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Heiße Nacht, süßes Geständnis

1. KAPITEL

Tess Tremaine tippte zum Refrain von Like A Virgin mit der Fußspitze auf den glänzenden Granitboden im Empfangsbereich von Graystone Enterprises. Sie saß im achtunddreißigsten Stock eines beeindruckenden Wolkenkratzers im Zentrum von San Francisco und starrte auf die Milchglastür zu Nathaniel Graystones heiligen Hallen.

Die Anspannung lag ihr schwer wie Blei im Magen. Ähnlich wie an dem Tag vor mehr als zehn Jahren, als sie im Alter von nur fünfzehn mit grell lila gefärbten Haaren und Nasenring vor ihrem Vater stand, während dieser vor Wut kochte.

Zumindest waren inzwischen die purpurnen Dreadlocks und auch der Nasenring verschwunden. Ihre Haare glänzten in einem honigblonden Farbton und waren zu einem eleganten Knoten hochgesteckt. Allerdings hatte sich der wilde Kern von Tess Tremaines Persönlichkeit nicht so einfach in Luft aufgelöst.

Sie hatte sich zwar von schlechten Angewohnheiten und einer fragwürdigen Mode verabschiedet, aber im Innersten lauerte noch immer ein kleiner Wildfang auf der permanenten Suche nach Aufmerksamkeit. Eine radikal veränderte Garderobe und ein souveränes, seriöses Auftreten machten noch lange keinen vollkommen neuen Menschen aus ihr. Allerdings half es, wenn man eine Karriere als international gefragte freiberufliche Eventplanerin anstrebte.

Tess schlug die Beine übereinander und glättete nervös den Saum ihres schwarzen Bleistiftrocks. Dann klopfte sie wieder mit einem der hohen Absätze auf den Granitboden, was ihr einen strengen Blick aus den Augen der perfekt gestylten Empfangsdame einbrachte.

Das bleierne Gewicht in ihrer Magengegend wurde immer schwerer, während sie durch die Glaswand zu ihrer Rechten hinaus starrte, die einen schwindelerregenden Ausblick auf die berühmte Bay Bridge bot.

Zum ersten Mal seit dem denkwürdigen Tag im Arbeitszimmer ihres Vaters hatte sie keinen Schimmer, was sie als Nächstes tun sollte. Eine scharfe Zunge, harte Arbeit, ein völlig neues Erscheinungsbild … dieses Mal konnte nichts von alledem wiedergutmachen, was vor sechs Wochen bei der Galloway-Feier passiert war. Sicher, sie war emotional ziemlich aufgewühlt gewesen, sonst hätte sie sich von Graystones Annäherungsversuchen nicht so leicht beeindrucken lassen.

Unter normalen Umständen wäre sie von seinem offenkundigen Interesse zwar auch geschmeichelt gewesen, das hätte aber nichts an der kühlen, selbstbewussten Haltung geändert, mit der sie bei Anlässen wie diesem auftrat. Doch in jener Nacht war nichts normal gewesen.

Dan hatte ihr nach nur dreizehn Monaten den Laufpass gegeben, womit Tess überhaupt nicht gerechnet hatte. Er warf ihr vor, frigide zu sein. Das war nicht weit hergeholt, denn Sex mit Dan war ungefähr so aufregend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Trotzdem war Tess verwirrt, gekränkt und wütend gewesen. Es ging doch wohl nicht ausschließlich um Sex? Zählten Freundschaft und Gemeinsamkeiten denn gar nichts mehr?

Außerdem war Dans Timing denkbar ungünstig. Gleich, nachdem er die Bombe hatte platzen lassen, musste Tess abreisen, um eine der größten Bay Area-Veranstaltungen des Jahres mitzuorganisieren.

Aber ihr desolater seelischer Zustand entschuldigte auf keinen Fall, dass sie sich gleich nach ihrer Ankunft ein paar Gläser Champagner auf nüchternen Magen gegönnt hatte. Am meisten war sie jedoch von Graystones Testosteron berauscht gewesen, das aus jeder Pore seines Körpers zu strömen schien.

