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Heißer Urlaubsflirt mit Folgen

1. KAPITEL

Leidenschaft war das Letzte, woran Pia Renfern dachte, als sie sich dem Parkplatz der Autovermietungen am römischen Flughafen Fiumicino näherte. Sie kämpfte mit ihrem Gewissen, denn als Australierin war sie bis jetzt immer nur auf der linken Straßenseite gefahren. Aber in einem fremden Land geschahen eben manchmal Dinge, die auch ein vorausschauender Mensch nicht absehen konnte.

Da Vinci Auto schien ihr als Mietwagenfirma geeignet. Zielstrebig lief Pia mit ihrem Gepäckwagen zum Schalter und lächelte der Angestellten zu. „Mi scusi, Signora, wie viel kostet ein Mietwagen für einen Tag?“

Die Frau musterte Pia scharf und zog die Augenbrauen hoch. „Für einen Tag, Signorina?“

Pia hatte das Gefühl, eine Erklärung abgeben zu müssen. „Ja, ich muss nach Positano fahren. Wissen Sie, mein Flug, hatte Verspätung, und ich habe den Bus verpasst. Eigentlich wollte ich die Bahn nehmen, aber der Streik …“ Sie machte eine entschuldigende Geste. Nach dem anstrengenden vierundzwanzigstündigen Flug geriet ihr Lächeln etwas schief. „Ich habe ein Taxi gesucht, doch kein Fahrer will so weit fahren.“

Die Frau musterte Pias zierliche Gestalt mit dem kurz geschnittenen blonden Haar, der blauen Wildlederjacke, den abgenutzten Jeans und den Stiefeletten.

„Darf ich Ihren Pass und Führerschein sehen, Signorina?“

Pia bemerkte, wie sich ein dunkler Schatten hinter ihr aufbaute. Als sie der Frau die Papiere aushändigte, sah diese über Pias Kopf hinweg und begann strahlend zu lächeln. „Ah, Signore. Ich bin gleich für Sie da.“

Pia drehte sich um. Lässig auf sein Gepäck gestützt, stand dort ein Mann, weit über einen Meter achtzig groß, mit dichten Augenbrauen und intelligenten dunklen Augen. Sein herausfordernder Blick heftete sich sofort auf sie. Pia durchfuhr es beim Blick in seine Augen wie ein Blitz.

Abrupt wandte sie sich wieder der Angestellten zu. Sie hätte sich nicht umdrehen dürfen. Auf groß, schlank und testosterongesteuert war sie nicht vorbereitet, und mochte er auch noch so gut aussehend sein.

Valentino Silvestri, der gerade aus Tunis zurückgekehrt war, wo er den zermürbenden Kampf von Interpol gegen den Drogenhandel mit koordiniert hatte, rieselte ein warmer Schauer über den Rücken.

Wenn die hübsche Blondine sich noch einmal umdrehen würde, könnte er ihre faszinierenden blauen Augen näher betrachten. Er warf einen anerkennenden Blick auf ihren knackigen Po. Dio, wie sehr er sich nach einer Frau sehnte.

Pia hielt den Atem an, als die Angestellte stirnrunzelnd ihren Pass prüfte und dabei auf die Computertasten hämmerte.

Die Frau sah auf. „Benötigen Sie ein großes oder ein kleines Auto, Signorina?“

Erleichtert darüber, dass die Frau offensichtlich nicht über Straßenseiten nachdachte, erwiderte sie: „Oh, ein kleines Auto ist in Ordnung. Grazie.“ Sie ignorierte die dunklen Augen, die sich in ihren Rücken zu bohren schienen.

Pia war optimistisch. Mit ein wenig Glück würde sie ihren Zielort noch vor Anbruch der Nacht erreichen. Trotzdem war ihr nicht ganz wohl bei dem Gedanken, sich in das Auto zu setzen und loszufahren. Gut, dass sie vor ihrer Abreise einen internationalen Führerschein beantragt hatte.

Aber es ging ihr schon viel besser als noch vor einigen Monaten. Offiziell hatte sie ihre Angstzustände überwunden, und sie spürte neue Energie in sich aufsteigen.

Es konnte nicht so schwierig sein, auf der anderen Straßenseite zu fahren. Andere schafften es auch – Lauren, Pias Cousine, hatte problemlos ganz Italien durchquert. Pia musste nur die Autobahnen vermeiden und auf die weniger befahrenen Landstraßen ausweichen.

Bis jetzt war sie immer unfallfrei gefahren. Nur einmal war ihr der Führerschein entzogen worden, doch das lag lange zurück. Zum Glück gab der internationale Führerschein keinen Aufschluss über ihre wilde Vergangenheit.

Die Angestellte sah zu ihr auf. „Wann möchten Sie den Wagen denn zurückgeben, Miss Renfern?“

„Haben Sie eine Niederlassung in Positano?“

„Nein, Signorina“, sagte die Frau ernst. „Es gibt dort wenig Parkmöglichkeiten. Sie könnten zu unserer Niederlassung in Sorrent fahren und dann den Bus zurücknehmen. Kennen Sie sich hier in der Gegend aus?“

„Leider nicht. Hat der Wagen kein Navigationssystem?“

Pia spürte plötzlich eine Bewegung hinter sich. „Scusi, Signorina.

Erstaunt drehte sie sich um. „Ja?“

Der Mann hinter ihr trat vor. Seine dunklen Augen leuchteten. Pias Kehle wurde trocken. Er war ungemein attraktiv, mit ausgeprägten Wangenknochen und einem Bartansatz auf dem fein geschnittenen Gesicht. Pia hatte noch nie so dichte Augenbrauen gesehen. Die lässige Eleganz seiner schwarzen Lederjacke, das offene weiße Hemd und die Jeans betonten seinen athletischen Körper.

Er neigte sich zu ihr und betrachtete sie. Pia war völlig durcheinander. Sie trat einen Schritt zurück und lehnte sich gegen den Schalter.

„Entschuldigen Sie die Einmischung, Signorina. Sie möchten nach Positano?“ Seine Stimme war tief und besaß einen angenehmen Akzent.

„Ja.“

„Sind Sie darüber informiert, dass die Küstenstraße sehr schmal ist?“ Seine Augen schienen ihr Gesicht zu erkunden.

„Ja, ich denke schon … Warum?“ Etwas in ihr sträubte sich gegen seine Einmischung. Die Straßen waren eng, na und? Unterstellte er ihr, dass sie nicht Auto fahren konnte? Ihr wurde plötzlich heiß. An den benachbarten Ständen war es still geworden, und die Angestellten, die Kunden und der gesamte Flughafen schienen innezuhalten und ihnen zuzuhören.

Pia musterte den Mann mit einem kühlen Lächeln. „Darf ich fragen, was Sie das angeht, Signore?“

„Die Straßen in dieser Gegend sind stark befahren und gefährlich. Das sagen sogar erfahrene Autofahrer.“ Seine Augen blickten ernst, während er mit den Händen gestikulierte. „Gestatten Sie, Signorina – Sie haben einen australischen Akzent. Sind Sie schon einmal auf der rechten Straßenseite gefahren?“

Pia überkam Schuldbewusstsein. Sie spürte die bohrenden Blicke der Frau. Wenn ich doch nur lügen könnte, dachte sie. Aber sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen.

„Nun … nein, noch nicht“, platzte es aus ihr heraus. „Aber was hat das mit Ihnen zu tun?“

Merklich verstimmt schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht gut. Sie dürfen nicht auf diesen Straßen fahren, vor allem nicht bei dem heutigen Bahnstreik. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich werde …“

Doch bevor er ihr seinen Vorschlag unterbreiten konnte, wurde Pia von der Angestellten unterbrochen. „Scusi, Miss Renfern. Es tut mir leid, aber Da Vinci Auto kann Ihnen keinen Wagen bereitstellen.“

„Was?“ Pia wirbelte herum und starrte die Frau empört an. „Das ist nicht fair! Ich bin eine erfahrene Autofahrerin. Ich kenne diesen Mann nicht. Hören Sie nicht auf ihn!“

„Es tut mir leid, Signorina“, erwiderte die Frau barsch und gab Pia die Ausweise zurück. „Vielleicht kann Ihnen eine andere Autovermietung weiterhelfen.“

„Aber …“

„Nein!“ Die Frau verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust.

