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Heiße Nächte im Strandhaus

1. KAPITEL

Es dunkelte bereits, als Francesco Mastroianni an diesem kalten Märzabend mit finster zusammengezogenen Augenbrauen seinem Ziel entgegenfuhr. Der Regen, der gegen die Windschutzscheibe des leise schnurrenden Ferraris prasselte, trug dazu bei, dass sich seine ohnehin schlechte Laune noch weiter verschlechterte.

Ausgerechnet in diesen ländlichen Teil von Gloucestershire zurückzukehren war wahrlich nicht einfach für ihn. Denn hier lauerten viel zu viele unangenehme Erinnerungen. Trotzdem hatte er es nicht über sich gebracht, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Er mochte seine Cousine Silvana einfach viel zu gern, um sie zu enttäuschen und ihre Einladung übers Wochenende abzulehnen.

Das Problem war nur, dass sich Silvana und ihr Mann Guy kürzlich ein frisch renoviertes Herrenhaus in einer Grafschaft gekauft hatten. Und den Namen dieser Grafschaft konnte Francesco einfach nicht hören, ohne dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

So etwas wollte er nicht noch einmal erleben.

Per l’amor del cielo, die Liebe trägt dich in den Himmel – vergiss es, befahl er sich zähneknirschend. Die Lektion war schmerzhaft gewesen, aber er hatte sie gelernt.

Seit ihm bewusst geworden war, was für ein starker Magnet der Reichtum seiner Familie war, misstraute Francesco dem weiblichen Geschlecht. Einige deprimierende Erfahrungen hatte er bereits in seinen späten Teenagerjahren machen müssen. Und deshalb fiel es ihm jetzt nicht ganz leicht zuzugeben, dass er nach so langer Zeit tatsächlich wieder einer Frau auf den Leim gegangen war. Aber es gab nichts daran zu rütteln: Sie hatte ihm dermaßen den Kopf verdreht, dass er sich allen Ernstes eingebildet hatte, am Ende doch noch die große Liebe gefunden zu haben.

Seine süße Anna … In zynischer Verachtung verzog er den Mund.

Wenn nicht sie, wer dann? Die Erinnerung schmerzte.

Sie hatte ihm Sand in die Augen gestreut – Ende. Mehr war dazu nicht zu sagen.

Sie war genauso schlimm wie alle anderen, schlimmer sogar. Das war schon eine reife Leistung gewesen, wie sie die Ahnungslose gespielt hatte. Er hatte sich auf Ischia als armer Schlucker ausgegeben, eine Rolle, die sie ihm vermeintlich abgenommen hatte. Völlig hin und weg war er von der schönen, sanften Anna gewesen und hatte sich der süßen Illusion hingegeben, dass sie sich in ihn und nur in ihn verliebt hatte. Es musste so sein, da sie von seinem Geld ja nichts wusste.

So konnte man sich irren.

Wütend stieß Francesco einen leisen, aber unmissverständlichen Fluch aus, während er vom Gas ging, um an der Kreuzung durch den dichten Regenvorhang das Straßenschild entziffern zu können.

Links führte die Straße zum neuen Domizil seiner Cousine und rechter Hand lag das Zuhause seiner süßen kleinen Anna. Ryland. Der Name hatte sich unauslöschlich in seine Erinnerung eingebrannt.

Fast zwanghaft ließ er seinen letzten Besuch in der Gegend wieder und wieder vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

„Komm einfach her, ich sag meinen Eltern Bescheid und bitte sie, ein Bett für dich zu beziehen. Du bleibst doch über Nacht, oder?“ Sie hatte atemlos geklungen, als er sie von London aus angerufen hatte, um ihr seinen Besuch anzukündigen. „Zu dumm, dass ich heute Abend arbeiten muss, ich komme erst gegen zehn zurück. So ein Jammer!“ Dann hatte sie einen herzzerreißenden Seufzer ausgestoßen, bevor sie fortfuhr: „Aber es geht nicht anders … leider. Oh, Francesco, ich kann es gar nicht erwarten, dich endlich wiederzusehen.“

Nachdem er aufgelegt hatte, schaute er sich in seinem mit funkelndem Glas und Chrom ausgestatteten Londoner Büro um und grinste trocken. Für diese Verabredung mit ihr hatte er drei Termine absagen müssen. Aber das wusste sie natürlich nicht. Wie auch? Sie hatte nicht die geringste Ahnung, dass er von seinen Büros in Rom, Brüssel, New York und Sydney aus das weltweite Mastroianni-Imperium leitete, das wie ein gut geöltes Uhrwerk funktionierte.

