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Heißes Feuer der Liebe

1. KAPITEL

Hale Crandall sollte sich wirklich mal etwas überziehen, auch wenn er ohne Kleidung einfach fantastisch aussah, wie Connie fand. Wegen der Anstrengung glänzten sein Oberkörper und sein Gesicht, das ausnahmsweise nicht sein übliches besserwisserisches Grinsen zeigte. Jetzt war er ganz auf das Spiel konzentriert, und als ihm ein kraftvoller Sprung gelang, glänzten seine braunen Augen vor Begeisterung.

Doch da verfehlte Hale den Softball, stolperte von seinem Grundstück über das Gras und fiel mit dem Gesicht voran in Connies Blumenbeet.

Na toll. Bis jetzt hatte Connie sich noch amüsiert, aber das hier ging zu weit. Leise fluchend parkte sie ihren Wagen, riss die Tür auf und marschierte den Bürgersteig entlang. Eine Abkürzung über den Rasen hätte zwar Zeit gespart, aber ihre hochhackigen Riemchensandaletten ruiniert.

Connie ignorierte die Jungen unterschiedlichen Alters und Verschmutzungsgrades, die ihr Spiel unterbrochen hatten, um nach ihrem Anführer zu sehen. Warum konnten sie den Samstagnachmittag nicht mit etwas Sinnvollem verbringen, zum Beispiel mit Lernen? Connie hatte keine Kinder, gab jedoch öfter ehrenamtlich Nachhilfe. Sie wusste also, wovon sie sprach.

Einen Meter von ihrem Nachbarn entfernt blieb sie stehen. „Jetzt sieh dir mal an, was du da angerichtet hast! Du hast hoffentlich vor, neue Blumen zu pflanzen!“ Am liebsten hätte sie noch ein „Du Idiot!“ hinzugefügt.

Hale stand auf und zupfte sich etwas Kapuzinerkresse aus dem dichten dunklen Haar. „Jawohl, Ma’am“, erwiderte er gewohnt sarkastisch.

„Und achte bitte darauf, die gleichen Pflanzen in der gleichen Farbe zu besorgen.“

„Selbstverständlich. Ich werde meinem Butler entsprechende Anweisungen geben.“

Einer der Jungen kicherte.

Als Hale sich abwandte, versuchte Connie, nicht auf seinen wohlgeformten muskulösen Rücken zu starren. Ja, Hale Crandall war ein Prachtkerl von einem Mann, aber auch dickköpfig und verantwortungslos. Das Problem war, dass er Joel sehr ähnelte, Connies Ex-Mann und Hales bestem Freund. Die beiden Männer arbeiteten bei der Polizei der kalifornischen Kleinstadt Villazon, waren wie zwei zu groß geratene Halbwüchsige und hatten gemeinsam dazu beigetragen, dass Connies Ehe auseinanderging. Aus den Trümmern ihrer Beziehung hatten sie nur sehr kümmerliche monatliche Unterhaltszahlungen retten können – und Joels Haus, das direkt neben Hales stand.

„So, Freunde, game over!“ Hales markante Stimme riss Connie aus ihren Gedanken. Die Jungen schienen nur wenig begeistert über das abrupte Ende des Spiels, zerstreuten sich aber dennoch langsam in alle Richtungen. Hale selbst schlenderte gemächlich seinem Haus entgegen.

Connie holte ihre Handtasche aus dem Auto. Sie hatte nur eine Stunde Zeit für ein frühes Mittagessen, dann musste sie zurück in ihren kleinen Geschenkeladen und ihre Verkäuferin Jo Anne Larouche ablösen, da diese heute früher gehen durfte. Ihre Mutter hätte sicher mit ihr geschimpft, weil sie so nachgiebig gegenüber einer Angestellten war. Doch Connie war fest davon überzeugt, dass es die Loyalität von Mitarbeitern förderte, wenn man sie gut behandelte.

