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Heißes Rendezvous mit dem Boss

Natalie Anderson

Heißes Rendezvous mit dem Boss

1. KAPITEL

Zeit mochte für manche Menschen ein dehnbarer Begriff sein. Für Sophy Braithwaite war das nicht der Fall.

Langsam, dann immer ungeduldiger tippte sie mit den Zehenspitzen auf den Fußboden.

Die Frau am Empfang hatte sie die Treppe hinauf zum Büro geschickt, und aufgrund des Schilds an der Tür wusste Sophy, dass sie hier richtig war. Und jetzt wartete sie.

Kurz ließ sie den Blick über die Bilder italienischer Landschaften gleiten, die sicher Cara ausgesucht hatte. Dann betrachtete sie wieder das Ungetüm von einem Schreibtisch, auf dem sich Papiere zu gefährlich hohen Stapeln türmten, die jeden Moment umzufallen drohten. Cara hatte also mit ihrer Aussage nicht übertrieben, sie hätte ein Chaos hinterlassen.

Der überstürzte Abschied hatte Cara sehr leidgetan, doch da ihr Baby sechs Wochen zu früh auf die Welt gekommen war, hatte sie keine andere Wahl gehabt. Noch immer lag das süße kleine Ding im Krankenhaus, und die junge Mutter war übernächtigt und voller Angst. In ihrem Zustand sollte sie sich wirklich nicht auch noch Sorgen wegen ihrer Teilzeitstelle für eine wohltätige Stiftung machen.

Sophys Ungeduld und Ärger nahmen zu. Wo steckte er denn jetzt – der berühmt-berüchtigte Lorenzo Hall, neuer Star der Weinbranche, Liebling aller Charity-Ladys und der Geschäftsführer von diesem Chaos?

„Lorenzo hat momentan so viel zu tun, weil Alex und Dani nicht da sind.“ Cara hatte sehr besorgt geklungen, als sie bei Sophys Schwester Victoria angerufen und diese den Hörer an sie weitergereicht hatte. „Es wäre einfach toll, wenn du einspringen würdest, damit er sich zumindest wegen des Whistle Funds keine Sorgen mehr machen muss.“ Doch eigentlich war Sophy jetzt hier, damit Cara sich keine Sorgen mehr machte.

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie mit dem Fuß im Takt eines rhythmischen Geräuschs tippte, das aus einiger Entfernung zu hören war. Es wurde schneller, hörte auf und begann dann von Neuem. Sophy schüttelte den Kopf. Während sie erneut das Chaos betrachtete, das sich vor ihr ausbreitete, wünschte sie sehnlichst, einfach mal Nein sagen zu können. Doch das war ihr einfach nicht möglich, wie alle nur zu gut wussten: Obwohl sie erst vor einem knappen Monat nach Neuseeland zurückgekehrt war, hatte ihre Familie sie schon mit Aufgaben geradezu überhäuft. Und Sophy hatte sich das gefallen lassen. Dabei hatte sie eigentlich beschlossen, sich zumindest etwas Zeit für ihre eigene Arbeit vorzubehalten.

Sie sagte zu allem Ja und bestätigte damit stillschweigend die Annahme, sie hätte ohnehin nichts Besseres zu tun – zumindest nichts so Wichtiges wie die Aufgaben, die an sie herangetragen wurden.

Doch das stimmte nicht.

Sophy half ihrer Familie zwar nur zu gern, aber es gab noch etwas anderes, das sie sehr gern tat. Als sie an ihre eigentliche Berufung dachte, schlug ihr Herz schneller. Denn sie wünschte sich so sehr, genau das unter Beweis zu stellen. Dafür allerdings brauchte sie Zeit.