Kochend vor Wut, riss Pia die Dokumente an sich, griff nach ihrem Gepäck und drehte sich noch einmal wütend zu dem Mann hinter ihr um. „Vielen Dank, Signore!“, rief sie ihm im Ton höchster Verachtung zu.

Seine Augen glitzerten. „Prego. Ihre Sicherheit ist jedem Italiener ein Anliegen.“

Sie mochte zurzeit keine Auseinandersetzungen mit Männern, vor allem nicht mit Fremden – aber es gab Männer, mit denen man einfach streiten musste. „Ich würde mich in einem Mietwagen sehr viel sicherer fühlen.“

Ihre Empörung schien den Kerl zu belustigen. Er lehnte sich zurück und musterte Pia anerkennend von Kopf bis Fuß. „So unendlich sanft … und so leidenschaftlich.“ Mit seinen schlanken Händen deutete er in der Luft Kurven an. Pia war sich ziemlich sicher, dass damit ihre Brüste gemeint waren. „Wie schade …“, fuhr er mit aufgesetzter Freundlichkeit fort, „… aber die Signora hat sicherlich Gründe für ihre Entscheidung.“ Dabei streckte er abwehrend die Hände von sich, als ob er nichts damit zu tun hätte.

Das war zu viel für Pia. Sie war ohnehin schon verwirrt von den eindeutigen Signalen, die der Fremde mit den glutvollen Augen, dem sinnlichen Mund und den sonnengebräunten Händen aussandte.

Aufgebracht erwiderte sie: „Die Signora hat sich so entschieden, weil Sie sie dazu überredet haben.“

„Glauben Sie wirklich?“ Fragend zog er die Augenbrauen hoch. „Vielleicht wollte sie nur Leben retten. Aber zufälligerweise fahre ich auch nach Positano und habe noch Platz im Auto. Viel Raum nehmen Sie ja nicht ein.“ Mit seinen eleganten Händen schien er ihre Kurven fast liebkosend nachzufahren.

Sie wusste genau, was in seinem Kopf vorging. Wie gern wäre er jetzt mit ihr allein und würde mit seinen Händen ihren Körper entlangwandern …

Wenn nur seine Stimme nicht so verführerisch wäre! Das einladende Lächeln in seinen Augen elektrisierte Pia.

Sie kämpfte gegen ihre wachsende Erregung an. Ihr Herz raste. Halt. Stopp. Lass dich nicht blenden von seinen Augen und diesem lasziven Lächeln, ermahnte sie sich.

Sie nahm all ihre Kräfte zusammen und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Mit Ihnen fahren? Das hätten Sie wohl gerne!“ Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und lief, so gut es ging mit einem voll beladenen Gepäckwagen und seinem brennend heißen Blick im Rücken, hinaus.

Pia kam an anderen Autovermietungen vorbei, hatte aber keine Lust, sich noch weiter zu erniedrigen. Man kannte sie jetzt, und sie würde dem Kerl auf keinen Fall die Genugtuung geben, mit anzusehen, wie sie ein weiteres Mal abgelehnt wurde.

Der Bursche hatte wirklich Nerven. Sie hatte noch nie einen so aufdringlichen Menschen gesehen. Nur weil er umwerfend attraktiv war … Natürlich wusste er, dass er attraktiv war. Ein so kultivierter Mann war sich seines guten Aussehens bewusst.

Sie schäumte vor Wut. Er hätte sie nicht ansehen und ihr dabei das Gefühl geben dürfen, so – weiblich zu sein. Unglaublich, dass er solche Gedanken in ihr hervorrief. Der Arzt hatte sie davor gewarnt, dass jetzt, wo ihre Gefühle mit voller Wucht zurückkehrten, auch die Empfindungen intensiver wurden.

