Der Kampf gegen die Rezession
      2. Die Nachrüstung wird durchgesetzt
    2. Turbulenzen
      1. Der Milliardenkredit an die DDR
      2. Der Israel-Besuch im Januar 1984
      3. Die Wörner-Kießling-Affäre
    3. Ein Gegner im höchsten Staatsamt – Richard von Weizsäcker wird Bundespräsident
    4. Die Flick-Spendenaffäre
      1. Stühlerücken – die personalpolitischen Konsequenzen
    5. Das außenpolitische Szenario
      1. Die USA und Ronald Reagan
      2. Der französische Nachbar – François Mitterrand
    6. Versöhnung über Gräbern: Von der Normandie nach Bitburg
    7. Deutschland von innen
      1. 40 Jahre Kriegsende – der 8. Mai 1985
    8. Das erste Kanzlertief 1985
      1. Geschichtspolitik und Geschichtsmuseen – Politik für die deutsche Einheit
    9. Die Bundestagswahl 1987 – ein unerwartetes Ergebnis
      1. Der schwierige Neustart der Koalition
      2. Der Streit um die Abrüstung
    10. Deutschlandpolitik auf verschiedenen Bühnen
      1. Die 750-Jahr-Feier Berlins 1987
      2. Erich Honecker auf Deutschland-Besuch
    11. Die Spannungen nehmen zu – Ärger mit Reformen und andere Stolpersteine
      1. Die Steuerreform
      2. Der Kampf gegen Heiner Geißler
      3. Ein Kanzler im Sinkflug
    12. Die Wiedervereinigung
      1. Die Mauer fällt
    13. Das Zehn-Punkte-Programm
      1. Weichenstellungen im Januar 1990
    14. Der Kanzler im Kreml
    15. Von der »Allianz für Deutschland« zum Sieg bei der Volkskammerwahl
    16. Kohl in Camp David und die polnische Westgrenze
    17. Finale im Kaukasus
    18. Der Einheit entgegen
  7. VI. Die Ära Kohl (II) 1990–1998
    1. Die Mühen der Ebene
      1. Zum Auftakt noch einmal Erfolg: die Bundestagswahl 1990
    2. Die Hauptstadtfrage
    3. Absturz – mit einem Hoffnungszeichen
      1. Erfolgreiche Integration der Nationalen Volksarmee
      2. Personalpolitische Probleme
    4. Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik
    5. Stühlerücken – Veränderungen in Kabinett und Kanzleramt
      1. Deutsche Befindlichkeiten
    6. Im Vorfeld der Bundestagswahl 1994
      1. Gestärkt in den Wahlkampf – der Hamburger Parteitag
      2. Stimmungsbarometer Landes- und Europawahlen
    7. Der Vertrag von Maastricht
    8. Erfüllung in der Außenpolitik: Der ehrliche Makler
      1. »Hilfreich, aber nicht federführend«
    9. Ein knapper Sieg
    10. Der Weg in die Niederlage
    11. Die Ächtung durch die Spendenaffäre
    12. Die persönliche Katastrophe
  8. Ein Leben für die Politik
  9. Anhang

VORWORT

Helmut Kohls Lebensweg ist von Gradlinigkeit bestimmt. An einmal für richtig erkannten Zielen hielt er unerschütterlich fest, auch wenn der Zeitgeist inzwischen neue Prioritäten gesetzt hatte. Die Einheit der Nation stellte er nie infrage, mochten die Medien auch immer nachdrücklicher ihre Aufgabe empfehlen. Aber er hatte nicht nur dieses eine, im Grunde nationale Ziel. Für ihn stellte Europa zugleich die zweite große Herausforderung dar, die für ihn untrennbar mit der Wiedervereinigung verbunden war. Das waren, wie er immer wieder betonte, die zweiten Seiten einer Medaille. Nur diese doppelte Zielsetzung machte es möglich, mit dem Fall der Mauer die einmalige Chance in Deutschland und Europa erfolgreich zu nutzen.

Die vielleicht größte Leistung Helmut Kohls ist im Grunde gar nicht darstellbar. Sie besteht in dem unablässigen Bemühen um den deutschen Einigungsprozess. Der Kanzler wusste, dass das Zeitfenster knapp bemessen war und schnelle Lösungen notwendig machte. Als Regierungschef musste er dabei die internationale wie die nationale Seite stets im Auge haben und dafür Sorge tragen, dass die komplizierten innerdeutschen Entscheidungen rechtzeitig erfolgten. Das ist ihm in einzigartiger Weise gelungen.

Helmut Kohls Ringen um Lösungen auf der europäischen Ebene waren wichtige Schritte auf dem Weg zur politischen Union Europas, die alle Mühen und Zugeständnisse aufwogen. Er wollte unbedingt diese Union erreichen, ja, er musste sie aus seiner Sicht erreichen, sollte in Europa der Frieden erhalten bleiben.

Helmut Kohl ist lange unterschätzt worden. Schon am 16. Mai 1967 schrieb die »Frankfurter Rundschau«: »Helmut Kohls Stern beginnt zu verblassen.« Und richtig – ist man versucht zu sagen –, kaum waren drei Jahrzehnte vergangen, sollte er seine erste Wahl verlieren und wegen einer Spendenaffäre der Verdammung anheimfallen. An Fehlurteilen über diesen Kanzler ist kein Mangel. Was die Medien in mehr als dreißig Jahren an Bildern und Zerrbildern vermittelt haben, ist kaum zu überblicken. Dennoch wird hier der Versuch unternommen, das Leben des Staatsmannes Helmut Kohl aus historischer Sicht und nicht aus der Zeitgenossenperspektive darzustellen.

Die Aktenpublikation des Kanzleramts zur deutschen Einheit gibt wertvolle Einblicke in die Politik des Kanzlers während des »deutschen Jahres«, auch wenn manche Stücke vermisst werden. Mitunter ist auch die bewährte, mittlerweile etwas vernachlässigte Methode der Quellenkritik heranzuziehen, um die Überlieferungen richtig einordnen zu können, da die Bekundungen der Akteure mit anderen Zeugnissen nicht immer übereinstimmen. Das zeigt zum Beispiel die Entstehungsgeschichte des Zehn-Punkte-Programms. Der Historiker pflegt gemeinhin auf schriftliche Quellen zu vertrauen. Im Zeitalter von Telefon und Computer werden Entscheidungen aber oft nicht mehr auf eine Weise dokumentiert, dass sie schließlich im Archiv landen können. Zudem gibt es dort feste Sperrfristen. Deshalb gestaltete sich die Quellensuche für dieses Buch nicht ganz einfach. Die Auswertung der Presse und das Befragen von Zeitzeugen waren wichtige Bestandteile der Arbeit.

Auf zentrale Aktenbestände oder wichtige Nachlässe in staatlichen Archiven konnte nicht zurückgegriffen werden. Die Protokolle der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die erstmals systematisch ausgewertet wurden, bilden eine rühmliche, außerordentlich wichtige Ausnahme. So ist umfangreiches Material erschlossen worden, das vermuten lässt, dass neue, später zugängliche Quellen kaum wesentliche Veränderungen des hier gezeichneten Bildes herbeiführen werden.

Helmut Kohls Leben für die Politik fand – mit der Spendenaffäre als in Erinnerung bleibendem Schlusspunkt – ein Ende, das er nicht verdient hat. Eine kritische, aber um Objektivität bemühte Geschichtsschreibung sollte bestrebt sein, die Politik dieses Kanzlers zu erforschen und das allgegenwärtige, von den zeitgenössischen Medien gezeichnete Bild zu hinterfragen. Um nichts anderes habe ich mich in den vergangenen Jahren beim Schreiben dieses Buches bemüht.

Berlin, im Sommer 2014

Henning Köhler

I.
DIE ANFÄNGE 1945–1958

Als die Besatzungsmächte 1945 durch eine Neugliederung die Grenzen des Landes Rheinland-Pfalz festlegten, wurden Gebiete zusammengebracht, die nie zueinander gehört hatten. Das Ergebnis wurde denn auch abschätzig als »Kunstgebilde«, als »Land aus der Retorte« bezeichnet. Das neue Land Rheinland-Pfalz brauchte Jahrzehnte, bis seine Bürger sich endgültig mit ihm identifiziert hatten. Den Westmächten war es bei der Aufteilung in erster Linie darum gegangen, dem französischen Partner eine Besatzungszone abzutreten, die möglichst nur Gebiete umfassen sollte, die wie Eifel, Hunsrück und Westerwald wirtschaftlich nicht besonders ertragreich waren. Das neue Rheinland-Pfalz war ein armes Land mit wenig Industrie, zudem schlecht erschlossen.

Nach der Festlegung der Besatzungszonen hatte der Norden des heutigen Rheinland-Pfalz – die Regierungsbezirke Koblenz und Trier –, der zu der ehemaligen preußischen Rheinprovinz gehört hatte, mit dem wirtschaftlich starken Nordrhein-Westfalen geliebäugelt. In Rheinhessen hätte man sich eine Vereinigung mit dem von den Amerikanern geschaffenen Land Hessen gut vorstellen können, und in der ehemals bayerischen Pfalz, vor allem in deren Süden, gab es Tendenzen, sich über den Rhein nach Baden zu orientieren – schließlich waren Heidelberg und später Mannheim für Jahrhunderte die Residenz der Kurfürsten von der Pfalz gewesen.

Bereits im Jahre 1815 war auf dem Wiener Kongress eine Neugliederung im Westen beschlossen worden, die auf historisch gewachsene Strukturen keine Rücksicht genommen hatte. Unter dem frischen Eindruck der napoleonischen Kriege galt es, eine Abwehr gegen künftige französische Angriffe zu organisieren. Preußen musste widerwillig – es hätte lieber Sachsen annektiert – weite Teile des Rheinlandes als Eckpfeiler der Verteidigung übernehmen. Mainz, das älteste deutsche Erzbistum, verlor den Rang als Erzdiözese und wurde zur Festung des Deutschen Bundes degradiert. Der größte Teil der Pfalz wurde Bayern zugeschlagen, um auch diesen Staat am Rhein zu engagieren. Die hier geschaffene Ordnung hatte weit über hundert Jahre Bestand gehabt. Die Bewohner hatten sich an die bestehende Verwaltungsgliederung gewöhnt. Zudem hatte die Industrialisierung Veränderungen bewirkt, auf die man nicht leichtfertig verzichten wollte. Kein Wunder, dass viele Bewohner im Jahr 1945 im neuen Land Rheinland-Pfalz mehr Nachteile als Vorteile erkennen konnten. Damals war nicht abzusehen, dass die Pfalz einmal zum Kraftzentrum des Landes würde und seine Bürger sich gar nicht mehr vorstellen könnten, dass ihr Land einmal als »Kunstgebilde« gering geschätzt worden war.

Helmut Kohl ist in die Geschichte dieses Landes seit seiner Gründung, seit dem politischen Neuanfang nach 1945 einbezogen. Die Schwäche des Landes, das so viele Gegner in den eigenen Reihen hatte, kam ihm zugute. Für ihn war Rheinland-Pfalz der gegebene Rahmen für den ersten Abschnitt seines politischen Wirkens, nie aber Selbstzweck. Als Pfälzer besaß er ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, das bestimmt war von der Erinnerung an die Pfalz als dem Kernland des Reiches, das durch die Kaiserdome und den Trifels machtvoll in die Gegenwart hineinragte, aber auch an die Gefährdung als Grenzland, an die Burg- und Schlossruinen überall erinnern.

»Ohne geistige Enge« – das Elternhaus

Als drittes Kind des Ludwigshafener Finanzbeamten Hans Kohl wurde Helmut Kohl am 3. April 1930 in Friesenheim geboren,1 einem einstigen Dorf auf dem westlichen Rheinufer, das schon vor der Jahrhundertwende von der rasant wachsenden Chemiemetropole Ludwigshafen eingemeindet worden war. Hans Kohl war kein Pfälzer; er stammte aus Franken, aus einer kinderreichen Bauernfamilie in Greußenheim in der Nähe von Würzburg. In seiner Jugend hatte der für Bauern schlimmste Schicksalsschlag seine Familie getroffen: Der Bauernhof brannte ab, und sie stürzte ins Elend. Der Junge wurde bei einem Müller untergebracht und entschloss sich später, zum Militär zu gehen. Das bedeutete damals den Eintritt in die bayerische Armee, denn nach der Verfassung von 1871 gehörte das Heerwesen in Friedenszeiten zu den Belangen der Einzelstaaten. Hans Kohls Regiment lag in Landau in der bayerischen Pfalz.

Der Militärdienst stellte im Kaiserreich eine oft genutzte Chance zum sozialen Aufstieg dar und half zugleich, die trostlose Existenz des Fabrikarbeiters zu vermeiden. Nicht die Liebe zum Kriegshandwerk war für Leute wie Hans Kohl ausschlaggebend, wenn sie Soldat wurden. Der Dienst im bunten Rock eröffnete einem armen Bauernsohn wie ihm eine durchaus attraktive Möglichkeit. Nach Beendigung der aktiven Dienstzeit und bei entsprechender Eignung war nämlich die Übernahme als Beamter möglich. Angesichts des hohen Sozialprestiges als Staatsdiener war dies eine interessante Perspektive. Für Hans Kohl sollte sie sich auch bewahrheiten: Er bewährte sich im Ersten Weltkrieg, wurde zum Leutnant befördert und am Ende als Oberleutnant verabschiedet.

Hier zeigt sich eine überraschende Parallele zu Konrad Adenauer. Auch dessen Vater war Berufssoldat und wurde nach dem Krieg gegen Österreich 1867 zum Leutnant befördert. Nach seiner Entlassung wurde er in die mittlere Beamtenlaufbahn übernommen. Es gibt nur einen kleinen, aber bezeichnenden Unterschied: Adenauers Vater konnte damals noch zum Offizier ernannt werden, nachdem er sich bis zum Feldwebel hochgedient hatte. Im Ersten Weltkrieg, zu Hans Kohls Zeiten, wäre eine solche Beförderung in Preußen nicht mehr möglich gewesen – es kam nur noch die Ernennung zum Feldwebelleutnant infrage. Und dies war eine Zwitterstelle, denn ein solcher übte zwar die Funktion eines Leutnants aus, blieb aber im Unteroffiziersstand mit der entsprechenden Uniform, war also kein »richtiger« Offizier. Dagegen betrieb die bayerische Armee keine solch verkrustete konservative Personalpolitik wie die preußische, mit der man vermeiden wollte, dass es nach dem Krieg zu viele Offiziere gab, die nicht als »standesgemäß« galten. In Bayern wurde militärische Führungsqualität mit der Beförderung zum Offizier belohnt.

Nach dem Krieg trat Hans Kohl seinen Dienst in der Finanzverwaltung an, er wurde Sekretär und schließlich Steuerobersekretär. Mehr Beförderungsmöglichkeiten gab es damals nicht, eine Übernahme in die höhere Laufbahn war im Bereich der Finanzverwaltung nicht möglich. Diese Undurchlässigkeit muss die Kritik Hans Kohls hervorgerufen haben. Nicht nur mit Kollegen, sondern auch zu Hause wird er darüber diskutiert haben. Und sein Sohn Helmut lernte viel aus diesen Gesprächen. Schon als Fraktionsvorsitzender, ohne jemals im Öffentlichen Dienst tätig gewesen zu sein, erwies sich dieser als gewiefter Beamtenpolitiker, der sich wiederholt für die pflegliche Behandlung der Beamtenschaft einsetzte und darüber hinaus stets die Bedeutung des »Stellenkegels« hervorhob. Das hieß nichts anderes als eine Auflockerung des Stellenplans. Nach Helmut Kohls Ansicht sollte es in einer Behörde nicht länger nur wenige höhere Beamte und eine große Zahl von mittleren Beamten mit geringen Beförderungschancen geben. Stattdessen sollten bei entsprechender Leistung mehr Beförderungen möglich sein, die Aussichten eröffneten, eine Stufenleiter erklimmen zu können. Die Vorstellungen sind seit den Siebzigerjahren verwirklicht – zwanzig Jahre zuvor waren sie noch heftig umstritten gewesen.

Eine andere Möglichkeit, sich hochzuarbeiten, praktizierte sein Großvater – den Aufstieg durch Bildung, durch den Beruf des Volksschullehrers. Kohls Mutter Cäcilie war eine geborene Schnur. Ihr Vater Josef kam aus dem Hunsrück und hatte in Trier die Präparandenanstalt besucht. So hieß damals die Institution, die Volksschullehrer ausbildete – noch nicht pädagogische Akademie oder pädagogische Hochschule. Um in die Präparandenanstalt aufgenommen zu werden, musste man lediglich die achtjährige Volksschule absolviert haben. Die Ausbildung dauerte vier Jahre; danach kamen die Absolventen in der Regel als Gehilfen in den Schuldienst.

Die Lehrerbesoldung war keineswegs einheitlich. Das Schulwesen lag in der Zuständigkeit der Kommunen, und da diese damals noch über eigene Steuerquellen verfügten, konnten sie die Lehrergehälter – wie übrigens auch die ihrer Beamten – selbst festsetzen. Eine Stadt, die Wert auf gute Schulen legte, konnte dieses Ziel erreichen, indem sie durch bessere Bezahlung Lehrer von anderen Städten oder Gemeinden abwarb. In den Dörfern, die im Einzugsbereich schnell wachsender Großstädte lagen, boten sich für tüchtige Lehrer besonders gute Chancen. Die Einwohnerzahl stieg, die Schulen mussten vergrößert werden. Der Gemeinderat stand vor vielen Problemen, die erörtert und gelöst werden mussten. Da die Gemeindeverwaltung erst in Ansätzen existierte, nahmen vielerorts die Lehrer eine wichtige Rolle als Ratgeber und auch Vermittler ein. Sie waren Respektspersonen, deren Urteil etwas galt.

In dieser Stellung muss man sich den Großvater Josef Schnur vorstellen. Er kam aus der preußischen Rheinprovinz in das Dorf bei Ludwigshafen, das schon wenige Jahre später, 1892, dorthin eingemeindet wurde. Als Rektor der Volksschule gelangte er in die für ihn erreichbare Spitzenposition. Er leitete zudem den Kirchenchor und war allseits als führende Persönlichkeit in Friesenheim anerkannt. Noch 1970 – vierzig Jahre nach seinem Tod – war die Kirche voll, als die Seelenmesse für ihn gelesen wurde, weil er seinen Schülern im Gedächtnis geblieben war. Zum Beispiel pflegte er mit der achten, der Abschlussklasse, zwei Wanderungen durchzuführen: die eine nach Worms, die andere nach Speyer. Mit der Bahn fuhr die Klasse hin, und zu Fuß ging es nach Besichtigung der Dome wieder zurück. Das war ein Bildungserlebnis und zugleich eine Gemeinschaftserfahrung, die haften blieben. Noch 1969, als Helmut Kohl zum rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten gewählt worden war, sagte ein SPD-Abgeordneter zu ihm, auch er habe ihm seine Stimme gegeben, allerdings keineswegs aus Zustimmung zu seiner Politik, sondern in Erinnerung an seinen Großvater. Eine späte, aber desto erstaunlichere Anerkennung für den Rektor Schnur.2 In der Schule eine Autorität, zudem außerordentlich musisch begabt und auf vielen anderen Gebieten geübt, war es Josef Schnur nicht schwergefallen, eine Frau zu finden. Er heiratete eine Bauerntochter aus Friesenheim, die ein Grundstück und eine stattliche Mitgift in die Ehe brachte, sodass ein geräumiges Haus mit sieben Zimmern gebaut werden konnte. Ein großer Garten mit über vierzig Obstbäumen, Bienenzucht und Kleintierhaltung kamen hinzu.

Die Tochter Cäcilie hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg Hans Kohl kennengelernt. Aber erst 1920 wurde geheiratet. 1922 wurde die Tochter Hildegard geboren, 1926 der Sohn Walter, und am 3. April 1930 kam Helmut zur Welt. Seinen Großvater hat dieser nicht mehr kennengelernt. Cäcilie und Hans Kohl zogen mit ihren Kindern in das Haus des Großvaters ein. Damit war die Lebenshaltung im Grunde festgelegt. Der Garten spielte eine wichtige Rolle, seine Pflege und die übrigen Aufgaben bis hin zur Futtersuche für die Kaninchen erforderte von allen disziplinierte Mitarbeit. Die Feststellung, Helmut Kohls Zuhause sei »ein typischer kleiner Beamtenhaushalt, also wie Millionen anderer«3 gewesen, trifft daher nicht zu. Abgesehen von der Schreckensvorstellung, dass es damals schon Millionen von Beamten gegeben haben könnte, war es gerade kein typischer Beamtenhaushalt, denn das geräumige Haus schuf eine Behaglichkeit des Wohnens, die viele, selbst höhere Beamte in ihren Wohnungen vermissen mussten. Der große Garten machte zwar zu seiner Erhaltung und Pflege jene »Sekundärtugenden« wie Fleiß und Zuverlässigkeit notwendig, die Jahrzehnte später seit den Studentenunruhen von manchen verächtlich gemacht wurden, aber er bot deutliche materielle Vorzüge: Da die Lebensmittelpreise in Deutschland damals hoch waren, senkten die Erzeugnisse des Gartens die Lebenshaltungskosten. Ein Teil der Früchte wurde für den Winter eingeweckt.

Seine Mutter Cäcilie, die Tochter des Rektors Schnur, verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie war eine Hausfrau im besten Sinne des Wortes, eine Frau, die unermüdlich tätig war, um Haus und Garten in Schuss zu halten. Aber sie war keine Nur-Hausfrau. Sie nahm regen Anteil an dem, was in der Nachbarschaft, der Kirchengemeinde, der Stadt, aber auch in der Politik vorging. Um sie herum entstand ein vorpolitisches Netzwerk, das aber schon in den politischen Raum hineinreichte. Sie war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Ihr Sohn charakterisiert sie als »eine großartige Frau, die mit großer Güte und zugleich mit Autorität und Entschiedenheit für ihre Familie gelebt und gewirkt hat«. Sie sei das eigentliche Zentrum der Familie gewesen: »Klug, intelligent, musisch sehr begabt und eine treue, praktizierende katholische Christin, war ihr jede geistige Enge fremd«4, auch in konfessioneller Hinsicht. So habe sie, berichtet Kohl, im Radio die evangelischen Gottesdienste bevorzugt, weil »in ihnen gründlicher, tiefer und besser gepredigt« wurde.5

Das politische Klima im Elternhaus Helmut Kohls suchte seinesgleichen. Die Eltern waren katholisch, aber ohne klerikale Begrenztheit, und zugleich waren beide politisch interessierte Anhänger der Zentrumspartei. Beim Vater ist eine mehr national gefärbte Haltung festzustellen, die sich auch aus seiner Soldatenzeit herleitet. An der Ablehnung Hitlers und des Nationalsozialismus besteht kein Zweifel. Die feste katholische Einbindung hatte die Eltern immun gemacht. Vater Kohl trat selbst aus dem »Stahlhelm« aus, nachdem dieser im Sommer 1933 gleichgeschaltet worden war. Gegenüber den Kindern waren die Eltern mit politischen Äußerungen zurückhaltend – das verstand sich in einer Diktatur ganz von selbst. Aus aufgeschnappten Bemerkungen kannten Helmut und seine Geschwister jedoch die Grundeinstellung der Eltern, ohne dass diese ihnen erklärt worden war.

Helmut Kohl verlebte in Friesenheim eine glückliche Kindheit. In den Ferien besuchte man die fränkische Verwandtschaft, wie überhaupt der Kontakt dorthin nicht abriss. Wenn er Jahrzehnte später in der Gegend Versammlungen abhielt, erschien eine zahlreiche Verwandtschaft, um ihn zu begrüßen.6

Mit dem Krieg und den sich mehrenden Bombenangriffen änderte sich das Leben grundlegend. Helmut Kohls Vater hatte kurz vor Ausbruch des Krieges ein ungewöhnliches Maß an Weitsicht gezeigt. Er kaufte für alle Familienmitglieder neue Fahrräder und dazu eine Ersatzbereifung. Außerdem ließ er im Garten eine Pumpe bohren. Ob er schon damals überzeugt war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, ist nicht sicher. Auf jeden Fall sah er eine längere Kriegsdauer voraus mit ähnlichen oder noch schlimmeren Versorgungsmängeln als im Ersten Weltkrieg. Bevor die Kriegsbewirtschaftung einsetzte, hatte er vorgesorgt, denn Fahrräder wurden rasch zu Mangelware. Doch nicht nur der schnelle Entschluss zum Kauf ist bemerkenswert. Höher einzuschätzen ist das finanzielle Engagement. Fünf neue Fahrräder entsprachen mehreren Monatsgehältern; es war also eine erhebliche Summe, die Hans Kohl bezahlte. Es gab gewiss Menschen, die trotz aller Propaganda skeptisch in die Zukunft schauten, aber mit Sicherheit nur sehr wenige, die aus dieser mangelnden Zuversicht heraus Konsequenzen zogen, etwa in der richtigen Einschätzung, dass Fahrräder im Kriegsalltag ungeheuer wichtig waren.