Und deshalb hatte Sophy wirklich keine Lust, herumzustehen und auf irgendjemanden zu warten – erst recht nicht auf jemanden, der offenbar nicht einmal in der Lage war, sich eine Aushilfskraft zu organisieren. Cara hatte Sophy vom Krankenhaus aus angerufen und gebeten, einzuspringen. Sie sah auf die Uhr, über deren Anblick sie sich jedes Mal freute: Es war eine wunderschöne, alte kleine Uhr, die Sophy auf einem Flohmarkt in London aufgestöbert und beim Uhrmacher hatte reparieren lassen. Sie funktionierte ausgezeichnet und ging ganz sicher nicht vor.

Als von draußen erneut das rhythmische Geräusch ertönte, wurden in Sophy Erinnerungen aus ihrer Schulzeit wach. Sie ging zum Fenster, blickte in den Hof hinter dem Weinlager – und atmete tief ein. Ja, tatsächlich, jemand spielte dort Basketball.

Es war Lorenzo Hall – er musste es einfach sein –, der sich da draußen vergnügte. Wäre er nicht allein gewesen, hätte Sophy noch Verständnis dafür gehabt, weil er vielleicht ein Spiel nicht vorzeitig abbrechen wollte. Aber er spielte ganz allein, während sie darauf wartete, dass ein fest vereinbarter Termin endlich begann.

Sophy verließ das Büro und lief die Treppe hinunter. Als die Empfangssekretärin ihr entgegenkam, fragte sie diese betont höflich: „Glauben Sie, Mr Hall wird bald kommen?“

„Ist er denn nicht in seinem Büro?“, entgegnete die Frau ein wenig beunruhigt.

Sophy bedachte die Frau mit einem kühlen Blick, denn eigentlich sollte eine Empfangssekretärin wissen, wo sich ihr Chef aufhielt. „Nein“, erwiderte sie dann.

„Aber ich habe ihn vorhin noch dort gesehen“, sagte die Frau stirnrunzelnd. „Sehen Sie doch mal im dritten Stock nach, oder hinten im Hof.“ Und damit war sie auch schon wieder weitergeeilt.

Während Sophy nach unten in den Empfangsbereich ging, wurde sie immer aufgebrachter. Lorenzo Hall mochte es zwar in kürzester Zeit zu erstaunlichem Erfolg in der Weinbranche gebracht haben, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ihm das gelungen war. Er schaffte es ja nicht einmal, einen bereits zwei Tage zuvor vereinbarten Termin einzuhalten!

Bevor sie nach draußen ging, blieb Sophy kurz stehen, straffte sich und zog dann die schwere Tür auf.

Schon vom Büro aus hatte sie gesehen, wer ihr da gegenüberstehen würde. Auf Lorenzo Halls Wirkung aus nächster Nähe war sie allerdings nicht vorbereitet. Es verschlug ihr einfach die Sprache.

Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und zwar einen ziemlich breiten Rücken, der sehr sonnengebräunt war. Kein Wunder, denn offenbar verbrachte er viel Zeit draußen – und zwar ohne Hemd.

Dass ihr plötzlich sehr heiß wurde, lag sicher nur daran, dass Sophy so aufgebracht war.

Den Ball in den Händen, beugte Lorenzo ein wenig die Knie, als er auf den Basketballkorb am anderen Ende des asphaltierten Platzes zielte.

Sophy wartete genau den Moment ab, in dem sein Körper sich straffte. „Lorenzo Hall?“, rief sie dann.

Als er wie zu erwarten den Korb verfehlte, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das jedoch schnell wieder verschwand.

Obwohl Lorenzo Hall etwa drei Meter von ihr entfernt war, spürte sie die sengende Hitze, die von ihm auszugehen schien. Er wandte den Kopf, ließ – mit den dunkelsten Augen, die sie je gesehen hatte – einen durchdringenden Blick über sie gleiten und wandte sich dann wieder dem Basketballkorb zu.

