Logo weiterlesen.de
Heißer als jedes Feuer

PROLOG

Savage jagte sie durch den Wald.

Lara spürte seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers – die feinen Härchen im Nacken standen zu Berge, heiß floss das Blut durch ihre Adern, ihre Füße kribbelten vor Nervosität. Nur langsam kam sie wieder zu Atem. Ruhe bewahren, dachte sie und unterdrückte den Drang zu fliehen. Wenn sie kopflos fortliefe, wäre es ein Kinderspiel für ihn, sie einzuholen und zu schnappen.

Aber dies war alles andere als ein Kinderspiel.

Sie hielt den Atem an und kauerte sich in das trockene Dickicht, um zu lauschen. War er in der Nähe?

Sie hörte nur die normalen Geräusche des Waldes – das leise Knacken im Unterholz, wenn kleine Tiere über den weichen Waldboden huschten, in den Baumkronen das Flüstern des Windes, das Rascheln der Zweige.

Ein paar orangegoldene Blätter schwebten zu Boden. Wachsam verfolgte sie deren spiralförmigen Flug. In der Ferne klopfte ein Specht – poch, poch, poch – es klang wie das Echo ihres laut schlagenden Herzens.

Sie ließ den Kopf sinken und erlaubte sich, einmal tief durchzuatmen, auch wenn sie dabei wachsam blieb. Jede Faser ihres Körpers war aufs Höchste angespannt. Ihre Instinkte waren geschärft wie noch nie, sie konnte blitzschnell reagieren.

Ein Fasan flatterte direkt neben ihr durch das Unterholz, und sie richtete sich sofort auf, um weiterzulaufen, wie vor dem Startschuss auf der Rennbahn. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und ihr Puls beschleunigte sich.

Savage musste in der Nähe sein! Und doch war er nicht zu sehen …

Die Erwartung, dass er sich plötzlich auf sie stürzte, war fast unerträglich. Hinter ihr knackten einige Zweige, und Lara stürzte vorwärts. Obwohl sie wusste, dass ihre Flucht gleichermaßen übereilt wie dumm war, rannte sie durch den Mischwald, umrundete dicke Äste und sprang über Baumwurzeln. Ihr offenes langes Haar flatterte im Wind.

“Gleich habe ich dich!”, rief er und stieß ein triumphierendes Geheul aus.

Lara blieb abrupt stehen, die trockenen Herbstblätter wirbelten unter ihren Füßen auf. Langsam drehte sie sich in die Richtung, aus der die Rufe gekommen waren.

Auf der Anhöhe erkannte sie Savages Silhouette. Er stand breitbeinig da und ließ die Arme entspannt herabhängen, obwohl er sich bei der Jagd durch den Wald genauso verausgabt haben musste wie sie.

Lara fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Fieberhaft suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit, weg von diesem Mann, bevor sie seiner Anziehungskraft nicht mehr widerstehen konnte. Noch hatte er sie nicht entdeckt. Doch es würde nicht mehr lange dauern, und dann wäre sie verloren. Trotzdem konnte sie sich nicht vom Fleck rühren, ihre Haut kribbelte.

Savage hob den Kopf wie ein wildes Tier, das die Beute witterte.

Sie schluckte schwer. Er spürt meine Gegenwart.

Plötzlich hatte sie weiche Knie, als würde sie jeden Moment ohnmächtig werden. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er …

Aufhören! Sie biss die Zähne zusammen, schloss die Augen und kämpfte gegen das Verlangen an, sich seiner starken Anziehungskraft und seinem gefährlichen Zauber zu ergeben. Von Anfang an hatte der Mann sie fasziniert. Und sie ihn. Selbst jetzt, als Jäger und Gejagte, waren sie … waren sie …

Sie waren eins.

Lara spürte es sofort, als er sie entdeckte. Sie öffnete die Augen. Ihr Herz klopfte heftig. Voller Vorahnung … und Vorfreude.

Er bewegte sich nicht von der Stelle. Stattdessen beobachtete er sie. Langsam ballte er die Hände zur Faust, sein ganzer Körper schien angespannt.

Er neigte den Kopf. Das Licht der tief stehenden Sonne blitzte in seinen Augen, und sie glaubte ein räuberisches Glitzern darin zu erkennen. “Lara”, rief er mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme. “Laaa-raaah …”

Einen Augenblick war sie wie erstarrt. Hypnotisiert.

Erst als er den Hügel herunterkam, um sie aus ihrem Versteck zu holen, erwachte sie zu Leben. Sie schrie auf und rannte erneut los.

Das Dickicht vor ihr verschwamm zu einem Muster aus goldenen, grauen und grünen Tönen. Sie lief schnell, ihre Füße flogen förmlich über den Waldboden, den Saum ihres rot bedruckten Kleides hatte sie hochgerafft, sodass ihre nackten Oberschenkel und die Schäfte ihrer leichten Stiefel bei jedem ihrer langen Schritte frei lagen. Sie konnte ihn jetzt deutlich hören. Er gab sich nicht länger Mühe, sie lautlos zu verfolgen, sondern stürzte hinter ihr her durch den Wald, dass die Zweige knackten. Und er kam immer näher – schnell.

Sie hatte den Vorteil, die Gegend besser zu kennen als er. Kaum war sie oben auf der Anhöhe angelangt, rutschte sie den steilen Hang auf den Absätzen hinunter.

Savage schrie erneut laut hinter ihr, als sie aus seinem Blickwinkel verschwand. Ein eisiger Schauer lief ihr bei diesen urtümlichen Lauten über den Rücken, aber dieses Mal blieb sie nicht stehen.

