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Helden heulen nicht

Über den Autor

Simon Haynes wurde in England geboren und wuchs in Spanien auf, wo er eine bemerkenswerte, von Campingausflügen, Motorrädern, Luftgewehren und Papierflugzeugen geprägte Kindheit verlebte. Im Alter von 16 Jahren siedelte er mit seiner Familie nach Australien um.

Simon schreibt abwechselnd Romane und Computer-Software, immer wieder unterbrochen von Motorradtouren, um sich gründlich das Gehirn durchpusten zu lassen. Er hat sich fest vorgenommen, mindestens 15 Bücher mit der Hauptfigur Hal zu verfassen (egal ob Spacejock oder Junior), bevor ihm irgend­jemand die Tastatur wegnehmen kann.

Besuchen Sie Simons Website unter www.spacejock.com.au

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

Der interstellare Frachter Volante pflügte durch das All. Auf seinem stromlinienförmigen Rumpf spiegelten sich glitzernd die Lichtpunkte der fernen Sterne. Hal Spacejock, hatte seine Lieblingsposition auf der Kommandobrücke eingenommen – die Hände im Nacken verschränkt, die Stiefel auf die Steuerkonsole gelegt, ein Becher Kaffee in Reichweite. Er betrachtete den Hauptsichtschirm, auf dem sich ein Planet gleich einer aquamarinfarbenen Perle auf schwarzem Samt langsam vor dem Hintergrund der funkelnden Sterne drehte. Ein willkommener Anblick nach einem anstrengenden Flug durch die gewaltige Leere des Weltraums. Hal freute sich bereits auf einige Tage der Ruhe und Entspannung. Ganz besonders auf die Entspannung.

Plötzlich schoss ein Komet wie aus dem Nichts über den Bildschirm und verfehlte den Planeten so knapp, dass er seine Atmosphäre streifte.

»Ich wette, das hat die da unten mächtig aufgeschreckt«, sagte Hal, während der schimmernde Schweif des Kometen ­verblasste. Er starrte noch etwas länger auf den Bildschirm und hob dann den Blick zu einer Kamera in der Decke der Brücke, die Stirn gerunzelt. »Navcom, bewegen wir uns überhaupt noch?«

»Wir fliegen mit optimaler Reisegeschwindigkeit«, antwortete eine neutral klingende Frauenstimme.

»Warum wird dieser Planet dann nicht langsam größer?«

»Planet?«

»Du weißt schon, eins dieser großen runden Dinger, auf denen wir gelegentlich landen.«

»Ich weiß, was ein Planet ist«, erwiderte der Computer geduldig. »Aber ich habe keine Ahnung, von welchem Planeten Sie gerade sprechen.«

Hal deutete auf den Bildschirm. »Von diesem da!«

»Ich glaube, jetzt verstehe ich den Grund Ihrer Verwirrung. Sehen Sie, das ist gar kein Planet.«

»Was denn dann? Ein Wetterballon?«

»Negativ. Es handelt sich lediglich um eine Animation, die ich verwende, wenn sich der Sichtschirm im Standby-Modus befindet.«

Hal ließ den Blick über die Steuerkonsole gleiten. »Soll das heißen, dass ich die letzten vier Stunden damit zugebracht habe, die Volante durch einen Bildschirmschoner zu fliegen?«

»Sie haben überhaupt nichts geflogen. Das Schiff ist auf Autopilot geschaltet.«

»Na schön, dann schaff mir dies Animationsdings da vom Hals und zeig mir Ullimo.«

»Aber …«

»Keine Widerrede!«

Der Bildschirm flackerte kurz auf und zeigte dann einen Lichtpunkt vor schwarzem Hintergrund.

»Ist er das?«

»Mehr oder weniger.«

Hal hob irritiert die Brauen und blickte in die Kamera. »Ja oder nein?«

»Nein«, gestand der Computer. »Es sind noch weitere Sprünge erforderlich, bevor ich eine Echtzeitdarstellung von Ullimo liefern kann. Diese Simulation ist das Beste, was mir zurzeit möglich ist.«

»Das ist aber keine sonderlich bemerkenswerte Simulation.«

»Ullimo ist auch kein sonderlich bemerkenswerter Planet.«

»Und was hat es mit diesen zusätzlichen Sprüngen auf sich? Warum bist du nicht gleich näher ans Ziel herangesprungen?«

»Das Ullimo-System ist mit Staub und Trümmern angefüllt. Die Navigation gestaltet sich unter diesen Bedingungen schwierig, und …«

»Irgendwann in nächster Zeit werde ich selbst die Steuerung übernehmen. Dann fliegen wir richtig in der Gegend herum.«

»Ich kann die Kontrolle über das Schiff nicht abgeben, bevor Sie die Bedienungsanleitung vollständig gelesen haben. Möchten Sie sie jetzt lesen?«

»In Ordnung, auf den Schirm damit.« Hal verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist nichts weiter als eine kleine Gedächtnisauffrischung für mich. Ich kenne den ganzen Kram bereits.«

Auf dem Hauptbildschirm erschien ein Textblock in Zehn-Punkt-Schrift. »Eignerhandbuch, Kapitel Eins«, erklärte der Nav­com. »Ich habe den zweiten Absatz markiert. Das ist die Stelle, bis zu der Sie beim letzten Mal gekommen sind.«

Hal starrte eine Weile auf die Buchstabenwüste. »Ich habe jetzt keine Zeit für so was«, knurrte er schließlich. »Es gibt einige andere Dinge, die ich vorher erledigen muss.«

»Da wäre tatsächlich etwas, wobei Sie behilflich sein könnten«, sagte der Navcom. »Ich habe den Einfuhrzoll für unsere Fracht berechnet und brauche Ihre Genehmigung, um die Zahlung anzuweisen.«

»Ach, ja? Wie viel?«

»2000 Kredite.«

Hal fuhr kerzengerade im Pilotensessel hoch. Kaffee platschte über die Steuerkonsole. »Das ist mehr als die Hälfte unseres Honorars!«

»Sie haben dem Kunden LFH-Zustellung zugesagt.«

»Was soll das heißen?«

»Lieferung frei Haus: Wir übernehmen sämtliche anfallenden Gebühren.«

Hal fluchte. »Ich hatte doch gleich den Eindruck, dass der Kunde mich allzu zufrieden angeschaut hat.«

»Genehmigen Sie die Zahlung?«

»Bist du dir sicher, dass du keinen Fehler gemacht hast?«

»Ich mache keine Fehler«, versicherte der Computer kühl. »Selbst ein Mensch kann ausrechnen, was zehn Prozent von 20.000 ergibt.«

»Zehn Prozent! Das ist Diebstahl!«

»Der Zoll erscheint tatsächlich ein wenig hoch. Übrigens tropft gerade eine Flüssigkeit in meine Schaltkreise.«

Hal wischte den verschütteten Kaffee mit einem Ärmel seiner Fliegermontur von der Steuerkonsole. »Wie hoch ist der Zoll auf Roboterteile?«

»Zwei Prozent. Und es würde nicht funktionieren.«

»Was würde nicht funktionieren?«

»Sie können unsere Fracht nicht einfach als etwas ganz anderes deklarieren.«

»Wie wäre es mit etwas Ähnlichem?«

»Zum Beispiel?«

»Bettlaken.«

»Zwölf Prozent Einfuhrzoll.«

»Vorhänge?«

»15 Prozent.«

Hal musterte seinen kaffeegetränkten Ärmel. »Wie steht es mit Putzlumpen?«

Der Navcom zögerte. »Es gibt keinen Einfuhrzoll auf Putzlumpen.«

»Da hast du deine Antwort!« Hal strahlte. »Ändere die Angaben in den Frachtpapieren in Putzlumpen um und schick sie so los.«

»Aber unsere Fracht besteht aus brandneuen Stoffbahnen auf Rollen.«

»Dann ändere die Angaben in brandneue Putzlumpen auf Rollen um.«

»Aber …«

»Navcom, woraus bestehen Putzlumpen?«

»Aus Stoff«, erwiderte der Computer widerwillig. »Aber …«

»Kein Aber. Ändere die Frachtpapiere.«

»Umdeklarierung ist erfolgt. Nächster Posten: zwölf Kisten Früchte.«

»Einfuhrzoll?«

»Negativ. Unbearbeitete Lebensmittel unterliegen keinerlei Einfuhrzoll.«

»Gut. Sonst noch was?«

»Wir müssen Klunk verzollen.«

»Klunk ist Teil der Mannschaft!«

»Die Behörden werden Ihnen den Einfuhrzoll rückerstatten, sobald Sie den Planeten wieder verlassen. Bis dahin müssen Sie zwei Prozent seines Wertes an Einfuhrzoll zahlen.«

»Zwei Prozent von nichts ist nichts. Selbst ein Computer sollte das ausrechnen können.«

»Wollen Sie etwa behaupten, dass Klunk keinerlei Wert besitzt?«

»In finanzieller Hinsicht ist er völlig wertlos.« Hal warf einen verstohlenen Blick über die Schulter. Zum Glück befand sich außer ihm niemand auf der Brücke. »Verrate ihm nicht, dass ich das gesagt habe. Er könnte die Sache … ääh … missverstehen.«

»Ich wage die Vermutung, dass er die Aussage, ein wertloser Roboter zu sein, nicht missverstehen würde.«

»So habe ich das nicht gesagt!«

»Sie haben gesagt, er hätte keinen Wert.«

»Also gut, setz ihn mit 500 Krediten an. Sonst noch was?«

»Wir müssen alles verzollen, was einen Wert besitzt.«

Hal grinste. »So was wie mich, meinst du?«

»Nein, alles, was mit einem messbaren Wert zu beziffern ist.«

Hals Grinsen entgleiste. »Ich besitze doch bestimmt einen gewissen Wert.«

»Nicht, solange Sie nicht lernen, wie man ein Raumschiff steuert.«

»Schon gut, ich verstehe einen Wink mit dem Zaunpfahl.« Hal widmete sich ergeben dem Flughandbuch. Er schaffte es, zwei Sätze lang durchzuhalten, als die Fahrstuhltüren zischend auseinanderglitten.