Sie hätte ihre Finger bei sich lassen und auf den anregenden Flirt mit ihm verzichten sollen, sie hätte ihn nicht noch ermutigen dürfen …

Seit er in seinem makellosen Smoking auf der Bildfläche erschienen war, zusammen mit seiner Entourage – bestehend aus männlichen und weiblichen Bewunderern –, strahlte er Macht, Autorität und eine unübersehbare potenzielle Gefahr aus. Es war sofort klar, dass er vermeintlich frigide kleine Partyplanerinnen wie Tess zum Frühstück verspeiste!

Leider hatte ihr rebellisches Ich zu schnell die Oberhand gewonnen. Sie hatte sich geradewegs herausgefordert gefühlt. Die wilde Seite ihrer Persönlichkeit, die sie seit ihrer Jugend mühsam unter Verschluss hielt, war plötzlich wieder zum Leben erwacht.

Tess’ Absatz stockte abrupt auf dem glatten Granitboden, als sie sich in Erinnerung rief, wie Graystone sie im Vorratsraum der Skyline-Küche von innen gegen die Tür gedrückt hatte. Dann hatte er sie mit beiden Händen hochgehoben, als würde sie nichts wiegen und …

Eine heiße Welle rauschte durch ihren Körper.

Jetzt nicht daran denken! ermahnte sie sich. Du steckst tief genug in Schwierigkeiten!

Zugegeben, dieser One-Night-Stand, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war kurz, heiß und unfassbar sexy gewesen. So sexy, dass Tess anschließend erschöpft, müde und befriedigt den Raum verlassen hatte – und dabei sogar vergaß, ihren Slip mitzunehmen.

Dieser Umstand war ihr heute noch extrem unangenehm! Unglücklicherweise ließ sich diese kurze Episode mit Graystone nicht einfach ad acta legen. Kleine Schweißtropfen rannen ihren Hals entlang und verschwanden im Kragen ihrer Bluse, wenn sie an die bevorstehende Begegnung mit Nathaniel Graystone dachte – nachdem sie ihn wortlos hatte stehen lassen.

Mach dich jetzt nicht verrückt! sagte sie sich energisch und begann wieder, mit dem Schuh auf den Boden zu tippen. Den vielsagenden Blick der Empfangssekretärin ignorierte sie geflissentlich.

Vielleicht erinnert er sich gar nicht an mich? überlegte Tess. Er konnte bestimmt auf eine endlose Liste kurzfristiger Eroberungen zurückblicken, wahrscheinlich allein nach der Feier von Galloway. So viel Erotik, wie dieser Mann ausstrahlte …

Wer so viel Energie und Temperament besaß – und ein so vorzüglicher Liebhaber war –, konnte kein Amateur sein. Aber das durfte Tess jetzt nicht weiter beeindrucken. Sie hatte zwar Panik, ihn wiederzutreffen, aber eines hatte sie an dem Tag im Arbeitszimmer ihres alten Herrn gelernt, als dieser sie für immer aus seinem Leben verbannte. Vor seinen Fehlern konnte man nicht davonlaufen, man wurde irgendwann immer wieder von ihnen eingeholt.

Und wie auch immer Graystone reagieren würde, sie würde damit umgehen können. Hier ging es nicht um sie, jedenfalls nicht ausschließlich. Nicht mehr.

Die Sprechanlage auf dem Empfangstisch knisterte und erinnerte Tess an das bleierne Gefühl in ihrem Magen.

