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Hell leuchtet der Liebesstern

1. KAPITEL

An Wayne Daltons sechsunddreißigstem Geburtstag brannte seine Mutter mit einem wildfremden Mann durch.

Sie hinterließ ihrem Sohn eine Schokoladentorte auf der Arbeitsfläche in der Küche, zwei neue Kriminalromane von seinen Lieblingsautoren und eine kurze, aber eindeutige Nachricht in ihrer schwungvollen Handschrift.

Mein Lieber,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Es tut mir leid, dass ich ihn nicht mit Dir feiern kann, aber wenn Du diese Zeilen liest, werden wir in Reno und ich die neue Mrs. Quinn Montgomery sein. Ich weiß, ich hätte es Dir sagen sollen, aber mein Kuschelbär fand es so besser. Romantischer. Ist das nicht süß? Du wirst ihn mögen, das verspreche ich. Er sieht gut aus, ist lustig und lässt mich wieder träumen. Sag den Kindern, dass ich sie liebe und bald zurück bin.

PS. Natalie muss heute ihre Buchbesprechung in der Schule abgeben. Achte darauf, dass sie sie nicht vergisst!

PPS. Tut mir leid, dass ich Dich im Stich lassen muss, aber ich dachte mir, Seth und Natalie kommen eine Woche ohne mich zurecht. Und Du auch. Du wirst mit allem fertig.

Versteh mich nicht falsch, Wayne, aber Du solltest nicht vergessen, dass Deine Kinder wichtiger als Deine verdammten Rinder sind.

Bin nach den Flitterwochen wieder da.

Wayne starrte fünf Minuten lang auf die Nachricht. Die einzigen Geräusche in der Küche der Cold Creek Ranch stammten vom Kühlschrank und der Uhr, die Andrea so sehr geliebt hatte. Sie hing über dem Herd und hatte die Form eines rosigen Schweins.

Was zum Teufel sollte er jetzt tun?

Seine Mutter und ihr Kuschelbär hätten sich keinen schlimmeren Zeitpunkt aussuchen können, und das wusste Marjorie auch ganz genau. Wayne brauchte ihre Hilfe! Er musste sechshundert Rinder auf den Markt bringen, bevor der erste Schnee fiel. Außerdem fand in Cheyenne ein Reitturnier mit angeschlossener Auktion statt, und in einer knappen Woche wollte ein Fernsehteam auf die Ranch kommen, um einen Bericht über die Zukunft der amerikanischen Rinderzucht zu drehen.

Die Reporterin erwartete, dass Wayne ihm die bahnbrechenden Neuerungen zeigte, die er in den letzten Jahren eingeführt hatte, und die Cold Creek Ranch von ihrer besten Seite präsentierte.

Wie sollte er das alles schaffen, wenn er auch noch Codys Windeln wechseln, Tanner einfangen und Natalies Lunchbox füllen musste?

Wayne überflog die Nachricht ein zweites Mal, und langsam ging sein Entsetzen in Empörung über. Irgendetwas von dem, was seine Mutter geschrieben hatte, schien ihn besonders zu ärgern. Er überlegte noch, was es war, da knarrte die Hintertür, und kurz darauf betrat sein jüngster Bruder die Küche, unrasiert und verschlafen.

„Kaffee. Ich brauche ihn heiß und schwarz und habe gerade gemerkt, dass ich keinen mehr habe.“

Wayne ließ seinen Ärger an ihm aus. „Du siehst grauenhaft aus.“

Seth zuckte mit den Schultern. „Ich bin spät nach Hause gekommen. Im Bandito war Ladies’ Night, und ich konnte all die süßen Mädchen nicht allein Billard spielen lassen. Wo ist der Kaffee?“

„Es gibt keinen. Und auch kein Frühstück. Du hast nicht zufällig Mom aus dem Haus schleichen sehen, als du dich um zwei Uhr morgens – zweifellos mit einem oder zwei der süßen Mädchen – ins Gästehaus geschleppt hast?“

Sein Bruder blinzelte mehrmals. „Was?“

Wayne warf ihm die Nachricht zu, und Seth rieb sich die Augen, bevor er sie aufhob.