»Mr Spacejock!«, rief Klunk drängend.

»Nicht jetzt, Klunk.«

Die Fußschritte kamen näher. »Mr  …«

»Moment noch!« Hals Lippen bewegten sich, während er sich durch den komplexen Text kämpfte. »Was ist eine Kupplung?«

»Mr Spacejock, ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen!«

Hal drehte sich seufzend mit seinem Sessel herum. Vor ihm stand ein zerbeulter bronzefarbener Roboter, das schwammige Gesicht sorgenvoll verzogen. »In Ordnung, was liegt an?«

Der Roboter öffnete den Mund, und einen Sekundenbruchteil später purzelten die Wörter hervor. »Ich würde gern ein Betriebsproblem mit Ihnen erörtern. Wie ich im Verlauf meiner Kontrollen festgestellt habe, läuft der Hauptgenerator heiß.«

»Können wir das selbst beheben?«

»Nein. Wir müssen eine Inspektion durchführen lassen, sobald wir auf Ullimo gelandet sind.«

»Was wird uns das kosten?«

»Gar nichts. Die Inspektion fällt unter die Garantieleistungen.«

»Gut.«

»Es sei denn, die Inspektoren bemerken, dass der Generator nicht vorschriftsmäßig gewartet worden ist.«

»Häh?«

»Ich habe das Wartungsprotokoll wie von Ihnen gewünscht gefälscht, aber bei einer gründlichen Überprüfung könnten gewisse Unstimmigkeiten auffallen.«

»Aber …«

»Wissen Sie, wenn Sie nicht unser ganzes Geld für Inserate aufgegeben hätten, müssten wir uns jetzt nicht mit solchen Problemen herumschlagen.«

»Jetzt mal halblang. Ohne irgendwelche Anzeigen zu schalten, hätten wir jetzt gar keine Aufträge.«

»Stimmt. Allerdings war die Wahl der Medien, in denen Sie inseriert haben, ein wenig fragwürdig.«

»Was soll das jetzt wieder heißen? Ich habe dafür gesorgt, dass in 20 000 eBooks ein Werbebanner erschienen ist.«

»Es hat sich dabei um Bilderbücher gehandelt. Und es ist nun mal eine Tatsache, dass dreijährige Kinder keine umfangreichen Güter verschiffen lassen. Wenigstens haben Sie darauf verzichtet, weitere Kühlschrankmagneten zu bestellen.«

»Jetzt, wo du es erwähnst, wir haben vier Kartons davon im Frachtraum.«

»Wirklich? Warum bieten Sie sie dann nicht zum Verkauf an?«

»Sie funktionieren nicht vernünftig«, murmelte Hal. »Ich habe einen davon auf den Menüautomaten gesetzt, und er ist gleich wieder davongeschwirrt. Hat mich fast ein Auge gekostet.«

»Wie seltsam.« Klunk runzelte die Stirn. »Wo haben Sie die Kartons verstaut?«

»In diesem Schrank im Maschinenraum.«

»Es gibt keine Schränke im Maschinenraum.«

»Natürlich gibt es welche. Große graue Kästen mit silbernen Griffen.«

»Mr Spacejock, wollen Sie mir etwa gerade zu verstehen geben, dass Sie vier Kartons mit Magneten im Inneren des Gravitationsgenerators verstaut haben?«

»Wenn es sich dabei um die großen grauen Schränke handelt, dann ja. Sie haben jede Menge Stauraum geboten, nachdem ich erst einmal ein paar Kabelstränge und anderes Zeugs beiseitegeräumt hatte.«

Klunk starrte Hal sprachlos an.

»Okay, die Kühlschrankmagneten waren also keine besonders attraktive Investition. Aber was ist mit meiner Fastfood-Kampagne? Ich habe unsere Gutscheine für die Dauer eines kompletten Monats auf jeder Softdrinkdose platzieren lassen.«

»Bei einer Firma, die ausschließlich Gefängnisse beliefert.«

»Auch schlechte Werbung ist Werbung.«

»Und Sie tun Ihr Bestes, um das zu beweisen.« Klunk seufzte. »Mr Spacejock, es wäre ein Wunder, wenn irgendeine Ihrer kaum durchdachten Werbekampagnen auch nur das Geld wieder einspielen würde, das Sie darin investiert haben. Bis dahin können wir es uns nicht leisten, das Schiff warten zu lassen.«

»Wir sind aber auf Werbung angewiesen, um höherwertige Klienten zu bekommen. Ich habe die Nase voll von windigen Geschäftsleuten. Wir brauchen solide Kunden, die unser Renommee erhöhen.«

»So wie Vorschulkinder und Strafgefangene? Wie auch immer, Spediteure werden nicht nach ihren Klienten beurteilt.«

»Ach, wirklich? Und warum weisen die Raumflughäfen uns dann immer Landeplätze am äußersten Rand der Flugfelder zu?«

»Weil sie Angst haben, dass Sie ihre Gebäude beschädigen könnten. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss mich um die Generatoren kümmern und den Überbrückungsflansch auf dem Hyperraumaggregat wiedereinsetzen.«

Nachdem Klunk verschwunden war, wandte sich Hal erneut dem Bildschirm zu und starrte verwirrt die Buchstabenwüste an. »Ach, ja, Kupplungen.« Kurz darauf schüttelte er den Kopf. »Ich brauche Koffein.« Er ging ans andere Ende der Brücke und holte sich einen Becher Kaffee aus dem Getränkeautomaten. Während er trank, ließ er den Blick über die Brücke wandern. Der Text auf dem Bildschirm war zu klein, um ihn aus dieser Entfernung lesen zu können, aber die Absätze bildeten ein interessantes Schachbrettmuster.

»Hey, wann haben wir eigentlich das letzte Mal Schach gespielt?«, fragte er. »Kannst du dich noch daran erinnern?«

»Nur zu gut«, erwiderte der Computer.

»Lass uns jetzt eine Partie spielen.« Hal kehrte mit seinem Kaffee zur Instrumentenkonsole zurück. »Stell die Figuren auf. Ich nehme schwarz.«

»Laut meinen Aufzeichnungen, müssten Sie wieder weiß nehmen.«

»Yeah, aber du weißt ja, was jedes Mal passiert, wenn ich den ersten Zug mache. Diese Erweiterung, die Klunk installiert hat, macht jede Partie zu einem Witz.«

»Trotzdem wäre es nur fair, die Seiten zu wechseln.«

»Das ist es nicht. Es ist reine Zeitverschwendung.«

Der Navcom schwieg.

»Oh, hör schon auf zu schmollen«, knurrte Hal. »Wenn du unbedingt willst, kannst du schwarz haben.«

Mitten in der Luft erschien ein Schachbrett und drehte sich so, dass die weißen Figuren auf Hals Seite standen. Er deutete auf einen der Bauern und berührte das Quadrat zwei Felder vor der Figur. Der Bauer huschte über das Feld.

»Ich gebe auf«, informierte ihn der Navcom.

Hal stöhnte. »Komm schon, lass uns spielen.«

»Es ist zwecklos. Sie werden mich in 15 Zügen besiegen.«

»Werde ich nicht!«

»Das werden Sie. Ich habe bereits die einzelnen Züge berechnet, die zu Ihrem Sieg führen werden.«

»Wie erstaunlich, denn ich habe nichts dergleichen getan.« Hal zog den Bauern zurück und bewegte einen anderen. »Was, wenn ich so anfange?«

»16 Züge«, sagte der Navcom. »Sie haben mich in eine aussichtslose Situation manövriert.«

Hal ersetzte den Bauern durch ein Pferd.

»Ein sehr listiger Beginn«, stellte der Navcom fest. »Schachmatt in 14 Zügen.«

»Wo bleibt dein Ehrgeiz?«, wollte Hal wissen.

»Aussichtslose Kämpfe zu führen, ist reine Energieverschwendung.«

»Ich gebe nicht gleich auf, wenn ich in die Defensive gerate, oder? Ich zieh nicht den Schwanz ein, sobald es haarig wird.«

»Nein, Sie kämpfen immer bis zum bitteren Ende«, räumte der Navcom ein.

»Danke«, sagte Hal.

