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Die Stanislaskis 4 - Heißkalte Sehnsucht

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Die Stanislaskis 4: Heißkalte Sehnsucht

 

Bei ihren Recherchen im Prostituiertenmilieu begibt sich die junge Autorin Bess McNee in größte Gefahr. Denn ein bestialischer Mörder sorgt auf dem Straßenstrich von New York für Angst und Schrecken. Doch Bess ist trotz aller Warnungen fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen und ermittelt auf eigene Faust. Erst als sie den attraktiven Detective Alexej Stanislaski kennen lernt, merkt sie, dass sie ihr Leben riskiert.

Nora Roberts

Die Stanislaskis 4
Heißkalte Sehnsucht

Roman

Aus dem Amerikanischen von Susann Willmore

1. KAPITEL

Die kurvige Blondine im pinkfarbenen Minirock stöckelte auf hohen Schuhen den Straßenstrich hinunter. Ihr Lidstrich schimmerte in allen Farben des Regenbogens, und sie musterte mit scharfem Blick ihre Kolleginnen, diese schillernden Schatten der Nacht. Die Luft hallte wider vom Lachen der Mädchen, denn schließlich war es jetzt Frühling in New York. Aber neben dem Lachen war auch ein Gefühl großer Langeweile zu spüren, die weder der Glitter noch der Sex überdecken konnten.

Für diese Damen war Geschäft vor allem Geschäft.

Nachdem sie sich einen weiteren Kaugummi in den Mund gesteckt hatte, rückte die blonde junge Frau ihre große Leinentasche zurecht, die sie über der Schulter trug. Wie gut, dass es einigermaßen warm ist, dachte sie. Es wäre schrecklich gewesen, bei Regen in diesem halb bekleideten Zustand die Straße hinunterflanieren zu müssen.

Eine umwerfend gut aussehende schwarze Frau in einem roten Lederoutfit, das ihren knackigen Körper nur notdürftig bedeckte, zündete sich eine Zigarette an und warf sich herausfordernd in Pose. „Komm schon, Baby“, sagte sie wie zu sich selbst. Ihre Stimme war tief und sexy, sie klang nach dem Rauch, den sie ausatmete. „Wie wär’s mit ein bisschen Spaß?“

Einige Männer scheinen nicht abgeneigt zu sein, dachte Bess, die den Strich begutachtete. Insgesamt lief das Geschäft nicht schlecht an diesem lauen Frühlingsabend. Sie hatte verschiedene Verhandlungsgespräche zwischen den Prostituierten und ihren Freiern beobachtet. Nur schade, dass die Langeweile sich auch durch keine aufgesetzte Munterkeit zu vertreiben lassen schien. Die Langeweile und dann auch so etwas wie ein Gefühl großer allgemeiner Hoffnungslosigkeit.

„Führst du Selbstgespräche, Schätzchen?“

„Äh?“ Bess zuckte zusammen und sah sich plötzlich der schwarzen Göttin im roten Leder gegenüber, die zu ihr herübergeschlendert war. „Wie bitte?“

„Bist du neu hier?“ Während sie rauchte, unterwarf sie Bess einer genauen Prüfung. „Wer ist dein Lude?“

„Mein … ich habe keinen.“

„Du hast keinen?“ Die Prostituierte zog die Brauen hoch und lächelte spöttisch. „Kleine, ohne einen Mann bist du auf diesem Strich nichts wert.“

„Das glaube ich schon.“ Da sie keine Zigarette hatte, blies Bess ihren Kaugummi auf und ließ ihn mit lautem Knall zerplatzen.

„Wenn Bobby oder Big Ed das rauskriegen, bekommst du eine Menge Ärger.“ Dann zuckte die Schwarze mit den Schultern. Schließlich war das ja nicht ihr Problem.

„Wir leben in einem freien Land.“

„Schätzchen, frei ist hier nur der Tod.“ Mit einem rauen Lachen fuhr sich die andere über ihre lederbekleidete Hüfte. „Sonst gar nichts.“ Sie warf die Zigarette in den Rinnstein, wo sie vom Hinterrad eines Autos zerdrückt wurde.

Viele hundert Fragen gingen Bess durch den Kopf. Es lag in ihrer Natur, sie auch zu stellen, aber sie erinnerte sich gerade noch daran, dass sie nichts überstürzen durfte. „Gut, also wer ist dein Zuhälter?“

„Bobby.“ Mit skeptischem Blick besah sich die Frau Bess von oben bis unten. „Kann schon sein, dass er dich aufnehmen würde. Du bist zwar unten rum ein bisschen mager, aber das macht nichts. Auf jeden Fall brauchst du jemanden, der dich beschützt, wenn du hier arbeiten willst.“ Sie wusste, dass sie von Bobby einen hübschen Batzen Geld erwarten durfte, wenn sie ihm eine Neue brachte.

„Niemand hat die beiden Mädchen beschützt, die hier letzten Monat ermordet wurden.“

Die Schwarze zuckte zusammen. Bess wusste, dass sie gut in Gesichtern lesen konnte, und sie sah Trauer, Bedauern und Schmerz in den Augen der anderen, bevor der Blick sich wieder verhärtete. „Bist du etwa von den Bullen?“

Bess starrte sie mit offenem Mund an, bevor sie laut auflachte. Das ist wirklich ein Witz, dachte sie. Irgendwie aber auch schmeichelhaft.

„Nein, ich bin nicht von den Bullen. Ich versuche nur, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kanntest du eine von den beiden, die getötet wurden?“

„Wir mögen es hier nicht so gern, wenn man zu viele Fragen stellt.“ Die Frau warf den Kopf zurück. „Wenn du dir wirklich deinen Lebensunterhalt verdienen willst, kriegst du gleich Gelegenheit dazu.“

Bess wurde plötzlich nervös. Ihr fiel auf, dass die Frau nicht nur gut aussah, sie war auch ausgesprochen massiv. Und sie war misstrauisch. Beides würde es schwierig machen, das zu tun, weshalb sie hergekommen war – sich im Hintergrund zu halten und die Szene zu beobachten. Aber schließlich war sie gewitzt und zudem noch eine gute Menschenkennerin. Und außerdem hatte auch sie hier etwas zu erledigen.

„Na klar!“ Sie drehte sich um und schlenderte die Straße entlang. Ihre Hüften – und sie hatte nicht eine Minute lang daran geglaubt, dass ihr Po zu mager wäre – bewegten sich dabei verführerisch.

Vielleicht war ihre Kehle plötzlich ein wenig trocken. Vielleicht schlug ihr Herz mit einem Mal auch ein bisschen schneller als gewöhnlich. Aber Bess McNee ließ sich durch nichts so schnell umwerfen.

Plötzlich sah sie zwei Männer, die noch etwa einen halben Block entfernt waren. Der eine von ihnen, der Schwarzhaarige, machte einen sehr vielversprechenden Eindruck.

„Hör zu, du Frischling, wir nehmen uns jetzt eine heraus, vielleicht auch zwei.“ Alex besah sich den Strich mit prüfendem Blick. Nutten, Fixer und die bedauernswerten Menschen, die durch dieses armselige Viertel nach Hause mussten, bevölkerten die Straße. „Meine Nase sagt mir, dass die große Schwarze dort –sie heißt Rosalie – beide Opfer kannte.“

„Und warum schnappen wir sie uns dann nicht einfach und nehmen sie mit zum Verhör?“ Judd Malloy zuckte es in allen Fingern, etwas zu unternehmen. Seine Polizeimarke war erst achtundvierzig Stunden alt. Und er arbeitete mit Alex Stanislaski, einem Profi, der den Ruf hatte, schnell zu handeln und exzellente Arbeit zu leisten. „Oder noch besser, warum greifen wir uns nicht ihren Zuhälter?“

Ach, diese Neulinge, dachte Alex bei sich. Warum gaben sie ihm immer diese Anfänger, die er dann einarbeiten durfte? „Weil wir wollen, dass sie mit uns zusammenarbeitet. Wir werden sie uns schnappen unter dem Vorwand, dass sie illegal anschafft. Und dann unterhalten wir uns mit ihr, wie echte Gentlemen, bevor ihr Bobby auftauchen kann und ihr sagt, dass sie die Klappe halten soll.“

„Wenn meine Frau rausbekommt, dass ich die halbe Nacht damit verbracht habe, Nutten anzuquatschen …“

„Ein guter Polizist erzählt seiner Familie nie mehr als das, was sie unbedingt wissen muss. Und das ist nie sehr viel.“ Alex sah seinen neuen Partner unbewegt an. „Das ist die Stanislaski-Regel Nummer eins.“

Plötzlich sah er die Blondine. Sie starrte ihn an. Alex starrte zurück. Ein merkwürdiges Gesicht, dachte er. Scharf geschnitten und sehr sexy, trotz der Tonnen von Make-up, die sie aufgetragen hatte. Unter der dicken Lidschattenschicht konnte er ihre Augen ausmachen, sie waren hellgrün. Ihre Nase hatte eine leichte Krümmung, als wäre sie einmal gebrochen gewesen. Wahrscheinlich das Werk irgendeines Kunden oder Zuhälters, dachte Alex, während sein Blick auf ihren Mund fiel.

Volle, sehr sinnliche Lippen, die in einem leuchtenden Rot geschminkt waren. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass etwas in ihm darauf reagierte. So als wäre es völlig egal, wer sie war und was sie tat. Ihr Kinn war eher spitz als rund, und zusammen mit den hohen Wangenknochen gab es dem Ganzen eine dreieckige Form, die Alex entfernt an den Kopf eines Fuchses erinnerte.

Das hautenge, schulterfreie Top und der Stretchmini ließen jede Kurve ihres durchtrainierten Körpers erkennen. Er hatte schon immer den athletischen Typ bevorzugt – doch gerade noch rechtzeitig fiel Alex ein, durch welche Form von körperlichem Training sie wohl eine so gute Figur bekommen hatte.

Wie dem auch sei, sie war nicht die Prostituierte, um die es ihm hier ging.

Jetzt oder nie, dachte Bess bei sich. Allzu genau spürte sie den prüfenden Blick, den ihre neue Kollegin ihr zuwarf.