Sie fand den ausgetretenen Pfad, der um den Hügel herumführte, und folgte ihm in Richtung Norden nach Hause. Auf dem fest getretenen Boden hinterließ sie keine Fußabdrücke. Am Bergabhang schlurfte Savage auf ihrer Spur durch das Laub. Sie wusste, dass er jeden Moment das Dickicht hinter sich lassen und dann ihr leuchtend buntes Kleid entdecken könnte.

Schnell verließ sie den Weg und suchte Deckung zwischen den wohlriechenden herabhängenden Zweigen eines alten Nadelbaums. Als sie mit einem lauten Knirschen einen Kiefernzapfen zertrat, erstarrte sie. Mit angehaltenem Atem lauschte sie, wo ihr Verfolger war.

Die spannungsgeladene Stille war ein schlechtes Zeichen. Ein sehr schlechtes. Lara wusste, dass sie verloren hatte. Das Haus lag keine achthundert Meter mehr entfernt, doch sie würde Savage nicht mehr entkommen. Deshalb griff sie nach dem nächsten Zweig einer großen Ulme und kletterte daran hoch. Kurz darauf hatte sie das dichte Geäst erreicht und drückte sich fest an den dicken Stamm. Sie hielt den Atem an, als Savage Sekunden später auf dem Pfad erschien.

Er bewegte sich so geräuschlos und geschickt wie ein Indianer. Immer wieder verschwand er aus ihrem Blickfeld. Schließlich war er an ihrem Versteck vorbeigelaufen. Sie seufzte erleichtert und entspannte sich ein wenig. Vielleicht hatte sie ihn dieses eine Mal übertroffen.

In Gedanken zählte sie sechzig Sekunden, dann noch einmal sechzig. Als sie sicher glaubte, dass er weitergelaufen war, verließ sie ihr Versteck. Kühle goldene Blätter, sanft wie die Handfläche eines Liebhabers, strichen über ihr Gesicht und ihre Schultern, während sie hinunterglitt. Sie duckte sich auf den Boden und beobachtete den Pfad und den umliegenden Wald. Savage war nirgendwo zu sehen.

Sie ließ den Kopf sinken, atmete erleichtert auf und schloss die Augen. Er war fort. Noch einmal holte sie tief Luft.

Sie hatte ihn abgehängt.

Dieses Spiel war gewonnen. Irgendwie jedenfalls.

Einen Moment später beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Langsam hob sie den Kopf.

Und blickte direkt in Savages Gesicht.

Er lächelte.

Seine Augen blitzten wie die eines Wolfes.

1. KAPITEL

Drei Wochen vorher

Der Mann war ein Jäger.

Lara Gladstone erkannte es an dem dunklen, begehrlichen Blick, mit dem er sie eindringlich musterte. Es war kein stechender, sondern ein hypnotisierender Blick und so fesselnd, dass sie unter ihm erbebte, als hätte der Mann sie fest umarmt und würde sie dicht an sich pressen.

Gefangen.

“Gefangen”, murmelte Lara vor sich hin und blieb nach einer rastlosen Runde durch das Restaurant stehen. Sie legte die Hand an ihren kribbelnden Nacken, als sie seinen Blick auf sich spürte. Ich sehe nicht hin.

Dann hob sie den Kopf und betrachtete eingehend das Mosaik aus gelben, roten und goldbraunen Glasteilchen über sich. Eine Art Selbsterkenntnis beschlich sie. Ein Gefühl der Ruhe. Mitten in dem Lärm und dem Durcheinander dieser Restauranteröffnung schaute sie auf das Kaleidoskop und begann zu träumen. Von einem Zuhause – es war ein unruhiger Tagtraum voller Sehnsüchte, und dabei war sie sich die ganze Zeit der Gegenwart des Mannes bewusst, der sie seit fünfzehn Minuten beobachtete.

Sie befand sich in dem Wald in der Nähe ihres Hauses. Das Herbstlaub leuchtete in fantastischen Farben, rot, gelb und golden. Es war still, aber sie war nicht allein. Da lauerte jemand. Ein gefährlicher, unersättlicher Mann. Er verfolgte sie. Sie musste fliehen. Doch obwohl sie rannte, bis ihr der Atem ausging, wusste sie im Innersten … wusste sie …

Sie wollte, dass er sie fing.

Die Frau war provozierend.

Daniel gefiel das.

Geistesabwesend hob er sein Glas Rotwein an den Mund und befeuchtete sich die Lippen, während er ihren Rundgang durch das überfüllte Restaurant verfolgte. Als sie für einen Moment aus seinem Blickfeld verschwand, reckte er den Hals, bis er sie wieder entdeckte. Diese Ungeduld passte überhaupt nicht zu ihm.

Ah. Da war sie. Sie blickte hinauf zu dem Kunstwerk aus Glas, das an Ketten von der Decke herabhing. Sie schwankte ein wenig, als sie in einer sinnlichen Geste die Hand in den Nacken legte und sie einen Moment dort liegen ließ, bevor sie sich langsam über ihren schlanken Hals strich. Sofort fingen seine Hände an zu kribbeln, als ertasteten sie bereits ihre herrlich aufregende, warme, seidenweiche Haut.

Ein gut aussehender junger Mann näherte sich ihr. Seine Kleidung war typisch für die Künstler der Stadt – knallenge Hose und enges Hemd, beides aus dünner schwarzer Wolle. Er trug eine Brille mit dickem schwarzen Rand und blauen Gläsern, und um dem Ganzen einen unkonventionellen Touch zu geben, fehlte auch das Piercing nicht. In diesem Fall handelte es sich um einen schmalen Silberring durch die Nase. Wie praktisch, dachte Daniel, falls der Junge davon überzeugt werden musste, dass er hier überflüssig war.