»Das war kein Kompliment«, erwiderte der Computer. »Ich habe nur eine Tatsache festgestellt.«

Hal seufzte. »Hast du irgendwas anderes zu bieten, das wir ausprobieren könnten? Irgendwas, bei dem du nicht schon nach zwei Sekunden aufgibst?«

»Mein Spielerepertoire ist etwas begrenzt. Ich hätte allerdings eins, bei dem es um Minen geht.«

»Wirklich? Wie funktioniert das?«

»Man wählt so lange Sektoren aus, bis man einen falschen erwischt und das Spiel damit endet.«

»Und das soll Unterhaltung sein, ja?« Hal seufzte erneut. »Hol das Flughandbuch wieder auf den Schirm. Selbst das ist besser als dieser Müll.«

Klunk humpelte in Gedanken versunken durch den Gang des Unterdecks in Richtung des Maschinenraums. Er machte sich keine allzu großen Sorgen wegen des Generators, da moderne Raumschiffe dazu neigten, schon aufgrund geringster Temperaturabweichungen Warnmeldungen auszugeben. Was ihm hingegen wirklich Sorgen bereitete, war, dass sie all die regelmäßigen Wartungssequenzen ausließen. Sollte es zu irgendwelchen ernsthaften Problemen mit der Volante kommen, würden die Hersteller die gefälschten Inspektionsberichte garantiert entdecken und sich weigern, die Schäden gemäß den Garantiebedingungen zu beseitigen. Dann würde der über nicht die geringsten Geldreserven verfügende Mr Spacejock gezwungen sein, sein Schiff zu verkaufen. Und ihm selbst, Klunk, drohte mangels irgendwelcher Alternativen der Schrottplatz.

Also beschloss er, den Generator genau im Auge zu behalten, bis sie gelandet waren, wie unbedeutend die Temperaturschwankungen auch sein mochten.

Er stieg einen schmalen Treppenschacht innerhalb des Fracht­­hangars hinauf und öffnete das schwere Schott in den Maschinenraum. Der größte Teil der Antriebsaggregate lag hinter Abschirmungen verborgen, in deren Mitte ein schmaler Gang zur Generatorkammer am Ende des Raumes führte. Klunk quetschte sich zwischen dröhnenden Maschinen hindurch und öffnete eine kleine Luke, hinter der eine enge Nische lag. Dort ragten zwei massige Zylinder auf, die im Duett heulten, während sie Treibstoff und Kühlflüssigkeit durch dünne metallische Leitungen saugten und im Gegenzug die elektrischen Systeme des Schiffs mittels dicker Kabelstränge mit Strom versorgten. Über den Leitungen und Kabelbäumen hing ein Kontrollmonitor, auf dem ein halbes Dutzend Messanzeigen und ein Fließtext zu sehen waren.

Klunk trat vorsichtig über einen Flecken mit Schmierfett hinweg und begann mit der Inspektion des ersten Zylinders. Moderne Roboter verfügten über eine beachtliche Menge interner Prüfinstrumente, die sie in die Lage versetzten, Betriebsdaten herunterzuladen, Fehlermeldungen aufzuschlüsseln und gleichzeitig die Brückencrew mit geistreicher Konversation zu unterhalten. Unglücklicherweise war Klunk kein moderner Roboter, weshalb er den Kopf seitlich gegen den Generator presste und prüfend mit den Fingerknöcheln auf die metallene Rundung pochte. Zufrieden mit dem Ergebnis, wiederholte er die Prozedur an dem zweiten Zylinder. Danach begutachtete er die Anzeigen. Alle Werte befanden sich im grünen Bereich, auch wenn eine der Anzeigen leicht flackerte.

Als Klunk einen Arm ausstreckte, um auf den Monitor zu klopfen, rutschte er auf dem Fleck Schmierfett aus und fiel mit dem Kopf voraus in die Kühlflüssigkeitsleitungen, die unter seinem Gewicht knarrten und quietschten. Er blieb eine oder zwei Sekunden lang reglos liegen, während seine internen Diagnoseprogramme überprüften, ob er sich einen Schaden zugezogen hatte, bevor er sich aus dem Leitungsgewirr befreite und aufstand.

Sofort fielen ihm zwei beunruhigende Entwicklungen auf: Die Temperatur in der Nische hatte sich deutlich erhöht, und der Zylinder neben ihm gab ein seltsames grollendes Geräusch von sich.

Klunk starrte auf die Anzeigebatterie. Obwohl er keinen Schluckreflex besaß, tat er sein Bestes, ihn zu simulieren. Die Hälfte der Instrumentennadeln standen im roten Bereich, und der Rest tanzte hin und her wie der Messfühler eines EKG-Geräts. Er beugte sich gerade nach unten, um die Leitungen näher in Augenschein zu nehmen, als Hals Stimme aus der Bordsprechanlage ertönte.

»Klunk, überall auf der Instrumentenkonsole leuchten rote Lichter auf. Temperatur-, Schmierfilm-, Druckanzeigen und was es da sonst noch gibt, es blinkt einfach alles. Und was ist das für ein komisches grollendes Geräusch?«

»Ich führe gerade eine kleinere Reparatur durch!«, rief Klunk mit lauter Stimme, um das Dröhnen des Generators zu übertönen. Er streckte eine Hand nach der Schalttafel aus und riss ein Bündel Kabelanschlüsse aus ihren Steckdosen, worauf die Anzeigen erloschen.

»Ah, das hat das Problem erledigt«, meldete Hal. »Ich hatte für einen Moment gedacht, du hättest da unten irgendwas kaputt gemacht.«

»Over and out«, bestätigte Klunk und trennte eilig die Verbindung. Er ließ die Kabelanschlüsse sinken, inspizierte die Schäden an den Kühlflüssigkeitsleitungen und zuckte angesichts der Knickspuren und plattgedrückten Stellen unwillkürlich zusammen. Indem er seine Finger wie die Backen einer Spitzzange benutzte, gelang es ihm, die gequetschten Rohrleitungen wieder in ihre alte Form und den ursprünglichen Durchmesser zu bringen. Das Grollen verstummte in dem Maß, in dem die Kühlflüssigkeit zunehmend frei fließen konnte, und kurz darauf verrieten ihm seine internen Sensoren, dass auch die Temperatur wieder sank.

Mit einem erleichterten Seufzen ergriff Klunk einen Putzlumpen und entfernte den gefährlichen Schmierfettfleck auf dem Boden. Anschließend hängte er den Lappen über die lädierten Rohrleitungen und sog prüfend die Luft ein. Gott sei Dank war alles wieder normal.

Er wollte gerade gehen, als ihn ein entsetzlicher Gedanke durchzuckte. Was, wenn ein Wartungsteam bei der Überprüfung der Generatoren die verbeulten Rohrleitungen des Kühlflüssigkeitssystems bemerkte? Sollte man ihn darauf ansprechen, würde er die Wahrheit sagen müssen, nämlich dass er es selbst gewesen war, der die Leitungen beschädigt hatte. Dann würden ihn die Techniker auch für alle anderen Probleme an Bord der Volante verantwortlich machen, einschließlich der ursprünglichen Temperaturschwankungen des Generators, und in der Folge würde Mr Spacejock sein Schiff verlieren!

Wenn er doch nur wie ein Mensch lügen könnte! Unglück­licherweise aber war seine Programmierung nicht dafür ausgelegt. Er war vielmehr gezwungen, alles genau so zu berichten, wie es in seinen Datenspeichern verzeichnet war. Sollte er sich weigern zu reden, würde man ihn mit einem Computer verbinden und die Informationen mit Gewalt aus ihm herausholen.

Klunks Gedanken liefen auf Hochtouren, als er den Generatorraum verließ. Was, wenn er überhaupt keine Erinnerungen mehr an den entsprechenden Vorfall hätte? Alle Roboter verloren von Zeit zu Zeit Daten – besonders dann, wenn sie einen Absturz ihres Betriebssystems erlitten hatten. Klunk hangelte sich durch seinen Kurzzeitgedächtnisspeicher zurück, während er den Generatorraum verließ, bis er zu dem Zeitpunkt kam, an dem er auf dem Fettfleck ausgeglitten war. Von dort aus folgte er dem Speicherprotokoll bis zu jenem Moment, an dem er das Schmierfett entfernt hatte. Dann markierte er die gesamte Sequenz, löschte sie, fügte eine Fehlermeldung für den fraglichen Zeitabschnitt in sein Datenprotokoll ein und führte einen Neustart seines Betriebssystems durch.

Dunkelheit umfing ihn einen Moment lang, und als er wieder zu sich kam, stand er vor dem Aufzug im Unterdeck der Volante. Er schüttelte den Kopf, verärgert über die Zeitverschwendung. Die Meldung über eine angebliche Fehlfunktion des Generators hatte sich als falscher Alarm erwiesen!

Kapitel 2

Hal saß mit einer Tasse frischen Kaffees vor dem Steuerpult der Volante und kämpfte sich widerwillig durch das Flughandbuch. Neben ihm stand eine Dose mit Keksen, und nachdem er sich durch einen besonders langweiligen Abschnitt zum Thema »Raumschifftreibstoff« gequält hatte, griff er nach einem Keks und biss ein großes Stück davon ab. »Wer hat diesen Mist eigentlich verzapft?«, beschwerte er sich. »Das liest sich ja grauenhaft!«

»Die Autoren müssen nicht unterhaltsam schreiben«, sagte der Navcom. »Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, Informationen zu vermitteln.«

»Ich wette, der Kram ist von einem Roboter geschrieben worden«, knurrte Hal undeutlich aus seinem mit Keksbrei gefüllten Mund.

