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Heißes Blut

Über die Autorinnen

Christine Feehan schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.
www.christinefeehan.com

Maggie Shayne hat schon zahlreiche Romane veröffentlicht.
www.maggieshayne.com

Emma Holly schreibt romantische und erotische Bücher.
www.emmaholly.com

Angela Knight publiziert vornehmlich romantische und erotische Geschichten und Romane.
www.angelasknights.com

Christine Feehan
Maggie Shayne
Emma Holly
Angela Knight

HEISSES
BLUT

Anthologie

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ulrike Moreno

Inhalt

Hunger der Nacht
Christine Feehan

*

Erwachen des Mondes
Maggie Shayne

*

Nachtschwärmer
Emma Holly

*

Zauber der Verführung
Angela Knight

Christine Feehan

HUNGER
DER
NACHT

Diese Geschichte ist Diane Trudeau und
all den Damen im RBL-Vorstand gewidmet.

Mögt ihr stets verstehen,
das Leben voll auszukosten!

1. Kapitel

Musstest du dir unbedingt die feuchteste Nacht des Jahres aussuchen?«, flüsterte Juliette Sangria ihrer Schwester zu. Ärgerlich wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und kauerte sich noch tiefer ins Gebüsch, um nicht gesehen zu werden.

Scheinwerferlicht strich über den mit üppiger Vegetation bestandenen Bereich, in dem die beiden jungen Frauen sich verbargen, aber es vermochte das dichte Gesträuch und die Vielzahl von Schlingpflanzen und Rankengewächsen, die von den Bäumen herabhingen, nicht zu durchdringen.

Jasmine ließ den Strahl vorbeiziehen, bevor sie mit den Schultern zuckte. »Ich habe diese Typen heute Nacht drei Tiere hereinbringen sehen. Wir müssen sie befreien, bevor sie sie verletzen und Experimente mit ihnen machen. Du weißt, was in diesem Gebäude vorgeht.«

Juliette unterdrückte einen Fluch und verschmolz wieder mit den Schatten, als der breite Lichtstreifen erneut über sie hinwegglitt. Sie war sicher, dass das Licht in erster Linie dazu diente, die abergläubischen Wachmänner zu beruhigen, die sich vor dem vordringenden Dschungel fürchteten. Aus Erfahrung wusste sie, dass der Urwald niemals schlief und stets versuchte zurückzuerobern, was der Mensch ihm nahm.

Das aus Beton und Ziegelsteinen bestehende Gebäude war noch relativ neu, aber schon mit Moos und Pilzen überwachsen und von einem dunklen, schimmligen Grün. Kletterpflanzen rankten sich an den Mauern empor und schlängelten sich über das Dach, als suchten sie einen Weg hinein. Es gab keine Fenster, und Juliette konnte sich vorstellen, wie heiß es drinnen für die Tiere sein musste, trotz der dicken Mauern. Die Luftfeuchtigkeit war hier immer sehr hoch, und das Forschungszentrum war am denkbar ungünstigsten Platz errichtet worden. Juliette wusste natürlich, dass es ganz bewusst an diesem abgelegenen Ort erbaut worden war, um zu verbergen, dass Tiere, die auf der Liste vom Aussterben bedrohter Arten standen, hier für illegale Forschungen benutzt wurden.

»Jazz, wir werden nur sechs Minuten haben, um so viele Tiere wie möglich zu befreien. Einige von ihnen werden sehr unruhig sein, und die, denen nicht mehr zu helfen ist, müssen zurückgelassen werden. Ist das klar?« Sie wusste von der Affinität ihrer Schwester zu wilden Tieren. »Die Leute, die das Labor betreiben, nehmen das hier sehr ernst. Ich glaube, sie würden uns umbringen, Jazz. Versprich mir, dass du, egal, was geschieht, in sechs Minuten draußen bist, auf schnellstem Wege nach Hause zurückkehrst und dich nicht mehr von der Stelle rührst. Ich werde hierbleiben und dafür sorgen, dass sie keines der Tiere wieder einfangen.«

»Du meinst, du wirst eine falsche Spur in den Dschungel legen, um mögliche Verfolger von mir fernzuhalten«, sagte Jasmine.

»Das auch. Wir wissen beide, dass ich sie abhängen kann. Also, ja oder nein, Jazz? Gibst du mir dein Wort darauf? Sonst gehen wir nämlich gar nicht erst hinein.« Wenn Jasmine es nicht versprach, würde Juliette ihre jüngere Schwester heimbringen und in einer anderen Nacht allein zurückkommen. Sie hasste es, dass diese Männer in ihren Dschungel eindringen, Tiere fangen und quälen konnten und auch noch damit durchkamen, aber sie würde nicht das Leben ihrer Schwester deswegen aufs Spiel setzen.

»Sechs Minuten«, bestätigte Jasmine und stellte den Alarm an ihrer Uhr ein.

»Gut, dann wollen wir uns beeilen. Während ich die Wache am Haupteingang außer Gefecht setze, kümmerst du dich um die Alarmanlage.«

Jasmine runzelte die Stirn, nickte jedoch zustimmend. Juliette ließ es immer so leicht erscheinen, aber die Wache abzulenken und auszuschalten, war nun einmal mit Gefahr verbunden. Im Dunkeln schlich Jasmine zu einer anderen Stelle, um schneller an den Schaltkasten mit den Kabeln heranzukommen. Nur wenige Leute schenkten ihm Beachtung, aber Juliette und Jasmine wussten, dass er die wichtigsten Verbindungen der Alarmsignale enthielt. Bei Nacht waren nur die Wachen anwesend, die für gewöhnlich sehr nervös und äußerst abergläubisch waren. Sie schienen ebenso sehr zu fürchten, was draußen im Dunkel des Dschungels lauerte, wie das, was sich in dem Gebäude befand, vor dem sie Wache standen.

Juliette knöpfte ihre Bluse weit auf, bis der dünne Stoff auseinanderklaffte und den Blick auf üppige Rundungen und makellose, zarte Haut freigab. Dann nahm sie eine dicke Banane aus ihrem Rucksack und begann, sie langsam zu schälen, während sie um das Gebäude herumschlüpfte. Als sie aus dem dichten Gestrüpp hervortrat, blieb sie in dem schwachen Mondlicht stehen, führte die Banane an die Lippen und strich auf aufreizende Weise mit der Zunge über die Spitze. Das Licht, das durch den dünnen Stoff der Bluse schien, umschmeichelte ihren vollen Busen; die dunklen Brustspitzen hoben sich verführerisch gegen den feinen Stoff ab.

Der Blick des Wachmannes heftete sich natürlich sofort auf ihre Brüste. Er leckte sich die Lippen und starrte sie ganz unverhohlen an. Juliette lächelte ihn an. »Ich hatte keine Ahnung, dass hier ein Gebäude steht. Ich zelte mit ein paar Freunden ein Stück den Fluss hinunter.« Sie sprach Spanisch, aber zögernd, als beherrschte sie die einheimische Mundart nicht. Um dem Mann eine noch reizvollere Ansicht ihres Körpers zu bieten, drehte sie sich ein wenig und deutete auf das dunkle Dickicht hinter sich. Dann wandte sie sich ihm wieder zu, musterte ihn ganz ungeniert von Kopf bis Fuß und ließ ihren Blick für einen Moment auf der unvermittelt entstandenen Ausbuchtung in seiner Hose ruhen. »Ach Gottchen! Einen so großen, starken Mann wie Sie hatte ich hier jedenfalls ganz sicher nicht erwartet.«

Offenbar nicht einmal in der Lage, etwas zu sagen, starrte er nur auf ihren Mund, als sie an der Banane lutschte und ihre Lippen daran auf und nieder gleiten ließ. Mit schwingenden Hüften ging Juliette ein paar Schritte auf die Wache zu und nahm dann die Banane aus dem Mund. »Haben Sie Hunger? Ich gebe Ihnen gern was ab«, sagte sie und hielt dem Mann mit einem vielsagenden Lächeln die Frucht hin. Dann, als bemerkte sie erst jetzt, dass ihre Bluse offen stand, sagte sie: »Oh … tut mir leid, aber es ist so heiß im Dschungel, dass ich es fast nicht ertrage, etwas auf der Haut zu haben. Macht Ihnen die Hitze gar nichts aus? Mir wird so … oh … so glühend heiß davon …« Eine Hand glitt zu ihrer Bluse, wie um sie zu schließen, doch stattdessen strichen ihre Finger nur über die vollkommene Rundung ihrer Brust.

Der Wachmann schluckte sichtlich und starrte sie noch immer an wie eine Erscheinung. Juliette hielt ihm die Banane an die Lippen. »Sind alle Männer im Dschungel so … groß und attraktiv wie Sie?«

Er biss von der angebotenen Frucht ein Stückchen ab, als könnte er gar nicht anders, lächelte zu Juliette herab und starrte noch immer ihre Brüste an, als sie ihm die mitgebrachte Spritze in die Haut jagte und ihn betäubte. Er war schwer, aber Juliette war stark, und mit einem kleinen Stoßgebet, dass ihn kein wildes Tier so hilflos finden möge, zog sie ihn in den Schutz der Büsche und lehnte ihn dort an einen Baum. Dann richtete sie das nötige Szenarium her. Jasmine setzte derweil die Alarmanlage außer Betrieb. Nachdem Juliette die Kleidung des Wachpostens mit hochprozentigem Alkohol aus einer mitgebrachten Taschenflasche besprenkelt hatte, entfernte sie die Kugeln aus seiner Waffe und warf sie in das dichte Unterholz.

Juliette und Jasmine hielten sich in den Schatten und vermieden offene Flächen, wo eine Kamera sie einfangen könnte, als sie durch das lang gestreckte Gebäude eilten. Die ersten Räume schienen leere Büros zu sein, doch gleich dahinter konnten sie die Laute unruhiger, gequälter Tiere hören. Die Labors, die ziemlich groß waren, enthielten alle mehrere Käfige. Hier trennten sich die Schwestern nach einem schnellen Uhrenvergleich und wünschten einander Glück, bevor sie in verschiedene Richtungen des riesigen Gebäudes eilten, um so viele Tiere wie möglich freizulassen.

Beide besaßen die Fähigkeit, selbst die größten Raubkatzen beruhigen und dominieren zu können. Es war schwieriger, wenn die Tiere geärgert, misshandelt oder verletzt worden waren, doch beide Frauen waren sich ihrer besonderen mentalen Talente sicher, und als gut eingespieltes Team bewegten sie sich schnell und effizient.

Juliette achtete auf die Zeit, während sie Käfige öffnete und Tieren Anweisungen gab. Das letzte Laboratorium enthielt die größten, einen Malaienbär, einen Jaguar und ein Faultier. Sie fluchte im Stillen, als sie sah, dass dem Faultier nicht mehr zu helfen war. Der Malaienbär hatte mehrere Verletzungen von Stichen mit einem scharfen Instrument, aber der Jaguar, eines der neuesten Tiere, die das Laboratorium erworben hatte, war noch in guter Verfassung. Leise und beruhigend sprach sie zu dem auf und ab tigernden Tier und knurrte einmal leise, als es in seiner Aufregung gegen die Käfiggitter sprang. Es dauerte ein bisschen länger, das Schloss zu knacken und den Jaguar aus dem Raum in Richtung Eingang zu dirigieren. Dabei nutzte sie die geistige Verbindung, die sie zu der Raubkatze aufgenommen hatte. Sie war drei Schritte hinter der großen Katze, als sie einen seltsam starken Zug nach links verspürte. Zu ihrer Bestürzung befand sich dort noch eine weitere Tür.

