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Heiße Liebe in eisiger Nacht

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Caroline Cross

Heiße Liebe in eisiger Nacht

Als der Sicherheitsexperte Taggart Steele nach langer Suche Genevieve Bowen aufspürt, hält er seinen Auftrag für erledigt. Doch die zierliche, bildhübsche Frau, die er festnehmen soll, scheint über magische Kräfte zu verfügen: Plötzlich liegt er gefesselt in einer Berghütte in Montana auf dem Bett. Und dann legt sie sich zu ihm, um sich in dieser eiskalten Winternacht zu wärmen! Leidenschaftliches Verlangen flammt in ihm auf. Taggart kennt nur noch ein Ziel – die unwiderstehliche Frau an seiner Seite zu erobern...

1. KAPITEL

John Taggart Steele stand bewegungslos im Schatten der hoch aufragenden immergrünen Bäume.

Schneeflocken wirbelten in der eisigen Luft um ihn herum, von einem launischen Windstoß hoch über ihm von den Baumkronen gefegt. Taggart kniff die Augen vor der Oktobersonne zusammen und hob das Fernglas an, um es auf die Berghütte zu richten, die etwa fünfhundert Meter entfernt auf einer Lichtung stand. Gleich darauf vibrierte sein Handy. Er nahm es vom Gürtel und sah auf das Display. Der Anruf kam aus dem Büro von „Steele Security“ in Denver. Er drückte auf den Knopf. „Ja?“

„Sieht aus, als wäre sie’s wirklich.“ Die Stimme seines Bruders Gabriel verriet weder Ärger über die schroffe Begrüßung noch Zufriedenheit darüber, endlich die lange erwartete Information zu liefern. Wie immer klang er einfach nur ruhig und gelassen.

Taggart sagte nichts, sondern wartete ab.

„Der Wagen wurde kürzlich auf den Namen Susan Moore registriert. Der vorige Besitzer ist ein Student aus Laramie, der sagt, er hätte den Wagen vor drei Wochen an eine Kellnerin in der Bar verkauft, die er oft besucht. Seine Beschreibung von ihr passt haargenau auf Genevieve Bowen. Sie sei ein ‚wirklich süßes kleines Ding‘. Sie bezahlte in bar und vertraute ihm an, dass sie in die Südstaaten fahren wolle, um ihren kranken Großvater zu besuchen.“

„Laramie?“

Gabriel schien zu ahnen, was Taggart dachte. „Ja. Als sie Flagstaff verließ, bewegte sie sich in Richtung Denver, nicht davon weg. Völlig unerwartet und völlig unlogisch.“ Es folgte eine Pause, dann fügte er nachdenklich hinzu: „Eine verdammt gute Strategie.“

So würde Taggart, der die gerissene Miss Genevieve Bowen nun schon seit fast drei Monaten verfolgte, es nicht unbedingt nennen. Trotzdem unterdrückte er die rüde Bemerkung, die ihm in den Sinn kam, genauso wie auch seine für ihn völlig uncharakteristische Ungeduld. Gefühle hatten in seinem Beruf keinen Platz. Zur Arbeit, die er und seine Brüder mit der „Steele Security“ in Denver erledigten, gehörten Rettungsaktionen für Geiseln und das Auffinden von Flüchtlingen ebenso wie der Schutz und die Bewachung wichtiger Persönlichkeiten. Kreatives Denken, eine gute Analysefähigkeit jeder Situation und Risikobereitschaft waren nur einige von Taggarts Stärken.

Innere Gelassenheit, Unvoreingenommenheit und professionelle Distanz hielt er für unerlässliche Voraussetzungen in diesem Beruf. Seiner Auffassung nach sollte man es in Stein meißeln – selbst wenn sein Bruder Dominic vor Kurzem ein reiches Mädchen aus den besten Kreisen aus den Klauen eines rücksichtslosen Diktators auf einer karibischen Insel befreit und dann geheiratet hatte.

Er lenkte den Blick von der Hütte auf den uralten Ford, der davor geparkt war. Nur weil es der gesuchte Wagen war, bedeutete das nicht unbedingt, dass es sich hier wirklich um Genevieve Bowen handelte. Es gab immer noch eine, wenn auch kleine Möglichkeit, dass sie es geschafft hatte, ihm wieder zu entwischen, wie sie es schon dreimal vorher getan hatte, indem sie den jeweiligen Wagen an eine bedürftige junge Frau verschenkt hatte.