»Das ist eine böswillige Unterstellung.«

»Dann nenn mir ein bedeutendes literarisches Werk, das ein Computer vollbracht hat.«

»Nennen Sie mir ein Raumschiff, das von einem Menschen konzipiert worden ist.«

»Das erklärt eine Menge«, sagte Hal. Er biss erneut von seinem Keks ab. »Dieses Zeug schmeckt fade.«

»Es war billig.«

»Würde ich was Billiges wollen, könnte ich genauso gut Klopapier in Kaffee tunken und essen.« Hal beäugte das Gebäck misstrauisch. »Sofern ich das nicht sowieso schon mache.«

»Nein, das ist eindeutig kein Klopapier.«

»Wie kannst du dir da sicher sein?«

»Das organische Material dieses Kekses ist ausschließlich insektoider Herkunft.«

»Uhh!« Hal starrte in die Dose. »Ich dachte, diese Dinger seien Rosinen!«

Es klingelte.

»Wir werden gerufen«, sagte der Navcom.

»Von wem?«

»Von der Central Bank. Man bietet Ihnen einen Auftrag an.«

»Die Central, ja? Also, das ist genau die Art von Kunden, die wir brauchen.« Hal wischte die Kekskrumen von seiner Fliegermontur und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Okay, auf den Schirm mit den Typen.«

Es krachte in den Lautsprechern, und auf dem Bildschirm erschien ein Mann mit beginnender Glatze in einem dunklen Anzug. In gedämpftem Licht schien sein bleiches Gesicht körperlos in der Luft zu schweben. »Sind Sie Hal Spacejock?«, fragte er.

»Aber klar doch«, erwiderte Hal. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Meine Name ist Cecil Fish. Ich bin der für den Dienstleistungsbereich der Central Bank zuständige Prokurist.«

»Tatsächlich?« Hal wirkte beeindruckt. »Und was tut ein solcher … Prokurist?«

Fish überging die Frage. »Soweit ich weiß, sind Sie gerade unterwegs nach Ullimo. Richtig?«

»Wir sind etwas vom Kurs abgekommen, aber mein Computer wird uns ans Ziel bringen.« Hal wischte sich über die Stirn. Normalerweise betrug die Raumtemperatur auf der Brücke konstant 20 Grad, aber aus irgendeinem Grund schien es heute deutlich wärmer zu sein.

»Es freut mich, das zu hören«, sagte Fish, ohne auf Hals Unbehagen einzugehen. »Ich habe hier ein paar wichtige Akten, die zu unserer Filiale auf Ackexa gebracht werden müssen. Für diesen Auftrag würde ich gerne Ihre Dienste in Anspruch nehmen.«

»Akten? Können Sie die denn nicht senden?«

»Wir von der Central Bank vertrauen derart wertvolle Dokumente nicht dem elektronischen Datenverkehr an«, erklärte Fish geziert. »Jede einzelne Seite dieser Dokumente wurde handschriftlich unterschrieben und beglaubigt.«

»Sie zahlen den Preis.« Hal zuckte die Achseln. »Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich die Zettel mit der Post verschicken.«

»Und genau aus diesem Grund betreiben Sie auch keine Bank«, sagte Fish. »Also, die Lieferung umfasst 36 Paletten an Dokumenten. Das geschätzte Gewicht der Ladung beträgt 72 000 Kilogramm, doch ist darin eine Variable enthalten, die der in das Papier gebundenen Feuchtigkeit von circa fünf Prozent des Gesamtgewichts geschuldet ist.«

Hal schürzte die Lippen. »So viel?«

»Fünf Prozent ist nicht besonders viel.«

»Nein, ich meinte die 36 Paletten. Das ist eine umfangreiche Ladung. Der Auftrag könnte ziemlich teuer werden.«

Fish hielt einen zerknautschten Pappbecher hoch. »Laut diesem Gutschein sind Sie siebeneinhalb Prozent billiger als die Konkurrenz.«

»Hey, das ist meine Gefängnisgetränkewerbung!«, rief Hal. »Wo haben Sie die denn her?«

»Ich habe meinen Geschäftspartner besucht.« Fish musterte Hal mit kaltem Blick. »Ist dieser Gutschein wertlos?«

»Dieses Angebot ist nicht mehr aktuell.« Hal fuhr sich mit dem Hemdsärmel über die Stirn. »Die Treibstoffpreise sind mittlerweile gestiegen. Sie wissen ja, wie sich die Dinge laufend ändern.«

Fish zerknüllte den Becher in der Hand. »Also gut, dann wende ich mich eben an Curtis Freightlines. Die haben eine moderne Flotte, und ihr Preise sind …«

»Nein, Moment!«, rief Hal hastig. »Ich übernehme den Auftrag. Und wir sprechen hier nicht von irgendeinem schrottreifen Seelenverkäufer. Die Volante ist ein brandneues Schiff.«

»Das klingt sehr erfreulich. Schön, der Auftrag gehört Ihnen. Ach, eine letzte Sache noch. Die Ladung muss morgen vor Büroschluss abgeliefert werden.«

»Jede gewünschte Lieferzeit, das ist unser Motto. Solange uns natürlich nicht irgendwelche Hindernisse im Weg stehen, versteht sich.«

»Sie werden pünktlich liefern, Hindernisse hin oder her. Unsere Verträge sehen empfindliche Strafen für verspätete Zustellungen vor.« Fish beendete die Verbindung mit einer knappen Handbewegung.

Hal wischte sich eine Schweißperle von der Stirn. »Navcom, was ist mit der Luft los?«

»Nichts.«

»Es ist heiß hier.«

»Nein, ist es nicht.«

»Wäre ja möglich, dass du mich reingelegt hast.« Hal richtete den Blick auf den kleinen weißen Punkt auf dem Sichtschirm. »Wie lange von jetzt an?«

»Geschätzte Ankunftszeit etwa 20 Minuten.«

»Was meinst du mit ›etwa‹ 20 Minuten? Ist alles mit dem Schiff in Ordnung?«

»Ich bin völlig funktionstüchtig, und …«

»Ein einfaches ›ja‹ wäre ausreichend«, unterbrach Hal den Schiffscomputer.

»Schön.« Der Computer klang eingeschnappt. Auf dem Bildschirm erschien das dritte Kapitel des Handbuchs. »Vergessen Sie nicht, zu lesen.«

»Der Text steht auf dem Kopf. Und was hat es mit dem ›etwa‹ nun auf sich?«

»Nichts, überhaupt nichts«, versicherte der Computer eilig. »Ich bin völlig …«

»Navcom, ich komme mir hier wie in einer Sauna vor. Hör auf, mir zu erzählen, dass alles in Ordnung ist.« In diesem Moment erschien der Aufzug, und die normalerweise geräuschlos funktionierenden Türen glitten mit einem lauten Knirschen auf. »Klunk, wie viel springt für uns bei diesem siebenprozentigen Rabatt bei einem Auftrag heraus?«

»Es sind siebeneinhalb Prozent, und es springt gar nichts für uns heraus«, sagte der Roboter. »Wie Sie sich vielleicht erinnern, habe ich Ihnen davon abgeraten.«

»Du rätst von allem ab. Zum Glück höre ich dir nie zu, weil wir gerade von der Central Bank angeheuert worden sind.«

»Die Central Bank?«, rief Klunk aus.

»Ja. Wir sollen irgendwelchen Papierkram der Bank zu einer ihrer Filialen auf Ackexa bringen. Ich will es dir zwar nicht unter die Nase reiben, aber die Bankleute haben meinen Gutschein auf einem Softdrinkbecher gesehen.«

»Haben Sie Ackexa gesagt?« Klunk wirkte nachdenklich. »Mr Spacejock, was wissen Sie über Outsider-Planeten?«

»Sie befinden sich außerhalb der Union?«

»Eine ziemlich sichere Schlussfolgerung. Sehen Sie sich das an.« Klunk rief eine Navigationskarte auf und vergrößerte einen nur spärlich besiedelten Raumsektor. »Hier können Sie den Unterschied zwischen dem Raum der Union und dem der Outsider sehen.« Er deutete auf eine dünne rote Linie. »Jenseits dieser Linie sind Sie auf Gedeih und Verderb einem Justizsystem mit einem makellosen Ruf ausgeliefert.«

»Und was ist so schlimm daran?«

»Um diesen Ruf zu erlangen, wird dort jeder Verdächtige ohne Gerichtsverfahren eingebuchtet. Natürlich sind einige Gegenden noch schlimmer als andere. In den äußeren Regionen werden Sie zuerst erschossen und Ihre sterblichen Überreste anschließend eingekerkert.«

»Du meinst eingeäschert.«

»Ich weiß, was ich gemeint habe.«

Hal wischte sich über die Stirn. »Und was sind die gefähr­lichen Aspekte?«

»Dieser Planet ist der schlimmste von allen.« Klunk deutete auf einen blauen Punkt.