Aus dem Augenwinkel sah sie einen dünnen kleinen Jungen mit blondem Haar in Hales Haus verschwinden. War das nicht Skip Enright? Connie gab dem Sechsjährigen Nachhilfe in dem Zentrum, das eine pensionierte Lehrerin und eine enge Freundin von Connie gemeinsam gegründet hatten und in dem Kinder nach der Schule und am Wochenende von Ehrenamtlichen betreut wurden. Skip trug die teuren Sportschuhe, die Connie ihm geschenkt hatte, als er die erste Klasse erfolgreich hinter sich gebracht hatte.

Seine Pflegemutter war vor allem mit der bevorstehenden Geburt ihres Enkelkindes beschäftigt, sodass Skip viel zu häufig unbeaufsichtigt umherstreifte. Hatte er sich vielleicht in der Tür geirrt und wollte eigentlich Connie besuchen?

Sie betrat Hales im Ranchstil gebautes Haus nur sehr ungern, denn es rief zu viele Erinnerung an die Zeit in ihr wach, als ihr Mann dort häufig zu Besuch gewesen war.

Sie atmete also tief ein und ging dann auf das Haus zu, wobei sie bewusst Unkraut und die braunen Wedel einer wuchernden Paradiesvogelblume ignorierte. Sie ging die Stufen hinauf, klingelte zweimal und wartete. Nichts passierte.

Ignoranz hatte sie schon früher nicht aufhalten können; und jetzt würde sie erst recht nicht eher Ruhe geben, als bis sie den kleinen Jungen aus Hales Haus geholt hatte.

Entschlossen drehte Connie den Knauf. Die Tür war offen. Na bitte! Sofort schlug ihr abgestandener Zigaretten- und Zigarrendunst entgegen. Hale selbst rauchte nicht, also mussten es wohl seine Besucher sein.

Das Wohnzimmer schien vor allem aus dem riesigen Billardtisch in der Mitte zu bestehen. Die bunt zusammengewürfelten Sessel und das Sofa fielen da kaum mehr auf. An den Wänden hingen Poster von Motorrädern, und in einer Ecke lag eine zerknüllte Chipstüte. Connie ging an einem kleinen Raum vorbei, in dem ein riesiger Fernsehbildschirm und ein DVD-Spieler standen. In der Küche stieß sie dann auf Skip. Er saß am Küchentresen und aß genüsslich Käseflips. In den Hängeschränken, deren Türen fehlten, entdeckte Connie einen Vorrat, bei dem sich jedem Zahnarzt die Haare gesträubt hätten. Einen kleinen Jungen in diese Küche zu lassen – das war fast Kindesmisshandlung!

Hale, der sich an der Spüle Wasser auf den Oberkörper spritzte, bemerkte den Jungen nicht oder ließ ihn einfach gewähren. Mit etwas Mühe wandte Connie den Blick von dem attraktiven Mann ab und sagte zu Skip: „Hallo, Kumpel. Wie kommst du denn hierher?“ Obwohl seine Kleidung alles andere als sauber war, umarmte sie ihn.

Der halb nackte Mann an der Spüle trocknete sich mit einem ausgefransten Handtuch das Haar und wandte sich um. „Die Prinzessin wagt sich also in die Höhle des Löwen.“

„Hast du gemerkt, dass dieser kleine Junge dir ins Haus gefolgt ist?“

„Ich mag vielleicht blöd sein, aber blind bin ich nicht.“

Verärgert versetzte Connie: „Hast du dich denn gar nicht gefragt, wohin er gehört?“

Das Handtuch über die nackten Schultern gelegt, gab Hale sich unschuldig. „In diesem Moment vielleicht genau in meine Küche.“ Lässig warf er ein paar Käseflips nacheinander in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. Als einer davon auf den Boden fiel, aß Hale ihn trotzdem.

„Hale …“ Connie wurde ungeduldig.

