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Heiße Nacht in New York

PROLOG

Sarah Mahoney war nicht allzu bewandert in Liebesdingen. Aber dass ein One-Night-Stand so heißt, weil dessen Rausch nach einer Nacht verflogen ist, das wusste auch sie.

Während sie in ihre flachen Schuhe schlüpfte und sich die Nadelstreifenjacke ihres Hosenanzugs überzog, lag Hunter Osland noch in seinem großen Bett. Seine Brust hob und senkte sich, während er regelmäßig ein-und ausatmete. Irgendwo in diesem großen Haus hörte Sarah eine Tür zuschlagen.

Als sie Hunter so friedlich in seinem Himmelbett schlafen sah, konnte Sarah sich gut vorstellen, dass ein One-Night-Stand für ihn nichts Außergewöhnliches war. Vom Schlafzimmer aus gelangte man in ein Bad, in dem weißer Marmor dominierte. Drei in Zellophan verpackte Zahnbürsten lagen bereit, dazu neben frischen Gästehandtüchern noch diverse unbenutzte Kosmetikartikel – kurz: alles, was ein unerwarteter weiblicher Besuch am Morgen brauchte, bevor er sich diskret davonschlich. Genau das hatte Sarah jetzt vor. Wie sie die Situation einschätzte, war ein tränenreicher Abschied hier nicht angebracht.

Trotzdem war es eine unvergleichlich schöne Nacht gewesen. Aber nun war sie vorüber – kein Grund, sentimental zu werden. Sarah band sich das rotbraune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Noch einmal ließ sie den Blick durchs Zimmer mit seinen gediegenen Stilmöbeln und den beiden mächtigen Topfpalmen schweifen, die das Eckfenster einrahmten. Dann schaute sie zur Uhr. Kurz vor acht. Sarah hatte gerade noch Zeit, ihre Zwillingsschwester in dem weitläufigen Labyrinth dieses Hauses ausfindig zu machen, im Hauptsitz der Familie Osland. Sarah wollte sich noch schnell von Kristy verabschieden.

Sie musste sich beeilen, damit sie ihren Flug von Manchester, Vermont, nach New York erreichte.

Am Mittag musste sie an einem Planungsmeeting teilnehmen, gleich danach an der Telefonkonferenz mit dem Manager der Kosmetikabteilung des Kaufhauses Bergdorf an der Fifth Avenue. In Sarahs Aktenmappe steckten zwei umfangreiche Marketing-Berichte über die Produktlinie Luscious Lavender. Als PR-Managerin der Lush Beauty Products erwartete man von Sarah dazu eine Stellungnahme.

Nach den Weihnachtstagen und nach dieser Nacht mit Hunter hieß es für Sarah, wieder in ihr gewohntes Leben zurückzukehren. Sie straffte die Schultern, griff nach ihrer Handtasche und riskierte einen letzten Blick auf Hunter. Er hatte sich von der Bettdecke befreit, sodass Sarah ihn von den Hüften aufwärts bewundern konnte: die Brust, die breiten Schultern und die starken Arme, in denen sie vor Kurzem noch träumend gelegen hatte. Wieder verspürte sie dieses Kribbeln im Bauch, mit dem am vergangenen Abend alles begonnen hatte.

Sie war eins siebzig groß und hatte sich nie besonders klein gefühlt. Aber an der Seite von Hunter war das ganz anders. Überhaupt war es eine Nacht voller Überraschungen gewesen. Eine flüchtige Affäre, ein One-Night-Stand, das hatte Sarah vorher nie erlebt. Wenn Freundinnen oder Kolleginnen davon erzählten, hatte sie sich immer gefragt, was daran toll sein sollte, wenn jeder nur seine Bedürfnisse befriedigte.

Hunter hatte ihr dieses Gefühl überhaupt nicht gegeben. Er konnte einfühlsam und amüsant sein. Sein Intellekt hatte sie von Anfang an gefesselt, und sein Lächeln war einfach unwiderstehlich. Seine Berührungen, seine Zärtlichkeiten, die Küsse – nichts davon war ihr aufgesetzt oder gezwungen vorgekommen. Und als sie sich schließlich aufs Bett fallen ließen, hatte sie beinah gemeint, dass sie sich schon seit Jahren kannten und nicht erst seit Stunden.