Mehr als diesen flüchtigen Blick hielt er also nicht für nötig? Sophy war es nicht gewohnt, so schnell abgefertigt zu werden. Mochte sie auch als Einzige der Familie keine beeindruckende Karriere als Juristin vorzuweisen haben, so gab es doch zumindest an ihrer Erscheinung nie etwas zu beanstanden: Sie sah immer makellos aus. Nach außen stets präsentabel zu sein, das war ihr seit frühester Kindheit eingebleut worden. Und Sophy wusste, dass sie in ihrem zartblauen Leinenrock und der sorgfältig gebügelten weißen Bluse mehr als präsentabel aussah. Ihr Lippenstift war dezent, ihr Gesicht gepudert, sodass es nicht glänzte, und ihre Frisur – unfreiwillig stets dieselbe – saß mit Sicherheit so perfekt wie immer.

Lorenzo musste sich kaum bewegen, um den Ball zurückzubekommen. Als er ihn zwischen den kräftigen Händen hielt, wandte er sich um und sah Sophy erneut an, noch durchdringender als beim ersten Mal. Dann drehte er sich um, visierte den Korb an und versenkte den Ball mit einem gut gezielten Wurf darin.

Sophy wäre am liebsten gegangen, doch sie war so aufgebracht, dass sie sich nicht rühren konnte. Lorenzo war also sein kleines Match mit sich selbst wichtiger als der vereinbarte Termin mit ihr. Bisher hatte sie nur Positives über seine wohltätige Stiftung gehört – und Gerüchte über seine Vergangenheit und seinen kometenhaften Aufstieg. Die Leute fanden es großartig, dass jemand mit seinem Hintergrund so erfolgreich Karriere hatte machen können.

„Wird unser Termin in absehbarer Zeit stattfinden?“, fragte Sophy. Nein, sie würde ihm nicht vorschlagen, zu einem anderen Zeitpunkt wiederzukommen, obwohl ihr die versöhnlichen Worte schon auf der Zunge lagen.

Als der Ball wieder auf ihn zusprang, fing Lorenzo ihn auf, warf ihn zur Seite und kam auf sie zu. Über dem Bund seiner tief sitzenden Jeans sah Sophy einen schmalen Streifen hervorblitzen. Unwillkürlich fragte sie sich, ob er wohl Boxershorts oder einen Slip trug. Sie konnte einfach nicht wegsehen.

Lorenzos Oberkörper war geradezu perfekt: sonnengebräunt und durchtrainiert. Er bewegte sich geschmeidig wie ein Tiger und Sophy war wie hypnotisiert.

Er hat wirklich einen tollen Körper, dachte sie und ließ unwillkürlich den Blick nach unten gleiten …

Mit zwei schnellen Schritten stand Lorenzo plötzlich direkt vor ihr – viel zu nah. Überrascht blickte sie auf. Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an und hatte offenbar bemerkt, wie eingehend sie ihn betrachtete.

Sophy erwiderte seinen Blick, fest entschlossen, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. Doch als Lorenzo nun ihre Aufmerksamkeit hatte, ließ er den Blick ganz langsam über ihren Körper gleiten. Sie konnte ihn spüren, an ihrem Hals, der nackten Haut, die in ihrem Ausschnitt zu sehen war, auf ihren Brüsten …

Aufgebracht kämpfte Sophy gegen die Röte an, die ihr ins Gesicht stieg. Ja, sie hatte Lorenzo ebenso unverhohlen betrachtet – aber unbewusst, nicht als absichtliche sinnliche Provokation. Als heftiges Verlangen von ihr Besitz zu ergreifen drohte, konzentrierte Sophy sich auf ihren Ärger, um dieses zu unterdrücken.

„Sie sind bestimmt Sophy“, sagte Lorenzo jetzt und wies auf seinen kleinen Basketballplatz. „Ich habe nachgedacht und dabei ganz die Zeit vergessen.“

Das war ein bisschen wenig für eine Entschuldigung.

„Meine Zeit ist auch etwas wert“, sagte Sophy deshalb, und zwar zum ersten Mal in ihrem Leben. „Ich mag es nicht, wenn sie verschwendet wird.“ Und erst recht nicht von einem halb nackten Mann.