„Schon gut. Also, eine gewisse Paula wollte ihn vorhin bei dir abliefern. Ich habe ihr gesagt, Skip könne bei mir bleiben, bis du nach Hause kommst.“

Skips Pflegemutter Paula Layton war es also gewesen. „Sie hat ihn einfach bei einem Wildfremden gelassen?“

„Letztes Jahr hat sie ein Foto von mir in der Zeitung gesehen, als ich die Auszeichnung bekommen habe.“ Hale war geehrt worden, weil er im Supermarkt einen Mann erkannt hatte, den man eines Raubüberfalls in L.A. verdächtigte. Unauffällig hatte Hale Verstärkung angefordert und war dann, um die anderen Kunden nicht zu gefährden, dem Mann dann nach draußen gefolgt, wo er ihn gestellt hatte. „Tja, ich bleibe den Menschen wohl im Gedächtnis haften“, stellte er zufrieden fest.

„Wie ein Kaugummi an einer Schuhsohle“, kommentierte Connie spöttisch, obwohl auch sie Hales mutiges Eingreifen beeindruckt hatte.

Skip lachte fröhlich über ihre Bemerkung, und Connie wurde ganz warm ums Herz. Obwohl sich praktisch noch nie jemand wirklich um den kleinen Jungen gekümmert hatte – man hatte ihn seinen Eltern weggenommen, die ihn vernachlässigt und mit Drogen gedealt hatten – besaß er ein sonniges Gemüt.

„Der Kleine ist seit etwa einer Stunde hier“, fuhr Hale fort. „Diese Paula sagte, sie müsse ihre Tochter ins Krankenhaus bringen, weil die Wehen eingesetzt hätten. Eventuell müsse der Junge über Nacht bei dir bleiben.“

„Sie hätte mich doch zumindest anrufen können!“ Connie war empört. Seit Paulas erstes Enkelkind unterwegs war, schien sie das Interesse an Skip immer mehr zu verlieren. Connie dagegen gewann den Jungen immer lieber. Wahrscheinlich lag es an seinem Charakter und daran, dass ihr dreißigster Geburtstag näher rückte. Aus ihrem leisen Wunsch, ihm ein liebevolles Zuhause zu schenken, war eine heftige Sehnsucht geworden.

Bei Adoptionen wurden in der Regel die Pflegeeltern bevorzugt. Doch auf Nachfrage von Connie hatte Paula letztens angedeutet, möglicherweise auf ihr Vorrecht verzichten zu wollen.

Daraufhin erkundigte sich Connie bei ihrem Anwalt, ob sie als alleinstehende Frau überhaupt Aussichten auf Erfolg hatte. Dieser meinte, ihre Chancen stünden nicht schlecht, denn Kinder im Schulalter waren deutlich schwerer zu vermitteln als Babys und Kleinkinder. Außerdem hatte sie ja schon eine Beziehung zu Skip. Also bewarb Connie sich um die Adoption und ließ sich und ihr Leben gründlich durchleuchten.

Doch dann hatte Paula es sich zu ihrer großen Enttäuschung anders überlegt: Ihr künftiges Enkelkind sollte ein Mädchen werden, und ihr Mann hätte gern auch einen kleinen Jungen im Haus. Allerdings war Mr Layton als Lkw-Fahrer oft mehrere Wochen am Stück unterwegs.

Als fahrlässig konnte man Paulas nachlässigen Umgang mit Skip noch nicht unbedingt bezeichnen. Von daher wollte Connie es auf keinen Rechtsstreit ankommen lassen und beschränkte sich schweren Herzens darauf, so gut wie möglich für Skip da zu sein.

„Hast du Lust, ein paar Stunden mit mir in den Laden zu kommen?“, fragte sie Skip. Dort gab es auch Spielzeug für die Kinder von Kunden.

„Klar!“

„Komm, wir gehen zu mir und essen etwas. Ich habe verschiedene Gerichte eingefroren.“

„Super!“ Skip strahlte.

Hale zog sich ein altes T-Shirt über den Kopf, das sich eng um seinen noch feuchten Oberkörper schmiegte und mehr preisgab, als es verbarg. „Ich würde auch auf ihn aufpassen, aber ich habe heute Abend schon etwas vor.“

„Vielen Dank, aber du hast mehr als genug getan“, erwiderte Connie. Außerdem brauchte der Junge Struktur und Ordnung. Je weniger Kontakt er zu Hale hatte, umso besser.