»Kein Stress. Dann halten wir uns eben von diesem Planeten fern.«

»Ach, ja?« Klunk zoomte den Punkt heran, bis er sich in einen dicken blauen Planeten verwandelt hatte. »Das ist Ackexa, unser Ziel. Überbevölkert, vergiftet und absolut gesetzlos.«

Hal beäugte den Bildschirm und schüttelte den Kopf. »Du übertreibst.«

»Wirklich?«

»Natürlich. Du bist nur verärgert, weil ich den Auftrag an Land gezogen habe.«

»Sie haben eine Lieferung zum tödlichsten Punkt der Galaxis vereinbart und erwarten gute Laune von mir?«

»Wir haben keine andere Wahl.« Hal zuckte die Achseln. »Wenn ich diesen Auftrag ablehne, bieten mir die Leute nie wieder einen anderen an.«

»Sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«

Hal zupfte am Kragen seiner Fliegermontur. »Liegt es nur an mir, oder wird es heiß hier drinnen?«

»Wir haben 37 Grad«, sagte Klunk.

»Navcom, senk die Temperatur!«, befahl Hal. »Sofort!«

»Ausführen nicht kann«, erwiderte der Computer. »Ich sehe … eisig.«

Hal hörte eine Bewegung hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er Klunk Richtung Aufzug hasten. »Wo willst du hin?«

»Der Hauptgenerator hat gerade eine Temperaturwarnung ausgelöst. Ich sollte das besser überprüfen.«

»Schon wieder?«

Klunk verharrte und runzelte die Stirn. »Was meinen Sie mit ›schon wieder

»Du hast den Generator doch gerade erst überprüft.«

»Tatsächlich?«

»Ja! Du hast gesagt, du müsstest dieses Dingens auf dem Hyperraumaggregat neu versiegeln.«

Der Roboter wirkte überrascht. »Das habe ich gesagt?«

Hal klopfte auf seine Taschen. »Wie dumm von mir, dass ich meinen schickes neues Aufzeichnungsgerät verlegt habe. Pass auf, ich weiß nicht mehr, was du genau gesagt hast, aber darauf lief es hinaus. Okay?«

»Wie merkwürdig. Ich kann mich überhaupt nicht an ein solches Gespräch erinnern.«

»Du meinst das wirklich ernst.« Hal starrte den Roboter an. »Wir sollten dich besser warten lassen.«

Klunk nickte. »Datenverlust kann sehr gefährlich werden. Ich werde meine Schritte zurückverfolgen, während Sie mit Ihrer Lektüre fortfahren.«

»Mit meiner …?« Hal richtete den Blick auf den Bildschirm. »Was ist das?«

»Es sieht wie das Fliegerhandbuch aus«, sagte Klunk. »Warum ist der dritte Satz hervorgehoben?«

»Weil das die Stelle ist, bis zu der er gekommen ist, bevor er das Interesse verloren hat«, erklärte der Navcom.

»Ich habe nicht das Interesse verloren«, verteidigte sich Hal. »Ich musste einen Geschäftstermin mit einem wichtigen Klienten wahrnehmen.« Er bedachte Klunk mit einem finsteren Gesichtsausdruck. »Wie steht es jetzt damit, dass du deine letzten Schritte zurückverfolgen willst?«

»Ich bin schon unterwegs.«

Während sich die Aufzugtüren schlossen, wandte sich Hal wieder dem Bildschirm zu. »Ich werde mich diesmal richtig anstrengen. Es kann gar nicht so kompliziert sein.«

»Wir werden gerufen«, meldete der Navcom plötzlich. »Rex Curtis, höchste Dringlichkeit.«

»Rex wer?«

»Curtis«, wiederholte der Computer.

Hal zuckte die Achseln. »Leg ihn auf den Schirm.«

Auf dem Monitor erschien ein Büro mit Holzvertäflung, einem schneeweißen Teppich und einem riesigen Schreibtisch, hinter dem ein großer dunkelhaariger Mann in einem makel­losen Anzug saß. »Mr Spacejock?«, erkundigte er sich in ernstem Tonfall.

»Das bin ich«, erwiderte Hal.

»Wir müssen uns über eine Frachtlieferung unterhalten.«

»Was für eine Fracht?«

»Papierkram. 36 Paletten für Ackexa.«

»Tut mir leid, aber ich bin bereits ausgebucht. Wir können uns wieder unterhalten, nachdem ich den ersten Posten geliefert habe.«

»Sie werden überhaupt nichts liefern!«, fauchte der dunkelhaarige Mann. »Curtis Freightlines hat einen Vertrag mit der Central Bank. Sie müssen deren Auftrag einfach nur ablehnen.«

Einen Moment lang war Hal in Versuchung. Klunk zufolge handelte es sich bei Ackexa um ein Pulverfass, und die Volante war ein brennendes Streichholz. Auf der anderen Seite war ihm dieser Curtis auf Anhieb unsympathisch, und sie hatten den Auftrag völlig legitim ergattert. »Tut mir leid, aber ich habe den Job bereits angenommen.«

»Die Sache ist ganz einfach, Mr Spacejock. Stornieren Sie den Auftrag oder tragen Sie die Konsequenzen.«

Hal zuckte die Achseln. »Versuchen Sie Ihr Schlimmstes.«

»Sie werden das noch bedauern.« Curtis beugte sich über den Schreibtisch, sein Gesicht näherte sich der Kamera. »Ich habe die Schnauze gestrichen voll von schäbigen Raumpiloten, verrosteten Frachtkähnen und schlampigen Lieferungen. Man sollte Ihresgleichen verhaften, das ganze verdammte Pack, und ins Gefängnis stecken.«

»Verrostete Frachtkähne?« Hal deutete mit einer ausladenden Geste auf das unbefleckte Deck. »Ich habe keine Ahnung, welche heruntergekommenen Schiffe Sie sonst benutzen, aber die Volante ist brandneu.«

»Dann müssen Sie sie gestohlen haben.«

»Nein, ich habe sie mir durch ehrliche Arbeit verdient. Und da wir gerade davon reden, ich bin beschäftigt, also lassen Sie mich in Ruhe.« Hal hieb mit der Faust auf die Verbindungstaste. »Navcom, sollte er noch mal anrufen, kannst du ihm sagen, er soll sich …«

»Ich halte das nicht für klug«, unterbrach der Computer. »Mr Curtis ist ein einflussreicher Mann. Sie können ihn nicht auffordern, sich zu … Also, Sie können ihm nicht sagen, was Sie da gerade vorschlagen wollten.«

»Stell ihn noch mal zu mir durch, und ich beweise dir, dass du dich irrst.« Hal wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Er hatte kaum den nächsten Satz überflogen, als ein Signalton plärrte. Seine Füße rutschten von der Steuerkonsole, und die Keksdose flog in hohem Bogen durch die Luft, als er strampelnd und mit rudernden Armen auf das Deck fiel. »Was, zum …«

»Notfall!«, kreischte der Navcom, während Kekse auf die In­stru­mentenkonsole herabregneten. »Hauptgenerator ausgefallen! Alle Besatzungsmitglieder an Deck!«

Es folgte ein Gurgeln, dann erlosch die Beleuchtung.

»Navcom?« Hal starrte in die Dunkelheit. »Hey, hör sofort mit dem Unfug auf!«

Er erhielt keine Antwort.

»Navcom?«

Auf der Kommandobrücke herrschte völlige Stille. Die Instrumentenkonsole war tot, die Luftumwälzungsanlage gab keinen Laut von sich, und selbst das ferne Grollen des Raumschiffantriebs war verstummt. Einzig die Notbeleuchtung war angegangen. Doch sonst: Lebenserhaltungssysteme ausgefallen, Schutzschilde weg, keine Energie … Nur ein erfahrener Pilot vermochte das Schiff jetzt noch zu retten.

Hal richtete sich auf und legte die Hände trichterförmig um den Mund. »Klunk!«, rief er. »Hilfe!«

»Du hast dir reichlich Zeit gelassen«, knurrte Hal, als sich die Aufzugtüren knirschend öffneten.

»Ich habe die Generatoren inspiziert.« Klunk betrat die Brücke und blinzelte im schwachen Licht der Notbeleuchtung. »Was ist passiert?«

Hal versuchte, eine passable Antwort aus seinem begrenzten technischen Vokabular zusammenzubasteln. »Es hat ein summendes Geräusch gegeben, und dann ist das Licht ausgegangen.«

»Das ist nicht sonderlich erhellend«, stellte Klunk fest, während er sich der Instrumentenkonsole näherte. Er tastete unter der Vorderkante herum, worauf sich die gesamte Schalttafel mit einem zischenden Geräusch hob. Der Roboter sicherte die hochgeklappte Tafel mit einem Metallbolzen und spähte in den so entstandenen Spalt.

»Und?«, fragte Hal, während er Klunk über die Schulter schaute.

Klunk drehte sich langsam um. »Und was?«

»Was ist schiefgegangen?«

Der Roboter richtete sich auf. »Mr Spacejock, es ist jetzt zehn Minuten her, seit Sie um Hilfe gerufen haben. Seither hat Ihr einziger Beitrag zur Lösung unserer Probleme darin bestanden, die Kaffeemaschine wieder in Betrieb zu nehmen.«

»Koffein hilft mir beim Denken«, verteidigte sich Hal lahm.