Und dann hatte er das Büro verlassen, sich auf den Weg gemacht. Mit einem Heiratsantrag auf der Zunge. Und einem Ring, der selbst einer Königin gut zu Gesicht gestanden hätte, in der Brusttasche seines grauen Maßanzugs. Erst als er schon unterwegs nach Ryland gewesen war, war ihm klar geworden, dass das stundenlange Warten unerträglich sein würde. Andererseits war es eine gute Gelegenheit, ihre Eltern kennenzulernen.

Als er ankam, wurde er bereits von ihrem Vater erwartet. Ein hochgewachsener, in abgeschabten Tweed gehüllter Mann stürmte wie ein ungestümer, zu groß geratener Welpe die Außentreppe hinunter, so schnell, dass Francesco kaum Zeit blieb, das aus für die Gegend typischem goldfarbenen Stein erbaute Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert genauer in Augenschein zu nehmen. Deshalb entging ihm wahrscheinlich auch, in welch schäbigem Zustand es sich befand.

„Na so was, dann sind Sie es also tatsächlich! Der neue Verehrer meiner Kleinen!“ Der ältere Mann schüttelte ihm nun beherzt die Hand. „Herzlich willkommen im Haus unserer Vorfahren! Anna hat uns schon viel von Ihnen erzählt.“

Anschließend wurde Francesco durch eine riesige Empfangshalle geführt, in der nur ein einziger Stuhl sein armseliges Dasein fristete. Nachdem sie in einem kleinen Salon mit zwei fadenscheinigen Sofas und einem ramponierten Couchtisch angelangt waren, musste er die schäbigste Bettelei über sich ergehen lassen, die er je erlebt hatte.

„Ich dachte mir, ich bringe es lieber schnell hinter mich, bevor sich meine Frau zu uns gesellt … Sie wissen ja, wie es ist: Frauen verstehen nichts vom Geschäft und machen sich nur dauernd überflüssige Sorgen. Also, hören Sie, es geht um Folgendes. Ich hab da eine fantastische Idee. Kann gar nichts schiefgehen, auf gar keinen Fall! Und für einen Mann wie Sie ist es eine echte Chance, Geld gewinnbringend anzulegen. Sie wären wirklich ein Dummkopf, wenn Sie mein Angebot ablehnen. Aber nach allem, was ich über Sie gehört habe, sind Sie das genaue Gegenteil.“

In diesem Moment hatte er gespürt, wie der Schock des Verrats sein Herz mit eiserner Faust zusammengepresst hatte. Seine Gesichtszüge waren erstarrt. Dann hatte Anna ihrem Vater also alles über ihren „neuen Verehrer“ erzählt, ja? Darauf konnte er Gift nehmen.

Kein Wunder, dass sie bei seinem Anruf völlig aus dem Häuschen gewesen war. Wahrscheinlich hatte sie überhaupt nicht mehr aufhören können, sich selbst zu beglückwünschen, weil sie ihn so erfolgreich hinters Licht geführt hatte.

War es nur eine Ausrede gewesen, dass sie heute Abend arbeiten musste? Damit ihr Vater Gelegenheit hatte, ihn um eine Million Pfund zu erleichtern? Und was wäre gewesen, wenn er sich mit ihrem Vater geeinigt hätte? Hätte seine süße Anna dann nur mit den langen Wimpern klimpern, einen Schmollmund ziehen und ihm versichern müssen, dass sie von geschäftlichen Dingen keine Ahnung hatte, während sie gleichzeitig insgeheim hoffte, ihn mit fantastischem Sex bei der Stange zu halten?

Er war dem älteren Mann mit rasiermesserscharfer Stimme in die Parade gefahren: „So plump bin ich noch nie in meinem Leben um Geld angebettelt worden.“ Dann hatte er um ein Blatt Papier gebeten, auf dem er seiner „süßen Anna“ eine Nachricht hinterlassen hatte; anschließend war er gegangen. Dabei hatte er sich selbst verabscheut – und sie gehasst.

Gehasst dafür, dass sie ihn zum Narren gehalten und einen dieser Trottel aus ihm gemacht hatte, die sich nicht vom Verstand, sondern von ihrem Herzen leiten ließen.

Und das musste ausgerechnet ihm passieren, wo er sich doch so viel auf seinen kühl kalkulierenden Intellekt zugutehielt, auf seine quasi angeborene Fähigkeit, eine Mitgiftjägerin auf hundert Meilen gegen den Wind zu riechen.

Jawohl, er war zutiefst beschämt über sich selbst.

Er gab Gas und bog links ab, wobei er sich sagte, dass er gut daran tat, dieses geschmacklose Intermezzo endlich ein für alle Mal abzuhaken. Jetzt konnte er nur hoffen, dass ihn seine Cousine, diese unverbesserliche Kupplerin, mit ihren Angeboten verschonte. Er hatte kein Interesse am anderen Geschlecht. Nicht mehr seit … vergiss es, Francesco, vergiss es einfach!

Die Hände in ihr schmerzendes Kreuz gestemmt, betrachtete Anna ihre Füße in den alten schwarzen Slippern. Ihre Knöchel waren geschwollen und die Fußsohlen brannten. Das war eine der Strafen dafür, dass man im siebten Monat schwanger war. Sie legte ihre Hände auf ihren beachtlichen Bauch, den der weite grüne Overall nur höchst unzureichend kaschierte. Trotz dieser Unannehmlichkeiten liebte Anna das Baby, das sie unter ihrem Herzen trug, schon jetzt mehr, als sie je für möglich gehalten hätte.

Ein Schwangerschaftsabbruch – zwei Freundinnen hatten ihr dazu geraten – war für sie keine Sekunde in Frage gekommen. Ihre Eltern versuchten sie immer wieder daran zu erinnern, dass der leibliche Vater gesetzlich verpflichtet war, Unterhalt zu leisten, aber bisher hatte sie sich stur geweigert, in dieser Richtung tätig zu werden, und daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern.

Das war ihr Baby, und sie liebte es mit jeder Faser ihres Herzens. Sie würde es auch ohne die finanzielle Unterstützung seines Vaters schaffen. Allein der Gedanke an diesen niederträchtigen Schuft machte sie unglaublich wütend. Auch wenn er verboten gut aussah und zu allem Überfluss auch noch in Geld schwamm, wie sich irgendwann herausgestellt hatte, war er doch nur ein mieser Schürzenjäger, sonst gar nichts.

Sie haderte mit sich selbst, weil sie schon wieder an ihn dachte, obwohl sie sich geschworen hatte, ihn für immer und ewig aus ihren Gedanken zu verbannen. Nachdem sie sich eine lange blonde Strähne unter das Haarnetz geschoben hatte, konzentrierte sie sich wieder auf das Abendessen für vier Personen, mit dem sie gerade beschäftigt war. Die zu Hause vorbereiteten Zutaten warteten in der Kühlbox, während die mit Knoblauch und Rosmarin gespickte Lammhaxe für das Hauptgericht bereits in dem großen alten Backofen brutzelte.

Es war wie abgesprochen ein italienisches Menü. Obwohl Anna eigentlich an nichts denken wollte, was auch nur entfernt mit Italien zu tun hatte. Vielleicht war das ja der Grund dafür, dass der Vater ihres Kindes plötzlich wieder in ihrem Kopf herumspukte. Obwohl sie normalerweise sorgfältig darauf achtete, dass das nicht passierte – besonders seit sie wusste, dass sie schwanger war.

Offensichtlich war ihre mit einem reichen englischen Banker verheiratete Kundin Silvana Rosewall Italienerin. Deshalb hatte sich Anna damit abfinden müssen, dass die Dame des Hauses ein italienisches Menü vorgeschlagen hatte.

Anna war gelernte Köchin, und ihr Cateringunternehmen lief gut. Sehr gut sogar. Heute Abend zum Beispiel hätte sie die Hilfe ihrer Freundin Cissie wirklich gebrauchen können.

Aber Cissie hatte heute eine vielversprechende Verabredung. Schon bei ihrer Bewerbung hatte sie mehrmals betont, dass sie nicht arbeitete, weil sie das Geld brauchte, sondern nur, um sich irgendwie zu beschäftigen, bis der reiche Mr. Right am Horizont auftauchte.

Anna war innerlich zusammengezuckt, aber sie hatte Cissie trotzdem eingestellt. Weil ihre Familie über die richtigen Verbindungen verfügte, und die waren in diesem Geschäft Gold wert. Sie hatten auch tatsächlich schon zu einigen lukrativen Aufträgen geführt wie zum Beispiel heute Abend. Solche Aufträge waren ihr natürlich wesentlich lieber als jene, mit denen man ihr nur etwas Gutes tun wollte, weil die Leute die Situation ihrer Familie kannten und Mitleid hatten.

Aber sie würde jetzt nicht an die leider ausgesprochen reale Möglichkeit denken, dass die Bank ihnen Ryland, das Haus, das seit über dreihundert Jahren in Familienbesitz war, wegnehmen könnte – auf gar keinen Fall! Es war ein erschreckender Gedanke, vor allem, weil Anna wusste, dass es ihrer Mutter das ohnehin schwache Herz brechen würde. Außerdem war es schlecht für das Baby, wenn sie ihren Zukunftsängsten Raum gab. Deshalb würde sie sich jetzt nur auf ihre Arbeit konzentrieren und sonst nichts.

„Meine Gäste sind soeben eingetroffen.“

Anna drehte sich mit einem Lächeln um, als Mrs. Rosewall die große Küche betrat. Sie spürte Erleichterung in sich aufsteigen. Na endlich! Jetzt gab es gleich alle Hände voll zu tun, da blieb keine Zeit zum Grübeln. Die Küche lag im hinteren Teil des großen Herrenhauses, deshalb hatte sie wahrscheinlich nichts von der Ankunft der Gäste mitbekommen.

„Verraten Sie mir, was es gibt?“ Silvana Rosewall kam über die unebenen Schieferplatten auf sie zu, ein Bodenbelag, der wahrscheinlich so alt wie das Haus selbst war. Sie war eine schöne Frau von Anfang dreißig, die ein traumhaftes blaues Seidenkleid und Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen trug. In ihrem hochgesteckten dunklen Haar hatte sie – wie auch immer – eine Art Diadem befestigt.

„Heiße Kartoffelküchlein mit Mozzarella überbacken als Appetizer, zur Vorspeise gibt es Schwertfischkebabs, anschließend toskanische Lammhaxe mit gebratenem Gemüse und zur Nachspeise Zabaglione mit karamellisierten Orangenscheiben“, zählte Anna selbstbewusst auf. „Und Kaffee natürlich. Außerdem habe ich dieses köstliche venezianische Gebäck ergattert.“

„Excellente.“ Silvana nickte zufrieden. „Ich denke, wir sollten so etwa in einer halben Stunde anfangen.“ Ein leichtes Stirnrunzeln zeichnete sich auf ihrer ansonsten so perfekten porzellanglatten Stirn ab, während sie fragend auf Annas Bauch schaute. „Äh … Sie sind allein? Schaffen Sie das denn … in Ihrem Zustand? Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass Sie nicht selbst servieren.“

Sondern eine andere Frau, rank und schlank und attraktiv, nicht so unförmig wie du, ergänzte Anna in Gedanken trocken, nachdem ihre Kundin die Küchentür hinter sich geschlossen hatte. Kein Problem, sie würde sich weitgehend im Hintergrund halten. Normalerweise war sie stolz auf ihre schlanke Taille, aber die konnte man derzeit nicht einmal erahnen, und das ließ sich beim besten Willen nicht ändern.

Anna schob die Gedanken an ihre Figur schnell zur Seite und öffnete nun eine der beiden großen Kühltaschen mit den Vorräten, die sie von zu Hause mitgebracht hatte. Dann begann sie mit dem, was sie am besten konnte – kochen.