Der junge Mann legte der Frau eine Hand auf die Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Einige Köpfe wandten sich ihr zu, als sie lachte. Obwohl Daniel plötzlich unbändige Lust verspürte, Gebrauch von dem Nasenring zu machen, verzog er bei ihrem ausgelassenen Lachen unwillkürlich den Mund zu einem Lächeln. Er hätte es wissen müssen. Eine Frau wie sie kicherte nicht verkrampft und hinter vorgehaltener Hand. Ihr Lachen klang voll und natürlich. Es war Ausdruck ihrer Lebensfreude.

Na also, dachte er und beglückwünschte sich selbst zu diesem Fund. Sie hatte Schwung. Sie würde es mit ihm aufnehmen können.

Sein zuerst oberflächliches Interesse, das er bei ihrem Anblick entwickelt hatte, verwandelte sich in heißes Verlangen. Das gefiel ihm. Er hatte dieses Gefühl schon zu lange vermisst. Bereits jetzt erwachte sein ausgeprägter Jagdinstinkt – wie ein leiser, ständiger Trommelschlag, der den Takt für die erste heiße Welle der Erregung angab.

Die Frau hob sich von der Menge der um Aufmerksamkeit Buhlenden ab wie eine Löwin, die majestätisch und zurückhaltend inmitten einer Schar geifernder Hyänen stand, die nach Fleischbrocken schnappten. Sie glänzte in Gold. Angefangen bei ihrem schimmernden Haar bis hin zu den Riemchensandaletten. Ihr Kleid war der Traum eines Alchimisten – ein fließendes Stück Stoff, das sich an ihre herrlichen Kurven schmiegte und ihren gut durchtrainierten Körper weicher wirken ließ.

Ihr Kopf auf dem langen, schlanken Hals wirkte auf diesen breiten Schultern fast ein wenig zu klein. Das Gegengewicht dazu bildete die üppige Pracht ihrer hochgesteckten Haare. Der Gedanke, der Daniel jetzt kam, zauberte ein breites Lächeln auf sein Gesicht: Sie hatte diese wilde Mähne, die man sich unwillkürlich auf einem Kissen ausgebreitet vorstellte.

Er sah sie vor sich, wie sie mit diesem geschmeidigen Körper verführerisch auf seinen kühlen Satinlaken ausgestreckt lag und ihn einladend anblickte … bereit zum leidenschaftlichen Liebesspiel.

Ja. Es würde geschehen. Ohne Frage.

Wieder lachte die Frau. Dann tätschelte sie dem jungen Mann nachsichtig die Wange und drehte sich um. Zu Daniel.

Er atmete tief ein, und sein Brustkorb hob sich. Sosehr er ihren sinnlichen Körper begehrte, es war das Gesicht, das ihn in Wirklichkeit fesselte. Es war klein und rund, ihre Wangen in Relation zu ihrem schlanken Körperbau erstaunlich voll. Engelsgleich, würde er sagen, wenn der Mund nicht so sinnlich wäre, die Nase nicht so schmal und die Augen …

Ihre Augen erinnerten an die einer Katze – der Blick zurückhaltend, aber neugierig, distanziert, doch fixierend. Und äußerst lebendig.

Dahinter schien sich eine Menge unanständiger Gedanken zu verbergen.

Daniel bereitete sich innerlich vor. Sie spürte genau, wie er auf sie reagierte, und antwortete mit einem verführerischen Augenaufschlag. Den Kopf hatte sie leicht in seine Richtung geneigt. Zum vierten oder fünften Mal fing er einen verstohlenen Blick von ihr auf. Das war kein Zufall. Sie signalisierte ihm, dass sein Interesse an ihr auf Gegenseitigkeit beruhte.

Diese Frau war zweifellos provozierend.

Sie wandte den Blick ab, drehte sich auf dem Absatz um und präsentierte ihm ihre Rückseite.

Das Kleid, vorn züchtig und sittsam, war hinten tief ausgeschnitten und zeigte ihren nackten Rücken bis hinunter zu ihrem festen kleinen Po. Ein hoher Schlitz vom Saum aufwärts entblößte ihr rechtes Bein. Daniel ließ den Anblick lange auf sich wirken. Er hatte sich noch nie so hingebungsvoll der erotischen Wirkung einer wohlgeformten Frauenwade ergeben, dem Grübchen einer Kniekehle oder der zarten Haut eines weiblichen Schenkels.

Als er einen Schritt in ihre Richtung ging, entfernte sie sich rasch, vorbei an einer Gruppe Horsd’œuvres kauender Gäste. Ihr hoch geschlitztes Kleid bot bei jedem langen Schritt einen gewagten Anblick. Sein Herz begann laut zu pochen. Die Frau war so aufreizend, dass es fast schon unanständig wirkte.

Da er die Absicht hatte, ihr zu folgen, stellte er sein Weinglas auf der dicken polierten Marmorplatte der Theke ab. Das Interieur des neuen Restaurants war ein Paradebeispiel von protziger Architektur – Stuckarbeiten neben modernen Konstruktionen aus gebürstetem Stahl, teilweise mit dem perfekten Maß an Rost, dazu als Kontrast ein glänzender schwarzer Terrazzoboden. Mindestens fünfzig Gäste besetzten die Stühle, die um die Edelstahl-Bistrotische herumstanden. Weitere hatten sich auf die gepolsterten Bänke gezwängt, die den Raum umgaben. Der größte Teil der Anwesenden aber stand in Gruppen zusammen, tat sich an dem kostenlosen Essen gütlich und schlürfte mit Begeisterung den Champagner und ausgewählte Weine. Alles in allem waren Ausstattung und Veranstaltung für Daniels Geschmack viel zu pompös. Er zog historisch Gewachsenes dem aufwendigen Design vor.