»Wirklich?« Klunk sah ihm direkt in die Augen. »Dann sollten Sie mehr davon trinken.«

»Sehr lustig.« Hal verschränkte die Arme vor der Brust. »Kümmere dich jetzt wieder um die Reparatur, bevor ich zum stolzen Besitzer einer Flöte werde.«

»Einer Flöte?«

»Das ist eine Hohlröhre mit vielen Löchern.«

»Ich weiß, was eine Flöte ist«, informierte ihn der Roboter geduldig. »Ich kann nur keinen Zusammenhang mit dieser Situation erkennen.«

»Tja, den wirst du auch nie entdecken, wenn du weiter mit mir plauderst.« Hal deutete mit dem Daumen auf die Steuerkonsole. »Wenn irgendwo etwas defekt ist, dann bestimmt da drin. Du weißt schon, ein lockeres Kabel oder so was.«

Klunk betrachtete Hal über die Schalttafel hinweg. »Haben Sie irgendetwas davon angerührt?«

»Nur den großen roten Knopf mit der Aufschrift: ›Selbstzerstörungssequenz initiieren‹.«

Der Roboter wandte ihm den Rücken zu und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Einige Minuten lang bewegten sich seine Ellbogen geschäftig. »Ah-ha!«, stieß er plötzlich hervor. Es gab ein klickendes Geräusch, und die Deckenbeleuchtung flammte auf.

»Klunk, du bist ein Zauberer«, sagte Hal. »Navcom, kannst du mich hören?«

»Laut und deutlich.«

»Bring das Schiff auf Touren. Fliegen wir weiter.«

»Überstürzen Sie es nicht, Mr Spacejock.« Klunk löste den Sicherungsbolzen und ließ die Schalttafel wieder auf ihren Sockel hinabsinken. Sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Mechanikers, der über eine lange Liste unbezahlter Rechnungen und eine kurze Kundenliste verfügte.

»Warum nicht?«, wollte Hal wissen. »Wo liegt das Problem?«

Klunk versuchte, einen beruhigenden Gesichtsausdruck aufzusetzen, aber seine Miene bewirkte eher das Gegenteil. »Nun ja, ich weiß nicht, ob ich …«

»Komm schon, ich kann’s verkraften. Was ist los?«

»Ich werde versuchen, das Problem in einfachen Worten auszudrücken. Sehen Sie, die Isolierungsschichten der Schaltelemente lösen sich …«

»Einfach, Klunk, einfach.«

Klunk hob hilflos die Arme. »Mr Spacejock, solange Sie nichts von diesen Dingen verstehen, wird man Sie nie in die Raumfahrergilde aufnehmen.«

Hal schnaubte. »Warum sollte ich diesem hochnäsigen Haufen von Heißluftmechanikern denn überhaupt beitreten wollen?«

»Verstehe. Sie hatten auch keinen Grund, die Beitrittsformulare der Gilde zu studieren, Ihre Maße für die zeremonielle Uniform zu nehmen, sich kleine Nachbildungen der Mitgliederabzeichen zu basteln …«

»Hey, wer hat dir erlaubt, in meinen Sachen rumzuschnüffeln?«

»In Ihren Sachen herumschnüffeln? Überall auf dem Schiff liegen golden angemalte Plastikteile herum.«

»Ja, gut. Vielleicht könnten wir uns später über das große Aufräumen unterhalten. Jetzt möchte ich, dass die Volante repariert wird.«

»Damit gibt es zwei Probleme. Erst einmal ist der Hauptgenerator ausgefallen.«

»Das habe ich bereits vom Navcom erfahren.«

Klunk hielt Hal eine feuchte Handfläche vor die Augen. »Das ist der zweite Punkt.«

»Besorg dir einfach ein Handtuch.«

»Das stammt aus dem Inneren der Instrumentenkonsole.«

»Kondenswasser?«

Klunk schüttelte den Kopf und schob Hal die Hand unter Nase. Hal schnüffelte widerwillig daran. »Da klingelt nichts bei mir.«

»Es ist Kaffee, Mr Spacejock. Die ganze Konsole ist voll damit.«

»Eine geplatzte Leitung?«

Der Roboter schüttelte den Kopf. »Ein fahrlässiger Mensch.«

»Immer gibst du mir die Schuld!«

»Sie haben recht, es könnte auch jeder andere der zahlreichen Kaffeetrinker hier an Bord dafür verantwortlich sein.«

»Lassen wir die Hexenjagd. Wie sieht dein Plan aus?«

»Wir müssen irgendwo landen. Und zwar schnell.«

Hal deutete auf den Bildschirm. »Ullimo ist nur ein paar Sprünge entfernt.«

»Das würden wir nicht schaffen. Wir brauchen einen näher gelegenen Landeplatz.«

»Gibt es denn irgendeinen in der Nähe?«

»Fragen Sie den Navcom«, sagte Klunk. Er steuerte den Aufzug an. »Ich muss den Hilfsgenerator überprüfen.«

Hal drehte sich mit seinem Sessel zum Bildschirm herum. »Navcom, welches ist der nächste Planet?«

»Bewohnt, bewohnbar oder jeder beliebige Felsbrocken?«

»Wir brauchen eine Atmosphäre!«, rief Klunk aus der Aufzugskabine, bevor sich die Türen knirschend schlossen.

»Hast du das gehört, Navcom?«

»Positiv«, bestätigte der Bordcomputer. »Ich habe einen Zielplaneten. Unbewohnt, aber ansonsten brauchbar.«

»Okay, dann stürz dich drauf!«, befahl Hal. »Nicht wortwörtlich!«, fügte er hastig hinzu, als die Deckenbeleuchtung zu flackern begann.

»Sprung durchgeführt«, meldete der Computer. »Oliape liegt direkt voraus.«

Hal trommelte mit den Fingern auf der Steuerkonsole herum. »Ich sollte irgendwas tun«, murmelte er.

»Hätten Sie vielleicht Lust auf eine Partie Schach?«, erkundigte sich der Computer.

»Nein, ich habe keine Lust, Schach zu spielen. Ich meinte etwas Nützliches.«

Es folgte ein langes Schweigen, bevor sich der Computer wieder zu Wort meldete. »Raumfrachter der Gamma-Klasse funktionieren weitestgehend selbstständig. Die Möglichkeiten menschlicher Einflussnahme wurden aktiv zurückgeführt. Seit Inkrafttreten dieser Maßnahmen ist die Todesrate auf den Schiffen um 35 Prozent gesunken.«

»Erspar mir die Statistiken und zeig mir stattdessen eine Aufnahme des Planeten.«

Der Sichtschirm flackerte auf und zeigte einen Wirbel aus blauen und grünen Flecken.

»Wir kommen ziemlich nah ran«, stellte Hal fest. »Wo werden wir landen?«

Auf dem Schirm erschien ein Cursor. »Genau hier«, sagte der Navcom. Von dem Cursor aus verlief eine gepunktete grüne Linie bis zu einem großen grünen Kreuz. »Nach dem Aufprall wird ein größerer Teil des Schiffes in dieser Region verbleiben.« Auf dem Schirm leuchteten etliche weitere grüne Kreuze auf, deutlich kleiner als das erste. »Das sind die wahrscheinlichen Orte, an denen die Reste des Schiffes niedergehen werden.«

Hal blinzelte. »Ich bin bezüglich dieses Punkts nicht hundertprozentig mit dem Ablauf einverstanden. Was meinst du mit ›die Reste

»Rumpffragmente«, erklärte der Navcom knapp.

»Schaff sofort Klunk her«, verlangte Hal mit belegter Stimme.

»Befehl wird ausgeführt.« Es krachte in den Lautsprechern, und ein grauenhaftes Jaulen erfüllte die Brücke.

»Klunk?«, rief Hal. »Klunk, hörst du mich?«

»Ja. Mr Spacejock.«

»Bist du gerade beschäftigt?«

Lange Zeit herrschte Stille – abgesehen von dem Hintergrundgeräusch, das man von einem Hilfsgenerator erwarten durfte, der seinen Weg in die Selbstzerstörung mit einem Kreischen untermalte. »Nur ein bisschen«, antwortete Klunk schließlich. »Warum?«

»Ich könnte vielleicht deine Hilfe bei der Landung brauchen«, sagte Hal.

Kapitel 3

Die Firmenzentrale von Curtis Freightlines lag im Gewerbegebiet von Ullimo, einem weitläufigen Areal, das sich zu größten Teilen auf die Kundschaft durch den Raumhafen stützte. Ein stetiger Strom von Angestellten betrat oder verließ das zwölfstöckige Gebäude, Menschen und Roboter in allen erdenklichen Ausführungen auf dem Weg zur Arbeit oder zurück nach Hause.

Jeder Einzelne wurde am Eingang durchleuchtet. Roboter, die das Gebäude verließen, wurden auf Firmendaten überprüft, damit alle Informationen, die als heikel oder vertraulich eingestuft wurden, aus ihren Speichern gelöscht werden konnten. Diejenigen, die das Gebäude betraten, wurden wiederum auf Viren untersucht; Infektionen, die sie sich unbeabsichtigt beim Besuch anderer Firmen eingefangen hatten, oder Trojaner, die ihnen vorsätzlich von Konkurrenten oder Wirtschaftsprüfern eingepflanzt worden waren. Hin und wieder ertönte ein Alarmton, woraufhin ein unglückseliger Roboter zwecks Löschung der befallenen Speicher und Neuprogrammierung davongeschleift wurde. Die Mehrzahl konnte die Ein- und Ausgänge jedoch ungehindert passieren.