Exakt eine halbe Stunde später belud sie das größte Tablett, das sie finden konnte, mit vier Tellern, auf denen kleine mit Mozzarella überbackene und mit frischem Basilikum garnierte Kartoffelküchlein immer noch leise vor sich hin brutzelten. Dann machte sie sich auf den Weg ins Esszimmer, gut gelaunt, weil alles bestens gelaufen war. Die Lammkeule musste noch ruhen, bevor sie zerteilt werden konnte, und die mit Schwertfisch, Tomaten und Zitronenscheiben gespickten Spieße würden unter den Grill kommen, sobald sie die Appetizer serviert hatte – so unauffällig wie möglich selbstverständlich. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass die Gäste der Rosewalls von dem Essen so angetan waren, dass sie keine Notiz von ihr nahmen.

Doch in dem Moment, in dem sie den holzgetäfelten Raum betrat und direkt in … seine Augen schaute, löste sich ihre heitere Gelassenheit in nichts auf.

Um ein Haar hätte sie das Tablett fallen gelassen. Während sie es verzweifelt umklammerte, spürte sie, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Er spießte sie mit Blicken förmlich auf. Als sie zum letzten Mal tief in diese unglaublich lang und dicht bewimperten rauchgrauen Augen geblickt hatte, waren sie verschleiert gewesen vor Verlangen. Jetzt waren sie gefährlich zusammengekniffen und wirkten fast drohend.

Die Augen eines Raubtiers, schoss es ihr durch den Kopf. Sie schluckte schwer an einem Schrei der Empörung, der in ihr aufstieg. Endlich schaffte sie es, ihren Blick von ihm loszureißen und mit zitternden Händen die Teller mit den Appetizern zu verteilen.

Mit dem Gefühl, unwiederbringlich ihre Würde verloren zu haben, floh sie in die Küche. Das Herz klopfte ihr immer noch bis zum Hals. Nachdem Anna die schwere Holztür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich dagegen und versuchte sich zu beruhigen. Ihm hier zu begegnen – glatt und weltmännisch gut aussehend, in einem Maßanzug, der wahrscheinlich ein Vermögen gekostet hatte – war ein entsetzlicher Schock, der sich dadurch, dass er sie wie ein widerwärtiges Insekt gemustert hatte, mindestens verdreifachte.

Die höhnischen Zeilen, die er ihr hinterlassen hatte, hatten sich unauslöschlich in ihre Erinnerung eingebrannt.

Netter Versuch. Aber ich habe es mir anders überlegt. Du hast eine Menge zu bieten, allerdings nichts, was ich nicht genauso gut auch anderswo bekommen könnte.

Sex. Er hatte Sex gemeint.

Als unerwartet ihr Magen zu rebellieren begann, presste sie sich die zur Faust geballte Hand an den Mund. Ihr Dad musste den Zettel gelesen haben. Wahrscheinlich war er deshalb so kleinlaut gewesen, als er ihn ihr in die Hand gedrückt und dabei gemurmelt hatte, dass ihr „neuer Verehrer“ nur ganz kurz geblieben wäre.

Sie war wie vor den Kopf geschlagen gewesen, bar jeder Erklärung. Doch dann hatte sie überlegt, dass Francesco ja vielleicht geglaubt hatte, sie wäre reich – schließlich hatten Cissie und sie auf Ischia in diesem sündhaft teuren Hotel gewohnt. Und dass sich sein Interesse an ihr schlagartig abgekühlt hatte, nachdem er mit der deprimierenden Realität von Ryland konfrontiert worden war.

Doch ein paar Wochen später hatte Cissie ihr eins dieser Hochglanzmagazine unter die Nase gehalten und auf ein Foto gezeigt.

