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Heißer als der Wüstenwind

1. Kapitel

Tiefe Dunkelheit senkte sich über die Wüste, als der schwarze Geländewagen vor dem Gasthof hielt, einem großen, aber schlichten Gebäude mitten im Dorf. Die Rundbögen und Pfeiler im Innenhof waren mit Blumengirlanden geschmückt, und in den üppigen Palmen hingen Lichterketten. Leise Folkloreklänge wehten zu Scheich Nadir ibn Shihab herüber, und ein Feuerwerk erleuchtete den Abendhimmel und kündigte seine Ankunft an.

Es war Zeit, seine Braut zu treffen.

Nadir verspürte weder Vorfreude noch Neugier oder Furcht. Eine Frau zu heiraten war für ihn Mittel zum Zweck. Seine Wahl basierte nicht auf Gefühlen, sondern auf einem Arrangement, auf das er sich wegen einer einzigen übereilten emotionalen Reaktion vor zwei Jahren eingelassen hatte.

Er schob seine Gedanken beiseite, weil er jetzt nicht über die Ungerechtigkeit nachdenken wollte. Mit dieser Heirat würde er seinen Ruf wiederherstellen, und niemand im Königreich Jazaar würde den Schritt infrage stellen, durch den er sich der traditionellen Lebensweise verpflichtete.

Nadir stieg aus dem Wagen. Seine Dishdasha, ein hemdartiges, bodenlanges Gewand, klebte an seinem muskulösen Körper, sein schwarzer Umhang und der weiße Kopfschmuck bauschten sich im Wind. Nadir fühlte sich fremd in der traditionellen Kleidung, aber an diesem Tag trug er sie aus Respekt vor der landesüblichen Sitte.

Er sah, dass sein jüngerer Bruder sich näherte. Nadir musste bei dem ungewohnten Anblick lächeln, den Rashid in der ebenfalls traditionellen Kleidung bot. Sie umarmten sich zur Begrüßung.

„Du bist sehr spät dran für deine Hochzeit“, sagte Rashid leise.

„Sie fängt ja nicht ohne mich an“, erwiderte Nadir und trat zurück.

Rashid konnte über die Arroganz seines Bruders nur den Kopf schütteln. „Ich meine es ernst, Nadir. So kannst du den Stamm nicht umstimmen.“

„Dessen bin ich mir bewusst. Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte.“ Er hatte fast den ganzen Tag damit zugebracht, mit zwei verfeindeten Stämmen über ein Stück Land zu verhandeln. Und das war wichtiger als ein Hochzeitsfest. Selbst wenn es dabei um seine eigene Hochzeit ging.

„Das reicht nicht für die Ältesten“, sagte Rashid, als sie zum Hotel gingen. „In ihren Augen hast du dich ihnen gegenüber vor zwei Jahren äußerst respektlos gezeigt. Sie werden dir deine Unpünktlichkeit nicht verzeihen.“

Nadir war nicht in der Stimmung, sich Belehrungen von seinem jüngeren Bruder anzuhören. „Ich heirate die Frau, die sie ausgewählt haben, oder nicht?“

Die Heirat diente dem Zweck einer politischen Verbindung mit einem einflussreichen Stamm, der ihn respektierte und gleichzeitig fürchtete. Nadir hatte gehört, dass man ihn in diesem Teil der Wüste die Bestie nannte. Und als wollten sie einen Dämon beschwichtigen, waren die Ältesten bereit gewesen, eine Jungfrau zu opfern und ihm zur Braut zu geben.

Nadir näherte sich der Reihe der Ältesten, die in ihre besten Gewänder gekleidet waren. Die ernsten Mienen der Männer zeigten ihm, dass Rashid recht hatte. Sie waren nicht glücklich mit ihm. Wäre der Stamm nicht so wichtig für seine Modernisierungspläne in diesem Land, hätte Nadir seine Existenz schlicht ignoriert.

„Ich bitte ergebenst um Verzeihung.“ Nadir begrüßte den Ältestenrat, verbeugte sich tief und drückte sein Bedauern über seine Verspätung aus. Es war ihm egal, ob diese Männer beleidigt waren, weil er so spät kam; trotzdem musste er sich den Gepflogenheiten beugen und sich diplomatisch verhalten.