Im Augenblick des Abschieds stiegen all die verwirrenden, berauschenden Gefühle in ihr wieder auf, die sie in dieser Nacht durchlebt hatte. Am liebsten hätte Sarah die Uhr zurückgestellt, wäre wieder zu Hunter ins Bett gekrochen, hätte seine Küsse genossen, seine Haut gespürt und seinen Duft eingeatmet.

Unschlüssig trat sie einen Schritt vor.

In diesem Augenblick drehte er sich seufzend um und streckte den Arm aus, als würde er im Schlaf nach ihr tasten. Sarah erschrak. Jede Sekunde konnte er die Augen aufschlagen. Wenn er wach wurde und sie noch immer hier stand – sie würde im Handumdrehen wieder bei ihm im Bett landen. Selbst wenn sie versuchte, standhaft zu bleiben, er kannte hundert Wege, wie er ihren Widerstand brechen konnte.

Sarah gab sich einen Ruck und öffnete leise die Tür. Jetzt wachte Hunter wirklich auf. Aber bevor er richtig zu sich kam, war Sarah bereits draußen auf dem Korridor und eilte zur Treppe.

Es war vorbei. Aus und vorbei. Das Beste, was ihr geschehen konnte, war, ihn nie wiederzusehen und diese Nacht möglichst schnell zu vergessen.

1. KAPITEL

Sechs Wochen waren vergangen, und plötzlich begegnete sie Hunter wieder. Sarah traute ihren Augen kaum, als sie ihn in den Konferenzraum gehen sah. So gelassen, als gehörte ihm das alles hier, kam Hunter zur Sitzung der Abteilungsleiter von Lush Beauty Products hereinspaziert.

Sarahs Boss, Firmendirektor Roger Rawlings, ergriff das Wort. „Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass es eine freundliche Übernahme unseres Hauses gegeben hat“, sagte er nach einigen Begrüßungsworten. „Die Osland International hat einundfünfzig Prozent der Anteile an den Lush Beauty Products erworben.“

Sarah richtete sich mit einem Ruck kerzengerade auf. Es sah nicht nur so aus – Hunter Osland gehörte tatsächlich der ganze Laden. Wenn der humorlose Roger sich überhaupt einmal zu einer scherzhaften Bemerkung hinreißen ließ, darüber machte er ganz sicher keine Witze.

Hunter lächelte zufrieden, würdigte Sarah aber keines Blickes. Alle anderen Gesichter in der Runde wirkten angespannt und ernst.

„Wie wahrscheinlich einige von Ihnen wissen, hat Osland International neben vielen anderen wirtschaftlichen Aktivitäten vor einiger Zeit auch in unserer Branche Fuß gefasst. Zum Konzern gehört unter anderem das Modelabel Sierra Sanchez mit einer Kette von Outlets in ganz Nordamerika sowie Australien und Europa“, fuhr Roger fort.

Langsam ließ Hunter den Blick durch die Runde schweifen.

Wer ihn höflich erwiderte, dem nickte Hunter zu. So begrüßte er stumm Ethan von der Produktentwicklung, Colleen vom Marketing, Sandra aus der Buchhaltung und Mary-Anne, die den Vertrieb leitete.

Gleich kam sie an die Reihe. Sarah machte ein gefasstes Gesicht. Als PR-Managerin hatte sie gelernt, auch unter den schwierigsten Umständen die Fassung zu wahren. Vor den anderen wollte Sarah sich erst recht keine Blöße geben. Hauptsache war, dass er sich nichts anmerken ließ, dann konnte sie das auch. Allerdings hätte sie es fairer gefunden, wenn er sie vorgewarnt hätte.

Der Hunter, den sie in Manchester kennengelernt hatte, war ein wahrer Gentleman gewesen. Sarah hatte damit gerechnet, in den Tagen nach Weihnachten wenigstens eine kurze E-Mail von ihm zu bekommen, auch wenn es nur ein paar unverbindliche Worte waren. Sollte sie sich in ihm getäuscht haben? Oder war die Erklärung noch einfacher, und Hunter hatte die ganze Affäre schon am nächsten Tag vergessen?