Mit spitzen Fingern drückte die unsympathische Sekretärin auf ein paar Knöpfe und wandte sich dann Tess zu. „Ich kann Mr Graystone nun fragen, ob er Zeit für Sie hat, Miss Tremaine“, verkündete sie in neutralem Ton. „Wenn Sie mir bitte mehr Details über Ihr Anliegen verraten würden?“

„Gut.“ Tess machte eine Pause und starrte angestrengt auf die Milchglasscheibe vor sich. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und sah die andere Frau direkt an. „Sagen Sie ihm, ich gehöre zu den Veranstaltern der Galloway-Feier am zwanzigsten Juli.“ Hoffentlich weckte das seine Erinnerung. „Ich muss ihn wegen einer persönlichen Angelegenheit sprechen.“

Die Sekretärin nickte kurz und gab diese Information pflichtbewusst weiter. Scheinbar ließ die Antwort auf sich warten, und Tess begann wieder zu schwitzen. Was, wenn er sie nicht sehen wollte? Was sollte sie dann tun?

Aber dann hörte sie, wie eine tiefe Männerstimme durch den Lautsprecher der Anlage dröhnte. Mit einem vertrauten amerikanischen Akzent. „Schicken Sie die Dame herein, Jenny! Und stellen Sie keine Anrufe durch!“

„Hi, Tess, was für eine Überraschung!“

Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht kam Nathaniel Graystone über den dunkelblauen Teppich seines Büros auf sie zu.

Ihr klopfte das Herz bis zum Hals … und nicht nur dort!

„Eine große Überraschung“, fuhr er fort und wies mit einer Hand auf eine elegante Ledersitzgruppe in der Ecke des Raums.

Tess nahm Platz und rutschte umständlich auf dem weichen Leder hin und her. Dabei versuchte sie, ihren unruhigen Atem unter Kontrolle zu bringen. Sie war doch nicht darauf vorbereitet gewesen, ihn in Fleisch und Blut vor sich zu haben. Anstelle des schwarzen Smokings trug er nun ein blaues Seidenhemd und eine stahlgraue Anzughose, die seine schlanke Taille und den flachen Bauch betonte. Das schwarze Haar, von dem Tess wusste, wie weich es sich zwischen ihren Fingern anfühlte, stand in starkem Kontrast zu den leuchtend blauen Augen – die in diesem Moment spöttisch funkelten.

Er tat so, als würden Tess und er ein Geheimnis teilen. Zu Recht.

„Wem oder was habe ich dieses Vergnügen zu verdanken?“, fragte er und blickte sie herausfordernd an.

Sie dachte daran, wie sie sich zum ersten Mal an der überfüllten Bar des Skyline angesehen hatten. Schon nach der ersten Sekunde hatte Tess sich nicht mehr von ihm losreißen können.

Heute ging es ihr ähnlich. „Ich muss dich sprechen.“

Die angebliche Überraschung war ihm nicht mehr anzumerken, und sein Lächeln wurde noch selbstsicherer.

Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Warum sollte er auch verwundert sein? Zweifellos liefen ihm die Frauen scharenweise hinterher und warfen sich ihm zu Füßen. Seine Überheblichkeit war eines der Dinge gewesen, die sie an ihm so unwiderstehlich gefunden hatte. Auch wenn sie selbst seit zehn Jahren hart daran arbeitete, ihr Schicksal in den eigenen Händen zu halten, hatte sie sich doch von Graystones Dominanz, seiner einnehmenden Männlichkeit und von ein bisschen sexy Small Talk den Kopf verdrehen lassen.

Anders als Dan hatte er ihr das Gefühl gegeben, unbeschreiblich begehrenswert zu sein. Dan war nie so bedingungslos darin gewesen, sie zu verführen. Nathaniel Graystone hatte sie praktisch von ihrem angeblich frigiden Dasein kuriert, und das tat richtig gut.

Er blieb an den Türrahmen gelehnt stehen und verschränkte die Arme, sodass sein Bizeps deutlich zum Vorschein kam. Tess schluckte und ließ sich von seinem jungenhaften Grinsen nicht für einen Moment aufs Glatteis führen. Dieser Mann war ein gemeingefährlicher Womanizer!

„Lass mich raten“, sagte er belustigt und streifte ihre langen Beine und die High Heels mit einem raschen Blick. „Du bist hier, um deinen Slip abzuholen.“

Tess räusperte sich, während ihre Brustwarzen sich hart aufrichteten und ihr Puls auf Touren kam. „Eigentlich nicht“, antwortete sie viel zu leise.