Vater Kohl selbst wurde bei Kriegsausbruch sofort als Oberleutnant eingezogen und war in Polen und Frankreich stationiert. In Polen erlangte er so viel Kenntnis von den dort verübten Verbrechen, dass ihm vor der Zukunft grauste. 1943 wurde er aus Gesundheitsgründen aus der Wehrmacht entlassen. Nur wegen des drückenden Offiziersmangels hatte er – Jahrgang 1887 – so lange dienen müssen. Für ihn schien der Krieg zu Ende zu sein. Ein Jahr später traf die Familie ein schwerer Schlag. Walter, der ältere Bruder, fiel im November 1944 in Westfalen einem Tieffliegerangriff zum Opfer. Die Nachricht löste bei Helmut eine schwere Erschütterung aus. Hatte sich Walter doch mit den Worten vom Bruder verabschiedet: »Pass auf dich auf, ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama.«7

Die Situation in Ludwigshafen wurde bald unhaltbar. Als ein wichtiges Zentrum der chemischen Industrie und damit der Kriegswirtschaft war die Stadt das Ziel schwerer Bombenangriffe. Die Schulen schlossen 1944. Die älteren Schüler wurden zum Arbeitsdienst oder gleich zur Wehrmacht eingezogen, die Fünfzehn- bis Siebzehnjährigen taten Dienst als Flakhelfer. Die Jüngeren wurden am Gymnasium in Speyer provisorisch unterrichtet. Ende des Jahres wurde Helmut Kohl mit seinen Mitschülern nach Berchtesgaden verfrachtet. Neben eher kümmerlichem Schulunterricht erhielten sie eine vormilitärische Ausbildung und mussten schanzen, und das bei zunehmend schlechterer Ernährung. Eine Unterbrechung des stumpfsinnigen Alltags boten nur die Fahrten auf dem Lkw nach München, wo sie Materialien aus Parteidienststellen abzuholen hatten. Das Wichtigste bei diesen Fahrten war der Stopp am Bahnhof in Rosenheim. Dort konnten sie eine Zusatzration Wurst und Brot fassen. Das Gefühl, einmal satt geworden zu sein, war aber nur die angenehme Seite. Im Frühjahr 1945 wurden solche Fahrten gefährlich. Bei einem Tieffliegerangriff auf der Autobahn lernte der junge Helmut Kohl Todesangst kennen.

Das Kriegsende in Berchtesgaden vermittelte ihm den denkbar gründlichsten Anschauungsunterricht über das Ende des Dritten Reiches. Ein schwerer britischer Bombenangriff, der auch den Berghof des »Führers« in Schutt und Asche legte, das sich ausbreitende Chaos, verursacht durch die in die angebliche Alpenfestung drängenden Dienststellen und Truppenteile, und der Terror der fliegenden SS-Standgerichte boten ein Untergangsszenario, das haften blieb. In dieser Situation, als fast alles zusammenbrach, funktionierte aber noch eines: die Post. Sie überbrachte Kohl eine Geldüberweisung über 1000 Reichsmark. Das war damals noch eine Menge Geld, da die Preise eingefroren waren. Wieder hatte sein Vater Weitsicht gezeigt. In dem Durcheinander des Kriegsendes konnte Geld – und zwar viel Geld – eine große Hilfe sein, um überhaupt etwas Essbares oder eine Fahrgelegenheit zu ergattern oder um sich aus einer heiklen Situation herauszuwinden. Was waren schon 1000 Mark, wird sich der Vater gesagt haben, wenn ich dafür dem letzten Sohn eine Überlebenschance verschaffe! Auf Helmut aber hatten das viele Geld und die elterliche Mahnung »Pass auf dich auf!« eine Wirkung wie ein »Donnerschlag«, denn es schien ihm wie »ein Abschied auf immer zu sein«.8 Auf eigene Faust schlug er sich mit Gefährten durch Bayern, Württemberg und Baden in Richtung Heimat durch.

Es war eine Irrfahrt, die wochenlang dauerte. Endlich am Rhein in Mannheim angekommen, hatte die Zeit der Prüfungen noch kein Ende. Mannheim war amerikanische, Ludwigshafen französische Zone. Der amerikanische Posten ließ sie auf ihre flehentlichen Bitten auf die Behelfsbrücke, das französische Gegenüber ließ sich jedoch nicht erweichen und schickte sie zurück. Erst am nächsten Morgen konnten sie nach Entlausung und mit Passierschein auf das westliche Rheinufer überwechseln. Als Helmut Kohl im Juni 1945 endlich zu Hause anlangte, wollte er als Erstes ein Glas Pfirsiche verspeisen – ein Symbol für die lang vermisste Heimat.

Kohl selbst schildert seine Erlebnisse bei Kriegsende eher zurückhaltend. Er überschreibt das Kapitel »Gezeichnet«. Sein Bericht vermittelt keinerlei Begeisterung für das Militär. Den Tränen war er oft näher als durchaus verständlichen Trotz- und Protestreaktionen. Die Zeit von den Aufräumarbeiten nach den Luftangriffen, als er als Mitglied eines Schülerlöschtrupps zum ersten Mal mit Tod und Zerstörung konfrontiert war, der Tod seines Bruders und schließlich die Schrecken des Kriegsendes in Berchtesgaden haben bei diesem gerade fünfzehn Jahre alt gewordenen Jungen tiefe Spuren hinterlassen. Es überzeugt, wenn er rückblickend feststellt, die Lehre aus den damaligen Erfahrungen könne er mit den Worten »Sehnsucht nach Frieden und Freiheit«9 umschreiben.

Helmut Kohls politisches Leben sollte Zeugnis davon ablegen, dass diese Maxime für ihn stets die Leitlinie gewesen ist. Ohne Zweifel hatten viele Menschen im Krieg Schlimmeres erlebt; sie mögen diese Erlebnisse aber verdrängt oder ihnen sogar positive Seiten abgewonnen haben. Kohl dagegen hatte den Krieg als eine Grenzerfahrung erlebt, die ihn nicht wieder losließ. Jedenfalls hatten für ihn die Worte »Nie wieder Krieg!« nicht die Bedeutung eines propagandistischen Schlagwortes, sondern waren Ausdruck seiner tiefsten Überzeugung.

Eine politische Schuljugend 1945–1950

Kohls Schulzeit zerfällt in zwei deutlich voneinander unterschiedene Teile. Der erste umfasst die Volksschulzeit und seit Ostern 1940 die ersten Jahre auf der Friesenheimer Oberrealschule, bis die Schule wegen des Bombenkriegs geschlossen wurde. Nach Kriegsende dauerte es einige Zeit, bis die Schulen halbwegs wieder hergerichtet waren und der Schulbetrieb erneut aufgenommen werden konnte. Im August 1945 nahm Helmut Kohl eine Auszeit und begann eine landwirtschaftliche Lehre in Düllstadt, einem Ort in der Nähe von Kitzingen. Das mag nicht besonders überraschen, wenn man bedenkt, dass sein Vater ein Bauernsohn war und die Familie häufig die Ferien bei den Verwandten in Franken verlebt hatte. Aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man psychische Gründe für maßgebend hält. Das Kriegsende in Oberbayern und die wochenlange Irrfahrt durch Süddeutschland hatten vermutlich tiefere Spuren hinterlassen. Das zerbombte Ludwigshafen, in dem selbst die Schulen noch geschlossen waren, musste fremd auf ihn wirken und die Sehnsucht nach heiler Welt aufkommen lassen.

Doch das Leben auf dem Bauernhof war hart. Man nahm wenig Rücksicht auf den Fünfzehnjährigen und ließ ihn beispielsweise mit Ochsen pflügen. Das war alles andere als einfach. Kohls Kampf mit den Ochsen ist bei den Bewohnern von Düllstadt unvergessen. Als er sich einmal eine Pause gönnte, schlief er rasch ein, aber die Ochsen zogen weiter und richteten einiges Unheil an. Die Berufsaussichten in der Landwirtschaft waren miserabel, gab es doch viele Landwirte aus dem Osten, die alles verloren hatten und sich selbst als Knechte verdingten. Schließlich entschied der junge Helmut Kohl, nach Ludwigshafen zurückzukehren. Die Auffütterung auf dem Lande hatte ihm jedoch körperlich gutgetan, denn das Längenwachstum hatte eingesetzt. In den unteren Klassen hatte er zu den kleineren Schülern gehört, während er nun in seine gewaltige Körpergröße hineinwuchs, die ihn fast schon allein zu einer Führerrolle prädestinierte.

Helmut Kohl selbst räumt ein, er sei »ein eher widerwilliger und schlechter Schüler« gewesen. Der Widerwille wird sich gegen die Schulzucht gerichtet haben, zu der der temperamentvolle Schüler ein gespanntes Verhältnis hatte. Die schlechten Leistungen ergaben sich aus seiner Abneigung gegen die Mathematik, die ihm ein »Gräuel« gewesen sei. Erschwerend kam hinzu, dass seine Oberrealschule nach ihrer Wiedereröffnung eine stärker naturwissenschaftliche Ausrichtung erhielt, was die Situation komplizierte. Latein war nicht mehr verpflichtend, das Latein-Angebot in den Morgenstunden war freigestellt, und der Schüler Kohl nahm es nur sehr zögerlich wahr. Beim Abitur 1950, das entsprechend dem französischen System als Zentralabitur abgehalten wurde, soll Kohl landesweit in Mathematik die schlechteste Note erzielt haben.10 Mit sehr guten Leistungen in Deutsch konnte er das jedoch ausgleichen. Daneben waren Geschichte und Geografie seine Lieblingsfächer.

Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass er wegen der schlechten Leistung in Mathematik im Abitur gescheitert wäre, denn er nahm in der Klasse eine einzigartige Stellung ein.11 Er war nicht nur nominell der Klassensprecher, der schüchtern Bitten vortrug, sondern der Chef, der mit Schulleiter und Lehrern über verschiedene Dinge zu verhandeln und sie durchzusetzen pflegte – ob es um die Instandsetzung des Klassenraumes mit selbst organisierten Baumaterialien, den Besuch der Klasse bei den Wiesbadener Festspielen – Paul Claudels »Seidene Schuhe« standen auf dem Programm – oder gar um die Sondervorstellung des Mannheimer Nationaltheaters für die Ludwigshafener Oberschulen, einschließlich des Mädchengymnasiums, ging, als dort »Götz von Berlichingen« aufgeführt wurde.12

Es wird berichtet, dass bei der ersten Wahl eines Klassensprechers eine Konfrontation entstanden war. Zwei Schülergruppen hätten sich gegenübergestanden. Kohl habe sich »als Verfechter einer neuen demokratischen Ordnung« zu erkennen gegeben und sei dabei auf die Ablehnung von Mitschülern gestoßen, die »den Zusammenbruch des Deutschen Reiches als Übel und Katastrophe betrachteten«.13 Da die beiden Gruppen sich nicht auf einen Sprecher einigen konnten, fand man einen Kompromisskandidaten. Dieser Ausweg sei von Kohl vorgeschlagen worden, der bald darauf der unbestrittene Sprecher der Klasse geworden sei.

Trifft die Geschichte zu, sind zwei Aspekte von Interesse. Zum einen hätte Kohl schon sehr früh einen entschieden demokratischen Standpunkt eingenommen und nicht dem Ressentiment gegen die französische Besatzung nachgegeben. Zum anderen – und das ist interessanter – zeigt sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt ein Grundzug seines politischen Verhaltens: Einer politischen Konfrontation wich er aus; er hielt nicht viel von Redeschlachten und Abstimmungssiegen, wenn kein wirklich überzeugender Erfolg erreichbar war. Stattdessen setzte er auf die Zukunft in der Erwartung, dass das Problem in der Zwischenzeit sich mehr oder weniger von selbst löste. Eine solche aufgeschobene Auseinandersetzung konnte lange dauern, wie es später das zähe Ringen in Rheinland-Pfalz mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Peter Altmeier14 oder dann auf Bundesebene mit Franz Josef Strauß zeigen sollte.

Am 15. September 1946 fanden in Rheinland-Pfalz Kommunalwahlen statt. Es waren die ersten demokratischen Wahlen nach 1933. Wie überall in den westlichen Besatzungszonen fingen die Wahlen auf der untersten Ebene an, um politische Risiken durch unliebsame Wahlergebnisse zu vermeiden. In der französischen Zone ging zudem alles etwas langsamer. Auf Helmut Kohl übten diese ersten Wahlen eine ganz außergewöhnliche Wirkung aus. Es war die erste Wahl, an der er teilnahm, als er seine Eltern zur Stimmabgabe ins Wahllokal, seine alte Volksschule, begleitete. Der Wahlvorgang als solcher faszinierte ihn. Er blieb den ganzen Tag dort und war auch beim Auszählen der Stimmen anwesend. Ein Gemeindepfarrer sah das ungewöhnliche Interesse, mit dem der Junge den ganzen Vorgang beobachtete, und schlug ihm vor, er solle sich bei dem Dekan Johannes Finck in Limburgerhof, einem anderen Ortsteil von Ludwigshafen, vorstellen, der eine Gruppe junger Leute um sich versammelt habe und mit ihnen politisch arbeite.

Das war eine ganz wichtige Empfehlung. Gewiss wäre Kohl auch ohne diesen Geistlichen zur CDU gekommen und hätte in der Partei Karriere gemacht. Die Nähe zu dieser Partei verstand sich von selbst, hatte doch sein Vater die Partei in Friesenheim mitbegründet, nachdem die französische Besatzungsmacht die CDU für die Pfalz am 5. März 1946 zugelassen hatte. Man kann durchaus der Meinung sein, dass die Faszination, die ein so nüchternes Geschehen wie ein Wahltag im Wahllokal ausgestrahlt hat, so etwas wie eine Initialzündung bei Kohl darstellte. Hier äußerte sich ein ganz außergewöhnliches politisches Interesse, das mit der Empfehlung an den Dekan Finck zugleich in die richtigen Bahnen gelenkt wurde.

Die Gründung der CDU in der Pfalz hatte eine komplizierte Vorgeschichte, denn vor 1933 hatten zwei katholische Parteien, das Zentrum und die Bayerische Volkspartei, heftig und nicht immer fein um katholische Wählerstimmen geworben. Daher war die Gründung der Union hier mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Da gab es Befürworter einer neuen katholischen Partei; sie leisteten gegen eine interkonfessionelle Gründung zähen Widerstand, wie auf der anderen Seite evangelische Kreise das Zusammengehen mit Katholiken ablehnten und eine eigene Partei gründeten. Einer der energischsten Vorkämpfer für die schließlich genehmigte interkonfessionelle Partei war der Dekan Finck. Er war die treibende Kraft, die zur Gründung der CDU führte. Man kann durchaus sagen, dass sein Pfarrhaus in Limburgerhof »eine Geburtsstätte der christdemokratischen Partei« darstellte.15 Hier trafen sich schon während des Krieges Regimegegner, um die politische Situation und die notwendigen Schritte nach Kriegsende zu erörtern. Bereits 1944 vertrat Finck im kleinen Kreis die Überzeugung, dass das Nebeneinander von Zentrum und BVP ein Ende haben müsse und an deren Stelle »eine ganz neue Partei auf überkonfessioneller Grundlage«16 zu bilden sei.

Johannes Finck war in der Weimarer Zeit in der Pfalz ein weithin bekannter politischer Kopf gewesen. Ein Foto zeigt ihn in den 1920er-Jahren mit seinem Bruder Albert, der Chefredakteur einer Zentrumszeitung und bayerischer Landtagsabgeordneter war, in Berlin vor dem Bismarck-Denkmal mit dem Reichstag als Hintergrund. Nicht alle Zentrumsgeistlichen hätten sich vor diesem Hintergrund fotografieren lassen. Aber für diese pfälzischen Katholiken war Bismarck der Reichsgründer, den man trotz seiner Missgriffe im Kulturkampf achtete und für die der Reichstag keine Zwingburg des Berliner Zentralismus, sondern die deutsche Volksvertretung war.

Die Bemühungen um eine neue christliche Partei hatten im August 1945 eingesetzt. Auf einer nachträglich als illegal deklarierten Versammlung am 3. Dezember 1945 in Neustadt war Finck zum vorläufigen Vorsitzenden einer christlichdemokratischen Partei gewählt worden. Für den Patrioten Finck gab es im Gegensatz zu vielen anderen süddeutschen und rheinischen Politikern keine Scheu oder Vorbehalte, auch mit den CDU-Gründern in Berlin gute Beziehungen zu unterhalten. Das betraf vor allem den Kontakt zu Jakob Kaiser, dem Mitbegründer der Partei in der sowjetischen Besatzungszone.

Ebenso hatte Johannes Finck schon 1945 mit dem Zentrumspolitiker Adam Stegerwald in Würzburg Kontakt aufgenommen, der bereits 1921 mit seinem Essener Programm für eine überkonfessionelle Partei eingetreten war. Dass Finck den für katholische Ohren etwas fremd klingenden Begriff Union akzeptiert hatte, der seit dem Reformationszeitalter protestantisch geprägt war, geschah aus Gründen der Zweckmäßigkeit. Ihm ging es vor allem um die Verbindung mit den anderen Zonen Deutschlands und den inzwischen an verschiedenen Orten erfolgten Parteigründungen. Ein Brief vom 20. Februar 1946 bringt dies klar zum Ausdruck: »Wir stehen in der Pfalz doch in besonders großer nationalpolitischer Gefahr. Wir legen deshalb ganz besonderes Gewicht auf die Beziehungen zum rechtsrheinischen Deutschland. Aus diesem Grund haben wir auch den Namen CDU angenommen, ohne dass wir für den Namen selbst besonders begeistert waren.«17 Für einen Mann wie Finck, der schon früh um die Einheit Deutschlands besorgt war und der sich für die Gründung einer wirklich überkonfessionellen Partei bereits unmittelbar nach Kriegsende mit allem Nachdruck eingesetzt hatte, war jede Kirchtumspolitik fremd. Er blickte bereits über Zonengrenzen hinweg, als die meisten Menschen lediglich darüber jammerten. So traf er auch mit einem evangelischen Außenseiter zusammen, der aus dem Ruhrgebiet kam und den ganz ähnliche Sorgen umtrieben: Gustav Heinemann, der Finck in Limburgerhof besucht hatte.18 Über die menschliche Nähe zu Finck erklärt sich leicht der gute Kontakt, den der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz in späteren Jahren zum Bundesjustizminister und Bundespräsident Heinemann unterhielt.

Helmut Kohl hat bei Johannes Finck mit Sicherheit mehr über Politik gelernt als im Studium bei den Politologen. Seine Bereitschaft, in der CDU mitzuarbeiten, ergab sich gleichsam von selbst. Er war nicht nur ein Oberschüler, der einen Nachmittag in der Woche zum Dekan Finck ging, sondern bei ihm traf alles zusammen: das Seminar im Limburgerhof, die Schule, die Partei und andere Interessen, nicht zu vergessen der Sport, wo er im Fußball weniger durch Technik als mit seiner physischen Präsenz Wirkung erzielte. Die Jugendlichen dieser Jahre entbehrten vieles, aber eines hatten sie: Zeit, über die sie frei verfügen konnten. Niemals kümmerten sich Eltern weniger um das, was ihre Kinder trieben, als in der Nachkriegszeit. Die häuslichen Pflichten einschließlich der Gartenarbeit mussten erfüllt werden, aber was der Nachwuchs sonst anstellte, interessierte die mit dem Haushalt ohnehin überbeanspruchten Mütter nur wenig.

Wann ist Helmut Kohl in die CDU eingetreten? Verschiedene Daten geistern durch die Literatur; zumeist wird das Jahr 1946 genannt. Kohl selbst gibt in seinen Memoiren den Beginn des Jahres 1947 als Eintrittsdatum an. Tatsächlich aber verzeichnet die Mitgliederkartei des Kreisverbandes Ludwigshafen ein anderes Datum: Es ist der 1. August 1948. Kohl erhielt die Mitgliedsnummer 540246.19 Dieses Datum entspricht auch der Bestimmung in der Satzung der Pfälzer Partei, die das Mindestalter auf achtzehn Jahre festsetzte. Das Datum ist aber im Grunde nebensächlich, denn Kohl war in der Partei schon viel früher aktiv geworden. Die mehr theoretische Schulung bei Dekan Finck verlangte bei einem Menschen wie Kohl auch die Betätigung in der Praxis. So kam es zu einer losen Verbindung von jugendlichen Aktivisten, die eine Vorform der Jungen Union darstellte. Deren große Bewährungsprobe erfolgte mit dem Wahlkampf für die ersten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, die am 18. Mai 1947 stattfanden. Kohl betätigte sich hier als Plakatkleber. Das war etwas anderes als Diskussionen unter Schülern. Ludwigshafen war eine sozialdemokratische Hochburg, die aber darüber hinaus einen starken kommunistischen Anhang besaß. Das war nicht untypisch für ein Zentrum der chemischen Industrie, deren Arbeiter durch den relativ hohen Lohn angezogen wurden, wofür sie auch gesundheitliche Gefährdungen in Kauf nahmen, aber das Unbehagen an ihrer Situation im politischen Radikalismus abreagierten.

Mit den gegnerischen Klebekolonnen begegnete dem Oberschüler aus der bürgerlichen Vorstadt eine ganz andere politische Realität. Im Kampf um Plakatierflächen oder beim Überkleben der gegnerischen Plakate kam es nicht selten zu Handgreiflichkeiten, bei denen Kohl durch Größe und Kampfeseifer von selbst in den Vordergrund rückte. Dies war sein Einstieg in die Ludwigshafener Kommunalpolitik. Ihr blieb er in den folgenden Jahrzehnten verbunden, auch wenn er auf Landes- und Bundesebene wichtigere politische Ämter innehatte. Von 1960 bis 1969 war er Stadtrat in Ludwigshafen, wo er unverdrossen als Mitglied der schwachen CDU-Fraktion ohne Chancen auf den Gewinn der Mehrheit die sozialdemokratische Übermacht herausforderte. Er kandidierte für den Landtag wie für den Bundestag immer im Wahlkreis Ludwigshafen. Es gibt nur wenige Politiker, die so lange und so hartnäckig an ihrem Heimatkreis festgehalten haben, auch wenn sie nicht das Mandat erringen konnten.

Kohl hätte sich später leicht einen sicheren Wahlkreis besorgen können, wie das häufig geschieht. Willy Brandt beispielsweise wohnte als Regierender Bürgermeister von Berlin im gutbürgerlichen Bezirk Zehlendorf, führte aber stets im Wedding, der SPD-Hochburg, die Liste an. Hätte er an seinem Wohnort kandidiert, hätte er zusätzliche bürgerliche Stimmen gewinnen können; aber daran lag ihm wohl weniger. Für Kohl dagegen lag in dem Ludwigshafener Wahlkreis ein Aspekt von Heimat, gleichsam die politische Ausformung von Heimat. Heimat bedeutete ihm aber unendlich viel. Rückblickend bekennt er: »Wichtig war für mich vor allem, geistig auf dem Boden der Heimat zu stehen. In Ludwigshafen bin ich aufgewachsen, in der Pfalz habe ich meine ersten Schritte getan und meine elementaren Erfahrungen gesammelt; dort wird immer mein Zuhause sein, dort werde ich begraben liegen.«20

Zur Heimat gehören auch die Menschen, mit denen man sich in vielfacher Hinsicht verbunden weiß. Auch wenn sie in ihrer Mehrheit eine andere, aus Kohls Sicht natürlich irrige politische Einstellung hatten, konnte das nur heißen, dass man sich umso mehr anstrengen musste, um auch diese Menschen zu gewinnen. Der Kampf um die Wähler in Ludwigshafen hatte deshalb für Kohl eine besondere Bedeutung. In seiner Heimatstadt fand er eine politische Konstellation vor, die für Rheinland-Pfalz einzigartig, im übrigen Bundesgebiet jedoch häufiger anzutreffen war. In industriellen Ballungszentren gab es starke sozialdemokratische Mehrheiten; CDU-Politiker hatten dort einen schweren Stand. Sich in Ludwigshafen zu behaupten und den Stimmenanteil dort langsam zu steigern, war so etwas wie die politische Reifeprüfung, ein Ausweis für die Tauglichkeit auch auf Bundesebene. Man hat häufig den Provinzialismus Kohls kritisiert. Das ist letztlich eine Glaubensfrage. Der Aufstieg in Ludwigshafen war für ihn auch im parteiinternen Kräftemessen von Bedeutung. Ein junger Politiker, der in einem so schwierigen Umfeld erfolgreich agierte, wurde ganz anders eingeschätzt, als wenn er einen ländlich-katholischen Wahlkreis vertreten hätte.

Kommunalpolitik in Ludwigshafen und erst recht die hemdsärmeligen Auseinandersetzungen im Wahlkampf bedeuteten Konfrontation, auch grobe Polemik und ein Feindbild, das auf Außenstehende krasser wirkte, als es tatsächlich gemeint war. Wenn sein Schäferhund etwa auf die Anweisung, den »Soz« zu suchen, prompt knurrte und die Haare sträubte, hieß das nicht, dass er auf Sozialdemokraten abgerichtet war, sondern dass hier grober, nicht unbedingt geschmackvoller, eben pfälzischer Humor im Spiel war.

Sozialdemokraten waren in Ludwigshafen die Gegner, nicht nur beim Plakatekleben, sondern auch im Weltanschaulichen. Hier stießen christliche Positionen auf doktrinären Marxismus. Es spricht für Kohls intellektuelle Neugier, dass er sein Urteil über die Sozialdemokraten keineswegs aus den Auseinandersetzungen auf der Straße gebildet hatte. Um Kurt Schumacher, den bekanntesten Politiker der ersten Nachkriegsjahre, der auch außerhalb der SPD auf Zustimmung stieß, im Dezember 1947 in Mannheim auf einer Großveranstaltung erleben zu können, scheute Kohl keine Mühe und besorgte sich den damals noch notwendigen Passierschein, um über den Rhein in die amerikanische Zone zu gelangen. Persönlichkeit wie Rhetorik Schumachers beeindruckten ihn tief.

Aber auch der Marxismus schreckte ihn nicht ab, jedenfalls nicht in der Form, wie er ihm nahegebracht wurde. Das geschah durch seinen Mathematiklehrer Otto Stamfort, der mittwochnachmittags eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft eingerichtet hatte, die sich mit Philosophie und Marxismus beschäftigte.21 Stamfort war aktives Mitglied der KPD. Als Jude und Marxist doppelt gefährdet, war er nach Frankreich emigriert und nach 1945 nach Deutschland zurückgekehrt und in den Schuldienst eingetreten. Bei ihm lernte Kohl sogar Max Reimann, den Vorsitzenden der KPD, kennen. Stamfort muss ein guter Pädagoge gewesen sein; ungeachtet seiner politischen Überzeugung verstand er es, die Lehren von Marx verständlich zu machen, ohne dabei aufdringlich Propaganda zu betreiben. Kohl hat diesen Lehrer offenbar sehr gemocht. Er blieb mit ihm in brieflichem Kontakt, nachdem Stamfort 1948 in die Sowjetzone übergesiedelt war. Dort aber passte der Altkommunist nicht in die stalinistische SED, wurde politisch kaltgestellt und erhielt schließlich eine Professur in Jena.