Während Sarah grübelte, redete Roger unentwegt weiter. „Sierra Sanchez“, verkündete er gerade, „bietet uns, Lush Beauty Products, eine Kooperation in Form von hochwertigen Shop-in-Shops, durch die sich die Ausgangslage deutlich verbessert. Wir können uns mit unserer neuen Produktlinie Luscious Lavender besser auf dem Markt positionieren. Und ich bin davon überzeugt, dass die künftige Zusammenarbeit zwischen Osland International und Lush Beauty für beide Seiten gewinnbringend wird.“

In diesem Moment trafen sich die Blicke von Hunter und Sarah.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie eine Reaktion. An seiner Schläfe zuckte ein Muskel. Seine Nasenflügel bebten. Kaum merklich hob er die Augenbrauen. Sarah war felsenfest davon überzeugt, dass jeder am Tisch hören musste, wie es plötzlich vor Spannung knisterte.

Okay, dachte sie, vielleicht ist es gar nicht so verkehrt gewesen, dass er mich nicht gewarnt hat.

Es gab Tage, da hasste Hunter Osland seinen Großvater regelrecht für dessen seltsamen Humor. Und dies war wieder einer davon. In dem Augenblick, als Hunter Sarah am Konferenztisch erblickte, wurde ihm schlagartig klar, was ihm in den vergangenen sechs Wochen rätselhaft geblieben war.

Erst war Samuel Osland, im Kreise seiner Familie liebevoll Gramps genannt, nicht davon abzubringen gewesen, Lush Beauty Products zu übernehmen. Dann hatte er sich darauf versteift, dass Hunter dort den Chefsessel einnehmen sollte. Und schließlich hatte er Hunter befohlen, sich dem versammelten Führungsstab von Lush Beauty persönlich vorzustellen. Mit anderen Worten: Sein Großvater musste irgendwie Wind davon bekommen haben, dass Hunter mit Sarah geschlafen hatte. Und der alte Herr hatte herausgefunden, wo und in welcher Position Sarah arbeitete. Er liebte es, seinem Enkel zu demonstrieren, dass er ihm überlegen war.

„So heißen Sie bitte Mr. Osland bei Lush Beauty Products recht herzlich willkommen.“ Roger war endlich zum Schluss gekommen, und sein letzter Satz mündete in einen höflich zurückhaltenden Applaus rund um den Tisch. Jeder der Anwesenden fragte sich zweifellos, was ihm der Wechsel in der Leitung des Unternehmens persönlich bringen mochte.

Hunter, der auf diese Reaktion gefasst war, sah seine erste Aufgabe darin, die Bedenken zu zerstreuen. Eine andere Aufgabe, die ihm später bevorstand, war ungleich schwieriger: nämlich Sarah gegenüberzutreten und für sie die richtigen Worte zu finden.

Gelassen trat er neben Roger und begann in gewohnt ruhiger und routinierter Weise zu reden: „Vielen Dank, Roger. Zunächst möchte ich Sie alle hier bitten, mich einfach mit Hunter anzureden. Zweitens kann ich Ihnen versichern, dass Osland International nicht vorhat, in die Personalsituation oder die Führungsstruktur von Lush Beauty Products einzugreifen.“

Er machte eine kurze Pause, um sich das Nächste, was er sagen wollte, noch einmal zu vergegenwärtigen. Er wusste, dass es eine Lüge war. „Unsere Entscheidung, hier zu investieren, wurde getroffen, weil es meinem Großvater, dem Seniorchef von Osland, imponiert hat, wie Sie mit Ihrer neuen Produktlinie Luscious Lavender darangehen, neue Zielgruppen zu erschließen.“ Hunter war sich sicher, dass sein Großvater noch bis vor sechs Wochen weder etwas von Luscious Lavender noch von Lush Beauty Products gehört hatte.