„Wusstest du davon?“, fragte Wayne.

Seth ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Nichts Genaues.“

Was wusstest du denn?“, knurrte sein Bruder.

„Dass sie irgendeinem Typen, den sie durch ihre sogenannte Lebensberaterin kennengelernt hat, E-Mails geschickt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass es so ernst ist. Jedenfalls nicht ernst genug, um nach Reno durchzubrennen.“

Plötzlich wurde Wayne klar, was ihn an diesem ganzen Fiasko am meisten entsetzte. Wenn Du das hier liest, werde ich die neue Mrs. Quinn Montgomery sein, hatte seine Mutter geschrieben.

Montgomery war der Nachname dieser Spinnerin, der seine Mutter in den letzten sechs Monaten ein kleines Vermögen gezahlt hatte – und das nur, um ihrem Leben „mehr Sinn“ zu geben.

Caroline Montgomery.

Er kannte den Namen gut, denn er hatte ihn oft genug auf den fetten Schecks gelesen, die Marjorie ausgeschrieben hatte.

Das war allein Caroline Montgomerys Schuld. Sie musste seine Mutter auf die Idee gebracht haben, dass sie nicht glücklich war und mehr aus sich machen sollte. Dass sie Spaß, Abenteuer, Romantik brauchte. Und dann hatte sie Marjorie mit irgendeinem gerissenen älteren Herrn – vielleicht ihrem Bruder oder Onkel? – bekannt gemacht, um etwas mehr Würze in die triste Existenz einer einsamen Witwe zu bringen.

Was war denn an Marjories Leben so schlecht gewesen, dass sie einen wildfremden Mann brauchte, um es zu verbessern?

Sicher, seine Mutter hatte ein paar Macken. Heute war nicht nur Waynes Geburtstag, es war auch der achtzehnte Todestag seines Vaters, und seitdem hatte seine Mutter eine Marotte nach der anderen gepflegt. Sie machte Yoga, sie interessierte sich mehr für ihre Chakren als für ihren Kontostand, und sie ging zu Treffen in der Bibliothek von Pine Gulch, bei denen sie und ihre Freundinnen jedes feministische, männerfeindliche Selbsthilfebuch lasen, das sie in die Finger bekamen.

Er hatte wirklich versucht, sie zu verstehen. Marjories Ehe mit Hank Dalton war nicht gerade glücklich gewesen. Sein Vater hatte seine Mutter mit der gleichen Herablassung behandelt, unter der auch seine Kinder gelitten hatten. Hanks Tod war für Marjorie wie eine Befreiung gewesen, und Wayne konnte ihr nicht verdenken, dass sie danach etwas über die Stränge geschlagen hatte.

Außerdem, als er sie in den schrecklichen Tagen nach Andreas Tod gebraucht hatte, war seine Mutter zur Stelle gewesen. Ohne dass er sie fragen musste, hatte sie ihre Kristalle und die Yoga-Matte eingepackt und war wieder auf die Ranch gezogen, um ihm zu helfen. Sonst wäre er verloren gewesen, ein alleinerziehender Vater mit drei Kindern, die jünger als sechs waren, eines davon erst eine Woche alt.

Er wusste, dass sie mit ihrem Leben nicht zufrieden war, hatte aber nicht damit gerechnet, dass sie so weit gehen würde. Und das hätte sie auch nicht getan, wären da nicht diese gerissene Caroline Montgomery gewesen und der männliche Verwandte, mit dem diese Frau offenbar unter einer Decke steckte.

Als von oben ein wütender Aufschrei kam, hätte Wayne am liebsten mit der Stirn auf die Tischplatte gehämmert. Erst halb sieben am Morgen, und es fing schon an. Wie um alles in der Welt sollte er das alles schaffen?