Was Hale wohl abends vorhatte? Bestimmt war er mit einer dieser Frauen verabredet, die sie gelegentlich bei ihm sah. Allerdings schien er es mit keiner länger auszuhalten; Connie sah ständig neue Gesichter.

Aber das Liebesleben dieses Mannes kann mir ja vollkommen egal sein, dachte Connie. Er und sie lebten in zwei gänzlich verschiedenen Welten, und dabei würde es auch bleiben – auch wenn er noch so fantastisch aussah.

Hale dachte an seinen Sturzflug in Connies Blumenbeet und schnitt eine Grimasse. Warum gab sie sich nicht mit pflegeleichtem Gras zufrieden? Und in ihrem Haus konnte man kaum die Arme ausstrecken, ohne gleich irgendwelchen Krimskrams aus Porzellan und Glas runterzuwerfen.

Missmutig betrachtete Hale die Krümel auf seinem T-Shirt. Ach, was soll’s, dachte er dann. Ich muss mich nachher ohnehin umziehen, um mich unter die vornehmen Herrschaften zu mischen.

Willard Lyons, der noch recht neue Polizeichef von Villazon, legte es seinen Mitarbeitern ans Herz, den Kontakt zu den wichtigen Persönlichkeiten der Stadt zu pflegen. Da die Polizei aufgrund mehrerer Skandale im Moment keinen so guten Ruf hatte, diente die Cocktailparty von Captain Frank Ferguson wohl eher der Imagepflege als der Unterhaltung. Viel lieber hätte Hale abends mit seinen Kumpels ein paar Bier getrunken oder …

Wieder einmal tauchte vor seinem inneren Auge ein verführerisches Bild auf: Connie Simmons lag in seinem großen Doppelbett, das blonde Haar auf dem Kissen ausgebreitet. Mit leicht geöffneten Lippen wartete sie atemlos darauf, dass er die Decke beiseiteschob und ihre üppigen Brüste entblößte.

Ein Käseflip fiel ihm aus der Hand und auf den Boden. Doch Hale war zu gebannt von seiner Fantasie, um es zu bemerken. Aus irgendeinem Grund stellte er sich Connie nie nackt vor. Dabei fühlte er sich zu der sinnlichen Schönheit hingezogen, seit sein Freund Joel sie ihm vor sieben oder acht Jahren vorgestellt hatte. Hätte er sie zuerst kennengelernt, wäre daraus vielleicht nichts Dauerhaftes geworden, zumindest aber hätte Hale seine Neugier befriedigen können.

Leise vor sich hin schimpfend, machte Hale sich auf die Suche nach dem Staubsauger – vergeblich. Wahrscheinlich hatte er ihn verliehen. Da er auch seinen Besen nicht finden konnte, kniete er sich kurzerhand auf den Küchenfußboden, schob die Krümel mit den Händen zusammen und entsorgte sie mithilfe eines Pfannenwenders.

Da wurde ihm plötzlich klar, warum er sich Connie nie nackt vorstellte: Das wäre so, als würde er seinen Kumpel hintergehen. Er und Joel hatten viel zusammen durchgemacht. Besonders schwer war es vor zwei Jahren gewesen, als Joel gegen einen Kollegen und den damaligen Polizeichef Vince Borrego wegen Fehlverhaltens hatte aussagen müssen. Die Sache hatte ihn in eine Außenseiterrolle gedrängt und ihn stark belastet. Und Connie hatte, wie Hale fand, im entscheidenden Moment nicht zu ihrem Mann gehalten.

Hale stopfte die leere Flipstüte in den Mülleimer und schlenderte aus der Küche, wobei er eine Handvoll Dartpfeile aus dem Sofa zog und in die Zielscheibe steckte.

Im Schlafzimmer zog er die Vorhänge zu, denn das Fenster lag Connies Haus direkt gegenüber. Hale hatte sich extra die schwersten Gardinen gekauft, die er finden konnte. Sie waren aus schwarzem Samt, passend zu seiner schwarzen Satin-Bettwäsche. Er war stolz darauf, sich zumindest in diesem Zimmer ein wenig Mühe mit der Einrichtung gegeben zu haben.