„Wir glauben an die Möglichkeit, auch auf dem internationalen Markt bestehen zu können“, fuhr Hunter fort, „und erwarten Ihre Ideen. Während Roger weiterhin im täglichen Geschäft das Management leiten wird, kümmere ich mich um die strategischen Entscheidungen. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen: Jedem von Ihnen steht meine Tür offen. Mein Büro befindet sich oben in der zwanzigsten Etage.“

„Wir werden den Übergang so reibungslos wie möglich gestalten“, versicherte Roger und wandte sich dabei noch einmal an die Mitarbeiter. „Sollte jemand von Ihnen Fragen oder Anregungen haben, dann scheuen Sie sich nicht, mich als Ihr Sprachrohr zu benutzen. Ich habe Verständnis dafür, wenn der eine oder die andere von Ihnen für den Moment vielleicht etwas irritiert ist …“

Hunter unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Er hatte genug von diesen Floskeln. Außerdem schien Roger gerade unterbinden zu wollen, dass jemand direkt auf Hunter zuging. „Es besteht nicht der geringste Anlass, beunruhigt zu sein. Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, kommen Sie einfach zu mir.“

Sein Blick fiel auf Sarah. Vor allem sie könnte jederzeit zu ihm kommen.

Nur eine Stunde später stand Sarah an seiner Tür. Hunters großzügiges Büro hatte zwei Fensterfronten. Ein großer Schreibtisch dominierte den Raum. Auf einem Sideboard stapelten sich Bücher und Aktenordner. Etwas abseits stand ein Konferenztisch für acht Personen.

„Hier bin ich. Ich habe den Wink verstanden.“ Sarah sah ihn aufmerksam an. Dann schloss sie die Tür hinter sich und trat ein paar Schritte vor.

Hunter schob den Laptop beiseite, an dem er gerade gearbeitet hatte. Für einen winzigen Moment glaubte Sarah, eine Spur von Schuldbewusstsein in seinem Blick zu entdecken. Ein schlechtes Gewissen, weil er mich überrumpelt hat, dachte sie. Das kann nicht schaden.

„Es war Gramps“, erklärte er und hob entschuldigend die Hände. „Es war seine Idee, das Unternehmen zu kaufen und mir die Leitung zu übertragen.“

„Und du hattest vorher keine Ahnung, dass ich hier arbeite?“

„Ich wusste es wirklich nicht“, versicherte er ihr.

„Also stellst du mir nicht nach?“

Er schaltete den Computer aus. „Ich sage doch: Es war Gramps Idee, nicht meine. Ich vermute, er hat das mit uns herausbekommen und erlaubt sich nun einen kleinen Scherz.“

„Dann ist er nicht normal.“ Der Gedanke, dass jemand genug Geld und Macht besaß, dass er eine Firma mit vierhundert Mitarbeitern kaufen konnte, um sich „einen kleinen Scherz“ zu erlauben – beängstigend.

„Vielleicht ist es bereits der Altersstarrsinn“, meinte Hunter. Nach kurzer Überlegung fügte er jedoch hinzu: „Andererseits war er immer schon so.“

„Kristy schwärmt von ihm“, entgegnete Sarah. Sie hatte allerdings nicht vor, Samuel Osland vor Hunter in Schutz zu nehmen. Wenn es stimmte, was Hunter erzählt hatte, war der alte Herr wirklich mehr als sonderbar.

„Kein Wunder. An deiner Schwester hat er einen Narren gefressen.“

Das konnte sich Sarah gut vorstellen. Erst vor wenigen Wochen hatte Samuel ihrer Schwester eine stattliche Starthilfe für ihren Einstieg in die Modebranche gegeben. Seitdem ging ihre Karriere steil bergauf.

Sarah wollte auch erfolgreich sein. Und die Expansionspläne der Firma sowie die neue Produktlinie Luscious Lavender waren keine schlechten Voraussetzungen. Auf keinen Fall würde Sarah sich durch Hunter von ihren beruflichen Ambitionen ablenken lassen.

