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Heiße Nächte in Alaska

Nicola Marsh

Heiße Nächte in Alaska

1. KAPITEL

Jade wollte irgendwo neu anfangen, nachdem sich ihr Leben in Sydney als große Lüge entpuppt hatte. Das war auch der Grund, warum sie nach Vancouver geflogen war.

Nichts konnte sie aufhalten.

Sollten sie es doch versuchen.

Sie zupfte ihren Blazer zurecht, strich ihren Rock glatt und trat an den Empfangstresen, ein Halbkreis aus schwarzem Marmor, auf dem in großen silbernen Buchstaben Wild Thing stand.

„Hallo. Ich bin Jade Beacham. Ich habe einen Termin mit Mr Cartwright.“

Die Empfangsdame, eine kühle Blondine, die aussah, als wäre sie einem Vogue-Cover entstiegen, deutete auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich doch. Ich sage Mr Cartwright Bescheid, dass Sie hier sind.“

Jade ignorierte das nervöse Kribbeln in ihrem Magen und setzte sich auf die Stuhlkante, bemüht, ihren Rock nicht zu zerknittern. Glücklicherweise hatte sie schnell noch eins ihrer Designerkostüme eingepackt, ehe sie ihr altes Leben fluchtartig hinter sich ließ, und das vertraute, maßgeschneiderte schwarze Nadelstreifenensemble gab ihr einen gewissen Halt, nachdem ihre Welt vor einigen Wochen aus den Fugen geraten war.

Für den Bruchteil einer Sekunde schweiften ihre Gedanken ab … Waren wirklich erst drei Wochen seit ihrer Entdeckung vergangen, dass alle, denen sie vertraut hatte, sie belogen hatten? Dass die Menschen, die sie am meisten bewunderte, die sie liebte, Heuchler waren?

Als sie merkte, dass sich ihre Finger in ihre Handtasche krallten, versuchte Jade, sich zu entspannen und die Erinnerungen an ihr früheres Leben zu verdrängen, um sich auf das bevorstehende Vorstellungsgespräch zu konzentrieren.

Ihre Zukunft hing davon ab.

Deshalb ging sie im Kopf noch einmal alles durch, was sie über Wild Thing wusste, eine international bekannte Agentur für Luxus-Abenteuerreisen nach Alaska.

Nur dank Callum Cartwright, der sie daheim in Australien bereits auf Herz und Nieren geprüft hatte, durfte sie sich überhaupt Hoffnungen auf diesen Job machen. Er hatte jedoch von vornherein klargestellt, dass Wild Thing, die Firma seines Bruders, nur sehr wenige Bewerber annahm und hohe Ansprüche an seine Mitarbeiter stellte.

Und hier war sie nun, bereit, den Chef von sich zu überzeugen und ihren ersten Job zu ergattern – ein großer Schritt auf dem Weg zur Erfüllung ihres Traums.

Es war ihr Traum – nicht der ihrer Eltern, nicht der ihres Ex-Verlobten, sondern ihr eigener.

„Mr Cartwright hat jetzt Zeit für Sie. Dort entlang, bitte.“

Die Empfangsdame zeigte über ihre linke Schulter, und Jade stand lächelnd auf, ein Selbstvertrauen vortäuschend, das sie nicht empfand, in der Hoffnung, den ersten Schritt in ein neues Leben zu machen.

Hinter der Glastür befand sich, gegenüber von einem endlosen Korridor, ein weiteres Wartezimmer. Unentschlossen blieb sie stehen, eingeschüchtert von der Stille. Doch sie war nicht um den halben Globus geflogen, um sofort aufzugeben.

Während die Minuten verstrichen, wurde sie immer unruhiger. Geduld war nie ihre Stärke gewesen. Nicht an ihrem sechsten Geburtstag im Luna Park, den ihre Eltern für diesen Anlass extra gemietet hatten, als sie auf die fünfzig geladenen Gäste wartete. Nicht als sie auf ihr erstes Pony wartete, ihr erstes Klavier, ihren ersten Besuch im Disneyland – alles vor ihrem zehnten Geburtstag.