Hale duschte, trug Eau de Cologne auf und zog Hemd, Anzug und Krawatte an – ein Outfit, das er sich im Vormonat anlässlich der Hochzeit seiner Kollegin und guten Freundin Rachel Byer gekauft hatte. Sie hatte den neuen Kinderarzt von Villazon geheiratet, Dr. Russ McKenzie. Es war ein riesiges Fest gewesen, einschließlich kirchlicher Trauung. Hale hatte nichts gegen Hochzeiten, solange es nicht seine eigene war. Doch die Tatsache, dass auch Connie als eine der engsten Vertrauten Rachels da gewesen war, hatte die Feier für ihn nicht gerade entspannter gemacht.

Auf dem Weg nach draußen sah er auf der Waschmaschine Skips kleine Sporttasche liegen. Darin befanden sich ein mit Comicfiguren bedruckter Schlafanzug, eine Zahnbürste und Spielzeug. Seufzend beschloss Hale, noch einmal der Furie von nebenan gegenüberzutreten, denn der Junge würde die Sachen brauchen.

Doch draußen stellte er fest, dass Connies Wagen nicht mehr in der Einfahrt stand. Unwillkürlich musste Hale daran denken, wie Connies blondes Haar zu ihren Cabriozeiten immer vom Wind zerzaust worden war. Damals war ihm auch mehrfach aufgefallen, wie selten Joel seiner Frau geholfen hatte, als diese mit den riesigen Tüten voller Einkäufe gekämpft hatte.

Hale verdrängte diese Gedanken und beschloss, auf dem Weg zu Frank bei „Connie’s Curios“ vorbeizufahren. Er war noch nie in dem kleinen Geschenkeladen gewesen, und bestimmt wäre das mal interessant.

Er fuhr los, vorbei an herabgefallenen lavendelfarbenen Blüten. Kurz nach dem Wohngebiet kam eine kleine Einkaufsmeile mit einem Möbel-Discounter, einem Supermarkt und dem Büro der Wochenzeitung Villazon Voice, und an der Kreuzung mit der Arches Avenue lag „Connie’s Curios“. Im verspielt gestalteten Schaufenster der in Rot und Weiß gehaltenen Ladenfassade hing ein Spruchband mit der Aufschrift: „Junibräute hereinspaziert!“

Auf dem Parkplatz standen nur vereinzelte Wagen. Connie sollte sich überlegen, ob der Laden freitags und samstags wirklich bis um sieben geöffnet haben muss, dachte Hale. Die Kriminalitätsrate war in Villazon, am östlichen Rand von Los Angeles County gelegen und an Orange County grenzend, zwar niedrig – trotzdem konnte sich ja jemand in „Connie’s Curios“ nach einer gut gefüllten Kasse umsehen.

Joel war mit den Plänen seiner Frau, sich selbstständig zu machen und einen Geschenkeladen zu eröffnen, nicht einverstanden gewesen. Sie hatte sich jedoch nicht davon abhalten lassen, schließlich finanzierte sie ihr Projekt mit der Hälfte des Erbes von ihren Großeltern. Joel hätte lieber ein Ferienhäuschen gekauft. Da er aber die andere Hälfte des Geldes aufgrund von Fehlinvestitionen – die er ohne Connies Zustimmung getätigt hatte – verloren hatte, musste er sich geschlagen geben.

Als Hale den Laden betrat, bimmelte ein Glöckchen. Beim Anblick der lavendelfarbenen, roten und rosa Farbtupfer überall sowie der verspielten Artikel wurde ihm fast schwindelig. Wer kaufte nur all diese Grußkarten, Magneten, Uhren, Schlüsselanhänger, Puzzles, Alben und Kerzen?

„Kann ich etwas für dich tun?“, fragte Connie ein wenig kühl.

Eine ganze Menge sogar. Aber nicht hier. „Ich dachte mir, ihr braucht das hier vielleicht.“ Hale legte Skips Tasche auf die Theke. „Wo steckt denn der kleine Kerl?“

Connie wies auf eine kleine Spielecke, wo Skip, halb versunken in einen Sitzsack, fernsah.