Höflich geleiteten die Ältesten ihn in den Innenhof, als der altertümliche Gesang, begleitet von Trommeln, die Luft erfüllte. Auch wenn Nadir tief im Inneren davon berührt wurde, stimmte er nicht ein. Zwar waren die Gäste glücklich darüber, dass der Scheich eine der ihren heiratete, er selbst war jedoch nicht erfreut über den Lauf der Ereignisse.

„Weißt du irgendetwas über die Braut?“, flüsterte Rashid seinem Bruder ins Ohr. „Was ist, wenn sie sich als unpassend erweist?“

„Das ist nicht wichtig“, erklärte Nadir ruhig. „Ich habe nicht vor, mit ihr als Mann und Frau zu leben. Ich werde sie heiraten und in mein Bett nehmen. Wenn die Hochzeitszeremonie erst einmal vorbei ist, wird sie im Sultanspalast im Harem leben. Ihr wird es an nichts fehlen, und ich habe meine Freiheit. Wenn alles gut geht, werden wir einander nie wieder zu Gesicht bekommen.“

Nadirs Blick schweifte über die Menge. Die Männer, in Weiß gekleidet, standen auf der einen Seite und forderten die Frauen auf der anderen Seite mit ihrem Gesang und dem rhythmischen Klatschen dazu auf, noch schneller zu tanzen. Die Gewänder der Frauen leuchteten in kräftigen Farben, waren großzügig mit Gold durchsetzt. Plötzlich wurden alle Anwesenden sich seiner Gegenwart bewusst. Die Musik endete abrupt, alle standen wie versteinert da und starrten ihn an. Er fühlte sich wie ein unwillkommener Gast – und das auf seiner eigenen Hochzeit.

Nadir war es gewohnt, dass man ihn mit Vorsicht beäugte, angefangen von den Bediensteten bis hin zu Staatsoberhäuptern. Internationale Geschäftsmänner beschuldigten ihn, verschlagen wie ein Schakal zu sein, wenn er ihre Versuche vereitelte, sich Jazaars Ressourcen illegal anzueignen. Journalisten erklärten, dass er das Gesetz des Sultans unbarmherzig durchsetze. Er war sogar einmal mit einer Viper verglichen worden, als er Jazaar mit unerschütterlicher Härte gegen blutrünstige Rebellen verteidigt hatte. Seine Landsleute mochten Angst haben, ihm direkt ins Auge zu sehen, aber sie wussten, dass er sie beschützen würde, koste es, was es wolle.

Langsam ging Nadir weiter, gefolgt von Rashid. Allmählich verfielen die Gäste wieder in Feierlaune und sangen laut, während sie Rosenblüten auf ihn niederregnen ließen. Sie schienen zutiefst erleichtert, dass die dreitägige Hochzeitszeremonie endlich ihren Anfang nahm. Stirnrunzelnd nahm er das breite Lächeln der Männer und das hohe Trillern der Frauen zur Kenntnis. Sie glaubten wohl, die Bestie auf diese Weise besänftigen zu können.

Sein Blick war weiter geradeaus auf das Ende des Innenhofs gerichtet. Auf einem Podium in der Mitte standen zwei thronähnliche Stühle, flankiert von Diwanen. Auf einem der Stühle saß seine Braut und wartete auf ihn, den Kopf gesenkt.

Nadir ging langsamer, als er sah, dass seine Braut ein landesübliches Hochzeitskleid in einem tiefen Purpurrot trug. Ein schwerer Schleier verbarg ihr Haar und umrahmte ihr Gesicht, um dann in einer Kaskade über Schultern und Arme zu fallen. Das enge Oberteil war mit goldenen Perlen durchwirkt und betonte die kleinen Brüste und die schmale Taille. Ihre zarten Hände, verziert mit einem verschlungenen Muster aus Henna, lagen auf dem ausgestellten Brokatrock.

Er krauste die Stirn, während er die Frau musterte. Irgendetwas war anders, war falsch an dieser Braut. Abrupt blieb er stehen, als ihn die Erkenntnis wie ein Donnerschlag traf.

„Nadir!“, flüsterte Rashid streng.