Es gab im Deutschland nach 1945, als die Informationsmöglichkeiten sehr begrenzt und Bücher rar waren, wohl nur sehr wenige Gelegenheiten, dass ein Oberschüler zur gleichen Zeit Unterricht und Information außerhalb der Schule in christlicher Politik und in Marxismus erhalten hat, und es ist charakteristisch für Kohls Wissensdurst, dass er diese beiden so ganz verschiedenen Bildungsangebote intensiv wahrgenommen hat.

Die so erworbenen Kenntnisse kamen ihm gewiss bei seiner politischen Tätigkeit zustatten, die neben der Schule ungebremst weiterging und bereits über Ludwigshafen hinausreichte. Am 1. Mai 1948 kandidierte er für den Vorsitz der Jungen Union in der Pfalz, scheiterte aber knapp. Ob er daraus bewusst eine Lehre zog oder ob es sich einfach so ergab, ist nicht zu entscheiden. Wichtig ist, dass er sich in der Folgezeit bei der Jungen Union »nie mehr um ein Amt beworben« hat.22 Er konzentrierte sich also auf die Partei und kämpfte sich dort nach oben. Er versuchte nicht, als Funktionär der Jungen Union gleichsam eine Art Seiteneinstieg zum Aufstieg in der Partei zu finden, indem er als derjenige auftrat, der primär nur die Interessen der Jugendorganisation wahrzunehmen vorgab, dabei aber auch den eigenen Aufstieg im Auge hatte.

Eintritt in die Junge Union

Als Vertreter der Jungen Union wurde Kohl zum ersten Mal »aktenkundig«. Am 28. Mai 1948 nahm er an einer Ludwigshafener Kreisausschusssitzung teil und erklärte den Anwesenden, dass die Junge Union eine Untergliederung der CDU sei, und bat darum, dass Erstere »Vertreter in die entsprechenden Ausschüsse« senden könne.23 Hier trat ein junges, überaus aktives Parteimitglied auf, das sich nicht vorsichtig zurückhielt, sondern bei den verschiedenen Aktivitäten derart energisch mitmachte, dass ihm schnell eine führende Rolle zufiel.

Beim Wahlkampfauftakt der CDU für die erste Bundestagswahl am 21. Juli 1949 auf dem Heidelberger Schloss war Kohl keineswegs nur ein interessierter Zuschauer, sondern er hatte eine besondere Aufgabe. Er gehörte zu dem »Begleitkommando«, das den prominentesten evangelischen Politiker, der dort das Wort ergriff, den Essener Oberbürgermeister Gustav Heinemann, zum Schloss hinauf »lotste«.24 Die CDU verfügte als lose Vereinigung von Landesverbänden über eine nur schwache Organisation und benötigte für eine derartige Großveranstaltung wie in Heidelberg Helfer, wo immer sich solche fanden. Da Ludwigshafen nicht weit entfernt lag und hier eine Veranstaltung mit Spitzenpolitikern aus den verschiedenen Teilen Westdeutschlands bevorstand, ergab sich das Engagement Kohls gleichsam von selbst.

Die Heidelberger Veranstaltung ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass der CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer den Wahlkampf mit einer scharfen Abrechnung mit der SPD eröffnete. Er unterstellte dieser Partei, sie habe sich zum »Helfershelfer« der britischen Besatzungsmacht gemacht und deutsche Interessen verraten. Die Reaktion der SPD war tiefe Empörung. Der Polemiker Kurt Schumacher schloss aus den Äußerungen Adenauers, die Heidelberger Rede berechtige, »den Namen Adenauer in Lügenauer umzuändern«.25 Helmut Kohl blieb von alledem unbeeindruckt. Der spätere Wahlkämpfer hatte noch kein Verständnis dafür, auf welche Weise Adenauer mit seiner massiven Attacke auf den politischen Gegner bewusst eine Wahlkampfatmosphäre erzeugt hatte, um einen Kontrapunkt zur Politik in den Ländern zu setzen, die von einer Politik der Gemeinsamkeit und Großen Koalitionen bestimmt war.

Im Rückblick bekennt Kohl, Adenauer sei ihm damals »einfach als zu alt« erschienen. Mit dieser Einschätzung habe er nicht allein gestanden: »Wir Jungen in der Union setzten damals mehr auf Jakob Kaiser und auf Karl Arnold, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen.«26 Beide Männer waren Gegner Konrad Adenauers. Aber das meinte Kohl nicht, denn die politischen Gegensätze, die zwischen Adenauer und diesen Kontrahenten bestanden, waren noch nicht so bekannt. Kaiser und Arnold hatten für Kohl andere Vorzüge. Bei Jakob Kaiser imponierten ihm seine gesamtdeutsche Ausrichtung und sein Kampf gegen den kommunistischen Druck in der sowjetischen Besatzungszone, der ihn vorübergehend als christlichen Arbeiterführer erscheinen ließ. Karl Arnold wiederum stand als Ministerpräsident des aufgrund seines Kohlereichtums wirtschaftlich stärksten Landes und als führende Figur des linken Flügels der CDU bei Gründung der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt seines Ansehens.

Es ist verständlich, dass der CDU-Vorsitzende der britischen Zone in Heidelberg keine starke Wirkung auf Kohl ausgeübt hat, denn Adenauer war kein fesselnder Redner, der schon als solcher wirkte. Ihm fehlte noch die Aura der Macht des späteren Kanzlers. Wie Kohl hatten auch die anderen Zuhörer in Heidelberg in ihm nicht den künftigen Kanzler gesehen, obwohl er in seiner Rede auffallend deutlich auf dessen Machtstellung aufmerksam gemacht hatte. Bei der Sympathie für Leitfiguren wie Kaiser und Arnold wird man bei Kohl eine gemäßigt linke Einstellung annehmen dürfen. Das erklärt auch, weshalb die heftigen Ausfälle Adenauers gegen die SPD auf ihn nicht stark wirkten; wahrscheinlich hat er sich die Kritik »sachlicher« gewünscht. Oberschülern liegt die soziale Gerechtigkeit immer mehr am Herzen als die Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen. Kohl war da keine Ausnahme.

Die Begegnung Kohls mit dem späteren Bundeskanzler in Heidelberg war nicht die einzige. In der letzten Woche vor der Wahl, am 9. August 1949, kam Konrad Adenauer in die Pfalz nach Landau, um auch dort um Stimmen für die CDU zu werben. Das Land Rheinland-Pfalz sollte bei dieser ersten Bundestagswahl mit 49,1 Prozent für die CDU eine ganz entscheidende Rolle spielen, denn diese Stimmen halfen der Union nach dem enttäuschend schwachen Abschneiden der CSU ganz wesentlich, den knappen Vorsprung vor der SPD zu behaupten.27 Aber das wurde natürlich erst klar, als die Stimmen ausgezählt waren. Kohl hatte tagelang zuvor mit einem Lautsprecherwagen in der Südpfalz für diese Veranstaltung geworben, denn für ihn ging es nicht nur um Adenauer und die CDU, sondern auch und viel mehr noch um den veranstaltenden Politiker: Albert Finck, den Bruder seines »politischen Ziehvaters« Johannes Finck, der dem Parlamentarischen Rat in Bonn als Mitglied angehört hatte und in der Pfalz als einflussreicher Politiker galt.

Dass die Veranstaltung in Landau stattfand, spielte eine nicht unwesentliche Rolle. War doch die alte Reichsstadt im Zuge der Expansionspolitik Ludwigs XIV. Frankreich zugeschlagen und zur Festung ausgebaut worden. In französischen Augen konnte sie immer noch als französische Stadt gelten, die auf dem Wiener Kongress dann bedauerlicherweise der Pfalz zugeteilt worden war. Das Problem des Separatismus war zwar 1949 nicht mehr aktuell, aber als Bedrohung immer noch unvergessen. Die Begrüßung durch Albert Finck hatte Konrad Adenauer jedoch nicht gefallen. Es sei eine »ganz nichtsnutzige Rede«28 gewesen, die der Herr Finck gehalten habe, klagte er hinterher, denn dieser hatte ihn als den künftigen Bundespräsidenten begrüßt, was Adenauer gerade nicht werden wollte.

Für Kohl wie für die Anwesenden in der überfüllten Halle war etwas anderes von weit größerer Bedeutung: In Gegenwart der französischen Offiziere stimmte Finck zum Schluss das Deutschlandlied an, das vom Publikum mit Inbrunst mitgesungen wurde. Man kann sich leicht vorstellen, welches Echo dieses Ereignis nach all den Befürchtungen, von Deutschland abgetrennt zu werden, in der Pfalz hervorrief.

Adenauer hatte sich nicht nur über die »nichtsnutzige Rede« Fincks geärgert, sondern zugleich auch die emotionale Wirkung zur Kenntnis genommen, die das Deutschlandlied bei den Menschen in Landau gezeigt hatte. Ein gutes halbes Jahr später stattete er als Kanzler seinen ersten Besuch in Berlin ab, kam in Kontakt mit der Bevölkerung und sprach mit der politischen Führung und den westlichen Stadtkommandanten. Schließlich hielt er eine Rede im Titania-Palast, dem größten Saal der Westsektoren, grüßte dort »unsere Menschen in der Ostzone« und forderte die Zuhörer auf, die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Damit nicht die bekanntere, aber problematischere erste Strophe gesungen wurde, hatte er den Text vorsorglich auf die Sitze legen lassen. Über die Motive Adenauers ist viel gerätselt worden, aber das nationale Anliegen, aus dem bedrohten Berlin ein Zeichen der Zusammengehörigkeit zu setzen, ist nicht wegzudiskutieren.29

Eine Episode aus dem Wahlkampf 1949 ist noch nachzutragen. Am Freitag vor dem Wahltag hielt Kohl zum ersten Mal in Mutterstadt, in der Nachbarschaft von Ludwigshafen, selbst eine Rede. Sie galt aber nicht primär dem Wahlerfolg der CDU, sondern seiner Freundin. Hannelore Renner, seine spätere Frau, wohnte in Mutterstadt. Die beiden hatten sich kennengelernt, als Kohl im Herbst zuvor mit seiner Klasse eine Tanzstunde besucht hatte, und daraus war die erste und zugleich dauerhafte Liebe entstanden. Er wollte Hannelore mit seinem Auftritt imponieren, aber sie kam nicht. Dem Flüchtlingsmädchen aus Leipzig, das genug Schwierigkeiten hatte, mit dem täglichen Leben zurechtzukommen, war die Politik noch fremd, und eine Wahlversammlung, auf der ihr Freund sogar reden sollte, ein wenig unheimlich. Da blieb sie lieber zu Hause.

Das im Juni 1950 abgelegte Abitur, als Zentralabitur wie in Frankreich organisiert, war für einen politisch so stark engagierten Menschen wie Kohl eher etwas Nebensächliches. Es fiel auch recht mäßig aus; 12,5 Punkte waren nach diesem System nötig, um die Hochschulreife zu erlangen. Kohl schaffte 13 Punkte.30Das genügte ihm, um studieren zu können. Es gab zwar für die Universität Zulassungsbeschränkungen, aber kein starres System des Numerus clausus, für das gute Noten erforderlich waren.

Das politische Engagement Kohls während seiner letzten Schuljahre zeigt eindeutig, was ihn wirklich interessierte. Fast zeitgleich mit der Gründung der CDU in der Pfalz war er zu dieser Partei gestoßen. Betrachtet man den politischen Zuschnitt seines Elternhauses, war er gleichsam in sie hineingeboren. Die Partei wurde rasch sein Lebenselement. Vor dem Hintergrund des Kriegsendes und seiner Schrecknisse hatte der junge Kohl den Weg in die CDU auf zwei verschiedenen Ebenen gefunden: Es war zum einen ein Weg der Schulung und Kenntnisvermittlung über demokratische und zugleich christliche Politik durch den Dekan Finck, aber auch die Begegnung mit dem Marxismus durch seinen kommunistischen Mathematiklehrer. Beide halfen, sein politisches Weltbild zu formen. Zugleich zog ihn aber die politische Praxis magisch an. Er scheute auch nicht die Niederungen politischer Auseinandersetzungen bis zur Knochenarbeit des Plakateklebens mit all seinen Weiterungen. Ein Abiturient mit intellektuellem Rüstzeug, praktischen Erfahrungen und einer ungeheuren Neugier auf Menschen begann seinen Weg in die deutsche Politik.

Der »junge Kohl« – die Fünfzigerjahre

Die Jahre von 1950 bis 1960 brachten für Helmut Kohl den Durchbruch. Kriegsbedingt verspätet hatte er die Schule 1950 mit dem Abitur verlassen – zehn Jahre später war alles aufgeholt; er war von nun an immer der Jüngste. In diesem Jahrzehnt hat er erstaunlich viel erreicht: 1958 promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer historischen Arbeit, 1959 errang er einen Sitz im rheinland-pfälzischen Landtag, und 1960 heiratete er. »Erst die Pfarre, dann die Quarre«, pflegte man in Pommern früher zu sagen – erst das Examen und die berufliche Stellung, danach Hochzeit und Familiengründung. Was sich so leicht anhört, war tatsächlich nur dank einer erstaunlichen Energieleistung zu schaffen. Dem Zufall blieb nicht viel überlassen; wohlüberlegt folgte ein Schritt dem anderen.

Die Politik stand an erster Stelle. Helmut Kohl hatte eine »fast naturhafte Verbundenheit mit dem Parteileben«, wie ein Weggenosse es formulierte.31 Da konnte das Studium nicht im Vordergrund stehen. Viel bemerkenswerter ist jedoch die Tatsache, dass Kohl es überhaupt erfolgreich abgeschlossen hat, und zwar mit dem einzigen Abschluss, der für ihn infrage kam – der Promotion. Damals gab es noch kein Magisterexamen. An der Philosophischen Fakultät bestand nur die Alternative zwischen Staatsexamen und Promotion. Das Staatsexamen aber war die Eingangsprüfung für den Staatsdienst. Was wollte man mit einem solchen Abschluss, wenn man gar nicht in den Schul- oder Archivdienst eintreten wollte? Die Promotion verlieh dem Absolventen zudem den Doktortitel, der viel galt, denn es wurde bei Weitem nicht mehr so viel promoviert wie in früheren Jahrzehnten, und die breit angelegte Doktorandenförderung späterer Jahrzehnte war noch unbekannt.

Helmut Kohl begann sein Studium im Herbst 1950 in Frankfurt. In Mainz zu studieren, kam für ihn nicht infrage. Als Hauptfach wählte er Jura, aber er legte sein Studium breit an, mit einem sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt. Ganz bewusst ging er keinem Brotstudium nach. Seine Interessen waren vielseitig, die intellektuelle Neugier beträchtlich. Das Studium war damals noch wenig verschult; Vorlesungen standen im Mittelpunkt, und er hörte bei vielen bekannten Professoren.

Nach einem Jahr in Frankfurt, zum Wintersemester 1951/52, setzte er sein Studium an der Universität Heidelberg fort. Während seiner Studienzeit wohnte er weiterhin bei den Eltern in Friesenheim, schon allein aus Kostengründen. In den Semesterferien arbeitete er bei der BASF. Die Universität in erreichbarer Nähe von Ludwigshafen hatte für ihn zugleich eine politische Bedeutung. Als Student in Bonn oder Göttingen hätte er nur bei gelegentlichen Wochenendbesuchen in Ludwigshafen auftauchen können. Um dort Politik zu machen, musste er aber in der Stadt präsent und verfügbar sein.

Die Junge Union in Ludwigshafen war seine Hausmacht, wenn dieser Begriff nicht schon zu hoch gegriffen ist. Er selbst hatte unermüdlich für sie geworben und viele Mitglieder gewonnen, was ebenso für die Partei galt. Und dieser Ortsverband der Jungen Union musste beschäftigt werden. Eine solche Organisation konnte nur gedeihen, wenn dort Interessantes geboten wurde. Veranstaltungen mussten vorbereitet und Kontakte zu anderen Gruppen aufgebaut werden. Schon früh fiel Kohls Geschick in Debatten auf, in denen er Kontrahenten schlagfertig zusetzen konnte. Aber auch als Redner tat er sich mehr und mehr hervor. Indem er auswärts bei Parteifreunden sprach, gewann er selbst wiederum interessante Vortragende für eigene Veranstaltungen. Wie erfolgreich Kohl bei dieser Basisarbeit war, ständigen Kontakt hielt, Menschen ansprach, Mitglieder gewann und sie durch interessante Veranstaltungen bei der Stange zu halten verstand, zeigt die Tatsache, dass die Junge Union Ludwigshafen Mitte der Fünfzigerjahre 400 Mitglieder zählte und damit zu den größten Ortsverbänden in der Bundesrepublik gehörte.32 Vergegenwärtigt man sich, dass Ludwigshafen eine SPD-Hochburg war und die CDU als ewige Oppositionspartei ihren Mitgliedern nur wenig Chancen bieten konnte, so ist das ein überzeugender Beweis politischer Mobilisierung, der sich nicht nur in der Pfalz schnell herumsprach.

Zu dieser Zeit formierte sich in der Union eine eigenartige Schlachtordnung, aus der Kohl seinen Nutzen zog. An der Spitze herrschte Geschlossenheit, aber die hinteren Reihen kamen durcheinander. Die Politik Konrad Adenauers wurde von wachsender Zustimmung getragen. Sein Kurs stand für Sicherheit, das Bündnis mit dem Westen und das Wirtschaftswunder. Die Wahlen von 1957, die dem Bundeskanzler die absolute Mehrheit brachten, gewann er mit den Slogans »Keine Experimente« und »Wohlstand für alle«. Alles sollte so weitergehen wie bisher. Dieser Erfolgskurs fand volle Zustimmung. Der Parteinachwuchs machte da keine Ausnahme und half bei den erfolgreichen Wahlkämpfen nach Kräften mit. Konrad Adenauer, der alte Mann an der Spitze, der 1956 drei Tage lang seinen achtzigsten Geburtstag feierte, war die unumstrittene Führungsfigur.

Weiter unten jedoch rumorte es in der Partei. Hier begann der Kampf der Jungen gegen die Alten. Es war aber nicht der bekannte Generationsgegensatz im Sinne des Vater-Sohn-Konfliktes, der seit den Sechzigerjahren die politische Landschaft der Bundesrepublik verändert hat. Helmut Kohl hat es die »Großvater-Enkel-Beziehung« genannt, die sich damals herausbildete und die ihm entscheidend auf dem Weg nach oben geholfen hat.33 Damit wird folgender Sachverhalt umschrieben: Die Parteigründer von 1945 hatten ihre ersten politischen Erfahrungen zum großen Teil in der Weimarer Republik gemacht und waren nach 1933 abgetaucht. Nach Kriegsende hatten sie als die Männer der ersten Stunde die politischen Führungspositionen in der Partei auf den verschiedenen Ebenen besetzt. Sie konnten sich etliche Jahre weitgehend ungestört ihrer Ämter erfreuen, denn sie brauchten sich nicht um ihre Wiederwahl zu sorgen. Aus unterschiedlichen Gründen gab es vorerst keine nachrückende Konkurrenz: Die Kriegsverluste wogen schwer, dann fielen die aus, die der NSDAP angehört und dort irgendwelche Posten besetzt hatten, und schließlich machte sich bei vielen Menschen auch Politikverdrossenheit bemerkbar, die sie vor dem Eintritt in Parteien Abstand nehmen ließ. Die fehlende Zwischengeneration war für die Jungen die große Chance. So konnten die Enkel beginnen, die Großväter aus ihren Ämtern zu verdrängen. Sie sahen in den Alten ein Kartell der Posteninhaber, das sie zunehmend zur Kritik herausforderte und das es abzulösen galt.

Nun saß die Gründergeneration in keinem Bundesland so fest im Sattel wie in Rheinland-Pfalz. Das begann mit dem Ministerpräsidenten Peter Altmeier, seit 1947 im Amt, und setzte sich fort bis zu Honoratioren auf der Kreis- und Ortsebene. Die Kritik der Jungen, deren bekanntester und berüchtigtster Wortführer Helmut Kohl hieß, richtete sich vor allem gegen die mangelnde Aktivität der Führung. Sie sei in zu vielen Gremien vertreten und stütze sich gegenseitig. Dann wurden die fehlende innerparteiliche Diskussion und das Desinteresse bei der Mitgliederwerbung beklagt, die das Honoratiorentum geradezu verfestige. Wenn Kohl rhetorisch donnerte: »Haben wir noch den Elan und die Dynamik der Jahre 1945, 1946, 1947?«34, so stand für ihn die Antwort natürlich fest, dass dies nicht mehr der Fall sei.

Hatte er aber recht damit? Das ist die Frage, denn von Elan und Dynamik war in den Anfangsjahren der Bundesrepublik auch nicht viel zu merken gewesen. Allein die Verkehrs- und Kommunikationsprobleme der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten enge Grenzen gesetzt. So betonte etwa der Versammlungsbericht über die erste Versammlung der CDU in Ludwigshafen, diese sei nach dem Abspielen verschiedener Musikstücke und der Rede des Referenten, die »sehr günstig aufgenommen« worden sei, insgesamt »absolut ruhig« verlaufen.35

Auch wenn man Zweifel über den Elan haben konnte, war es taktisch sehr geschickt, die Vergangenheit zu verklären. Diese lag zwar erst wenige Jahre zurück, aber man konnte sie bereits für die eigenen Ziele in Anspruch nehmen, ohne dass es bestritten wurde. Es war fast unvermeidlich, dass die Angriffe gegen die Parteioberen, die in der Regel einen konservativ-bürgerlichen Hintergrund hatten, einen linken Anstrich bekamen. So heißt es einmal, Kohl habe einen sogenannten linken Flügel vermisst.36 Und zu kritisieren gab es immer etwas. Kohl äußerte dies nicht im Sinne von Verbesserungsvorschlägen, sondern meldete sich bei den Parteiversammlungen möglichst bald, nachdem der Referent des Abends glücklich zum Ende gekommen war, zu Wort, um lauthals und polemisch, oft mit ironischem Unterton, was die Angegriffenen nur umso mehr reizen konnte, seine ganz andere Sicht der Dinge darzulegen. Weil er dies ohne ideologische Scheuklappen und ohne intellektuelle Verklemmtheit tat, dabei sogar witzig sein konnte, gab es auch eine Menge älterer Zuhörer, die ihm zustimmten oder zumindest seine Attacken amüsiert zur Kenntnis nahmen.

Diese Daueropposition des Studenten Kohl muss die Parteioberen ungeheuer gereizt haben. Sie hörten aus der Kritik, die er an allem Möglichen übte, nur das eine heraus, nämlich, dass er bei nächster Gelegenheit selbst an ihre Stelle zu rücken gedachte. Wie Kohl in dieser Situation auf seine Kontrahenten wirkte, hat er selbst plastisch zum Ausdruck gebracht: »Als ich mich bei einer CDU-Versammlung wieder einmal stürmisch einschaltete, prägte der Ludwigshafener Kreisvorsitzende den unvergesslichen Satz: ›Das Wort hat der junge Herr Kohl‹ – und knurrend fügte er nach einer kleinen Pause hinzu: ›Einem bösen Hund gibt man ein Stück Brot mehr.‹«37

Helmut Kohl beließ es jedoch nicht bei der Kritik an den politischen Altvorderen. Er eröffnete eine zweite, für ihn ungleich gefährlichere Front. Er scheute mit despektierlichen Äußerungen auch nicht vor den kirchlichen Autoritäten zurück, indem er beispielsweise das bischöfliche Ordinariat von Speyer in der Öffentlichkeit ungeniert als »Kalkwerk« bezeichnete. Eine solche ins Lächerliche gehende Kritik stieß auf geharnischte Abwehr. Seine fromme Mutter musste in ihrer Friesenheimer Kirche anhören, was ein Domkapitular alles an dem jungen Kohl auszusetzen hatte.38 Die geistliche Rüge fiel – sehr zum Kummer der Mutter – recht massiv aus. Kohls Kritik blieb jedoch glaubhaft, weil er ein treuer Sohn der Kirche war, in ihrer Gemeinschaft lebte und sich von ihr getragen fühlte. Jahrzehnte später sagte er einmal: »Ich blieb dabei, obwohl es die Kirchengeschichte gibt.«39 Was er aber nicht hinnehmen wollte und wogegen er protestierte, war die Einflussnahme von hohen Amtsträgern der Kirche in die Politik. Er war nicht der Meinung, dass die Autorität der Bischöfe sich auch auf das Gebiet der Politik erstrecke.

Mit diesen Angriffen bewegte er sich auf vermintem Gelände. Über diese Frage hatte es in Deutschland schon heftige Auseinandersetzungen gegeben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der »Modernismusstreit« scharfe Frontstellungen hervorgerufen. In dem Disput ging es unter anderem um die Frage, ob christliche, interkonfessionelle Gewerkschaften zu akzeptieren seien oder ob katholischen Arbeitervereinen der Vorzug zu geben sei. Die konservative Auffassung, nach der die kirchliche Autorität auch in politischen und sozialen Bereichen die letzte Entscheidung haben müsse, wurde als Integralismus bezeichnet. Kohl wird bei Johannes Finck von diesen Kämpfen gehört haben. Er blieb lebenslang ein Gegner dieser Tendenzen. In diesen Jahren seines politischen Aufstiegs hatte der Integralismus in der Politik eine ganz konkrete Ausformung. Ministerpräsident Peter Altmeier und sein Staatssekretär Fritz Duppré galten in den Augen Kohls und seiner politischen Freunde als Integralisten. Beide vertraten vor allem in der Schul- und Bildungspolitik eine ebenso konservative Auffassung wie die kirchlichen Oberen und suchten sich mit diesen stets abzustimmen.40 Hier zeichnet sich bereits die Frontstellung ab, die die Jahre bis 1969, bis zur Wahl Helmut Kohls zum rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, bestimmen sollte.