„Hier, sieh mal, das ist doch der Typ, den du in Ischia aufgegabelt hast. Ich hatte gleich das Gefühl, dass er mir irgendwie bekannt vorkommt, aber ich konnte ihn nicht einordnen – wahrscheinlich, weil er auf Ischia viel längere Haare hatte. Scheint inkognito unterwegs gewesen zu sein, oder hast du irgendwo Bodyguards oder eine Luxusjacht gesehen? Ich jedenfalls nicht. Über ihn steht ständig irgendwas in den Zeitungen. Ein Milliardär … Du hast vielleicht ein Glück! Stehst du noch in Kontakt mit ihm?“

„Nein.“

„Ein Jammer. Du solltest ihn dir schnappen, dann hast du ausgesorgt! Obwohl … na ja, so ein Urlaubsflirt bedeutet ja nichts, und er hat bestimmt einen ganzen Harem – zumindest hat er so einen Ruf.“

Anna hatte nur einen flüchtigen Blick auf das Foto geworfen und sich dann mit einem Schulterzucken abgewandt. Er trug ein weißes Dinnerjacket, das in einem aufregenden Kontrast zu seiner südländischen Erscheinung stand, und an seinem Arm hing eine attraktive Begleiterin. In Annas Kopf herrschte Chaos. Dann war er also doch nicht hinter ihrem nicht existenten Vermögen her gewesen, so wie sie anfangs geglaubt hatte.

Nur hinter Sex.

Allerdings musste er dann in der kurzen Zeitspanne zwischen seiner Ankunft in London und dem Telefonat mit ihr eine Frau getroffen haben, die ihm mehr bieten konnte … besseren Sex … raffinierteren. Mistkerl! Oh, wie sie Männer hasste, die Frauen wie Spielzeug benutzten und wegwarfen, sobald sich am Horizont etwas Aufregenderes abzeichnete.

Und woher nahm er jetzt das Recht, sie voller Verachtung anzusehen?

Sie löste sich von der Tür und straffte die Schultern. Dabei sagte sie sich, dass – falls überhaupt jemand – höchstens er Verachtung verdiente, aber ganz bestimmt nicht sie. Dann ging sie zum Backofen, um den Grill anzustellen.

Anna war ein Profi. Sie würde die Arbeit machen, für die man sie bezahlte, ihn ignorieren und am Ende des Abends sofort wieder vergessen. Ganz bestimmt würde sie nicht „zufällig“ Wein auf seiner Hose verschütten oder dafür sorgen, dass ihr genau über seinem Kopf ein voller Teller aus der Hand rutschte. Diese Art Genugtuung konnte sie sich nicht leisten. Weil sie dann nämlich nie mehr einen lukrativen Auftrag bekam.

Aber wehe, er wagte es, ihr noch einmal einen derart verächtlichen Blick zuzuwerfen! Dann konnte sie trotz aller guten Vorsätze für nichts garantieren.

Anna Maybury! Hier? Und dann auch noch schwanger?

Wie das?

Francesco musste sich zu jedem einzelnen Bissen zwingen. Musste sich zwingen, sie zu ignorieren, während sie abräumte und den nächsten Gang servierte. Musste sich zwingen, gelegentlich eines der einsilbigen Wörter hervorzustoßen, die sein einziger Beitrag zu der ansonsten angeregten Unterhaltung waren. Nur dazu, die Ermunterungen der heißblütigen Rothaarigen zu übersehen, die seine Cousine für ihn herbeigezaubert hatte, brauchte er sich nicht zu zwingen. Das passierte ganz automatisch.

Er hatte kein Interesse. Absolut keins. Null. Grimmig sichtete er die Fakten.

Anna war noch unberührt gewesen. Beim ersten Mal hatte er kein Kondom benutzt, da hatte er keinen klaren Gedanken fassen können, so verrückt war er nach ihr gewesen.

Verloren. Er hatte sich in einem reißenden Strudel ungebändigter Emotionen verloren – eine Erfahrung, die so neu und atemberaubend für ihn gewesen war, dass es sich angefühlt hatte, als ob er sein ganzes Leben lang nur auf diesen Moment gewartet hätte.

Das Kind, das sie erwartete, könnte von ihm sein. Es sei denn …

Mit gespielter Nonchalance lehnte er sich zurück und legte einen Arm über seine Stuhllehne, wobei er das schmollende Lächeln der Rothaarigen geflissentlich übersah. „Diese Frau da – von der Cateringfirma –, in welchem Monat ist sie, weißt du das?“

Drei bestürzte Augenpaare starrten ihn an. „Warum fragst du?“, wollte Silvana schließlich wissen.