„Verstehe.“ Er klang entsetzt. Die Frau vor ihm war keine Braut der Jazaari, die zu einem Scheich passte.

Sie war eine Außenseiterin. Eine Frau, die kein Mann heiraten würde.

Die Stammesführer hatten ihn hereingelegt. Reglos stand Nadir da, während Wut in ihm hochkochte. Als Beweis seines Vertrauens hatte er zugestimmt, eine Braut zu heiraten, die der Stamm erwählte. Im Gegenzug hatten sie ihm die aus Amerika stammende verwaiste Nichte einer ihrer Familien gegeben.

Ein Affront, dachte er und bezwang seine Wut. Damit zeigten sie ihm, dass er für sie zu modern war, um eine traditionelle Braut der Jazaari schätzen zu können.

„Wie können sie es wagen?“, grollte Rashid. „Wir gehen sofort. Sobald der Sultan von dieser Sache erfahren hat, werden wir dem Stamm offiziell aus dem Weg gehen und …“

„Nein.“ Nadir hatte sich schnell entschieden. Auch wenn ihm das Ganze nicht gefiel, sagte ihm sein Instinkt, dass diese Heirat einem höheren Zweck diente. „Ich habe ihre Wahl akzeptiert.“

„Das musst du nicht, Nadir.“

„Doch, ich muss.“

Denn der Stamm erwartete, dass er diese Frau als seine Braut ablehnen würde. Sie wollten, dass er die Tradition missachtete und damit bewies, dass er den Lebensstil der Jazaari nicht zu schätzen wusste.

Das konnte er sich nicht leisten. Nicht noch einmal.

Und das wussten die Ältesten.

Nadir verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Er würde diese unwürdige Frau als seine Braut akzeptieren. Und wenn die Hochzeit erst einmal vorbei war, würde er die Ältesten dieses Stammes einen nach dem anderen vernichten.

„Ich muss Protest einlegen“, sagte Rashid. „Ein Scheich heiratet keine Außenseiterin.“

„Das stimmt. Aber da ich eine Braut brauche, ist mir jede Frau dieses Stammes recht. Ärger machen sie ohnehin alle.“

„Aber …“

„Keine Sorge, Rashid. Ich ändere meine Pläne. Sie wird nicht im Sultanspalast leben. Stattdessen schicke ich sie in den abgeschiedenen Palast in den Bergen.“ Er würde diese Frau verstecken – und damit jeden Beweis, dass dieser Stamm ihn beschämt hatte. Niemand würde je von der enormen Mitgift erfahren, die er für eine minderwertige Braut bezahlt hatte.

Nadir zwang sich weiterzugehen, und sein weißglühender Zorn verwandelte sich in Eis, als er zu seiner Braut trat. Ihm fiel auf, dass ihr Gesicht sich blass gegen die dunkelroten Lippen und die mit Kajal geschwärzten Lider abhob. Ein breites Band aus Rubinen und Diamanten schmückte ihr Haar. Überdies trug sie ein Gewirr an Halsketten und eine lange Reihe goldener Armreifen.

Auch wenn sie wie eine echte Jazaari-Braut gekleidet war, ließ sich der Schwindel nicht übersehen. Ihr gesenkter Blick und die sittsame Haltung konnten nicht über ihre wahre Natur hinwegtäuschen. Es ging etwas Starkes, Sinnliches und Aufmüpfiges von ihr aus. Eine anständige Braut würde schüchtern und bescheiden sein. Sie dagegen wirkte wie eine geheimnisvolle, exotische Frau, die barfuß in einer dunklen Wüstennacht um ein Freudenfeuer tanzte.

Vorsichtig sah seine Braut unter dichten Wimpern zu ihm hoch, und er fing ihren erschreckten Blick auf, der ihn mit seltsamer Macht traf.

Zoe Martins Puls raste, als sie in dunkle, hypnotische Augen sah. Obwohl sie den Blick abwenden wollte, schaffte sie es nicht. Stattdessen hatte sie das Gefühl, in einem Wirbelsturm gefangen zu sein.

Lass ihn bitte nicht der Mann sein, den ich heiraten werde! Sie hatte sich vorgenommen, ihrem Ehemann während der Flitterwochen etwas vorzumachen und ihn zu manipulieren, doch ein Blick auf diesen Fremden zeigte ihr sofort, dass er viel zu gefährlich war für ihre Pläne.

Scheich Nadir ibn Shihab war nicht hübsch im üblichen Sinne. Dafür wirkten seine Züge zu hart, mit der kräftigen Beduinen-Nase und dem entschiedenen Kinn. Seine vollen Lippen zeigten einen Anflug von Weichheit, doch der zynisch verzogene Mund sprach von Ungeduld. Das Weiß seiner Dishdasha hob sich von seiner goldbraunen Haut ab, und jede seiner Bewegungen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seinen großen, muskulösen Körper. Für sie war seine elegante Aufmachung nur Täuschung. Zweifellos war er in einer Welt des Reichtums und der Privilegien aufgewachsen, doch dieser Mann war wie die erbarmungslose, menschenfeindliche Wüste, faszinierend und grausam zugleich.

Auch wenn der Scheich keinerlei Regung zeigte, spürte Zoe umso deutlicher seine wilde Stärke. Sie zuckte zusammen, und ihre Haut schien zu prickeln unter seinem kühnen Blick. Am liebsten hätte sie die Arme um sich geschlungen, um sich vor ihm zu schützen.

Furcht zog ihre Brust zusammen. Warum empfand sie so? Der Scheich hatte sie bisher nicht einmal berührt.

Plötzlich wurde sie von dem Drang überwältigt zu fliehen. Sie hörte ihr eigenes Herz laut in ihren Ohren hämmern, ihre Kehle war wie zugeschnürt, und obwohl ihr Selbsterhaltungstrieb sie förmlich anschrie davonzulaufen, konnte sie sich nicht bewegen.

„As-salamu ’alaykum“, grüßte Nadir, als er sich neben sie setzte.

Ein Schaudern durchlief Zoe beim Klang der männlichen Stimme, die etwas Dunkles, Unbekanntes tief in ihr berührte.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte er mit kühler Höflichkeit.

Zoe zuckte zusammen, und ihr Goldschmuck klimperte bei der plötzlichen Bewegung. Er hatte auf Englisch zu ihr gesprochen. Es war schon so lange her, dass sie ihre Muttersprache zuletzt gehört hatte. Plötzlich brannten Tränen in ihren Augen, und sie kämpfte um Haltung.

Es hätte sie nicht überraschen sollen, dass der Scheich Englisch sprach. Er war in Amerika ausgebildet worden, reiste häufig und beherrschte verschiedene Sprachen genauso gut wie die unterschiedlichen Dialekte, die man in Jazaar sprach. Dass er die Welt bereiste, war mit ein Grund für sie gewesen, einer Heirat mit ihm zuzustimmen.

Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Warum reden Sie Englisch mit mir?“

„Sie sind Amerikanerin. Es ist Ihre Sprache.“

Zoe nickte knapp und blickte auf ihre ineinander verkrampften Hände hinunter. Englisch war einmal ihre Sprache gewesen. Bis ihr Onkel sie ihr verboten hatte. „Sie wird hier nicht gesprochen“, flüsterte sie.

„Deshalb benutze ich sie“, meinte Nadir desinteressiert, während sein Blick über den Innenhof schweifte. „Englisch wird unsere Sprache sein, und niemand wird wissen, was wir sagen.“

Aha. Jetzt verstand sie. Er wollte den Anschein einer unmittelbaren Verbindung zwischen ihnen erwecken. Eine clevere Strategie, aber sie würde sich nicht dafür erwärmen.

„Ich darf während der Zeremonie nicht sprechen“, rief sie ihm in Erinnerung.

Sie spürte wieder seine Aufmerksamkeit. „Aber ich will, dass Sie sprechen.“

Wollte er sie vielleicht testen, ob sie als Jazaari-Braut geeignet war? „Meine Tanten haben mir strikte Anweisung gegeben, den Kopf gesenkt zu halten und nicht zu reden.“

„Wessen Standpunkt ist wichtiger für Sie?“ Die Arroganz in seinem Ton war nicht zu überhören. „Der Ihrer Tanten oder der Ihres Ehemannes?“

Weder noch, reizte es sie zu erwidern, aber sie wusste, dass sie mitspielen musste. „Ich werde tun, was Sie wünschen“, brachte sie mühsam heraus.

Sein leises Lachen klang sehr männlich. „Halten Sie sich weiterhin daran, dann werden wir gut miteinander auskommen.“

Zoe presste die Lippen zusammen, um einer scharfen Bemerkung zuvorzukommen, die ihr auf der Zunge lag. Gerade noch rechtzeitig, denn das Oberhaupt der Ältesten betrat eben das Podium. Wie nicht anders zu erwarten, ignorierte der ältere Mann sie und sprach nur mit dem Scheich.

Sie starrte auf ihre Hände im Schoss und presste die Finger gegeneinander. Doch der Schmerz lenkte sie nicht von ihren verstörenden Gedanken ab. Die schüchtern-zurückhaltende Miene würde sie nie aufrechterhalten können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie einen Fehler machte. Auch ihre Familie wusste das. Die missbilligenden Blicke ihrer Tanten zeigten dies deutlich genug.

Zoe wusste, dass ihr Auftreten und ihr Verhalten nicht den Erwartungen der Familie entsprachen. Das war nie so gewesen. Ihr Gesicht war viel zu blass, und ihr fehlte es an Kultiviertheit und weiblichem Charme.

Da war es egal, ob der Schleier ihre Züge verhüllte oder sie den Kopf gebeugt hielt und so ihre großen Augen mit dem forschen Blick vor den anderen verbarg. Sie wusste, dass sie nicht dem Bild einer anständigen jungen Frau gleichkam. Sie sprach lauter als angebracht, ging schneller als sie sollte und war aufmüpfig.

Sie war viel zu sehr Amerikanerin, machte einfach zu viele Probleme. Ihre Verwandten wollten sie scheu und unterwürfig und hatten mit all den barbarischen Strafen, die sie kannten, versucht, sie zu einem solchen Wesen zu formen. Hungern. Schlafentzug. Schläge. Nichts hatte geholfen. Vielmehr hatten sie Zoe damit noch rebellischer gemacht und ihren Entschluss gefestigt, dieser Hölle zu entkommen. Sie wünschte nur, dass ihre Freiheit nicht davon abhing, die perfekte Frau vorzutäuschen.

Nachdem der Letzte der Ältesten das Podium wieder verlassen hatte, spürte Zoe den eindringlichen Blick des Scheichs auf sich ruhen. Würde sie in seinen Augen Gnade finden?

„Wie lautet Ihr Name?“, fragte der Scheich.

Zoes Augen weiteten sich. Dies war nicht gerade die Frage, die eine Frau am Hochzeitstag von ihrem Bräutigam hören wollte. Zoe widerstand dem Drang, ihm einen falschen Namen zu nennen.

„Zoe Martin“, antwortete sie.

„Und wie alt sind Sie?“

Alt genug. Sie biss sich auf die Zunge, ehe sie mit dieser Antwort herausplatzen konnte. „Ich bin einundzwanzig.“

Wie war das möglich, dass der Scheich rein gar nichts von ihr wusste? War er nicht neugierig gewesen auf die Frau, die er heiraten würde? Bedeutete sie ihm nichts?

„Höre ich da einen texanischen Akzent heraus?“, fragte er.

Zoe biss sich auf die Lippen, als eine Erinnerung an ihr Zuhause in Texas in ihr aufstieg. Es war das letzte Mal, dass sie sich einer Familie zugehörig, sich geliebt und beschützt gefühlt hatte. Nun war sie das Eigentum ihres Onkels.

„Sie haben ein sehr gutes Ohr“, antwortete sie heiser. „Ich dachte, ich hätte den Akzent inzwischen verloren.“ Zusammen mit allem anderen.