Tamar Brand, seine Begleiterin an diesem Abend, sah ihn fragend an, als er an ihr vorbeiging. Er nickte ihr nur zu, ohne etwas zu sagen. Daraufhin zog sie eine ihrer perfekten schwarzen Augenbrauen hoch, ein raffinierter Trick, den sie sparsam anwandte, und ihr amüsiertes Lächeln signalisierte ihm, dass sie nicht nur seine Unhöflichkeit verzieh, sondern auch genau wusste, was er vorhatte. Wie immer.

Daniel blieb nicht stehen. Worte waren nicht nötig; seit elf Jahren arbeiteten sie zusammen, und Tamar kannte ihn besser als jeder andere Mensch. Wenn er sie allein zurückließ, würde sie ohne zu zögern mit einem Taxi nach Hause fahren und ihm dafür die Rechnung präsentieren. Zuzüglich einer teuren Flasche Wein und einem Essen aus dem feinsten Delikatessengeschäft der Stadt.

Bestechung, dachte er, aber Tamars Schweigen und ihre Fähigkeiten waren es wert.

Er bog um eine Ecke. Nur seinem schnellen Reaktionsvermögen hatte er es zu verdanken, dass er nicht direkt in sein Opfer hineinlief. Die Löwin stand auf der andere Seite einer der winkelförmigen silbernen Wände, die im Hauptrestaurant wie Skulpturen aufgestellt waren. Keine Jagd, dachte er ein wenig enttäuscht. Sie wartete. Auf ihn?

Natürlich.

Er sah es zuerst an ihrem betont unschuldigen Blick, dann an der Art, wie sie lächelte, so als würde sie jeden Moment loslachen. Ihre Schultern schienen jedoch etwas angespannt zu sein. Er nahm an, dass sie zwar sehr selbstsicher war, aber doch nicht vollkommen davon überzeugt, dass er angebissen hatte.

Gut so.

Er sagte das Erstbeste, was ihm in den Sinn kam. “Wo ist Ihr Piercing?”

Aus großen Augen blickte sie ihn an. “Sind Sie sicher, dass ich eins habe?”

Ihre Stimme klang fantastisch – voll und tief wie ihr Lachen. Er deutete mit gespreizten Händen auf die Menge, dann ließ er sie schnell sinken. Die Verlockung, über ihre langen nackten Arme zu streichen und ihre goldblonde Mähne zu berühren, war zu groß.

Er sagte: “Jeder unter dreißig hat eins.”

“Aber ich bin schon dreißig. Genau im Grenzbereich Ihrer anthropologischen Hypothese.”

“Dann muss Ihr Piercing versteckt sein.” Er ließ den Blick über ihr goldenes Kleid schweifen, bevor er schnell wieder in ihr hübsches Gesicht sah. Sie benutzte kein Make-up. Ihre kindlich runden Wangen waren nicht schattiert, die Sommersprossen auf ihrer Nase nicht überdeckt. Nur ihre Augen hatte sie mit Kupfer-, Bronze- und Grüntönen umrandet.

Sie senkte den Blick. “Und Ihres?”

“Ich bin zu alt”, erwiderte er.

“Wie alt?” Unverhohlen inspizierte sie seinen Anzug, ein elegantes Designerstück, für das er einen schockierenden Betrag gezahlt hatte. Mehr als für sämtliche Jeans und T-Shirts und den einzigen Anzug von der Stange, den er zu offiziellen Veranstaltungen während seiner gesamten Schulzeit getragen hatte, zusammen.

Die Frau musterte ihn so eingehend, dass Daniel sich fragte, ob sie sich tatsächlich für das Kleidungsstück interessierte oder doch eher für den Körper, der sich darunter abzeichnete.

Er blieb vollkommen unbeweglich stehen, obwohl sein Blut in Wallung geriet und er zusehends erregter wurde. “Sechsunddreißig.”

“Verheiratet?”

“Sie haben meine Frage nicht beantwortet.”

“Die Frau”, sagte sie und ignorierte sein Ablenkungsmanöver, “ist sie nicht Ihre Ehefrau?”

Er war ziemlich sicher, dass die Löwin nach ihm und Tamar eingetroffen war. Sie konnte sie nicht zusammen gesehen haben, denn sie hatten sich sofort getrennt. “Welche Frau?”, fragte er vorsichtig.

Sie sah ihm in die Augen. Dann lächelte sie, geduldig und wissend.

Ein Punkt für sie. “Sie ist nicht meine Ehefrau.”

“Dauerfreundin?”

“Nein.”

“Sie haben gezögert”, stellte sie leicht spöttisch fest.

“Spielt es eine Rolle?”

“Ja”, erwiderte sie ernst und blickte ihn streng an. “Ich lasse mich auf keine Spielchen mit verheirateten Männern ein.”

Er versuchte seine Überraschung darüber zu verbergen. Offensichtlich hatte sie ihre Entscheidung ihn betreffend bereits getroffen – sie wollte mit ihm spielen. Bei dem Gedanken daran überlief es ihn heiß und kalt.

“Verstehe.” Seine Stimme klang ruhig, doch in seinem Tonfall lag die unausgesprochene Frage, ob sie es tatsächlich so meinte, wie er es verstanden hatte.