„Er hatte irgendwann keine Lust mehr, mir beim Kleingeldzählen zu helfen.“

„Bringen die Läden eigentlich genug ein, um davon leben zu können?“, fragte Hale. Connie besaß einen weiteren kleinen Laden beim Krankenhaus und einen im schicken Einkaufszentrum der Stadt.

„Ja, obwohl die Gewinnspanne recht schmal ist. Da ich ständig neue Artikel anbiete, kommen die Leute häufig vorbei. Und dann haben wir auch Sammler unter unseren Kunden. Außerdem arbeite ich mit Hochzeits- und Eventplanern zusammen und organisiere Bastelkurse. Und das Weihnachtsgeschäft bringt ungefähr vierzig Prozent des Jahresumsatzes.“

„Bietest du in allen Läden dieselben Sachen an?“

„Nein, jedes Geschäfts hat ein eigenes Sortiment“, erklärte sie geduldig. „Die Filialleiterinnen dürfen und sollen ihre persönliche Note einbringen und das Angebot auch nach ihren Kunden ausrichten. Also gibt es in der Filiale im Einkaufszentrum viele Lebensmittel und Artikel aus Lateinamerika und im Laden beim Krankenhaus Blumen, Bücher und Zeitschriften.“

Hale gingen die Fragen aus, doch er wollte, dass Connie weitererzählte. Vielleicht weckte es seinen Beschützerinstinkt, dass sie in dem Geschäft so allein war. Und der heimelige Duft nach Zimt und Pfefferminz erinnerte an eine Kindheit, die er kaum noch im Gedächtnis hatte.

„Planst du noch weitere …“, fragte er, als aus dem Hinterzimmer ein schabendes Geräusch zu hören war.

„Das klingt, als sei da jemand im Lager“, stellte Connie unbehaglich fest.

„Vielleicht eine Mitarbeiterin?“, fragte Hale bewusst leise.

„Nein, Jo Anne ist schon vor einer Weile nach Hause gegangen.“ Unter der Ladentheke ballte Connie die Hände zu Fäusten. „Vor ein paar Tagen gab es nach Ladenschluss bei uns einen Einbruchsversuch, aber die Alarmanlage hat den Eindringling abgeschreckt.“

Hale griff nach seiner Dienstwaffe, die er unter der Jacke immer bei sich trug. „Sind die Türen während der Öffnungszeiten unverschlossen?“

„Nein. Aber Jo Anne hat vorhin den Müll rausgebracht. Vielleicht hat sie danach vergessen, wieder abzuschließen. Außer ihr hat niemand einen Schlüssel, und sie würde nicht einfach durch die Hintertür hereinkommen.“ Connie blickte zu Skip hinüber, der noch immer wie gebannt vorm Fernseher saß.

Auch der Parkplatz draußen war noch immer so leer wie bei Hales Ankunft.

„Ich sehe mal nach“, sagte Hale. „Vielleicht ist es wirklich nur ein Tier oder ein umgekippter Stapel.“

„Hoffentlich.“ Connie zuckte zusammen, als erneut ein Geräusch aus dem Lager zu hören war.

„Du rufst jetzt die Polizei. Dann gehst du hinter der Ladentheke in Deckung. Skip lässt du am besten, wo er ist“, befahl Hale schnell, denn jeden Moment konnte der Einbrecher in den Laden gestürmt kommen.

Angespannt, aber kontrolliert griff Connie nach dem Telefon.

Mit gezückter Pistole ging Hale zur rückwärtigen Tür, stieß sie mit dem Fuß auf und rief: „Polizei! Nehmen Sie die Hände über den Kopf und kommen Sie heraus!“

2. KAPITEL

Kreditkartenbetrug, Ladendiebstahl, Vandalismus und Einbrüche – auf all diese unangenehmen Erlebnisse war Connie theoretisch vorbereitet gewesen. In einem Seminar hatte sie gelernt, wie sie im Notfall zu reagieren hatte: „Niemals große Beträge in der Kasse aufbewahren und bei einem Überfall alles Geld auf Verlangen herausgeben.“

Doch die Vorstellung, dass jemand an einem Samstagabend in den Laden eindrang, wenn sie ganz allein war, machte ihr furchtbare Angst. Ein Glück, dass Hale die Sachen vorbeigebracht hatte.