Später wartete sie ungeduldig auf ihren ersten Porsche, ihr erstes Pferd und jüngst auf die Hochzeit mit dem Mann ihrer Träume – bis er sich als ihr größter Albtraum entpuppte.

Nein, Warten war etwas für Verlierer. Jetzt hatte sie endlich die Gelegenheit, alles besser, alles anders zu machen, ihren eigenen Träumen zu folgen. Sie hatte keine Lust zu warten. Es war Zeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Seufzend presste sie die Lippen aufeinander und ging den Korridor hinunter, blickte in leere Büros, und mit jedem Schritt wurde ihr Geduldsfaden dünner.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Blitzschnell drehte sie sich um. Ihr Puls raste. Dabei ertappt zu werden, wie man an seinem zukünftigen Arbeitsplatz herumschnüffelte, machte nicht gerade einen guten Eindruck. In der Hoffnung, sich herausreden zu können, setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf. Doch als sie den Mann erblickte, der vor ihr stand, blieb ihr fast das Herz stehen.

Atemberaubend. Das Wort ragte in Großbuchstaben vor ihrem inneren Auge auf wie das Hollywood-Zeichen in Los Angeles, das sie von einer Reise aus ihrer Kindheit kannte, als das Leben noch leicht und unbeschwert war.

Er war nicht im klassischen Sinne schön, dafür waren Kinn und Wangenknochen zu markant, aber unverschämt attraktiv, und er strahlte die Macht einer Führungspersönlichkeit aus.

Flüchtig nahm Jade schwarzes Haar, strahlend blaue Augen, breite Schultern und einen blauen Anzug wahr, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder seinem Gesicht zuwandte – obwohl es ihr schwerfiel, sich vom Anblick seiner breiten Brust loszureißen, mit der er Superman Konkurrenz machte. Gab es wirklich Männer mit derart gemeißeltem Oberkörper? Bisher hatte sie immer angenommen, dass sie der Fantasie irgendeiner Comic-Zeichnerin entsprungen waren.

Das nervöse Kribbeln in ihrem Bauch kehrte zurück. Sicher die Aufregung vor dem Vorstellungsgespräch. Oder war das etwa diesem attraktiven Mann mit den strahlend blauen Augen geschuldet, dem die Frauen wahrscheinlich scharenweise zu Füßen lagen?

Je länger der Superheld sie anstarrte, desto klarer wurde ihr, dass das flaue Gefühl im Magen nichts mit dem eigentlichen Grund ihres Besuchs zu tun hatte. Denn das erste Wort, das ihr beim Anblick dieses Mannes einfiel, war Sex. Wilder, leidenschaftlicher, hemmungsloser Sex.

Während er sie weiter mit unverhohlener Neugier ansah, kam Jade sich vor wie Lois Lane, die Geliebte und spätere Ehefrau von Superman.

Verstohlen wischte sie ihre feuchten Hände an ihrem Rock ab und hoffte, dass man ihren Wangen die plötzliche Hitzewallung nicht ansah.

„Ich wollte nur …“

„Ein bisschen herumschnüffeln?“

Jetzt röteten sich ihre Wangen definitiv.

„Ich habe nicht herumgeschnüffelt. Mein Name ist Jade Beacham, ich sollte vor fünfundzwanzig Minuten ein Vorstellungsgespräch haben, und mir wurde gesagt, ich soll hier warten.“

Seine Augen funkelten amüsiert.

„Ich nehme doch stark an, damit war gemeint, Sie sollen so lange Platz nehmen.“

Er klang, als hätte er sie beim Diebstahl von Firmengeheimnissen erwischt, und während er demonstrativ auf eine Reihe von Stühlen zeigte, straffte sich sein elfenbeinfarbenes Seidenhemd über der Brust.