Ihr leichtes Nicken bestätigte dies. “Ja, ich glaube, das tun Sie.” Sie neigte den Kopf ein wenig. “Günstig für uns beide.”

Schweigen breitete sich aus. Daniel wurde mit einem Mal unsicher. Hatten sie sich gerade für eine Affäre verabredet? Ein sexuelles Intermezzo?

Wenn ja, dann reichte ihm das nicht. Er wollte mehr. Plötzlich wollte er mehr.

“Lassen Sie mich raten”, sagte er schließlich. “Ihre Zunge.”

Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. Offensichtlich musste sie erst überlegen, was er meinte. “Nein”, sagte sie dann. Damit er sich davon überzeugen konnte, dass sie nicht durch einen Ring verunstaltet war, streckte sie ihm die Zunge heraus. Sie war rosafarben und feucht und so lang und schmal wie ihre ganze Figur. Diese Geste empfand er als merkwürdig intim. Vielleicht, weil er sich sofort vorstellte, dass sie damit über seine Brust und seinen Bauch hinab leckte.

Ein erotisches Knistern lag in der Luft.

Er ließ seinen Blick zu den harten Spitzen ihrer Brüste gleiten, die sich deutlich unter dem Stoff abzeichneten. Ungepierct. “Wo dann …?”

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. “Nicht so schnell, Sir”, sagte sie unbeschwert.

“Ich hatte den Eindruck, dass Sie es so mögen.”

“Hmm.” Sie betrachtete ihn. “Ja, das stimmt allerdings. Und ich habe meine Entscheidung getroffen.”

Sein Lächeln war anmaßend, seine Körperhaltung selbstsicher.

Sie drehte sich um und ging.

“Die hat es dir aber gezeigt, du großer Verführer”, bemerkte Tamar, als er zu ihr zurückkehrte.

Daniel schob grimmig die Hände in die Hosentaschen und ballte sie zu Fäusten. “Halte dich da raus.”

Tamar genoss seinen Misserfolg ganz offensichtlich, verkniff sich jedoch weitere spöttische Bemerkungen. Sie stellte ihr leeres Champagnerglas auf das Tablett eines vorbeieilenden Kellners. “Sollen wir abhauen? Bairstow ist schon gegangen, wir haben unsere Pflicht erfüllt.”

“Du kannst gern gehen.”

Sie schüttelte den Kopf über Daniels finsteren Gesichtsausdruck. Ihre Haare strichen dabei über ihre weißen, knochigen Schultern, die von dem schwarzen Top nicht bedeckt wurden. Dazu trug sie eine locker fallende Seidenhose, die unter ihrem gepiercten Bauchnabel endete. Breite Metallreifen schmückten ihre gut trainierten Oberarme. Tamar Brand war der Typ von Frau, der nicht hübsch war, aber dessen eleganter Stil und Selbstbewusstsein sofort ins Auge fielen. Viele Frauen betrachteten sie fast misstrauisch, als wollten sie das Geheimnis ihrer Ausstrahlung ergründen.

“Du machst ein Gesicht wie ein Hund, dem man den Knochen weggenommen hat”, kommentierte sie trocken und holte eine gravierte Puderdose aus ihrem winzigen Abendtäschchen. Sie öffnete sie und betrachtete kritisch ihre Lippen.

Daniel entriss ihr die Puderdose und schloss sie. Er hielt sie außerhalb von Tamars Reichweite. Mit dem Daumen rieb er über die eingravierten Initialen. Sie waren ihm vertraut; vor zwei Jahren hatte er ihr diese Puderdose zum Geburtstag geschenkt. Sie hatte sie selbst bei Tiffany’s ausgesucht, in Geschenkpapier wickeln und in sein Büro schicken lassen. Eigentlich hatte er persönlich etwas auswählen wollen, doch wie üblich war sie ihm zuvorgekommen. In der Beziehung war sie zu tüchtig.

Tamar wartete schweigend. Sie konnte so unergründlich wie der Dalai Lama sein, wenn sie wollte.

Er ließ die Puderdose in ihre offene Tasche fallen. “Geh jetzt.”

Sie schnitt eine Grimasse. “Danke, Chef.”

“Nimm den Wagen.”

Sie waren in einem Leihwagen gekommen, ein Service seines Arbeitgebers Bairstow & Boone, dem Maklerbüro an der Wall Street. Frank Bairstows nichtsnutzige Tochter Ophelia war dank Daddys Geld eine der Eigentümerinnen des Restaurants. Und da Daniel kurz vor seiner Ernennung zum Juniorpartner stand, war seine Anwesenheit bei dieser großen Eröffnungsfeier verpflichtend gewesen. Er hatte Tamar dazu überredet, als sein “Date” mit ihm zu der Veranstaltung zu kommen.

“Brauchst du den Wagen nicht?” Tamar schürzte die Lippen. “Meine Güte, Daniel. Diese Frau hat dich wirklich abblitzen lassen. Ein fataler Schlag für dein Ego.”

“Mit meinem Ego ist alles in Ordnung.” Er biss die Zähne zusammen. Noch nie im Leben hatte er so schnell aufgegeben, und das wusste Tamar genau. Sie versuchte nur, ihn auf die Palme zu bringen.

“Vielleicht kommt dein Charme bei den Frauen nicht mehr so gut an.”

Er betrachtete sich nicht als Frauenheld. Wenn er bei Frauen Erfolg gehabt hatte, dann nur, weil sie offensichtlich einem Mann nicht widerstehen konnten, der ihnen widerstand. Ihm selbst waren andere Dinge wichtiger gewesen.