Doch daran glaubte Taggart dieses Mal nicht. Und das nicht nur, weil sein Instinkt ihm sagte, dass er endlich Glück haben würde. Nein, dieses Mal hatte er sie tatsächlich selbst gesehen, als sie vom Parkplatz eines Lebensmittelladens in einem Vorort von Kalispell fuhr, als wäre nichts geschehen.

Die Tür der Hütte öffnete sich.

„Es tut sich was“, sagte Taggart zu Gabriel. „Ich rufe nachher zurück.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, unterbrach er die Verbindung und setzte wieder das Fernglas an, gerade als eine Frau auf die Veranda trat, die die Hütte umgab.

Ganz langsam ließ Taggart den Blick über sie gleiten, von ihren Schaffellstiefeln über ihre schlanken Beine, die in Jeans steckten, dann zum praktischen grünen Parka und schließlich zu ihrem Gesicht.

Überrascht stellte er fest, dass er den Atem angehalten hatte, und stieß die Luft aus. Es gab keinen Zweifel: Sie war es. Nach den vielen Wochen, in denen er sie verfolgt, mit ihren Freunden gesprochen und ihr Foto herumgezeigt hatte, war ihm ihr Gesicht so vertraut geworden wie sein eigenes – ihre vollen Lippen, die gerade kleine Nase, die großen dunklen Augen und das leicht eckige Kinn. Das glänzende braune Haar, das sie früher zu einem dicken Zopf geflochten hatte, der ihr bis zur Taille reichte, war jetzt kurz geschnitten, und nach einer Reihe von verschiedenen Schnitten und Farben hatte es jetzt wieder seine ursprüngliche Farbe zurückerhalten.

Taggart runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Aber dann wurde ihm klar, dass er sich nur wunderte, wie klein sie war. Seine Informationen sagten ihm zwar, sie sei nur eins sechzig groß, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich vorgestellt, dass sie größer wirken müsse.

In jedem Fall war sie es – Miss Genevieve Bowen aus Silver in Colorado, Besitzerin eines Buchladens, die unentgeltlich Kurse für Analphabeten gab, Sprechstunden für Teenager abhielt, als Tierliebhaberin galt und gelegentlich sogar Pflegekinder bei sich aufnahm. Sie war so bekannt für ihre Freundlichkeit ihren Mitmenschen gegenüber, dass ihre Freunde sie ihre kleine Mutter Teresa nannten.

Wohl eher Mutter Nervensäge. Taggart dachte grimmig an die völlig verschwendeten drei Monate. Da Miss Bowen noch nie vorher mit dem Gesetz in Konflikt geraten war und man eigentlich davon ausgehen konnte, dass der normale Durchschnittsbürger nicht die geringste Ahnung davon hatte, was es hieß, auf der Flucht zu sein, hatte Taggart auch angenommen, dass er sie finden würde, ohne besonders ins Schwitzen zu geraten.

Was sich als riesiger Irrtum erwies. Zu seiner Überraschung und dann zu seinem wachsenden Ärger – und der nicht geringen Belustigung seiner Brüder – hatte die kleine Genevieve keinen einzigen der typischen Anfängerfehler gemacht. Verdammt noch mal, sie hatte überhaupt keinen Fehler gemacht. Stattdessen war sie einfach verschwunden, und ein Job, der eigentlich ein Kinderspiel von einer Woche hätte werden sollen, verwandelte sich in eine harte Prüfung für Taggarts Gerissenheit und Ausdauer.

Aber zu Genevieves Pech war Taggart nun mal sehr, sehr gut in seinem Job.

Als er also wieder einmal ihre Spur verloren hatte, hatte er als methodischer Pedant, der er war, beschlossen, alle Orte, die er ursprünglich als mögliche Verstecke untersucht hatte, noch einmal zu besuchen – einschließlich der Berghütte ihres verstorbenen Urgroßonkels in Montana, wo Genevieve und ihr Bruder, der im Augenblick wegen Mordes festgehalten wurde, vor vielen Jahren einige Sommer verbracht hatten.

Und dann hatte er noch das unglaubliche Glück gehabt, gerade in dem Moment auf den Parkplatz vor dem Lebensmittelladen einzubiegen, als sie ihn verließ. Sonst hätte er sie nicht nur verpasst, er hätte auch die Hütte wieder von seiner Liste gestrichen und wahrscheinlich noch einige Wochen für die Suche nach Genevieve verschwendet.