Oh je, diese Brust …

„Sie haben recht. Tut mir leid. Geduld war noch nie meine Stärke.“

Himmel, was redete sie da nur? Krampfhaft überlegte Jade, was sie sagen sollte, um den ersten Eindruck zu retten, doch unter dem bohrenden Blick dieses Mannes fiel ihr einfach nichts ein.

Sie atmete tief durch, um ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, und wurde vom berauschenden Duft seines Aftershaves überwältigt.

Achtung. Sie war hier, um einen Job zu bekommen, nicht um wegen eines Anzugträgers ins Schwärmen zu geraten. Überhaupt würde sie sich nie wieder wegen eines Mannes dazu hinreißen lassen.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Zufällig habe ich etwas Zeit, und Sie sehen wie jemand aus, den man nicht sich selbst überlassen sollte. Möchten Sie gern mehr über ihren Chef erfahren?“

Sein Vorschlag brachte sie noch mehr aus der Fassung als sein betörendes Aftershave. War das sein Ernst? Nicht gerade professionell. Wollte er etwa andeuten, dass sie einen Babysitter brauchte?

Jade bedachte ihn mit einem hochmütigen Blick und schüttelte den Kopf. „Klatsch und Tratsch interessieren mich nicht. Ich bin wegen eines Vorstellungsgesprächs hier, nicht um mir anzuhören, wie Sie über Ihren Boss herziehen.“

Er erwiderte ihren Blick ungerührt, ohne zu blinzeln. Clark Kents – alias Superman – gute Manieren hatte er jedenfalls nicht, sonst würde er sie nicht so unverwandt anstarren. Sie war auch so schon aufgeregt genug, ohne dass ein männliches Möchtegern-Model ihr das Leben schwer machte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit deutete er auf eins der leeren Büros.

„Warum warten Sie nicht hier?“

Seine tiefe Stimme und sein glühender Blick hatten eine ähnliche Wirkung auf sie wie sein würziges Aftershave. Dieser Mann war wirklich atemberaubend, auch ohne wehenden Umhang.

Nervös las sie den Namen auf dem Metallschild an der Tür. RHYS CARTWRIGHT – Geschäftsführer.

Na gut, war der Schönling ihr also doch behilflich gewesen, obwohl es ihr nicht gerade passend vorkam, im Büro des Chefs zu warten. Es sei denn … Jade ging ein Licht auf, als sie vom Namensschild wieder zu dem Fremden sah. War dieser Superman etwa ihr zukünftiger Boss? Wenn ja, warum spielte er dann Spielchen? Blitzschnell fasste sie den Entschluss mitzuspielen, um herauszufinden, was er vorhatte.

Sie deutete auf das Namensschild. „Glauben Sie wirklich, er hat nichts dagegen, wenn ich in seinem Büro warte? Ist das nicht ein bisschen unverschämt?“

„Entspannen Sie sich, Sie befinden sich in guten Händen.“ Sein Lächeln war unwiderstehlich.

„Sie haben sicher sehr geschickte Hände, Mr …“

Statt zu antworten, schloss er die Tür hinter sich, und Jade wünschte, sie könnte die zu ihrer blühenden Fantasie ähnlich resolut abriegeln. Eine verräterische Wärme durchströmte ihren Körper, als er auf langen Beinen das Zimmer durchquerte. Unwillkürlich sah sie ihn in einem blauen Superman-Kostüm vor sich.

„Ihre Schlagfertigkeit gefällt mir, aber kommen wir zur Sache. Womit sollen wir anfangen?“ Er setzte sich hinter den Schreibtisch.

Du könntest damit anfangen, mir den Rock auszuziehen.

So wie er sie ansah, fürchtete Jade schon, ihre Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Sie kam sich vor wie in einem dieser Träume, in dem man als Frau nackt einen Raum voller Männer betrat. Ja, genau diesen Gesichtsausdruck zeigte er jetzt, doch statt sich unbehaglich zu fühlen, erregte es sie.

Während sie mit ihren widersprüchlichen Gefühlen kämpfte, saß er einfach da und wartete auf eine Antwort, ein Bild von einem Mann. Da er ihre unausgesprochene Frage nach seinem Namen nicht beantwortet hatte, trieb sie ihr perverses kleines Spielchen noch einen Schritt weiter.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Chef.“

Der Köder war gelegt. Jetzt musste er seine wahre Identität enthüllen.

„Er kann ein ganz schöner Tyrann sein, anstrengend, spitzfindig, kompromisslos. Er lebt für seine Arbeit und erwartet dasselbe auch von seinen Mitarbeitern.“ Es klang wie ein Firmenmotto.

Ein Test. Dieses seltsame Spiel musste eine Art Test sein.

„Klingt charmant“, murmelte sie. „Was soll übrigens die Geheimnistuerei? Wie heißen Sie?“

Vertraulich beugte er sich vor. „Sind Namen denn so wichtig?“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Wohin führte das Ganze? Zwar brauchte sie diesen Job, aber deshalb musste sie noch lange nicht vor ihrem Gegenüber katzbuckeln.

„Sie sind ja ziemlich selbstbewusst.“

„Das gehört zu meinem Job.“ Seine Augen funkelten vor Vergnügen über ihren Schlagabtausch.

Jade bewunderte seine Unverfrorenheit, die Art, wie er sie mit seinem Blick herausforderte, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, was er von ihr erwartete oder warum er ein Spiel spielte, dessen Regeln nur er allein kannte.

„Außerdem gehört dazu, dass ich mich mit den anderen Angestellten verbrüdere.“

Verbrüdern? Was sollte das denn heißen? Wenn er glaubte, dass sie mit ihm ins Bett ging, um den Job zu bekommen, hatte er sich geschnitten.

„Ich bezweifle, dass der Chef es gutheißen würde, wenn seine Mitarbeiter sich verbrüdern.“ Sie schluckte schwer. Wäre dieser Job nicht so wichtig für sie gewesen, hätte sie Superman die Meinung gegeigt.

„Was ist mit dem Chef selbst?“

Er hielt sie mit seinem Blick gefangen, und Jade konnte sich plötzlich genau vorstellen, wie der Pinguin sich fühlen musste, bis sie merkte, dass sie da etwas durcheinanderbekommen hatte. War das nicht Batman? Ihr persönlich war Superman immer lieber gewesen, woran der Mann ihr gegenüber sie lebhaft erinnerte.

„Jade, ich habe Sie etwas gefragt.“ Er beugte sich vor, und erneut spannte sich sein Hemd über der muskulösen Brust, sodass sie ein Seufzen unterdrücken musste.

„So ein Quatsch. Ich bin hier, um zu arbeiten, nicht um mich zu verbrüdern. Außerdem finde ich arrogante Männer ziemlich ermüdend, und Mr Cartwright scheint dazuzugehören. Er ist mein Chef und ich respektiere ihn, aber mehr auch nicht.“ Vielleicht lockte sie ihn damit endlich aus der Reserve.

Zu ihrer Überraschung lachte er. Ein tiefes warmes Lachen, das ihr einen wohligen Schauer über den Rücken jagte und all ihre guten Vorsätze über den Haufen warf.

„Ich mag Frauen mit Prinzipien. Du bist engagiert.“

„Wie bitte?“

Er lehnte sich zurück und verschränkte überheblich die Hände hinter dem Kopf.

„Du hast richtig verstanden. Willkommen in der Firma.“

Jade versuchte, ihr wild pochendes Herz zu ignorieren, während sie die Neuigkeit verdaute. Okay, Superman war also tatsächlich ihr neuer Boss.

Um ihre Sprachlosigkeit zu überspielen, straffte sie die Schultern. Sie hätte sich freuen sollen, dass sie den Job bekam, doch irgendwie fühlte sie sich betrogen. Sie hatte ein richtiges Vorstellungsgespräch erwartet, eine Chance, ihn mit ihrer Begeisterung zu beeindrucken, und nicht so ein albernes Katz-und-Maus-Spiel.

„Sie haben wirklich eine interessante Art, Vorstellungsgespräche zu führen.“

Er ging nicht auf ihre spitze Bemerkung ein, doch sein Schmunzeln sagte alles. „Nenn mich ruhig Rhys. Bei uns geht es ziemlich familiär zu.“

Sein selbstgefälliger Tonfall wurmte sie mindestens ebenso sehr wie sein zufriedener Gesichtsausdruck.

„Gehört dazu auch, dass man zukünftige Mitarbeiter quält?“

Stirnrunzelnd beugte er sich vor, legte beide Hände auf den Tisch und kehrte den Chef heraus.

„Das Ganze war nur ein Test, unkonventionell, ich weiß, vielleicht sogar unfair, aber ich bin der Chef, und ich sage, wo es langgeht.“

Sie musste sich zurückhalten, ihm nicht einen Stift in die Hand zu rammen. „Ich bin doch kein Versuchskaninchen.“

Ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Nein, das hat auch niemand behauptet.“

Ein peinliches Schweigen folgte, ehe sie herausplatzte: „Hör zu, ich will den Job unbedingt. Hast du noch irgendwelche Fragen? Willst du meine Zeugnisse sehen?“

Sie biss sich auf die Zunge, als er sie nur abschätzend musterte. Am liebsten wäre sie einfach gegangen. Doch das war unmöglich. Die Erinnerung an das letzte Streitgespräch mit ihren Eltern, die Wahrheit über Julians Verrat, das alles war noch zu frisch, um so schnell aufzugeben.

Nach einer langen Pause nickte er kurz und deutete herablassend auf ihre Bewerbungsunterlagen auf dem Tisch. „Du erfüllst alle Kriterien – Abenteuerlust, Naturverbundenheit, Erfahrung im Umgang mit Menschen. Genau das, was wir suchen.“

Erleichtert nickte sie.

„Ich wäre nicht den ganzen Weg hergeflogen, wenn ich daran gezweifelt hätte, dass ich für den Job geeignet bin.“

„Allerdings sehe ich außer dem Erste-Hilfe-Kurs keinerlei Ausbildung. Obwohl Callum einigermaßen beeindruckt von dir war.“

Er überflog ihren Lebenslauf. „So beeindruckt immerhin, dass du es bis hierher geschafft hast.“

Sie errötete schuldbewusst. In ihren Unterlagen stand nichts von einer Ausbildung, weil sie keine hatte. Ein Jammer, dass die Besuche von Theatern, Nachtclubs, Modeschauen und Schuhläden nicht im Lebenslauf auftauchten.

„Wie du dort lesen kannst, möchte ich Biologin werden. Dieser Job ist perfekt, um praktische Erfahrungen zu sammeln, ehe ich mich um einen Studienplatz bewerbe.“

Sie sog scharf die Luft ein und betete still, dass Rhys ihr die Geschichte abkaufte. Denn obwohl alles stimmte – der Traum, Biologin zu werden, der Wunsch, praktische Erfahrungen zu sammeln, und der Plan, zu studieren –, konnte ihre Begeisterung den Mangel jeglicher Qualifikation schwerlich ausgleichen.

„Meiner Meinung nach wiegt Lebenserfahrung schwerer als ein Stück Papier. Ich war schon immer ein geselliger Mensch und traue mir absolut zu, Gruppenreisen zu leiten.“

Zu ihrer Erleichterung klappte er ihren Lebenslauf zu und warf ihn auf den Schreibtisch. „Der Job klingt zwar nach Abenteuer, aber deine Hauptaufgabe ist die Kundenbetreuung. Ist das aufregend genug für dich?“

Je länger er sie mit seinem intensiven Röntgenblick ansah, desto größer die Gefahr, dass sie es vermasselte und ihm klar wurde, dass sie für einen Job dieser Größenordnung überhaupt nicht qualifiziert war.