“Mach dir darüber bloß keine Gedanken”, sagte er zu Tamar. “An der Bar sitzt ein Typ. Ein Wertpapierhändler mit Zopf und einer Rolex. Er beobachtet dich schon den ganzen Abend …”

“Kein Wort mehr”, unterbrach sie ihn. “Ich bin schon weg.” Sie lächelte ihn vielsagend an, klemmte sich ihre Tasche unter den Arm und bahnte sich ihren Weg zu den Stahltüren im Eingangsbereich des Restaurants. Daniel sah ihr nach, neugierig, ob sie allein gehen würde. Einige Männer hatten sich im Laufe des Abends für sie interessiert, doch sie verließ das Lokal ohne Begleitung.

Daniel ging näher ans Fenster und behielt Tamar vorsorglich im Auge, bis der dunkelblaue Leihwagen vorgefahren wurde. Die Frau war selbst ihm ein Rätsel. Auch wenn sie in einer gewissen Beziehung seine engste Freundin war, kannte er sie nicht so gut wie sie ihn. Eisern trennte sie Privat- und Berufsleben. Von Anfang an hatte sie klar zu verstehen gegeben, dass sie weder Fragen mochte noch Komplikationen.

Vielleicht kamen sie deshalb so gut miteinander aus, Daniel sagte man das Gleiche nach.

Aber nicht heute Abend, dachte er. Heute Abend verhielt er sich völlig anders. Heute Abend wollte er sich Hals über Kopf in eine wilde, leidenschaftliche Affäre stürzen.

Er dachte an die Löwin, seine Beute. Bisher war sie ihm nicht in die Falle gegangen. Bei der Vorfreude, die ihn packte, musste er lächeln. Er würde sie bekommen.

Da legte jemand die Hand auf seine Schulter. “Ich hatte gehofft, Sie würden mir folgen”, flüsterte sie in sein Ohr. Dabei streiften ihre Brüste leicht seinen Rücken. Als wenn er die Einladung nötig hätte.

“Das hatte ich auch vor.”

Sie gab einen heiseren Laut von sich. Sexy, der Klang ging ihm direkt unter die Haut. “Dann hat Sie meine Direktheit also nicht gestört?”

Er drehte sich nicht um. “Es spricht nichts dagegen, gleich zur Sache zu kommen, obwohl es nicht eines gewissen Reizes entbehrt, seine Beute jagen zu müssen.”

“Ich habe mir gedacht, dass Sie der Typ von Mann sind.” Sie schmiegte sich ein wenig enger an ihn und legte ihr Kinn auf seine Schulter. Er fühlte ihre festen, runden Brüste direkt unter seinen Schulterblättern. “Okay, ich lasse mich von Ihnen jagen”, schnurrte sie. Ihre Lippen waren seinem Ohr so nah, dass ihr heißer Atem darüber strich. “Und vielleicht lasse ich mich sogar fangen.”

Vielleicht ließ sie es zu? Er unterdrückte ein Lachen.

Sie legte ihre Finger um seine Oberarme. Lange Finger, fester Griff. “Nehmen Sie die Herausforderung an?”

Das Verlangen nach ihr war so stark, dass er es fast als unanständig empfand. Vor allem seine Körperliche Reaktion war in der Öffentlichkeit mehr als peinlich. “Auf jeden Fall”, erwiderte er und wandte sich ein wenig von der gepolsterten Bank unter dem Fenster an der Frontseite des Lokals ab. Das riesige Glasmosaik, das sie zuvor betrachtet hatte, hing direkt über ihnen, die unzähligen Farben strahlten im Licht der sorgfältig ausgerichteten Spotlights. Er spürte die Wärme der starken Lampen. Kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

“Ich möchte aber nicht nur eine von Ihren Puppen sein.”

Er hatte sie immer noch nicht angesehen, doch das schwarze Fenster reflektierte schwach ihr Gesicht. “Puppe?”, fragte er. Sie hielt sich an ihm fest und hinderte ihn daran, sich ganz zu ihr umzudrehen. Frustrierend. So konnte er ihre Reaktionen nicht abschätzen, außer am Klang ihrer Stimme.

“Ja, so etwas süßes Kleines, mit dem man nicht länger als eine Stunde spielt.”

“Wie kommen Sie darauf, dass ich ein Faible dafür habe?”

Sie verstärkte ihren Griff. “Männer wie Sie …” Sie sprach nicht weiter.

Er beließ es dabei. Im Moment. Obwohl sie sich in ihm absolut täuschte. “Und was bevorzugen Sie?”

“Ist dies eine Verhandlung?” Sie streichelte sanft seine Schulter und legte den Kopf zur Seite. Leise flüsterte sie ihm ins Ohr: “Sollen wir eine Liste mit Regeln aufstellen? Würde Ihnen das besser passen?”

Er schluckte nervös, als sie über seine Schulter griff und spielerisch an seiner Krawatte zog. Sie zerrte am Knoten, als wollte sie ihn für seine Zurückhaltung tadeln. Wenn sie nur wüsste. Er war bereits hart, so hart, dass er seine Hand in die Hosentasche schieben musste, um ein bisschen Platz zu schaffen. Seine Erektion sollte nicht gleich für jeden sichtbar sein. Wieder schluckte er.

“Ich nehme an, Sie halten sich immer an die Regeln.”

“Nicht immer.” Er konnte sich nicht umdrehen.

“Nein? Tagsüber der korrekte Geschäftsmann. Und nachts ein zügelloser Lump.”