Lorenzo sah sie mit seinen fast schwarzen, unergründlichen Augen an, und seine markanten Gesichtszüge röteten sich ein wenig. Vor Anstrengung, Verlegenheit oder Ärger? Vermutlich Letzteres.

„Natürlich“, erwiderte er ein wenig zu gelassen. „Ich werde es nicht noch einmal tun.“ In seinen Augen funkelte etwas.

Sophy konnte nichts dagegen tun, dass sie nun doch errötete – als wäre sie im Unrecht. In ihren hochhackigen Pumps trat sie von einem Fuß auf den anderen, warf noch einen letzten schnellen irritierten Blick auf Lorenzo und versuchte dann, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„Haben Sie noch nie einen Mann mit nacktem Oberkörper gesehen, Sophy?“

Lorenzos ruhige, ironische Frage traf sie mit voller Wucht, und die morgendliche Sonne schien plötzlich sehr heiß auf Sophy niederzubrennen. Sie versuchte, etwas zu sagen, brachte jedoch einfach kein Wort heraus.

Er wandte sich ab. „Wie wär’s mit einem kleinen Spiel? Ich finde ja immer, dass man sich danach besser konzentrieren kann. Und außerdem kann man damit überschüssige Energie abbauen“, schloss er vielsagend.

Offensichtlich versuchte er, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen – als würde er das allein mit seiner körperlichen Ausstrahlung nicht ohnehin schon tun. Mit aller Macht riss Sophy sich zusammen und, erwiderte: „Dafür bin ich wohl etwas overdressed.“

Einen kurzen Moment lang wurden Lorenzos Augen groß. Dann, sagte er ruhig: „Das lässt sich ja leicht ändern.“

Fest entschlossen, gelassen zu bleiben, zog Sophy die Augenbrauen hoch. „Ich soll mich für Sie ausziehen?“

Sein Lachen war einfach unwiderstehlich. Überrascht sah sie, wie sich Lorenzos Gesichtsausdruck vollständig veränderte: vom düsteren Grübeln hin zu überschäumendem Humor. Es war faszinierend – und er atemberaubend attraktiv.

„Es wäre nur fair, finden Sie nicht? Ich bin ja eindeutig im Nachteil.“

„Daran sind Sie aber selbst schuld“, erwiderte Sophy noch atemloser als bisher. Ihrer Ansicht nach stellte die Tatsache, dass Lorenzo halb nackt war, für ihn durchaus einen Vorteil dar. Denn damit konnte er sein Gegenüber ziemlich durcheinanderbringen. Sie wandte sich zur Seite und versuchte, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Dabei fiel ihr Blick auf den Bretterzaun, auf dem riesige Graffiti prangten. Mit seinen kräftigen Farben wirkte es fast dreidimensional: Ein Mann, der an eine antike Statue erinnerte, dahinter leuchtend blaue Schattierungen und neben ihm ein nicht leserliches Wort. Angesichts des kühl-eleganten Empfangsbereichs hätte Sophy niemals mit so etwas gerechnet – ebenso wenig wie mit dem Chaos im Büro.

Lorenzo hob den Ball auf und ließ ihn in den Händen rotieren. „Wir können alles besprechen, während wir spielen.“

Er lächelte noch immer, doch jetzt wirkte er wieder ein wenig herausfordernd. Aber Sophy würde auf keinen Fall mit ihm Basketball spielen: Sie hatte das schon seit Jahren nicht mehr getan und befürchtete, dass sie den Korb um einen Kilometer verfehlen und sich absolut blamieren würde.

„Vielleicht sollten wir einen neuen Termin vereinbaren“, sagte sie.

Als Lorenzos Lächeln sich vertiefte, spürte Sophy, wie ihr heiß wurde. Cara hatte nicht erwähnt, wie atemberaubend ihr Chef war. Sie zwang sich, den Blick von Lorenzo abzuwenden und wieder zu den Graffiti gleiten zu lassen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, das Wort zu entziffern.