„Bist du sicher?“

„Schon, ich …“ Ihre Erregung legte sich etwas, und sie dachte daran, warum sich ihr Leben seit exakt acht Uhr zweiundzwanzig heute Morgen im freien Fall befand. „Ich bin nicht wegen eines weiteren Quickies hier“, schloss sie trocken.

Mit hochgezogenen Augenbrauen begutachtete er, wie deutlich sich ihre Nippel durch den Stoff der Bluse abzeichneten. „Dann sollten wir es zur Abwechslung mal langsam und zärtlich probieren, was?“

Seine unverschämte Andeutung störte sie.

„Mein Apartment ist nur ein paar Blocks entfernt“, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Das in der Abstellkammer war zwar unvergesslich …“ In seinen Augen sah sie das alte Verlangen aufblitzen. „In einem Bett wäre es nur weitaus angenehmer.“

Das reichte! „Ich bin nicht hier, um mit dir zu schlafen, du eingebildeter Lackel! Ich bin hergekommen, um dir zu erzählen, dass ich heute Morgen drei Schwangerschaftstests hintereinander gemacht habe.“ Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung. „Und alle waren positiv.“

Ihre Genugtuung darüber, ihn sprachlos gemacht zu haben, sollte nicht lange dauern.

Nathaniel hatte seinen Schock schnell überwunden und sagte tonlos: „Na, das ist auf jeden Fall ein Lustkiller!“

Er war fest entschlossen, sich seine Emotionen nicht anmerken zu lassen. Aber das künstliche überlegene Grinsen tat allmählich in den Mundwinkeln weh. „Als Nächstes wirst du mir vermutlich mitteilen, das Baby wäre von mir?“

Seine Wiedersehensfreude, die absolut ehrlich gemeint war, starb einen frühzeitigen Tod.

Tess hatte ihn in jener Nacht regelrecht verrückt gemacht: fröhliches Flirten, scheinbar unabsichtliche Berührungen, ihre frische, direkte Art und vor allem die nackte, ungezügelte Leidenschaft – all das hatte ihm den Verstand geraubt.

Doch dann hatte sie ihn einfach in der Vorratskammer stehen lassen, mit der Hose an seinen Knöcheln und immer noch benommen von dem, was gerade passiert war. Und ihm blieben nicht mehr als ein zerrissener Slip und ein paar schlaflose Nächte voller atemberaubender Erinnerungen an diese geheimnisvolle Fremde. Die Chemie zwischen ihnen beiden war einzigartig und warnte ihn davor, sie anschließend ausfindig zu machen. Auch wenn es ihm schwergefallen war. Sehr schwer sogar.

Diese ganze Sache war sicher geplant gewesen, daran hatte Nathaniel keinen Zweifel. Genau wie bei Marlena. Auch sie hatte sich einfach aus dem Staub gemacht, ohne sich in irgendeiner Form bei ihm zu verabschieden.

„Baby?“, wiederholte sie schrill. „Noch ist es kein Baby, sondern lediglich ein Zellklumpen.“

Der Ausdruck ihrer strahlend grünen Augen signalisierte pure Verzweiflung. Oh, dieses Weib war eine durchaus begabte Schauspielerin.

„Was auch immer“, fuhr er geduldig fort, um wieder auf den Punkt zurückzukommen. „Ich bin nicht der Vater.“

Darauf sagte sie erst einmal nichts.

„Hör mal, Süße“, erklärte er weiter und hielt eisern an seinem falschen Lächeln fest. „Ich habe ein Kondom benutzt, außerdem haben wir es nur ein einziges Mal getan. Selbst wenn meine Jungs Superschwimmer wären, haben sie gegen Latex keine Chance.“

„Mir ist klar, dass du ein Kondom benutzt hast“, gab sie scharf zurück. „Aber offenbar kannst du nicht richtig damit umgehen.“

Ihr ganzer Körper war angespannt, als würde sie sich auf einen Kampf vorbereiten müssen. Die Wangen färbten sich pink, und es sah fast so aus, als würde sie mit ihren giftgrünen Augen Blitze auf Nathaniel abfeuern wollen.