Weil ich Vater werden könnte und nichts davon weiß. Er zuckte beiläufig die Schultern und sagte: „Nur so … womöglich müssen wir ja noch Geburtshelfer spielen.“

Die Rothaarige – ihr Name war ihm entfallen – kicherte affektiert, während Guy seiner Frau einen besorgten Blick zuwarf, die antwortete: „Laut Cissie Landsdale im siebten Monat. Cissie arbeitet mit Anna zusammen, allerdings nicht besonders zuverlässig, würde ich sagen. Normalerweise hilft sie beim Servieren, aber heute Abend scheint sie etwas Besseres vorgehabt zu haben. Guy, Schatz, unsere Gläser sind leer.“

Während sich ihr Mann nun um eine zweite Flasche Valpolicella kümmerte, fuhr Silvana fort: „Also, ich finde ja, dass sich eine Frau in ihrer Situation besser schonen sollte, statt …“, sie wedelte matt mit der Hand, „… solche Sachen zu machen. Leider hat sie keinen Mann, der würde ihr sonst wahrscheinlich schon die Leviten lesen, und ihre Mutter … na ja … sie ist gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Außerdem brauchen sie das Geld. Früher waren die Mayburys mal wer hier in der Gegend, aber ihr Vater hat das gesamte Familienvermögen verschleudert.“

„Nach allem, was ich gehört habe, hat er eine Fehlinvestition nach der anderen getätigt“, warf Guy ein, während er sich wieder an den Tisch setzte.

„Ihr seid ja bestens informiert“, bemerkte Francesco mit wachsendem Unbehagen. Siebter Monat passte genau. Tatsächlich war anzunehmen, dass das Kind von ihm war, es sei denn, Anna wäre sofort nach ihrer Rückkehr mit einem anderen ins Bett gehüpft. Das war allerdings eher unwahrscheinlich. Sie hatten abgemacht, dass er nach England kommen würde, deshalb hatte sie zu diesem Zeitpunkt bestimmt kein Interesse gehabt, sich mit einem anderen Mann einzulassen.

Es kostete ihn größte Mühe, halbwegs unbeteiligt zu erscheinen und sich davon abzuhalten, geradewegs in die Küche zu marschieren und sie zur Rede zu stellen.

„Das ist reiner Zufall“, erklärte seine Cousine. „Man hat sie uns empfohlen. Aber warum gehen wir nicht ins Wohnzimmer und lassen sie hier wirtschaften? Ich schlage vor, dass wir uns noch einen Grappa genehmigen, bevor Guy und ich uns zurückziehen. Ihr beide könnt es euch ja am Kamin noch ein bisschen gemütlich machen.“ Silvana erhob sich und warf ihm ein strahlendes Lächeln zu. „Natalie möchte dir von einem Wohltätigkeitsball erzählen, den sie gerade organisiert. Bestimmt interessiert es dich.“

Na klar, und wie! Er verging fast vor Neugier. Mit versteinerter Miene begegnete er dem zuckersüßen Lächeln der Rothaarigen. Silvana hatte sie „als Freundin aus London“ vorgestellt, und natürlich sah sie gut aus. Ziemlich gut sogar. Und solo war sie auch. Er sah mit Grausen ein katastrophal anstrengendes Wochenende auf sich zukommen, weil seine Cousine zweifellos alle Hebel in Bewegung setzen würde, um sie beide zu verkuppeln. Er würde dieser Natalie klarmachen müssen, dass er am schönen Geschlecht ungefähr so interessiert war wie daran, das Telefonbuch von vorn bis hinten durchzulesen. Und dazu musste er auch noch ein freundliches Gesicht machen.

Gleich morgen früh würde er nach Ryland fahren und sich Gewissheit darüber verschaffen, ob dieses Kind von ihm war.

Die Spülmaschine war durchgelaufen. Erschöpft stellte Anna das Geschirr in den bis zur Decke reichenden viktorianischen Schrank zurück. Sie hatte höllische Rückenschmerzen, und ihre Füße brannten.

Vor einer halben Stunde war Mrs. Rosewall mit einem Scheck für sie in die Küche gekommen.

„Das Essen war köstlich. Haben Sie es bald geschafft?“

„Ja, ich räume nur noch das Geschirr weg.

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