„Texas ist weit weg von hier.“

Ach ja? Aber ihr war bewusst, was tatsächlich hinter seiner Bemerkung steckte. Er fragte sich, warum um alles in der Welt sie ausgerechnet in Jazaar gelandet war. Eine Frage, die sie sich selbst oft genug stellte. „Mein Vater hat als Arzt bei einem medizinischen Hilfsprojekt gearbeitet und hat meine Mutter bei seinem Aufenthalt in Jazaar kennengelernt. Hat Ihnen denn niemand von mir erzählt?“

„Mir wurde alles gesagt, was ich wissen muss.“

Das machte sie neugierig. Was hatte man wohl über sie erzählt? „Und das wäre?“, fragte sie und sah, wie die Bediensteten große Platten mit Essen zum Podium trugen.

Er zuckte die Schultern. „Sie sind Teil dieses Stammes und in heiratsfähigem Alter.“

Sie wartete einen Herzschlag lang. „Sonst noch etwas?“

„Was müsste ich denn sonst noch wissen?“

Mit großen Augen sah sie ihn an. Seine Gleichgültigkeit nahm ihr den Atem, obwohl sie ihm eigentlich dankbar dafür sein sollte. Es war besser, dass er keine Fragen gestellt hatte und damit unweigerlich herausfinden würde, was für eine Frau er heiraten wollte.

Zoe aß kaum etwas von dem Festessen. Normalerweise hatte sie einen gesunden Appetit – zu gesund, wie manche meinten –, aber an diesem Abend waren ihr die verschiedenen Aromen und Gerüche zu viel. Sofort nach dem Essen trat eine Prozession an Gästen zum Podium, um dem glücklichen Paar zu gratulieren. Zu ihrer Erleichterung erwartete niemand von ihr, dass sie etwas sagte. Sie hörte ohnehin kaum zu, was gesprochen wurde, da sie sich des Mannes neben ihr viel zu bewusst war.

„Mit dieser da habt Ihr alle Hände voll zu tun, Königliche Hoheit. Sie macht nichts als Ärger.“

Zoe sah bei diesen Worten auf. Es überraschte sie, dass jemand den Scheich vor ihr warnte. Hatten sie Zoe durch diese Heirat nicht loswerden wollen?

Sie war noch nie mit der Frau des reichen Ladenbesitzers ausgekommen, die eben gesprochen hatte. Die Ältere hatte ihr verboten, das Geschäft zu betreten. Doch Zoe war es gewohnt, ausgeschlossen zu werden.

„Sie lernt unglaublich langsam“, fuhr die ältere Frau fort. „Und ihr Onkel kann sie noch so hart schlagen, sie gibt trotzdem immer noch Widerworte.“

„Ach ja?“, meinte der Scheich gedehnt. „Vielleicht ist ihr Onkel derjenige, der langsam lernt. Er sollte es mit einer neuen Strategie versuchen.“

Verblüfft zuckte Zoe zusammen und senkte schnell den Kopf, damit niemand von ihrer Miene ablesen konnte. Stellte er damit etwa Onkel Tareefs Methoden infrage? Sie hatte immer gedacht, Männer würden zusammenhalten.

„Nichts funktioniert bei Zoe“, informierte die Frau des Ladenbesitzers den Scheich. „Einmal hat sie das Abendessen anbrennen lassen. Natürlich wurde sie bestraft. Man sollte doch glauben, sie hätte ihre Lektion gelernt. Aber nein. Am nächsten Tag hat sie eine ganze Dose scharfen Pfeffer ins Abendessen geschüttet. Ihr Onkel hatte noch Wochen später Blasen im Mund.“

„Es war nicht meine Schuld, dass er immer weiter gegessen hat“, sagte Zoe mit funkelndem Blick auf die Frau und senkte schnell wieder den Kopf, als sei nichts passiert. Lange herrschte Schweigen, und Zoe fühlte den Blick des Scheichs auf sich ruhen. Instinktiv zog sie die Schultern hoch, als könnte sie sich dadurch kleiner machen. Unsichtbar.

„Hoffentlich haben deine Kochkünste sich verbessert“, sagte er schließlich mit vertraulicher Anrede, um seine Verbundenheit vor der Öffentlichkeit kundzutun.

Vorsichtig nickte Zoe. Es war eine Lüge, aber das würde er nie herausfinden. Sie war dankbar, dass er ihren Ausbruch ignorierte, und es überraschte sie, dass er keinen Kommentar dazu abgab.

Vermutlich spart er sich das für später auf, dachte sie angespannt. Nach der Zeremonie würde er ihr sicher eine gehörige Lektion erteilen.