Aufstieg im Landesverband

Im Jahre 1953 gelang Kohl ein erster wichtiger Einbruch in die Front der Honoratioren. Im November fanden Wahlen zum Geschäftsführenden Vorstand des CDU-Bezirksverbandes Pfalz statt. Wie das Land Rheinland-Pfalz insgesamt, war auch der CDU-Landesverband in Bezirke aufgeteilt. Von diesen war der Bezirksverband Pfalz parteipolitisch am wichtigsten. Überraschend meldete Kohl seine Kandidatur für das Amt des Schriftführers an. Das klang harmlos, aber es war eine Kampfkandidatur, denn der bisherige Amtsinhaber, Alois Krämer, kandidierte ebenfalls und war alles andere als ein Leichtgewicht. Für Kohl war das ein riskantes Unternehmen, aber es war ein kalkuliertes Risiko, denn sein Gegner entsprach dem »Feindbild« Kohls und seiner Freunde. Krämer galt als »stockkonservativ« und »kirchenhörig«,41 war Oberbürgermeister von Landau, besaß eine Druckerei und war Verleger einer Parteizeitung. Er betrachtete den Posten im Bezirksvorstand unter dem Gesichtspunkt, auch in diesem wichtigen Gremium präsent zu sein. Mit dem Anspruch, der bessere und weitaus aktivere Kandidat zu sein, gewann Kohl die Abstimmung – wenn auch knapp, mit einer Stimme Mehrheit. Er war zwar durch eine Kampfabstimmung in dieses Amt gelangt, aber er betrachtete sich im Vorstand nicht als Stimme der Opposition und erst recht nicht als Vertreter einer ideologisch fixierten Position, sondern ganz einfach als Politiker, der in diesem Gremium interessiert und effektiv mitarbeitete. Zehn Jahre später sollte er Bezirksvorsitzender werden – eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Landesvorsitzenden.

Im April 1954 wurde Helmut Kohl zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der Jungen Union gewählt. Anders als beim Pfälzer Bezirksvorstand war das nicht unmittelbar eine Position, um größeren Einfluss in der Partei zu gewinnen, denn er wollte nicht als Vertreter der Jungen Union abgestempelt werden. Aber wie sein eigener Anhang in Ludwigshafen zu einem großen Teil zur Jungen Union gehörte, so waren auch in den anderen Landesteilen Beziehungen zu den Jungen naturgemäß enger als zu anderen Mitgliedern. Hier entstand die tragende Schicht der späteren Parteimehrheit. Kohl selbst hatte bei der Jungen Union keine Ambitionen. Er wollte aber in deren Spitze dabei sein und so den Kontakt zu Gleichgesinnten in den andern Bezirken stärken, die ebenfalls damit beschäftigt waren, sich nach oben zu kämpfen.

In der Folgezeit erfuhr die Situation an der Spitze der Jungen Union eine zufriedenstellende Regelung. Der Landesvorsitzende Peter Josten konzentrierte sich auf sein Bundestagsmandat, und Kohls »treuer Weggefährte« Heinrich Holkenbrink aus Trier übernahm den Vorsitz; er fand sich später im Kabinett Kohl als Wirtschafts- und Verkehrsminister wieder. Unter den führenden Vertretern der Jungen Union befanden sich eine Reihe von Politikern, die auch später in der Umgebung Kohls zu finden sind. Neben Holkenbrink sind hier der spätere Innenminister Heinz Stark zu nennen, der Chef der Staatskanzlei Willibald Hilf, aber auch der langjährige Bundestagsabgeordnete Albert Leicht.42

Im Januar 1955 landete Kohl auf dem Landesparteitag einen Coup, der mehr jugendlichen Übermut als sorgfältig kalkuliertes Risiko zeigte: Er kandidierte auf dem Parteitag, der in Ludwigshafen stattfand, für einen Sitz im Präsidium der Landes-CDU. Vorgeschlagen hatte ihn sein väterlicher Freund Gustav Hülser. Der Landesvorstand hatte jedoch einstimmig einen Vorschlag präsentiert, der fünf Kandidaten umfasste. Ein solches Paket pflegt im Allgemeinen anstandslos gewählt zu werden. Hülser schlug dennoch Kohl als sechsten Kandidaten vor und begründete seinen Antrag mit dem Argument, dass auch »ein Sprecher aus der jungen Generation mitverantwortlich« im obersten Parteigremium vertreten sein solle.43

In der historischen Forschungsliteratur wird die Kandidatur Kohls so verstanden, als sei er gegen den Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling angetreten, diesem aber ehrenvoll unterlegen. So sahen es jedenfalls seine Anhänger. Möglicherweise galt bei ihnen Wuermeling als derjenige Kandidat, den Kohl am leichtesten verdrängen konnte, denn er schien als Bonner Minister der Landespolitik schon etwas entrückt zu sein. Tatsächlich hatte Kohl keine Chance, denn die große Mehrheit der Delegierten wählte die fünf im Paket vorgeschlagenen Kandidaten. Er erzielte einen Achtungserfolg, der immerhin zeigte, dass ihm viel Sympathie entgegengebracht wurde. Viele Delegierte mochten ihn und hatten für ihn gestimmt, obwohl seine Kandidatenrede einigermaßen befremdlich geklungen hatte. Darin prangerte er die »Verbürgerlichung« der Partei und eine zunehmende »Laxheit« an, kritisierte die mangelnde Gelegenheit zur Diskussion auf dem Parteitag, vermisste eine Flügelbildung innerhalb der Partei und die daraus entstehenden »echten Spannungen« und klagte auch noch darüber, dass »Deutschland ohne die sozialdemokratische Partei … diese neue Wehrmacht« aufbauen müsse. Mit solchen Bekenntnissen konnte er die Delegierten wohl kaum begeistern. Denn wer wünschte sich außer Kohl »echte Spannungen« im Parteileben?44

Es war wohl mehr die Art, wie er seine Kritik vortrug, der jugendliche Schwung, der Wirkung erzielte. Der Parteitagspräsident Eduard Orth hatte ihm bestätigt, sein Beitrag sei »maßvoll« gewesen. Wahrscheinlich hatte Orth schon viel schärfere Attacken von Kohl erlebt, dass er so nachsichtig urteilen konnte. Entscheidend war wohl Kohls Bekenntnis am Schluss, das ihm viele Sympathien sicherte, bezeichnete er sich doch als »jungen Menschen, der seit Jahr und Tag in dieser Christlichen Union versucht, seine Pflicht zu tun, der glaubt, in dieser neuen deutschen Demokratie seine politische Welt gefunden zu haben und in dieser christlich demokratischen Union seine Heimat. Ich meine, wir sollten gemeinsam dieses Haus der deutschen Zukunft bauen«.

Aber er konnte auch anders. Jahre später erinnerte er sich: »Ich habe hier heute noch von dem einen oder anderen darunter zu leiden, dass ich als junger Mensch, junger Kerl damals von den großen Alten einen Stein in die Hand gedrückt bekam und hab den zielsicher jemandem an den Kopf geworfen. Ich war der Täter, aber ich war nicht der intellektuelle Urheber.«45

Dass Ministerpräsident Altmeier damals in Kohl schon den kommenden Gegner sah, ist nicht wahrscheinlich. Die Erkenntnis, dass ihm mit Kohl ein gefährlicher Rivale heranwuchs, wird sich erst später entwickelt haben, als dieser mit der Übernahme des Fraktionsvorsitzes im Landtag eine Art Gegenregierung zu Altmeiers Kabinett bildete. An der Universität Heidelberg begannen aber schon Gerüchte die Runde zu machen, die von Kohl als dem kommenden Ministerpräsidenten sprachen. Das alles ist mit Vorsicht zu bewerten. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass Helmut Kohl bei seiner außergewöhnlich stark ausgebildeten Fähigkeit, für die Zukunft zu planen und sich selbst Vorgaben zu machen, seit 1955 die Möglichkeit im Auge hatte, Altmeier einmal abzulösen, auch wenn er dafür einen längeren Zeitraum einplante.

In das Jahr 1955 fällt auch ein Ereignis, das die Politik in Rheinland-Pfalz beeinflusste und den Rahmen der üblichen Landespolitik sprengte. Das war die Volksabstimmung an der Saar. Im Oktober 1954 hatte der Bundeskanzler mit dem französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès France in Paris eine Regelung für die Saar ausgehandelt. Sie wollten damit einen Streitpunkt beseitigen, der die deutsch-französischen Beziehungen belastet hatte. Die Bevölkerung der Saar sollte sich fortan voller demokratischer Freiheiten erfreuen, die sie bis dahin entbehren musste, aber weiterhin von Deutschland getrennt bleiben. Die Franzosen wollten jedoch sichergehen, dass die Saarländer dieses neue Statut auch tatsächlich akzeptierten, und hatten deshalb eine Volksabstimmung durchgesetzt, die vor dem Inkrafttreten des Saar-Statuts stattfinden sollte. Als die Regelung bekannt wurde, zweifelten weder Befürworter noch Gegner des Abkommens daran, dass das Statut bei der Volksabstimmung eine klare Mehrheit finden würde. Die Volksabstimmung war auf den 23. Oktober 1955 festgesetzt.

Als aber drei Monate vor diesem Termin die Zensur aufgehoben und die deutschen Parteien zugelassen wurden, änderte sich das Bild schlagartig. Nun wurde der Ruf nach Ablehnung des Statuts und der Rückkehr nach Deutschland immer lauter. Die Saar-CDU fand nachhaltige Unterstützung in Rheinland-Pfalz. Ministerpräsident Altmeier, ein gebürtiger Saarbrücker, der über die Stimmung an der Saar genau informiert war, widersprach Konrad Adenauer entschieden, als dieser seinen Unwillen über die Saarländer äußerte, die seiner Westpolitik Schwierigkeiten bereiteten.46 Die berüchtigte Bochumer Rede des Bundeskanzlers am 2. September 1955, in der er für die Annahme des Statuts warb und damit großen Protest hervorrief, war aber bereits von dem Bestreben diktiert, das Klima für neue Verhandlungen mit dem französischen Partner vorzubereiten und nicht durch nationale Rhetorik zu belasten. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Ablehnung des Statuts schon als sicher anzunehmen.

Helmut Kohl stimmte mit der Saarpolitik Adenauers nicht überein. Er hatte schon vor der Eröffnung des Wahlkampfes im Juli 1955 die damals noch illegale Saar-CDU unterstützt, indem er Broschüren des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen in das Saargebiet brachte. Dessen Minister Jakob Kaiser war ständig bemüht gewesen, auch mit diesem Teil Deutschlands und nicht nur mit der sowjetischen Besatzungszone die politischen Kontakte aufrechtzuerhalten, obwohl er damit den Ärger des Kanzlers hervorrief. Wer beim Transport von Informationsmaterial in das Saargebiet gefasst wurde, lief zwar kein so hohes Risiko wie im Falle der DDR, wo Zuchthausstrafen drohten, aber mit der französischen Polizei war auch nicht zu spaßen.

Kohl schmuggelte das Material im Auto in das Saargebiet. Um das Risiko einzudämmen, machte er einen Umweg, indem er erst nach Lothringen fuhr und von dort aus die Grenze zum Saargebiet an kleinen Übergängen passierte. Am Steuer saß seine Freundin Hannelore, die dem gelangweilten Posten nicht nur einen erfreulichen Anblick bot, sondern sogar mit ihm auf Französisch parlieren konnte, was den Argwohn ungemein minderte. Später half Kohl der Jungen Union und war beim Aufbau der saarländischen Parteiorganisation und bei der Durchführung von Schulungskursen tätig.

Der Einsatz für die Rückkehr der Saar war für Kohl selbstverständlich. Das geschah nicht aus einem antifranzösischen Affekt heraus, sondern war für die ihn geradezu selbstverständliche Reaktion auf eine politische Konstellation, die er für nicht gerechtfertigt hielt. Frankreich war für ihn immer der Nachbar, mit dem es auszukommen galt. Schon 1950 gehörte er zu einer Delegation junger Pfälzer, die nach Paris fuhr und sogar am Quai d’Orsay von Robert Schuman, dem damaligen französischen Außenminister, empfangen wurde. Der Kontakt mit Frankreich, die Bereitschaft zum Leben über die Grenze, war bei ihm stets vorhanden und damit das Gefühl, mit den Bewohnern jenseits der Grenze ein gemeinsames Schicksal zu tragen und sich auch gemeinsam als Opfer der politischen Gegensätze beider Staaten zu verstehen. Konrad Adenauer hat zwar unendlich viel für die deutsch-französische Verständigung getan, aber er war kein Frankophiler. Bei ihm stand das rationale Kalkül im Vordergrund, dass in erster Linie dem französischen Sicherheitsbedürfnis Rechnung zu tragen sei. Bei Kohl hingegen entstand im Laufe der Zeit ein Gefühl der Vertrautheit. Das hatte wenig zu tun mit dem oberflächlichen Bekenntnis zu Frankreich und seiner Lebensweise, das mit schwarzen Zigaretten, Käse und Rotwein zum Ausdruck gebracht wurde. Vor allem der Europagedanke spielte bei ihm eine zentrale Rolle. Denn mit dem vereinten Europa hatten die Menschen ein neues Ziel vor Augen, auf das es zuzugehen galt. Die gemeinsame Zukunft in Europa war wichtiger als das gegenseitige Aufrechnen der Vergangenheit.

Geschichte statt Politik

Im Mai 1955 fanden in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen statt, die der CDU zum ersten Mal die absolute Mehrheit im Landtag einbrachten. Kohl war wie gewohnt im Wahlkampf aktiv und hätte wohl auch ein Mandat bekommen können. Aber er winkte ab. Er wollte mit seinem Studium vorankommen. Denn wäre er schon 1955 in den Mainzer Landtag eingezogen, hätte dies wohl den Verzicht auf einen erfolgreichen Studienabschluss bedeutet. Das wollte er nicht, konnte es aber auch seinem Vater nicht antun. Denn der alte Herr war schon wenig erbaut darüber gewesen, dass sein Sohn das Jurastudium aufgegeben und in Heidelberg auf Geschichte als Hauptfach umgesattelt hatte. Vater Kohl hätte es wie viele mittlere Beamte lieber gesehen, wenn sein Sohn als Jurist die höhere Beamtenlaufbahn eingeschlagen und so eine solide Ausbildung gehabt hätte. In die Politik konnte er dann immer noch gehen. Er selbst war schon pensioniert, aber weiterhin als Steuerberater kleinerer Betriebe tätig.

Kohls Entscheidung für das Studium der Geschichte überrascht ein wenig. Wäre es für einen angehenden Politiker nicht viel naheliegender gewesen, politische Wissenschaft zu studieren, zumal das Fach in Heidelberg mit Dolf Sternberger einen glänzenden Vertreter aufzubieten hatte? Und wäre sein Dissertationsthema über die Gründung der politischen Parteien in der Pfalz nach 1945 nicht erst recht ein Thema für die Politologen gewesen angesichts der Tatsache, dass die Historiker noch für lange Zeit das Jahr 1945 als Grenzstein betrachteten, jenseits dessen die Politikwissenschaft die Zuständigkeit übernahm? Für manche Historiker waren in den Fünfzigerjahren selbst Weimarer Republik und Drittes Reich noch nicht historisch genügend abgeklärt. So entschied Franz Schnabel, der Münchner Ordinarius für Neuere Geschichte und profunde Kenner der Geschichte des 19. Jahrhunderts, dass Zeitgeschichte bei ihm nicht gelehrt wurde, und lehnte deshalb das Angebot von Mitarbeitern des Instituts für Zeitgeschichte dankend ab, Lehrveranstaltungen zur NS-Geschichte anzubieten.

Tatsächlich ist Kohls Entscheidung, Geschichte und nicht Politologie als Hauptfach zu studieren, weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Da ist zunächst seine Einstellung zu Sternberger. Er mochte ihn nicht, diesen von der Publizistik herkommenden Professor mit Sendungsbewusstsein, der in der luftigen Höhe der Theorie lehrte, den Deutschen den Begriff »Verfassungspatriotismus«47 schenkte, aber die politische Realität gering schätzte. Die Abneigung war gegenseitig. »Durchaus mit Stolz« habe Dolf Sternberger Helmut Kohl eröffnet, er habe noch nie an einem Parteitag teilgenommen. Die beiden passten nicht zusammen. Mit Sternbergers Assistenten verbanden Kohl gemischte Erfahrungen. Er spottete über den »roten Assistentenhaufen«48, aber er konnte unterscheiden. Da war ein Assistent namens Bernhard Vogel, der auch durchaus links eingestellt war, aber dennoch zur CDU gehörte und den er weiterhin im Auge behielt.

Kohl erschien in der Universität eher wie ein Außenseiter. Er trat auf als ein »bekennender Schwarzer«, als die Universität und vornehmlich die Philosophische Fakultät – die Studenten wie die bekannten und einflussreichen Professoren – »links« standen. Das war nicht im Sinne eines parteipolitischen Engagements zu verstehen, sondern als Ausdruck eines Lebensgefühls und einer politischen Gesinnung, die ungefähr der Linie des »Spiegel« entsprach. Der SPD stand man als einer sterilen Funktionärspartei kritisch gegenüber, aber eine Nähe oder gar Mitgliedschaft bei der CDU war im Grunde gar nicht vorstellbar. Das Meinungsklima war eindeutig nach links hin ausgerichtet: Kohl musste mit Befremden zur Kenntnis nehmen, dass es unter seinen Kommilitonen auch CDU-Mitglieder gab, die ihre Mitgliedschaft verleugneten.

Bei den Politologen konnte man diskutieren; daran bestand kein Mangel. Man konnte sich auch im Seminar von Sternberger in Szene setzen – der Meister am Kopfende eines langen Tisches, während Kohl an seinem unteren Ende demonstrativ die Gegenposition einnahm und seine Pfeife rauchte. Er wurde auch an einer Studie über die Kandidatenaufstellung bei der Bundestagswahl im Jahre 1957 beteiligt. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Untersuchung brachte Kohl vorübergehend ein kleines Stipendium ein. Es war wie nicht selten bei der DFG eine Forschungsförderung ohne Wert, denn publiziert wurde die Studie erst 1961. Da war die Kandidatenaufstellung für die nächste Bundestagswahl längst über die Bühne gegangen, und Kohl selbst hatte die Universität schon lange verlassen.

Sein Dissertationsthema hatte Helmut Kohl selbst gewählt. Er ging von dem aus, was er kannte, und das war die Parteienlandschaft der Pfalz. Als er anfing, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen, lagen die Anfänge der Parteien erst zehn Jahre zurück. Manche der Gründer kannte er persönlich, so den Dekan Johannes Finck, und er hatte bald herausgefunden, bei welchen Zeitzeugen aus der Anfangszeit noch Material vorhanden war. Viele lebten noch, die er befragen konnte. Es war klug, das gesamte Parteienspektrum bis hin zur KPD einzubeziehen und nicht nur die komplizierte Vorgeschichte der CDU ausführlich zu behandeln. Der umfassende Ansatz erleichterte die Quellensuche, da auch die anderen Parteien daran interessiert waren, eine angemessene Berücksichtigung zu finden.

Es war ein im Kern historisches Thema, aber aus der allerjüngsten Vergangenheit, mit der sich Historiker noch nicht beschäftigten, schon weil es dafür kaum bereits zugängliche Quellen gab. Kohl hatte ein zwar ausgefallenes, aber durchaus adäquates Thema für eine Doktorarbeit gewählt. Er nahm sich einen Stoff vor, der bis dahin wissenschaftlich noch nicht bearbeitet worden war. Nun benötigte er aber auch einen Doktorvater, der die Arbeit betreute. Er fand ihn in Walter Peter Fuchs, einem Historiker, der sich hauptsächlich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigt hatte und als Ranke-Forscher Ansehen genoss. Er war damals außerplanmäßiger Professor, der 1957 auf einen Lehrstuhl an die TH Karlsruhe berufen wurde und von dort 1962 nach Erlangen ging. Zu Fuchs unterhielt Kohl lebenslang gute persönliche Beziehungen.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es zwischen Ordinarien und Nichtordinarien deutliche Kompetenzunterschiede. Ein Nichtordinarius wie Fuchs, der den Doktoranden betreut hatte, schrieb zwar das Fachgutachten, aber es war ein ordentlicher Professor vonnöten, um für die Fakultät das Hauptgutachten zu erstatten, auch wenn er von dem Thema nicht viel Ahnung hatte. So streng waren die Bräuche. Für Letzteres gewann Kohl den Mediävisten Fritz Ernst. Zu ihm hatte er einen persönlichen Kontakt gefunden, als er ihm einmal über seine politische Arbeit berichtet und zugleich seine Schwächen in Latein gestanden hatte, sodass Ernst ihn im Seminar mit Latein verschonte. Zwei Professoren also ohne jeden Bezug zu den Sozialwissenschaften, ein Historiker des 19. Jahrhunderts und ein Mittelalterfachmann hatten Kohl akzeptiert, der sich selbst rückblickend als »seltsamen Verschnitt zwischen einem Studenten und einem Politiker«49 bezeichnete. Die beiden Professoren hatten in den Jahren nach dem Krieg viele Kandidaten mit verschiedenen Schicksalen betreut und dabei gelernt, auf die Substanz zu achten.

Das Ordinariengutachten schrieb schließlich nicht Ernst, sondern der inzwischen für Neuere Geschichte nach Heidelberg berufene Werner Conze, der als Pionier der modernen Sozialgeschichte die Geschichtswissenschaft ungemein angeregt hat. Die Arbeit wurde mit »gut«, mit »cum laude« bewertet. Am 28. Juli 1958 war der Tag der mündlichen Prüfung. Da noch kein Druckzwang herrschte, brauchte Kohl nur die vorgeschriebene Zahl maschinenschriftlicher Pflichtexemplare bei der Fakultät abzuliefern. Den Text hatte seine Freundin Hannelore geschrieben.

Der politische Aufstieg und die gleichzeitig abgelegte Promotion stellen eine respektable Arbeits- und Energieleistung dar. Der erfolgreiche Abschluss seines Studiums neben der politischen Arbeit zeigt zugleich eine Fähigkeit Helmut Kohls, die für seine gesamte Laufbahn charakteristisch werden sollte. Er besaß die Fähigkeit abzuschalten und konnte so das Nebeneinander von Studium und Promotion auf der einen Seite und dem Dauerstress des politischen Lebens auf der anderen Seite relativ problemlos durchhalten. An einem Tag war er von der Politik voll in Anspruch genommen, aber am nächsten Tag konnte er wissenschaftlich arbeiten, ohne dass seine Konzentration darunter litt und ihm noch ständig Gedanken und Probleme politischer Natur durch den Kopf gingen. Zum Zeitpunkt der Promotion war Kohl politisch als Mitglied des Pfälzer Bezirksvorstandes und des CDU-Landesvorstandes sowie als rührigster Parteiaktivist in Ludwigshafen fest etabliert. In Parteikreisen galt er als kommender Mann mit vielfältigen Verbindungen in der Partei.

Mit dem Abschluss des Studiums rückten für Helmut Kohl zwei Ziele in den Vordergrund: der Gewinn eines Mandats bei den Landtagswahlen, die im April 1955 stattfanden, und ein Broterwerb. Von der Politik allein konnte man damals noch nicht leben. Denn ein Landtagsmandat in Rheinland-Pfalz galt nicht als Ganztagsbeschäftigung und wurde bescheiden honoriert. Der Erwerb des Doktortitels war in seiner Situation deshalb sehr wichtig. Vergleichsweise wenige Studenten erreichten in der Nachkriegszeit die Promotion. Die meisten wollten damals möglichst schnell das Studium hinter sich bringen und in das Berufsleben eintreten. Das kam Kohl zugute; zugleich war es für ihn der Nachweis bürgerlicher Respektabilität, gleichsam der Ausgleich für sein oft provozierend formloses Auftreten in der Politik. Zudem stellte die Promotion eine wissenschaftliche Qualifikation dar, die ihn in die Nähe der Universität rückte, die damals auf dem Höhepunkt ihres öffentlichen Ansehens stand.

Abgeordneter im Mainzer Landtag

Mit seinem akademischen Titel und seinem Bekanntheitsgrad in Ludwigshafen bereitete es Kohl keine Schwierigkeit, eine berufliche Stellung zu finden. Für ihn selbst gab es nur eine Bedingung: Er wollte nicht abhängig werden. Das war eines seiner »Lebensprinzipien«. Deshalb lehnte er bewusst eine Stellung bei der BASF ab und begann 1958 als Direktionsassistent bei einem mittelständischen Unternehmen, der Eisengießerei Willi Mock. Zum 1. April 1959 wechselte er als Referent zum rheinland-pfälzischen Landesverband der Chemieindustrie. Dessen Vorsitzender, Udo Giulini, war der Chef eines renommierten Familienunternehmens der pfälzischen Chemiebranche; später wurde er CDU-Bundestagsabgeordneter. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Kohl erhielt ein auskömmliches Gehalt und setzte sich für Belange des Verbandes ein, behielt aber so viel zeitlichen Spielraum, dass er nicht nur in der Politik aktiv bleiben, sondern seine Aktivitäten sogar erheblich ausweiten konnte.50

Referent im Chemieverband zu sein, bedeutete aber für Helmut Kohl keineswegs, dass er eine Art Erfüllungsgehilfe für den Chemiegiganten in Ludwigshafen abgegeben hätte. Ein Beispiel mag das belegen. Als es darum ging, dass die Stadt eine chemisch-technische Lehranstalt gründen wollte, lehnte Kohl dies mit der Begründung ab, als kommunale Einrichtung würde die Lehranstalt »eine Schule der BASF« werden: »Dann würde der Ausbildungsleiter der BASF der unausgesprochene Oberdirektor eines solchen Chemotechnikums werden, und das sei für die anderen Betriebe, insbesondere für die kleineren und mittleren, sehr schlecht.«51 Kohl sprach sich daher für eine staatliche Schule aus, die der Einflussnahme der BASF weniger ausgesetzt war.