Er musste gestehen, dass ihn diese angriffslustige Haltung ziemlich erregte.

„Ich habe das Kondom ordnungsgemäß benutzt“, stellte er klar und fühlte sich jetzt nicht mehr so selbstsicher wie zuvor.

Sie seufzte und klang dabei ein bisschen resigniert. Auch das war vermutlich Teil ihrer schauspielerischen Darbietung, was Nathaniel zunehmend nervte.

„Wenn du das sagst.“ Mit diesen Worten hängte sie sich ihre Tasche über die Schulter und nickte kurz. „Dann sollten wir uns wohl besser voneinander verabschieden, Nathaniel. Es war in der Tat eine bemerkenswerte Erfahrung mit dir.“

Ihr wehmütiger Tonfall erschreckte ihn. Ratlos sah er ihr hinterher, während sie sich mit steifen Schritten entfernte, ohne auch nur einmal zurückzublicken.

Tess wartete ab, bis sich ihre Atmung wieder einigermaßen normalisiert hatte. Sie saß in ihrem uralten Auto und starrte durch die Windschutzscheibe auf das Haus ihrer Freundin Eva in Haight Ashbury.

Eva und ihr Ehemann Nick hatten die gesamte Fassade in einem übertrieben viktorianischen Stil sanieren lassen. Das Baugerüst war erst in dieser Woche entfernt worden, und nun wirkte das Gebäude so kitschig und exzentrisch, wie das junge Paar es gewollt hatte. Die riesigen Fenster zur Bucht hinaus glänzten in der Augustsonne und betonten die hellblaue Pergola am Obergeschoss.

Ein wunderschönes, eigenartiges und ganz besonderes Familienheim. Eva und Nick waren sechs Monate zuvor Eltern eines zuckersüßen Sohnes geworden. Carmine – oder Carmageddon, wie Nick den Kleinen getauft hatte, nachdem das Kind anfing zu zahnen.

Zu ihrer Schande musste Tess gestehen, dass sie furchtbar eifersüchtig auf dieses vollkommene Glück war.

Ganz vorsichtig streckte sie ihre Finger aus und löste so den Klammergriff um das Lenkrad ihres Wagens. Dann schnappte sie sich ihr Gastgeschenk vom Beifahrersitz und stieg aus. Sie machte sich nicht die Mühe, das Auto abzuschließen. Wer würde diesen Schrotthaufen schon stehlen?

Tess hatte fast die gesamten Einnahmen des vergangenen Jahres in Designerklamotten investiert, die jede professionelle Geschäftsfrau vor Neid erblassen ließen. Allerdings hatte sie momentan andere Sorgen als ihr Aussehen. Immerhin arbeitete sie auf freiberuflicher Basis, und auch wenn sie schon mehrere Aufträge fürs kommende Jahr an Land gezogen hatte, war nichts wirklich Spektakuläres dabei.

Dabei lebte sie deutlich über ihre Verhältnisse. Neben den extravaganten Klamotten kostete auch ihr neues Luxusapartment in Parnassus ein Vermögen. Im Augenblick konnte sie ihre Ausgaben noch mit Kreditkarten überbrücken, aber demnächst musste ihre Auftragslage dringend an Fahrt gewinnen.

Sie bekam Magenschmerzen, wenn sie daran dachte, wie unsicher ihre berufliche Situation war. Ihre Fixkosten waren viel zu hoch, und außer der günstigsten Krankenversicherung konnte sie sich keinerlei persönliche Absicherung leisten. Eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen war also undenkbar.

Im Gegenteil, sie musste sich um noch lukrativere Aufträge kümmern. Dafür würde sie sich einen repräsentativen fahrbaren Untersatz beschaffen müssen. Vielleicht, wenn sie ein paar ihrer Kleider verkaufte? Aber auch mit einem besseren Auto hatte sie kaum Chancen, mitten in der Rezession genug Arbeit zu finden, um gleich zwei Menschen durchzufüttern.