„He, Baby …“ Obwohl sie nicht mehr geraucht hatte, seit sie fünfzehn war, war ihre Stimme stets ein wenig heiser. Während sie innerlich ein leises Stoßgebet zum Himmel schickte, machte sie sich an Alex heran. „Willst du dich amüsieren?“

„Kann schon sein.“ Er zog sie am Ausschnitt ihres Tops zu sich heran und bemerkte verblüfft, dass sie zusammenzuckte. „Aber irgendwie wollte ich was anderes als dich, Schätzchen.“

„Oh!“ Und nun? Wie ging es wohl weiter? Bess beschloss, sich ganz auf ihre Intuition zu verlassen. Sie warf den Kopf zurück und schmiegte sich an ihn. Sofort hatte sie das Gefühl, als stieße sie auf Stahl –hart, unnachgiebig und sehr kalt. „Und an was hattest du da gedacht?“

Für den Bruchteil einer Sekunde war ihr, als setze ihr Verstand aus. Der Blick, mit dem er sie ansah, ja durchbohrte, ging ihr bis ins Mark. Die dunklen Augen hielten sie gefangen. Seine Knöchel pressten gegen ihre Haut, genau da, wo ihr Ausschnitt begann. Sie spürte die Hitze, die in diesem Griff lag, spürte seine Hitze. Während sie ihm weiter wie gebannt in die Augen sah, überkam sie plötzlich ein Bild. Sie sah, wie er und sie sich auf einem großen Bett in einem verdunkelten Zimmer wälzten, wie ihre Körper miteinander rangen.

Und das hatte überhaupt nichts mehr mit Arbeit zu tun.

Es war das erste Mal, dass Alex eine Nutte erröten sah. Es warf ihn um, und er hatte plötzlich den absurden Wunsch, sich zu entschuldigen – sich zu entschuldigen für die Vorstellung, die ihm vor ein paar Sekunden durch den Kopf gegangen war. Aber dann erinnerte er sich wieder an die Umstände.

„Ich stehe einfach auf einen anderen Typ, Baby.“

Mit ihren hohen Stöckelschuhen war sie beinahe so groß wie er. Alex hätte am liebsten all das Make-up und den Puder von ihrem Gesicht abgewischt, um zu entdecken, wer sich darunter verbarg.

„Ich bin ein anderer Typ“, entgegnete Bess. Sie war sehr froh über diese schlagfertige Antwort.

„He, Schwester!“ Plötzlich war Rosalie da. Vertraulich legte sie Bess den Arm um die Schulter. „Du willst doch wohl nicht beide allein für dich haben, oder?“

„Ich …“

Hau ab, dachte Alex bei sich und wandte sich widerstrebend Rosalie zu. „Seid ihr beide ein Team?“

„Heute Abend schon.“ Sie sah erst Alex an, dann Judd. „Na, wie wär’s mit uns beiden, Jungs?“

Judd hatte plötzlich das Gefühl, als hätte ihn seine Stimme im Stich gelassen. Er hätte sich lieber einem Dutzend bewaffneter Männer in einer dunklen Gasse gegenübergesehen. Es war ihm völlig unmöglich, auf die große schwarze Frau zuzugehen, ohne dass die ganze Zeit ein Bild seiner eigenen Frau, die ihm völlig vertraute, wie ein Warnsignal in seinem Kopf aufgeleuchtete.

„Na gut, warum nicht.“ Schließlich konnte er doch sprechen, und es gelang ihm sogar, fast so überzeugend wie Alex zu klingen.

Rosalie warf den Kopf zurück und lachte laut, dann machte sie einen Schritt auf Judd zu und hakte sich bei ihm unter. Instinktiv trat er zurück, und eine verräterische Röte überzog seinen Hals.

„Ich habe den Eindruck, du machst so etwas zum ersten Mal, Kleiner. Warum überlässt du Rosalie nicht alles?“

Weil sein Partner plötzlich stumm zu sein schien, übernahm Alex wieder das Kommando.

„Wie viel?“

„Na ja …“ Rosalie wartete gar nicht erst auf Bess, die totenbleich geworden war. „Heute Abend machen wir euch einen Sonderpreis. Ihr kriegt uns beide für einen Hunderter. Das gilt aber nur für die erste Stunde.“ Sie lehnte sich vor und flüsterte Judd etwas ins Ohr. Die Röte auf seinem Hals vertiefte sich noch.

„Danach“, fuhr Rosalie fort, „ist es Verhandlungssache.“

„Aber ich kann ni…“ Bess fing an zu stottern und hielt dann mitten im Satz inne, als sie Rosalies Finger spürte, die sich wie scharfe Klauen in ihre bloßen Schultern gebohrt hatten.

„Ich glaube, das reicht“, sagte Alex und zog seine Dienstmarke hervor. „Meine Damen, Sie sind vorläufig festgenommen.“

Polizisten! Ein großes Gefühl der Erleichterung durchfuhr Bess.

Während Rosalie einen saftigen Fluch ausstieß, musste sie sich die größte Mühe geben, um nicht laut herauszulachen.

Absolut perfekt, dachte Bess, als man sie auf die Wache brachte. Sie war wegen illegaler Prostitution festgenommen worden, und das Leben hätte nicht schöner sein können.

Begierig sah sie sich in dem Zimmer um, damit ihr auch nicht die geringste Kleinigkeit entging. Dabei war es nicht das erste Mal, dass sie sich in einer solchen Umgebung befand. Wie sie immer zu sagen pflegte, nahm Bess ihre Arbeit sehr ernst. Neu war für sie allein die Gegend. Sie kam nicht sehr oft in die ärmeren Viertel der Stadt.

Der Raum war ausgesprochen schäbig – heruntergekommen. In Gedanken machte sie sich Notizen. Über allem lag eine dicke, malerische Staubschicht.

Und der Geruch war auch nicht schlecht. Sie sog ihn tief ein und versuchte sich die faszinierende Mischung aus Schweiß, bitterem schwarzen Kaffee und beißendem Putzmittel gut einzuprägen.

Außerdem war es sehr laut. Mit ihren hellwachen Sinnen unterschied Bess nach und nach den Lärm von ständig klingelnden Telefonen, ärgerlichen Flüchen, Weinen und dem Hämmern der Schreibmaschinen.

Oh Mann, dachte sie insgeheim begeistert. Heute schien wirklich ihr Glückstag zu sein!

„Du bist hier nicht auf Urlaub, Schätzchen“, wurde sie plötzlich von Alex erinnert. Er stieß ihr leicht in die Rippen.

„Oh, Verzeihung.“

Der schimmernde Glanz in ihren Augen, der von Aufgeregtheit zeugte, schien ihm so fehl am Platz zu sein, dass er sie wieder nur anstarren konnte. Dann holte er kopfschüttelnd einen Stuhl für sie heran. Rosalie hatte er Judd überlassen. Der Neuling mochte ruhig sein Glück versuchen, etwas Wichtiges aus ihr herauszuholen. Danach würde er dann den Fall übernehmen. Alex standen verschiedene Methoden zur Verfügung, um Leute zum Reden zu bringen.

Ob er ihr nun schmeicheln oder drohen musste, er würde es schon schaffen, ihr alles zu entlocken, was sie über ihre beiden ermordeten Kolleginnen wusste.

„Also gut.“ Er nahm hinter dem schäbigen, überfüllten Schreibtisch Platz. „Du weißt ja, wie das hier läuft.“

Bess hatte die ganze Zeit zu einem jungen Mann in einer zerrissenen Jeansjacke hinübergesehen, dessen Gesicht voller Blutergüsse war. „Wie bitte?“

Alex seufzte nur tief, während er einen Bogen in seine Schreibmaschine spannte. „Der Name?“

„Oh, ich bin Bess.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und die Geste kam so natürlich, dass er sie fast ergriffen hätte.

Stattdessen stieß er einen leisen Fluch aus. „Bess, und weiter?“

„McNee. Und Sie?“

„Ich bin im Dienst. Geburtsdatum?“

„Warum?“

Er sah auf, ihre Augen trafen sich. „Warum was?“

„Warum wollen Sie das wissen?“

Geduld war noch nie Alex’ starke Seite gewesen, und mit einem Mal gingen ihm die Nerven durch. Drohend wies er auf den Bogen Papier. „Weil ich nun einmal dieses verdammte Formular ausfüllen muss!“

„Okay, ich bin achtundzwanzig. Zwilling. Ich bin am ersten Juni geboren.“

Alex rechnete kurz nach und tippte dann die Daten. „Wohnsitz?“

Neugierig wie sie war, hatte Bess sich an den Papieren auf seinem Schreibtisch zu schaffen gemacht, bis er ihr auf die Finger klopfte.

„Warum sind Sie eigentlich so nervös?“ fragte sie ihn. „Macht es Ihnen etwas aus, als Spitzel zu arbeiten?“

Dieses unverschämte Lächeln, dachte er erbittert. Es war herausfordernd, sexy und alles andere als dumm. Zusammen mit ihren intelligenten grünen Augen hätte man fast denken können, dass sie etwas anderes wäre als eine Prostituierte. Aber sie sah wie eine Nutte aus, und sie roch auch wie eine Nutte. Deshalb …

„Hör zu, Schätzchen, die Sache funktioniert so. Ich stelle hier die Fragen, und du antwortest. Ist das klar?“

„Knallhart, zynisch und abgebrüht.“

Er zog die Brauen hoch. „Wie bitte?“

„So schätze ich Sie ein. Sie wollen also meine Adresse, ja?“ Bess nannte ihm ein Viertel und eine Straße.

Alex sah sie ungläubig an. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Nein, keineswegs.“ Brav legte Bess die Hände in den Schoß.

„Deine Adresse“, wiederholte er.

„Ich habe sie Ihnen gerade gegeben.“

„Ich weiß ganz genau, wie im Moment die Mietpreise liegen. Kann schon sein, dass du Klasse hast.“ Er warf ihr noch einmal einen prüfenden Blick zu. „Vielleicht hast du sogar mehr Klasse, als man dir zutrauen würde. Aber eins steht fest – mit dem, was du tust, kannst du dir auf gar keinen Fall eine solche Miete leisten.“

Das saß, und es tat weh. Bess fühlte sich vor allem getroffen, weil sie über eine Stunde damit verbracht hatte, sich aufs Sorgfältigste zu schminken. Und sie wusste, dass sie eine fabelhafte Figur hatte. Schließlich ging sie dreimal in der Woche ins Fitness-Studio, um in Form zu bleiben. „Aber das ist nun mal meine Adresse, Bulle!“ Wütend leerte Bess den Inhalt ihrer großen Leinentasche auf seinem Schreibtisch aus. Sie würde sich von ihm keine Beleidigung gefallen lassen!