„Soll ich Cody holen?“, fragte Seth nun, als Waynes Sohn immer lauter nach seiner Großmutter verlangte. Gramma, Gramma, Gramma.

Wayne war versucht, Ja zu sagen, beherrschte sich jedoch. Es waren seine Kinder, und er musste allein mit ihnen fertig werden.

Er zog die Jeansjacke aus und hängte den Stetson an den Haken an der Tür.

„Ich mache das schon. Kümmere dich um das Vieh, und dann müssen wir das Heu einfahren, das wir gestern gemäht haben. Es soll am Nachmittag regnen, daher müssen wir uns beeilen. Was die Kinder angeht, da wird mir schon etwas einfallen. Ich komme so bald wie möglich nach.“

Seth nickte. „Na gut. Viel Glück.“

Du wirst es brauchen. Sein Bruder sprach es nicht aus, aber Wayne hörte die Worte dennoch.

Er war ganz Seth’ Meinung.

Zwei Stunden später wurde Wayne klar, dass er wesentlich mehr als nur Glück brauchen würde.

„Halt doch endlich still“, befahl er dem zappelnden Cody und versuchte, ihm eine Windel anzuziehen, während Tanner und Natalie sich in der Küche lauthals stritten.

„Daaad!“, rief seine achtjährige Tochter. „Tanner wirft mit Cornflakes nach mir. Sag ihm, dass er aufhören soll! Das neue Shirt, das Grandma mir gekauft hat, ist schon ganz nass und fleckig!“

„Tanner, hör auf“, befahl Wayne. „Natalie, wenn du dich nicht beeilst, wirst du den Schulbus verpassen, und ich habe keine Zeit, dich hinzufahren.“

„Nie hast du Zeit für etwas“, murmelte sie, bevor er etwas Warmes an der Brust fühlte. Als er den Blick senkte, sah er in Codys strahlendes Gesicht.

„Cody Pipi.“

Wayne biss die Zähne zusammen. „Ja, das habe ich gemerkt.“

Eilig zog er seinem Sohn den Overall und das Spider-Man-Shirt an und wehrte sich gegen das schlechte Gewissen.

Er machte seine Sache nicht sonderlich gut. Er liebte seine Kinder, aber es war viel leichter gewesen, ihr Vater zu sein, als Andrea noch gelebt hatte.

Andrea hatte die Familie zusammengehalten. Sie hatte an die Impfungen gedacht, Natalies Haar zu einem süßen kleinen Pferdeschwanz gebunden und stundenlang Brettspiele mit ihnen gespielt. Seine Rolle war die des gutmütigen Vaters gewesen, der die Kinder zu Bett brachte und sich am Sonntag manchmal die Zeit nahm, mit ihnen zu Mittag zu essen.

Die zwei Jahre seit Andreas Tod hatten ihn nur darin bestärkt, dass Kindererziehung nicht seine Stärke war. Ohne Marjorie hätte er nicht gewusst, was er tun sollte.

Vermutlich hätte er jämmerlich versagt, genau wie jetzt.

Er wollte Cody in die Küche tragen, aber der kleine Junge hatte andere Vorstellungen. „Runter, Daddy. Runter.“

Wayne stellte ihn ab, und sein Sohn rannte los. „Natalie, kannst du kurz auf Cody aufpassen?“, rief er. „Ich muss mich umziehen.“

„Nein, kann ich nicht“, antwortete sie. „Der Bus ist da.“

„Vergiss deine Buchbesprechung nicht“, sagte er, aber die Tür fiel ins Schloss, und er war ziemlich sicher, dass Natalie ihn nicht mehr gehört hatte.

Er befahl Tanner, sich fünf Minuten lang zu benehmen, brachte Cody nach oben und zerrte das letzte saubere Hemd aus dem Schrank. Mom hätte wenigstens bis nach dem Waschtag warten können, dachte er. Jetzt würde er auch das noch erledigen müssen.