Es war eine dicke, schalldichte Eisentür, die mit mehreren Riegeln und Schlössern versehen war. Juliette blickte ein zweites Mal auf die Uhr. Eigentlich müsste sie schon losrennen, um rechtzeitig aus dem Gebäude zu kommen, aber irgendetwas, das sie sich nicht erklären konnte, drängte sie nachzusehen. In der Hoffnung, dass Jasmine wie versprochen das Labor verließ und nach Hause zurückkehrte, machte Juliette sich an der Tür zu schaffen.

Auf dem nackten Zementboden lag Riordan in seinem eigenen Blut und schaute stoisch zu, wie es auf den eingebauten Ablauf zulief. Es sah für ihn wie ein dünnes dunkelgraues Rinnsal aus, das sich zu einer immer größer werdenden Lache sammelte. Es war kaum zu glauben, dass er so in die Falle gegangen war, dass einer seiner Art so gedemütigt und sterbend in den Händen seiner Feinde liegen konnte. Er war ein mächtiger Karpatianer, kein Grünschnabel, sondern ein Mann von Ehre und Geschick. Und doch lag er da wie ein Häufchen Elend, außerstande, die nötige Kraft zu sammeln, um sich zu bewegen. Oder Hilfe von seiner eigenen Spezies herbeizurufen.

Seine Brüder würden ihn mittlerweile suchen und sich fragen, warum sein Geist ihnen verschlossen war. Aber Riordan wagte es nicht, noch jemanden in die Falle hineinzuziehen, in die er selbst gelockt worden war. Er würde nicht der Köder sein, um noch weitere Angehörige seiner Gattung zu fassen. Der Feind hatte einen Weg gefunden, das Blut seines Volkes zu vergiften und Gefangene lange genug ruhigzustellen, um ihnen Blut zu entnehmen und sie geschwächt zu halten. Er hatte geglaubt, erfahren genug zu sein, um das Gift aus seinem Körper ausscheiden zu können. In früheren Zeiten war ihm das auch bei zahlreichen Gelegenheiten gelungen, doch dieses neue Gift hielt ihn hilflos, schwach und wehrlos gegen die unaufhörliche Tortur.

Es gab keinen Weg, dem Prinzen seines Volkes die Nachricht zu übermitteln, keine Möglichkeit, ihn vor dieser neuen, sogar noch tödlicheren Droge zu warnen, die ihre Feinde entwickelt hatten. Riordan stemmte sich mühsam hoch, bis er mit dem Rücken an der Wand lehnte, an der er angekettet war, und untersuchte die chemischen Verbindungen, die durch seinen Organismus rasten. Der Feind musste irgendeine elektrische Aufladung benutzt haben, um den Zellverfall in seinem Blut zu beschleunigen. Mit einem scharfen Zischen, in dem ein tödliches Versprechen, aber auch grenzenlose Verzweiflung lag, stieß Riordan langsam den Atem aus.

Er würde nicht so ohne Weiteres sterben, da sein Körper sich beständig regenerieren würde, doch ohne das nötige Blut, ohne die heilende Erde, würde es schließlich doch geschehen, langsam und sehr qualvoll. Niemals hätte er gedacht, dass er einen solchen Tod erleiden würde.

Die Droge kroch durch seinen Körper, ein chemisches Monster, das fast so tödlich war wie der dunkle Dämon, der tief in seinem Innern lauerte. Bevor er starb, wollte er seinen Brüdern jedoch so viel Information wie möglich über den giftigen Wirkstoff übermitteln. Er würde eine Warnung herausgeben, jedoch erst unmittelbar vor seinem Tod. Er würde seine Angehörigen nicht verraten oder sich als Köder benutzen lassen, um die anderen in die gleiche Falle zu locken. Sein Prinz musste wissen, dass ein Meistervampir die Menschen benutzte wie Marionetten und den Strippenzieher spielte. Riordan musste einen Weg finden zu entkommen, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Er durfte nicht sterben, bevor er seinem Volk die lebenswichtige Information über diesen Verrat übermittelt hatte … oder bevor Schmerz und Verzweiflung, seine allgegenwärtigen Begleiter, seine Entschlossenheit ins Wanken brachten.

Riordan schloss die Augen und zog sich tief in seinen Geist zurück. Fast unmittelbar darauf hörte er das leise Klicken des Schlosses an der schweren Metalltür. Seine Peiniger, die seine enorme Macht fürchteten, kamen nie bei Nacht zu ihm. Vorsichtig rührte er an den Geist des Menschen, der das Labor betrat, stellte aber zu seiner Überraschung fest, dass er die Gedanken des Eindringlings nicht lesen konnte. Er hatte allerdings den Eindruck, dass es eine Frau war.

Regungslos verharrte er, doch sein Verstand arbeitete wie wild. Hatten seine Peiniger es geschafft, einen Weg zu finden, ihre Gedanken abzuschirmen? Die meiste Zeit waren sie durch seine eigene Schwäche ohnehin geschützt. Am helllichten Tag war er hilflos und verwundbar, und bei Nacht waren sie bisher schlau genug gewesen, sich von ihm fernzuhalten. Obwohl sie ihm sein Blut und seine Kraft genommen hatten, war er geistig doch noch stark genug, um einen der Männer unter seine Kontrolle zu bringen, falls sie sich nachts in seine Nähe wagen sollten. Und dies war seine Chance, zu entkommen oder einen Weg zu finden, sein Leben zu beenden, bevor sie ihn gegen seine eigene Spezies verwenden konnten.

Wieder tastete er den Geist der einzelnen Person ab, die sein Gefängnis betrat. Tatsächlich, es war eine junge Frau. Riordan hielt die Augen geschlossen, sparte seine Kraft und wartete auf diesen einen Moment, der, wie er wusste, kommen würde. Dann würde er ihre geistigen Barrieren überwinden und in jeden Winkel ihres Kopfes eindringen, bis er sie voll und ganz unter Kontrolle hatte. Er würde die Frau zwingen, seinen Befehlen zu gehorchen. Flucht oder Tod, eine andere Wahl hatte er nicht. Er konnte nun ihren Duft wahrnehmen, der frisch und sauber war und an Wildnis und Natur erinnerte. An den Regenwald nach einem reinigenden Platzregen, an exotische Blumen und noch etwas anderes – etwas Wildes, nicht ganz Menschliches. Riordan spürte, wie seine Muskeln sich bei diesem fremden Geruch anspannten, wie sein Puls sich beschleunigte und Hitze ihn durchflutete, aber er hielt sich unter Kontrolle, so gut er konnte.

Nichts konnte seinen Angriff abwenden. Es war der erste Fehler, den einer von ihnen machte, und den würde er sich zunutze machen. Der Dämon in ihm versuchte auszubrechen, als er dem stetigen Pochen ihres Herzens und dem Rauschen des Blutes in ihren Adern lauschte. Grenzenloser, unerträglicher Hunger nagte an ihm, doch er wartete reglos ab und horchte auf ihre leichten Schritte. Sie verursachten kaum ein Geräusch, aber er konnte ihre Aufregung, die leise Furcht und das Adrenalin riechen. Die Frau kam näher.

Schlagartig verstummte das Geräusch, und sie rang entsetzt nach Atem. »O nein!« Sie machte eine schnelle Bewegung auf ihn zu, und Riordan hörte Kleider rascheln. Der Schock und Schreck in ihrer Stimme waren nicht zu überhören gewesen. Sie hatte ihn hier nicht erwartet.

Der furchtbare Anblick, der sich Juliettes Augen bot, war fast nicht zu glauben. Der Mann, der in seinem eigenen Blut lag, war unvorstellbar blass, und die schweren Ketten um seine Brust schienen sich buchstäblich in sein Fleisch hineingefressen zu haben. Auch seine Hände steckten in Handschellen, die so eng waren, dass aus einer Vielzahl von Wunden Blut heraussickerte. Es war kaum zu glauben, dass er so sehr litt und trotzdem noch am Leben war, und deshalb hockte Juliette sich neben ihn und tastete nach seinem Puls.

Riordan öffnete die Augen, um sie anzusehen, wie sie neben ihm kauerte, ohne sich auch nur im Geringsten um das Blut zu scheren, das ihre Kleidung beschmutzte, als sie sich zu ihm vorbeugte. Ihre Finger legten sich sanft an seinen Nacken, und ihre großen, regelrecht türkisfarbenen Augen waren voller Mitgefühl. »Wer hat Ihnen das angetan?« Noch während sie die Frage flüsterte, nahm sie ein kleines Instrument von einem Werkzeuggürtel an ihrer Taille, um das Schloss an seinen Handschellen zu öffnen. Dabei achtete sie darauf, nicht in die Kameras zu blicken, die auf ihn gerichtet waren.

»Wir haben nicht viel Zeit. Können Sie gehen? Sie werden uns Wachen hinterherschicken, und dann werden wir rennen müssen.« Er war ein großer Mann, und Juliette glaubte nicht, dass sie auch nur den Hauch einer Chance hatte, ihn hinauszubringen, wenn er nicht laufen konnte. Sie würde es jedoch versuchen. Juliette war in dem Glauben hierhergekommen, es mit einem Forschungslabor für exotische Dschungelkatzen zu tun zu haben. Nie im Leben hätte sie erwartet, einen halb toten, allem Anschein nach gefolterten Mann in diesem Gebäude eingesperrt zu finden. Sie hatte noch niemals so viel Blut, so ein schwer gezeichnetes Gesicht und solch brennende Augen gesehen. Die Handschelle löste sich von seiner linken Hand, und Juliette beugte sich um ihn herum zu seiner anderen vor.

Ihr Haar fiel ihr dabei wie ein seidiger Wasserfall blauschwarzer Strähnen ins Gesicht. Verblüfft darüber, wie deutlich die unterschiedlichen Farben darin zu sehen waren, konnte Riordan nur ihr Haar anstarren. Für einen Moment konnte er nicht denken, ja nicht einmal atmen. Es war eigentlich unmöglich, aber die Hand, die er zu ihrem glänzenden Haar erhob, war rot von seinem Blut. Nicht dunkelgrau wie vorher, sondern rot. Mit exquisiter Sanftheit, einem angeborenen Wesenszug von ihm, strich er ihr das Haar zurück, um die anmutige Biegung ihres Nackens zu entblößen. Die Frau schien es nicht einmal zu merken, da sie immer noch mit dem Schloss der zweiten Handschelle beschäftigt war. Ihre Haut war einladend weich. Und glatt wie Satin. Langsam senkte Riordan den Kopf, als seine Zähne sich verlängerten, der Dämon in ihm aufbrüllte und sein Körper sich verkrampfte. Sein Atem fächelte die Haut der Frau, seine Zähne berührten fast schon ihren Puls, diesen verwundbaren Punkt, der eine solch unwiderstehliche Versuchung darstellte.

Ihre halb geöffnete Bluse gab den Blick auf hinreißende Brüste frei, üppig, voll und weich genug, um seinen Kopf darauf zu betten. Am liebsten hätte er eine Hand unter den Stoff geschoben, um eine dieser warmen Rundungen zu umfassen, als er sich über ihren Nacken beugte.

Noch immer in ihre Aufgabe vertieft, gab sie einen leisen Laut von sich und runzelte die Stirn. Riordan atmete tief ein, um ihren Duft ganz in sich aufzunehmen. Er hatte keine Kontrolle über ihren Geist und war zu geschwächt, um seine letzte Kraft darauf zu verschwenden, sein kompliziertes Muster zu ergründen. Kaum fiel der Stahl von seinem Handgelenk, fuhren seine Arme blitzschnell hoch und drückten die Frau an seine Brust, während seine Zähne sich in ihren Nacken bohrten.

Ein glühender Schmerz durchzuckte Juliette, brauste wie flüssiges Feuer durch ihre Blutbahn und erhitzte ihren Körper, sodass jedes ihrer Nervenenden knisterte und pulsierte. Dann wich der Schmerz einer dunklen, rauschhaften Ekstase, der sie hilflos ausgeliefert war. Juliette war sicher, dass sie kämpfte und sich wehrte, aber der Mann war wie aus Eisen, und ihr biegsamer Körper schlug gegen seinen harten, ohne dass der Mann es auch nur zu merken schien. Sie spürte die Kraft, die in ihm wuchs und sich in ihm verbreitete, während ihre eigene ihr zu entgleiten schien. Da war ein Teil von ihr, der unabhängig vom Rest zu sein schien, der einfach dabeistand, alles beobachtete und das Gefühl hatte, sich in einer Art Albtraum zu befinden. In ihrem Blut war Feuer, das wie Lava durch ihren Körper floss, ihre Muskeln ver- und entkrampfte, ihr die Kraft entzog und sie ganz seltsam nachgiebig werden ließ in seinem eisenharten Griff.

Riordan blickte zu der Kamera auf, die auf ihn gerichtet war, und verzog den Mund zu einem humorlosen Lächeln, das seine blendend weißen Zähne offenbarte. Ohne den Blick von der Kamera abzuwenden, senkte er dann den Kopf und strich liebkosend mit der Zunge über die beiden kleinen Einstiche am Nacken der Frau. Dieser Blick würde seinen Peinigern alles sagen. Er kannte seine Feinde, jeden einzelnen von ihnen, und nicht mal ihr Geruch war ihm noch fremd. Ihr Gestank war in seiner Lunge gespeichert, und er war ein Jäger. Mit einer kleinen Infusion von Blut war er vom Beutetier zum Räuber geworden. Es war zwar nicht genug Blut, um ihn völlig wiederherzustellen, aber es reichte, um zu fliehen.

Mühelos warf er sich den erschlafften Körper der Frau über die Schulter, und in einer beeindruckenden Zurschaustellung von Geschmeidigkeit und Kraft bewegte er sich mit ihr zur Tür. Er hatte die feste Absicht, seine Feinde auf seine Spur zu locken und sie so von seiner Familie abzulenken. Doch zunächst einmal würde er alles zerstören, was sie hier draußen im Dschungel aufgebaut hatten. Sie verbargen ihr Laboratorium vor neugierigen Augen, versteckten ihre abscheuliche Folterkammer tief im Urwald, weil sie glaubten, hier weit entfernt von Recht und Gesetz zu sein. Doch er würde ihnen zeigen, wem dieser Teil der Welt gehörte, wem sie immer schon gehört hatte.

Die Frau begann plötzlich zu zappeln und versuchte, sich unter seinem Arm hervorzuwinden.

Riordan verstärkte den Griff um sie. »Lass das!«, befahl er ihr. »Du kannst nicht entkommen. Das ist unmöglich. Also verhalte dich still.« Seine Stimme war sanft, doch es klang auch eine unmissverständliche Drohung darin mit.

Juliette gab ihren Widerstand auf, als sie die ungeheure Kraft in seinen Armen spürte, unterdrückte die Panik und versuchte verzweifelt nachzudenken. Ihr Körper war so bleiern, dass sie nicht einmal den Arm heben und die Hand zur Faust ballen konnte, um den Mann zu schlagen. Ihr war schwindlig und übel. Seine Emotionen überschwemmten sie wie ein Strudel dunkler Gefahr, der über ihr zusammenschlug. Noch nie hatte sie solch überwältigende Empfindungen erfahren. Sie brodelten auf wie ein Vulkan, explosiv, gewaltig und sehr intensiv. Juliette nahm etwas Wildes und Ungezähmtes in ihm wahr, ein Raubtier, das nicht seinesgleichen hatte. Ihr Nacken pochte und brannte, und sie fragte sich, was für einen Dämon sie da entfesselt hatte.

Juliette spürte die Kraft, die sich in ihm sammelte. Sie war wie ein überschäumender Kessel enormer Macht, die sich in ihm aufbaute und aus ihm herauszuströmen schien, bis das Gebäude in seinen Grundfesten erschüttert wurde und bedrohlich ächzte. Schließlich war sogar die Luft so von dieser Kraft erfüllt, dass sich die Mauern nach außen wölbten, in dem nutzlosen Versuch, sich gegen solch extreme Macht zu behaupten. Juliette umklammerte die zerfetzten Reste seines Hemdes, weil sie irgendetwas brauchte, um sich festzuhalten.

»Meine Schwester könnte noch hier drinnen sein«, flüsterte Juliette, entsetzt über den Gedanken, dass Jasmine von dem völligen Zusammenbruch des Gebäudes überrascht werden könnte.

»Hier ist niemand außer uns«, versicherte er ihr. Und dann bewegte er sich mit so unglaublicher Geschwindigkeit, dass alles um sie herum verschwamm. Juliette kniff die Augen zu, ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie klammerte sich mit aller Kraft an dem Fremden fest. Sie konnte seine harten, angespannten Muskeln unter sich spüren und den starken Luftzug, der über ihren Körper strich. Sie hätte schwören können, dass sie sich irgendwann sogar vom Boden erhoben und so schnell durch die Luft bewegten, dass sie zu fliegen schienen.

2. Kapitel

Furcht, die schon an Panik grenzte, erfasste Juliette. Sie hatte keine Ahnung, womit sie es zu tun hatte, aber der Mann war ein mächtiges Raubtier, und angesichts des Zustandes, in dem sie ihn gefunden hatte, war sein Zorn mehr als nur berechtigt. Deutlich konnte sie die mühsam unterdrückte Wut spüren, die in ihm schwelte, und war geradezu schockiert über die Verbindung, die zwischen ihnen zu bestehen schien, da sie seine Gefühle spüren konnte und er offenbar die ihren. Die Augen noch immer fest geschlossen gegen den Schwindel, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und versuchte, sich nicht von ihrer Furcht und dem Wind in ihrem Gesicht überwältigen zu lassen, als sie durch das Kabinett des Schreckens hindurchrasten. Sie musste ihre fünf Sinne beisammenhalten, wenn sie fliehen wollte; sie musste wachsam sein und auf den einen Moment, die eine Chance warten, wenn der Mann vielleicht vorübergehend abgelenkt sein würde.

Juliette versuchte, Kraft zu sammeln – was jedoch eine kaum zu bewältigende Aufgabe zu sein schien, da sie buchstäblich wie ein Sack über der Schulter des Mannes lag. Einer seiner Arme lag stützend über ihrem Po, leicht, ja gleichgültig schon fast. Ihr Magen revoltierte, und sie fühlte sich schrecklich kraftlos und benommen. Aber seine Berührung hatte etwas merkwürdig Vertrautes, ja sogar Intimes. Während er mit schnellen Schritten durch das Gebäude eilte, ruhten seine gespreizten Finger auf ihrem Po und streichelten ihn geistesabwesend, fast so, als erinnerten sie sich an ihren Körper, als wäre er ihnen schon irgendwie vertraut. Und so sehr Juliette sich auch bemühte, konnte sie doch keinen klaren Gedanken fassen, weil sie sich seiner Hand viel deutlicher bewusst war, als ihr lieb war.

Das Fundament des Gebäudes erbebte, und Risse durchzogen den Zementboden, als die Erde sich darunter wölbte und wellte. Funken sprühten auf und knisterten, als Stromleitungen von zersplitternden Deckenbalken losgerissen wurden und Beleuchtungskörper gefährlich schwankten. Auch in den Wänden erschienen tiefe, Unheil verkündende Risse.

Juliette dröhnten die Ohren von dem Lärm um sie herum. Der Mann, der sie fest an sich gedrückt hielt, bewegte sich mit fließenden, geschmeidigen Bewegungen, in denen sogar eine gewisse Anmut lag, sodass sie ihren arg verkrampften Magen zum Glück nicht noch mehr aufwühlten. Atme! Das Wort war wie ein Wispern in ihrem Geist, wie ein liebevolles Streicheln fast. Atme! Es war, als hauchte der Mann ihr seinen warmen Atem ins Ohr. Ihr Körper war noch immer schwer wie Blei, und ihre Arme hingen kraftlos über dem Rücken des Mannes. Sie versuchte, sich zu konzentrieren und Kraft zu sammeln für den Moment, in dem sich ihr vielleicht eine Fluchtmöglichkeit bieten würde, aber dieses einzelne kleine Wort hatte sie verstört. Verstört und verändert. Atme! Das Wispern durchlief ihren Körper, schwamm in ihrem Blutstrom mit und verbreitete sich auf solch heimtückische Weise in ihrem ganzen Körper, dass sich sogar ihr Herzschlag dem Rhythmus des Herzens dieses Fremden anpasste. Und dabei war das Wort nur in ihrem Kopf und nicht einmal laut ausgesprochen worden.

Während das ganze Gebäude schon vibrierte, stürmte der Mann, immer drei oder vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf, sprang von der zerbröckelnden, gut zwanzig Fuß hohen Mauer herunter und kam so leichtfüßig auf dem Boden auf, als wäre er immer noch darauf bedacht, Juliette nicht allzu sehr durchzuschütteln. Flammen züngelten an den nackten Zementmauern empor und suchten gierig nach etwas Brennbarem, als der Mann Juliette in den Schutz des Dschungels brachte.

Sofort waren sie von dichtem grünem Blattwerk umgeben, aufgenommen von einem Zufluchtsort aus üppiger Vegetation, in dem fast völlige Dunkelheit herrschte unter den stark belaubten Baumkronen. Die umgestürzten Bäume und das dichte Unterholz verlangsamten den Mann allerdings nicht. Er bewegte sich wie jemand, der im Dschungel geboren und aufgewachsen war, lautlos und tödlich, und schützte sie mit seinem Körper, als er durch den dunklen Urwald rannte, um Abstand zwischen sie und das einstürzende Laboratorium zu bringen. Während die meisten Menschen Mühe hätten, sich so tief im Wald zu orientieren, schien er ganz genau zu wissen, wohin er ging. Eben hatte er sich noch mit Kraft und Schnelligkeit voranbewegt, doch jetzt begann er zu wanken, und seine Beine zitterten, als hätten sie plötzlich alle Kraft verloren. Aus seinen zahlreichen Verletzungen sickerte noch immer Blut und lief in kleinen Rinnsalen an ihm hinunter.

Juliette krallte die Finger um die Fetzen seines Hemdes. Sie hing schlaff und kraftlos wie ein Sack über seiner Schulter und hatte nicht mehr die Energie, um laut zu protestieren, aber sie war sich sicher, dass der Fremde wahnsinnige Schmerzen haben musste. Ganz plötzlich waren sie wieder am Rand des Waldes, wo der Dschungel der Zivilisation hatte weichen müssen, um Platz für Dörfer und Ortschaften zu schaffen. Da der Urwald jedoch unaufhaltsam weiterkroch, um sich zurückzuholen, was ihm genommen worden war, bot er eine gute Deckung bis zum Rand des nächsten Dorfes.

Neben einem dicken Baum, der kaum mehr als ein Schatten in der Dunkelheit war, blieb der Mann stehen. In völliger Regungslosigkeit verharrte er, und Juliette konnte spüren, wie er sich auf seine Umgebung konzentrierte und … Witterung aufnahm. Von Angst und Furcht ergriffen, begann Juliettes Herz fast unerträglich laut zu hämmern. Er suchte Beute. Tief im Innersten wusste sie, dass er menschliche Beute suchte, und das mit ihrem bleischweren Körper über der Schulter, als machte es ihm nicht das Geringste aus! Juliette wollte kämpfen, schreien, sein Opfer warnen – aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ihr Körper weigerte sich zu gehorchen, und ihr Herz explodierte fast vor Zorn und Furcht.

Atme! Da war er wieder, dieser leise Befehl in ihrem Geist – eine sanfte, intime Liebkosung, die sie auf ihrer Haut verspürte, ein liebevolles Streicheln, das sie in ihrem Haar wahrnahm. Auf ihrer nackten Brust. Luft drang in ihre Lunge, sie begann plötzlich im gleichen Rhythmus wie er zu atmen, und auch ihr Herz passte sich wieder dem ruhigen, entspannten Schlag des seinen an.

Sie hörte Schritte und das Gemurmel von Stimmen in der Stille der Nacht. Sie kamen näher. Immer näher. Wer würde so dumm sein, in tiefster Nacht so dicht am Dschungel entlangzugehen? Es gab vielerlei Raubtiere im Wald. Und nun bewegte er sich, ihr Fremder, drehte sie in seinen Armen und drückte sie an seine Brust, um sie mit seinen eindringlichen schwarzen Augen einen Moment prüfend anzusehen. Sie konnte den Blick nur hilflos erwidern, halb fasziniert, halb gelähmt von der verstörenden Intensität der dunklen Augen. Langsam ließ er sie dann herab, hielt aber noch einen Arm um sie gelegt, um sie an sich zu drücken und aufrecht zu halten. Offenbar spürte er, dass ihr schwindlig war und ihre Knie zitterten.

Sein prüfender dunkler Blick war der intimste, der sie je getroffen hatte. Die Verbindung zwischen ihnen verstärkte sich, als er an ihrem Körper hinuntersah und sein Blick mit der Hitze einer Flamme über ihre unbedeckten Brüste strich. Da Juliette nicht die Kraft aufbrachte, ihre Bluse zuzuknöpfen, stand sie schwankend und seinen Blicken hilflos ausgeliefert vor ihm. Als erriete er ihre Gedanken, zog er ihre Bluse vorn zusammen und begann, sie zuzuknöpfen. Dabei streiften seine Knöchel ihre Haut und sandten ihr einen wohligen Schauer über den Rücken. In einer langsamen, fast schon verführerischen Bewegung senkte er den dunklen Kopf. Juliette dröhnte der Herzschlag in den Ohren, als sein sinnlicher Mund sich dem ihren näherte, bis er bloß noch einen Atemhauch entfernt war. Sie war so fasziniert, dass sie ihn nur abwartend anstarren konnte, und vergaß zu atmen. Aber dann wandte er abrupt den Kopf ab und blickte zu der kleinen Ansiedlung hinüber.

Juliette sah zwei Männer mit festen, geraden Schritten auf sie zukommen, als gingen sie über einen gut sichtbaren Pfad, anstatt durch dichtes Unterholz. Keiner sprach oder warf auch nur einen Blick nach rechts oder links. Keinem vom ihnen schien bewusst zu sein, dass sie sich dicht am Dschungel befanden, in dem alle Arten von Raubtieren lauerten. Juliette ließ den Kopf zurücksinken, zu schwach, um ihn noch länger aufrecht zu halten. Er fiel gegen die Brust des Mannes, dessen Arm sich daraufhin noch fester um sie schloss, sodass die Hitze seines Körpers auf angenehme Weise auf den ihren überging.

Sie konnte nur hilflos dastehen, während die beiden Opfer immer näher kamen. Der Mann, der Juliette gefangen hielt, war still und angespannt wie eine Klapperschlange vor dem Angriff. Sie spürte, wie er seine Kräfte sammelte und sich bereithielt, während seine Beute sich näherte. Wie programmiert – oder magisch angezogen – kamen die beiden Männer geradewegs auf ihn zu. Ein Erschaudern durchlief Juliette, als einer von ihnen den Kopf zurücklegte und seine Kehle entblößte, während der Fremde auf die gleiche gemächliche, fast schon beiläufige Weise den Kopf senkte, seine Zähne in den Hals des Mannes trieb und trank.

Juliettes Herz pochte wild, das Adrenalin brodelte wie verrückt in ihren Adern. Sie können es nicht fühlen. Sie fürchten sich nicht. Warum solltest du dann Angst um sie verspüren? Ich tue ihnen nicht weh. Du vergisst schon wieder zu atmen, hörte sie die tiefe Stimme des Fremden in ihrem Kopf, in der ein Anflug von Belustigung mitschwang und eine Vertrautheit, die ihr schier den Atem nahm.

Ihr ganzer Körper verkrampfte sich, als eine versengende Hitze sie an intimen Stellen berührte wie das Streicheln sanfter Fingerspitzen. Juliette stockte der Atem. Dieser Fremde war gefährlich, mehr sogar noch, als sie ursprünglich gedacht hatte. Seine Stimme war eine Waffe, seine verführerische Art ein Werkzeug. Und sie war nur zu empfänglich für seinen schönen Mund, die brennenden schwarzen Augen und die samtene Stimme.

Juliette zwang sich, Kraft zu sammeln und ihre Furcht, die Adrenalinausschüttung und die vorübergehende Abgelenktheit des Mannes zu nutzen, während er trank. Und so machte sie sich den jähen Ausbruch der in ihr aufgestauten Angst zunutze und versuchte, sich aus seinen Armen loszureißen. Aber der Arm des Fremden blieb wie eine eiserne Schelle um sie liegen, ruhig, unbeweglich, beinahe so, als spürte er ihren Widerstand nicht einmal.

Riordan ließ den ersten Mann zu Boden sinken, wo er schwankend sitzen blieb, und streckte seine freie Hand nach dem zweiten aus. Er brauchte frisches Blut, um den enormen Verlust auszugleichen, den er während der Gefangenschaft und der Quälereien in dem Labor erlitten hatte. Durch die Aufnahme von Blut hoffte er, sich einigermaßen wiederherstellen zu können, um nach und nach seinem Körper seine volle Macht zurückzugeben. Mit neuer Kraft und ohne die ständigen Elektroschocks, um das Gift in seinen Adern anzuregen, würde er die Substanz vielleicht aus seinem Organismus entfernen können. Behutsam ließ Riordan auch den zweiten Mann zu Boden gleiten, ohne die Frau loszulassen, die er mit dem anderen Arm an seinen Körper drückte. Er spürte sie, jeden Zentimeter, jede Kurve. Ihre Haut war unglaublich zart. Als er den Kopf auf die dichte Mähne ihres weichen Haares senkte und ihren Duft einsog, musste er seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um sein Gesicht nicht in die seidige Fülle zu drücken.

Die Frau war sehr verängstigt, ja panisch, obwohl er versucht hatte, sie zu beruhigen. Ihr Denkmuster war anders, das schwierigste, dem Riordan bisher begegnet war. Sanft umfasste er mit einer Hand ihr Kinn und bog ihren Kopf zurück, damit sie seinen Blick erwidern musste. Ihre Augen waren schräg wie die einer Katze und von einem dunklen Türkis, und an ihren Pupillen konnte er erkennen, dass ihre Nachtsicht ausgezeichnet war. Ihre Wimpern waren lang und genauso blauschwarz wie ihr Haar. So lange hatte Riordan keine Farben mehr gesehen, dass er sich am liebsten im strahlenden Türkis ihrer Iris verloren hätte.

Hypnotisch starrte Riordan ihr in die Augen, was sie augenblicklich hätte beruhigen müssen, doch anstatt ruhiger zu werden, konnte er hören, dass ihr Herz sogar noch schneller schlug.

»Du hast mich gerettet. Ich danke dir«, sagte er mit leiser, sanfter Stimme, die trotz ihres samtenen Tonfalls mit einem geistigen Zwang unterlegt war.

Juliette versuchte verzweifelt, ihre Energie zurückzugewinnen. Ihre Beine waren kraftlos, ihre Arme noch immer schwer wie Blei. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, war er. Ihr war schwindlig, und wann immer sie in seine schwarzen Augen blickte, hatte sie das Gefühl, sich buchstäblich in ihnen zu verlieren. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf, um Klarheit zu erlangen. »Was ist mit mir?« Ihr Mund war trocken, und ihre Stimme klang wie weit entfernt.

»Ich habe dir viel Blut genommen«, erwiderte er aufrichtig. »Es war die einzige Möglichkeit für mich, aus diesem Höllenloch herauszukommen. Aber du brauchst keine Angst vor mir zu haben, und ich werde das Blut ersetzen, das du verloren hast.« Mit einer besitzergreifenden Geste zog er Juliette noch fester an sich.

Vergeblich versuchte sie, ihn zurückzustoßen. »Geh einfach nur. Ich will nicht, dass du irgendwas ersetzt.«

»Ich bin Riordan, dein Seelengefährte. Ich habe all diese langen Jahre nach dir gesucht.«

»Gefährte? Du bist bloß irgendein Blut saugendes … Etwas, und ich will einfach nur, dass du verschwindest.« Juliette fiel fast ins Gebüsch hinein, so kraftlos, wie sie war, aber er fing sie auf und bewahrte sie davor. Es war beunruhigend, wie stark er war, obwohl er doch so brutal gefoltert und misshandelt worden war. Ob mit oder ohne Blutaufnahme hätte er eigentlich schwach sein müssen wie ein Kätzchen. An seiner Brust waren lange, breite Brandstellen zu sehen, fast so, als wären die Ketten, mit denen er gefesselt gewesen war, aus Säure statt aus Stahl gewesen. »Du musst diese Wunden behandeln lassen, sonst werden sie sich entzünden. Man kann hier im Dschungel keine offenen Wunden haben.« Warum es sie kümmerte, war ihr selbst nicht klar. Sie wollte ihn doch einfach nur noch loswerden. Aber er hielt sie, als wäre sie ein Kind, das schlaff und mit zurückgelegtem Kopf in seinen Armen hing. Wie nahe ihre Kehle seinen scharfen Zähnen war, war ihr nur allzu gut bewusst.

Riordan starrte in ihre eigenartigen Augen und suchte in ihrem Geist nach einer Möglichkeit, ihre Ängste zu beschwichtigen. Aber dann hörte er plötzlich ein leises, grunzendes Husten, das aus dem Inneren des dunklen Urwaldes nicht weit von ihnen entfernt kam und auf das sie augenblicklich reagierte. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch in ihrem Geist erwachte freudige Erregung, die sie hastig unterdrückte, und für einen Moment spannte sich ihr ganzer Körper an. Riordan war bereits so stark mit ihr verbunden, dass er die in ihrem Geist beginnende Reaktion spürte, obwohl bisher nicht einmal ein Blutaustausch zwischen ihnen stattgefunden hatte. Sie holte Luft; bevor sie jedoch einen Laut von sich geben konnte, schloss sich seine Hand um ihre Kehle. Ihr erschrockener Blick suchte den seinen, und Riordan schüttelte den Kopf.

Du wirst dich still verhalten. Ich werde alles und jeden töten, der dir zu Hilfe kommt. Ist das klar?

Juliette nickte. Auch sie hatte keine Erklärung für die telepathische Verbindung zwischen ihnen. Aber sie spürte, was er spürte. Fast konnte sie die finsteren Gedanken sehen, die ihm durch den Kopf schossen und nicht weniger heftig waren als die Gewalttätigkeit, die ihn bis ins Innerste aufwühlte. Er ängstigte sie, doch diese Angst hatte nichts mit seinen Reißzähnen oder offensichtlichen Fähigkeiten zu tun. Vor langer Zeit hatte Juliette Gerüchte über eine andere Spezies gehört, und nach allem, was sie heute Nacht gesehen hatte, vermutete sie, dass er dieser Rasse angehörte. Sie nannten sich Karpatianer und waren nahezu unsterblich. Es hieß, sie seien Vampirjäger und Hüter der vielen Spezies, aber Einzelgänger und immer nur allein. Juliette wusste kaum etwas über Karpatianer, nur, dass sie für Jaguarmenschen wie sie extrem gefährlich waren.

Trotz der wilden Wut in seinem Bauch und dem furchtbaren Vergeltungsdrang, der ihn beherrschte, hatte er jedoch keinen der beiden Männer getötet, deren Blut er genommen hatte. Juliette wusste, sie hätte um ihr Leben fürchten müssen, aber was sie beängstigte, war etwas völlig anderes. Die Art, wie er sie ansah, war richtiggehend … räuberisch. Besitzergreifend und bestimmt von unverhohlenem sexuellen Verlangen. Und das Verrückte war, dass ihr ganzes Sein mit Hitze und Feuer, geheimen Sehnsüchten, aber auch schockiert und ängstlich darauf reagierte.

Riordan nahm seine Hand von ihrem Hals und beugte sich zu ihrem Ohr vor, doch anstatt seine Stimme zu benutzen, verständigte er sich auf telepathischem Wege mit ihr. Ich bringe dich weit fort von diesem Ort. Die Jäger werden merken, dass ich schwach bin. Ich muss meinen Körper von den Giftstoffen befreien, bevor ich mich um dich kümmern kann. Schließ die Augen, falls du Angst vorm Fliegen hast.

Ich habe Angst vor dir. Lass mich hier!

Er gab tief im Geiste einen Laut von sich, der wie ein verächtliches Schnauben klang. Sein Gesicht war von maskenhafter Starre, und Furchen der Qual und Erschöpfung hatten sich in sein gut aussehende Gesicht gegraben. Am liebsten hätte Juliette mit sanften Fingern diese Furchen glatt gestrichen und Riordans Zügen diesen Ausdruck unendlicher Einsamkeit für immer genommen.

Es macht dir nur Angst, dass du deine Freiheit verloren hast. Du befürchtest nicht, dass ich dir etwas antun könnte. Du spürst, wie sehr ich dich brauche, also spiele nicht die Unwissende!

Juliette ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen. Er konnte ihre Gedanken nicht so deutlich lesen, wie er wollte, was auch besser war. Er war innerlich zerrissen, ein Fremder, womöglich ein Dämon aber irgendetwas Feminines, ja sogar Animalisches tief in ihrem Inneren reagierte mit jeder Faser ihres Seins auf ihn.

Fasziniert beobachtete sie, wie die Erde sich unter ihnen entfernte, wie die Wolken weißer wurden und dichter Nebel sie umhüllte. Das Blätterdach unter ihr sah undurchdringlich aus. Riordan kannte sich fast so gut wie sie im Dschungel aus und hatte offenbar ein ganz bestimmtes Ziel im Auge. Juliette verließ ihren Teil des Waldes nur selten, um die gebirgigeren Gebiete zu erforschen, doch sie wusste, dass er auf dem Weg dorthin war. Und dann würde sie hundert Meilen oder sogar noch mehr von daheim entfernt sein. Aber sie sagte nichts und bewahrte ihre Geheimnisse für sich. Sie musste nur ihre Kraft wiederfinden und mitmachen, was immer er wollte, bis sie eine Möglichkeit zu fliehen fand.

Sein Lachen war leise und humorlos. Ich habe keine Lust, dich durch den Wald zu jagen.

Das sind gute Neuigkeiten, erwiderte sie in Gedanken und blickte zu seinen ausgesprochen maskulinen Zügen auf. Er sah aus wie ein Mann, der Furcht einflößend, ja sogar ein bisschen grausam sein konnte, wenn er wollte. Warum sollte sie sich zu einem solchen Mann auch nur im Geringsten hingezogen fühlen? Es war undenkbar, und trotzdem konnte sie ihn nicht anschauen, ohne genau diesen Effekt zu spüren.

Vielleicht solltest du mich ja fürchten. Er klang eher müde als sarkastisch. Willst du mir nicht deinen Namen sagen?

Juliette versuchte, Klarheit zu erlangen und sich an die alten Legenden zu erinnern, die das Volk ihrer Mutter über seine Spezies erzählte. Würde es ihm mehr Macht über sie geben, wenn sie ihm ihren Namen verriet? Der Nebel in ihrem Kopf erlaubte ihr nicht, schnell genug zu denken.

Ich glaube, es ist wichtig, dass ich deinen Namen kenne. Wirst du mir nun sagen, wie ich dich nennen soll, oder soll ich mir etwas ausdenken?

Juliette. Ich heiße Juliette. Sie wollte nicht von dieser betörenden Stimme mit irgendeinem Kosenamen angesprochen werden, an den sie sich am Ende vielleicht noch gewöhnen würde. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass er noch mehr Macht über sie gewinnen könnte, als er ohnehin schon hatte.

Mein Name ist Riordan de la Cruz.

Donner grollte über ihren Köpfen, und Blitze durchzuckten die Wolken und ließen Baumkronen und Äste unter ihnen erzittern, sodass die Luft, die sie durchflogen, buchstäblich vor Unruhe vibrierte. Juliette spürte, wie ein Ruck durch Riordans Körper ging, und umklammerte noch fester seine Arme.

Ich lasse dich nicht fallen. Aber wir werden von einem Untoten verfolgt.

Das klingt nicht gut. Wenn sie doch nur nicht so schwach wäre! Sie hatte keine Waffe, rein gar nichts, was ihr helfen könnte. Ist dieser Untote das, was ich vermute?

Ich lasse mich nicht noch einmal gefangen nehmen. Die Endgültigkeit, die in Riordans Stimme mitschwang, ließ Juliette frösteln. Und, ja, es ist ein Vampir, der hinter uns her ist.

Aber wie kann er uns verfolgen? Du hinterlässt doch keine Spuren.

Er riecht mein Blut, erwiderte Riordan grimmig.

Juliette schwieg, weil sie spürte, dass er müde wurde von der Anstrengung des Fliegens. Ihr drehte sich der Magen um, als Riordan sich plötzlich mit ihr fallen ließ. Das Blätterdach war dicht, und Äste und Zweige peitschten sie, als sie hindurchstießen und mit einer solchen Schnelligkeit auf die Erde zuschossen, dass Juliette überzeugt war, sich den Hals zu brechen. Sie hielt die Augen fest geschlossen, und nur der Gedanke, dass der Vampir sie hören könnte, hielt sie davon ab zu schreien.

Plötzlich schwebten sie nur noch und hielten dann an. Riordan setzte Juliette vorsichtig auf den Boden und lehnte sie mit dem Rücken an einen Baum. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er seine Hand anstarrte, deren Fingernägel zu einer beängstigenden Länge anwuchsen. Juliette zog die Beine unter sich und unterdrückte einen Aufschrei, als Riordan mit einem dieser langen, scharfen Nägel sein eigenes Handgelenk aufriss. Blut spritzte aus der Wunde. Er schwenkte die Hand und verteilte Blutstropfen ringsumher, bevor er mit rasender Geschwindigkeit davonrannte, weg von ihr, sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte und über eine große Entfernung hinweg den Geruch seines Blutes auf Blattwerk und Gesträuch verteilte.

Einen langen Moment hielt Juliette den Atem an und wartete, bis sie sicher sein konnte, dass sie allein war. Aus irgendeinem Grund schockierte es sie, dass Riordan sie dem Vampir überließ und sie anscheinend als Köder benutzte. Langsam zog sie sich auf die Beine. So viel zu sexy, geheimnisvollen Helden. Je mehr sie gequält wurden, desto weniger heroisch wurden sie, schien es. »Vielleicht warst du ja gar nicht mal so sexy«, murmelte sie, erbost darüber, dass er sie einfach so zurückgelassen hatte. Ihre Beine fühlten sich wie Pudding an, und ihr war so schwindlig, dass sich der Boden unter ihren Füßen neigte. Aber das war unwichtig. Sie würde bestimmt nicht darauf warten, dass der Vampir aus den Wolken herunterkam und ein hilfloses Opfer vorfand. Und wenn sie kriechen musste – sie würde einen Weg finden zu entkommen! Schnell löste sie sich von dem Baum und machte zwei vorsichtige Schritte. Der Boden wölbte sich ihr entgegen, bevor sie aber mit ihm in Berührung kommen konnte, legte sich ein starker Arm um ihre Taille, und Juliette wurde hochgezogen und an Riordans harten Körper gedrückt.

3. Kapitel

Was hast du vor?«, zischte Riordan, dem sein Ärger deutlich anzusehen war.

Juliette warf ihm einen bösen Blick zu. »Ich dachte, du hättest mich im Stich gelassen.«

»Ich bin dein Seelengefährte. Dein Schutz und dein Wohlergehen werden für mich immer an erster Stelle stehen. Ich würde dich niemals im Stich lassen.«

Wäre sie nicht so müde, hätte sie entnervt die Augen verdreht. Im Geiste tat sie es jedoch, um ihn wissen zu lassen, wie idiotisch es von ihm war, dass er ihr Zusammenhänge nicht erklärte, die sie von allein niemals verstehen würde. Sie blickte auf sein Handgelenk herab. Der Riss war geschlossen, sah aber noch immer wund und hässlich aus. »Du hast eine falsche Spur für den Vampir gelegt, eine stärkere und frischere, oder?«

»Natürlich. Sie wird ihn hoffentlich lange genug aufhalten, dass es mir gelingt, meine Kräfte wiederzugewinnen und das Gift aus meinem Körper zu entfernen.« Er nahm Juliette auf die Arme. »Er wird blindlings die Lüfte attackieren, in der Hoffnung, uns zu finden. Du musst dich still verhalten.«

Juliette war es langsam leid, wie ein Sack Kartoffeln herumgeschleppt zu werden. »Ich bin kein schreckhaftes kleines Kind. Oder hast du schon vergessen, wer dich aus diesem Labor befreit hat?«

Zum ersten Mal huschte ein Lächeln über sein Gesicht, bei dem Juliette das Herz fast stehen blieb. »Das war, bevor ich dir meine Zähne zeigte.«

»Ist das Vampirhumor?«, versetzte sie, doch ihr Magen vollführte einen merkwürdigen kleinen Hüpfer. Riordan sah so müde aus, dass sie nachgegeben und die Arme um ihn gelegt hätte, um ihn zu trösten, wenn sie nicht so sicher gewesen wäre, dass es gefährlich war, ihn zu berühren.

Er senkte den Kopf so weit zu ihr herab, dass sie seinen warmen Atem an ihrer Haut spüren konnte. Als er erneut lächelte, sah sie keine Spur mehr von seinen unnatürlich langen Eckzähnen, aber das änderte nichts daran, dass ihr ein kleiner Schauder über den Rücken lief … und sie ein völlig unerwartetes Ziehen zwischen ihren Beinen verspürte. Das war bestimmt kein gutes Zeichen. Es bestand auf jeden Fall eine sexuelle Anziehung zwischen ihnen, die sich sogar noch zu verstärken schien. Da das völlig unbegreiflich für sie war, wollte Juliette nur so schnell wie möglich weg von ihm.

»Der Vampir wird versuchen, uns in der Luft anzugreifen. Und auch wenn er nicht wirklich wissen wird, wer wir sind, wird er hoffen, einen Treffer zu landen. Es ist also lebenswichtig, dass du dich völlig still verhältst. Es wird sehr beängstigend werden.«

Sie lachte spöttisch auf. »Bist du das etwa nicht? Beängstigend, meine ich? Komm, lass uns von hier verschwinden!«

Mit schwindelerregender Geschwindigkeit erhob er sich wieder mit ihr in die Luft. Juliette spürte, dass er an ihren Geist rührte, um sie zu beruhigen, aber sie wollte ihn dort nicht haben. Diese Art telepathischer Verbindung war ihr viel zu intim. Er könnte ihre Gedanken lesen und sich vielleicht sogar ihrer unerklärlichen Hingezogenheit zu ihm bewusst werden. Es ärgerte sie, dass sie so empfänglich für ihn war. Ob es körperliche Anziehung war oder ob er sie in irgendeiner Weise manipulierte, war nicht zu sagen, sie hatte aber auch ganz sicher nicht die Absicht, lange genug zu bleiben, um herauszufinden, was es war.

Ohne jede Vorwarnung regnete es Funken aus den Wolken, rot glühende Kohlen, Splitter geschmolzenen Feuers, die wie ein Sperrfeuer auf sie losgelassen wurden. Fluchend, weil er nicht seine volle Kraft besaß und ihr nicht den Schutz gewähren konnte, den sie brauchte, beugte Riordan sich während des schnellen Flugs beschützend über Juliette. Trotz seiner Bemühungen trafen einige Splitter ihren Arm und brannten sich durch ihre Haut hindurch bis fast zum Knochen. Riordan hörte sie nach Luft schnappen, aber sie drückte ihr Gesicht an seine Brust, an die grässlichen Brandmale dort, und verhielt sich still. Die glühenden Kohlen verbrannten ihm Rücken und Schultern, verursachten hässliche Quaddeln und stachen ihm wie wütende Bienen in die Arme. Er war unendlich müde und wollte sich nur noch in die heilende Erde begeben, wie es die Art und Weise seines Volkes war, doch Juliette konnte das nicht, und er würde sie nicht ungeschützt zurücklassen, solange menschliche Feinde und auch Vampire auf der Jagd nach ihnen waren.

Juliette war ein unerwartetes Geschenk und fühlte sich so zu ihm hingezogen, weil sie zwei Hälften einer Seele waren. Sie wollte diese Verbindung nicht, aber sie existierte und war sehr stark und explosiv. Trotz seiner nicht nachlassenden Schmerzen war er sich nur allzu gut der üppigen weichen Rundungen ihres Körpers, ihrer Hitze und ihres Duftes bewusst. Das verstärkte sein körperliches Unbehagen jedoch nur noch und erhöhte seine Vorsicht. Mit Juliettes Gesicht an seiner nackten Brust wurde ihm ganz ungewöhnlich warm ums Herz. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zuversicht und Vertrauen sie ihm mit dieser schlichten Geste offenbarte.

Ich versuche nur, mich vor der Glut zu verbergen, wies sie seine Überlegungen zurück.

Du verbirgst dich vor dir selbst, vor der Wahrheit.

Und du bist anscheinend das nervigste und lästigste Geschöpf auf Erden.

Vielleicht, aber trotzdem fühlst du dich auf unerklärliche Weise von mir angezogen, entgegnete er mit unverwechselbarer Genugtuung in der Stimme.

Dann ließ er sich mit ihr in den verhältnismäßigen Schutz der Baumkronen sinken und flog zu dem kleinen Bach weiter, an dem die Pflanzen wuchsen, die er brauchte. Blitze zerrissen die Dunkelheit der Nacht, erhellten mit ihrem grellen Licht den Dschungel und trieben die Tiere in ihren Unterschlupf. Riordan bewegte sich durch die Bäume, bis er die dunklere, von hohem Dickicht überwachsene Stelle fand, die ihnen Schutz bieten würde.

»Wenn wir Glück haben, treibt der Vampir sich meilenweit von hier entfernt herum. Lass mich deine Brandwunden sehen.« Riordan ließ Juliette herab, hockte sich neben sie und zog ihren Arm zu sich heran, um ihn zu untersuchen.

»Du bist schlimmer verletzt als ich«, wandte sie ein und spürte, wie ihr Herz gleich schneller schlug. Es musste etwas damit zu tun haben, wie er ihre Wunde ansah, wie seine schwarzen Augen über ihre Haut glitten, als betrachtete er es als persönliche Beleidigung, dass sie von den feurigen Splittern getroffen worden war. »Ich kann damit leben.«

»Ich nicht«, erwiderte er und senkte den Kopf, sodass sein schwarzes Haar, das wirr und zerzaust war von der Reise durch die Lüfte, ihm ins Gesicht fiel und es vor Juliette verbarg.

Das Erste, was sie spürte, war die Wärme seines Atems. Dann seine Lippen, die so federleicht und sachte waren, dass ihr Herz noch schneller schlug und eine starke Anspannung sie erfasste. Sanft glitt seine Zunge über die dunkle Brandblase, und ein elektrisierendes Prickeln durchlief Juliette, das ihr den Atem stocken ließ und ihr einen trockenen Mund bescherte. Unwillkürlich zog sie den Arm zurück, aber Riordan ließ ihn nicht los.

»Es tut mir leid, falls es wehtut, doch mein Speichel enthält einen heilenden Wirkstoff, der den Schmerz vergehen lassen wird. Entspann dich einfach!« Er sagte die Worte nicht nur, sondern hauchte sie an ihrer Haut, sodass sie seine Stimme regelrecht durch ihre Poren kriechen spürte, um sich um ihr Herz und ihre Lunge und alle anderen lebenswichtigen Organe zu legen.

Juliette schloss die Augen gegen die Hitzewellen, die durch ihre Adern rasten. Blutend, mit Wunden übersät und schwankend vor Erschöpfung, war Riordan immer noch der aufregendste Mann, dem sie je begegnet war. Es waren nicht nur seine Stimme, seine Augen, die Art, wie er sie ansah und sich bewegte, oder sein harter, maskuliner Körper, sondern vor allem die Gefahr, die von ihm ausging, was ihn so ungeheuer reizvoll machte. Er war ganz offensichtlich ein mächtiges Raubtier, und dennoch war seine Berührung erstaunlich sanft, ja fast zärtlich.

Juliette schluckte heftig. »Es ist nicht in Ordnung, dass du versuchst, mich zu heilen, während du selbst viel schwerer verletzt bist. Ich kann warten.«

»Ich spüre deinen Schmerz, als wäre er mein eigener.«

Sie versuchte, die Sache mit Humor zu sehen, als ihr Körper erwachte und ihre Gedanken sich mit Dingen zu befassen begannen, die besser unangerührt blieben. »Siehst du, warum wir nicht geistig miteinander in Verbindung treten sollten? Es wäre viel leichter, wenn du neben deinem eigenen Schmerz nicht auch noch den meinen spüren müsstest.« Sie runzelte die Stirn. »Ich bin auch in deinen Gedanken, aber wieso kann ich dann deinen Schmerz nicht spüren?« Sie konnte fühlen, wie müde er war, doch er musste auch Schmerzen haben mit all seinen Verbrennungen und anderen Verletzungen.

Seine Zunge glitt ein zweites und ein drittes Mal über ihre Haut. »Weil ich dich davor abschirme.«

Er konnte einen in den Wahnsinn treiben! Juliette konnte sein männlich schönes Gesicht nicht ansehen, ohne diese tiefen Furchen glatt streichen zu wollen. Seine Berührung war so sanft, dass sie ganz merkwürdige Dinge mit ihrem Magen anstellte und ihn Purzelbäume schlagen ließ. Schweißtröpfchen rannen durch die Mulde zwischen ihren Brüsten, und die hatten ganz bestimmt nichts mit der allgegenwärtigen Feuchtigkeit zu tun. Wie durch ein Wunder hörten die kleinen Brandwunden unter Riordans liebevollen Zuwendungen auf zu brennen. Als er schließlich den Kopf hob und sie mit seinen schwarzen Augen ansah, entging ihr nicht das glutvolle Begehren in ihren dunklen Tiefen.

Dann ließ er ihren Arm los und trat ein Stück von ihr zurück.

Juliette, die wieder mit dem Rücken an den Baum gelehnt dasaß, beobachtete ihn aufmerksam. »Danke. Es tut schon gar nicht mehr so weh.« Sie sah Riordan prüfend ins Gesicht und ließ ihren Blick auf den vom Schmerz geprägten Linien darin verweilen. »Hast du wirklich Gift in deinem Organismus?«

Er sah sie an, und seine glutvollen schwarzen Augen brannten sich schier in ihr Herz … oder in ihren Körper. Dann begann er vorsichtig, das blutbefleckte, zerrissene Hemd von seiner Haut zu lösen, ohne jedoch den Blick von ihr abzuwenden. Juliette fiel es plötzlich schwer zu atmen. »Leider ja.«

»Aber warum? Warum haben sie dir das angetan?«

»Weil ich anders bin. Eine verachtenswerte, verhasste Kreatur. Und weil sie unseren Prinzen töten wollen, fürchte ich.«

Die Brandmale an seiner Haut waren schrecklich. »Haben sie die Ketten erhitzt? Stammen diese Wunden daher?« Am liebsten wäre Juliette zu ihm gelaufen, um ihre Lippen auf diese furchtbaren Male zu pressen. Er musste große Schmerzen haben, und trotzdem hatte er sich zuerst um sie gekümmert.

»Sie hatten Vampirblut, mit dem sie die Ketten regelmäßig bestrichen. Sie wussten, dass das Blut giftig ist und wie Säure brennen würde. Und sie hofften, dass der Geruch des Blutes mich um den Verstand bringen würde, als ich so blutarm und entkräftet war.« Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln. »Und vielleicht ist es ihnen ja auch gelungen.«

Juliette schüttelte den Kopf. »Du bist geistig gesünder, als sie es jemals sein werden. Wir sind beide ein bisschen wacklig auf den Beinen, aber wir haben es da herausgeschafft.«

»Dank dir. Es tut mir leid, dass du mich in diesem Zustand sehen musst. Sowie ich das Gift entfernt habe, werde ich deine Kräfte wiederherstellen.«

»Mir ist gar nicht mehr so schwindlig. Ich glaube, mein Körper erholt sich schon wieder. Kümmere dich lieber erst einmal um dich.« Sie ertrug es kaum, mit anzusehen, wie blass Riordan wurde, als er mit enormer Anstrengung und seiner letzten Kraft versuchte, den giftigen Wirkstoff zu analysieren, der dazu benutzt worden war, ihn zu lähmen und zu schwächen. Ein Teil ihres Bewusstseins war mit Riordans verschmolzen, oder vielleicht war es auch umgekehrt, aber sie konnte all die Daten durch seinen Kopf schwirren sehen und war erstaunt, dass Riordan jede chemische Verbindung aufgliederte und auch verstand. »Wer bist du? Woher weißt du all das?«

Er lehnte sich an einen mit Moos bewachsenen Fels. »Ich habe ein langes Leben hinter mir und viel gelernt im Lauf der Jahre. Man hat wenig anderes zu tun, wenn man nichts hat, wofür man lebt. Wissen ist Macht, und es erhält einen am Leben, selbst wenn man gar nicht mehr in einer öden, leeren Welt verbleiben will.« Seine dunklen Augen glitten über Juliette, und er trat wieder näher und streckte ihr die Hand hin.

Sie hatte keine Ahnung, warum sie ihre Finger mit seinen verschlang. Sofort erwachte ihr Körper zu neuem Leben, und es fühlte sich ganz natürlich an. Trotzdem wollte sie ihre Hand aus der Hitze der seinen zurückziehen, doch er sah so erschöpft und gequält aus, dass sie es nicht übers Herz brachte.