Tränen brannten ihr in den Augen, und Tess blinzelte.

Nicht daran denken! ermahnte sie sich. Jetzt nicht. Noch muss ich keine Entscheidung treffen.

Sie straffte die Schultern, klemmte sich ihr Geschenk unter den Arm und klingelte an der Haustür.

Eva würde sie auf andere Gedanken bringen. Sie war die liebenswerteste, ehrlichste Person, die Tess je kennengelernt hatte. Auf der Universität waren sie lose befreundet gewesen, aber seit drei Jahren lebte Eva ebenfalls in San Francisco, nachdem sie Nick Delisantro geheiratet hatte. Und inzwischen standen die beiden Freundinnen sich sehr nah.

Tess war sicher, dass Eva sie nicht verurteilen würde, sondern ihr bedingungslos mit Rat und Tat zur Seite stand. Eva betrieb eine erfolgreiche Internetplattform für Ahnenforschung. Sie war klug und extrem rational und vernünftig. Deshalb hatte sie sich auch mühelos dieses perfekte Leben erschaffen können: mit einem umwerfend tollen Ehemann, der sie vergötterte, und einem entzückenden Baby.

Tess’ negative Gedanken kamen endlich zum Stillstand. Sie glaubte kaum, dass sie es in diesem Augenblick ertragen könnte, den kleinen Carmine zu sehen. Später vielleicht. Hastig sah sie auf ihre Uhr. Nein, nein, halb so schlimm. Wahrscheinlich machte Carmy sowieso gerade seinen Mittagsschlaf. Eva achtete bei ihrem Sohn auf eine strenge Routine, das wusste Tess.

Noch einmal streckte sie den Rücken durch und stöhnte, als sie hinter der Tür Schritte hörte. Es wurde aufgeschlossen, die Tür schwang auf, und Tess’ Blick landete sofort auf dem knuffigen Mondgesicht von Baby Carmine. Die runden Bäckchen waren prall und rosig, und die weichen, braunen Locken standen in alle Richtungen von seinem Kopf ab.

„Tess! Hi! Ach, du meine Güte, wir waren doch wohl nicht zum Mittag verabredet? Muss ich total vergessen haben.“

Tess hörte ihre Freundin zwar sprechen, aber sehen konnte sie nur diesen winzigen, perfekten Menschen in ihren Armen. Und dann grinste Carmine und winkte mit seinen weichen Ärmchen – so wie er es immer tat, wenn er sie erblickte. Er quiekte laut, und in dieser Sekunde war es um sie geschehen.

Tess stellte ihr Geschenk auf dem Küchentresen ab, während Eva ihren Sohn in der Babywippe anschnallte. Sie zog eine Spieluhr auf und kicherte, als Carmine mit den Armen Bewegungen wie ein Sumoringer machte.

„Sieh ihn dir an! Hellwach nach nur zwanzig Minuten Nickerchen!“ Eva hob streng einen Zeigefinger. „Dein Daddy wird nachher ein ernstes Wörtchen mit dir reden, Freundchen.“

„Ich wollte das hier nur schnell vorbeibringen. Sozusagen als Renovierungsgeschenk oder verspätetes Einzugsgeschenk für euch beide. Tja, und dann muss ich auch schon wieder …“ Tess suchte nach einer Ausrede, und gleichzeitig stiegen Tränen und Übelkeit in ihr hoch.

Reiß dich zusammen, Tess! ermahnte sie sich. Bitte! Es ist nur ein Zellklumpen, mehr nicht. Kein Baby. Es darf kein Baby sein!

In ihr fühlte sich alles taub an, und Eva machte ein besorgtes Gesicht.

„Tess, was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Stumm ließ Tess sich auf einen der Küchenstühle fallen. Ihr Fluchtgedanke wurde von dem Wunsch verdrängt, sich endlich jemandem anvertrauen zu können. Sie sehnte sich nach Verständnis und Rat, um eine Antwort auf die Frage zu finden, vor der sie so viel Angst hatte.