Er schnappte sich Cody und ging wieder nach unten. Sie hatten fast den Fuß der Treppe erreicht, als es an der Haustür läutete.

„Ich mache auf!“, rief Tanner und eilte nach vorn, noch immer im Schlafanzug.

„Nein, ich! Ich!“ Cody wand sich aus Waynes Armen und rutschte die letzten Stufen hinunter. Wayne war nicht sicher, wie die beiden es schafften, aber die Jungen waren vor ihm an der Tür.

Tanner öffnete sie und riss die Augen weit auf, als er eine fremde Frau vor sich sah. Wayne konnte es ihm nicht verdenken, denn die Besucherin sah sehr hübsch aus. Ihr braunes Haar war zu einem lockeren Nackenknoten gebunden, die Augen schokoladenbraun, das Gesicht zart und anmutig.

Sie trug eine rostbraune Jacke, eine hellbraune Hose und eine strahlend weiße Bluse, dazu eine bronzefarbene Halskette, passende Ohrringe, ein Armband mit einem Talisman und eine schmale goldene Uhr.

Er hatte keine Ahnung, wer sie war, und sie schien auch keine Eile zu haben, es ihm zu erklären. Vermutlich eine Touristin, die in Jackson die falsche Ausfallstraße genommen hat und nach dem Weg fragen will, dachte er.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Oh. Ja.“ Sie blinzelte. „Bin ich hier richtig auf der Cold Creek Ranch?“

Nein. Keine Touristin. Während Tanner hinter seinen Beinen hervorlugte und Cody die Arme nach ihm ausstreckte, ließ Wayne den Blick von ihrem Haar zu den teuren Schuhen wandern.

Falls sie eine Vertreterin war, die ihm Rancherbedarf verkaufen wollte, würde er ihr wahrscheinlich alles abnehmen, was sie anzubieten hatte.

„Sie haben uns gefunden“, erwiderte er.

Sie lächelte erleichtert. „Da bin ich aber froh. Die Wegbeschreibung war nicht sehr genau, und ich war schon auf zwei anderen Ranches. Könnte ich bitte Marjorie Dalton sprechen?“

Ja, das würden im Moment alle Menschen gern tun. „Leider haben Sie kein Glück. Sie ist nicht hier.“

Direkt vor seinen Augen schien sich die attraktive, selbstsichere Frau in ein bemitleidenswertes Geschöpf zu verwandeln. Sie ließ die Schultern hängen, machte den Mund auf, ohne etwas zu sagen, und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, nahm er in ihnen zum ersten Mal Erschöpfung war, und am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und getröstet.

„Können Sie mir … wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

Er hatte nicht vor, einem fremden Menschen zu erzählen, wo seine Mutter sich aufhielt. „Warum sagen Sie mir nicht, was Sie von ihr wollen, und ich richte es ihr aus?“

„Es ist kompliziert. Und privat.“

„Dann werden Sie wohl in einer Woche wiederkommen müssen.“ Frühestens. Er konnte nur hoffen, dass Marjorie bis dahin dort war, wohin sie gehörte.

„In einer Woche?“ Die Besucherin erbleichte. „Nein! Ich bin zu spät. Sie ist nicht hier, oder?“

„Das habe ich doch gerade gesagt.“

„Nein, ich meine, ist sie wirklich nicht hier? Nicht nur in der Stadt, zum Einkaufen? Die beiden sind miteinander durchgebrannt, richtig?“

Misstrauisch sah er sie an. „Wer sind Sie, und was wollen Sie von meiner Mutter?“

Die Frau seufzte müde. „Sie müssen Wayne sein. Ich habe schon viel über Sie gehört. Mein Name ist Caroline Montgomery. Marjorie und ich schreiben uns seit Monaten E-Mails. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, Mr. Dalton … aber ich glaube, Marjorie ist mit meinem Vater durchgebrannt.“

Der große, gut aussehende Mann, der mit zwei kleinen Jungen – einer auf dem Arm, der andere hielt sich an seinem Gürtel fest – vor ihr stand, wirkte gar nicht schockiert. Nein, es war kein Schock, der seinen Mund schmal und die blauen Augen kühl werden ließ.