„Als alles fehlschlug“, fuhr die ältere Frau unbeirrt fort, „wurde Zoe gezwungen, die Kranken zu versorgen, bis sie gelernt hatte, wie man sich benimmt. Sie hat sich über Jahre um die armen Frauen gekümmert.“

Zoe wusste, dass die Versorgung der Kranken den Sklaven im Stamm vorbehalten war, aber es war ihr egal. Denn genau das war ihr Wunsch gewesen.

„Zoe, du musst nicht länger die Kranken versorgen“, sagte Nadir.

Sie runzelte die Stirn, unsicher, was sie darauf antworten sollte. „Ich habe nichts gegen harte Arbeit, und ich mache meine Sache sehr gut.“

„Zoe!“ Die ältere Frau klang schockiert. „Eine Jazaari-Frau sollte bescheiden sein.“

Nadir erhob sich von seinem Platz, und Zoe bemerkte, wie groß und Ehrfurcht einflößend er war. Er bedeutete dem Oberhaupt der Ältesten, zum Podium zu kommen. Zoe drehte sich der Magen um vor Angst. Was hatte der Scheich vor? Sie hatte sein Missfallen erregt, und er würde sie sicher dafür bestrafen.

Triumphierend lächelte die ältere Frau und ging beschwingt davon, als der Älteste herantrat. Zoe war wütend auf sich, weil sie sich von der alten Schrulle hatte provozieren lassen.

Der Scheich legte die Hand auf seine Brust, als er zu dem Ältesten sagte: „Ihr habt mir Ehre erwiesen, indem Ihr mir Zoe zur Braut gegeben habt.“

Der Älteste konnte seine Überraschung nicht verbergen, genauso wenig wie die Gäste, die aufgeregt flüsterten. Zoe verspürte keine Erleichterung, sondern Misstrauen. Er fühlte sich geehrt? Er wusste doch überhaupt nichts über sie.

„Mit Freude nehme ich die Pflicht an, sie zu beschützen und ihr Zuflucht zu bieten“, fuhr der Scheich mit klarer, kräftiger Stimme fort. „Ihr wird es an nichts fehlen.“

Ihr Misstrauen verstärkte sich, als das Tuscheln lauter wurde. Was hatte er vor? Wenn ein Mann derlei Versprechen machte, tat er höchstwahrscheinlich genau das Gegenteil, das wusste sie aus Erfahrung. So wie Onkel Tareef versprochen hatte, sie bei sich aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Stattdessen hatte er ihr Erbe gestohlen und sie als unbezahlte Bedienstete in seinem Haushalt gehalten.

„Und als eure Sheika“, verkündete Nadir, „wird sie ihre Tage und Nächte damit verbringen, sich um mich zu kümmern.“

Zoe senkte den Kopf, als die Gäste in Jubel ausbrachen. Zorn erfüllte ihre Brust. Der Stamm war begeistert, dass sie dem Scheich gefiel. Er würde nicht zulassen, dass sie von seiner Seite wich, sodass sie keine Zeit mehr haben würde, sich um die Kranken zu kümmern. Schließlich ihr war die Ehre zuteil geworden, nach seiner Pfeife zu tanzen.

Dieser Mann hatte doch keine Ahnung, wie wichtig es für sie war zu arbeiten. Ehe ihre Eltern starben, hatte Zoe mit ihrer Mutter ehrenamtlich im Krankenhaus gearbeitet. Es war aufregend gewesen, und sie hatte erkannt, dass sie auch Ärztin werden wollte, genau wie ihr Vater.

Doch ihr Traum, bei ihrem Vater zu lernen, war zerstört worden, als ihre Eltern bei einem Autounfall starben. Plötzlich hatte sie sich in einem fremden Land wiedergefunden, bei Menschen, die sie nicht kannte. Sie hatte unter der Sprachbarriere gelitten, dem fremden Essen und dem abweisenden Stamm. Doch als sie dann zusah, wie der Heiler die Kranken behandelte, hatte sie sich wieder auf vertrautem Terrain befunden.

Ein paar Monate später ging sie dem Heiler zur Hand. Die Aufgabe war als ...

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