Doch so hatte er einfach die Autonummer an Gabriel weitergegeben, war ihr bis zur Hütte gefolgt und hatte gewartet. Wieder hatte sich für ihn als gut erwiesen, was für sie schlecht war. Allerdings war dieses Jahr in jeder Hinsicht kein Erfolg für Genevieve gewesen. Ihr Bruder war wegen des Mordes an James Dunn, dem einzigen Sohn seines Klienten, festgenommen worden, und Genevieve war gegen ihren Willen als Hauptzeugin der Anklage herangezogen worden. Doch statt ihre Aussage zu machen, fasste sie lieber den ziemlich dummen Entschluss zu fliehen.

Aber jetzt hatte er sie. Mit einem absurden Anflug von Besitzerstolz sah er ihr zu, wie sie den Pick-up erreichte, eine Tüte mit Einkäufen herausholte und den gleichen Weg zurückging. Gerade als sie die Treppe erreichte, die zur Veranda hinaufführte, blieb sie stehen, wandte den Kopf und schien Taggart direkt anzusehen.

Obwohl er genau wusste, dass sie ihn nicht erkennen konnte, empfand er ihren Blick wie eine sanfte Berührung. Er stand still, vergaß beinahe das Atmen und spürte ein Prickeln auf der Haut. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sie den Blick von ihm abwandte und den Rest der Lichtung sorgfältig absuchte. Erst dann straffte sie die Schultern und ging schnell die Stufen hinauf. Aber auf der Veranda blieb sie stehen und sah noch einmal in seine Richtung, bevor sie schließlich hineinging.

Taggart stieß verärgert die Luft aus und fragte sich gereizt, was das eben zu bedeuten hatte. Für wen hielt sie sich eigentlich? Für eine Art Hellseherin?

Nun, es müsste schon viel geschehen, bevor er an solch einen faulen Zauber glaubte. Entschlossen verstaute er das Fernglas und setzte sich in Bewegung. Vorsichtig im Schatten der Bäume bleibend, arbeitete er sich zur hinteren Seite der Hütte vor, wobei sein kräftiger Körper sich von den hüfthohen Schneewehen kaum aufhalten ließ.

Genug mit dem Katzund-Maus-Spiel. Jetzt wurde es Zeit, dass die Falle zuschnappte.

Genevieve stellte die Einkaufstasche auf den Küchentisch. Trotz des wärmenden Parkas fror sie und rieb sich die Arme. Doch sie fror nicht nur, sie verspürte auch eine seltsame Unruhe. Sosehr sie es auch herunterzuspielen versuchte, sie hatte vorhin das unangenehme Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Es war unheimlich gewesen, fast wie eine körperliche Berührung. Genevieve war erschaudert und hatte eine Gänsehaut bekommen.

Am liebsten wäre sie davongelaufen.

Das kommt davon, wenn man bis spät in die Nacht aufbleibt und Stephen King liest, sagte sie sich. Mach nur so weiter, und bald wirst du noch denken, dass die Bäume sich bewegen oder ein mutiertes Eichhörnchen dich holen kommt.

Sie musste lächeln. Na schön, sie war ein wenig nervös, aber das war ja nicht überraschend, vor allem da ihre Fahrt in die Stadt sie mit so vielen widersprüchlichen Gefühlen erfüllt hatte.

Es war typisch für ihre gegenwärtige Situation, dass sie einerseits furchtbare Angst gehabt hatte, man könnte sie erkennen, sich andererseits aber zutiefst gewünscht hatte, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Und das war nicht nur unlogisch und widersprüchlich, sondern auch noch höchst unwahrscheinlich, da sie das letzte Mal, als sie hier war, gerade fünfzehn gewesen war, also ungefähr halb so alt wie heute.

Und doch ging sie ein Risiko ein, indem sie hierherkam. „Wie man ohne Spuren untertaucht“ – ihre Bibel in den letzten Monaten – warnte eindringlich davor, bekannte oder vertraute Orte aufzusuchen.

Aber Genevieve ging allmählich das Geld aus, und sie brauchte eine kurze Verschnaufpause von vielleicht einer oder zwei Wochen, um sich auszuruhen und neue Pläne zu schmieden. Und nach so langer Zeit würde doch sicher jeder, der sie noch suchen mochte, diesen Ort hier schon längst abgeschrieben haben.

Jedenfalls hoffte sie das von ganzem Herzen. Sie sah sich in der Hütte, die eigentlich ein kleines komfortables Ferienhaus war, um. Im hinteren Teil befand sich die Küche, im vorderen das Bad und die Schlafecke mit dem breiten Bett sowie eine Sitzecke. Eine schmale Treppe, die zu einem kleinen Dachboden hinaufführte, trennte den vorderen und den hinteren Bereich.