Caroline spürte seinen Zorn so deutlich, dass sie instinktiv zurückwich, bis sie gegen einen Verandapfosten stieß.

„Ihr Vater!“, knurrte er. „Ich hätte es wissen müssen. Wie war das noch mit den Äpfeln, die nicht weit vom Stamm fallen?“

Wäre sie nicht so müde, weil sie die ganze Nacht unterwegs gewesen war, hätte sie vielleicht begriffen, wovon er redete. „Wie bitte?“

„Was ist los, Lady? Haben Sie Marjorie nicht schon genug Geld für Ihre sogenannte Lebensberatung abgeknöpft? Wollen Sie Ihr alles abnehmen, was sie hat?“

Sie kam nicht dazu, ihm zu antworten.

„Ist das Ihre Masche? Wie viele wohlhabende Witwen haben Sie schon ausgeplündert? Sie ziehen sie an Land, spionieren ihre finanzielle Situation aus, und den Rest erledigt Ihr alter Herr?“

Caroline wurde übel, und sie zitterte vor Wut darüber, dass Quinn sie einmal mehr in eine peinliche Lage gebracht hatte. Angesichts der wenig Vertrauen erweckenden Vergangenheit ihres Vaters war es kein Wunder, dass Marjories Sohn sich so aufregte.

Aber vor diesem arroganten Mann würde sie auf keinen Fall zu Kreuze kriechen. Daher straffte sie entschlossen die Schultern. „Sie täuschen sich.“

„Ach, wirklich?“

„Ja! Ich war über diese Geschichte genauso empört wie Sie. Mein Vater hat mir nichts davon erzählt – dass er und Marjorie sich kennen, weiß ich erst, seit er mich gestern Abend per E-Mail informiert hat, dass er sich mit Marjorie trifft und sie beide nach Reno fahren.“

„Warum sollte ich Ihnen das glauben?“

„Mir ist vollkommen egal, ob Sie mir glauben! Es ist die Wahrheit.“

Wie oft hatte sie sich Quinns wegen schon verteidigen müssen? Sie hatte sich geschworen, damit aufzuhören, aber jetzt fragte sie sich, ob sie es jemals schaffen würde.

Was hatte ihr Vater vor? Sie würde gern glauben, dass er wirklich so verliebt war, wie er in seiner E-Mail angedeutet hatte.

Ich wollte nicht, dass es passiert. Es hat uns beide vollkommen überrascht. Aber schon nach ein paar kurzen Monaten weiß ich, dass ich nicht mehr ohne sie leben kann. Marjorie ist meine andere Hälfte – das fehlende Teil im Puzzle meines Lebens. Sie kennt alle meine Fehler, aber sie liebt mich trotzdem. Kann ein Mann mehr Glück haben?

Caroline war romantisch genug, um zu hoffen, dass Quinn es ernst meinte. Ihre Mutter war jetzt seit zweiundzwanzig Jahren tot, und soweit sie wusste, war das Liebesleben ihres Vaters so aufregend wie ihr eigenes – in etwa so aufregend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.

Doch wie konnte sie ihm glauben, nachdem er so oft geschwindelt und betrogen hatte? Noch dazu, wenn das fehlende Teil seines Puzzles ausgerechnet eine ihrer Klientinnen war? Unmöglich. Sie konnte es einfach nicht.

Was, wenn Quinn gerade etwas Neues im Schilde führte? Etwas, was Marjorie Dalton schadete – und damit auch Marjories Ruf? Sie wäre ruiniert. Alles, wofür sie in den letzten fünf Jahren so hart gearbeitet hatte, ihr sicheres, bequemes, respektables Leben wäre schlagartig dahin.