„Diese verdammten Gören“, sagte Lorenzo, der ihrem Blick folgte.

„Es könnte doch schlimmer sein“, entgegnete Sophy, die auf keinen Fall einer Meinung mit ihm sein wollte. „Zum Beispiel, wenn es nur ein tag wäre, also einfach nur Initialen oder ein Name. Das hier ist doch eigentlich ein ziemlich cooles Bild.“

Lorenzo ließ ein Räuspern ertönen, das sich zu einem heftigen trockenen Husten steigerte. Jeden anderen hätte Sophy gefragt, ob alles in Ordnung sei. Doch in seinem Fall wollte sie sich gar nicht erst auf eine persönliche Ebene begeben. Denn schon jetzt spürte sie, wie sehr er sie durcheinanderbrachte.

„Die Graffiti zu machen hat bestimmt eine Weile gedauert“, stellte sie fest, als der Hustenanfall abgeklungen war. „Nur schade, dass der Besitz eines anderen Menschen besprüht wurde.“

„Da haben Sie vollkommen recht.“

Sophy, die einen amüsierten Klang aus Lorenzos Antwort herauszuhören meinte, warf ihm einen Blick zu. Sie blieb misstrauisch, auch wenn sein Gesichtsausdruck grüblerisch wirkte.

„Sie brauchen also jemanden für die Verwaltung der Stiftung?“, fragte sie, um das Gespräch endlich in die richtige Richtung zu lenken.

„Ja, für die Stiftung, den Whistle Fund.“ Plötzlich war auch Lorenzo ganz geschäftsmäßig. „Kat, meine Empfangssekretärin, kann Caras Aufgaben nicht zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit übernehmen. Und wir haben momentan ziemlich viel zu tun. Ich bräuchte also jemanden, der für mindestens einen Monat einsteigt, damit das Chaos beseitigt und eine Nachfolgerin eingearbeitet werden kann. Wären Sie dazu bereit?“, fragte er ernst. „Selbstverständlich bekommen Sie ein Gehalt. Ich erwarte nicht, dass jemand Arbeit in diesem Umfang ehrenamtlich übernimmt.“

„Ich brauche kein Gehalt und arbeite gern ehrenamtlich.“

„Doch, Sie werden ein Gehalt bekommen“, entgegnete Lorenzo kühl. „Darauf bestehe ich. Aber wenn Sie möchten, können Sie es ja der Stiftung spenden.“

Er wollte sich ihr also nicht verpflichtet fühlen. Aber Sophy brauchte das Geld nun einmal nicht. Was sie von ihrem Treuhandfonds bekam, reichte ihr gut zum Leben. Trotz dieser Privilegien hatte sie nie einfach faulenzen und shoppen können – so war sie einfach nicht erzogen worden. Ihre Angehörigen hatten zwar viel Geld, hatten jedoch auch immer etwas Sinnvolles tun müssen. Nur leider war es Sophy nicht gelungen, in die Fußstapfen ihrer Familie zu treten und im juristischen Bereich Karriere zu machen. Alle außer ihr waren erfolgreiche Anwälte: ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester. Ihre Klienten waren vor allem benachteiligte Menschen. Noch schlimmer war ihr Vater, der als Anwalt im Ruhestand forschte und Untersuchungen zum Rechtssystem leitete. Sophys Nachname stand für herausragende Leistungen im juristischen Bereich. Niemand war von diesem Pfad abgekommen – niemand außer Sophy.

Also hatte sie es damit versucht, zu allem Ja zu sagen. Sie übernahm die ganze ehrenamtliche Arbeit, organisierte alles von vorn bis hinten – in erster Linie das Leben ihrer Familie. Sophy hatte vielleicht nicht den juristischen Verstand der anderen, aber sie war praktisch veranlagt. In ihrem Bemühen, mit dem Rest ihrer Familie Schritt zu halten, hatte sie jedoch einen großen, sehr dummen Fehler begangen: Sie hatte ihren eigenen Wert unterschätzt.