Kurz bevor sie um die Ecke bog, konnte sie dem Bedürfnis nicht widerstehen, noch einmal zurückzublicken. Der Fremde war immer noch da, doch zu ihrer Überraschung nicht mehr allein. Ein Ehepaar mittleren Alters und ein Teenager standen bei ihm, küssten und umarmten ihn und unterhielten sich lautstark. Sie sah, wie er die Frau auf beide Wangen küsste.

Wow. Wie musste sich das wohl anfühlen?

Valentino musste die Blondine für einen Augenblick vergessen. Er steckte die Autoschlüssel in die Tasche und wappnete sich für eine Reihe ungemütlicher Fragen über sein Privatleben.

Seine Tante und sein Onkel wollten wie immer zu viel wissen. Valentinos Scheidung war ihnen auch nach so langer Zeit noch peinlich, und sie gaben die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages wieder vor den Traualtar treten würde.

Von wegen.

Manchmal verdächtigte Valentino seine Tante, von einem Neuanfang mit Ariana zu träumen, um die Familienschande auszulöschen. Als ob nie etwas vorgefallen wäre und seine Scheidung keine Bedeutung hätte.

Es machte keinen Sinn, ihr klarzumachen, dass sie im einundzwanzigsten Jahrhundert lebten. In den Augen seiner Tante war Valentino einzigartig und so gefährlich, dass er zur sicheren Verwahrung dringend unter die Haube musste. Sein Onkel schien das anders zu sehen. Er verhielt sich ihm gegenüber fast ein wenig neidisch, ja ehrfürchtig.

„Na, was machen die Frauen, Tino?“, fragte ihn der alte Knabe.

„Nun reicht es aber“, herrschte ihn seine Frau an. Zu Valentino gewandt, fragte sie: „Wann kommst du nach Hause zurück, Tino?“

Kein Wort zu seiner Arbeit. Seine Tätigkeit als Geheimdienstoffizier bei Interpol brachte ihm in der Familie wenig Sympathien ein. Sie überging seinen Beruf stillschweigend und schien in Valentinos Gegenwart immer etwas angespannt, als ob er jedes ihrer Worte abwog.

Dabei mussten sich seine Verwandten keine Gedanken machen. Er hatte sie alle überprüfen lassen. Sie waren deprimierend anständig.

Seine Tante fing an, die letzten Neuigkeiten über ihre älteste Tochter zu erzählen. Maria war das leuchtende Beispiel der Familie: glücklich verheiratet und kurz davor, ihnen ein weiteres Enkelkind zu schenken, wie es jeder gute Sohn und jede gute Tochter tun sollten. Währenddessen blickte ihr jüngster Sohn mürrisch und tat so, als ob er nicht dazugehören würde.

Valentino grinste dem Jungen komplizenhaft zu. Auch wenn er von Berufs wegen ans Zuhören gewöhnt war, gab es Momente, in denen er lieber weghörte.

Er wollte plötzlich der harschen Realität entfliehen. Einen Moment lang erging er sich in Wunschträumen, in Begleitung einer hübschen Blondine die autostrada entlangzubrausen und ihr langsam näherzukommen.

Er ballte die Faust. Wie lange war es her, dass er eine Frau in den Armen gehalten hatte? Es konnte doch nicht sein, das alle Frauen nur ans Heiraten dachten.

Ihre ernsten blauen Augen, die rosigen Lippen und die Sommersprossen auf ihrer hübschen Nase konnten einen Mann verzaubern – zumindest für einige Tage. Die Chemie zwischen ihnen stimmte, das hatte er sofort gespürt. Die gemeinsame Reise könnte der perfekte Auftakt zu einem kleinen Urlaubsflirt sein.

Er runzelte die Stirn. Sicher würde sie heute noch andere Angebote bekommen, doch er hoffte in ihrem eigenen Interesse, dass sie keines davon annahm. Eine Frau sollte niemals allein reisen. Wenn es darum ging, Böses zu tun, waren dem Erfindungsreichtum der Menschen keine Grenzen gesetzt.