Caroline wusste, was auf dem Spiel stand: ihr Ansehen, das auf dem umkämpften Markt der Lebensberatung der entscheidende Vorteil war. Kaum hatte sie seine E-Mail gelesen, hatte sie ein mulmiges Gefühl bekommen. Sie hatte gewusst, dass sie ihren Vater aufspüren musste, um ihn nach seinen Absichten zu fragen – oder ihn davon abzubringen, eine Frau zu heiraten, die er nur aus dem Internet kannte.

In fünf Monaten sollte ihr erstes Selbsthilfebuch erscheinen, und wenn der Verleger von dieser Sache erfuhr, würde er nicht begeistert sein.

Deshalb war sie die ganze Nacht unterwegs gewesen, um jetzt, um neun Uhr morgens, vor einem attraktiven Rancher und seinen beiden süßen kleinen Jungen zu stehen.

Aber sich Marjories Sohn zum Feind zu machen wäre sicher wenig hilfreich. Daher holte sie tief Luft, setzte ein freundliches Lächeln auf und gab ihrer Stimme den sanften, beruhigenden Klang, den sie bei ihren Klienten so erfolgreich einsetzte. „Es tut mir leid. Eine lange Nacht liegt hinter mir. Ich musste auf dem Flug von Santa Cruz zwei Mal umsteigen und dann noch von Idaho Falls eine Stunde lang mit dem Auto fahren, daher bin ich nicht gerade in Bestform. Vielleicht lassen Sie mich herein, damit wir in Ruhe darüber sprechen können, wie wir mit unseren durchgebrannten Eltern umgehen.“

Bevor er antworten konnte, klingelte das Handy an seinem Gürtel.

Mit grimmiger Miene winkte er sie ins Haus.

„Ja?“, brummte er, während der Junge an seinem Arm zu zappeln begann. Wayne Dalton stellte seinen Sohn hin, ohne das zunehmend hitzigere Gespräch zu unterbrechen, bei dem es offenbar um ein Problem mit irgendeiner Landmaschine ging.

Caroline schnappte ein paar bekannte Ausdrücke wie Lichtmaschine und Zündspule auf, aber der Rest klang für sie wie eine Fremdsprache.

„Dann haben wir keine andere Wahl. Die Ballenpresse muss heute noch repariert werden. Das Heu muss so schnell wie möglich in die Scheune“, sagte er scharf.

Während sie einer technischen Diskussion lauschte, von der sie kein Wort verstand, sah Caroline sich in Wayne Daltons Haus um.

Obwohl es hohe Decken und einen einzigartigen Blick auf die Teton-Berge hatte, war es alles andere als protzig eingerichtet. Die Möbel sahen bequem, aber alt aus. In einer Ecke lagen Spielsachen, und auf dem Couchtisch stapelten sich Zeitschriften.

Das Zimmer, in dem sie sich befanden, diente offensichtlich als Treffpunkt der Daltons. Im Fernsehen lief ein Zeichentrickfilm, und dorthin war auch der kleine Junge geeilt, nachdem Wayne ihn abgestellt hatte. Er griff gerade nach einem Spielzeugtraktor und begann den Teppich zu pflügen, behielt jedoch mit einem Auge den großen Bildschirm im Blick.

Der ältere Junge war verschwunden. Wo mochte er wohl sein?

Wayne legte auf. „Entschuldigung. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Wir wollten gerade besprechen, wie wir mit unseren Eltern umgehen sollen, glaube ich.“

„Wie ich es sehe, haben wir nicht allzu viele Möglichkeiten. Es ist zu spät, um ihnen zu folgen. Vermutlich sind sie gegen Mitternacht aufgebrochen, also haben sie neun Stunden Vorsprung. Sie werden verheiratet sein, noch bevor wir die Staatsgrenze von Nevada erreicht haben. Abgesehen davon, dass ich im Moment nicht von der Ranch wegkann, würde ich gar nicht wissen, wo ich sie in Reno suchen sollte. Meine Mutter geht nämlich nicht an ihr Handy.“

„Quinn auch nicht“, antwortete Caroline betrübt.