Sophy war ins Ausland gegangen, wo sie endlich ihre eigene Leidenschaft, ihre Berufung gefunden hatte. Und sobald sie die Zeit dafür hätte, wollte sie sich ganz darauf konzentrieren und ihrer Familie beweisen, was in ihr steckte.

„Caras Büro ist in diesem Gebäude“, sagte Lorenzo jetzt, der ihr Schweigen wohl als Zustimmung gedeutet hatte. „Das können Sie ganz nach Belieben nutzen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir ihre Aufgaben mit erledigen können. Aber da Dani jetzt mit Alex unterwegs ist, brauche ich jemanden, der sich ganz auf die Arbeit konzentrieren kann.“

„In Vollzeit?“ Oh nein, dachte Sophy, denn sie wusste, dass sie einfach nicht Nein sagen könnte.

„Vielleicht in der ersten Woche, weil so viel liegen geblieben ist“, erwiderte Lorenzo mit einem etwas reuigen Lächeln. „Danach sollte es genügen, wenn Sie vormittags kommen. Außerdem bräuchte ich Sie bei etwaigen abendlichen Treffen und den Feiern. Für die nächste anstehende müssten Sie übrigens noch die letzten Details der Organisation übernehmen.“

Ja, der Whistle Fund war berühmt für seine Veranstaltungen: glanzvolle Abende, zu denen die Reichen und Berühmten in Scharen strömten, um bereitwillig ihre Portemonnaies zu öffnen. Und dass solche „Stars“ erschienen, machte die Feiern auch für Normalsterbliche sehr attraktiv. Denn wer träumte nicht davon, mal einen Abend lang VIP zu sein?

„Und Sie können niemand anders für die Arbeit finden? Vielleicht jemanden von einer Zeitarbeitsfirma?“

„Cara wollte sicher sein, dass sich das Büro in guten Händen befindet. Einer völlig Fremden traut sie nicht zu, das Ganze in Ordnung zu bringen. Ich möchte ihr nicht noch zusätzlich Stress verursachen. Und sie hat mir gesagt, Sie seien die Einzige, die mit dieser Aufgabe zurechtkommen würde. Also habe ich ihr versprochen, es mit Ihnen zu versuchen.“

Der winzige Anflug von Sarkasmus ließ Sophy aufhorchen. Er meint wohl, ich sei der Sache nicht gewachsen, dachte sie und straffte sich. Dabei konnte sie das Chaos in seinem Büro doch im Schlaf beseitigen!

Sophys Schwester Victoria war eine von Caras engsten Freundinnen. Sie hatte versichert, Sophy wäre in der Lage, das Ganze zu bewältigen, und außerdem hätte sie Zeit. Und nun wollte Cara niemand anderen mehr als sie.

Bei ihrer Rückkehr nach zwei Monaten im Ausland war Sophy sofort wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen. Nach wie vor kam niemand auf die Idee, sie könne vielleicht anderes zu tun haben als die Gefallen, um die man sie bat. Warum sollten sie auch? Sophy hatte ja immer zu allem Ja und Amen gesagt.

Und jetzt war es eigentlich an der Zeit, Nein zu sagen, Lorenzo klarzumachen, dass sie andere Prioritäten hatte und ihm nicht so viel von ihrer Zeit schenken konnte.

Mit aller Macht hielt sie sich davon ab, den Blick erneut an seinem Körper hinuntergleiten zu lassen. Lorenzo hatte einen strengen Ausdruck in den Augen, als würde er nicht ganz glauben, was Cara ihm über sie erzählt hatte – oder als rechnete er damit, dass Sophy Nein sagte. Dann würde er sicher ohne Zögern das Telefon zücken und irgendeine beliebige Aushilfskraft engagieren. Plötzlich spürte Sophy: Es gefiel ihm gar nicht, dass er sie bitten musste. Sie straffte sich noch ein wenig mehr.

