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Heiße Überstunden mit dem Boss

1. KAPITEL

„Du.“ Er stieß das Wort hervor wie eine Anschuldigung.

„Hallo, Max.“

Den ganzen Tag hatte sich Rachel Lansing für diesen Termin gewappnet, doch das, was jetzt kam, überstieg ihre schlimmsten Erwartungen. Das metallische Blaugrau von Max Cases Blick traf sie mit der Feinfühligkeit eines Vorschlaghammers, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Sie grub die Fingernägel in ihre Handflächen, als seine breiten Schultern bedrohlich in ihr Blickfeld rückten und ihr die Sicht auf die geschmackvoll eingerichtete Empfangshalle versperrten. Die Wände waren in wohltuenden Blau- und Olivtönen gehalten und mit eindrucksvollen Originalkunstwerken geschmückt.

Bildete sie sich das nur ein, oder wirkte Max größer und einschüchternder als der einfallsreiche Liebhaber, der immer noch durch ihre Erinnerungen geisterte? Doch vielleicht verunsicherte sie sein Auftreten auch nur deswegen, weil er im dunklen Geschäftsanzug mit silbergrauer Krawatte um einiges distanzierter wirkte als die nackte Fantasiegestalt des Mannes, der regelmäßig in ihren Träumen auftauchte.

Allein der förmliche Rahmen ihres Wiedersehens ließ sie die Kraft finden, den Fluchtreflex zu unterdrücken, der unwillkürlich von ihr Besitz ergriff. Betont langsam erhob sie sich von dem bequemen Sofa des Empfangsbereichs. Ihre Körperhaltung entspannt und ihren Gesichtsausdruck geschäftsmäßig wirken zu lassen, erforderte angesichts ihres flatternden Pulses und ihrer zitternden Knie schier übermenschliche Beherrschung.

Reiß dich zusammen. Er wird es kaum zu schätzen wissen, wenn du vor seinen Augen zu einer Pfütze auf dem Fußboden zerschmilzt.

„Danke, dass du mich empfängst.“ In einem schwachen Versuch, ihre professionelle Haltung wiederzuerlangen, streckte sie die Hand aus und war nicht unglücklich, dass Max die Geste ignorierte. Ihre schweißnassen Handflächen hätten ihre Nervosität sofort verraten.

Da er stumm blieb, brach Rachel das angespannte Schweigen. „Wie wunderbar, dass Andrea ihr Baby bekommen hat. Und zwei Wochen vor dem Termin. Sabrina hat mir gesagt, dass es ein Junge ist. Ich habe ihr das hier besorgt.“ Sie hob die linke Hand, um ihm die blau-rosa Tasche zu zeigen, die von ihren Fingern baumelte. Sie hatte das Geschenk für ihre Assistentin schon vor Wochen gekauft und war enttäuscht, dass sie Andreas Gesichtsausdruck nicht würde sehen können, wenn sie es öffnete.

„Was tust du hier?“

„Ich sollte mich eigentlich mit Andrea treffen.“

„Du arbeitest für die Personalvermittlungsagentur?“

Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihm über den metergroßen Abstand zwischen ihnen. „Sie gehört mir.“ Rachel unternahm keinerlei Anstrengungen, den Stolz zu verbergen, den sie angesichts dessen empfand, was sie erreicht hatte.

Er fuhr mit dem Daumen über den Schriftzug der Visitenkarte, bevor er einen Blick darauf warf. „Rachel … Lansing?“

„Mein Mädchenname.“ Sie war sich nicht sicher, was sie dazu brachte, ihm dieses intime Detail zu enthüllen. Es würde seine Empfindungen ihr gegenüber kaum ändern, oder doch?

„Du bist geschieden?“

Sie nickte. „Seit vier Jahren.“

„Und jetzt leitest du eine Personalvermittlungsagentur hier in Houston?“

Ein weiter Weg lag hinter ihr, seit sie als junges Mädchen den Unterhalt für sich und ihre kleine Schwester mühsam mit den Trinkgeldern bestritten hatte, die sie beim Kellnern in einem Strandrestaurant in Gulf Shores, Alabama, verdiente. Und doch, wie weit war sie seitdem tatsächlich gekommen, wenn sie sich, ganz egal, wie gut ihr Geschäft lief, in finanzieller Hinsicht nie sicher fühlte?

„Ich mag die Freiheit, mein eigenes Geschäft zu führen“, sagte sie und schob die Sorge, die sie Tag und Nacht antrieb, einen Moment lang beiseite. „Es ist nicht groß, aber es wächst.“

Und es würde noch schneller wachsen, wenn sie erst in ein größeres Bürogebäude umgezogen war und mehr Mitarbeiter beschäftigen konnte. Sie hatte den Ort mit Bedacht gewählt. Eine erstklassige Adresse, die kaum länger als ein paar Tage auf dem Markt geblieben wäre. Sie hatte den Mietvertrag gestern unterschrieben und darauf gesetzt, dass die Vermittlung einer zeitweiligen Assistentin an die Case Consolidated Holdings ihr den Restbetrag einbringen würde, die sie für die Finanzierung des Umzugs benötigte. Vielleicht würde sie dann aufhören können, von einem Tag auf den anderen zu leben, und anfangen, für die Zukunft zu planen. Allerdings schwebte diese Provision in ernster Gefahr, seit sie mit Max zusammengestoßen war, und sicher wäre es das Vernünftigste, von dem Mietvertrag zurückzutreten.

Wenn nur Devon an ihrer Stelle hier sein könnte. Der fähige Vermittlungsspezialist war ihre rechte Hand in der Firma. Unglücklicherweise war seine Mutter gestern mit heftigen Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden, und man hatte ihr in einer Notoperation die Gallenblase entfernen müssen. Rachel hatte Devon angewiesen, solange wie nötig bei seiner Mutter zu bleiben. Familie kam für Rachel immer an erster Stelle.

„Wie viele Assistentinnen hast du an uns vermittelt?“ Max wandte seinen bohrenden Blick nicht von ihrem Gesicht, während er die Visitenkarte in seine Brusttasche steckte. Die Wirkung von so viel eisiger Glut, die auf ihr lastete, begann an ihren Nerven zu zehren.

„Fünf.“ Sie vergrub ihre Hände in den Jackentaschen, damit sie nicht aus Versehen an ihrem Kragen, dem Saum oder ihren Knöpfen herumnestelte und so ihre Unruhe verriet. „Missy war die Erste. Sebastians Assistentin.“

„Das geht auf dein Konto?“

Rachel zuckte angesichts der sanften Drohung in seiner Stimme leicht zusammen. Hatte Max etwas gegen Missy? Sie hatte vier Jahre lang für die Case Consolidated Holdings gearbeitet, und das mit großem Erfolg. Tatsächlich war es gerade diese Vermittlung gewesen, die ihrer Firma den entscheidenden Startschwung gegeben hatte.

„Ich habe gehört, dass sie vor Kurzem zur Leiterin der Marketingabteilung befördert worden ist.“ Und dass sie Max’ Bruder geheiratet hatte, Sebastian. Sicher bewies das, wie gut Rachel in ihrem Job war.

„Das bedeutet, du bist seit vier Jahren in Houston?“ Die Frage platzte aus Max heraus wie ein Peitschenhieb.

Furcht stieg in ihr auf. „So ungefähr.“

„Warum ausgerechnet hier?“

Als sie ihn in jenem Strandort in Alabama verließ, hatte er sie nie wiedersehen wollen. Fragte er sich gerade, ob es Schicksal war, dass sie sich zufällig bei der Case Consolidated Holdings über den Weg liefen, oder ob sie ihn zielstrebig gestalkt hatte?

„Wegen meiner Schwester. Sie hat an der Universität von Houston studiert und viele Freunde hier. Da lag es nahe, sich hier eine Wohnung zu suchen.“

Was implizierte, dass Rachel an ihrem früheren Wohnort keine Freunde gehabt hatte. Eine Neugier flammte in Max’ Augen auf, deren Intensität sie mit heißer Unruhe erfüllte. Fünf Jahre waren vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, doch die körperliche Wirkung, die seine Nähe auf sie ausübte, hatte nicht im Geringsten nachgelassen.

„Ich habe drei Klienten in diesem Gebäude“, sagte sie, und ihre Stimme wurde fester, als sie ihre Selbstsicherheit wiedergewann. Seit zehn Jahren verhandelte sie mit Führungskräften und wusste ganz genau, wie man mit ihnen umzugehen hatte. „Die Tatsache, dass ich fünf Assistentinnen hierher vermittelt habe und wir uns in dieser Zeit nicht ein einziges Mal über den Weg gelaufen sind, sollte Beweis genug sein, dass mein Interesse an deiner Gesellschaft rein geschäftlicher Natur ist.“

Er musterte sie wie ein Polizist auf der Suche nach der Wahrheit. „Lass uns reden.“

„Ich dachte, das täten wir gerade.“ Sie biss sich auf die Lippe, sobald ihr die besserwisserische Bemerkung entschlüpft war.

Vor langer Zeit einmal hatte ihm ihre freche, respektlose Art gefallen. Sie bezweifelte, dass es immer noch so war. Fünf Jahre mochten eine lange Zeit sein, um einen Groll zu hegen, doch falls irgendwer dazu in der Lage sein sollte, dann ganz sicher Max Case.

„In mein Büro.“ Damit drehte er sich auf dem Absatz um und lief den Gang entlang, der in das Innere der Case Consolidated Holdings führte. Er blickte nicht zurück, um zu sehen, ob sie ihm folgte. Er erwartete Gehorsam. In dieser Hinsicht war er schon immer herrisch gewesen. Er hatte ihr gesagt, wo sie ihre Hände hinlegen, wie sie ihre Hüften bewegen sollte und hatte ihr die Stellen seines Körpers gezeigt, die ihre besondere Zuwendung verlangten.

Sie errötete. Eine Welle der Lust durchflutete sie. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Was tat sie da nur? Sie hatte die Erinnerung an jene vier Tage mit Max tief in sich begraben, zusammen mit dem Rest ihrer mädchenhaften Hoffnungen und Träume. Ihr Stillhalteabkommen gegenüber Männern und Sex blieb weiterhin uneingeschränkt in Kraft. In wollüstigen Träumereien von Max zu schwelgen, war der Gipfel der Unvernunft, wenn sie eine professionelle Beziehung zu ihm aufbauen wollte.

Max verschwand um die Ecke. Die perfekte Gelegenheit davonzulaufen. Sie würde irgendeine Ausrede erfinden. Und am nächsten Tag würde sie Devon vorbeischicken, um das Gespräch mit ihm zu führen.

Nein. Rachel straffte die Schultern. Sie würde das hinkriegen. Sie musste. Ihre Zukunft hing von dieser Provision ab.

Vor fünf Jahren hatte sie in einer bitteren Lektion gelernt, wie verheerend es sein konnte, wenn man vor seinen Problemen davonlief. Seither hatte sie ihren Schwierigkeiten immer ins Auge gesehen. Lansing Employment brauchte diesen Auftrag. Sie würde großartige Arbeit für Max leisten, ihr Geld kassieren und sich an dem Tag, an dem ihre Agentur endlich in das größere Bürogebäude umzog, mit einer Flasche Champagner und einem ausgiebigen Schaumbad belohnen. Alles hing von diesem einen Termin ab.

Gewaltsam löste sich Rachel aus ihrer Erstarrung. Mit jedem Schritt fasste sie neuen Mut. Vier Jahre lang hatte sie sich ihren Weg nach oben geboxt. Max davon zu überzeugen, dass Lansing die richtige Agentur für ihn war, bedeutete nur eine weitere Hürde, die es zu überwinden galt. Als sie endlich Max’ riesiges Büro erreichte, hatte sie ihr Kinn entschlossen vorgestreckt und den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet.

„Hast du dich verlaufen?“, fragte er, als sie über die Schwelle trat.

Ja, schon vor langer Zeit.

„Ich bin kurz an Sabrinas Schreibtisch stehen geblieben und habe sie gebeten, mein Babygeschenk an Andrea weiterzugeben.“

Rachel schaute sich in Max’ Büro um, sie war neugierig darauf, ihn in der Rolle des Geschäftsmannes zu erleben. Im Laufe ihrer vier gemeinsam verbrachten Tage hatte sie einiges über seine Familie sowie über seine Liebe zu schnellen Autos erfahren, doch er hatte sich strikt geweigert, über die Arbeit zu sprechen. Tatsächlich hatte sie bis zu dem Tag, als sie Sebastian kennenlernte und die Familienähnlichkeit bemerkte, nicht gewusst, dass er der Max Case von Case Consolidated Holdings war.

An der Wand hingen Fotos von Max, auf denen er an einer Reihe von Rennwagen lehnte, den Helm unter den Arm geklemmt, ein siegesgewisses Grinsen im Gesicht. Ihr Herz machte einen Sprung, als ihr bewusst wurde, wie attraktiv er in seinem einteiligen, blaugrauen Rennfahreranzug war, dessen modischer Schnitt seine schmalen Hüften und breiten Schultern betonte. Im Bücherregal standen einige Trophäen neben Büchern über Muscle-Cars.

„Du hast dir die Haare abgeschnitten.“ Max schloss die Tür und versperrte ihr den Weg. Sie sah ihn forschend an, doch er hatte jede Gefühlsregung hinter einer Maske der Gleichgültigkeit verborgen. Seine Augen erinnerten sie an die blanken Steinwände einer Festung. Dennoch löste die intime Bemerkung ein Prickeln bei ihr aus.

„Ich mochte sie nie lang.“ Ihrem Exmann hatten sie so ge­fallen.

Ein Zucken um seine Mundwinkel sah verräterisch nach dem Anflug eines Lächelns aus. Durchschaute er ihren Versuch, sich selbst zu tarnen? Der formlose, graue Hosenanzug, das Haar kurz, kein Schmuck, flache Schuhe und fast kein Make-up. Äußerlich eine unscheinbare, graue Maus, aber selbstsicher und durchsetzungsstark, wenn es um ihr Geschäft ging.

Sie war nie ein Männertraum gewesen. Den meisten Jungs war sie zu groß. Und den anderen zu flachbrüstig und zu dünn. Das Beste, was sie hatte hoffen können, war, von ihren männlichen Schulkameraden an der Highschool als Vertraute oder Kumpel akzeptiert zu werden. Sie war damit aufgewachsen, mit den Jungs zusammen Fußball, Basketball und Baseball zu spielen.

Aus diesem Grund überstieg es immer noch ihre Vorstellungskraft, dass ein Mann wie Maxwell Case, der jede Frau haben konnte, ausgerechnet sie einst begehrt hatte.

Ein riesiger Schreibtisch aus Kirschholz stand vor dem Fenster. Das Möbelstück wirkte zu klobig für Max. Ein aerodynamischer Glas-und-Chrom-Schreibtisch mit dem neuesten Computerzubehör hätte in Rachels Augen besser zu ihm gepasst.

Statt sie direkt zum Schreibtisch zu führen, setzte sich Max auf die Couch, die eine ganze Wand einnahm. Mit der Hand wies er auf den Stuhl neben sich. Rachel missfiel das Informelle der Situation, sie rutschte auf den äußersten Rand der Sitzfläche. Die Handtasche auf dem Schoß diente ihr gleichzeitig als Schutzschild und als Erinnerung daran, dass dies hier ein Geschäftstermin war.

„Ich brauche eine Chefassistentin, die gleich morgen früh anfangen kann.“

Rachel war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass Andreas Baby zwei Wochen zu früh kommen würde. Sie hatte niemanden in ihrer Kartei, der erfahren genug war, direkt am nächsten Morgen anzufangen. „Ich habe die ideale Kandidatin für dich, aber sie kann nicht vor Montagmorgen anfangen.“

„Das reicht nicht.“

Bei dem Gedanken, dass sie womöglich ihre Provision verlieren würde, schlich sich Panik in Rachels Stimme. „Es sind nur zwei Tage. Bis Montag wirst du doch sicher ohne Assistentin auskommen.“

„Dadurch, dass Andrea heute fehlt, liege ich schon jetzt hinter meinem Zeitplan zurück. Wir stecken bis zum Hals in der Etatplanung für nächstes Jahr. Ich brauche jemanden, der schnell zur Höchstform aufläuft. Jemanden mit erstklassigem Organisationstalent.“ Sein Blick richtete sich auf sie. „Jemanden wie dich. Du bist genau, was ich brauche.“

Ihr Magen zog sich angesichts der Glut zusammen, die heiß in seinen Augen aufloderte.

Ein ähnliches Feuer begann jetzt auch in ihr zu brennen. Fünf Jahre zuvor hatte dieses Feuer ihre Selbstschutzinstinkte schon einmal außer Kraft gesetzt und ihre angeborene Vernunft in Rauch aufgehen lassen. Hals über Kopf hatte sie sich in seine Arme gestürzt, ohne einen Gedanken an die Folgen zu verschwenden.

Beim letzten Mal, als sie so die Kontrolle verlor, hatte er sie am Ende gehasst. Sie erwiderte seinen Blick und erkannte, dass sein Zorn in den vergangenen Jahren nicht gemildert worden war. Die Zeit hatte die Wunde nicht verheilen lassen. Sie hatte aus seinem Groll ein rasiermesserscharfes Werkzeug der Rache geschmiedet.

Rachel wappnete sich gegen die erdbebenartige Panik, die ihre friedliche kleine Welt bedrohte, und biss die Zähne zusammen. „Du kannst mich nicht haben.“

Ihre Worte hingen in der Luft.

Aber er konnte sie haben …

Als seine Assistentin.

Und auf jede der Dutzend Arten, auf die er sie bereits besessen hatte.

Seine Entscheidung. Nicht ihre.

Energiewellen flirrten zwischen ihnen, spannungsgeladen und beunruhigend. Der Duft ihres Parfüms rief in Max Erinnerungen wach. Ließ ihn daran denken, wie stark und schön das Verlangen zwischen ihnen gewesen war.

„Willst du wirklich riskieren, einen Klienten zu enttäuschen?“

„Nein.“ Ihre hohen Wangenknochen überzogen sich mit einer zarten Röte. Hatte sie seine Gedanken erraten? „Aber ich kann mein Geschäft nicht im Stich lassen, nur um für dich die Assistentin zu spielen.“

„Heuer jemanden an, der dich ersetzt.“ Er lächelte kalt. „Selbst dir wird die Ironie darin nicht entgehen.“

In den letzten Minuten hatte ihre geschäftsmäßige Haltung Risse bekommen. „Du bist unverschämt.“

„Natürlich, du hast recht. Ich werde jemand anderen anrufen.“ Das verräterische Flackern in ihren Augen war so schnell verflogen, dass es ihm beinahe entgangen wäre. Genau an dem Punkt, an dem er den Ruf ihrer Firma infrage gestellt hatte, um zu testen, wie dringend sie diesen Auftrag haben wollte. „Ich bin mir sicher, eine andere Agentur wird mir geben, was ich brauche.“

„Lansing Employment wird dir geben, was du brauchst“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Er hielt still, während sie versuchte, ihn niederzustarren. Sein Instinkt riet ihm, sie wegzuschicken, wie er es bei jeder anderen Firma getan hätte, die ihm nicht exakt das lieferte, was er brauchte.

Doch sie hatten noch eine Rechnung miteinander offen. Irgendwann in den letzten fünf Minuten hatte er beschlossen, dass er einen Schlussstrich ziehen musste. Vier Tage mit ihr hatten nicht genügt, das Feuer der Leidenschaft zwischen ihnen ausbrennen zu lassen. Zu seinem eigenen Ärger begehrte er sie immer noch. Für wie lange konnte niemand wissen. Aus Erfahrung wusste er, dass sein Interesse selten länger als zwei Monate anhielt. Und wenn er ihrer überdrüssig werden sollte, würde er die Sache zu seinen Bedingungen beenden. Nach seinem Zeitplan.

„Na schön.“ Wütend funkelte sie ihn an. „Ich werde für zwei Tage einspringen.“

„Wunderbar.“

Sie stand auf, bereit, das Büro erhobenen Hauptes zu verlassen, doch irgendetwas hielt sie zurück. Ihr Blick war besorgt, als sie ihn ansah. „Warum tust du das?“

„Was meinst du?“

„Warum verlangst du von mir, dass ich deine Assistentin spiele, bis ich Ersatz finde.“

„Du bist verfügbar. Ich denke praktisch.“

Seine gegenwärtige Arbeitsbelastung war tatsächlich erdrückend. Seine Manager hatten ihre Prognosen vor einer Woche abgeschlossen und die Zahlen für den Etat des nächsten Jahres vorgelegt. Angesichts einer Wirtschaft, die sich nur langsam erholte, war es wichtiger denn je, die Ausgaben zu kontrollieren und die Verkäufe zu erhöhen. Case Consolidated Holdings besaß über ein Dutzend Firmen, jede einzelne davon hatte unterschiedliche Zielmärkte und Arbeitsweisen. Die Daten aus den verschiedenen Quellen zu sammeln und zu analysieren, war eine organisatorische Herausforderung.

Andrea kannte das Unternehmen so gut wie er selbst. Ausgerechnet jetzt auf sie verzichten zu müssen, warf seinen gesamten Zeitplan über den Haufen.

„Bist du sicher, dass es dir nur darum geht?“, fragte Rachel.

Max hörte auf, sich um Deadlines zu sorgen, und erinnerte sich daran, dass seine verzweifelte Personalsituation nur einer der Gründe war, weswegen er unbedingt wollte, dass Rachel für zwei Tage einsprang. „Worum sonst?“

„Rache für die Art, wie die Dinge zwischen uns endeten?“

„Es geht mir ums Geschäft.“ Dass sie seinen Motiven misstraute, verlieh dem Spiel einen zusätzlichen Reiz.

„Also bist du nicht mehr wütend?“, beharrte sie.

Oh, doch. Er war immer noch wütend.

„Nach fünf Jahren?“ Er schüttelte den Kopf.

„Bist du dir sicher?“

„Zweifelst du daran, dass ich meine eigenen Beweggründe kenne?“

Sein Zorn beeindruckte sie nicht. „Vor fünf Jahren hast du ziemlich deutlich gemacht, dass du mich nie wieder sehen willst.“

„Weil du mir nicht erzählt hattest, dass du verheiratet warst.“ Er versuchte seiner Stimme einen gelassenen Klang zu geben, konnte aber seinen gefährlichen Gefühlsumschwung nicht verbergen. „Und das, obwohl du wusstest, was ich über Untreue denke. Dass sie beinahe die Ehe meiner Eltern zerstört hätte. Du hattest mich ohne mein Wissen in eine außereheliche Affäre verwickelt.“

„Ich hatte meinen Ehemann verlassen.“

Er holte tief Luft, um den Schmerz zu betäuben, der sich plötzlich in seiner Brust ausbreitete. „Und doch bist du, als er aufkreuzte, schnell zu ihm zurückgekehrt.“

„Es war kompliziert.“

„Ich habe keine Komplikationen gesehen. Bloß Lügen.“

„Ich hatte gerade eine harte Zeit durchgemacht. Dich kennenzulernen, hatte mich meine Sorgen eine Weile lang vergessen lassen.“

„Du hast mich benutzt.“

Sie senkte den Kopf und blickte durch ihre langen Wimpern zu ihm auf. „Wir haben uns gegenseitig benutzt.“

Max ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten. Sie war nicht die schönste Frau, der er je begegnet war. Ihre Nase war zu ­schmal. Ihr Kinn ein wenig zu scharf geschnitten. Die breite Stirn hatte sie hinter einem Pony verborgen. Auf knabenhafte Weise dünn, fehlten ihrem Körper die weiblichen Rundungen, die ihn sonst bei einer Frau anzogen. Und doch hatten ihre vollen Lippen etwas Reizvolles. Und wie er es geliebt hatte, ihren schlanken, schönen Hals mit Küssen zu bedecken.

Er war kaum überrascht von der Welle der Lust, die ihn mit einer beinahe schmerzhaften Intensität erfasste. Von Anfang an war die Chemie zwischen ihnen überwältigend stark gewesen. In dem Augenblick, als er sie in der Empfangshalle erkannte, hatte er gewusst, dass sich daran nichts geändert hatte.

Einen Moment lang beschlichen ihn Zweifel. Würde das Zusammensein mit ihr alte Wunden aufreißen? Als sie das letzte Mal auseinandergegangen waren, hatte ihn das für Monate aus der Bahn geworfen. Natürlich war er damals ein anderer gewesen. Voll optimistischen Glaubens an Liebe und Ehe, und das trotz der schmerzhaften Lektion, die sein Vater ihm durch seine Untreue erteilt hatte.

Dank Rachel war der Zutritt zu seinem Herzen versperrt.

„Wann soll ich morgen früh hier sein?“

„Acht Uhr.“

Sie ging zur Tür, und sein Blick glitt über ihren nüchternen grauen Anzug. Ein Wort hallte wieder und wieder durch seinen Kopf. Geschieden.

Ein faires Spiel also.

In der Türöffnung blieb sie kurz stehen, sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Sie sprach, ohne sich umzudrehen, und ihre Stimme klang ruhig und entschlossen. „Zwei Tage. Nicht länger.“

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, verschwand sie aus seinem Büro. Schon immer hatte sie eine Aura der Unnahbarkeit umgeben. Ganz egal, wie oft er in sie eindrang oder wie fest er die Arme um sie schlang, sie hatte ihm niemals ganz gehört.

Für einen Mann, der es gewohnt war, jede Frau zu besitzen, die er begehrte, übte diese schwer fassbare Eigenschaft einen unwiderstehlichen Reiz aus. Er konnte nicht genug von ihr kriegen. Vier Tage hatten sie zusammen verbracht, und er war unersättlich gewesen. Doch egal, wie viel Lust er ihr auch verschaffte, egal, wie oft sie sich ihm in der Umarmung öffnete, nicht ein einziges Mal hatte er ihre Seele besessen. Bis zu dem Tag, als sie ihn verließ und zu ihrem Ehemann zurückkehrte, hatte er nicht verstanden, wieso.

Ihre Seele war nicht frei. Sie gehörte dem Mann, dem sie ihr Leben und ihre Liebe versprochen hatte.

Wütend sprang Max auf. Er durchquerte den Raum und schlug die Tür zu, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was die Mitarbeiter des Büros über seinen Temperamentsausbruch dachten. Seine Hand zitterte, als er sich schwer gegen die Wand stützte.

Verflucht sollte sie sein, hier so einfach aufzukreuzen.

Und verflucht der Teil von ihm, der sich darüber freute.

2. KAPITEL

Rachel eilte durch die Glastüren der Lansing Employment Agentur und nickte ihrer Vorzimmerdame kurz zu, als sie an ihr vorbeiging. Sie blieb nicht stehen, um einen Moment mit ihr zu plaudern, wie sie es sonst tat, sondern lief direkt in ihr Büro, wo sie sich ermattet auf ihren Stuhl fallen ließ. Erst als sie die Hälfte der E-Mails aus ihrem Posteingang gelöscht hatte, wurde ihr bewusst, dass sie keine einzige gelesen hatte. Sie lehnte sich nach vorne, stützte die Arme auf den Schreibtisch und ließ den Kopf in die Hände sinken. Zu ihrem eigenen Ärger war sie den Tränen nahe.

„So schlimm, ja?“, ertönte fragend eine Männerstimme aus dem Flur.

Rachel nickte, ohne aufzublicken. „Schlimmer.“

„Armes Ding. Erzähl Onkel Devon alles.“

Mühsam richtete Rachel sich auf und erwiderte den Blick des Mannes, der ihr gegenüber Platz nahm. In seinem modischen grauen Anzug mit dem lavendelfarbenen Hemd und der teuren, violetten Krawatte war er ...

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