„Ich bin schwanger.“ Ihre Hände zitterten, und sie verschränkte die Finger schnell miteinander.

Eva setzte sich neben sie. „Ich würde dir ja gratulieren, aber du siehst nicht gerade so aus, als freust du dich. Wann ist es denn passiert?“

„Vor sechs Wochen. Auf den Tag genau. In der Nacht, nachdem Dan mich verlassen hat.“

„Verstehe. Nicht gerade das beste Timing“, sagte Eva vorsichtig und seufzte. „Hast du Dan schon davon erzählt? Ich meine, von dem Baby?“

„Es ist doch gar kein Baby“, erwiderte Tess automatisch, obwohl ihr Selbstbetrug längst aufgeflogen war. Zellklumpen, so ein Blödsinn! „Und es ist nicht von ihm.“

„Aha.“ Ihre Freundin blieb erstaunlich ruhig und wartete ab.

„An dem Tag war Julie krank und bat mich, sie bei dem Event von Galloway zu vertreten. Das war die Gelegenheit, vielversprechende Kontakte zu knüpfen, also konnte ich schlecht Nein sagen.“ Ihr fiel auf, wie verzweifelt sie sich zu rechtfertigen versuchte. Warum eigentlich? Eva würde sie sicherlich nicht verurteilen. „Ich stand praktisch noch unter Schock wegen der Sache mit Dan. Und auf der Abschlussfeier nach der Veranstaltung hat mich dieser Typ angebaggert. Aber richtig, nach allen Regeln der Kunst. Und ich bin darauf eingestiegen.“

Sie schloss kurz die Augen und stellte sich vor, wie Nathaniel Graystone sie an jedem Abend angesehen hatte. Ihr wurde heiß. „Jedenfalls war er sexy, einfach umwerfend und so stark auf mich fixiert, dass ich gar nicht anders konnte, als darauf abzufahren.“ Erst jetzt merkte sie, wie fassungslos ihre Freundin sie anstarrte. „Nach gut zwei Stunden flirten, knutschen und verführen … haben wir es dann getan.“ Sie schluckte und war nun doch etwas peinlich berührt. „In der Vorratskammer.“

„Verstehe“, wiederholte Eva tonlos.

„Er hat ein Kondom benutzt, aber es war alles so wild und aufgepeitscht und spontan …“ Ratlos hob sie beide Hände. „Irgendwas muss schiefgegangen sein. Keine Ahnung, wie. Ich habe meine Periode nicht bekommen und heute Morgen gleich drei Schwangerschaftstests hintereinander gemacht. Alle waren positiv.“ Sie kam ins Stocken.

„Okay“, murmelte Eva gedehnt. „Aber wie kannst du dir absolut sicher sein, dass Dan als Vater nicht infrage kommt? Vielleicht hat ja bei ihm die Verhütung nicht geklappt?“

Tess legte den Kopf schief. „Höchst unwahrscheinlich angesichts der Tatsache, dass unser gemeinsames letztes Mal ungefähr drei Monate her ist.“

„Wen wundert’s?“

Evas abfälliger Tonfall ließ Tess aufhorchen. Dabei hatte Eva Dan doch gemocht, oder etwa nicht?

„Nun, zwischen euch beiden hat es nicht gerade geknistert“, schob Eva hinterher.

„War das so offensichtlich?“

Ihre Freundin kniff die Augen zusammen. „Was hast du an dem eigentlich jemals gefunden? Mich und Nick hat er jedenfalls zu Tode gelangweilt, daher dachten wir ja auch beide, er wäre wenigstens in der Kiste ein Knaller. Augenscheinlich ein Irrtum.“

„Ich fand eigentlich, wir passten ganz gut zusammen“, sagte Tess mehr zu sich selbst und fand, dass dieser Satz echt lahm und erbärmlich klang. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? So lange bei einem Kerl zu bleiben, der ihr absolut nichts zu bieten hatte … ob nun im Bett oder anderswo.

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