Er warf einen Blick auf die Passanten ringsum. Wie viele dieser anständig wirkenden Mitglieder der Gesellschaft wohl in kriminelle Geschäfte verwickelt waren?

Sein ständiger Drang zur Überwachung brachte ihn noch um den Verstand. Manchmal wünschte er sich, er könnte die Terrordrohungen, den Drogen- und Menschenhandel, den Kreditkartenbetrug und den unaufhörlichen Diebstahl nationalen Eigentums abstreifen wie eine lästige Haut und wie jeder andere seinen Urlaub genießen. In Gegenwart einer Frau.

Und was für einer Frau. Er seufzte.

Valentino konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart und bemerkte, dass die Schlange vor der Autovermietung länger wurde und immer mehr Menschen auf die Nachbarstände zueilten. Er drängte seinen Onkel, sich einzureihen, doch der alte Herr reagierte zu langsam.

Da Vinci Auto hatte keine Autos mehr.

„Per carita!“ Der Onkel schlug sich auf die Stirn. „Nun streiken auch noch die Busse! Zuerst die Bahnen und jetzt die Busse. Was soll aus diesem Land noch werden? Und was machen wir jetzt?“

Valentino dachte an die Australiana. Was würde sie jetzt tun? Plötzlich bekam er Gewissensbisse. Aber er hatte nur zu ihrem Besten gehandelt. Es war seine staatsbürgerliche Pflicht, die öffentliche Sicherheit zu wahren.

Trotzdem hatte er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Pia war bestürzt.

Die Busfahrer seien gerade in einer Versammlung, erklärte der erschöpfte Angestellte einer wütenden Gruppe von Menschen, die sich vor dem Busschalter versammelt hatte. Man müsste erst einmal abwarten.

Genau das, was Pia nicht hören wollte. Sie hatte über ein halbes Jahr lang abgewartet. Und nun war sie quer über den Erdball geflogen, um das Leben wieder in vollen Zügen zu genießen.

Doch dieser Wunsch würde nie in Erfüllung gehen, wenn sie nicht bald diesen nervtötenden Flughafen verlassen konnte.

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und schloss die Augen. Schon wieder war ein Mann die Ursache ihrer Probleme! Eigentlich sollte sie jetzt auf einem Schiff an der Amalfiküste entlangfahren. Wenn sie doch nur jeglichen Augenkontakt mit dem Kerl am Schalter vermieden hätte!

Vielleicht war es ein böses Omen. Vielleicht hatte sie einen schwerwiegenden Fehler begangen, das Housesitting für Lauren anzunehmen.

Doch sie musste sich auf das Positive konzentrieren. Sie war nicht mehr die verängstigte Pia, die sich bei vorgeschobenem Türriegel und voller Beleuchtung Tag und Nacht in ihrer Wohnung versteckt hielt. Die jeden Abend das gleiche Tiefkühlgericht in die Mikrowelle schob. Und jede Nacht allein in ihrem Bett lag.

Seit sie sich entschieden hatte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, hatte sie einen wahren Höhenflug an Energie und Selbstbewusstsein. Wie hätte sie sonst ein Flugzeug betreten können? Sie dachte sogar wieder daran, ihr Glück beim anderen Geschlecht zu versuchen – obwohl sie dieses Mal vorsichtiger sein würde.

Sie hatte den Riesenfehler begangen, sich zu verlieben und zu glauben, dass diese Liebe ewig halten würde.

Es war Zeit, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Wenn Liebe immer in Tränen endete, würde sie eben nur noch unverbindliche Beziehungen eingehen. Schluss mit den muskulösen Sexgöttern und großmäuligen Sportskanonen. Was bedeutete schon gutes Aussehen? Gut aussehende Männer waren meistens eitel und arrogant, gut genug für eine Affäre oder ein leidenschaftliches Wochenende – aber langfristig würde sie sich einen sensiblen Mann suchen, der ihre kreativen Ideen teilte. Einen Bildhauer. Oder einen Musiker.