Alex beobachtete sie fasziniert, während sie den Inhalt durchwühlte. Allein mit den Kosmetika hätte man eine mittelgroße Parfümerie füllen können. Und es waren nicht gerade Billigprodukte. Sechs Lippenstifte, zwei Kompaktpuderdosen, verschiedene Mascarabürsten und mehrere Döschen mit Lidschatten. Dazu noch Eyelinerstifte in allen Farben des Regenbogens. Zwischen all dem befanden sich zwei Schlüsselbunde, Rechnungen über Kreditkartenbeträge, bunte Gummibänder, Büroklammern, zwölf – Alex hatte sie genau gezählt –, Kugelschreiber, einige zerbrochene Bleistifte, ein Schreibblock, zwei Taschenbücher, Streichhölzer, ein ledernes Notizbuch mit den Initialen ELM, ein Tacker – er fragte sich nicht einmal mehr, warum Bess so etwas mit sich herumschleppte –, Taschentücher sowie einige zerknüllte Blätter, ein Aufnahmegerät mit Mikrokassetten. Und eine Pistole.

Alex griff sich die Waffe aus dem Stapel heraus und sah sie sich genauer an. Es war eine Wasserpistole!

„Passen Sie damit auf“, warnte sie ihn, als sie endlich ihre Brieftasche fand. „Die ist voller Ammoniak.“

„Ammoniak?“

„Ja, früher habe ich Gas benutzt, aber das hier tut’s genauso gut. So, sehen Sie sich das an!“ Triumphierend hielt sie ihm die Brieftasche unter die Nase.

Dem Foto nach zu urteilen schien es sich um dieselbe Person zu handeln. Das Haar war kurz und lockig, es sah nach einem teuren Schnitt aus. Aber die Farbe stimmte nicht – ein dunkles Kastanienrot anstatt blond. Unverwechselbar hingegen die Nase, das Kinn. Und vor allem die Augen! Alex runzelte die Stirn, als er sich den Führerschein besah. Tatsächlich, die Adresse stimmte!

„Sie haben ein Auto?“

Bess zuckte die Achseln und begann die Sachen wieder in ihre Tasche zu stopfen. „Na und?“

„Bei Frauen aus Ihrem Gewerbe ist das nicht sehr häufig der Fall.“

Da hatte er Recht. Bess zögerte einen Moment. „Ich habe einen Führerschein. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass ich auch ein Auto habe, oder?“

„Nein.“ Er sicherte sich die Brieftasche. „Und jetzt nehmen Sie die Perücke ab.“

Ironisch blickte Bess ihn an. „Und warum?“

Ohne zu zögern beugte sich Alex über den Schreibtisch und riss sie ihr eigenhändig vom Kopf. Bess funkelte ihn wütend an, während sie sich mit dem Finger durch die kurzen rotbraunen Locken fuhr. „Die brauche ich aber zurück. Sie ist nur geborgt.“

„Na klar!“ Er warf die Perücke auf den Schreibtisch und lehnte sich in seinem knarrenden Stuhl zurück, um Bess noch einmal einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Wenn diese Lady eine Nutte war, war er Superman! „Was, zum Teufel, sind Sie eigentlich?“

Dies war der Zeitpunkt, um reinen Tisch zu machen. So viel war Bess klar. Aber irgendetwas an ihm reizte sie, das Spiel mit ihm weiterzuspielen. „Ich bin nur eine Frau, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen muss, Officer.“ Genauso würde auch Jade sich verhalten, da war Bess ganz sicher. Und da sie Jade schließlich erfunden hatte, durfte sie sie jetzt auch nicht blamieren.

Alex öffnete die Brieftasche und zählte die Scheine, die sich darin befanden. Die Summe betrug mehr, als er in zwei Wochen verdiente. „Ich verstehe.“

„Dürfen Sie das eigentlich überhaupt?“ fragte sie ihn mehr neugierig als verärgert. „Dürfen Sie so ohne weiteres meine persönlichen Unterlagen durchwühlen?“

„Ich werde Sie schon noch früh genug über meine Kompetenzen aufklären, keine Angst.“ Alex stieß in der Brieftasche auch auf ein paar Fotos. Es waren Schnappschüsse von Leuten. Auf manchen war auch Bess zu sehen, auf anderen nicht. Die Dame schien zudem einer Menge Klubs und Vereine anzugehören. Er fand Mitgliedskarten von Greenpeace, der World Wildlife Federation, Amnesty International und dem Schriftstellerverband. Bei der letzten Karte fiel ihm wieder der Kassettenrekorder ein. Als er sich das Ding genauer ansah, stellte er fest, dass er angestellt war.

„So, ich will jetzt endlich wissen, woran ich bin, Lady.“

Du meine Güte, war er nicht süß? Bess musste unwillkürlich lächeln, als sie ihn ansah. „Wie meinen Sie das?“

„Ich will wissen, was Sie auf dem Straßenstrich zu suchen hatten, zwischen Rosalie und all den anderen Mädchen.“

„Das ist mein Job.“ Seine Augen funkelten drohend. Bess musste sich eingestehen, dass sie ihn unwiderstehlich fand. Er war ungeduldig, vielleicht auch ein wenig gemein, und hielt sein Temperament nur schwer unter Kontrolle.