„Ich kann nicht fassen, dass sie einfach gegangen und die Kinder im Stich gelassen hat. Das ist Ihr Werk.“

„Mein Werk?“

„Sie haben ihr eingeimpft, dass sie ihre Träume verwirklichen soll. Und wer weiß, was für einen Unsinn Sie noch verzapft haben.“

„Sie finden nicht, dass es wichtig ist, seine Träume zu verwirklichen?“, entgegnete sie.

„Doch, aber nicht, wenn es bedeutet, seine Pflichten zu vernachlässigen.“

„Seit wann ist Marjorie für Ihre Kinder verantwortlich?“, entfuhr es ihr.

Wieder wurde sein Blick so zornig, dass sie unwillkürlich einen Schritt nach hinten machte. Dieses Mal musste sie zugeben, dass sie es verdient hatte.

„Tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen dürfen. Marjorie kümmert sich jetzt seit zwei Jahren um Natalie und Cody und empfindet es keineswegs als Last“, fügte sie hinzu.

„Richtig. Deshalb bezahlt sie auch einer wildfremden Frau ein kleines Vermögen, damit diese ihr erklärt, was in ihrem Leben alles nicht stimmt und wie sie es in Ordnung bringen kann.“

„Das tue ich nicht“, beteuerte Caroline. „Ich versuche lediglich, meinen Klienten zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen, indem ich sie auf ihr selbstzerstörerisches Verhalten hinweise und ihnen konkrete Schritte vorschlage, wie sie es ändern können. Sie und Ihre Kinder haben Marjorie nie unglücklich gemacht.“

Bevor sie aber fortfahren konnte, läutete sein Handy schon wieder. Nach dem vierten Mal fluchte er leise und meldete sich.

Das Telefonat glich dem ersten, aber Wayne Dalton wirkte immer frustrierter.

„Ruf einfach den Service in Rexburg an und frag, ob sie Ersatz haben, dann kannst du Drifty hinschicken, um ihn zu holen“, sagte er schließlich verärgert. „Ich komme, sobald ich kann. Wenn wir die ganze Mannschaft einsetzen, schaffen wir es vielleicht trotzdem noch, das Heu hereinzuholen, bevor es regnet.“

Er legte auf und drehte sich wieder zu ihr. „Ich habe heute keine Zeit für Sie, Miss Montgomery. Tut mir leid, dass Sie den weiten Weg umsonst gemacht haben, aber es ist wohl zu spät, wegen der beiden Turteltauben etwas zu unternehmen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie und Ihr Vater eine Menge Ärger bekommen werden, falls Sie es auf das Geld abgesehen haben, das diese Ranch abwirft.“

„Ich nehme Ihre Warnung zur Kenntnis“, erwiderte Caroline und fragte sich, wieso eine so fröhliche und lebenslustige Frau wie Marjorie einen so arroganten Sohn hatte.

Vielleicht sollte ich nicht so streng sein, dachte sie auf dem Weg zur Tür. Als Witwer mit drei Kindern und einer großen Ranch hatte er vermutlich alle Hände voll zu tun.

Sie wollte gerade hinausgehen, da drang von hinten ein stechender Geruch ins Wohnzimmer.

„Riechen Sie etwas?“, fragte sie.

„Wir sind auf einer Ranch. Da gibt es alle möglichen Gerüche.“

„Nein, der hier ist anders. Es riecht verbrannt.“

Er schnupperte kurz, und seine Augen wurden schmal. Er sah sich um, bis sein Blick auf seinen jüngsten Sohn fiel, der allein vor dem Fernseher spielte.

„Tanner!“, rief er. „Was tust du?“

„Nichts!“, antwortete eine ängstliche Stimme. „Ich tue gar nichts. Komm nicht in die Küche, Daddy. Bitte!“

Wayne schloss kurz die Augen, bevor er losrannte.

Es ging Caroline zwar nichts an, aber ihr blieb keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

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