Die Bedenken, die ihn vier Jahre zuvor von der Kandidatur zurückgehalten hatten, bestanden nun nicht mehr. Ernsthafte Schwierigkeiten, als Kandidat aufgestellt zu werden, sind nicht bekannt. Es gab nur das übliche »Kandidatengerangel«52, das nicht zuletzt aus dem geltenden Wahlrecht entstand. In Rheinland-Pfalz wurde damals nach dem Verhältniswahlrecht gewählt. Ludwigshafen gehörte zu einem Wahlkreis, der die gesamte Vorderpfalz umfasste. Dafür gab es eine eigene Wahlkreisorganisation, deren Vorsitzender Helmut Kohl war. Dennoch ergab sich aus dieser Konstellation nicht gleichsam von selbst, dass Kohl die CDU-Kandidatenliste anführte. Er stand an zweiter Stelle, und das »Gerangel« ging um einen der weiteren sicheren Listenplätze.

Im Wahlkampf ragte vor allem ein Ereignis hervor: der Auftritt des Bundeskanzlers am 3. April 1959 in Ludwigshafen. Hier stellt sich die Frage, wer es geschafft hat, Adenauer nach Ludwigshafen zu bringen, zu seiner einzigen Veranstaltung in diesem Wahlkampf. Man könnte denken, dass Kohl die treibende Kraft dabei gewesen sei. Bei den vielfältigen Kontakten zu einer Reihe von Unionspolitikern könnte er auch schon einen Draht nach Rhöndorf gehabt haben. Aber im dortigen Archiv wie im Bundeskanzleramt gibt es dafür keine Belege.

Wahrscheinlicher ist, dass Ministerpräsident Peter Altmeier selbst den Anstoß dazu gegeben hat. Er hatte im Bundesvorstand über die mangelnde Beteiligung von Bundestagsabgeordneten im Wahlkampf Klage geführt. Daraufhin hatte der Fraktionsvorsitzende Heinrich Krone seine Kollegen zur Teilnahme aufgefordert. Wahrscheinlich wollte der Bundeskanzler mit gutem Beispiel vorangehen und gab seine Zusage, am 3. April in Ludwigshafen zu sprechen, bevor er wenige Tage später zu seinem Urlaub nach Cadenabbia aufbrach.

Adenauers Erscheinen in Ludwigshafen veranlasste Kohl, eine Großveranstaltung aufzuziehen, die größte, die die Stadt in der Nachkriegszeit erlebt hatte. Dafür wurde eigens ein Zelt gemietet, das normalerweise auf dem Dürkheimer Wurstmarkt Verwendung fand und Platz für mehr als achttausend Menschen bot. Um die Unkosten zu decken, musste Kohl den Leuten sogar Eintritt abnehmen – ganz ungewöhnlich für eine Veranstaltung der Union im Wahlkampf.53 Aber das Risiko hatte sich gelohnt: Es kamen mehr Menschen, als das Zelt fassen konnte.

Des Kanzlers Auftritt in Ludwigshafen war etwas Besonderes. Er stand damals auf dem Höhepunkt seines Ansehens kurz vor der von ihm selbst verursachten Beschädigung durch seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten. Die Menschen kamen, um von dem Staatsmann in einer Zeit internationaler Spannungen stärkende Worte zu hören. Denn im April war das Chruschtschow-Ultimatum noch nicht abgelaufen. Der Sowjetführer hatte im November 1958 angekündigt, West-Berlin in eine »freie«, entmilitarisierte Stadt umzuwandeln. Niemand konnte sagen, welchen Ausgang die Krise um Berlin nehmen würde.

Die Botschaft Adenauers war unmissverständlich: Der Sowjetführer erstrebe die Weltherrschaft, der Westen müsse jetzt zusammenhalten und »volle Übereinstimmung« in den eigenen Reihen herstellen. Die Notwendigkeit zum Zusammenstehen beherzige aber die deutsche Sozialdemokratie nicht; deren führende Vertreter reisten nach Moskau und hätten einen Deutschlandplan mit ganz abenteuerlichen Vorstellungen vorgelegt. Angesichts dieser Situation ergab sich für den begnadeten Wahlkämpfer Adenauer nur eine Konsequenz. Die Menschen in Rheinland-Pfalz müssten bei den Landtagswahlen ein Bekenntnis ablegen, »ob sie zum freien Westen gehören oder ob sie den Weg nach Pankow gehen wollen, den die Sozialdemokratie uns weisen will«.54 Die Zuhörer dankten dem Kanzler mit donnerndem Applaus.

Dem Kandidaten Kohl blieb als Wahlkreisvorsitzendem das Schlusswort vorbehalten. Er nutzte es auf ganz eigene Art. Nach allgemeinen Dankesworten erinnerte er an den verstorbenen Kultusminister Albert Finck – denselben Finck, der mit Adenauer zehn Jahre zuvor in Landau beim ersten Bundestagswahlkampf zusammengetroffen war. Kohl tat das Gleiche wie Finck damals in Landau: Er schloss die Versammlung mit dem Deutschlandlied. Der Auftritt Adenauers machte in der Pfalz gewiss Furore und brachte den Wahlkreiskandidaten Kohl verstärkt ins Gespräch. Aber die politischen Gewichte konnten dadurch in Ludwigshafen kaum geändert werden: Die CDU gewann zwar fast 4 Prozent, aber die SPD konnte zugleich ihre Mehrheit auf 52 Prozent ausbauen.

Die Kandidatur zum Landtag hatte keine Probleme gemacht; es schien, als ob das Landtagsmandat für Kohl eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. In der Stadt Ludwigshafen lagen die Dinge freilich anders. Hier hatte er in seiner Partei mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, und es zeigte sich, dass sein Aufstieg keineswegs so glatt verlief, wie es der Eindruck vermittelt, er sei jeweils der Jüngste gewesen. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt musste er kämpfen.

Eigentlich hatte für ihn keine Notwendigkeit bestanden, den CDU-Vorsitz in Ludwigshafen anzustreben. Denn für ein Landtagsmandat war es nicht notwendig, in Ludwigshafen selbst die Spitzenposition einzunehmen. Das war bei den Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor ihm und nach ihm auch nur selten der Fall gewesen. Mit einem loyalen Mann als Kreisvorsitzenden hätte er als Landtagsabgeordneter in Mainz wirken können, ohne sich um die Basis daheim Sorgen machen zu müssen.

Es ist daher abwegig zu vermuten, dass Helmut Kohl Kreisvorsitzender werden, also die Parteiorganisation Ludwigshafen hinter sich haben musste, gleichsam als Voraussetzung für die Mandate im Landtag und im Stadtrat.55 Derartige Überlegungen waren ihm fremd. Das politische Engagement in seiner Heimatstadt ergab sich aus einem ganz elementaren Bedürfnis und nicht aus taktischem Kalkül. Es war seine Stadt, in der er schon seit mehr als zehn Jahren politisch aktiv gewesen war. Auch wenn die SPD in Ludwigshafen die absolute Mehrheit besaß und den Oberbürgermeister stellte sowie die wichtigsten Posten in der Stadtverwaltung besetzte, hieß das für Kohl nicht, die Stadt politisch links liegen zu lassen. Vielmehr war es für ihn ein Anlass, sich zu engagieren, Flagge zu zeigen und die Konfrontation mit der SPD zu suchen. Sein Leben lang hat er den Grundsatz vertreten, dass Parteien auf Dauer nur erfolgreich sein können, wenn sie auch in den Rathäusern präsent sind. Die CDU in seiner Stadt nach vorn zu bringen, war daher für ihn eine Selbstverständlichkeit, für die er gern zusätzliche Belastungen in Kauf nahm. Man kann es auch so sagen: Er wollte in seiner Stadt mitmischen, zugleich aber die Partei als politische Kraft aufbauen, ohne den Ehrgeiz zu haben, in der Stadt den Vorsitz zu übernehmen.

Das Problem bestand nur darin, dass die örtlichen Honoratioren ihn im Grunde gar nicht in der Kommunalpolitik haben wollten. Im Kreisvorstand wie in der Stadtratsfraktion der CDU waren die Leute mit dem zufrieden, was ihnen die SPD zukommen ließ; sie dachten nicht an eine energische Oppositionspolitik, wie Kohl sie forderte.

Im Januar 1958 kam es zu einem heftigen Zusammenstoß, der deutlich machte, wie weit die Positionen auseinanderlagen. Ludwig Reichling, der langjährige Bürgermeister, also der Stellvertreter des Oberbürgermeisters von Ludwigshafen, wollte zurücktreten. Damit stand der höchste Posten, den die CDU in der Stadt besetzen konnte, zur Neubesetzung an. In einer solchen Situation werden nicht nur personalpolitische Begehrlichkeiten geweckt, sondern die bisherige Politik wird auf den Prüfstand gestellt und Überlegungen angestellt, welcher politische Kurs in Zukunft eingeschlagen werden soll. Bürgermeister Reichling hatte eine Politik der Zusammenarbeit mit der SPD betrieben. In der Fraktion hatte dieser Kurs Unterstützung gefunden. Mit der Wahl seines Nachfolgers stellte sich nicht nur die Frage nach dem geeigneten Kandidaten, sondern auch nach dem zukünftigen Kurs in der Kommunalpolitik. Mit Reichlings Kooperationsbereitschaft, die auf Kritik gestoßen war, sollte nun Schluss sein. Diese Meinung vertrat jedenfalls eine Gruppe von neun Mitgliedern, die die Einberufung einer Versammlung des Kreisvorstandes und der CDU-Stadtratsfraktion gefordert hatten. Es erübrigt sich fast der Hinweis, dass hinter dieser Gruppe Kohl stand, denn die bisher akzeptierte Rolle in der Partei, mehr oder weniger Juniorpartner der SPD zu sein, passte ihm überhaupt nicht.

Die Sitzung für die Neuwahl des Bürgermeisters fand am 15. Januar 1958 statt.56 In den Diskussionen zeigten sich die tiefen Risse und Gegensätze in diesem Führungsgremium der Ludwigshafener CDU. Der scheidende Bürgermeister konstatierte Mängel und forderte: »So kann es nicht weitergehen!« Ein anderer sprach von einem »Unglück, weil der menschliche Kontakt nicht gepflegt« würde. Vor allem die Fraktion wurde von verschiedenen Seiten kritisiert; dort fehle jegliche Klarheit, es herrsche »kein Frieden mehr«. Man begegnete der Fraktion mit Misstrauen, weil sie, um ihre kleinen Forderungen durchzusetzen, die Kooperation mit der SPD höher einschätzte als die Konfrontation, die nach außen wirkte, der Fraktion in der alltäglichen Arbeit aber wenig einbrachte.

Kohl stand im Zentrum der Kontroversen der fast bis Mitternacht dauernden Diskussion. Auch an ihm wurde in verschiedener Hinsicht Kritik geübt. Er wehrte sich energisch, predigte Härte gegenüber der SPD – man dürfe sich »in keiner Weise die Handlungsweise von der SPD aufzwingen lassen« –, zeigte aber auch Wirkung gegenüber den Angriffen. Er erklärte trotzig, er »klebe nicht an einem Posten in der Partei«, er habe so etwas gar nicht nötig, denn er habe sogar »Stipendien von Dr. Finck seinerzeit abgelehnt«. Damit meinte er den Kultusminister Albert Finck, den Bruder von Johannes Finck.

Was die Auseinandersetzungen auf dieser denkwürdigen Versammlung zusätzlich verschärfte, war die Behauptung Kohls, dass es nicht nur um die Suche nach einem Nachfolgekandidaten für Reichling gehe, sondern um weit mehr. »Der Landtagswahlkampf hat schon begonnen«, donnerte er und erhob den schwerwiegenden Vorwurf, dass tatsächlich um Landtagsmandate geschachert werde: »Es werden jetzt schon Landtagslisten von Stadträten für die kommende Wahl gemacht.« Der Aufdeckung dieser Machenschaften ließ Kohl die Drohung folgen: »Es hätten manche Stadträte allen Grund ruhig zu sein, anstatt gegen mich Stellung zu nehmen.«

Auch in dieser scharfen Debatte tauchte der Gegensatz zwischen den Jungen um Kohl und der Gründergeneration wieder auf, eine Auseinandersetzung, die seinen Aufstieg bis hin zur Ablösung Peter Altmeiers im Jahre 1969 begleiten sollte. Kohl erinnerte daran, dass sich die Jungen bei den letzten Landtagswahlen 1955 uneigennützig für die damaligen Wahlkreiskandidaten eingesetzt hätten. Das sei wohl vergessen, und nun hieße es, »dass die JU zu radikal sei«. Das war noch nicht alles, denn plötzlich stehe die Behauptung im Raum: »Ein neuer Parteivorsitzender muss her, der Schwarze Peter soll aber der JU zugeschoben werden.«

Die Schuldzuweisungen zeigen überdeutlich, dass zwischen der etablierten »alten« Führungsschicht in der Stadtratsfraktion und Kohl und seinen Anhängern massive Gegensätze bestanden. Sie waren durch eine klärende Aussprache offensichtlich nicht aus der Welt zu schaffen. Kohl stellte daher den Antrag auf Einberufung einer Kreisversammlung zur Neuwahl des Vorstandes, dem mit großer Mehrheit zugestimmt wurde. Neuer Vorsitzender wurde Eckard Augustin, ein »Junger«, der zu Kohls politischen Freunden gehörte. Er war in der pfälzischen CDU als Bezirksvorsitzender der Jungen Union in der Pfalz kein Unbekannter. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Augustin sein Amt als Kreisvorsitzender mit Zustimmung Kohls antrat.57

Mit dem neuen Vorsitzenden war der interne Streit keineswegs beigelegt, denn über die Nachfolge Ludwig Reichlings als erstem Beigeordneten gab es lange quälende Debatten, die bis zum September 1958 dauerten. Dann hatte man endlich einen geeigneten Kandidaten, einen Rechtsrat aus Freiburg, gefunden.

In all diesen Sitzungen zeigte Eckard Augustin keine Führungskraft. Während Kohl in der Beigeordnetenfrage drängte, zeigte sich der CDU-Vorsitzende wenig entschlossen und eher ausweichend. Erstaunlich viel Engagement ließ er hingegen erkennen, als es um die »Atomdebatte« ging. Im Jahre 1958 brach bekanntlich die erste bundesdeutsche Massenhysterie aus, als die SPD die Aktion »Kampf dem Atomtod« startete, die bei den Sozialdemokraten in Ludwigshafen und insbesondere beim Betriebsrat der BASF ein starkes Echo fand. Mit seinem Vorschlag, vonseiten der CDU Material für eine Atomdebatte zu sammeln, bewies Augustin in dieser Situation wenig Sinn für Realität. Helmut Kohl dagegen hatte angesichts der hektischen Betriebsamkeit der SPD verächtlich gefragt, ob der besonders eifrige SPD-Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Wagner »vielleicht die Todesstrafe einer Volksbefragung unterwerfen wolle«.58

Im Herbst 1958 hatte sich Kohl entschlossen, bei den im Januar stattfindenden Parteiwahlen selbst für den Vorsitz des CDU-Kreises Ludwigshafen-Stadt zu kandidieren. Wahrscheinlich sah er darin die einzige Möglichkeit, dass wieder Ruhe und Geschlossenheit in der Partei einkehrten. Die Wahlen fanden auf der Kreisgeneralversammlung am 19. Januar 1959 statt. Kohl, der gegen Augustin kandidierte, setzte sich mit 61 Stimmen gegen den Kontrahenten durch, der immerhin 44 Stimmen erhielt – das Wahlergebnis zeigt das Ausmaß der Gegensätze in der Partei. Zu stellvertretenden Vorsitzenden wurden auf Antrag Kohls der Bundestagsabgeordnete Gerhard Fritz und der Landtagsabgeordnete Ludwig Schuster gewählt – gestandene Politiker, auf die Kohl sich verlassen konnte.59

Bei dem Kohl-Biografen Klaus Dreher wird aus der Abwahl Eckard Augustins ein sentimentales Rührstück.60 Dieser habe gar nicht begriffen, »wer in der Ludwigshafener CDU die Macht hatte« – als ob das Wahlergebnis nicht gezeigt hätte, wie umkämpft der Posten des Vorsitzenden in Wirklichkeit war. Der Autor beklagt, dass aus den Friesenheimer Nachbarskindern Kohl und Augustin Gegner geworden seien. Augustin erscheint als reiner Tor, der in Kohls Politik nur »Postenschieberei« sehen konnte – tatsächlich ging es bei dieser Auseinandersetzung nicht um Machtfragen, sondern um die Funktionsfähigkeit der Ludwigshafener Partei. Diese war zerstritten und durch Personalquerelen gelähmt. Dergleichen kommt im Parteileben immer wieder vor; entscheidend ist nur, wie man eine solche Krise überwindet. Unter dem Vorsitz von Helmut Kohl fand das interne Gerangel ein Ende. Die neue Geschlossenheit der Partei zeigte sich bei den nächsten Parteiwahlen, als der Kreisvorsitzende einstimmig im Amt bestätigt wurde.

Bei den Kommunalwahlen 1960 wurde Kohl auch in den Stadtrat gewählt, was zugleich bedeutete, dass er Vorsitzender der CDU-Fraktion wurde. Von nun an herrschte in der Kommunalpolitik ein anderer Wind. Die Opposition zur übermächtigen SPD wurde fortan großgeschrieben, die Konfrontation mit den Genossen gesucht, auch wenn sie sich politisch nicht in spektakulären Wahlerfolgen niederschlug. Schon 1962 gab Kohl den Kreisvorsitz ab – er hatte die Partei in Ludwigshafen wieder auf Kurs gebracht.

Familiengründung

Nach dem beruflichen Einstieg in Ludwigshafen und dem Einzug in den Mainzer Landtag stand nur noch eines zur Gründung einer bürgerlichen Existenz aus: die Eheschließung. Seine Wahl hatte Helmut Kohl längst getroffen und nie bereut. Am 27. Juni 1960 heiratete er Hannelore Renner, seine Tanzstundendame aus dem Jahre 1948, um deren Hand er schon 1953 ganz traditionell »angehalten« hatte und mit der er seit 1958 – nach der Promotion – verlobt war. Bei Hannelore war es in der Tanzstunde »Liebe auf den zweiten Blick«61 gewesen, doch diese erwies sich als dauerhaft und konnte durch die Belastungen eines Politikerlebens nicht erschüttert werden.

Hannelore Renner hatte einen ganz anderen Hintergrund als Helmut Kohl. Sie kam nicht aus einer Beamtenfamilie. Ihre Eltern hatten sich in Berlin kennengelernt und geheiratet. Beide waren von der Weltstadt Berlin angezogen. Wilhelm Renner stammte aus der Pfalz und war Elektroingenieur, seine Frau Irene eine Bremer Bürgertochter, eine blonde Schönheit, modern und sportlich, die sogar vorübergehend als Sprecherin beim Rundfunk gearbeitet hatte. Ihre einzige Tochter Hannelore wurde am 7. März 1933 geboren. Sie bewohnten in Berlin-Lankwitz eine Wohnung in einer modernen Angestelltensiedlung.

Bald darauf, zum Januar 1934, siedelte die Familie nach Leipzig über, wo Wilhelm Renner eine wesentlich besser bezahlte Stellung bei der HASAG antrat. Das metallverarbeitende Unternehmen hatte bereits im Ersten Weltkrieg Granaten hergestellt. Nach 1933 wurde es rasch ausgebaut, sodass dort im Krieg neben Granaten auch die »Panzerfaust« produziert werden konnte. Der Betrieb war ausgesprochen nationalsozialistisch ausgerichtet. Renner war schon vor seinem Eintritt in die HASAG in die NSDAP eingetreten und stieg später zum Direktor für Soziales auf. Diese Stellung in einem Unternehmen, das im Krieg in hohem Maße Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt hatte, machte ihn nach 1945 automatisch verdächtig.

Nachdem die Familie in Leipzig ausgebombt worden war, wurden Mutter und Tochter evakuiert. Zum Schluss lebten sie in Döbeln, einer kleinen Stadt 40 Kilometer östlich von Leipzig. Von dort brachen Hannelore und ihre Mutter am 5. Mai 1945 in Richtung Leipzig auf, einen Tag bevor die Rote Armee die Stadt kampflos einnahm. Das nächste Lebenszeichen von Mutter und Tochter datiert vom 23. Mai 1945. Es ist eine von der US-Besatzung in Taucha, einem östlichen Vorort von Leipzig, ausgestellte Aufenthaltsbescheinigung. Leipzig selbst war bereits am 20. April von US-Truppen eingenommen worden, die anschließend weiter nach Osten bis zur Mulde vordrangen und dort stehen blieben.62 Zwischen den amerikanischen und den sowjetischen Linien bestand eine Art Niemandsland ohne deutsche Truppen. Sowjetische Patrouillen durchstreiften das Gebiet. Was mit deutschen Flüchtlingen geschah, die in ihre Hände fielen, bedarf keiner näheren Schilderung. Wann Hannelore und ihre Mutter in Taucha angekommen sind, ist unbekannt, ebenso, wie es ihnen im Mai und Juni 1945 dort erging. Hannelore Kohl hat nie erzählt, unter welchen Umständen sie den ersten amerikanischen Soldaten begegnet ist – eigentlich war das ein Erlebnis, das kein Kind vergessen hat. Mutter und Tochter waren nach Taucha geflohen, weil sich Wilhelm Renner dort aufhielt – die Leitung der HASAG war in diesen Leipziger Vorort ausgelagert worden. Was genau Hannelores Vater in dieser Zeit gemacht hat, ist nicht mehr nachzuweisen.

Des Weiteren ist von der Familie nur bekannt, dass Wilhelm Renner mit Frau und Tochter am 2. Juli 1945 Leipzig mit dem Auto verließ. Einen Tag zuvor – und das war die entscheidende Wendung – hatten die Amerikaner Leipzig und die Teile von Sachsen und Thüringen geräumt, die sie bis Kriegsende besetzt hatten, die aber nach dem Londoner Protokoll vom September 1944 zur sowjetischen Besatzungszone gehörten. Sehr wahrscheinlich wird Vater Renner mit seiner Familie den abrückenden Amerikanern gefolgt und vor den sowjetischen Truppen geflohen sein, da er sich vorstellen konnte, was ihm als Direktor eines Rüstungsbetriebes bevorstand, wenn er den Sowjets in die Hände gefallen wäre.

Für Hannelore bedeuteten Kriegsende und Flucht ein traumatisches Erlebnis, über das sie nie gesprochen hat. Mit der Flucht war zudem eine weitreichende materielle Veränderung verbunden: War die Familie in Leipzig einen gehobenen Lebensstandard gewohnt gewesen, musste sie sich mit ärmlichen Verhältnissen zufriedengeben. In Mutterstadt bei Ludwigshafen fand sie bei Verwandten ein bescheidenes Unterkommen. Dank seiner technischen Fähigkeiten – er reparierte Autos und Landmaschinen – konnte Wilhelm Renner seine Familie unterhalten, denn er erhielt in der Regel Lebensmittel als Bezahlung. Erst 1950 gelang es ihm, eine Anstellung in der Textilbranche zu bekommen, doch schon 1952 erlag er einem Herzinfarkt.

Hannelore hatte 1951 ihr Abitur bestanden, mit erheblich besseren Noten als ihr Freund Helmut. Sie hatte ihm bei der Vorbereitung für die Mathematikprüfung helfen wollen, aber da war alle Mühe vergebens gewesen. Ein Studium kam für sie nicht infrage. Das erschien den Eltern, die selbst noch nicht wirtschaftlich Fuß gefasst hatten, zu unsicher. Also besuchte die Tochter das renommierte Dolmetscher-Institut in Germersheim, denn sie zeigte Interesse und Begabung für Fremdsprachen, vor allem für Französisch. Umfangreiche Kenntnisse zu erwerben, Vokabeln und Grammatik zu lernen, war ihr kein Gräuel, sondern machte ihr Spaß. Sie studierte mit großem Eifer, aber das Schicksal machte es ihr nicht möglich, in Germersheim ihren Abschluss zu erwerben. Mit dem Tod des Vaters fiel für Mutter und Tochter die Existenzgrundlage weg; Rentenansprüche gab es nicht. Hannelore begann eine Tätigkeit als Sekretärin und Fremdsprachenkorrespondentin bei der BASF.

Hannelore Kohl behielt ihr Leben lang eine gewisse Distanz zur Politik. Sie unterstützte ihren Mann in vielfacher Hinsicht und sehr erfolgreich in seiner politischen Arbeit, aber sie blieb bei der Meinung, dass in der Politik »viel zu viel geschwätzt, aber zu wenig sachgerecht gearbeitet« werde.63 Das war nur eine milde Umschreibung für ihr Verhältnis zur Politik, das im Laufe der Jahre immer negativer wurde.

Am 27. Juni 1960 heiratete sie Helmut Kohl, im kleinen Rahmen, denn das junge Paar hatte schon den Hausbau im Blick. Hannelore zeigte für technische Dinge viel Verständnis und kontrollierte scharfsichtig Architekten und Bauleute – alles Dinge, die Helmut fremd waren. Aber dies waren Gegensätze von der produktiven Art, die eine Partnerschaft beleben. Bald nach den Flitterwochen konnte der schmucke Neubau in der Tiroler Straße bezogen werden. Seine Finanzierung ruhte auf zwei Säulen: die eine war das Sparbuch bei der Bayerischen Staatsbank, das Kohls Vater als ehemals bayerischer Beamter für seinen Sohn bei diesem Institut eingerichtet hatte, die andere das zinsgünstige Darlehen, auf das Hannelore und ihre Mutter als Flüchtlinge und Bombengeschädigte Anspruch hatten. Nimmt man hinzu, dass Kohl mit seiner festen Anstellung, zudem als Landtagsabgeordneter und als stadtbekannte Persönlichkeit kein Kreditrisiko darstellte, bedurfte es eigentlich nicht des »Bankers, der uns auf unsere blauen Augen das Geld geliehen hat«, wie Kohl im Rückblick erzählte.

Helmut Kohl hatte nun drei Etappenziele erreicht – 1958 die Promotion, 1959 das Landtagsmandat und 1960 die Heirat. Dies bedeutete einen wichtigen Einschnitt, es war ein Abschluss und Neubeginn zugleich. Denn nun stand die erste große politische Aufgabe seines Lebens vor ihm: Er wollte Rheinland-Pfalz modernisieren. Kohls Ziel war es, dieses Land aus seiner Rückständigkeit zu befreien. Es sollte nicht länger das belächelte Schlusslicht mit Zwergschulen und klerikaler Einflussnahme sein.