Sie griff nach einer Zeitung, die neben ihr lag, und versuchte, einen Artikel auf dem Titelblatt zu entziffern. Soweit sie mit ihrem spärlichen Italienisch verstand, hatte ein einfallsreicher Dieb ein weiteres relativ unbekanntes Gemälde aus einem Museum in Kairo entwendet. Einen Monet diesmal. Doch das Foto war so verschwommen, dass Pia nur Schilf und einige Wasserlilien erkennen konnte.

Für mehr Details reichten ihre Sprachkenntnisse nicht aus. Nach einer Weile legte sie die Zeitung zur Seite, streckte sich auf den Stühlen aus, schloss die Augen und konzentrierte sich auf das, was vor ihr lag.

Das wunderschöne Positano, in dem keiner wusste, dass vor elf Monaten ein Mann mit Skimaske in die Zweigstelle der Unity Bank in Balmain, Sydney, eingedrungen war und Pia eine Waffe an die Schläfe gedrückt hatte.

Zum Glück war sie an einen Ort geflohen, wo keiner ahnte, wie sehr dieses Drama ihr Leben verändert hatte. Sie hatte in den Tag hineingelebt, Zeit mit Freunden verbracht und sich ihrer beruflichen Karriere gewidmet – und plötzlich war alles wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen …

Pia hatte nie zuvor unter Angstzuständen gelitten. Doch nach dem Zwischenfall in der Bank hatten sich all ihre kleinen und relativ unbedeutenden Ängste in monströse Phobien verwandelt. Ihre legendäre Frechheit war wie ausgelöscht, und Pia hatte Angst zu fallen, zu ertrinken, die Straße zu überqueren, sich eine Lebensmittelvergiftung zuzuziehen, von Hunden angefallen zu werden und jung zu sterben. Vor allem aber hatte sie Angst vor großen kräftigen Männern mit Skimasken.

Undenkbar – sie, Pia Renfern, aufstrebende Landschaftsmalerin und Porträtistin und redliches Mitglied der Gesellschaft! Doch die größte Tragödie war immer noch, dass sie ihre Inspiration zum Malen verloren hatte.

Schon bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um. Dabei sollte sie das halb volle Glas vor sich sehen: Sie hatte sich gefangen und war wieder wie früher. Nur noch selten gewannen ihre Ängste die Oberhand.

Jetzt musste sie nur noch ihren Zeichenblock überzeugen, und dank Lauren würde Positano ein Neuanfang für sie werden. Die Schönheit des Ortes würde sie inspirieren, davon war Pia überzeugt.

Sie hatte sich nur wenige Minuten auf ihre positiven Gedanken konzentriert, als sie einen Schatten hinter sich spürte.

Noch bevor sie hinsah, wusste sie, wer es war. Ihr Puls schlug schneller.

Sie drehte sich um. Wie konnten schwarzes Haar, dichte Augenbrauen und funkelnde Augen so umwerfend sein?

Ihr Blick fiel auf seinen Mund. Michelangelo wäre auf diese umwerfend männlichen Konturen stolz gewesen. Einen Moment lang geriet Pias Entschluss, sich nur noch für schmächtige Sensibelchen zu interessieren, ins Wanken.

Bis die Erinnerung zurückkam. Sie runzelte die Stirn und setzte sich bewusst langsam auf. „Ach, Sie sind es. Der Mann, der sich gerne einmischt.“

Er neigte den Kopf. „Valentino Silvestri.“

Seine Augen blickten kühl. Er war kurz angebunden, rollte aber das „r“ auf umwerfend charmante Weise. Ihn umgab eine Aura von Entschlossenheit und geballter Energie.