Er presste die Lippen zusammen, um nicht zu lachen. “Lump?”

“Dann eben Schuft.”

Er schmunzelte.

“Wüstling?”, schlug sie vor und trat an seine Seite. Sie suchte seinen Blick. “Ladykiller.”

“Sie befinden sich völlig auf dem Holzweg.”

Sie tat so, als würde sie schmollen. “Wie enttäuschend. Ich habe gehofft, dass Sie zügellos sind, damit wir viel Spaß miteinander haben.”

Er drehte sich schnell um und hielt sie an den Ellenbogen fest. Für den Bruchteil einer Sekunde schien sie verängstigt, dann war ihr Gesicht wieder völlig ausdruckslos. “Sie haben keine Ahnung”, sagte er, selbst verwirrt über seine heftige Reaktion. Sein Verlangen nach ihr steigerte sich in wilde Gier. “Was wissen Sie schon von mir? Sie kennen nicht einmal meinen Namen.”

“Sie heißen Daniel.” Sie biss sich auf die Unterlippe. Ein weiteres winziges Zeichen ihrer Unsicherheit. “Ich habe gehört, wie Ihre Frau Sie so nannte.”

“Tamar ist meine Sekretärin.”

“Ihre Sekretärin?” Ihre Augen begannen zu funkeln. “Aha. Die Ersatzehefrau. Natürlich. Jetzt verstehe ich.” Sie legte ihre Handflächen an seine Brust und lehnte sich gegen ihn. “Sie sind einer von diesen karrieregeilen Wall-Street-Typen. Keine Zeit für eine Familie, aber seit Jahren mit der Sekretärin zusammen. Sie weiß besser als Sie selbst, was Sie mögen und nicht mögen. Sie regelt ihr Berufs- und Privatleben mit einer Tüchtigkeit, die fast unheimlich ist. Sie bemuttert Sie wie eine Ehefrau.”

“Tamar bemuttert mich nicht.” Er strich mit dem Daumen über die Innenseite ihrer Ellenbogen. “Der Rest Ihrer Einschätzung stimmt aber erschreckend genau. Ich wusste gar nicht, dass ich so ein Klischee geworden bin.”

Sie betrachtete sein Gesicht und schürzte leicht die Lippen. Die Andeutung eines Lächelns. “Es steckt mehr in Ihnen?”

“Ja”, erwiderte er mit Nachdruck.

Ihre Augen waren weit geöffnet, und es lag eine Frage in ihrem Blick, die er nicht verstand. Plötzlich wandte sie sich ab und machte sich von ihm los. Das leichte Vibrieren ihres Körpers wäre ihm entgangen, wenn er sie nicht so intensiv gespürt hätte.

“Wie gefällt Ihnen die Einrichtung des Restaurants?”, fragte sie im Plauderton. Sie presste die Knöchel ihrer Hand gegen die kleine Mulde an ihrem Hals und legte den Kopf zurück, um das Glasmosaik zu betrachten, das über ihnen hing wie ein deplatziertes Kirchenfenster.

Er wurde von den losen Haarsträhnen, die in ihren Nacken fielen, viel zu sehr abgelenkt, um das Mosaik zu betrachten. Am liebsten hätte er die Haare weggeblasen und wäre mit den Fingerspitzen über ihren Rücken geglitten, bis hinunter zu ihrem Po. Ihr Kleid war so tief ausgeschnitten, so provokativ, dass er vielleicht sogar hineingreifen könnte und …

“Daniel?”

“Gehört in eine Kirche, nicht in ein Restaurant”, sagte er, ohne nachzudenken.

Sie senkte den Kopf. “Wirklich?”

Verdammt. Er hatte das Falsche gesagt. Abgesehen von seinem mäßigen Interesse an Fotografien hatte er sich mit Kunst, wirklicher Kunst, noch nicht auseinandergesetzt. Wahrscheinlich hätte er Ausdrücke wie unglaubliche Agonie oder faszinierende Dichotomie benutzen müssen.

Aber es war nur ein Stück Buntglas.

Er blickte hinauf. Ja, sicher, es war ein schönes Stück. Das in Holz gerahmte Fenstermosaik war mindestens ein Meter fünfzig mal ein Meter groß. Es bestand aus Tausenden von winzigen Glasteilen – die Farben Grün, Gold, Orangebraun und Rot dominierten, dazwischen schimmerten Weiß, Silberblau und ein klares Azurblau. Soweit er erkennen konnte, gab es keine bestimmte Anordnung der einzelnen Mosaikgläser. Moderne Kunst, dachte er ein wenig spöttisch und trat einen Schritt zurück, um einen besseren Blick auf das Werk zu bekommen. Plötzlich verschmolzen die einzelnen Teile zu einem Ganzen.

“Ein Wald”, stellte er überrascht und fasziniert fest. “Die Sonne scheint durch die Blätter. Herbstlaub.”

Es war nicht gerade eine kunsthistorische Betrachtung, aber die Löwin schien erfreut. “Es gefällt Ihnen?”

Sie testet mich, dachte er, wusste aber nicht, warum. Zu spät erinnerte er sich daran, dass sie im Mittelpunkt der Gruppe gestanden hatte, von der das Stück fachmännisch betrachtet worden war. Alle hatten weise genickt. Nur sie nicht. Sie hatte das Werk höchst skeptisch betrachtet.

“Ja, es gefällt mir”, sagte er. Seine Neugierde flammte wieder auf.

“Lassen Sie uns gehen”, hauchte sie ihm ins Ohr, und der erotische Klang ihrer Stimme ließ ihn sein neu entdecktes Interesse für die Kunst sofort wieder vergessen.