»Mit dir hat sich das alles geändert. Du hast mir die Fähigkeit zurückgegeben, Farben zu sehen und Gefühle zu verspüren. Ich habe vier Brüder, mit denen ich jahrelang mit nichts als der Erinnerung an meine Zuneigung zu ihnen zusammengelebt habe, aber von dem Moment an, als du mich angesprochen hast, spürte ich diese tiefe Liebe zu ihnen wieder. Wie könnte ich dir das je vergelten?« Seine Stimme war so leise, als spräche er mit sich selbst.

»Ich liebe meine Schwester und meine Cousine so sehr, dass ich mir nicht vorstellen kann, diese Liebe nicht verspüren zu können. Ich bin froh, dass ich dir helfen konnte, deine Gefühle wiederherzustellen.« Sie drückte seine Hand. »Hast du schon immer in Südamerika gelebt? Du scheinst dich jedenfalls sehr gut im Dschungel auszukennen.« Sie wusste, dass Riordan sich ausruhte und Kraft schöpfte, um das Gift aufzulösen und aus seinem Organismus auszuscheiden. Sie konnte jedoch auch spüren, dass er unaufhörlich die Luft absuchte und sich sorgte, dass der Vampir sie aufgespürt haben könnte, obwohl Riordan sein kostbares Blut geopfert hatte, um eine falsche Spur zu legen. Er hatte schon viele Male Vampire bekämpft, und durch Juliettes Verbindung mit ihm bekam sie eine vage Vorstellung von diesen fürchterlichen Kämpfen. Diese Kreaturen waren grotesk und böse und schlimmer als die menschlichen Ungeheuer, denen sie begegnet war.

»Vor vielen Jahren, als unser derzeitiger Prinz noch jung war, schickte sein Vater viele von uns in die Welt hinaus, denn er hoffte, wir könnten die Verbreitung des Bösen aufhalten. Ich hatte das Glück, zusammen mit meiner Familie fortgeschickt zu werden. Es machte es erträglicher, so weit von unserer eigenen Spezies und unserem Heimatland entfernt zu sein. Wir haben diesen Ort zu unserem Zuhause gemacht.« Er drückte ihre Hand, wie um Juliette Mut zu machen, und wollte sie dann loslassen.

Juliette verstärkte jedoch ihren Griff und zog an seinen Fingern, bis er sie ansah. »Ich bin stark genug, um dir zu helfen. Ich halte dich zwar aus meinem Bewusstsein fern, doch ich kann dich meine Kraft benutzen lassen.«

»Das musst du nicht, Juliette.« Es gefiel ihm, sie mit ihrem Namen ansprechen zu können, und es freute ihn, dass sie ihm helfen wollte, doch er war nicht der liebenswürdige, sanfte Mann, für den sie ihn zu halten schien. Er war viel rücksichtsloser, als sie ahnte, und hatte nicht die Absicht, sie entkommen zu lassen. »Ich will nicht, dass du Energie aufwendest, die du nicht erübrigen kannst.«

Das war eine deutliche Warnung. Ein Frösteln durchlief Juliette bei dem Gedanken, aber sie zog es vor, ihn unbeachtet zu lassen. Die Schmerzen hatten Riordan entkräftet, seine noch immer offenen Wunden bluteten, und hin und wieder konnte sie die Qualen sehen, die er litt, obwohl er sich so bemühte, sie abzuschirmen. »Es macht mir nichts aus. Ich sitze ja sowieso nur hier herum.« Sie schenkte ihm ein leichtes Lächeln. »Wie haben sie es geschafft, dich gefangen zu nehmen?«

Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ich hörte einen Hilferuf über die gemeinsame telepathische Verbindung, die alle Karpatianer benutzen. Als ich dem Ruf zu seinem Ursprung folgte, traf ich jedoch keinen Karpatianer an, sondern einen Vampir. Leider war es unmöglich, ihn als solchen zu erkennen, bevor es zu spät war. Mir wurde das lähmende Mittel injiziert und genügend Blut entnommen, um mir alle Kraft zu nehmen.« Sein faszinierender, fast schon hypnotisierender Blick suchte Juliettes und ließ ihn nicht mehr los. »Es schockierte dich nicht, von meiner Spezies zu hören. Du hattest Angst vor mir, weil ich dein Blut auf diese Art und Weise nahm, und dafür möchte ich mich entschuldigen, doch die Tatsache, dass ich es brauchte, überraschte dich nicht wirklich. Wieso nicht, Juliette?«

Sie schwieg einen Moment, um ihre Worte abzuwägen. Er rührte an ihr Bewusstsein und suchte Antworten, das spürte sie, aber er war noch lange nicht wieder bei Kräften, und das Gift war sicher furchtbar schmerzhaft. Angesichts ihrer anderen Denkweise und der Stärke ihrer schützenden Barrieren gab er es auf, in ihren Geist eindringen zu wollen, und wartete auf ihre Antwort. »Als ich noch ein Kind war, verbrachten wir oft lange Zeitspannen im Dschungel. Nachts zündete meine Mutter ein Lagerfeuer an, und wir saßen darum herum und erzählten uns Geschichten. Unter anderem erzählte sie uns von einem großartigen Volk aus den Karpaten, einem europäischen Gebirge, die sich ›Karpatianer‹ nannten und über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügten. Und diese Leute tranken Blut, sagte unsere Mutter.«

»Woher wusste sie von ihnen?«

»Unsere Familie geht Hunderte von Jahren zurück. Offenbar begegnete einer meiner Vorfahren einer kleinen Gruppe von Karpatianern hier im Dschungel.« Ruhig schaute sie ihn an. »Fünf Brüdern, die, wie es hieß, eine große Rinderranch und sehr viel Land besaßen, das von einer menschlichen Familie bestellt wurde, während die Brüder bei Tageslicht unter der Erde schliefen.«

Juliette wartete auf eine Antwort auf ihre Schilderung. Aber Riordan starrte sie nur einen Moment lang schweigend an. Dann löste er sich von ihr und zog sich in sich selbst zurück, verließ seinen Körper und nahm sich zu einem Ball aus purer Energie zusammen. Seine Fähigkeit, sich selbst zu heilen, war faszinierend zu beobachten. Juliette blieb mit seinem Geist verbunden und sah ihn nicht nur die chemische Verbindung aufgliedern, um jedes einzelne Element untersuchen und identifizieren zu können. Sie erlebte auch mit, wie er die Informationen an jemanden weiterleitete, mit einer Warnung, sie unverzüglich dem Prinzen ihres Volkes und so vielen ihrer Jäger wie nur möglich zugänglich zu machen.

Die Information über eine gewisse Entfernung zu versenden war jedoch offenbar so anstrengend, dass Riordan stockte.

Wo bist du? Es war eine männliche Stimme, die Juliette über ihre Verbindung zu Riordan vernahm; diese Stimme war fordernd, Furcht einflößend und mit einem hypnotischen Zwang unterlegt, der so machtvoll war, dass er Juliette einen kalten Schauder der Furcht über den Rücken sandte. Riordan. Ich spüre deinen Schmerz.

Er zögerte. Komm nicht her! Ich kann das Gift allein neutralisieren und meine Kräfte wiederherstellen.

Juliette merkte, dass sie den Atem anhielt. Dem Mann, dem diese Stimme gehörte, wollte sie nicht begegnen, denn sie hatte etwas Gnadenloses, Rücksichtsloses und Beängstigendes, diese Stimme.

Doch dann spürte sie, wie Riordan sehr behutsam und beruhigend an ihr Bewusstsein rührte.

Ich werde nicht zulassen, dass du erneut gefangen genommen wirst. Du hattest den Auftrag, das Forschungslabor zu überprüfen, um zu sehen, was dort vor sich geht, hörte sie die fremde Stimme wieder.

Das Morrison Research Laboratory war nur eine Fassade für einen Vampir, der die Kontrolle über die Menschen hat, die unsere Leute jagen. Ich habe das Gebäude zerstört. Die Tiere, die sie zur Tarnung gefangen hielten, wurden befreit. Ich werde heimkehren, sowie ich wieder ganz bei Kräften bin, antwortete Riordan.

Und wo ist der Vampir?

Auf der Jagd nach uns. Riordan brach die Verbindung ab und warf Juliette einen Blick zu. »Meinem ältesten Bruder ist sehr viel daran gelegen, dass wir am Leben bleiben.«

»So ist das nun mal bei Familien. Meine Schwester wird sich auch schon große Sorgen um mich machen. Ich muss nach Hause.« Juliette blickte ihm prüfend ins Gesicht, in der Hoffnung, eine Reaktion zu sehen, aber seine gut geschnittenen Züge blieben völlig unbewegt.

Dann senkte er den Blick auf seine Arme, und sie konnte spüren, wie er seine Kräfte sammelte. Sehr langsam nur begann das Gift zu reagieren und setzte sich widerwillig in Bewegung, als er den schädlichen Wirkstoff zu seinen Poren dirigierte. Ein paar Tropfen drangen durch seine Haut, eine zähe goldene Flüssigkeit, die die Eigenschaft besaß, die Angehörigen seiner Spezies zu lähmen.

Juliette nahm einen kleinen Plastikbehälter aus der Tasche, die sie um die Taille trug, beugte sich vor und drückte den Rand der Dose an seinen Arm, um so viel wie möglich von der Flüssigkeit aufzufangen, bevor sie den Deckel wieder schloss. »Das könnte nützlich sein, falls deine Leute diesen Wirkstoff untersuchen wollen.«

Schwer atmend lehnte Riordan sich wieder an den Felsen, und kraftlos sank sein Kopf zurück. Juliette öffnete ihm augenblicklich ihr Bewusstsein und übermittelte ihm so viel von ihrer letzten Kraft, wie sie nur konnte. Sie kannte den Dschungel besser als die meisten, kannte jedes Rascheln im Unterholz, jedes Geräusch, das Vögel oder andere Tiere verursachten. Etwas Böses verfolgte sie, und der ganze Dschungel brummte von den Neuigkeiten. In ihrem geschwächten Zustand konnte sie nicht fliehen, aber sie zweifelte nicht daran, dass Riordan kämpfen würde, wenn er die nötige Kraft dazu besaß.

Er verlor keine Zeit, um auch den letzten Tropfen der giftigen Flüssigkeit so schnell wie möglich auszuscheiden. Sowie er sicher war, sich vollkommen davon befreit zu haben, tauchte er den Kopf in den Bach und wusch sich mit dem kalten Wasser die zähflüssigen, klebrigen Reste von den Armen ab. Als er sich danach wieder zu Juliette umdrehte, griff er nach ihr und zog sie auf seinen Schoß, um sie an seine Brust zu drücken.

Ihr war, als durchzuckte sie ein elektrischer Schlag, als ihre Körper sich berührten; ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet, und ihr Puls begann zu rasen. »Was soll das, Riordan?«

»Ich werde einen Blutaustausch vornehmen. Dein Blut wird mir helfen, uns an einen sicheren Ort zu bringen, wo ich mich erholen kann, und mein uraltes Blut wird deine Kraft wiederherstellen, die du mir so großzügig gespendet hast.«

»Wird uns das aneinander binden?« Ihre Stimme klang vielleicht wie eine Einladung, aber sie hob in einer abwehrenden Geste die Hand und legte sie mit weit gespreizten Fingern an Riordans Brust.