War er nicht fantastisch?

„Doch, bitte glauben Sie mir.“ Bess lehnte sich eindringlich nach vorn. „Sehen Sie, all dies hängt zusammen mit Jade. Jade besitzt eine schizophrene Persönlichkeit. Am Tag ist sie eine sehr erfolgreiche Anwältin – Sie wissen schon, die ganz knallharte Sorte –, doch bei Nacht geht sie auf den Strich. Sie versucht dabei das zu verdrängen, was zwischen ihr und Brock passiert ist. Doch da sich gleichzeitig auch noch ein Kindheitstrauma bei ihr bemerkbar macht, droht sie an der Belastung zu zerbrechen. Auf jeden Fall ist sie sehr selbstzerstörerisch.“

Seine Augen hatten sich verdunkelt, sie wirkten jetzt fast schwarz. „Und wer, zum Teufel, ist Jade?“

„Jade Sullivan Carstairs. Sehen Sie nachmittags denn nie Fernsehen?“

Alex drehte sich der Kopf. „Nein.“

„Dann verpassen Sie wirklich etwas. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die Dreiecksgeschichte zwischen Jade, Storm und Brock wirklich interessieren würde. Storm ist Polizist, wissen Sie, und er hat sich in Jade verliebt. Aber ihre psychischen Probleme und die Macht, die Brock noch immer über sie hat, komplizieren die Sache. Dazu kommt noch, dass Jade eine Fehlgeburt hatte und gekidnappt wurde. Aber Storm hat natürlich auch genügend eigene Probleme.“

„Natürlich. Und was haben Sie mit der ganzen Sache zu tun?“

„Oh, Entschuldigung, das habe ich ja ganz vergessen. Ich schreibe für, Heimliche Sünden‘. Die bekannte Fernsehserie.“

„Sie schreiben Seifenopern fürs Fernsehen?“

„Allerdings.“ Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen hatte Bess überhaupt nichts dagegen, wenn man die Serie so bezeichnete. „Und ich versuche natürlich, alles so lebensecht wie möglich zu beschreiben. Das heißt, ich versuche mich bis ins kleinste Detail in meine Figuren hineinzuversetzen. Und da mir Jade ganz besonders am Herzen liegt, wollte ich …“

„Sind Sie eigentlich noch ganz bei Trost?“ Alex beugte sich nach vorn und starrte ihr ins Gesicht. „Wissen Sie überhaupt, worauf Sie sich da eingelassen haben?“

Bess sah ihn amüsiert an, sie war sich keiner Schuld bewusst. „Ich würde das einfach Recherche nennen.“

Alex stieß einen saftigen Fluch aus. Fasziniert sah Bess ihm dabei zu, wie er mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar fuhr. „Und wie weit hatten Sie vor, Ihre so genannte Recherche zu betreiben, Lady?“

„Wie ich …? Oh!“ Unwillkürlich musste sie lachen. „Nun, jedenfalls nicht so weit, wie Sie denken, Officer.“

„Und was hätten Sie wohl getan, wenn ich kein Polizist gewesen wäre?“

„Ach, dann wäre mir schon etwas eingefallen.“ Das Lächeln hielt sich noch eine Weile auf ihrem Gesicht. Er sah wirklich umwerfend aus – gebräunte Haut mit einem leichten Goldschimmer, dunkle Augen und eine sehr markante Knochenstruktur. Am anziehendsten jedoch war der Mund mit vollen, sinnlichen Lippen. Auch wenn er so finster blickte wie jetzt, war er immer noch hinreißend.

„Mir fällt eigentlich immer etwas ein. Und als ich Sie sah, wusste ich gleich, dass mir nichts passieren würde. Damit will ich sagen, Sie schienen mir einfach nicht die Sorte Mann zu sein, die …“, wie kann man so etwas nur gut ausdrücken? fragte sich Bess, „… die es nötig hat, für ihr Vergnügen zu bezahlen.“

Alex war so wütend, dass er sie am liebsten übers Knie gelegt hätte. Die Vorstellung, ihrem süßen kleinen Hinterteil einige nette Klapse verabreichen zu können, erschien ihm äußerst aufregend. „Und was wäre passiert, wenn Sie sich geirrt hätten?“

„Aber ich habe mich nicht geirrt“, entgegnete Bess. „Einen Moment lang war ich etwas beunruhigt, aber dann hat sich ja glücklicherweise alles aufgeklärt. Und es wurde sogar noch aufregender, als ich mir vorgestellt hatte, denn ich durfte zum ersten Mal in meinem Leben in einer – nennen Sie sie eigentlich immer noch grüne Minnas? – in einer grünen Minna fahren!“

Alex war sich so sicher gewesen, dass er bereits alles Mögliche gesehen und gehört hatte. Nur mit äußerster Willenskraft sprach er mit zusammengebissenen Zähnen: „Zwei Prostituierte wurden ermordet. Und zwar ganz in der Nähe des Strichs.“

„Ja, das ist mir klar.“ Bess’ Antwort kam sehr schnell, so, als würde sie damit alles erklären. „Das war ja auch einer der Gründe, warum ich mir diese Gegend ausgesucht hatte. Und zwar stelle ich mir vor, dass Jade …“