II.
DIE MODERNISIERUNG VON RHEINLAND-PFALZ 1959–1969

Parlamentarier sind keine Schnellstarter. Es dauert, bis ein Neuer im Kreis der eigenen Fraktion Profil gewonnen und im Schlagabtausch mit dem politischen Gegner so viel Aufsehen erregt hat, dass er für die wenigen Ämter, die eine Fraktion zu vergeben hat, infrage kommt. Im Mainzer Landtag gestaltete sich das alles noch etwas schwieriger: Der Fraktionsvorsitz war in festen Händen, und die Bezirksorganisationen der Partei pochten darauf, dass ihre Abgeordneten in möglichst vielen Ausschüssen vertreten waren, wobei die Qualifikation nicht an erster Stelle stand. Der Ministerpräsident selbst wirkte wie ein Felsen der Stabilität. Er schien so wenig zu altern wie Anzeichen von Amtsmüdigkeit zu zeigen. Schließlich war er seit 1947 im Amt. Bewegung war nicht angesagt.

Und dennoch – innerhalb von zwei Jahren gelang es Helmut Kohl, faktisch der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion zu werden. Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob man diesen rasanten Aufstieg mit seinen überragenden politischen Fähigkeiten erklären oder die besondere Reformbedürftigkeit von Rheinland-Pfalz ins Feld führen will. Das eine passt zum anderen.

Unter den Ländern der alten Bundesrepublik nahm Rheinland-Pfalz eine Sonderstellung ein – aufgrund seiner Entstehung wie seiner Wirtschafts- und Sozialstruktur. Es gehörte zu jenen Bundesländern mit wenig Industrie, einer ausgedehnten, aber strukturschwachen Landwirtschaft und verkehrsfeindlichen geografischen Gegebenheiten. Die Besatzungsmacht Frankreich hatte sich erst spät und nur zögerlich zur Gründung dieses Landes entschlossen, stellte sie doch nur so etwas wie einen Trostpreis dar im Vergleich zu den hochgesteckten sicherheitspolitischen Forderungen, die seit 1944 erhoben worden waren, aber immer weniger in die Welt des sich ausbildenden Ost-West-Gegensatzes gepasst hatten. Die politische Entwicklung in den anderen Zonen Deutschlands hatte stets das Tempo vorgegeben; nur widerstrebend war die französische Zone gefolgt. Daher fand dort alles mit zeitlicher Verzögerung statt.

Die Eigentümlichkeit des französischen Vorgehens beleuchtet ein Vergleich. Großbritannien war im Juni 1946 zur Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen geschritten und hatte damit zugleich den französischen und sowjetischen Ambitionen auf eine Internationalisierung des Ruhrgebietes einen Riegel vorgeschoben. Vor der offiziellen Verkündung hatte die britische Regierung die Vorsitzenden der zwei großen Parteien ihrer Zone, Konrad Adenauer von der CDU und Kurt Schumacher von der SPD, in ihr Hauptquartier nach Berlin geflogen und ihnen den Beschluss dort vorab eröffnet und ihnen zugleich Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben.

In der französischen Zone dagegen durften die politischen Kreise den Beschluss zur Landesgründung der Verordnung Nr. 57 mit Datum vom 30. August 1946 entnehmen, die im »Journal officiel«64 der französischen Regierung erschien und neben der Tatsache der beabsichtigten Gründung gleichzeitig Mainz als künftige Landeshauptstadt bestimmte.

An diesem Detail lässt sich die Widersprüchlichkeit der französischen Politik deutlich aufzeigen. Der Beschluss stellte einen mühsam errungenen Kompromiss innerhalb der französischen Führung dar, die ganz unterschiedliche Ziele verfolgte.65 Der Militärgouverneur General Marie-Pierre Kœnig hing noch den alten Wunschträumen von Autonomie und Hinwendung des Rheinlandes zu Frankreich an. Am Pariser Quai d’Orsay dagegen bestand mehr Einsicht in die Unvermeidlichkeit der Landesgründung, nachdem in der britischen und amerikanischen Zone die Gründung von Ländern bereits abgeschlossen war. Ein Zeichen dafür, dass die alten Ziele dennoch nicht ganz aufgegeben worden waren, mochte die Festlegung von Mainz als Landeshauptstadt sein. Dies sollte wohl daran erinnern, dass die Tage der Mainzer Republik und ihres Freiheitsbaumes von 1792 nicht vergessen werden sollten.

Es ist charakteristisch für die französische Besatzungspolitik, dass die voraussehbaren Reaktionen auf deutscher Seite keine Berücksichtigung fanden. Denn fortan waren die Gegner der Landeshauptstadt Mainz zahlreicher als ihre Befürworter. Es war keine Frage der Zweckmäßigkeit mehr, ob Mainz akzeptabel sei. Aufgrund der französischen Vorgabe verengte sich die Diskussion in Deutschland auf die Alternative, ob man dieser Anweisung folgen solle oder nicht. Allerdings bestand in dieser Frage kein akuter Handlungsbedarf, denn im stark zerstörten Mainz gab es keine Räumlichkeiten, um Landesregierung, Parlament und Ministerien unterzubringen. Aus diesem Grund musste das weniger zerstörte Koblenz zeitweilig als rheinland-pfälzische Hauptstadt dienen.

Ähnliche Gegenreaktionen auf einseitige französische Entscheidungen richteten sich auch gegen die Gründung der Universität Mainz. Man betrachtete die Hochschule als Hebel der französischen Kulturpolitik und lehnte sie deshalb ab. Helmut Kohl hätte im Jahre 1950 niemals sein Studium dort aufgenommen, zumal damals noch kolportiert wurde, die Landesregierung habe den Abiturienten den Besuch dieser Universität vorgeschrieben.66

Der Beginn des politischen Lebens in Rheinland-Pfalz hatte mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als in den anderen Westzonen. Der französischen Besatzungsmacht war daran gelegen, alles äußerst kleinteilig einzurichten, um eine einheitliche politische Willensbildung im prodeutschen Sinne nach Möglichkeit zu vermeiden. So kamen die Dinge nur langsam und mühsam in Gang. Beispielsweise wurde der CDU-Landesverband, also die Organisation der Partei auf Landesebene, erst im Februar 1947 zugelassen, nachdem Parteiorganisationen auf Bezirksebene schon seit mehr als einem Jahr bestanden hatten.

Bei allem Ärger über den Besatzungsalltag gab es aber auch politisch-ideologische Gemeinsamkeiten. Frankreich hatte die »Entpreußung« des Landes als politisches Kernziel verkündet. Das traf in den Reihen der CDU durchaus auf Zustimmung. Dort gab es noch Anhänger der großdeutschen Lehren des Bismarckgegners Constantin Frantz, die schon der Reichsgründung von 1871 kritisch gegenübergestanden hatten und nun von Berlin nichts mehr wissen wollten. Als Gegner Preußens profilierte sich schon früh der Koblenzer CDU-Politiker Peter Altmeier, der in Hitler nur den Nachfolger der Junker Ostelbiens sehen wollte.67 Überhaupt galten die Koblenzer Parteifreunde vornehmlich den Politikern aus der Pfalz in nationalen Fragen als unsichere Kantonisten. Die Reserviertheit gegenüber Koblenz sollte bei Helmut Kohl noch lange bestehen bleiben. Aber all diese föderalistischen Traumtänzereien und die scheinbare Übereinstimmung mit französischen Vorstellungen eines »rheinischen Staates« dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Praxis von den schönen Worten wenig übrig blieb. Wenn es darum ging, die Interessen des eigenen Landes gegenüber französischen Forderungen zu vertreten, pflegte die Frankophilie rasch ein Ende zu haben.

Das neue Land Rheinland-Pfalz bestand aus Teilen Preußens, Bayerns und Hessens, die bis dahin nicht viel miteinander zu tun gehabt hatten. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal kam hinzu: Die nördlichen, preußischen Teile waren überwiegend katholisch. Bis 1933 war dort die Zentrumspartei vorherrschend gewesen und mit ihr die lange Tradition der Schul- und Kulturpolitik mit ihren oft heftigen Auseinandersetzungen. Dagegen war die Pfalz konfessionell ausgewogen; das bedeutete, dass ein großer Teil der evangelischen Bevölkerung sozialdemokratisch oder liberal wählte. Es herrschte also insgesamt eine andere politische Atmosphäre als im Nordteil des Landes, die aber auch gelegentliche Erfolge rechtsextremistischer Parteien nicht ausschloss.

Das konfessionelle Nord-Süd-Gefälle sollte in der Gründungsphase des Landes erhebliche Bedeutung gewinnen, zumal mit Koblenz als vorläufiger Landeshauptstadt das politische Gewicht des Nordens zunahm. Der politische Katholizismus nahm in der Stadt am Deutschen Eck eine besondere Stellung ein, was mit ihrer jüngeren Geschichte zu tun hatte. Die einheimische katholische Bevölkerung und besonders ihre Honoratioren hatten sich durch die Dominanz von preußischer Verwaltung und preußischem Militär beeinträchtigt gefühlt. Denn Koblenz war lange ein wichtiges Verwaltungszentrum gewesen, hier residierten der Oberpräsident der Rheinprovinz und eine Reihe ihm unterstellter Behörden. Zugleich war es eine bedeutende Garnison und Sitz eines Armeekorps. Das preußisch-protestantische Element war in gesellschaftlichen Kreisen vorherrschend, sodass in der eingesessenen katholischen Bevölkerung Irritationen im Schwange waren, die 1919 sogar separatistische Neigungen erkennen ließen.

Mit Koblenz als politischem Zentrum und der CDU als weitaus stärkster Partei des neuen Landes eröffneten sich nun jedoch ganz neue Perspektiven, die auch zielstrebig wahrgenommen wurden. Das zeigte sich bereits bei der neuen Verfassung. Die Federführung bei ihrer Ausarbeitung übernahm Adolf Süsterhenn68, ein »integraler« Katholik. Sein Ziel war es, »eine Art christlicher Idealverfassung zu schaffen«, in der die katholischen Essentials »verankert« werden sollten.69 Das Ergebnis war beachtlich. In direkter Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Rechts- und Schulexperten der Erzdiözese Köln und der Diözesen von Trier, Mainz und Speyer gelang es, die Bekenntnisschule in der Verfassung als Regelschule zu verankern. In keinem anderen Bundesland hat es eine solche Bestimmung gegeben. Damit schien ein strategisches Ziel der katholischen Kirche erreicht, nämlich der Bekenntnisschule eine sichere gesetzliche Grundlage zu geben.

Das Reichskonkordat von 1933 hatte in dieser Hinsicht erstaunliches Entgegenkommen gezeigt. Nach 1945 war dieser Staatsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland keineswegs außer Kraft gesetzt worden; man berief sich aber in der Öffentlichkeit nicht mehr ausdrücklich darauf. Mit der Verankerung der Bekenntnisschule in der Verfassung war die optimale Lösung erreicht, selbst wenn es in der Praxis zu Abschwächungen kam. Natürlich gab es auch eine Gegnerschaft gegen das katholische Schulprogramm. Neben den Sozialdemokraten und den Liberalen war Kritik auch aus den Reihen der CDU-Fraktion vernehmbar. Überraschenderweise waren es schließlich die Franzosen, die im Interesse einer möglichst breiten Zustimmung zu der Verfassung auf eine Abschwächung der Schulartikel hinwirkten.

Das Plebiszit über die Verfassung fiel jedoch miserabel aus; unter normalen demokratischen Verhältnissen hätte man den Text wahrscheinlich zurückgezogen. Bei der Abstimmung am 18. Mai 1947 gab es insgesamt nur 53 Prozent Ja-Stimmen, in der Pfalz sogar eine glatte Ablehnung mit nur 40,3 Prozent Ja-Stimmen. Die ebenfalls zur Abstimmung gestellten Schulartikel fanden dort noch weniger Zustimmung: Sie erhielten 36 Prozent.70

Das Zustandekommen der Verfassung und ihrer Schulartikel kann als Beispiel für eine spezifische rheinland-pfälzische Befindlichkeit dienen: Die Hälfte der Bevölkerung wollte diesen Staat nicht und noch weniger seine Schulverfassung. Dem musste die Politik der Regierung durch das Bemühen um Ausgleich Rechnung tragen. In der Praxis wurde manches abgemildert, Schulkämpfe wie in der Weimarer Zeit waren völlig undenkbar. Man nahm die bestehenden Verhältnisse hin. Aber die Schulpolitik musste die von der Verfassung vorgegebene Konfessionalisierung des Schulwesens umsetzen. Die Volksschule blieb Regelschule, obendrein oft nur einklassig. Die Lehrer erhielten ihre Ausbildung in konfessionell ausgerichteten Hochschulen. Gewiss gab es Kritik an den bestehenden Zuständen, aber das System zu ändern, war nur durch eine Verfassungsänderung möglich. Für eine solche waren SPD und FDP immer zu haben, die in Fragen der Schul- und Kulturpolitik ähnliche Ziele verfolgten. Allerdings verfügten die beiden Parteien nicht entfernt über die verfassungsändernde Mehrheit. Sicher gab es auch in der CDU manche, die nicht mit den bestehenden Verhältnissen einverstanden waren, aber eine solche Haltung blieb folgenlos, denn die Vorstellung, gemeinsame Sache mit FDP und SPD gegen einen Teil der eigenen Fraktion zu machen, verbot sich von selbst.

Die Konfessionalisierung bedeutete jedoch nicht, dass das Schulwesen stark vernachlässigt worden wäre. Im Laufe der Fünfzigerjahre wurden zahlreiche Verbesserungen vorgenommen, und es wäre verfehlt, im Rheinland-Pfalz der damaligen Zeit desolate Zustände zu vermuten. Doch das System verhinderte wirksame, tief greifende Verbesserungen. Es ging darum, welche Prioritäten gesetzt werden sollten: Wer dafür plädierte, dass das tradierte Schulwesen und mit ihm seine Bildungsziele erhalten blieben, dass ein Dorf seine Schule hatte, die bei überwiegend katholischer Bevölkerung eine Bekenntnisschule war, bei geringer Schülerzahl aber nur einklassig sein konnte, hatte den Status quo zu akzeptieren. Wollte man dagegen eine stärker differenzierende Schulausbildung durch die Schaffung von Mittelpunktschulen, musste die konfessionelle Zuordnung aufgegeben werden. Dies war aber, wie gesagt, letztlich nur durch eine Verfassungsänderung möglich.

Die Verwaltungsstruktur von Rheinland-Pfalz wies erhebliche Unterschiede auf. Im größeren Nordteil, der früheren preußischen Rheinprovinz, galt das preußische Verwaltungsrecht, in der Pfalz das bayerische, während der kleinere rheinhessische Teil nach hessischem Recht verwaltet wurde. Die Folgen dieser komplizierten Verhältnisse waren relativ hohe Personalkosten und unterschiedlich große Verwaltungseinheiten. Die Landkreise in der ehemals bayerischen Pfalz waren kleiner als die in der preußischen Rheinprovinz.

Aber wie konnte das geändert werden? Verwaltungsreformen werden in der Regel von fremden Eroberern angeordnet und durchgesetzt. Hier stellte sich die Sache jedoch ganz anders dar: Es ging um eine Verwaltungsreform im Frieden, zumal in einem Land, das trotz Strukturschwächen am allgemeinen Aufstieg teilhatte und in dem keineswegs ein Krisenbewusstsein herrschte. Was sollte denn überhaupt durch eine Verwaltungsreform erreicht werden? Diese bedeutet ja immer auch eine Reform innerhalb der Bürokratie, was naturgemäß den Widerstand der davon Betroffenen hervorruft. Verwaltungsangestellte stehen der Veränderung der gegebenen Verhältnisse üblicherweise reserviert bis ablehnend gegenüber und sind nicht geneigt, die Notwendigkeit von Veränderungen zu akzeptieren. Hinzu kommt, dass auch die Bevölkerung Neuerungen oft mit Skepsis begegnet.

In Rheinland-Pfalz gingen die Uhren nicht anders, nur etwas langsamer. Vielleicht noch wichtiger war die Tatsache, dass dieser Zustand nicht auf wachsende Kritik, sondern auf breite Zustimmung stieß, die der CDU die absolute Mehrheit an Mandaten einbrachte. Die SPD hatte sich mit der Unabänderlichkeit ihrer Oppositionsrolle abgefunden. Nur die »Jungen« in der CDU und ihr Anführer Helmut Kohl waren nicht zufrieden, aber das wurde an höherer Stelle kaum zur Kenntnis genommen.

Wie ist diese Zufriedenheit zu erklären in einem Land, das derart große Unterschiede zwischen dem Rheinland im Norden und der Pfalz im Süden aufwies, in dem auch das Trierer Land auf seine Besonderheit Wert legte? Die Ursache dafür ist zu einem erheblichen Teil in der Persönlichkeit Peter Altmeiers und in seinem Regierungsstil zu suchen. Seit 1947 Ministerpräsident, war er ein Regierungschef, der zu Rheinland-Pfalz passte und der sich nichts anderes vorstellen konnte, als sein Land zu regieren und dessen Wohlergehen durch eine vorsichtig abwägende Politik zu fördern.71

Als gebürtiger Saarländer war er schon als Kind nach Koblenz gekommen, wo sein Vater im katholischen Verbandswesen tätig gewesen war. Für diesen hatte eine bescheidene Stellung im Dienst der Stadt Koblenz schon sozialen Aufstieg bedeutet. Sein Sohn war von diesem Milieu tief geprägt worden; er betätigte sich schon früh politisch. 1933 verlor er als Stadtverordneter der Zentrumspartei und überzeugter Katholik seine Stellung und arbeitete fortan im Lebensmittelhandel. Beides waren zwei wichtige Voraussetzungen für seinen politischen Karrierestart im Jahre 1945. Er hatte politisch eine reine Weste und verstand etwas von der Lebensmittelversorgung. Bei seiner eminent politischen Begabung war sein Aufstieg deshalb vorprogrammiert.

Bezeichnend für Altmeier war die Konstellation, in der er 1947 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Sein Vorgänger, der erste, 1946 von den Franzosen ernannte Ministerpräsident, war Wilhelm Boden, ein Rheinländer wie Altmeier, aber von ganz anderem Zuschnitt. Boden war Jurist aus großbürgerlichem Hause, der gern seine humanistische Bildung hervorkehrte. Er war Mitglied des CV, des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen, dem junge Männer aus dem gehobenen Bürgertum angehörten. Der Beamtensohn Adenauer war dagegen im KV, dem Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine, aktiv geworden, dem Dachverband der Verbindungen für Studenten mit schmaleren Monatswechseln. Wilhelm Boden war zudem ein engagierter Vertreter des spezifisch rheinischen Katholizismus. Bereits seit 1919 Mitglied der Zentrumspartei, entwickelte er als Landrat des Kreises Altenkirchen im Westerwald ein derart starkes politisches Profil, dass er 1933 aus dem Amt gejagt wurde und massive politische Verfolgung erdulden musste.

Nach den ersten Landtagswahlen im Mai 1947 wurde Boden zum ersten Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gewählt, scheiterte aber bei der Regierungsbildung. Das lag in erster Linie an der SPD, die ihn aus verschiedenen Gründen ablehnte, aber nicht an ihr allein, gab es doch »Querverbindungen«72 zur CDU, in deren Reihen Wilhelm Boden zahlreiche Gegner hatte, die ihn ebenfalls nicht als Ministerpräsidenten sehen wollten. Die Gründe dafür waren vielfältiger Natur. Ihm wurde Führungsschwäche nachgesagt73, doch diese pflegt in der Regel erst dann aufzufallen, wenn eine stärkere Führungsfigur zum Vergleich herausfordert. Nach Bodens Rücktritt am 9. Juli 1947 wurde umgehend Peter Altmeier von den anwesenden Abgeordneten einstimmig gewählt und bildete sogleich eine Allparteienregierung.

Der gestürzte Boden landete übrigens glimpflich. Er wurde später CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag und Präsident der Landeszentralbank von Rheinland-Pfalz, was ihm ein fast ebenso hohes Einkommen sicherte wie das des Ministerpräsidenten. So blieben die beiden wichtigsten Männer des Neubeginns weiterhin an der Spitze des Landes, der eine als Regierungschef, der andere als Vorsitzender der Mehrheitsfraktion.

Peter Altmeier war aber nicht nur der Mann der Stunde, sondern er war ein Mann von Dauer – es gelang ihm, mehr als zwanzig Jahre das Land zu regieren, bis er mit mehr oder minder starkem Druck von Helmut Kohl abgelöst wurde. Altmeier hatte 1947 genau in das damalige politische Umfeld gepasst, unterschied er sich doch in Herkunft und Bildung nicht von dem Gros der Abgeordneten. Wilhelm Boden dagegen erschien als eine Nummer zu groß. Er war ein Politiker von großbürgerlichem Zuschnitt mit einer Verwaltungserfahrung, die ihnen weitgehend abging. Mit Boden sollte der Neuling Kohl seine ersten parlamentarischen Erfahrungen machen.

Das, was ihm fehlte, versuchte Peter Altmeier durch enormen Arbeitseinsatz, sorgfältiges Aktenstudium und stetes Bemühen zum Ausgleich wettzumachen.74 Er hatte in seiner Fraktion gewichtige Gegner, die ihm noch lange seine Avancen in den ersten Nachkriegsjahren gegenüber der französischen Politik vorhielten. Doch am Ende mussten auch sie einsehen, dass er in seiner ausgleichenden Art unersetzlich war.

Altmeiers ausgeprägtes Misstrauen bewahrte ihn vor Fehlentscheidungen in Personalfragen. Er hatte in der katholischen Kirche eine sichere Unterstützung, und der Integralist Adolf Süsterhenn fungierte in seinem ersten Kabinett gleich als Doppelminister, als Minister für Justiz und Kultur. Darüber hinaus verfügte Altmeier über einen weiteren wichtigen Verbündeten – die rheinland-pfälzische Presse. Diese war mit dem Ministerpräsidenten zufrieden, denn sie wurde von ihm in angenehmer Weise respektiert. Es bestand daher kein Grund, sich für einen Wechsel einzusetzen. Das Element der Unruhe, das von jenem in die Länge geschossenen Parteijüngling aus Ludwigshafen ausging, der bewährte Politiker der eigenen Partei häufig kritisierte und ständig Reformen forderte, nahm die etablierte Presse nicht zur Kenntnis. Es war viel bequemer, die guten Kontakte zur Regierung und ihrem Chef zu pflegen, als den Aufstieg Kohls zu verfolgen.

Peter Altmeier war tief von der Würde seines Amtes durchdrungen. Zu Beginn seiner Amtszeit stellte ein Ministerpräsident etwas Besonderes dar; bis zum Inkrafttreten des Grundgesetzes gab es keine höhere deutsche Regierungsinstanz. Als am 1. Juli 1948 mit den »Frankfurter Dokumenten« die alliierte Aufforderung an die westdeutschen Ministerpräsidenten erging, einen Staat zu gründen, empfand Altmeier dies als Höhepunkt seines politischen Wirkens: Er hatte erreicht, dass die über die Staatsgründung beratende Konferenz in Rheinland-Pfalz tagte, und zwar in dem bei Koblenz gelegenen Hotel »Rittersturz«. Unter dem Namen Rittersturz-Konferenz ist sie in die bundesrepublikanische Geschichte eingegangen. Als Gastgeber fiel Peter Altmeier der Vorsitz der Konferenz zu, den er mit Würde wahrnahm. Parteipolitiker wie Konrad Adenauer von der CDU und Erich Ollenhauer von der SPD, die darauf drängten, nicht vor der Tür warten zu müssen, sondern an den Beratungen teilzunehmen, wehrte Altmeier mit dem Argument ab: »Hier tagen die Ministerpräsidenten.«75 Das war für ihn das Höchste.

Auch in späteren Jahren zeigte er sich nicht als der folgsame CDU-Politiker. Wenn es um die Wahrnehmung oder Verteidigung der Länderrechte ging, kannte er selbst Kanzler Adenauer gegenüber keine Rücksicht. Als dieser 1959 ein Regierungsfernsehen installieren wollte – und das ohne Beteiligung und Mitsprache der Länder – fand er in Altmeier einen unbeugsamen Gegner, der sich auch durch Drohungen nicht einschüchtern ließ. Als das Bundesverfassungsgericht im Februar 1961 über die Fernsehpläne Adenauers ein vernichtendes Urteil fällte, war der Weg frei für das ZDF. Es war kein Zufall, dass die Länder in Anerkennung der Verdienste Altmeiers um die Behauptung der Kulturhoheit der Länder die zu gründende Fernsehanstalt in Mainz ansiedelten. Damit hatte Peter Altmeiers Landeshauptstadt nicht nur einen neuen gewichtigen Arbeitgeber, sondern überhaupt an Respektabilität gewonnen. Es war vielleicht der größte Erfolg, den er für sein Land verbuchen konnte. Es ist daher doch erstaunlich, dass sein Nachfolger Kohl in seinen »Erinnerungen« mit keinem Wort darauf einging.

Je länger Altmeier regierte, desto mehr begann er, sich selbst und seine Politik historisch zu sehen und immer stärker auf das Erreichte abzuheben. Das hieß zugleich, die Erfolge des Wiederaufbaus herauszustreichen, sich dadurch bestätigt zu fühlen und auf diesem Weg fortzuschreiten. Neuerungswünschen begegnete der Ministerpräsident nur mit Vorsicht. Und seinen Wählern gefiel diese Bedächtigkeit im Regieren. Überdruss an Altmeiers Regierungsstil stellte sich nicht ein, im Gegenteil, auch nach der dritten Legislaturperiode befanden sich die CDU und mit ihr der Ministerpräsident im Aufwind. Alles sah so aus, als ob sich daran nichts ändern würde.

Wie tief verwurzelt die Vorstellung von der immerwährenden Herrschaft Altmeiers war, lässt sich am besten an der Tatsache ablesen, dass der Wechsel an der Spitze erst zehn Jahre nach Kohls Einzug in den Landtag 1959 zustande kam. Dabei ist davon auszugehen, dass Letzterer mit der Absicht, Altmeiers Nachfolger zu werden, in den Landtag eingezogen war. Mit Sicherheit hätte der junge Herausforderer jedoch die Ablösung auch 1969 noch nicht geschafft, wenn ihm nicht ein tief greifender Wandel in der deutschen Gesellschaft zu Hilfe gekommen wäre, der neue Prioritäten setzte.