„Ich freue mich auf meine neuen Aufgaben.“

In dem Moment, als ihre Welt in Sydney eingestürzt war, hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie hätte sich in Selbstmitleid suhlen und die Kreditkarte ihres Vaters zum Glühen bringen können, um sich zu rächen. Doch sie wusste, was sie zu tun hatte.

Rückgrat zeigen. Ihre rosarote Brille abstreifen. Und das tun, was sie schon vor Jahren hätte tun sollen.

Ihrem Traum folgen.

„Dir ist doch bewusst, dass wir auf Luxusreisen spezialisiert sind? Wir richten uns an eine anspruchsvolle Klientel.“

Jade nickte zuversichtlich, denn wenigstens mit der Welt der Reichen und Schönen kannte sie sich aus. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie und verkehrte mit den oberen Zehntausend. „Callum hat mich ins Bild gesetzt. Ich freue mich auf die Herausforderung.“

Rhys’ Schweigen, sein skeptischer Blick machten sie nervös. Tapfer setzte sie ein Lächeln auf und erklärte forsch: „Danke für dein Vertrauen. Ich werde dich nicht enttäuschen.“ Dann stand sie auf und streckte die Hand aus. Als seine Finger sich um ihre schlossen, fuhr ihr die Berührung wie ein Blitz durch den Körper.

„Willkommen im Team. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

Sie nickte kurz, machte auf dem Absatz kehrt und durchquerte eilig das Zimmer, um dem gefährlichen Charme ihres neuen Chefs zu entrinnen. Doch er begleitete sie zur Tür.

„Komm morgen vorbei. Cheri gibt dir dann deine Reisedaten und den Ausbildungsplan. Viel Glück, Jade. Es hat mich sehr gefreut.“

Seine Worte klangen aufrichtig, als er ihr die Tür aufhielt, und sie fragte sich kurz, ob sie sich die seltsamen Untertöne nur eingebildet hatte.

„Danke. Wir sehen uns dann in sechs Monaten.“

Super, sie hatte den Job. Nicht so super war, dass ihr neuer Boss sie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte und sie ihn attraktiv fand, obwohl sie allen Männern abgeschworen hatte.

Glücklicherweise waren Alaska und Vancouver Welten voneinander entfernt. Jade würde auf Gletschern herumklettern, während er tausend Meilen entfernt hinter seinem Schreibtisch saß.

Es ging doch nichts über ein paar anständige Minusgrade, um überaktive Hormone abzukühlen.

2. KAPITEL

Nachdem Jade sein Büro verlassen hatte, atmete Rhys langsam aus und rieb sich die rechte Schläfe, von wo sich ein beginnender Kopfschmerz ausbreitete.

Sonst hatte er nie Kopfschmerzen. Das verdankte er diesem reichen Töchterchen, das gerade gegangen war.

Von ihrem Designerkostüm, das so viel kostete, wie er im Monat verdiente, bis zu ihren unverschämt teuren Schuhen war Jade Beacham eine einzige Katastrophe.

Zwar war sie bildschön, mit langen Beinen, vollen Brüsten, großen dunklen Rehaugen und langen Haaren von der Farbe eines extra starken Espresso, doch er hatte auf den ersten Blick – als er sie in den Gängen herumschnüffeln sah – erkannt, dass es mit ihr nur Ärger geben würde.

Man merkte ihr die reiche, zickige höhere Tochter sofort an – die teuren Kleider, das makellose Make-up, der kultivierte Akzent. Er musste nicht recht bei Verstand sein, sie zu engagieren – ein Gefallen, den er ihrem einflussreichen Vater schuldete.

Rhys hasste es, anderen etwas schuldig zu sein, und deshalb hatte er widerwillig zugestimmt, als Fred ihn um einen Job für seine geliebte Tochter gebeten hatte.