Unwillkürlich musste sie an Cara denken, die voller Sorge über ihre winzige, noch im Brutkasten liegende Tochter wachte. Sophy konnte die Freundin ihrer Schwester einfach nicht im Stich lassen – ebenso wenig, wie sie ihre Schwester je hatte enttäuschen können.

„Ich fange morgen mit der Arbeit an“, sagte sie mit Nachdruck.

„Gut. Ich werde dann auch hier sein und Ihnen zeigen, wie alles läuft“, erwiderte Lorenzo.

Punkt neun Uhr.“ Ein letztes Mal ließ Sophy den Blick über ihn gleiten. Dann wandte sie sich um und ging.

Lorenzos Erwiderung kam, als die Tür gerade hinter ihr zugefallen war. Ob er gewollt hatte, dass sie die vielsagenden Worte hörte, wusste sie nicht – doch sie machten sie wütend.

„Zu Befehl, Ma’am.“

2. KAPITEL

Es wurde neun Uhr, und dann war es auch schon nach neun. Sophy saß in dem Büro, das aussah wie nach einem Hurrikan. Alle dreißig Sekunden sah sie auf die Uhr. Das war doch nicht zu fassen. Kein Wunder, dass hier so ein Chaos herrschte! Lorenzo brauchte ganz eindeutig Unterstützung. Aber wenn er die wollte, stellte er es nicht gerade geschickt an.

Sie verbrachte fünf Minuten damit, die ungeöffnete Post zur Seite zu räumen, um die Tastatur zu finden. Dann beschloss sie, die Briefe zu öffnen. Nach vierzig Minuten hatte sie bereits ein ordentliches Stück des Schreibtisches freigeräumt. Der Korb fürs Altpapier war gefüllt mit leeren Briefumschlägen, und die Hälfte der Schreiben war zu nach Betreff sortierten Stapeln geordnet. Dann wollte Sophy nicht weitermachen, ohne erst mit Lorenzo zu sprechen. Also ging sie nach unten zum Empfang.

„Hallo Kat, ich bin Sophy und werde mich um die Verwaltungsangelegenheiten des Whistle Fund kümmern. Wissen Sie zufällig, wo Mr Hall ist?“

Die Empfangssekretärin blinzelte überrascht. „Eigentlich dachte ich, er sei bei Ihnen. Ist er vielleicht hinten im Hof?“

„Nein.“ Da hatte Sophy natürlich schon nachgesehen.

In diesem Moment kam ein Kurier herein und brachte ein Paket.

„Könnten Sie nachsehen, ob er im dritten Stock ist?“, bat Kat. „Ich muss mich um diese Lieferung kümmern.“

„Ja, natürlich“, erwiderte Sophy wie automatisch. Dann war Lorenzos Arbeitszimmer also im dritten Stock?

Sie ging die Treppe hinauf in den zweiten Stock, wo sie vorsichtshalber noch einmal in den anderen beiden Büros nachsah. Diese wirkten zwar, als würde dort tatsächlich jemand arbeiten, waren jedoch leer. Und dann gab es noch einen weiteren, ziemlich großen Raum, in dem sich fast nichts befand.

Als Sophy die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, musste sie ihre Nervosität unterdrücken. Oben war kein Gang, sondern eine Tür, an der „Privat“ stand. Nachdem auf mehrmaliges Klopfen hin nichts passierte, öffnete Sophy die Tür und trat ein.

Ein großzügig geschittener, lichtdurchfluteter Raum breitete sich vor ihr aus. Blinzelnd sah sie sich um und stellte fest, dass sie sich in einem privaten Apartment befand – dem von Lorenzo, der auf einem großen Ledersofa lag.

„Was ist los?“, fragte sie beunruhigt und ging zu ihm. Wieder fiel es ihr schwer, sich vom Anblick seines breiten Oberkörpers loszureißen.

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