Blitzstart in verkrustetem Gelände

Als Helmut Kohl 1959 in dem überalterten rheinisch-pfälzischen Landtag erschien, war er ein Außenseiter, obwohl zur gleichen Zeit rund ein Dutzend weiterer jüngerer Abgeordneter in das Landesparlament eingetreten war. Den Fraktionsvorsitz der CDU hatte seit 1951 Wilhelm Boden unangefochten inne. Die Fraktion hatte bis dahin keine Schwierigkeiten gemacht. Dazu trug auch die regelmäßige Teilnahme Altmeiers an den Fraktionssitzungen bei; er zeigte sich immer gut informiert, sodass die Kontrolle sichergestellt war. Wie in der Schule standen die Abgeordneten auf, wenn der Regierungschef eintrat. Überhaupt war der Zuschnitt des politischen Lebens damals hausväterlich sparsam. Die Regierung umfasste nur sechs Minister; mehr glaubte Altmeier, seinen Landsleuten nicht zumuten zu können. Der Chef seiner Staatskanzlei wurde erst in den späten Jahren seiner Regierung zum Staatssekretär ernannt. Wie bescheiden der Lebensstil war, mag ein Detail verdeutlichen: Die Fraktion machte Helmut Kohl zur Hochzeit nicht ein pompöses Geschenk, sondern sie half bei der Einrichtung seines Hauses, indem sie ihm als Beitrag zum Kauf eines Tisches 200 D-Mark schenkte.76 Allerdings muss hinzugefügt werden, dass dieser Betrag damals der guten Hälfte eines Monatslohnes entsprach.

Über Kohls Anfänge gibt es widersprüchliche Aussagen. Sie beziehen sich auf die Frage, welchem Ausschuss er angehörte. Die langjährige Abgeordnete Susanne Hermanns berichtet, der Fraktionsvorsitzende Boden habe sich mächtig über die Unverschämtheit Kohls geärgert, der als Neuling sofort Mitglied in dem besonders wichtigen Haushalts- und Finanzausschuss werden wollte.77 Der Kohl-Biograf Klaus Dreher schmückt das noch aus: Er weiß zu berichten, Kohl sei auf »diesen Wunsch so fixiert (gewesen), dass er es schaffte, in den Ausschuss hineinzukommen«, obwohl Wilhelm Boden und sogar Ministerpräsident Altmeier, um gerade das zu verhindern, »alle Hebel in Bewegung gesetzt« hätten.78 Das klingt unglaubwürdig, denn demnach müsste Kohl über übernatürliche Kräfte verfügt haben.

Helmut Kohl selbst stellt die Sache ganz anders dar: Nachdem er während der Fraktionssitzung diese Forderung erhoben hatte, habe Boden ihn angesehen, als hätte er »eine Todsünde begangen«. Danach habe der Fraktionsvorsitzende eine Pause gemacht und dann hinzugefügt: »Sie sind der Jüngste.« Und: »Sie sind Mitglied des Haushalts- und Finanzausschusses.«79

Die Aussage von Susanne Hermanns passt mit der Erinnerung Kohls durchaus zusammen. So mochte sich Boden über den Wunsch Kohls zuerst aufgeregt haben; aber er war ein alter und kranker Mann. Er wird sich gesagt haben, statt die Wahl dieses ungestümen Menschen in den Ausschuss verhindern zu wollen, sei es wirksamer, ihn durch komplizierte und wenig aufregende Aufgaben wie das Beamtenrecht oder Abwasserprobleme ruhigzustellen. Boden schickte sich in das Unabänderliche und dachte sich hinsichtlich der Verkündung seines Entschlusses eine Überraschung aus. Schließlich war der Mann Rheinländer. Die Disziplinierung durch Arbeitsüberlastung, der Kohl auf diese Weise unterzogen wurde, war zwar anstrengend, aber auf die Dauer war sein politischer Betätigungsdrang dadurch nicht zu bremsen.

Natürlich wurde Kohl von den Aufgaben, die ihm Wilhelm Boden stellte, nicht voll in Anspruch genommen, sondern kümmerte sich auch um viele andere Dinge. Er hatte in der Fraktion innerhalb kurzer Zeit eine solche Stellung erworben, dass er im Dezember 1959, also nicht einmal ein Jahr nach seinem Einzug in den Landtag, schon als Mitglied im Fraktionsvorstand auftaucht.80 Wie es dazu kam, ist nicht bekannt; wahrscheinlich ist er in eine frei werdende Stelle nachgerückt. Dieser schnelle Aufstieg in das Leitungsgremium der Fraktion, in das Abgeordnete normalerweise erst nach längerer Erfahrung im Parlamentsbetrieb gelangen, zeigt, welch außerordentliche Dynamik Helmut Kohl in der Fraktion entwickelt hatte.

Über seine »Jungfernrede« wird viel Unsinn verbreitet. Es bestehen Unklarheiten über das Datum wie über den Inhalt. Genau genommen hat Kohl eine solche Rede überhaupt nicht gehalten. Jungfernreden bieten vielleicht Gesprächsstoff für Parlamentsjournalisten und dienen als Lückenfüller in ereignisarmen Zeiten. Für Kohl war solch ein Ritual sinnlos, wenn man an seinen Spitzenplatz in der Fraktion denkt.

Seine erste große Rede im Landtag, die als Jungfernrede bezeichnet und missverstanden wird, hatte ein gewichtiges Thema: den Nationalsozialismus und die Bedrohung von rechts. Klaus Dreher urteilt über diese Rede: »Peinlicher hätte Kohls Jungfernrede nicht ausfallen können.«81 Er begründet seine Kritik vor allem mit stilistischen Mängeln; seine Beanstandungen hätten einem überaus peniblen Deutschlehrer alle Ehre gemacht. Der tatsächliche Gehalt der Rede Kohls und ihr politischer Stellenwert entgehen ihm dabei völlig.

Mit den Landtagswahlen von 1959 war auch Hans Schikora, ein Vertreter der rechtsextremen Deutschen Reichspartei, gewählt worden. Für ihn hatte Oberst Hans-Ulrich Rudel, der hochdekorierte Schlachtflieger und unverbesserliche Nazi, in überfüllten Sälen unermüdlich geworben.82 Schikoras Wahlerfolg hatte erheblichen Wirbel verursacht, und die demokratischen Parteien überboten sich mit empörten Distanzierungen. Ministerpräsident Altmeier war hinsichtlich der Empörung recht weit gegangen: Um die rechtsextreme Gesinnung Schikoras zu verdeutlichen, hatte er in seiner Regierungserklärung dessen entlarvende Aussage zitiert, »dass die Demokratie der Inbegriff aller Heuchelei und die Futterkrippe des Pöbels« sei.83 Das Landgericht Koblenz hatte aber in einer einstweiligen Verfügung Altmeier die Verwendung dieses Zitats untersagt, denn es stammte aus Materialien, die beschlagnahmt und Gegenstand eines Verfahrens waren, zu dem Altmeier keinen Zugang haben durfte.

Altmeier selbst war über diese Entscheidung des Gerichtes tief betroffen, besonders darüber, dass der Richter ihn nicht einmal angehört hatte. Die Ursache für dessen Verhalten stand für ihn fest. Er bezeichnete ihn als »alten Kämpfer und 131er«, der erst 1952 in den Landesdienst gekommen sei. Vor diesem Hintergrund war der Vorgang geeignet, darin mehr als nur eine zufällige Entgleisung zu sehen. Kohl erinnerte in der Fraktion an historische Beispiele, bei denen »Politiker mit prozessualen Mitteln fertiggemacht worden seien«, und forderte, im Landtag müsse am nächsten Tag »eine klare Aussprache geführt werden«.84

Es war Helmut Kohl selbst, der diese Aufgabe mit aller wünschenswerten Deutlichkeit und der vollen Zustimmung des Hauses wahrnahm.85 Er rechnete mit dem Rechtsradikalismus scharf ab, zitierte Phrasen der führenden DRP-Funktionäre und wies die verlogene Taktik des Aufrechnens entschieden zurück. Sogar auf den mehr als problematischen Staatsrechtler Carl Schmitt kam er zu sprechen, und selbst von der Antisemitin Mathilde Ludendorff und ihrer völkischen Weltanschauungssekte war noch die Rede. Kohl schilderte das Elend des Jahres 1945, würdigte die Opfer des NS-Regimes, zeichnete das Bild der Menschen, die den Wiederaufstieg in Angriff genommen hatten, und beschwor die Notwendigkeit der wehrhaften Demokratie. Er kritisierte falsche Personalentscheidungen und wünschte sich ein Verbot der »Landser«-Hefte. Schließlich forderte er die demokratischen Parteien auf, »die anständige Gesinnung unserer Mitbürger zu mobilisieren«, und schloss mit einem eindrucksvollen Satz aus den Papieren des Kreisauer Kreises.

Oft wurde er von Beifall unterbrochen; »starker und anhaltender Beifall des Hauses« dankte dem Redner. Seine Rede hatte nichts mit dem oft hohl klingenden Pathos von Gedenkreden zu tun, sondern zeigte einen jungen Politiker, der nicht nur über umfassende historische Kenntnisse, sondern auch über ein sicheres Urteil verfügte. In einer für die CDU nicht einfachen Situation – es ging ja auch um ihren Ministerpräsidenten –, hatte Kohl eine wirkungsvolle Rede gehalten. Sie zeigte Format und trug dazu bei, in ihm nicht nur den burschikosen Kritiker und gewieften Parteitaktiker zu sehen. Hier leuchtete ein politisches Talent auf, mit dem es zu rechnen galt.

In der Folgezeit widmete sich Helmut Kohl zunehmend der Bildungspolitik, denn diese stellte die offene Flanke der CDU dar. Seine Partei musste sich mit dem wachsenden Druck der Opposition auf diesem Gebiet auseinandersetzen. Die einschlägigen Verfassungsbestimmungen von 1947 boten der Opposition ein dankbares Angriffsziel, dessen Verteidigung zunehmend schwieriger wurde. Daher war es naheliegend, dass sich Kohl, der in der Fraktion und ihrem Vorstand immer mehr zur Allzweckwaffe wurde und auf vielen Gebieten zu Hause war, verstärkt auch dieser Thematik annahm.

Die Bildungspolitik bereitete aber nicht nur wegen der Angriffe der Opposition Unbehagen. Diese Attacken ließen sich mit Hinweisen auf die Verhältnisse in anderen, sozialdemokratisch regierten Ländern abfangen. Kohl entwickelte dabei eine Mischung aus freundlichem Entgegenkommen und munterer Ironie, stets bemüht, auf diese Weise den mitunter emotional aufgeladenen Angriffen der Opposition die Spitze zu nehmen. Aber bei allem Geschick in der Abwehr wusste er doch, dass es für ihn ein massives Hindernis gab, um eine wirklich zeitgemäße Bildungspolitik zu entwickeln. Im Landtag selbst hatte er bestenfalls in Andeutungen darüber gesprochen.

Das Hindernis bestand im Ministerpräsidenten und seinem Anhang, die nicht die geringste Bereitschaft zeigten, bei den Schulartikeln gewissen Anpassungen zuzustimmen. Neue Lösungsvorschläge waren vor allem bei der Lehrerbildung notwendig. Hier leistete sich das arme Land konfessionell ausgerichtete pädagogische Hochschulen. Im März 1960 hatten Kohl und seine Leute das Problem in der CDU-Fraktion vorsichtig angesprochen, aber die Entgegnung Peter Altmeiers ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass dieser zu keiner Konzession bereit war.

Dieser Schlagabtausch bietet ein Beispiel dafür, in welchen Bahnen die innerparteiliche Auseinandersetzung verlief. Kohls Freund Heinz Schwarz begann den Angriff mit der Feststellung, »wenn auf dem Lande etwas von Kultur erhalten bleiben soll, so müsse der Lehrer eine möglichst gute Ausbildung haben«. Damit wollte Schwarz andeuten, dass dies im konfessionell getrennten und entsprechend kleinen Hochschulen nicht erreicht werden könne. Kohl stieß sofort mit der These nach, »es gehe bei der Lehrerbildung um unsere Zukunft«. Das sollte in knappster Form zum Ausdruck bringen, dass die Partei scheitern würde, käme es im Schulwesen nicht zu grundlegenden Reformen.86

Solche Appelle prallten an Altmeier ab. Als es im Mai wieder um die Lehrerbildung ging, erklärte er ungerührt, diese sei im Artikel 36 der Verfassung »umfassend und abschließend geregelt«. Darüber hinaus drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, »dass alles, was die Lehrerbildung betreffe, so umfassend in der Verfassung stehe«. Schließlich seien diese Grundsätze damals mit »Herzblut« geschrieben worden.87

Damit war alles gesagt, der Dissens war offensichtlich, und dabei blieb es. Aber nicht ganz. Denn Kohl konnte einen Widerspruch nicht unterdrücken. Um die Reform der Lehrerbildung zu verwirklichen, die Ministerpräsident Altmeier so entschieden abgelehnt hatte, würde es »früher oder später doch zu einem Gesetz kommen«, und damit würde sich die Politik des Ministerpräsidenten verändern. Viel wichtiger aber sei etwas anderes. Mit Blick auf die kommenden Auseinandersetzungen warnte er: »Wir sollten uns angewöhnen, nicht hinter jedem, der anderer Meinung« ist, »zu argwöhnen, dass dessen CDU-Standpunkt nicht fest genug sei.«

Im Herbst des folgenden Jahres wurde ein Platz im kulturpolitischen Ausschuss des Landtages frei. Der Vorschlag, dass Helmut Kohl diesen einnehmen sollte, traf auf den zähen Widerstand Altmeiers; er trug weit hergeholte Argumente vor: dass Doppelmandate nicht zulässig seien und dass man einen Präzedenzfall befürchten müsse. Das alles war wenig überzeugend und sollte nur dazu dienen, um den gefährlichen Aufsteiger Kohl zu bremsen.

Im Herbst 1961 hatte sich die Situation in der Fraktion personalpolitisch akut zugespitzt. Wilhelm Boden – über 70 Jahre alt und seit Langem krank, ohne aber deshalb an Rücktritt zu denken – war am 18. Oktober seinem Krebsleiden erlegen. Sein Stellvertreter Hermann Matthes war von ihm als sein Nachfolger empfohlen worden. Dem zu entsprechen war nicht schwer, denn Matthes hatte keine Feinde. Er war ein um Ausgleich bemühter Vorsitzender, der aus der evangelischen Sozialarbeit kam und mittlerweile ein Alter erreicht hatte, das ihm eine weniger aufreibende Tätigkeit empfehlenswert machte. Es kam also auf seinen Stellvertreter an, denn der konnte in dieser Situation viel bewirken.

Für Altmeier stand fest, dass Kohl verhindert werden musste. Als Vertreter von Matthes schlug er Heinz Korbach vor, einen Koblenzer, der als sein Gefolgsmann galt und den er für fähig hielt, Kohl aufzuhalten. Kohl wollte keine Entscheidung um jeden Preis – er konnte auch damals schon warten. Daher ließ er dem Regierungschef mitteilen, man könne doch zwei Vertreter, also ihn und Korbach, wählen. Altmeier lehnte jedoch ab und wünschte stattdessen, dass die Wahl schriftlich erfolgen solle. Er muss sich von der schriftlichen Abstimmung einen Vorteil versprochen haben.

Beide Seiten hatten die Fraktionsmitglieder heftig umworben; es soll sogar ehrenwörtliche Verpflichtungen gegeben haben.88 Das Ergebnis der Abstimmung war knapp, aber eindeutig. Kohl siegte mit sechs Stimmen Vorsprung vor Korbach. Im Nachkarten, auf der Suche nach den »Verrätern«, glaubte Altmeier, die weiblichen Abgeordneten als die Schuldigen an seiner Niederlage ausgemacht zu haben. Da lag er wahrscheinlich richtig, denn Kohl hatte auch damals schon die Frauen in der Partei nachhaltig gefördert. Der unterlegene Korbach machte aber keinen gebrochenen Eindruck. Später ging er in die Exekutive, zuerst als Landrat, dann als Regierungspräsident. Man sagte ihm nach, dass er in diesen Ämtern beachtliche Fähigkeiten zur Repräsentation entwickelt habe. Seine Niederlage bewirkte bei Altmeier jedoch kein Einlenken; man verharrte weiter in einem Zustand des beziehungslosen Neben- und Gegeneinanders. Auf jeden Fall stand nun Helmut Kohl als Herausforderer des Ministerpräsidenten fest, und die Frage war nur, wann es zur offenen Konfrontation kommen würde.

Networking nach allen Seiten

Als tatsächlicher Chef der Fraktion, als Mitglied im Haushalts- und Finanzausschuss mit seinen vielfältigen und oft schwierigen Materien und als Mitglied des kulturpolitischen Ausschusses und damit tatsächlich als der Sprecher der CDU-Fraktion in der Bildungspolitik konnte Kohl über Beschäftigungsmangel nicht klagen. Nur mit einem strikt eingehaltenen Terminplan, den er sorgfältig ausarbeitete und konsequent einhielt, war eine solche Belastung zu bewältigen. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich auch mit anderen Fragen zu beschäftigen. So richtete er weiter sein Augenmerk auf die Beamtenpolitik und die Probleme des »Stellenkegels«, der die Leistungsbereitschaft der Beamten steigern sollte. Im Januar 1963 zeigte eine Darlegung über die ärztliche Altersversorgung in Rheinland-Pfalz vor der Fraktion, wie gründlich sich Kohl mit der Materie beschäftigt hatte. Er machte einen sinnvollen Verbesserungsvorschlag und mahnte, nicht den Gesichtspunkt aus den Augen zu verlieren, dass »mit der Ärzteschaft verfeindet zu sein, kein anzustrebendes Ziel sei«.89

Das Netz der politischen Beziehungen Helmut Kohls darzustellen, ist unmöglich. Dazu ist es zu vielfältig. Daher soll hier nur auf einige persönliche Verbindungen aus der frühen Zeit hingewiesen werden. Heinrich von Brentano kannte er schon seit den Fünfzigerjahren, gleichsam über den Rhein hinweg. Kurt Georg Kiesinger machte er 1957 in Ludwigshafen ausfindig, als dieser dort eine Klinik aufgesucht hatte. Mit Gerhard Stoltenberg, damals Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, kam er schon 1959 über Fragen der Lebensmittelchemie in Kontakt. Zu dem langjährigen Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm unterhielt er intensive Beziehungen, wegen seiner Kompetenz als Verkehrsfachmann, der viel zur Verkehrserschließung von Rheinland-Pfalz beigetragen und für Wünsche aus diesem Bundesland in der Regel ein offenes Ohr hatte. Deshalb setzte sich Kohl energisch dafür ein, dass Seebohm auch im ersten Kabinett von Ludwig Erhard Minister blieb.

Bei den Sozialpolitikern der Union kannte Kohl keine Berührungsängste. Er hatte einen guten Draht zu Josef Stingl und duzte sich mit dem Vorsitzenden der Sozialausschüsse, Hans Katzer, von dem er sich wünschte, »dass auch ein Teil der neu zu gewinnenden Aktivität der Sozialausschüsse uns hier zugutekommt«.90 Mit der Bundeswehr, die in Koblenz ihre größte Garnison hatte, fand ein reger Austausch statt. Schon als Fraktionsvorsitzender wurde Kohl zu Manövern eingeladen. Einmal war er behilflich, Gemälde mit preußisch-militärischen Motiven für das Offizierskasino in Koblenz aufzutreiben. Den Kommandierenden General lud er 1966 zur Großen Prunksitzung des ZDF ein. Aber General Albert Schnez musste verzichten – ihn rief die Pflicht nach Bonn.91

Ein wichtiger Verbündeter Kohls war der Freiherr Karl Theodor von und zu Guttenberg, ein Franke und von Hause aus Abgeordneter der CSU, der aber als Erbe des berühmten Weingutes Buhl in Deidesheim auch in der Pfalz ansässig war und den Buhl’schen Weinkeller wie den »Deidesheimer Hof« als Begegnungsstätte der besonderen Art zur Verfügung stellte.92 Mit der Bekanntschaft Kohls mit zu Guttenberg verknüpfte sich zugleich schon sehr früh die Frontstellung zu Franz Josef Strauß. Dieser hatte Guttenberg durch den CSU-Landesvorstand in brutaler Weise unter Druck gesetzt, denn der Freiherr hatte es gewagt, in der »Spiegel«-Krise 1962 den Kontakt zur SPD zu knüpfen, um die Möglichkeit der Großen Koalition zu sondieren. Diese Koalitionsmöglichkeit hatte freilich zur Voraussetzung, dass der amtierende Verteidigungsminister, also Strauß, verschwinden musste, was dieser als parteiwidriges Verhalten bestraft wissen wollte. Indem sich Kohl auf die Seite Guttenbergs stellte, zeichnete sich zugleich die Distanz zu dem pfälzischen CDU-Abgeordneten Werner Marx ab, dem späteren Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, dessen dogmatischen Antikommunismus Kohl nie geteilt hat.93

Auf lange Sicht wurde die Bildungspolitik zur wichtigsten Aufgabe in der Landespolitik. Nur mit einer Abkehr von der starren Altmeier-Linie konnte die CDU ihre Stellung in Rheinland-Pfalz dauerhaft behaupten. Für diesen politischen Wandel war aber Zeit nötig, denn Altmeiers Anhänger, deren Zahl nicht gering war, mussten – wenn schon nicht in der Sache bekehrt – so doch von der politischen Notwendigkeit der Modernisierung des Bildungswesens überzeugt werden. Auf keinen Fall durfte es innerhalb der Partei zu einem Bruch kommen; diesen hätte man sofort Kohl angelastet.

Kohls Rede zum Haushalt des Kultusministers vom 10. Dezember 1962 zeigte vorsichtig, aber schon deutlich erkennbar die Richtung an. Seine Kenntnis der Materie stellte er mit der konkreten Darlegung der erzielten Fortschritte und einem Feuerwerk an Zahlen unter Beweis, die Rheinland-Pfalz in der Bildungspolitik einen guten Mittelplatz unter den Bundesländern zuwiesen. Dann nahm er sich die Positionen der Landes-SPD vor, die in Bezug auf die Bekenntnisschule sich sogar zu der Behauptung eines »konfessionellen Mauerbaus« verstiegen hatte, und setzte sie mit Zustimmungserklärungen prominenter Genossen zu Elternrecht und Bekenntnisschule matt. So zitierte er genüsslich, was Adolf Arndt, der hoch angesehene Jurist und Kulturpolitiker der SPD, im »Spiegel«-Gespräch dazu gesagt hatte. Der SPD-Politiker wollte offensichtlich etwas für die Wählbarkeit seiner Partei in katholischen Gegenden tun und hatte deshalb sein volles Verständnis mit Eltern gezeigt, »die der Geschlossenheit der Erziehung zu einem aus ihrem Glauben geformten Ganzen den Vorrang geben«. Da konnte Kohl nur hinzufügen: »Das ist vollinhaltlich auch unsere Stellungnahme.«94

In der Sache aber rückte er behutsam, doch unübersehbar von den Grundsätzen der bisher praktizierten Schulpolitik ab. Er versicherte, dass »für uns in der CDU« – er sprach bewusst nicht von der Partei insgesamt – bestimmend sei, »dass die Bildungschancen und damit auch die sozialen Chancen der Familie und der Kinder auf dem Lande und in den vielen kleinen Gemeinden unseres Landes auf alle Fälle zu verbessern« seien. Die dafür notwendigen Mittelpunktschulen umschrieb er vorsichtig, indem er von »Schulverbänden« sprach, die man »nicht schematisch dekretieren« könne, sondern die »jeweiligen örtlichen Gegebenheiten zugrunde legen« müsse. Das hatte nichts mehr mit dem »Herzblut« zu tun, mit dem nach Ministerpräsident Altmeier die Lehrerbildung in der Verfassung verewigt worden war.

Hier kündigte sich ein Wandel an. Das wussten im Landtag Koalition wie Opposition. In der CDU-Fraktion kam geradezu Begeisterung auf, als Kohl weit von der Landespolitik abhob und auf die mit internationalen Vergleichen geführte Reformdebatte in der Bildungspolitik einging. Auch auf diesem Niveau konnte er mithalten. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Zahl der Ingenieure eines Landes das weltpolitische Ringen um die Zukunft nicht entscheiden werde. Damit grenzte er sich selbstbewusst von den Unheilspropheten einer heraufziehenden »Bildungskatastrophe« ab, die ihr Hauptargument aus den sowjetischen Statistiken ableiteten, die eine weit höhere Zahl von Abiturienten und Ingenieuren in der Sowjetunion behauptete, ohne auf den Gedanken zu kommen, diese Zahlen kritisch zu überprüfen. Die Perspektive, die er aufzeigte, war realistischer. Für ihn hatten »das Staatssystem und das Volk für die Zukunft die größeren Chancen, das die meisten gut gebildeten und auch ausgebildeten Bürger in allen Lebensbereichen in seinen Grenzen vereint«.

Die Rede fand bei den Abgeordneten der Regierungskoalition großen Beifall. Sogar Bravorufe verzeichnet das Protokoll. Die Begeisterung der Abgeordneten war verständlich, denn Kohl hatte eine überzeugende Rede gehalten und die Regierungskoalition endlich in die Offensive gebracht, statt immer nur mit der SPD über die leidigen Schulprobleme zu streiten. Ein Aufbruch zu neuen Ufern in der Bildungspolitik war etwas, das von dem amtierenden Kultusminister nicht verlangt werden konnte. Eduard Orth verwaltete sein Ressort solide, aber für die immer wichtiger werdende Bildungspolitik hatte der wirtschaftspolitisch erfahrene Minister, zudem Teilhaber einer Möbelfabrik, keine Antenne.