„Ich spreche gerade von Ihnen!“ Seine Stimme war schneidend kalt. „Irgendeine gottverdammte Journalistin, die glaubt, dass es nur einen Minirock und drei Pfund Make-up braucht, um eine fremde Welt verstehen zu können. Bildeten Sie sich allen Ernstes ein, dass Sie danach einfach in Ihre hübsche vornehme Gegend zurückfahren könnten, die Schminke abwaschen und der Fall damit geregelt gewesen wäre?“

„Journalistin?“ Das war das einzige Wort, das Bess wirklich gegen den Strich ging. „Hören Sie zu, Mann …“

„Nein, Sie hören mir zu! Bleiben Sie dort, wo Sie hergekommen sind, und ziehen Sie endlich diese verdammte Nuttenkleidung aus! Und in Zukunft recherchieren Sie um Gottes willen aus Büchern!“

Bess sah ihn mit funkelnden Augen an. „Ich kann überallhin gehen, und ich kann auch tragen, was ich will!“

„Ach ja, sind Sie sicher?“ Es gab nur einen Weg, um ihr eine Lektion zu erteilen. Ein äußerst bewährter Weg. „Na gut!“ Er erhob sich, nahm ihr die Tasche aus der Hand und ergriff dann fest ihren Arm. „Also los!“

„Was soll das?“

„Ich bringe Sie jetzt in Untersuchungshaft, Lady. Sie sind schließlich festgenommen, oder haben Sie das schon wieder vergessen?“

Bess wäre in den hohen Schuhen fast gestolpert. Laut protestierte sie: „Aber ich habe Ihnen doch gerade erklärt, dass ich …“

„Ich höre jeden Tag mindestens zehn Lügengeschichten, die besser klingen.“

„Sie werden mich nicht in eine Zelle einsperren!“ Bess war sich ihrer Sache ganz sicher.

Bis zu dem Moment, als die Zellentür hinter ihr mit lautem Knall ins Schloss fiel.

Es dauerte etwa zehn Minuten, bis der Schock sich wieder gelegt hatte. Als dies dann geschah, entschied Bess sich, die Sache nicht allzu schwer zu nehmen. Natürlich war sie weiterhin wütend auf den Polizisten – wer auch immer er war –, aber andererseits hatte er ihr zu einer Gelegenheit verholfen, die sicher nicht so schnell wiederkehren würde. Sie befand sich in einer Untersuchungszelle zusammen mit einigen anderen Frauen. Bess beschloss, die Atmosphäre genau zu studieren. Außerdem wollte sie sich mit den Frauen unterhalten.

Als eine ihrer Zellengenossinnen ihr mitteilte, dass sie einen Anruf machen dürfe, meldete sie dies sofort an. Erfreut über den Fortschritt, den sie langsam machte, lehnte Bess sich dann zurück, um mehr von ihren Leidensgenossinnen zu erfahren.

Dreißig hochinteressante Minuten später sah sie auf und erblickte ihre Freundin und Co-Autorin Lori Banes, die neben einem uniformierten Polizisten stand.

„Bess, du scheinst dich ja hier wie zu Hause zu fühlen!“

Grinsend stand Bess auf, während der Wachmann die Zelle aufschloss.

„Es war wirklich toll hier!“

„He“, rief eine der Zellengenossinnen ihr nach, „ich sage Ihnen, diese Vicky ist eine Hexe. Jeffrey sollte sie besser loswerden. Amelia ist genau die richtige Frau für ihn!“

Bess winkte ihr noch einmal zu. „Ich werde sehen, was sich machen lässt. Adieu, Mädels!“

Lori hatte sich eigentlich immer für tolerant gehalten. Sie war auch bestimmt nicht besonders prüde oder voreingenommen. Und genau das sagte sie Bess, während die beiden die langen Gänge hinunter, die Treppen hinauf und schließlich wieder in den Empfangsraum der Polizeiwache gingen.

„Aber“, fügte sie hinzu und rieb sich die schmerzenden Augen, „irgendwie finde ich es nicht besonders witzig, um zwei Uhr nachts aus dem Bett geworfen zu werden, um dich aus dem Gefängnis auszulösen.“

„Tut mir wirklich sehr Leid, doch es war ganz fantastisch! Warte nur ab, bis ich dir alles erzähle.“

„Weißt du eigentlich auch, wie du aussiehst, meine Liebe?“

„Natürlich.“ Neugierig spähte Bess nach Alex aus, aber der Stuhl hinter seinem Schreibtisch war nicht besetzt. „Ich wusste ja gar nicht, dass sich die Mädchen, die anschaffen, unsere Sendung anschauen. Andererseits ist das klar, sie arbeiten ja meist nachts. Entschuldige einen Moment, Lori …“ Bess wandte sich an einen der Polizisten, der gerade an ihnen vorbeiging. „Wo ist Ihr Kollege, der an diesem Schreibtisch sitzt?“

Der Beamte verschluckte sich fast an dem Salami-Sandwich, in das er gerade hatte beißen wollen. „Stanislaski?“

„Wow! Was für ein Name! Ist er irgendwo in der Nähe?“

„Er verhört gerade jemanden.“

„Oh. Vielen Dank.“

„Komm schon, Bess, wir müssen jetzt deine Sachen holen.“

Bess unterzeichnete ein Formular, und man händigte ihr wieder ihre Börse mitsamt Inhalt aus. Dabei sah sie sich die ganze Zeit nach Alex um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. „Stanislaski“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Das ist doch ein polnischer Name, glaubst du nicht?“