Auch Menschen wurden auf Infektionen und Viren überprüft, allerdings auf solche biologischer Natur. Wer verdächtige Symptome aufwies, wurde in den Quarantäneflügel gebracht, um von den gesunden Angestellten separiert seinen Aufgaben nachgehen zu können. Um bei Curtis Freightlines als arbeitsunfähig nach Hause geschickt zu werden, musste man schon auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen sein.

Gerade betrat eine Frau in einem grauen Geschäftsanzug das Firmengebäude. Sie hatte ihr Haar zu einem Pony frisiert, der fast bis an den Rahmen ihrer Sonnenbrille reichte. Als sie sich der Eingangsschranke näherte und die Brille absetzte, wurden ein Paar graue Augen und gerade, dunkle Brauen sichtbar. Im Falle der meisten Männer, die gerade zu ihr hinübersahen, blieb es nicht bei diesem ersten Blick.

Sonya Polarov ignorierte die Aufmerksamkeit, die sie erregte. Es gab nur einen Mann, der sie zurzeit interessierte, und das war Rex Curtis selbst. Was nicht bedeutete, dass sie ihm schon jemals persönlich begegnet war. Angestellte der mittleren Mana­gementebene kamen in der Regel nie über den achten Stock hinaus, und Curtis’ Büro lag in der zwölften Etage.

Die junge Frau verstaute die Brille in ihrer Jackentasche, blickte in den Scanner und zwang sich, nicht zu blinzeln, als der harte blaue Lichtstrahl über ihre Netzhaut strich. Nachdem die optische Kontrolle beendet war, atmete sie in ein metallenes Gitter. Einige Sekunden später löste sich das Drehkreuz mit einem Klicken und schob Sonya ins Foyer.

Die Absätze ihrer Schuhe klapperten auf dem glänzend polierten Marmorboden, als sie zu den Aufzügen ging. Keiner der Arbeitskollegen, denen sie begegnete, wechselte ein Wort mit ihr.

Sie betrat die Kabine als Letzte.

»Bitte nennen Sie mir Ihre Etagennummern«, bat der Lift.

Keiner der Angestellten nannte eine größere Zahl als sechs. Bei jeder Nennung leuchtete das entsprechende Feld auf der Tastaturleiste auf.

»Neun«, ertönte schließlich ein tiefe Stimme. Alle Blicke in der Fahrstuhlkabine richteten sich auf den Sprecher, einen kräftig gebauten Mann in einem teuren Anzug. Ein oder zwei Personen musterten ihn mit unverhohlener Neugier, schlugen aber angesichts seines selbstbewussten Blicks schnell wieder die Augen nieder.

»Zwölf«, verkündete Sonya schließlich klar und deutlich.

Ein allgemeines Keuchen erfüllte die Kabine, und alle Anwesenden starrten Sonya fassungslos an.

»Es tut mir leid«, sagte der Lift. »Sie sind nicht autorisiert, dieses Stockwerk zu betreten.«

»Ich habe einen Termin«, erwiderte Sonya mit fester Stimme. Ihr Outsider-Akzent war zwar nur schwach ausgeprägt, aber doch erkennbar, und auch diejenigen, die sie bisher nur oberflächlich registriert hatten, starrten sie jetzt offen an.

»Einen Moment, bitte.«

Es folgte eine längere Wartezeit. Die anderen Angestellten begannen, sich unbehaglich zu bewegen und untereinander zu flüstern. Irgendwer lachte, und Sonyas Lippen wurden schmal, als sie sich den Inhalt des Witzes ausmalte. Eine junge Frau, die Curtis im obersten Stockwerk des Gebäudes besuchte? Ein Termin, ha-ha! Sie spürte, wie sich ihre Finger streckten und ihre Muskeln anspannten. Noch ein Lachen, und …

»Zugangsberechtigung bestätigt«, verkündete der Aufzug, worauf sich die Spannung löste. Die Fahrstuhltüren glitten zu, die Kabine schoss aufwärts und hielt mehrmals, um die Passagiere auf ihren jeweiligen Etagen zu entlassen, bis nur noch zwei Personen übrig waren, Sonya Polarov und Mr neunte Etage.

Der Mann räusperte sich. »Haben Sie vielleicht Lust auf einen Drink nach Feierabend?«

»Haben Sie Lust auf ein gebrochenes Handgelenk?«, fragte Sonya zurück.

Als der Aufzug im neunten Stockwerk hielt, zwängte sich der Mann durch die Türen, noch bevor sie sich völlig geöffnet hatten. Sonya lächelte knapp, während sich die Kabine wieder in Bewegung setzte. Sie kam allmählich auf Betriebstemperatur.

Die Kabinentüren glitten in der obersten Etage auseinander und gaben den Blick auf einen weitläufigen Warteraum frei, der von einem Empfangstresen beherrscht wurde. Dabei handelte es sich um einen gewaltigen Tisch aus dunkel gebeiztem Holz, in das in goldenen Lettern »Curtis Freightlines« eingelassen war. Hinter dem Tisch saß eine grauhaarige Frau mittleren Alters. Sie lächelte der Besucherin freundlich zu. »Sie müssen Miss Polarov sein«, sagte sie herzlich. »Es tut mir leid, aber Mr Curtis wird sich etwas verspäten.«

Sonya nickte. Sie blickte sich um und sog die außergewöhn­liche Atmosphäre in sich auf.

»Wenn Sie Platz nehmen möchten, bringe ich Ihnen etwas zu trinken. Einen Kaffee?«

»Bitte.« Sonya ließ sich in einen Armsessel sinken, dessen Polster so weich war, dass es sie beinahe verschluckte. Als die Sekretärin mit dem Kaffee zurückkehrte, fand sie Sonya auf der äußeren Kante der Sitzfläche vor, die Ellbogen tief in die Armlehnen gebohrt, um nicht nach hinten wegzukippen.

»Diese Sessel sind ein echtes Ärgernis«, vertraute ihr die Sekretärin an. »Ich könnte schwören, dass wir irgendwann den Finanzminister in der Rückenlehne von einem dieser Dinger verloren haben. Und jetzt sehen Sie sich nur an, in welchem Zustand sich unsere Wirtschaft befindet.«

Sonya lächelte, dankbar für die die heitere Art der Frau. Sie nahm die Tasse entgegen, sog den Duft ein und trank einen Schluck. Es war ein hervorragender Kaffee.

»Mr Curtis müsste bald eintreffen«, meinte die grauhaarige Frau. »Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie sonst noch irgend­etwas benötigen.«

Sonya nickte. Sie war bereit, notfalls den ganzen Tag zu warten.

Rex Curtis, unumschränkter Herrscher über ein selbst geschaffenes Imperium, blickte aus seinem Bürofenster hinaus. Zwölf Stockwerke tiefer säumten Raumfrachter und Gabelstapler das Landefeld. Der Regen weichte ihre rechteckigen Konturen auf. Ein pfeifender Wind peitschte Regentropfen gegen die großen Fensterscheiben. Curtis verzog missmutig das Gesicht, als er die Mechaniker und Besatzungsmitglieder entdeckte, die sich unter den Schiffen zusammendrängten. Der Rest der Meute lungerte vermutlich in der Firmenkantine herum. Faules Pack.

Seit Monaten litt die Firma nun schon unter einem schrumpfenden Frachtaufkommen, und auch die allgemeine Rezession trug zu einem Rückgang der Umsätze bei. Zudem waren einige Kunden vor Gericht gezogen, um ihre langfristigen Verträge zu kündigen, was horrende Verfahrenskosten nach sich gezogen hatte. Rex Curtis’ Lippen wurden schmal, als er an die Central Bank dachte. Nach zehnjähriger loyaler Zusammenarbeit hatte die Bank ihn gerade um einige Tausend Kredite geprellt. Was war aus den guten alten Zeiten geworden, als man Verträge noch während eines Geschäftsessens mit einem Handschlag zu besiegeln pflegte?

Dann hatte die Presse lang und breit über einige Vorfälle berichtet, bei denen Firmenschiffe nicht mehr aus dem Hyperraum aufgetaucht waren. Das Transit Bureau war wie eine Seuche über Curtis Freightlines hergefallen und hatte das Verhältnis zwischen Bodenpersonal, Piloten und Management vergiftet. Und die stetige Zunahme freier Spediteure setzte schließlich allem die Krone auf – verzweifelte Versager, die Frachtgut in rostigen Kähnen verschifften. Kein vernünftiger Mensch würde diesem Gesindel eine wertvolle Fracht anvertrauen, es sei denn, er hatte vor, Schadensersatzforderungen an seine Versicherung zu stellen. Allerdings kamen immer noch genügend dieser Hasardeure ans Ziel, dass viele Frachtkunden es bei weniger wertvollen Frachtgütern als akzeptables Risiko betrachteten, sie zu engagieren.

Curtis starrte durch die Fensterscheibe. Er konnte seine Prei­­se nicht noch weiter senken, deckten sie doch jetzt schon kaum noch die Kosten. Und wegen der neuen Wartungsbestimmungen fiel die Hälfte seiner Flotte aufgrund von Inspektionen oder unbedeutender Reparaturen ständig aus, was ihn daran hinderte, Eilaufträge abzuwickeln, bei denen es sich häufig um die lukrativsten Geschäfte handelte. Er fluchte, als sein Blick auf eines der Schiffe auf der Landeplattform unter ihm fiel. Laut der Reparaturformulare befand es sich gerade wegen eines Risses in einer Toilettenbrille im Wartungsdock. Und als wäre das noch nicht genug, musste Curtis Freightlines sich das benötigte Ersatzteil auch noch für teures Geld von einem Konkurrenten liefern lassen.