Doch in dem Moment, als sie wie die Chefin des ganzen Ladens durch den Korridor spaziert war, statt zu warten, hatte er den Drang verspürt, sie in ihre Schranken zu weisen.

Deshalb das eigenwillige Vorstellungsgespräch: um sie zu testen, sie zu provozieren, in der Hoffnung, dass sie empört das Haar zurückwerfen, ihre Designer-Handtasche raffen und aus dem Büro stolzieren würde, heim in ihr rosarotes Leben.

Es hatte ihn völlig überrascht, dass sie sich sein Benehmen gefallen ließ, und vor allem, dass sie sich aufrichtig über den Job zu freuen schien.

Er fragte sich, wozu ein reiches Töchterchen aus der feinen Gesellschaft eine Arbeit brauchte? Und warum ausgerechnet hier? Was war in Sydney passiert, dass sie tausende von Meilen floh?

Kopfschüttelnd griff er nach dem Telefon, ohne sich um den Zeitunterschied zwischen Vancouver und Melbourne zu scheren. Er musste mit Callum reden. Und zwar sofort.

„Callum Cartwright.“

„Hallo Bruderherz, bist du noch im Büro?“

Ein ohrenbetäubendes Gebrüll drang durch den Hörer, ehe Callum antwortete.

„Nein, ich passe zu Hause auf die Zwillinge auf. Starr gibt die Zweitbesetzung für die Hauptrolle in Mamma Mia, und heute ist Premiere.“

„Schön für sie.“

Er schmunzelte, als im Hintergrund ein „Ich will aber jetzt“ zu hören war, das ihn sofort an Callum als Kind erinnerte. „Ist das meine Lieblingsnichte, die bezaubernde Miss Polly?“

„Sie ist ein kleiner Tyrann.“

Ein lautes Krachen, gefolgt von Tränen, dann fluchte Callum und murmelte: „Bin gleich wieder da.“

„Lass dir Zeit.“

Während sein Bruder seine häuslichen Pflichten erfüllte, blätterte Rhys in Jades Bewerbungsunterlagen und wunderte sich über ihre mangelnden Qualifikationen.

Hätte er Fred keinen Gefallen geschuldet – der ein gutes Wort bei einer großen Kreuzfahrtgesellschaft eingelegt hatte, als Wild Thing noch ganz am Anfang stand –, hätte er sich noch andere Kandidaten angesehen.

Doch nun hatte er sich für dieses Mädchen in turmhohen Absätzen entschieden – das maßgeschneiderte Kostüm so figurbetont, dass es ihm in den Fingern gejuckt hatte. Wenn sie schon im Kostüm so gut aussah, wie würde sie dann erst in engen Jeans, Rollkragenpullover und Windjacke wirken, seinem Lieblingsoutfit bei Frauen? Bei dem tollen Hintern würde ihr eine ausgeblichene Jeans sicher ausgezeichnet stehen, und für einen verrückten Moment bedauerte Rhys, dass er bei ihrem ersten Einsatz nicht dabei sein würde.

Das Feuer in ihren Augen, als er sie angeflirtet hatte, verriet, dass sie eine leidenschaftliche Frau war. Es war schon viel zu lang her, dass er selbst mit dem Feuer gespielt hatte, und plötzlich verspürte er ein gefährliches Verlangen nach Jade.

„Da bin ich wieder“, keuchte Callum ins Telefon. „Ich habe sie vor den Fernseher gesetzt. Jetzt sollten wir für fünf Minuten Ruhe haben.“

„Ich weiß nicht, wie du das schaffst.“

Und das meinte er ernst, denn ihr eigener Vater war nicht gerade ein Vorbild gewesen. Frank Cartwright hatte sie beide ignoriert und nur Augen für ihren älteren Bruder Archie gehabt. Und nachdem Archie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, hatte ihr Vater sich ganz von ihnen abgewendet.

Selbst jetzt, wo sie so erfolgreich waren, nahm Frank von seinen jüngeren Söhnen kaum Notiz.

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