„Woher soll ich das wissen?“ Lori begann langsam die Geduld zu verlieren. Energisch bugsierte sie Bess zum Ausgang. „Also los, lass uns von hier verschwinden. Es wimmelt hier ja nur so von Kriminellen.“

„Ja, ich weiß. Ist das nicht fantastisch?“ Lachend hakte Bess sich bei Lori unter. „Ich glaube, ich habe heute Nacht genug Einfälle für die nächsten drei Jahre gesammelt. Wenn wir uns entschließen, Elana verhaften zu lassen, weil sie Reed umgebracht hat …“

„Aber wir wissen doch noch gar nicht, ob sie ihn umgebracht hat.“

Seufzend sah Bess sich nach einem Taxi um. „Lori, wir wissen doch beide, dass Jim seinen Vertrag nicht verlängern lassen will. Er will nur noch als Filmschauspieler arbeiten. Wenn wir seine Rolle eliminieren, gewinnt dafür Elanas Geschichte viel mehr Spannung. Und das wäre sicher gut für die Story.“

„Kann schon sein.“

Bess spielte ihre letzte Karte aus. „, Unser Leben, unsere Lieben‘ ist letzte Woche in der Quotenrechnung um zwei Punkte höher gestiegen.“

Lori blieb ihr darauf die Antwort schuldig.

„Außerdem habe ich gehört, dass Dr. Amanda Jamison Zwillinge bekommen soll.“

„Zwillinge?“ Gequält schloss Lori die Augen. Der weibliche Star der Konkurrenzserie, die Schauspielerin Ariel Kirkwood, die eine neurotische Psychiaterin spielte, lag ganz vorn in der Gunst der Zuschauer. „Warum müssen es denn ausgerechnet Zwillinge sein?“ seufzte Lori. „Also gut. Reed wird sterben.“

Bess lächelte kurz im Bewusstsein ihres Sieges, dann verließen sie schnell die Wache.

„Wie dem auch sei, als ich in der Zelle saß, stellte ich mir die elegante, durch nichts aus der Ruhe zu bringende Dr. Elana Warfield Stafford Carstairs im Gefängnis vor. Fabelhaft, Lori, einfach fabelhaft! Nur schade, dass du den Polizisten nicht gesehen hast.“

Sie waren bis zur Ecke gegangen, doch weit und breit ließ sich kein Taxi blicken. „Welcher Polizist?“

„Der mich verhaftet hat. Er war unglaublich sexy.“

Lori besaß nur noch die Energie, um tief zu seufzen. „Das ist wieder einmal typisch für dich. Wenn dich schon mal ein Polizist verhaftet, ist er auch noch gleich sexy.“

„Nein, wirklich! Er hatte wunderschönes, dichtes schwarzes Haar. Und seine Augen waren auch fast schwarz. Jedenfalls sehr intensiv. Mit den hohen Backenknochen sah sein Gesicht irgendwie slawisch aus, und dann dieser traumhafte Mund. Außerdem hatte er eine tolle Figur. Ganz schön durchtrainiert, so etwa wie ein Boxer.“

„Tu mir den Gefallen und hör jetzt auf, Bess.“

„Nein, wieso denn? Ich kann doch einen Mann attraktiv finden, ohne dass ich mich gleich in ihn verlieben muss.“

Lori sah sie nur an. „Bist du sicher?“

„Oh ja, seit dem letzten Mal bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich erblickte Bess ein Taxi. „Ich interessiere mich nur aus beruflichen Gründen für diesen jungen Mann.“

„Natürlich.“ Achselzuckend stieg Lori in den Wagen ein.

„Ich schwöre es.“ Bess erhob die Hand zum Schwur. „Außerdem kann er uns dabei behilflich sein, Storms Geschichte mit Hintergrund zu füllen.“ Sie gab dem Fahrer die beiden Adressen an. „Nachdem Jade von dem Millbrook Maniac angefallen wird, erkennt Storm endlich, wie seine Gefühle für sie aussehen. Aber wir müssen unbedingt mehr über ihn wissen. Zum Beispiel den Zwiespalt, in den er gerät, wenn er zwischen seiner professionellen Ethik und der Loyalität seiner Familie gegenüber abwägen muss. Und wenn er dann auf Brock stößt …“

„He!“ An einer roten Ampel wandte sich der Taxifahrer zu ihnen um. „Geht’s da etwa um, Heimliche Sünden‘?“

„Allerdings.“ Bess sah ihn neugierig an. „Kennen Sie die Serie?“

„Meine Frau sieht sie jeden Tag. Aber Ihre Gesichter kenne ich nicht.“

„Nein, wir spielen auch nicht mit“, erklärte Bess schmunzelnd. „Wir sind die Autorinnen.“

„Ah, verstehe.“ Zufrieden gab er Gas, als die Ampel wieder auf Grün schaltete. „Ich würde Ihnen gern sagen, was ich von dieser falschen Schlange Vicky halte.“

Nachdem er seine Meinung kundgetan hatte, begann Bess eine hitzige Debatte mit ihm.

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