An seinen Schreibtisch zurückgekehrt, erregte ein maßstabgetreues Raumschiffmodel Curtis’ Aufmerksamkeit. Es war eine aufwendig gestaltete Nachbildung eines für Fernraumflüge konzipierten Frachters der Rigel-Klasse. Curtis’ Miene verklärte sich, als er sich an seine frühen Jahre zurückerinnerte. Das waren noch Zeiten, dachte er. Er war nach eigenem Gutdünken kreuz und quer durch die Galaxis geflogen und hatte sich nur die lukrativsten Aufträge aus den Angeboten herausgepickt. Keine langfristigen Verpflichtungen, keine Angestellten und sonstiger Ballast hatten ihn behindert. Er fragte sich müßig, was wohl aus der Aurora geworden war. Doch dann verzog sich sein Gesicht. Vermutlich gehörte der Raumfrachter heute irgendeinem dieser selbstständigen Spediteure.

Ein Summen des Intercoms riss ihn aus seinen Gedanken. »Ja?«

»Mr Curtis, ein Gespräch von Mac. Technische Abteilung.«

»Stellen Sie es durch.«

»Und Miss Polarov ist hier, um mit Ihnen zu sprechen.«

»Worüber?«

»Sie hatten sich zu einem Gespräch bereiterklärt. Über Ausgabeneinsparungen.«

»Lassen Sie mir noch zehn Minuten.« Curtis drückte eine Taste auf seiner Gegensprechanlage. »Mac? Was gibt’s?«

»Wir brauchen Ersatzteile für die Morgana. Die Lager sind leer, und Sie haben gesagt, ich sollte alle Bestellungen mit Ihnen absprechen.«

Curtis legte sich die Auftragsliste für die Morgana auf den Bildschirm. Er überflog den Zeitplan und fluchte. »Das Schiff sollte mittlerweile bereits auf halbem Weg nach Plessa sein.«

»Die Transit-Leute erteilen ihr in diesem Zustand keine Startfreigabe.«

»Was brauchen wir?«

»Die Luftaufbereitungsanlage ist hin. Wir benötigen einen neuen Kompressor und ein halbes Dutzend Filter.«

»Wie lange?«

»Zwei Tage.«

Curtis fluchte. »Das bringt uns noch um. Ist Ihnen das klar?«

»Wir müssen uns unbedingt einen größeren Vorrat an Ersatzteilen zulegen, Mr Curtis.«

»Überlassen Sie das mir und sorgen Sie einfach dafür, dass die Luftaufbereitungsanlage repariert wird.« Curtis trennte die Verbindung und rief die Kontoübersicht auf. »Wovon sollen wir denn Ersatzteile kaufen?«, murmelte er vor sich hin, als Tabellen voller roter Zahlen auf seinem Monitor erschienen. Er machte eine Geste in Richtung des Terminals und sah zu, wie es lautlos in seinem Schreibtisch versank. So, wie auch seine Firma im Begriff war zu versinken.

Seine Gegensprechanlage summte erneut. »Mr Curtis? Ich habe Tom Sqrew von Garmit and Hash in der Leitung.«

»Ich bin beim Mittagessen.«

»Er sagt, es wäre wichtig.«

»Für mich oder für seinen Laden?« Curtis seufzte. »In Ordnung, stellen Sie ihn durch.«

»Sqrew hier«, ertönte eine tiefe Stimme. »Mr Curtis, ich habe Ihre Konten überprüft, und ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten für Sie.«

»Fahren Sie fort.«

»Trifft es zu, dass Sie die Central Bank als Kunden verloren haben?«

»Wir sind noch in Verhandlungen«, schränkte Curtis ein. »Es ist eine heikle Angelegenheit, aber …«

»Ich habe bereits mit Fish gesprochen. Sie haben den Auftrag verloren. Darüber hinaus wird Ihre Firma – basierend auf den Ihnen verbleibenden Klienten und den projizierten Handels­volumina – in spätestens sechs Wochen insolvent sein. Aus diesem Grund sieht Garmit and Hash sich gezwungen, Ihre Finanzierung zu widerrufen.«

»Könnten Sie das bitte noch einmal für mich wiederholen?«

»Ihre Firma wird pleite gehen, Mr Curtis. Wir wollen unser Geld zurück.«

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Freundchen. Ich bin seit 20 Jahren Ihr größter Kunde. Der Handel läuft momentan zwar nicht gerade gut, aber die ganze Wirtschaftslage …«

»Die Wirtschaftslage ist nicht mein Problem. Und zufällig bin ich erst kürzlich auf mehrere verdächtige Transaktionen im Zusammenhang mit der Renovierung einer Immobilie gestoßen, die auf den Namen Ihrer Frau eingetragen ist. An Ihrer Stelle würde ich dafür sorgen, nicht vor Ort zu sein, wenn die Wirtschaftsprüfer den Kollaps Ihres Unternehmens genauer unter die Lupe nehmen.«

»Was für einen Kollaps? Wir sind immer noch im Geschäft!«

»Nicht mehr lange. Wir werden in 24 Stunden mit unseren Rückabwicklungsmaßnahmen beginnen. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag.«

»Sqrew, hören Sie zu. Sqrew …?« Curtis starrte sein Intercom schockiert an. Es war völlig aussichtslos, sich einen anderen Kreditgeber zu suchen. Angesichts seiner Bilanzen würde man ihn auslachen und vor die Tür setzen. Er trat mit einem seiner makellosen handgefertigten Schuhe nach dem Papierkorb. Der Korb segelte über den schneeweißen Teppich und hinterließ dabei eine Spur von Papieren, bevor er gegen die getäfelte Wand des Büros prallte.

Die Gegensprechanlage gab einen Piepton von sich. »Geht es Ihnen gut, Mr Curtis?«

Curtis beugte sich über seinen Schreibtisch. »Wenn ich meinen Gesundheitszustand überprüfen lassen wollte, würde ich eine Krankenschwester bestellen.«

»Ja, Sir«, erwiderte die Stimme ruhig.

Rex Curtis zog seinen Sessel heran und setzte sich. Das Modell der Aurora erregte erneut seine Aufmerksamkeit. Vor seinem inneren Auge sah er das Schiff durchs All fliegen, der Freiheit und einem neuen Anfang entgegen. Und warum auch nicht?, fragte er sich. Ich könnte wieder ganz von vorn beginnen. Doch dann schüttelte er den Kopf, als er sich an sein Gespräch mit Spacejock erinnerte, der sich mit einem brandneuen Frachter im Anflug auf Ullimo befand, um ihm den Auftrag der Central Bank direkt unter der Nase wegzuschnappen.

Plötzlich setzte er sich kerzengerade in seinem Sessel auf. Ein neuer Raumfrachter … ein neuer Anfang … Was, wenn er … Er drückte auf die Sprechtaste des Intercoms. »Wartet diese Polarov noch immer im Vorraum?«

»Ja, Mr Curtis.«

»Schicken Sie sie rein.« Curtis schaltete die Gegensprechanlage aus, lehnte sich zurück und bereitete sich geistig auf seine Besucherin vor. Wenn er mit seiner Einschätzung richtig lag, mochte Sonya Polarov den Schlüssel zu seiner Zukunft in den Händen halten.

Es war später Nachmittag, und die schwachen Lichtstrahlen der sinkenden Sonne fielen durch das Blätterdach des Waldes. Kletterpflanzen rankten sich an den Bäumen empor; wuchernde grüne Tentakel, deren Enden wie nasse Haare hinabhingen. Ganz in der Nähe plätscherte ein kleiner Bach über moosbewachsene Felsen, strömte durch ein schmales Bett und verschwand unter einem umgestürzten Baum.

Auf dem Boden neben dem Baumstamm hockte eine kleine pelzige Kreatur und schnupperte aufmerksam in den Wind. Dann beugte sie sich beruhigt über den Bach und schlabberte das Wasser mit einer winzigen rosafarbenen Zunge auf. Nachdem sie ihren Durst gestillt hatte, richtete sie sich wieder auf und wischte sich die Schnurrhaare ab, indem sie sie durch ihre ebenso zierlichen wie empfindlichen Pfoten zog.

Plötzlich erstarrte das Tierchen mitten in der Bewegung und starrte mit einem angespannten Ausdruck auf dem spitzen Gesicht in das umgebende Dickicht. Eines der Ohren zuckte, und einen Sekundenbruchteil darauf war es auch schon verschwunden.

In der Ferne ertönte ein Donnergrollen, dann ein weiteres. Das Grollen steigerte sich zu einem Brüllen, und die Ranken erzitterten, als der Lärm weiter zunahm. Blätter rieselten zu Boden, gefolgt von einem Schauer Tautropfen, der aus den Zweigen geschüttelt wurde.

Eine Lawine kleiner Steine polterte einen lehmigen Hang hin­unter in den Bachlauf. Als der Lärm seinen ohrenbetäubenden Höhepunkt erreichte, verloren einige Bäume den Halt im Boden und stürzten um. Rauchwolken fegten durch das Dickicht, ließen die Ranken wie Papiergirlanden flattern und verwandelten das Laub in nasses Konfetti.

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