»Ja.« Seine starken Finger glitten über ihre Wange und strichen ihr das Haar über die Schulter. »Obwohl wir auch so schon aneinander gebunden sind.« Und damit senkte er den Kopf und drückte das Gesicht an ihren warmen, verwundbaren Nacken. Das Wasser aus dem kleinen Bach, das von Riordan auf ihre Haut tropfte, war kalt und erfrischend in der schwülen Dschungelhitze.

Ein lustvoller kleiner Laut entrang sich ihr, als seine Zähne sich in ihre Schulter bohrten. Sie schmiegte sich noch fester an seinen harten Körper und bewegte sich unruhig, als ihr Blut mit einem Mal ganz ungewöhnlich heiß durch ihre Adern rauschte. Ihre Augen schlossen sich, ihre Hände sanken kraftlos auf ihren Schoß.

»Ich beanspruche dich als meine Gefährtin. Ich gehöre zu dir. Ich gebe mein Leben für dich. Ich biete dir meinen Schutz, meine Treue, mein Herz, meine Seele und meinen Körper. Dein Leben, Glück und Wohlergehen werden für mich immer an erster Stelle stehen. Du bist meine Seelengefährtin, in alle Ewigkeit an mich gebunden und immerdar in meiner Obhut«, sagte Riordan mit samtener dunkler Stimme.

Juliette spürte, wie diese Stimme durch ihren Körper vibrierte und sie im tiefsten Inneren berührte. Irgendwie brachten seine Worte sie so inniglich zusammen, dass sie buchstäblich mit einer Lunge atmeten und einen Herzschlag und eine Seele teilten. Riordan durchflutete sie wie eine dunkle Verlockung, erfuhr ihre Geheimnisse und gab ihr Einblick in die seinen. Er küsste sie, bis Flammen auf ihrer Haut zu tanzen schienen und ihr Körper Feuer fing und sich nach dem seinen sehnte. Juliette schüttelte den Kopf, plötzlich überrascht von dem rituellen Charakter des Ganzen – so konnte nur eine Zeremonie sein, die so alt war wie die Zeit.

4. Kapitel

Vorsichtig öffnete Juliette die Augen, halb in der Hoffnung, dass keines ihrer jüngsten Erlebnisse real gewesen war und sie einfach nur Albträume gehabt hatte. Sie hatte an dem Blutaustausch nur allzu bereitwillig teilgenommen, und nicht weniger bereitwillig hatte sie sich von diesem Fremden küssen lassen. »Verdammt, verdammt, verdammt«, murmelte sie und setzte sich auf dem Bett aus Blattwerk auf, auf dem sie lag.

Sie konnte das stete Tropfen von Wasser hören und sah, dass sie sich in einer Höhle befand. Das Bett aus Blättern und Zweigen, auf dem sie saß, war nichts Natürliches, sondern etwas von Menschenhand Geschaffenes. Riordan hatte ihr also einen sicheren Unterschlupf und ein weiches Bett beschafft, bevor er sich »unter die Erde«, begeben hatte. Juliette vermied es ganz bewusst, zu der Stelle hinüberzugehen, von der sie sicher war, dass er dort in einem Bett aus fruchtbarer schwarzer Erde ruhte. Sie konnte seine Nähe spüren, obwohl er tief unter dem Erdreich und dem Laub vergraben war, völlig reglos dalag und nicht einmal mehr atmete.

Juliette holte tief Luft, um ihre brennende Lunge mit Sauerstoff zu füllen, und trat noch weiter von dem Fleck zurück, um nicht dem verrückten Impuls zu erliegen, sich auf den Boden zu werfen und die Erde mit ihren Händen wegzuschaufeln, um zu Riordan zu gelangen. Deshalb entfernte sie sich noch etwas weiter. »Es war eine Art Zeremonie, nicht wahr?«, flüsterte sie. »Aber meine Leute heiraten nicht.« Wieder trat sie zurück, doch diesmal waren ihre Schritte widerstrebender. »Du bist ein außergewöhnlicher Mann, Riordan, aber ich bin nicht, was du denkst, und ich könnte es auch niemals sein.«

Sie hatte keine Wahl; sie musste nach Hause zu ihrer Schwester. Juliette zog ihre Stiefel aus und band sie an den Schnürsenkeln zusammen, schlüpfte aus ihrer Bluse und den Jeans und band auch diese beiden Kleidungsstücke an die Stiefel. Völlig nackt stand sie da und drückte eine Hand an ihren pochenden Nacken. Ihr Körper rief nach Riordan, ihr Geist suchte die Verbindung mit ihm und ihr Herz den Schlag des seinen. Schnell, bevor sie dem Schmerz und der in ihr erwachenden Unvernunft erlag, hängte Juliette sich die zusammengebundenen Kleider um den Nacken.

Dann schloss sie die Augen, um alle visuellen Ablenkungen auszuschließen und ihre Nerven zu beruhigen. Sie würde ihre ganze Kraft aufwenden müssen, um Riordan zu verlassen. Nachdem er die rituellen Worte gesprochen hatte, hatte er ihr genauestens erklärt, dass sie von nun an aneinander gebunden waren. Sollte sie je ohne ihn erwachen, würde sie die Trennung als intensiven Schmerz empfinden. »Und du hast mir nichts vorgemacht«, sagte sie laut. »Mir ist tatsächlich so, als zerrisse es mir das Herz. Was auch immer du sein magst, was auch immer du getan hast, es funktioniert ganz eindeutig bei mir.«

Was hast du vor? Besorgnis schwang in Riordans Stimme mit. Juliette glaubte zu spüren, wie seine Finger über ihr Gesicht glitten, an ihrem Hals hinunterwanderten und über ihre Brüste strichen. Und ihr Körper, der seine Berührung erkannte, reagierte mit Hitze und Verlangen.

Ihre Augen weiteten sich, und sie schaute sich verwundert um. Wo bist du? Warum kann ich dich nicht sehen? Wie kannst du mich berühren, obwohl du gar nicht hier bist?

Ich bin unter der Erde, bis die Sonne untergeht. Du kannst mich nicht verlassen, Juliette. Du weißt, dass du das nicht tun darfst.

Noch ein Geschenk? Du kannst mich berühren, aber ich kann dich nicht erreichen? Es war schockierend, dass seine Berührung ihr so real erschien, dass sie ihren Körper in Erregung versetze und ihr Herz bewegen konnte, obwohl er nicht einmal in ihrer Nähe war.

Sag mir, was du vorhast. Warum willst du mich verlassen, obwohl du spürst, dass wir zusammengehören?

Du kennst mich nicht. Nicht nur er hatte Geheimnisse, sie auch.

Du lässt mich ja auch nicht in deinen Geist und in dein Herz hinein.

Das kann ich nicht. Juliettes Hand glitt zu ihrer plötzlich rauen Kehle. Ihn zu verlassen war ein schmerzlicher Gedanke. Seine Stimme zu hören vergrößerte die Qual nur noch, aber sie hatte Verpflichtungen, die sie nicht außer Acht lassen konnte, nur weil ihr Herz, ihre Seele und ihr Körper nach Riordans schrien.

Du kannst mir nicht entkommen. Dein Blut fließt in mir und meins in dir. Er seufzte. Aber leider kann ich sehen, dass du fest entschlossen bist. Wenn es zu schwierig wird, dann ruf nach mir, und ich werde antworten. Und versuch, dich bis dahin nicht in allzu große Schwierigkeiten zu bringen. Und damit unterbrach er die Verbindung zwischen ihnen abrupt.

Der Verlust war wie ein harter Schlag für Juliette. Tief holte sie Atem und ließ ihn langsam wieder aus, während sie ihr anderes Ich aufrief, das ihr die Kraft geben konnte zurückzukehren, wohin sie gehörte. Dabei wollte sie eigentlich nichts anderes, als zu Riordan unter die Erde zu kriechen.

Die Verwandlung vollzog sich langsam, zögernd fast, als kämpfte ein Teil ihres Bewusstseins dagegen an. Ihr Körper zog sich zusammen, geflecktes Fell überzog nach und nach ihre Haut, Muskeln und Sehnen dehnten und verlängerten sich, und messerscharfe Krallen entsprangen ihren gekrümmten Händen. Wie immer landete sie auf allen vieren, als ihr Körper die Verwandlung durchmachte. Es war stets ein langsamer und irgendwie auch schmerzhafter Prozess, aber nie so sehr wie dieses Mal. Juliette weinte, als der Jaguar sie übernahm.

Die Raubkatze war klein und stämmig. Dicke Muskelstränge und ein äußerst biegsames Rückgrat ermöglichten es ihr, blitzschnell über den Höhlenboden zu sprinten und einen Weg hinaus in den heimischen Dschungel zu suchen. Ein sanfter Regen fiel, als sie aus der feuchten Höhle kam. Sie blieb stehen, um sich zu orientieren, bevor sie sich in die Bäume flüchtete und auf den von Ästen und Blattwerk erzeugten Pfaden hoch über dem Dschungelboden weiterlief. Da sie die tierische Gestalt nicht allzu lange beibehalten konnte, musste sie sie nutzen, um größtmögliche Entfernungen zurückzulegen, bevor sie sie wieder ablegte. Deshalb lief sie so schnell wie möglich und bahnte sich geschickt einen Weg durch dichtes Blattwerk und Lianen.

Der Regen vermochte das Blätterdach kaum zu durchdringen, sodass nur selten ein Tropfen ihr Fell berührte. Dampf stieg vom Urwaldboden auf, aber der Jaguar empfand die Hitze nicht so stark, wie Juliette sie empfunden hätte. Die Stiefel und Kleider, die sie um den Hals trug, schlugen gegen ihren Nacken und ihre Brust, als sie von Baumkrone zu Baumkrone sprang und sich einen Weg durch das dichte Blattwerk bahnte. Vögel schrien warnend bei ihrem Herannahen, und Affen kreischten und bewarfen sie mit Zweigen und Blättern. Sie fauchte sie an, eilte aber weiter, ohne sich damit aufzuhalten, den frechen kleinen Kerlen Manieren beizubringen.

Nach einer Weile begann sie zu zittern, und ihre Beine verloren ihre Kraft. Nachdem sie zweimal gestrauchelt und einmal über einen Ast gestolpert war, sprang sie schnell zu Boden. Sie war meilenweit von der Höhle entfernt; die Sonne ging schon unter, und Riordan würde sich jeden Augenblick erheben. Mit etwas Glück würde er nur die Witterung einer Raubkatze aufnehmen und sie nicht mehr finden.

Ihre Glieder zitterten, und ihre Lunge brannte, als ihr Körper wieder seine menschliche Gestalt annahm, und sofort zerkratzten Blätter und Zweige ihre nackte Haut. Schnell blickte sie sich um, um sicherzugehen, dass sie nicht in irgendetwas Giftigem hockte. Das Letzte, was sie wollte, waren Blasen auf ihrer Haut. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich im denkbar ungünstigsten Augenblick verwandelte. Leider hatte sie wenig Kontrolle darüber, wann die Gestalt des Jaguars sich nicht länger aufrechterhalten ließ.

Seufzend zog sie die Kleider wieder an. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass der Stoff an ihrer Haut klebte. Juliette kam gut zurecht im Dschungel, doch ohne das Fell und die Krallen des Jaguars war es natürlich viel schwieriger, hoch oben in den Baumkronen voranzukommen. Das dichte Blattwerk hielt viel Licht ab, und da nun auch die Sonne unterging, wurde es im Dschungel sehr schnell dunkel. Juliette verfügte zwar über eine exzellente Nachtsicht, aber die würde ihr keine große Hilfe sein bei Raubtieren, die sich bei Nacht auf die Jagd begaben.

Die nächsten Meilen brachte sie hinter sich, indem sie abwechselnd rannte oder ging.

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