„Ich fahre gleich nach Positano.“ Er schob den Hemdärmel hoch, um einen Blick auf seine Uhr zu werfen, und entblößte dabei sein gebräuntes Handgelenk. „Bei guter Verkehrslage werde ich wohl gegen Mittag ankommen.“

Nur mit Mühe wandte Pia den Blick ab. „Warum erzählen Sie mir das?“

„Weil Sie ein Transportmittel brauchen. Ich bin Italiener, und es ist der größte Wunsch meines Landes, Besucher willkommen zu heißen und sie glücklich zu machen. Also …?“

„Ich glaube kaum, dass Sie mich glücklich machen können.“

Er lachte ein tiefes sexy Lachen, wobei seine weißen Zähne mit dem olivfarbenen Teint kontrastierten. „Ah, Signorina. Sie machen es mir nicht leicht.“ Dann zog er einen Bund Autoschlüssel aus seiner Jeans und ließ sie vor ihr hin- und herbaumeln. „Gestatten Sie mir wenigstens, mich dafür zu entschuldigen, dass Sie wegen mir kein Auto mieten konnten.“

Das hörte sich schon besser an. Pia wusste in dem Moment, dass sie ihm bereits verziehen hatte. Doch obwohl ihr Körper chaotische Signale aussandte und es keine Alternativen zur Weiterreise gab, war ihre Antwort prompt. „Nein, danke.“

„Nein? Sind Sie sicher? Schneller Wagen, guter Fahrer, sichere Fahrt?“

Sie schüttelte den Kopf.

Seine Augen glitzerten. „Hatte ich erwähnt, dass meine Familie auch mitkommt?“ Er deutete auf die Gruppe, die ihn vor wenigen Minuten umarmt hatte. Sie stand einige Meter entfernt bei der Rolltreppe mit einem Berg von Gepäck und sah neugierig in Pias Richtung. Sogar der missmutige Junge schien auf einmal interessiert.

„Ach ja?“, fragte Pia misstrauisch. Dann begann ihr Herz vor Freude zu hüpfen.

„Wirklich?“ Noch vor ein paar Monaten wäre ihr schon der Gedanke, mit Fremden in einem Auto zu sitzen und Small Talk zu machen, zu viel gewesen – aber heute … Familie war das Sinnbild von Solidität und Anständigkeit. War das ihre Chance, vom Flughafen wegzukommen und endlich das wirkliche Leben kennenzulernen? Valentino wartete geduldig auf ihre Antwort.

Was waren seine Motive? Hatte er Gewissensbisse? Oder war es etwas anderes? „Ich weiß nicht … Sind Sie sicher, dass ich nicht störe?“

Er grinste amüsiert. „Ich wäre sogar unendlich erleichtert.“

„Aber ich möchte nicht aufdringlich sein …“

„Das können Sie nicht, selbst wenn Sie es versuchen.“

„Gut, danke.“ Sie stand auf, strich ihre Kleidung glatt und nahm ihre Tasche. „Aber es ist eine reine Mitfahrgelegenheit.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Scusi, Signorina? Was sollte es denn sonst sein?“ Sie verspürte einen Stich in der Magengrube. Hatte sie ihn beleidigt? „Ich wollte nur sichergehen, dass Sie … verstehen.“

Sein Gesichtsausdruck war so ernst und würdevoll, als ob sie seine Ehre verletzt hätte, seinen Ruf und Herz und Seele obendrein. Sie konnte es nicht glauben. War das der gleiche Draufgänger, der noch vor einer halben Stunde mit ihr geflirtet hatte?

„Sehen Sie, ich … möchte nur klarstellen, dass ich mich nicht aufreißen lasse.“

Mit einem Ausdruck völliger Verblüffung fragte er: „Aufreißen? Ist das etwas Australisches?“

Sie errötete und schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Das ist … Sehen Sie, wenn …“

Pia fiel plötzlich auf, dass er zwar einen charmanten Akzent hatte, ansonsten aber ein hervorragendes Englisch sprach. Argwöhnisch sah sie ihn an und bemerkte ein verräterisches Schimmern in seinen dunklen Augen. „Sie wissen genau, was ich meine, oder?“

Er grinste. Dann brach er in Lachen aus, und seine Augen leuchteten amüsiert auf. „Schon möglich, Signorina.“

„Gut.“ Sie atmete erleichtert auf. „Ihnen soll nur klar sein, dass diese Mitfahrgelegenheit für mich lediglich eine … eine … Notlösung ...

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