Kohl kannte Orth schon lange aus dem Bezirksvorstand Pfalz, den Kohl von diesem im Jahre 1963 übernehmen sollte. Ihr Verhältnis zueinander und ihre Fähigkeiten zu pragmatisch kurzgeschlossenem Vorgehen beleuchtet trefflich die Geschichte von der Einrichtung eines Lehrstuhls für Publizistik an der Mainzer Universität und seine schließliche Besetzung.

Die Lehrstuhlgründung hatte eine verzweigte Vorgeschichte,95 kam aber zu einem eindeutigen und sehr positiven Abschluss. Da gab es 1960 im Bundesinnenministerium Pläne zur Gründung eines Instituts für Film- und Fernsehforschung. Dabei hatte der Referent im Ministerium für das zu gründende Institut an die Mainzer Universität gedacht. Das Echo aus der Mainzer Staatskanzlei war entsprechend positiv. Es schien, als habe man nur darauf gewartet. Es lägen schon »eigene Erwägungen« in sehr konkreter Form vor. Kultusminister Orth hatte nämlich – unabhängig von den Bonner Planungen – bereits die Errichtung eines Lehrstuhls für Publizistik im Auge, für dessen Besetzung er auch schon klare Personalvorstellungen hatte. Für den Posten vorgesehen war der Chefredakteur der »Mainzer Allgemeinen Zeitung«, Dr. Heinrich Tötter, der sich bei dem Nestor der Zeitungsforschung, Emil Dovifat, habilitiert hatte. Wichtiger als die Habilitation war wohl die Tatsache, dass Tötter ein Kriegskamerad von Orth gewesen war, der ihn nun aus der Tretmühle des Zeitungsmachens herauslösen und auf die Höhen der Wissenschaft befördern wollte.

Was lag näher, diesen Mainzer Vorschlag mit den in Bonn angestellten Überlegungen für ein Institut für Film- und Fernsehforschung zu verbinden, wenn man dafür schon einen Kandidaten hatte? Es bestand also aus Mainzer Sicht »eine erstaunliche Übereinstimmung«, wie der Chef der Staatskanzlei, Fritz Duppré, schrieb, der als graue Eminenz und mastermind von Peter Altmeier in Mainzer Politikerkreisen hoch respektiert, aber auch gefürchtet war. Doch plötzlich kam Sand in das Berufungsgetriebe – es ging das Gerücht um, auch Professor Karl Holzamer habe »starkes Interesse« an diesem Projekt bekundet. Die Magie des Fernsehens zog noch weitere Interessenten an. Die geplante Berufung des alten Bekannten Tötter kam ins Schwimmen.

Daher nahm Duppré nun den Standpunkt ein, nicht sogleich an die Gründung eines Institutes zu gehen, sondern zunächst einmal für das Haushaltsjahr 1962 ein »Ordinariat für Publizistik« zu schaffen. Am 3. Oktober 1961 war aber nur noch von einem Extraordinariat die Rede, von dem es hieß, »dass die Angelegenheit im Landtag auf keinerlei Schwierigkeiten« stoße. Das war eine ganz neue Situation: nur noch eine außerordentliche Professur, die aber im Parlament schnell bewilligt werden könnte. Da stellte sich die Frage: War der ursprüngliche Mainzer Kandidat nicht mehr im Rennen? Außerordentlicher Professor zu werden, konnte Tötter nicht reizen, denn das hieß, bei einem geringeren Gehalt als dem eines Chefredakteurs vor allem viel Aufbauarbeit zu leisten.

Der Hinweis von Duppré, dass die schmalere Lösung im Landtag glatt durchgehen würde, lässt aufhorchen. Denn die sich abzeichnende Interessenlage mit Holzamer als möglichem Kandidaten und den Vorstellungen eines Instituts für Fernsehforschung ließ die Kandidatur Tötters blass aussehen. Im Haushalts- und Finanzausschuss hätte sie wahrscheinlich Bedenken hervorgerufen. Schließlich war Kohl Mitglied in diesem Ausschuss.

Viel wichtiger war jedoch etwas anderes. Helmut Kohl selbst hatte für diese Professur schon einen eigenen Kandidaten in Aussicht genommen, genauer, eine Kandidatin: Elisabeth Noelle-Neumann, die Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Dort war Kohl kein Unbekannter, und sehr wahrscheinlich war er es selbst, der auf die Idee kam, eine Professur für Publizistik zu schaffen, die aber nur als Extraordinariat ausgelegt war. Das niedrige Profil war klug gewählt. Eine solche Professur konnte nicht zur Befriedigung von persönlichem Ehrgeiz oder anspruchsvollen Institutsplänen dienen. So wurde Elisabeth Noelle-Neumann nur zu einem Vortrag nach Mainz eingeladen; danach teilte ihr Erich Welter, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz und Mitherausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, mit, dass der Vortrag – man höre und staune – als Bewerbung verstanden und sehr positiv bewertet worden sei. Nun nahm das Berufungsverfahren seinen Gang. Es musste nur noch der Kultusminister überzeugt werden. Kohl fragte Elisabeth Noelle-Neumann, ob sie auch schon vormittags Wein vertrage, und als sie dies leicht befremdet bejahte, zogen sie gemeinsam zu dem Pfälzer Eduard Orth, der einer mit Pfälzer Wein besiegelten Berufung nichts in den Weg stellen wollte.

Diese Art des Vorgehens mag Jahrzehnte später abenteuerlich klingen und wirkt angesichts der späteren Überbürokratisierung wie ein Märchen aus alten Zeiten. Das abgekürzte Berufungsverfahren hatte aber mehrere Nutznießer. Elisabeth Noelle-Neumann bekam die Chance, der Demoskopie an der Universität eine wissenschaftliche Heimat zu schaffen und in beispielhafter Form Lehre und Forschung miteinander zu verbinden. Dass ihre Professur nach kurzer Zeit in eine ordentliche Professur umgewandelt wurde, versteht sich fast von selbst. Die Studenten erhielten ein neues interessantes Fach in den Sozialwissenschaften. Helmut Kohl schließlich konnte seine Beziehungen zum Allensbacher Institut und ihrer Leiterin intensivieren.

Es entstand eine lebenslange freundschaftliche Verbindung, die für Kohl sehr wichtig war. Denn sein gesamtes politisches Wirken war von Planung bestimmt. Er ließ die Dinge nicht auf sich zukommen, um dann darauf zu reagieren, sondern er plante im Voraus. Das bedeutete in der Politik, über die Einstellung des Souveräns, des Wählers, möglichst genaue Daten zu erhalten. Das galt in erster Linie vor den Wahlen; aber auch das Meinungsklima während der Legislaturperioden musste beobachtet werden. Im Allensbacher Institut stellte Kohl sein unglaubliches Gespür für die Stimmung der Bevölkerung im »Instituts-Toto« regelmäßig unter Beweis; seine Voraussagen kamen den »tatsächlichen Ergebnissen am nächsten«.96

Von Verwaltungsreformen war in der 1963 zu Ende gehenden Legislaturperiode kaum die Rede gewesen. Für Kohl hatte diese Frage noch nicht im Vordergrund gestanden. Im Herbst 1962 war das Thema einmal im Fraktionsvorstand kurz zur Sprache gekommen, aber nur, um das Problem auf die nächste Legislaturperiode zu verschieben. Verwaltungsreform bedeutete zu diesem Zeitpunkt mehr eine Geste guten Willens gegenüber dem bürokratiekritischen Bürger als das, was in der nächsten Legislaturperiode Gestalt annehmen sollte: eine Reform, die diesen Namen auch wirklich verdiente.

Kohl hatte in seiner ersten Legislaturperiode einen rasanten Start hingelegt. In den Fraktionsvorstand war er schon nach weniger als einem Jahr aufgerückt. Dem wichtigen Haushalts- und Finanzausschuss gehörte er seit Beginn an. Das Stühlerücken nach dem Tod des langjährigen Fraktionsvorsitzenden Wilhelm Boden hatte er zur Kampfkandidatur um die Führung der Fraktion genutzt und mit seiner Wahl zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden unübersehbar ein Zeichen gesetzt: Damit stand er als Herausforderer von Ministerpräsident Peter Altmeier fest. Jetzt musste er durch eigene Leistungen zeigen, dass er diesem Anspruch auch gerecht wurde.

Der Fraktionsvorsitz als Machtbasis

Im parlamentarischen System ist der Fraktionsvorsitzende der Regierungspartei der verlängerte Arm der Regierung; denn er organisiert ihre Unterstützung und seine Bedeutung bemisst sich an seiner Fähigkeit, auch widerstrebende Teile der Fraktion zu überzeugen oder wenigstens zu neutralisieren. Helmut Kohl passt in dieses Schema nicht hinein. Er gewann als Fraktionsvorsitzender eine Stellung, die weitaus gewichtiger war. Natürlich verteidigte er auch die Regierung gegenüber der Opposition, aber das war eher nebensächlich. Tatsächlich gab er der Landesregierung politische Leitlinien vor und sorgte zugleich auf vielfältige Weise für ihre Verwirklichung. Als Fraktionsvorsitzender schuf er sich eine Stellung, die ihm mehr Macht und Einfluss verschaffte, als sie der Ministerpräsident eigentlich für sich in Anspruch nehmen konnte.

Am 31. März 1963 fanden in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen statt. Sie brachten der CDU ganz unerwartet eine empfindliche Niederlage ein, den Verlust der absoluten Mehrheit. Der Machtverlust drohte, denn SPD und FDP hatten zusammen die Mehrheit. Was lag in dieser Situation näher, als dass diese beiden Parteien über die Gemeinsamkeiten in der Schul- und Bildungspolitik zueinanderfanden?

Kohl hatte nicht mit dem Einbruch seiner Partei gerechnet. Noch am 12. März 1963 bekundete er in einem Brief an Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, der als Hauptredner für die Schlusskundgebung des Wahlkampfes in Ludwigshafen vorgesehen war, erheblichen Optimismus.97 In der Landespolitik war im Grunde nichts schiefgelaufen, und der beginnende Kampf um die Macht zwischen Altmeier und Kohl war in der Öffentlichkeit noch nicht zur Kenntnis genommen worden, hatte also bei den Wahlen keine Rolle gespielt. Tatsächlich war die Ursache für die Wahlniederlage in Bonn zu suchen.98 Der Kampf um die Kanzlernachfolge, Konrad Adenauers Weigerung, den Platz endlich für den ungeliebten Nachfolger Ludwig Erhard frei zu machen, hatte im März an Schärfe zugenommen und die Wähler verstimmt.

Die Wahlschlappe wirkte sich für Kohl vorteilhaft aus, denn die Niederlage beflügelte diejenigen, die etwas in der Partei verändern wollten. Zunächst einmal wurde er zum Vorsitzenden der Fraktion gewählt, denn der bisherige Vorsitzende Hermann Matthes hatte den Platz frei gemacht und war als Staatssekretär in das Sozialministerium eingetreten. Die Fraktion wählte Kohl einstimmig, was ihn nach der Kampfabstimmung zwei Jahre zuvor zu Recht mit Stolz erfüllte.99 Allerdings fehlten einige Abgeordnete; vielleicht waren sie der Wahl ferngeblieben, weil sie es nicht fertigbrachten, den in ihren Augen viel zu fortschrittlichen jungen Politiker zu wählen. Geschlossenheit aber war das Gebot der Stunde. Kohl galt als der Mann, der für die kommende »harte Legislaturperiode«100 besonders qualifiziert erschien. Er selbst wollte die Niederlage als »heilsamen Schock« verstanden wissen. Er hatte bei den Koalitionsverhandlungen erfahren müssen, »dass es sehr wohl möglich ist, dass auch die CDU in diesem Land in die Opposition geraten kann«101. Tatsächlich sollte diese Befürchtung erst 25 Jahre später Wirklichkeit werden, dann allerdings für viele Jahre.

Die Erneuerung der Koalition mit der FDP war weitgehend Kohls Verdienst. Bei der FDP bemerkte man rasch, dass er in der Schulpolitik »den Liberalen näher stand als dem eigenen Ministerpräsidenten«. Sie erkannten, dass auch mit Kohl und der CDU die notwendigen Reformen in der Bildungspolitik erreicht werden konnten – es war also gar nicht notwendig, auf den vertrauten Koalitionspartner zu verzichten und eine Koalition mit der SPD einzugehen. Mit Peter Altmeier als tonangebendem Verhandlungspartner wäre die Koalition kaum erneuert worden. Aber Kohl stand bei den Verhandlungen in der Mitte, zwischen der FDP und den Konservativen der eigenen Partei. Das eröffnete ihm einen erheblichen Verhandlungsspielraum. Wie er rückblickend feststellte, hat er bei dieser Gelegenheit »die hohe Schule der Verhandlungsführung« gelernt. Hier erscheint er zum ersten Mal in einer Mittlerposition, die er in den nächsten Jahrzehnten immer wieder wahrnehmen musste. Dabei ist der Hinweis wichtig, dass die FDP von Kohl nicht nur als Koalitionspartner und Mehrheitsbeschaffer betrachtet wurde, sondern dass ihn mit diesem Partner auch ein beachtliches Maß an politischer Übereinstimmung verband.

Trotz aller Bereitschaft zum Ausgleich, die Kohl signalisierte, gestalteten sich die Verhandlungen außerordentlich schwierig. Das hing mit den Forderungen der FDP zusammen. Kohl musste die Erfahrung machen, dass bei der Vergabe von Ministerposten »Tendenzen offenbar« wurden, »die vorher niemand für möglich gehalten hätte«.102 Es waren halt seine ersten Koalitionsverhandlungen. Weitaus schwieriger und für ihn selbst politisch gefährlicher war der eigentliche Durchbruch bei diesen Verhandlungen, der in der Abkehr von der Bekenntnisschule bestand. Von dieser tatsächlich entscheidenden Wendung in der Schulpolitik wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Erst recht wurden keine Fristen gesetzt, aber über die Tragweite dieser Entscheidung bestand keine Unklarheit.

Die Schulpolitik war aber eine Herzensangelegenheit von Ministerpräsident Altmeier, für die er sich stets eingesetzt hatte, seit er 1947 Regierungschef geworden war. Obwohl er als der zukünftige Ministerpräsident feststand, musste er es geschehen lassen, dass von der Bekenntnisschule Abschied genommen wurde. Für Kohl war dies nicht unproblematisch, denn ein Teil der Fraktion wie der Partei und der Wählerschaft stand in dieser Frage durchaus hinter Altmeier. Es konnte daher für Kohl gefährlich werden, wenn sich in der Partei Widerstand regte und Behauptungen die Runde machten, Kohl habe durch eine verfassungsändernde Mehrheit, die sich auf seinen Anhang in der Partei sowie auf Liberale und Sozialdemokraten stützte, die bewährte katholische Schulpolitik Altmeiers torpediert.

Solche parteiinterne Kritik durfte gar nicht erst aufkommen, obwohl erhebliche Risiken bestanden. Die Abschaffung der Bekenntnisschule bedeutete die Liquidierung einer Bastion des politischen Katholizismus, die in Rheinland-Pfalz durch Peter Altmeier und Adolf Süsterhenn besonders stark ausgebildet war. In Koblenz, der Heimatstadt Altmeiers, waren im Jahre 1965 von 28 Volksschulen 27 Konfessionsschulen. Mit Sicherheit hätten etliche von ihnen als christliche Gemeinschaftsschulen dem Verhältnis der Konfessionen innerhalb der Schülerschaft mehr entsprochen. An einem solchen Detail lässt sich ablesen, dass Schulfragen auch Machtfragen sind.

Der neue Fraktionsvorsitzende Helmut Kohl machte umgehend Druck. Er setzte gegen Altmeiers zögerlichen Protest durch, dass die Regierungserklärung sehr umfangreich wurde und eine Vielzahl von Einzelpunkten aufführte. Damit wollte er diese von vornherein als CDU-Politik »anbieten«. Denn für ihn stand fest, »dass eine Regierungserklärung die Magna Charta der Regierungspolitik für vier Jahre sei«.103

Bald kam aber zur Sprache, was die Einigung mit den Liberalen tatsächlich für die Schulpolitik bedeutete. Es kam zu einem ersten Antrag auf Änderung der Schulartikel der Verfassung. Man fing dabei scheinbar bescheiden an. Zur Debatte stand der Antrag, im Artikel 29 einen Halbsatz zu streichen, »nach dem auch die einklassige Volksschule einen geordneten Schulbetrieb gewährleistet«104. Daran entzündete sich in der Fraktion noch einmal die Grundsatzdebatte über das Elternrecht, das der anwesende Trierer Domkapitular Josef Hansen »tangiert«, also beeinträchtigt sah. Kohl reagierte auf diese Kritik mit bemerkenswerter Entschlossenheit. Entschieden verwahrte er sich gegen den Vorwurf, er verletze das Elternrecht, und ging selbst zum Angriff über. Die Partei sei verpflichtet, hielt er dagegen, »die großen Entscheidungen der nächsten zehn Jahre so vorzubereiten, … dass man später nicht sagen könnte, die CDU sei seinerzeit nicht auf der Höhe der Zeit gewesen«. Dieser Standpunkt müsse auch in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, nämlich, »dass die CDU an der Spitze einer Entwicklung stehe, absolut aufgeschlossen und frei für die Zukunft, unter Beibehaltung ihrer Prinzipien«.

So begannen die konkreten Schritte zur Modernisierung des Schulwesens – vom Gesetz über die Volksschule über die Reform der Lehrerbildung und damit der pädagogischen Hochschulen, die nun nicht mehr konfessionell orientiert waren, bis hin zur Neustrukturierung des katholischen Privatschulwesens. An deren Anfang stand – und darauf kommt es in diesem Zusammenhang an –, die Entschlossenheit Kohls, die Gunst der Stunde nach der Wahlniederlage und die dadurch entstandene Verunsicherung in den eigenen Reihen zu nutzen und mit der Reform zu beginnen.

Darüber, was er als Fraktionsvorsitzender bewirken wollte, hatte Kohl von Anfang an feste Vorstellungen. Am 22. Juli 1963 trug er der Fraktion sein Programm vor, das keine Sachfragen anschnitt, sondern die Stellung der Fraktion und ihre Aufgaben gegenüber der Regierung wie der Partei umriss. Es war wohlgemerkt kein »Regierungsprogramm«, sondern ein Konzept, das mit simpler Fraktionsarbeit auch nur wenig zu tun hatte. Es ging um ein neues Problembewusstsein.

Diese Rede Kohls, die sogar in hektografierter Form überliefert ist,105 vermittelt interessante Einblicke in seine politische Strategie. Ziel der politischen Arbeit sei die Wiedergewinnung der absoluten Mehrheit. Aber auf das Wie käme es an. Es gelte, stärker als bisher, Politik in die Zukunft hinein zu gestalten und nicht nur auf die alten Erfolge zu bauen, denn: »Es gibt uns heute kaum noch einer in der Wählerschaft etwas dafür, dass wir in den großen Fragen der Nation in den Jahren 1950, 1951, 1952 und 1953 die richtige Linie erkannt und durchgesetzt haben.« Die grundlegenden Entscheidungen dieser Jahre seien für junge Wähler bereits Geschichte, als politische Erfahrung also nicht mehr nachvollziehbar. Deshalb taugten sie nicht als Motiv, auch heute oder morgen die CDU zu wählen. Aus einer nicht lange zurückliegenden demoskopischen Umfrage – sicher aus Allensbach – gehe hervor, dass in der jungen Generation »heute immer noch der höchste Anteil der Wähler beiderlei Geschlechts der CDU sich zugehörig« fühle. Auf diesen höchst erfreulichen Befund müsse man die Politik ausrichten. Es gelte daher, gerade für diese jungen Menschen »Leitbilder für heute und morgen« zu entwickeln. Kohl warnte eindringlich davor, »Fett anzusetzen« und den Rückschlag bei den Wahlen auf die leichte Schulter zu nehmen. Eine solche Haltung hielt er für »tödlich«.

Der Nachdruck, mit dem er auf die Notwendigkeit hinwies, die Jüngeren für die Politik zu gewinnen, ist bemerkenswert. Er hatte erkannt, dass die nachwachsende Generation anders war. Sie hatte die großen Erfolge Konrad Adenauers nicht mehr miterlebt – Kohl hätte auch hinzufügen können: auch nichts mehr vom Krieg und den Hungerjahren danach. Sie hatte ein anderes Lebensgefühl, war aber noch politisch für die Union erreichbar. Daher müsse man eine Politik machen, die für die Nachwachsenden glaubwürdig war.

Kohl selbst war als Führer der »Jungen« in der Politik groß geworden, aber selbst in seiner neuen Position als einflussreicher Politiker hatte er sich ein Gefühl dafür bewahrt, dass in der Jugend und im politischen Diskurs sich Wandlungen vollzogen, auf die man reagieren musste. Darauf wollte er aufmerksam machen, damit die Partei diesen Herausforderungen begegnen konnte. Ein Teil dieser Jugend machte einige Jahre später freilich als »Achtundsechziger« eine scharfe Wendung nach links und war für die CDU nicht mehr erreichbar. Aber das war nicht die Mehrheit. Das bildungspolitische Engagement Kohls verfolgte auch das Ziel, einem größeren Teil der nachwachsenden Generation die CDU als politische Heimat zu erhalten, die keineswegs so überwiegend »links« eingestellt war, wie es das Bild der gewalttätigen Demonstrationen vermittelt.

Der CDU-Landtagsfraktion wies Kohl eine geradezu strategische Rolle zu. Sie sollte als Plattform und zugleich als Schaltzentrale dienen, von der Impulse in die Partei, aber auch in die Regierung ausgingen. Welche Bedeutung er der Fraktion zumaß, spiegelt seine eigentümlich gestelzte Wortwahl wider: Er sah sie als den »vornehmsten Ort und den Hort der Landespolitik der CDU«. Er hatte ihr die Rolle als politische Leitungsinstanz zugedacht, mit engen Kontakten zur Landespartei. Das war die eine Stoßrichtung. Die andere ging nach oben, zur Regierung hin. Die Fraktion sollte auch »Heimat« der CDU-Minister bleiben. Er ermahnte diese, nicht zu der Partei auf Distanz zu gehen oder sich in ihren Ministerien einzuigeln. Es müsse ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis vorhanden sein. Und es fehlte nicht der Hinweis, dass die Mitglieder der Regierung »aus dem Schoß der Fraktion« hervorgegangen seien und auch das Vertrauen der Fraktion benötigten. Den Ministern gab Kohl noch eine weitere Warnung mit auf den Weg. Sie sollten gegenüber der »sogenannten Ministerialbürokratie« vorsichtig sein und nicht zu viel auf den »Rat der Herren ihres Hauses« geben und nicht von ihnen abhängig werden. An diesem Konzept hielt er fest. Fast wörtlich sollte er zwanzig Jahre später, nach seinem triumphalen Wahlsieg am 6. März 1983, diese Warnung wiederholen.

Noch kritischer ging Kohl mit einer spezifischen Gruppe der Ministerialbeamten um, die er als »politisch nahestehend« charakterisierte. Hier kamen bittere Erfahrungen der jüngsten Koalitionsverhandlungen zum Ausdruck. Mit diesen angeblich der Partei »Nahestehenden« habe man »totalen Schiffbruch« erlitten. In dieser Gruppe sei unschöner Opportunismus aufgekommen mit der Tendenz, auch in einer anderen Koalition die Karriere mit politischem Rückenwind fortsetzen zu können. Für Kohl bedeutete es nichts, wenn Leute ihre »Zugehörigkeit zu dieser oder jener studentischen Verbindung, zu dieser oder jener gesellschaftlichen Vereinigung« hervorkehrten und deshalb bevorzugt werden wollten. Solchen Postenjägern erteilte er eine klare Absage. Da wurden auch soziale Ressentiments sichtbar, etwa gegenüber dem CV, dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Stattdessen wollte Kohl lieber Beamte fördern, die qualifiziert waren, der CDU angehörten und sich in der Öffentlichkeit auch zu dieser Partei bekannten.

Eine Person kam in Kohls Rede praktisch nicht vor: Ministerpräsident Peter Altmeier. Politisch nahm er ihn nicht mehr zur Kenntnis. Altmeier erschien mehr wie ein Mieter, der ein Wohnrecht hatte und dem man deswegen nicht kündigen konnte. Und je weniger dieser in der Lage war, Kohls Politik zu verhindern, desto deutlicher brachte er seine Ablehnung zum Ausdruck. Mitunter stimmte Altmeier in der Fraktion als Einziger gegen einen Beschluss oder enthielt sich demonstrativ der Stimme.

Es war wohlüberlegt von Kohl, dass er in seiner Rede vor der Fraktion keine Regierungserklärung in dem Sinne abgab, dass er auf die Regierungsarbeit selbst einging und ankündigte, was alles konkret erreicht werden sollte. Auf das Arbeitstempo der Ministerien hatte er ja keinen direkten Einfluss. Ihm kam es auf etwas anderes an: der Fraktion die Strategie aufzeigen, die er der politischen Arbeit zugrunde legen wollte. Ihm ging es um intensive Kommunikation auf allen Ebenen. Die häufig anzutreffende Abschottung sollte gar nicht erst aufkommen. In der Fraktion kam alles zusammen; das »Fraktionszimmer« – wie die Bezeichnung sagte, kein Sitzungssaal – erzeugte das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hier sollten Diskurs und Auseinandersetzung über die verschiedenen politischen Probleme stattfinden. Gewiss hätte Kohl auch zur Sache sprechen können, aber das hätte Diskussionen um die Bekenntnisschule und den dornigen Punkt der Verfassungsänderung ausgelöst, die er gerade vermeiden wollte, weil damit nur Gräben aufgerissen worden wären.

Er wählte daher ein anderes Vorgehen. Der Zusammenhalt innerhalb der Fraktion sollte gestärkt und das Binnenklima so positiv ausgebildet werden, dass die heiklen Fragen der Schulpolitik in einem Geist gegenseitigen Verständnisses behandelt werden konnten. Zu diesem Zweck wollte er auch Klausurtagungen der Fraktion nutzen. Sie sollten außerhalb von Mainz stattfinden und nicht nur der konzentrierten Fraktionsarbeit, sondern daneben als Gelegenheit dienen, Land und Leute kennenzulernen.

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