Entschlossen ignorierte sie das Kribbeln im Bauch und trat an seinen Schreibtisch. Sie musste lernen, Hunter unbefangener gegenüberzutreten – nicht nur weil ihre kurze Affäre ein für alle Mal der Vergangenheit angehörte. Denn jetzt war er ihr Chef. Selbst wenn er Vergangenes aufwärmen wollte, Sarah war dazu nicht bereit. Aber warum sollte er auf die Idee kommen, dass sie eine weitere heiße Nacht miteinander verbringen könnten?

Nachdem sie sich geräuspert hatte, setzte Sarah sich auf einen der Besuchersessel. „Und was nun?“, fragte sie möglichst gelassen.

Sein Lächeln wurde breiter.

Oder fällt es ihm doch ein, fragte Sarah sich prompt. „Nein“, sagte sie laut. „Was denn? Ich hab doch überhaupt nichts gesagt.“ „Aber gedacht. Und die Antwort ist Nein.“ „Wie herzlos.“ „Ich bin nicht herzlos, ich gehöre nur nicht zu den Frauen,

die durch die Betten nach oben kommen wollen.“

„Oben zu sein ist nicht das Schlechteste.“

„Das musst du ja wohl am besten wissen.“

Er lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Dann lächelte Hunter sie herausfordernd an. „Ja, das muss ich wohl.“

Sarah hatte keine Lust, dieses Geplänkel fortzusetzen. Sie beugte sich vor, legte die Unterarme auf den Schreibtisch und erklärte: „Okay, sprechen wir lieber davon, wie wir das hier handhaben wollen.“

„Eine Möglichkeit haben wir ja vor ein paar Wochen bereits ausprobiert.“

Sie wünschte, er würde aufhören, mit ihr diese Spielchen zu spielen. Es war zu verlockend, sich darauf einzulassen. In jener Nacht in Manchester hatte es zwischen ihnen auch mit einem verbalen Schlagabtausch angefangen. Und das war ein aufregender Vorgeschmack dessen gewesen, was kurz darauf im Bett gefolgt war.

„Kannst du nicht ein Mal ernst bleiben? Also: Niemand in diesem Haus weiß von uns …“

„Stimmt nicht“, widersprach Hunter. „Ich weiß von uns.“

„Dann rate ich dir, es schleunigst zu vergessen.“

„Ich denke ja gar nicht daran.“

Sarah beugte sich noch weiter vor. „Hör zu, Hunter“, meinte sie mit finsterer Miene, „es wäre schon im Sinne unserer beruflichen Zusammenarbeit, wenn du es vergisst.“ „Du glaubst gar nicht, wie niedlich du aussiehst, wenn du wütend bist.“ „Meine Güte! Das ist die banalste Anmache, die ich kenne. Gerade habe ich dich darum gebeten, ernst zu bleiben.“ „Wer sagt dir, dass ich nicht ernst bin? Wirklich, Sarah, entspann dich. Was ist denn so dramatisch?“

Sie ließ sich auf dem Sessel zurückfallen. „Du meinst, ich nehme das alles viel zu ernst?“, fragte sie vorsichtig. „Und was heißt das praktisch?“

„Nun, von mir wird niemand etwas erfahren. Und ich nehme an, von dir auch nicht. Also was soll schon sein? Was auch immer Gramps bezweckt, ist seine Sache. Ich habe nun mal diesen Job, und deshalb werde ich Lush Beauty Products auch managen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe meinen Job, und du hast deinen.“

Sarah stand auf. So einfach war das also. Offensichtlich fiel es ihm leicht, zur Tagesordnung überzugehen. Kein Grund, enttäuscht zu sein, versuchte Sarah, sich Mut zu machen. Vielleicht war es das Beste so.

Sie nickte ihm kurz zu. „Gut, dann werde ich mich wieder meinem Job widmen. Wir sehen uns ja jetzt wohl häufiger.“

„Sicher“, meinte er leichthin.

Hunter war weit davon entfernt, die Wahnsinnsnacht zu vergessen. Nachdem Sarah die Tür hinter sich geschlossen hatte, fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Auch wenn es nur eine Nacht gewesen war, jene Stunden hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Als wäre es gestern gewesen, sah er Sarah vor sich, wie sie zusammengekauert in dem Ledersessel im Salon des Oslandhauses saß. Ein Stückchen hinter ihr stand der geschmückte Weihnachtsbaum, im Kamin vor ihnen prasselte ein Feuer. Gerade dieser Anblick hatte sich Hunter eingeprägt. Denn in jenem Moment war ihm aufgefallen, wie schön sie war. Ihr rotes Haar hatte es ihm angetan. Er hatte seit jeher eine Schwäche für Rothaarige. Vielleicht hing es damit zusammen, dass ihm eine Zigeunerin einst, als er sechzehn gewesen war, wahrgesagt hatte, dass er später einmal eine Frau mit roten Haaren heiraten werde.

So hatten sie am Weihnachtsabend dort gesessen. Sarahs Wangen waren durch die Wärme des Feuers leicht gerötet, und ihre herrlich blauen Augen strahlten. Das Haar fiel ihr in weichen Wellen auf die Schultern. Zu gern hätte Hunter die Hand ausgestreckt, um sie zu berühren.

Ungeduldig hatte er darauf gewartet, bis der Rest der Familie sich verabschiedete und zu Bett ging. Er hatte gehofft, dass Sarah noch ein wenig bei ihm blieb. Und sie war geblieben.

Als sie beide endlich allein waren, war es an ihm, den nächsten Schritt zu tun. Sarah gehörte seit Kurzem zur Familie. Hunters Cousin Jack hatte ihre Zwillingsschwester Kristy geheiratet. Ihre Wege würden sich also noch manches Mal kreuzen. Aber das kümmerte Hunter in diesem Augenblick nicht. Zwischen ihnen hatte es bereits den ganzen Abend geknistert.

Hunter stand auf und ging, ohne sie aus den Augen zu lassen, zu ihr hinüber. Ihre blauen Augen wurden um eine Nuance dunkler, während er sich ihr näherte. Vor ihrem Sessel blieb er stehen, beugte sich vor und stützte sich mit den Händen rechts und links von ihr auf die Armlehnen, sodass es kein Entrinnen für sie gab. Aber daran schien sie auch gar nicht zu denken. Sarah sah ihm offen ins Gesicht und schien gespannt zu sein, was als Nächstes geschehen würde.

Er liebte das. Er liebte diese herausfordernde Art.

„Na?“, sagte er in einem vieldeutigen Ton.

„Na?“, antwortete sie. Ihre Stimme klang ein wenig rau. Ihre Pupillen waren geweitet.

Er legte ihr den Zeigefinger unters Kinn. Sarah zuckte nicht zurück. Dann beugte er sich langsam über sie, um ihr Gelegenheit zu geben, ihm auszuweichen. Er nahm den Duft ihrer Haut wahr und spürte ihren warmen Atem. Es war zu verlockend. Seufzend streifte er ihren Mund mit den Lippen. Sie schmeckte süß, und Hunter spürte den brennenden Wunsch, mit der Zunge einzudringen und seiner Leidenschaft freien Lauf zu lassen. Aber er hielt sich zurück, er beließ es bei dem einen zarten Kuss.

„Aufhören?“, fragte er leise. Er brauchte eine Antwort von ihr. Sie war Gast im Haus, und er wollte sie nicht bedrängen.

„Weitermachen“, flüsterte sie.

Sein Puls erhöhte sich in dieser Sekunde. Hunter kniete sich vor den Sessel, zog Sarah zu sich heran und küsste sie.

Dieses Mal gab es jetzt keine Zurückhaltung mehr. Ihre Zungen fanden zueinander und begannen ein wildes Spiel. Sarah rückte näher an ihn und schmiegte sich an seine Brust. Ein unbändiges Verlangen überkam ihn. Er konnte nicht genug davon bekommen, ihre Haut und ihr Haar zu streicheln.

„Ich will dich“, flüsterte er.

„Ganz sicher?“, fragte sie und lachte leise.

„Du bist ganz schön keck“, entgegnete er, ohne die Lippen von ihren zu lösen. Ihre Küsse wurden ungestümer und zügelloser, bis er sich schließlich losmachte und hörbar nach Atem rang.

„Ist das ein Ja?“

„Ist das ein Angebot?“, konterte sie.

„Nimm es als Versprechen.“ Damit hob er sie hoch und stand auf.

Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und legte den Kopf an seine Schulter. Plötzlich spürte Hunter, wie sie mit den Zähnen sanft an seinem Ohrläppchen zog. Es war, als ob sein heißes Verlangen in diesem Moment siedete. Noch nie war ihm der Weg in sein Schlafzimmer am anderen Ende des Hauses so endlos weit vorgekommen.

Ein Klopfen an seiner Bürotür riss Hunter aus den Erinnerungen.

„Ja!“, sagte er scharf.

Die Tür ging auf, und wieder trat Sarah ein. Forsch kam sie auf ihn zu, setzte sich auf den Besuchersessel und schlug die Beine übereinander. Wunderschöne Beine. Hunter, soeben aus den sinnlichen Tagträumen gezogen, überlegte unwillkürlich, wie es wäre, ihr nur mit dem Zeigefinger über das Knie zu streichen – bis zu ihrem Rocksaum und dann weiter … Sie trug ein schlichtes, beigefarbenes Kostüm und unter der Jacke ein blassrosa Top. Ihre festen Brüste zeichneten sich unter dem dünnen Stoff deutlich ab. Hunter versuchte verzweifelt, an etwas anderes zu denken.

„Da wir ja nun eine ganz normale Geschäftsbeziehung unterhalten“, begann sie, „hätte ich ein Anliegen.“

Ich hätte auch eines, dachte Hunter. Im Schein des Sonnenlichts, das durch die hohen Eckfenster fiel, schimmerte ihr Haar hellrot. „Nur heraus damit“, meinte er jovial, konnte seine Anspannung jedoch kaum verbergen.

„Ich habe da so eine Idee, aber Roger hält nichts davon. Es geht um den Ball.“

Hunter hatte bereits von der Aktion gehört. Lush Beauty Products plante, am Valentinstag Kundinnen zu einem Ball einzuladen. Das große Ereignis sollte den Auftakt zu einer umfassenden Luscious-Lavender-Kampagne bilden.

Sarah wartete auf eine Reaktion von Hunter. Da keine kam, sprach sie weiter: „Ich bin mit der Planung beauftragt. Und mir ist eingefallen, dass sich daraus vielleicht noch mehr machen ließe.“

„Ein noch größerer Ball?“, fragte er skeptisch. Die Firma hatte den großen Festsaal im „Roosevelt Hotel“ gebucht.

Größer ging es wohl kaum.

„Nein, kein größerer Ball, eine breitere Kampagne. Nur ein Ball, das reicht mir nicht.“

„Und was schwebt dir vor?“ Hunter war neugierig.

„Ich denke daran, die Sache mit einer Promotion in einem der exklusiven Wellness-Center zu verbinden. Wir wollen doch weiter nach oben, an die zahlungskräftigen Zielgruppen. Und wo lassen wohlhabende Frauen sich verwöhnen? Wo gehen sie zur Kosmetik, zum Friseur?“

„Im Wellness-Center?“ Hunter gab sich Mühe, sich bei dem Stichwort verwöhnen nichts zu denken.

„Genau dort.“

„Klingt nicht so übel.“ Hunter überlegte. Sarah hatte ihn nicht enttäuscht. Sie war wirklich brillant. Ihr Vorschlag war ausgezeichnet. In Kombination mit dem Ball konnten sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. „Und was hat Roger dagegen?“

„Hat er mir nicht verraten. Er hat einfach abgelehnt.“

„Ach, wirklich?“ Hunter hielt nicht viel von Vorgesetzten, die glaubten, es nicht nötig zu haben, ihre Entscheidungen zu begründen. „Und was soll ich dabei tun?“ Ohne zu zögern, würde er ihr helfen. Nicht weil sie eine Affäre gehabt hatten, sondern weil die Idee wirklich gut war.

„Vielleicht mit Roger reden …?“ Sarah biss sich auf die Unterlippe.

„In Ordnung. Ich rede mit ihm.“

Sie sah ihn verdutzt an. „Damit hätte ich jetzt so schnell nicht gerechnet.“

„Ich bin nun mal entscheidungsfreudig.“

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