Sie zwang sich, ruhig zu atmen, als sie bei ihrem Anruf Namen und Adresse durchgab. „Ich glaube, dass jemand in mein Lager eingebrochen ist“, gab sie an. „Ein Polizist, der gerade nicht im Dienst ist, geht der Sache nach, Hale Crandall. Er bittet um Verstärkung.“

„Kommt sofort“, erwiderte die Frau. „Bitte bleiben Sie dran.“

Aus dem Lagerraum waren schlurfende Schritte zu hören, als würde sich der Eindringling zurückziehen. Hale eilte ihm nach.

Typisches Männerverhalten, dachte Connie, die fand, dass er ein unnötiges Risiko einging. Aber sie bewunderte ihn auch für seinen Mut und war ihm sehr dankbar.

Dann hörte sie schon die Sirenen eines Streifenwagens. Sie fragte sich ängstlich, was wohl dort hinten geschah.

„Wo ist denn Hale?“, fragte Skip, der jetzt zu ihr kam. „Ich habe vorhin seine Pistole gesehen!“, fuhr er begeistert fort.

Der kleine Junge verstand nicht, dass sein Freund vielleicht in Gefahr war, Connie aber war sich dessen schmerzlich bewusst. Während der drei Jahre ihrer Ehe hatte sie mit der Angst gelebt, dass jemand an der Tür klingelte und ihr die Nachricht überbrachte, Joel sei tot oder verletzt. Sie hatte sich geschworen, niemals zu vergessen, wie verletzlich ein Leben war. Der große, stets gut gelaunte Hale wirkte immer so unverwüstlich. Doch jetzt machte ihr die Vorstellung, ihn zu verlieren, größere Angst, als sie je gedacht hätte.

Angespannt lauschte sie den Schritten im Lagerraum. Dann rief Hale: „Keine Verstärkung mehr nötig, alles in Ordnung!“

„Hale sagt, alles sei in Ordnung“, gab Connie weiter. Die Frau am anderen Ende der Leitung bat darum, selbst mit ihm sprechen zu dürfen.

Lächelnd kam Hale herein, und hinter ihm betrat sichtlich schuldbewusst Vince Borrego den Laden, der frühere Polizeichef der Stadt, der seit seinem erzwungenen Rücktritt als Privatdetektiv arbeitete. Sein Büro lag in der Straße hinter dem Laden, und er kam gelegentlich vorbei, um Mitbringsel für seine Tochter und seine Enkel zu kaufen.

Connie drückte Hale das Telefon in die Hand, und der sprach gedämpft mit seinen Kollegen.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Vince. Er war Ende fünfzig und hatte, weil er früher viel geraucht und getrunken hatte, eine raue Stimme und tiefe Furchen im Gesicht. „Ich habe gesehen, dass die Hintertür des Ladens offen stand, und wollte sie schließen. Angesichts meiner Vergangenheit möchte ich nicht in Schwierigkeiten geraten, deswegen wollte ich mich verziehen, als Hale gerufen hat. Das war natürlich ziemlich blöd.“

Als ein Streifenwagen vor dem Laden hielt, beendete Hale das Gespräch und ging hinaus, um mit dem anderen Polizisten zu sprechen.

„Hi, Vince!“ Skip begrüßte den älteren Mann, der im selben Vierfamilienhaus lebte wie seine Pflegeeltern. Dort war Connie ihm schon einmal begegnet und hatte festgestellt, dass der Mann ihre Sorgen hinsichtlich Skip teilte.

„Schön, dich zu sehen, Kumpel“, erwiderte Vince. „Ich muss dich unbedingt mal meinem Enkel vorstellen. Er ist ungefähr in deinem Alter.“

„Oh ja!“

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