Er schaute ihr ins Gesicht. “Nichts dagegen.”

Er führte sie durch die Menge zum Ausgang. Sie hatten die Tür fast erreicht, als sich ein großer Mann undefinierbaren Alters aus einer Gruppe löste und sich ihnen in den Weg stellte. “Einen Moment, meine Liebe”, rief er, und Daniels Begleiterin zuckte zusammen, als hätte sie mit der Fingerspitze eine heiße Herdplatte berührt. Als sie sich umdrehte, war sie jedoch die Freundlichkeit in Person. Nur er sah, dass sie die Zähne zusammenbiss.

“Du kannst nicht so früh gehen.” Der Mann war einige Zentimeter größer als Daniel mit seinen ein Meter achtzig. Er trug einen eleganten schwarzen Zweireiher und eine glänzende onyxfarbene Krawatte dazu. Seine aristokratischen Gesichtszüge blieben unbeweglich, nur die Augen wirkten lebendig. Seine silbergrauen Haare waren frisch geschnitten und lagen fest am Kopf.

“Die Peytons sind gerade gekommen”, fuhr er fort und griff nach ihrem Ellenbogen. “Sie sind wichtig.”

Sie schob seine Hand weg. “Ein anderes Mal.”

Daniel öffnete die Tür. Der andere taxierte ihn und tat ihn als unbedeutend ab. Erneut griff er nach ihrem Ellenbogen, um sie zurück ins Restaurant zu ziehen. “Ich weiß, dass dies nicht dein Fall ist. Aber du hast zugestimmt …”

Die Löwin küsste den Mann geräuschvoll auf beide Wangen und brachte ihn damit lange genug zum Schweigen, um mit Daniel durch die Tür verschwinden zu können. “Schnell”, sagte sie, nahm seine Hand und zog ihn im Laufschritt mit sich. Ihr hoch geschlitztes Kleid bot dabei einen atemberaubenden Anblick.

“Er kommt nicht hinterher”, sagte Daniel und verlangsamte das Tempo.

Sie warf einen Blick zurück. “Ich denke, wir sind jetzt sicher.”

“Wer war das?”

“Kensington Webb.” Sie gab keine weitere Erklärung ab.

“Und wie heißt du?”, fragte Daniel und ging zu dem vertrauteren Du über.

“Camille”, erwiderte sie, ohne zu zögern.

“Camille …?”

Sie blickte stur geradeaus und mied seinen Blick. “Begnügen wir uns zum jetzigen Zeitpunkt mit den Vornamen.”

“Okay.” Zum jetzigen Zeitpunkt.

Ihr Widerstand reizte ihn. Es gibt doch nichts Schöneres als eine aufregende Jagd, dachte er und legte den Arm um ihre Taille. Abgesehen natürlich vom Einkreisen der Beute und der süßen Hingabe, die dann folgte.

2. KAPITEL

SoHo an einem Freitagabend war Lara Gladstone vertraut, unterschied sich aber so sehr von ihrem jetzigen Zuhause, wie man es sich nur vorstellen konnte. Am frühen Abend hatte es geregnet. Die Luft war jetzt frisch und sauber, und die kunstvoll gearbeiteten gusseisernen Hausfassaden glänzten. Gleißende Lichter, zahlreiche Fußgänger und dichter Verkehr verschmolzen zu einem Bild des städtischen Treibens in den engen Straßen.

Lara sah zum Himmel. Sie hatte ganz vergessen, dass hier die Sterne nicht so sichtbar waren wie bei ihr zu Hause. Der Schein der Stadtbeleuchtung hing wie ein Schleier vor dem pechschwarzen Himmel. Sie erschauerte, als sie an den Nachthimmel und den Duft nach Zedernholz in ihrer Heimat in den Adirondackbergen dachte.

“Du frierst.” Daniel nahm seine warme Hand von ihrem Rücken – er hatte sie an die Stelle gelegt, wo der Ausschnitt sich verjüngte – und zog seine Jacke aus. Er stand dicht hinter ihr und legte sie fürsorglich über ihre Schultern. Sie kuschelte sich in den warmen Stoff. Mit den Fingern strich er über ihren Nacken. Sie ließ den Kopf zur Seite fallen wie eine Tulpe, deren Blüte zu schwer für den Stängel war. Sein galantes Benehmen rührte sie.

“Besser?”, fragte er heiser, und seine Stimme ließ sie erschauern.

Sie nickte. “Ich hatte eine Stola mit, aber ich habe sie im Restaurant vergessen.”

“Soll ich sie holen?”

“Nein!” Sie drehte sich zu ihm um. Auf keinen Fall wollte sie Kensington Webb noch einmal über den Weg laufen und mit ihm zusammen seine wohlhabenden Kunstsammler-Kunden begrüßen. Kensington würde zweifellos von ihr enttäuscht sein, aber sie würde es keine weitere Minute mehr schaffen, ihre “Vision” der vornehmen Elite zu erklären.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie sich geschworen, die Szene zu erobern. Das war vorbei. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, wäre sie überhaupt nicht auf der heutigen Veranstaltung erschienen, sondern lieber bei Bianca geblieben, um dort mit ihren Freunden zu lachen, zu plaudern und zu essen. Aber Kensington hatte sich schwer ins Zeug gelegt, um sie zur Teilnahme zu überreden. Und er versuchte wirklich, ihre Arbeit Kunstliebhabern und Sammlern nahe zu bringen. Zu viele Menschen glaubten, Werke aus Buntglas ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Heißer als jedes Feuer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen