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Heiße Rache aus Leidenschaft

1. KAPITEL

Emma sah die italienische Notarin fassungslos an. „Das muss ein Irrtum sein“, sagte sie ungläubig. „Wieso sollte Signore Fiorenza mich in seinem Testament bedacht haben? Ich war doch nur seine Pflegerin.“

„Es ist kein Irrtum.“ Francesca Rossi klopfte bezeichnend auf das umfangreiche Dokument vor ihr auf dem Schreibtisch. „Hier steht es schwarz auf weiß. Valentino Fiorenza hat wenige Wochen vor seinem Tod sein Testament geändert.“

Emma schwieg verblüfft. Achtzehn Monate lang hatte sie im Haus des Multimillionärs gewohnt und ihn gepflegt, aber nie an eine derartige Möglichkeit gedacht. „Ich begreife das nicht“, wandte sie ein. „Warum sollte er mir die Hälfte seines Besitzes hinterlassen?“

„Genau diese Frage hat auch sein Sohn gestellt“, erwiderte Francesca Rossi vielsagend. „Ich glaube, er befindet sich gegenwärtig auf dem Weg von London hierher. Da er der einzige lebende Nachkomme seines Vaters ist, hat er sicher erwartet, dass die Villa Fiorenza und der größte Teil des Vermögens seines Vaters direkt in seinen Besitz übergehen.“

„Und Sie sagten, das Erbe sei an etwas seltsame Bedingungen geknüpft?“, fragte Emma zögernd.

„Allerdings, ziemlich ungewöhnliche Bedingungen“, bestätigte die Notarin. „Wenn Sie Ihr Erbe erhalten wollen, müssen Sie innerhalb eines Monats rechtskräftig mit Rafaele Fiorenza verheiratet sein und ein Jahr mit ihm verheiratet bleiben.“

„In … einem Monat … verheiratet sein?“, wiederholte Emma stammelnd. „Für ein ganzes Jahr?“

„Ja, andernfalls fällt der gesamte Nachlass an eine ehemalige Geliebte Valentinos namens Sondra Henning. Hat er sie vielleicht Ihnen gegenüber erwähnt?“

Emma überlegte angestrengt. „Nein, ich glaube nicht. Aber er war ein sehr verschlossener Mensch und hat nur wenig von sich preisgegeben.“

Die Notarin blätterte kurz in dem Dokument, bevor sie Emma wieder ansah. „Signore Fiorenza hat verfügt, dass Sie bei der Heirat mit seinem Sohn eine Einmalzahlung von fünfzigtausend Euro erhalten und für jedes Jahr, das Sie mit Rafaele verheiratet bleiben, eine sehr großzügige, zusätzliche Summe.“

Emma schluckte. „Wie … großzügig?“

Die Notarin nannte einen unvorstellbar hohen Betrag. „Ein zu gewaltiger Batzen, um ihn einfach zu ignorieren“, meinte Emma nachdenklich, wobei ihr der letzte Anruf ihrer Schwester in den Sinn kam. Fünfzigtausend Euro zum gegenwärtigen Wechselkurs hätten Simones finanzielle Probleme zwar nicht komplett bereinigt, aber ihr dennoch wieder auf die Füße geholfen.

Francesca Rossi nickte. „Selbst wenn man die zusätzliche Zahlung außer Acht lässt, gilt die Villa als eines der schönsten Anwesen am Comer See … was ich Ihnen nicht erklären muss, denn Sie haben ja darin gewohnt. Sie wären wirklich dumm, einen derartigen Besitz auszuschlagen oder auch nur den halben Anteil daran.“

„Wie ist Rafaele Fiorenza denn? Ich meine, als Mensch?“, fragte Emma unsicher. „Ich kenne nur Fotos von ihm aus der Presse, aber sein Vater hat kaum von ihm gesprochen. Und soweit ich weiß, war er auch nicht auf der Beerdigung. Die beiden haben sich wohl nicht sehr gut verstanden.“

„Ich bin ihm noch nicht persönlich begegnet“, antwortete Francesca. „Offensichtlich ist er schon als junger Mann zum Studium ins Ausland gegangen. Inzwischen ist er ein höchst erfolgreicher Geschäftsmann, der vor allem an der Börse sein Geld macht. Tatsächlich ist er wirklich ein beliebtes Objekt der internationalen Klatschmagazine und steht in dem Ruf, ein überaus wohlhabender Playboy zu sein.“

„Ja, den Eindruck hatte ich auch.“ Emma machte ein nachdenkliches Gesicht. „Was, wenn er in die Bedingungen des Testaments nicht einwilligt? Wenn er so reich ist, warum sollte er eine ihm völlig fremde Frau heiraten wollen?“

„Zum einen geht es bei dem Gesamtnachlass um sehr viel Geld, auch für einen reichen Mann“, erläuterte Francesca. „Zum anderen hat Rafaele in der Villa einen Großteil seiner frühen Kindheit verbracht, bis er ein Internat im Ausland besuchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er eine solche Goldmine zurückweist, ohne sich nicht wenigstens die Kandidatin angesehen zu haben, die sein Vater ihm als Braut ausgesucht hat.“

Emma sträubten sich unwillkürlich die feinen Härchen im Nacken. „Ich habe nicht gesagt, dass ich einwilligen werde, irgendjemand zu heiraten“, sagte sie sofort. „Schon gar nicht einen Mann, der nicht einmal den Anstand besessen hat, seinen sterbenden Vater zu besuchen oder sich wenigstens bei ihm zu melden.“

„In Anbetracht der Tatsache, dass er während der letzten zehn Jahre kaum oder gar keinen Kontakt mit seinem Vater hatte, könnte es für Sie schwierig werden, Ihre Beziehung zu Valentino Fiorenza zu erklären“, gab die Notarin zu bedenken. „Ich weiß, dass er Sie als Krankenpflegerin eingestellt hat, aber die Presse hat Ihre Rolle oft ganz anders gesehen, sodass Sie auch bei Rafaele damit rechnen müssen.“

Eine Anspielung, die in Emma unliebsame Erinnerungen weckte. Als sie die Stelle als Valentino Fiorenzas Krankenpflegerin angetreten hatte, war sie nicht darauf vorbereitet gewesen, in welchem Ausmaß die Presse ihre Beziehung zu dem Millionär durch den Schmutz ziehen würde. Jedes Mal, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit begleitete, standen Paparazzi bereit, um Fotos zu schießen und Emma als Goldgräberin darzustellen, die um des Geldes willen bereit war, sich einen Mann zu angeln, der dreimal so alt war wie sie. Schaudernd dachte sie an das letzte Foto in der Presse. Schon sehr geschwächt von seinem fortschreitenden Knochenkrebs, aber zu eitel und stolz, um einen Stock zu benutzen, war Valentino zunehmend auf Emmas Stütze angewiesen gewesen. Der Fotograf hatte genau den Moment abgepasst, als Emma den Arm um die Taille des alten Mannes legte, um ihn am Sturz zu hindern … was auf dem Foto wie eine sehr vertrauliche Geste wirkte. Sogar ihre Schwester hatte aus Australien angerufen, um nachzufragen, ob die Gerüchte nicht doch zuträfen.

„Soll er denken, was er will, aber an meiner Beziehung zu seinem Vater war absolut nichts Verwerfliches“, meinte Emma jetzt. „Du liebe Güte, Valentino war sterbenskrank. Er hat mich eingestellt, damit ich mich um seine alltäglichen Bedürfnisse kümmere. Natürlich ist er mir mit der Zeit ans Herz gewachsen, aber das trifft auf jeden Patienten zu, den ich bisher zu Hause betreut habe. Einen Menschen in seinen letzten Tagen intensiv zu betreuen fordert einem immer sehr viel ab. Natürlich sollte man gefühlsmäßig so viel Abstand wie möglich halten, aber Valentino Fiorenza kam mir gleich vom ersten Tag an so besonders einsam vor. Bei all seinem Reichtum war er weder gesund noch glücklich.“

„Nun, hoffen wir, dass Rafaele Fiorenza Verständnis dafür aufbringt“, bemerkte Francesca. „Ich gehe davon aus, dass Sie vorläufig weiter in der Villa wohnen?“

„Ja, ich hielt es für das Beste. Ein Teil der Bediensteten hat wohlverdienten Urlaub genommen, und ich wollte die Villa nicht unbeaufsichtigt lassen, bis ich etwas von Valentinos Sohn gehört haben würde. Bisher habe ich auch leider noch keine andere Unterkunft gefunden.“

„Ihnen ist aber bewusst, dass Rafaele Fiorenza sehr viel zu verlieren hat, sollten Sie nicht in die Bedingungen des Testaments einwilligen“, erinnerte die Notarin sie nachdrücklich. „Auch wenn er auf das Geld vielleicht nicht angewiesen ist, wäre es doch klug, wenn Sie sich etwas Zeit zum Nachdenken ließen, bevor Sie eine endgültige Entscheidung treffen … um seinet- wie um Ihretwillen.“

Emma richtete sich unbehaglich auf. „Mir ist natürlich klar, dass es auch für ihn eine schwierige Situation ist. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich in etwas Derartiges einwilligen kann. Es scheint mir irgendwie nicht richtig …“

„Viele Leute würden das sicher ganz anders sehen“, entgegnete die Notarin. „Die würden nicht davor zurückschrecken, im Austausch gegen ein Vermögen eine zeitlich begrenzte Zweck-ehe einzugehen.“

„Sie sagten, mindestens ein Jahr?“, vergewisserte sich Emma nachdenklich. „Ist der Zeitraum noch verhandelbar?“

„Nein, leider nicht. Aber, wie ich bereits sagte, bekommen Sie für jedes weitere Jahr, das Sie mit Rafaele verheiratet bleiben, eine zusätzliche Summe ausgezahlt.“ Francesca Rossi erhob sich und reichte Emma über den Schreibtisch hinweg die Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, wie immer Sie sich auch entscheiden, Miss March. Signore Fiorenza senior hat Sie offensichtlich sehr gemocht, und ich kann mir vorstellen, dass er kein einfacher Patient war. Die Fiorenzas haben ihre ganz persönlichen Familientragödien durchlitten. Valentinos Frau starb, als die beiden Söhne noch sehr klein waren, und als wäre das noch nicht schlimm genug, kam der jüngere Sohn Giovanni mit nur acht Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben. Signore Fiorenza wurde im Lauf der Jahre zunehmend verbittert und verschlossen, einmal abgesehen von seiner Dickköpfigkeit.“

„Ja, dickköpfig war er wirklich“, bestätigte Emma. „Allerdings kam mir das alles immer wie eine schützende Fassade vor. So sehr er auch schimpfte und wetterte, er besaß einen weichen Kern. Ich habe ihn wirklich gemocht und werde ihn vermissen.“

„Wer weiß, Miss March, vielleicht entpuppt sich ja der Sohn als der perfekte Ehemann?“, meinte die Notarin lächelnd. „Es wäre nicht das erste Mal, dass sich aus einer Zweckehe etwas ganz anderes entwickeln würde.“

Emma verließ die Kanzlei mit einem etwas gezwungenen Lächeln und ging zu den Aufzügen. Auf der Fahrt nach unten verspürte sie ein beunruhigendes Kribbeln im Bauch.

Jedes Mal, wenn Emma durch die kunstvollen, schmiedeeisernen Tore das Anwesen der Villa Fiorenza betrat, verharrte sie einen Moment lang ehrfürchtig. Der parkähnliche, in vier Terrassen angelegte Garten war wirklich atemberaubend. Üppig grüne Eibenhecken, Ulmen, Buchen und Zypressen bildeten den perfekten Hintergrund für purpurn, pink und rot blühende Azaleen, Rosen und all die anderen duftenden Frühlingsstauden. Die Villa selbst war nicht minder imposant: Oberhalb des in kristallblauer Schönheit schimmernden Comer Sees erbaut, erhob sich der vierstöckige, neoklassizistische Bau in einer altertümlichen Pracht, die Emma immer wieder den Atem verschlug.

Die meisten Räume der riesigen Villa wurden nicht mehr genutzt, weiße Schutzüberzüge bedeckten die antiken Möbelstücke, und die Fensterläden waren fest geschlossen, was dem prächtigen alten Bau ein spukhaftes Aussehen verlieh. Und die Abwesenheit der Bediensteten, die gewöhnlich in der Villa und im Garten emsig beschäftigt waren, verstärkte den Eindruck von Einsamkeit und Abgeschiedenheit.

Nachdem Emma Valentino Fiorenza über ein Jahr in seinem Palazzo in Mailand gepflegt hatte, verkündete er ihr vor sechs Wochen, er wolle in die Villa zurückkehren, um dort zu sterben. Nun kam es ihr so vor, als beklagte jeder Windhauch, der durch die Blätter der Bäume strich, sein Hinscheiden. Wie gern hatte sie Valentino in seinem Rollstuhl durch den Garten geschoben, denn obwohl ihm am Ende das Sprechen schwergefallen war, spürte sie, wie sehr er die friedliche Atmosphäre hier im Park genoss.

Die warme Frühlingsluft trug den schweren Duft von Glyzinien und Jasmin, als Emma den Laubengang auf der zweiten Terrasse betrat. Gerade hielt sie inne, um einige welke Blüten der cremeweißen Kletterrosen auszupflücken, als ein schnittiger schwarzer Sportwagen in die Auffahrt auf der Rückseite der Villa einbog. Emma strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachtete aufmerksam, wie ein großer Mann aus dem Wagen stieg. Selbst aus der Entfernung war die Ähnlichkeit mit seinem Vater nicht zu verleugnen: Die hoch gewachsene, schlaksige Gestalt, die grüblerische Miene, das markante Kinn und der arrogante Zug um den Mund verrieten einen Mann, der es gewohnt war, einzufordern und zu bekommen, was er wollte. Aber anders als sein Vater war Rafaele Fiorenza an die ein Meter neunzig groß, und sein durchtrainierter Körper war nicht gebeugt und von Krankheit verwüstet. Sein dichtes schwarzes Haar wies noch keine Spuren von Grau auf und wirkte etwas zerzaust, als sei es Rafaeles Gewohnheit, mit den Fingern hindurchzufahren.

Obwohl Emma immer mal wieder ein Foto von ihm in der Presse gesehen hatte, wurde ihr schlagartig bewusst, dass ihm keines davon gerecht geworden war. Rafaele Fiorenza war schlicht und einfach der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war.

Seine Kleidung betonte seine lässige Eleganz: eine zwanglose Hose kombiniert mit einem hellblauen Hemd mit offenem Kragen, die Ärmel über seinen muskulösen, gebräunten Unterarmen hochgekrempelt. Am Handgelenk blitzte eine teure Silberuhr, und die Augen waren hinter einer Designer-Sonnenbrille verborgen. Nachdem er die Autotür hinter sich zugeschlagen hatte, ging er mit langen Schritten zielstrebig auf die zweite Gartenterrasse zu, sodass er im nächsten Moment vor Emma stand, die immer noch die welken Rosenblüten in der Hand hielt. „Miss March, wie ich annehme?“, erkundigte er sich kurz angebunden.

Nur ungern unterhielt sich Emma mit Leuten, die eine Sonnenbrille trugen, vor allem von der verspiegelten Sorte, zu der Rafaeles zählte. Sie empfand es stets als Nachteil und auch als unhöflich, ihrem Gegenüber nicht direkt in die Augen sehen zu können. Unerschrocken blickte sie jedoch auf und ließ die Rosenblätter zu Boden fallen. „Ja, das ist richtig. Ich vermute, Sie sind Rafaele Fiorenza.“

Er zog die Sonnenbrille aus. Seine dunkelbraunen Augen blitzten verächtlich. „Und ich vermute, Sie sind das letzte Flittchen meines Vaters.“

Sie erstarrte unwillkürlich. „Wahrscheinlich hat man Sie falsch informiert, Signore Fiorenza“, erwiderte sie frostig. „Ihr Vater hat mich als Krankenpflegerin eingestellt.“

Sein zynisches Lächeln fand keinen Widerschein in seinen dunklen Augen. „Dann haben Sie sich also um all seine körperlichen Bedürfnisse gekümmert, richtig, Miss March? Eine pikante Vorstellung, wie ich finde.“

„Dann würde ich Ihnen raten, Ihre Fantasie aus der Gosse zu ziehen, Signore Fiorenza“, entgegnete sie stolz.

Jetzt wurde sein Lächeln noch breiter. „Und was halten Sie davon, meine Braut zu werden, Miss March?“

Emma presste die Lippen zusammen. „Überhaupt nichts.“

Einen Moment lang betrachtete er sie schweigend. Emma gab sich alle Mühe, seinem forschenden Blick scheinbar gelassen standzuhalten, doch schließlich war sie es, die dann als Erste von beiden wegschaute.

„Sie haben ihn dazu angestiftet, stimmt’s?“, fragte er unvermittelt. „In einem Moment der Schwäche haben Sie ihn dazu überredet, ein Vermögen abzuschreiben.“

„Wie können Sie so etwas Abscheuliches sagen!“, fuhr sie empört auf. „Ich hatte keine Ahnung von seinen Plänen. Erst als die Kanzlei sich nach seinem Tod mit mir in Verbindung gesetzt hat, habe ich von seinem Testament erfahren.“

„Verkaufen Sie mich nicht für dumm. Sie haben eineinhalb Jahre mit meinem Vater gelebt. Das war seine längste Beziehung seit dem Tod meiner Mutter. Jeder weiß, dass Sie mit ihm geschlafen haben. Die Klatschspalten waren voll davon.“

Obwohl Emma fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, zwang sie sich, seinem Blick nicht wieder auszuweichen. „Ich hatte keine derartige Beziehung mit Ihrem Vater. Die Zeitungen haben das erfunden, wie sie das oft mit reichen oder prominenten Personen machen, um ihre Auflage zu steigern.“

Er winkte verächtlich ab. „Kommen Sie, Miss March, Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass ich glaube, mein Vater habe Sie noch im letzten Moment in seinem Testament bedacht, weil Sie ihm auf dem Totenbett die Hand gehalten haben, oder? Er war als Frauenheld bekannt, und Sie haben bereits gut ein Jahr mit ihm unter einem Dach gelebt, bevor er öffentlich erklärt hat, er sei krank. Da ist es nicht weit hergeholt, zu vermuten, dass Sie über sein Bett den Weg gefunden haben, sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen.“

„Nichts dergleichen habe ich getan!“, protestierte sie heftig. „Es war der Wunsch Ihres Vaters, dass ich so frühzeitig in sein Haus ziehe, weil er sich eine endlose Reihe verschiedener Krankenpflegerinnen ersparen wollte. Und er wollte seine Krankheit auch so lange wie möglich aus der Öffentlichkeit heraushalten, um seine Anlageklienten nicht auf einen Schlag zu verschrecken. Vor einigen Monaten ließ es sich dann aber nicht mehr verleugnen, und ihm war klar, dass er bald sterben würde. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um ihm die letzte Phase seines Lebens zu erleichtern.“

„Das kann ich mir gut vorstellen“, erwiderte Rafaele spöttisch. „Obwohl Sie zugegebenermaßen nicht sein Typ sind. Normalerweise stand er auf vollbusige, eher vulgäre Blondinen. Die Vorliebe für winzige Brünette muss er erst in jüngster Zeit entwickelt haben.“

In Emma brodelte es, als er sie erneut von Kopf bis Fuß begutachtete. „Jetzt verstehe ich, warum Ihr Vater nicht wollte, dass auch nur Ihr Name in seiner Gegenwart erwähnt wurde! Sie haben wirklich erschreckend schlechte Manieren.“

Rafaele besaß die Dreistigkeit, sie auszulachen. „Was für eine prüde, kleine Gouvernante! Ich wette, mein Vater hat sich gern von Ihnen ins Bett bringen lassen.“

Zu ihrem Leidwesen spürte Emma, wie sie errötete. „Sie haben kein Recht, so mit mir zu sprechen!“, entrüstete sie sich.

„O doch, Miss March“, fiel er ihr unhöflich ins Wort. „Mein Vater wollte Sie nicht heiraten, richtig? Denn nach dem Tod meiner Mutter hatte er geschworen, nie wieder zu heiraten. Aber Sie haben raffinierterweise einen anderen Weg gefunden, an das Fiorenza-Vermögen zu gelangen, indem Sie ihm vorschlugen, dass stattdessen ich Sie heiraten sollte.“

Es kostete Emma alle Mühe, ihren Zorn zu beherrschen. „Sie wären der Letzte, den ich heiraten wollte!“

Sein Blick durchbohrte sie. „Wollen Sie etwa noch mehr Geld herausschlagen, Miss March? Kein Problem, ich bin sicher, dass ich Sie mir leisten kann. Nennen Sie mir eine Summe, und ich schreibe Ihnen auf der Stelle einen Scheck aus.“

„Bilden Sie sich wirklich ein, Sie brauchen nur mit Ihrer Brieftasche zu wedeln und mich zu bezahlen?“

„Für eine wie Sie war mein Vater doch eine leichte Beute! Allerdings müssen Sie ihm ganz schön Honig um den Bart geschmiert haben, damit er für Sie sein Testament ändert. Da frage ich mich, was für Tricks Sie im Ärmel haben … oder sollte ich besser sagen, unter dem Rock?“

Emma kribbelte es in den Fingern, ihn zu ohrfeigen. „Wie können Sie es wagen!“

„Hinter Ihrer spröden Fassade verbirgt sich ein kleiner Hitzkopf, hab ich recht, Miss March?“, entgegnete er ungerührt. „Kein Wunder, dass mein Vater Gefallen an Ihnen gefunden hat. Wer weiß? Womöglich werden wir noch ein richtig gutes Paar? Ich mag es, wenn Frauen heiß und temperamentvoll sind. Ja, Sie könnten sich ganz gut als meine Braut machen.“

„Sie sind der abscheulichste Mensch, der mir je begegnet ist!“, stieß sie wegwerfend aus. „Denken Sie wirklich, ich könnte einwilligen, mich mit jemand wie Ihnen einzulassen?“

Seine Mundwinkel zuckten spöttisch. „Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen verraten sollte, was ich gerade jetzt denke. Sie könnten Ihrem gegenwärtigen Wunsch nachgeben und mich ohrfeigen.“

War sie wirklich so leicht zu durchschauen? Ein Gedanke, der sie erschreckte. Was sonst verriet ihre Körpersprache Rafaele Fiorenzas Scharfblick? Dass seine umwerfende Männlichkeit sie empfindlich nervös machte? Oder dass der Anblick seines sinnlichen Mundes erregende Bilder in ihr beschwor, wie es wohl sein würde, wenn er sie küsste? Es verwirrte sie zutiefst, dass sie, die normalerweise ein so vernünftiger, besonnener Mensch war, so ungewohnt heftig auf ihn reagierte. Nein, bisher hatte sie sich nicht für besonders sinnlich gehalten, allerdings war ihre Erfahrung in Bezug auf Männer auch sehr begrenzt.

Rafaele Fiorenza dagegen wirkte wie ein Mann, der reichlich Erfahrung mit Frauen besaß. Groß und athletisch, mit markanten, attraktiven Zügen und samtbraunen Augen war er genau der Typ Mann, dem kaum eine Frau widerstehen konnte. Emma konnte sich lebhaft vorstellen, was für ein anspruchsvoller und aufregender Liebhaber er sein würde. Seine männlich erotische Ausstrahlung war so stark, das sie förmlich greifbar schien. Sie schuf eine knisternde Atmosphäre und verunsicherte Emma nur noch mehr. Allein die Vorstellung, für eine gewisse Zeit rechtmäßig mit ihm verheiratet zu sein, war höchst beunruhigend. Zwar hatte die Anwältin von einer Zweckehe gesprochen, aber was, wenn Rafaele auf einer echten Ehe bestand?

Um dem Gespräch eine etwas andere Wendung zu geben, bemerkte sie: „Sie sind nicht zur Beerdigung Ihres Vaters gekommen.“

„Ich halte nichts von Heuchelei.“ Er ließ den Blick über das Anwesen schweifen. „Außerdem hätte mein Vater es sowieso nicht gewollt. Er hat mich gehasst.“

Sein verbitterter Ton machte Emma nachdenklich. „Das glaube ich nicht. Nur sehr wenige Eltern hassen ihre Kinder.“

Erneut wandte er sich ihr mit zynischem Ausdruck zu. „Ich kann nur vermuten, dass er dachte, es könnte eine reformierende Wirkung auf mich haben, wenn er mich zwingt, seine kleine Krankenschwester zu heiraten. Was meinen Sie, Miss March? Taugen Ihre Talente auch dazu, einen dekadenten Playboy zu zähmen?“

Errötend war Emma bemüht, erneut das Thema zu wechseln. „Wie lange ist es her, seit Sie zuletzt hier waren?“

Für einen Moment betrachtete er schweigend die herrschaftliche Villa. „Fünfzehn Jahre“, antwortete er schließlich.

„Und Sie haben all die Zeit im Ausland gelebt?“

„Ja. Hauptsächlich in London, aber ich besitze auch mehrere Immobilien in Frankreich und Spanien.“ Er sah sie wieder an. „Jetzt, da mein Vater tot ist, beabsichtige ich jedoch, hierher zurückzukehren.“

Er sprach Englisch wie ein Engländer, sogar mit einem leichten Londoner Akzent, der ihm ein sündhaft attraktives, weltmännisches Flair verlieh. Emma konnte sich leicht vorstellen, wie er die Welt bereiste, in jeder Stadt eine schöne Geliebte. Ja, er war ein Playboy, wie er im Buche stand. Sogar der Duft seines Aftershaves war aufregend exotisch und weckte in Emma verbotene Wünsche.

Langsam ging sie voraus zum Haus. „Es liegt ein Satz Schlüssel für Sie bereit und eine Fernbedienung für die Alarmanlage. Ich werde Ihnen den Code und das Passwort aufschreiben, denn die könnten sich seit Ihrem letzten Besuch geändert haben.“

„Ich habe vorhin gesehen, wie Sie die welken Blüten aus den Rosen gepflückt haben“, sagte Rafaele. „Wo sind die Gärtner? Erzählen Sie mir nicht, mein sparsamer Vater wollte sie nicht mehr bezahlen.“

Emma schüttelte unwillig den Kopf. „Ihr Vater war seinen Angestellten gegenüber sehr großzügig. Wie Sie sicher wissen, wurden sie alle in seinem Testament bedacht. In der momentanen Übergangszeit haben sie die Gelegenheit genutzt, ihren Jahresurlaub zu nehmen, und ich habe mich bereit erklärt, mich bis zu Ihrer Ankunft um das Anwesen zu kümmern.“

„Was für eine vielseitig talentierte, kleine Krankenschwester!“, spottete er. „Ich frage mich, wo Sie sonst noch alles Hand anlegen können …“

Nervös fummelte sie mit dem Schlüsselbund und zuckte heftig zusammen, als Rafaele plötzlich seine Hand auf ihre legte und ihr die Schlüssel wegnahm.

„Erlauben Sie?“

Errötend wich sie zur Seite, bemüht, ihre Fassung wiederzufinden, während Rafaele die schwere Eingangstür öffnete. „Nach Ihnen, Miss March“, erklärte er dann mit einer übertriebenen Verbeugung.

Obwohl sie sich sehr beeilte, an ihm vorbeizukommen, konnte sie nicht verhindern, dass der Duft seines Aftershaves erneut ihre Sinne reizte. Rafaele folgte ihr langsam und blickte sich scheinbar gleichmütig in der mit schwarzem und weißem Marmor gestalteten Eingangshalle um, die einen imposanten Rahmen für einige kostbare Skulpturen und Gemälde bildete.

„Es ist ein sehr schönes Haus“, bemerkte Emma, als ihr das Schweigen zu lang wurde. „Bei all dem Platz müssen Sie die Ferien hier genossen haben.“

Er sah sie unergründlich an. „Ein Domizil kann auch zu groß und zu prächtig sein, Miss March.“

Trotz der milden Frühlingsluft fröstelte ihr, denn mit Betreten des Hauses schien Rafaele noch abweisender geworden zu sein. Kalten Blickes betrachtete er die verschiedenen Familienporträts an den Wänden.

„Sie ähneln Ihrem Vater sehr, als er noch jünger war“, meinte Emma unwillkürlich und deutete auf das Porträt von Valentino Fiorenza, das einen Ehrenplatz innehatte.

Rafaele wandte sich zu ihr um. „Ich bin nicht sicher, ob mein Vater das gern gehört hätte. Hat er es Ihnen nicht erzählt? Ich war doch der Sohn, der ihn tief enttäuscht hat.

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