Die Vorderseite des Hauses bestand hauptsächlich aus Fenstern, in der Mitte unterteilt von einem steinernen Heizkamin mit feuerfester Glastür, der vom Boden bis zur Decke reichte. Das große marineblaue Sofa, die drei Beistelltische und die zwei weichen Schaukelstühle waren neue Stücke und von der Hausverwaltungsagentur ausgewählt worden, die Genevieve beauftragt hatte, als sie und ihr Bruder die Hütte geerbt hatten. Doch auch die neuen Möbel wirkten schlicht und elegant wie die alten Stücke ihres Urgroßonkels, und sie waren so angeordnet, dass sie den Blick auf die wundervollen Berge freigaben, die man durch die Fenster sehen konnte.

Wenn Genevieve die Augen schloss, konnte sie sich fast vorstellen, sie wäre wieder fünfzehn und ihr Urgroßonkel Ben würde jeden Moment zur Tür hereingepoltert kommen, den ihn anbetenden zwölfjährigen Seth dicht auf den Fersen. Die beiden würden ihr aus den Händen reißen, was sie gerade las – ihr kleiner Bruder beschwerte sich darüber, dass Genevieve ständig las – und sie auf die Veranda hinauszerren, um ihr den Sonnenuntergang zu zeigen oder den Flug eines Adlers hoch oben über ihren Köpfen zu verfolgen.

Doch Onkel Ben war leider schon vor mehr als zehn Jahren gestorben. Er war der letzte der fünf ältlichen Verwandten, die ihr Bestes gegeben hatten, um ihrem Großneffen und ihrer Großnichte eine einigermaßen normale Kindheit zu ermöglichen. Und Seth …

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken an das letzte Mal, als sie ihren Bruder gesehen hatte. Er hatte einen orangefarbenen Overall getragen, seine Hände waren in Ketten gelegt. Verschlossen und unnachgiebig hatte er sie durch das Drahtgeflecht angesehen, das Besucher und Insassen des Bezirksgefängnisses voneinander trennte.

„Nein. Auf keinen Fall, Genevieve“, hatte er gesagt. „Wenn du vor Gericht auftauchst und die Aussage verweigerst, werden sie dich auch noch ins Gefängnis werfen.“

„Aber …“

„Nein. Es ist schon schlimm genug, dass du womöglich dein Haus verlieren wirst. Und wofür? Um einen Anwalt zu bezahlen, der mich für schuldig hält? Aber ich schwöre bei Gott, ich gestehe eher, bevor ich zulasse, dass du deine Freiheit opferst.“

„Seth, sei kein Idiot …“

„Ich meine es ernst. Es ist sowieso sicher, dass man mich schuldig sprechen wird.“ Seine Stimme hatte ruhig, fast ausdruckslos geklungen, aber seine Augen drückten eine so tiefe Verzweiflung aus, dass es Genevieve viel Kraft gekostet hatte, nicht den Kopf auf den Holztresen zwischen ihnen zu legen und in Tränen auszubrechen. „Das Beste, was du tun kannst, ist zu akzeptieren, dass alles verloren ist, und … mich zu vergessen.“

Als ob das möglich wäre, dachte Genevieve jetzt wütend. Schon die Vorstellung, ihren kleinen Bruder einfach aufzugeben, war undenkbar. Sie hatten ihren Vater nie kennengelernt, und seit ihre Mutter sie im Stich gelassen hatte, als Genevieve zehn war und Seth sieben, hatten sie nur einander gehabt. Sie würde sicher nicht untätig zusehen, wie er für etwas bestraft wurde, das er nicht getan hatte. Genauso wenig würde sie natürlich zulassen, dass man sie dazu benutzte, seine Schuld zu beweisen.

Und so hatte sie sich nach langem, quälendem Grübeln zur Flucht entschlossen. Es war zwar nicht die perfekte Lösung, denn irgendwann würde sie dafür zahlen müssen, dass sie der gerichtlichen Aufforderung nicht gefolgt war, aber sie hatte erreicht, was sie wollte. Die Verhandlung war verschoben worden, und Seth hatte etwas Zeit gewonnen. Und es bestand wenigstens eine geringe Chance, dass einer von den Dutzend Leuten, denen sie in den vergangenen drei Monaten geschrieben hatte – Polizisten, Anwälte, Privatdetektive und ihr Kongressabgeordneter –, sich tatsächlich dazu durchringen könnte, zu tun, worum Genevieve sie anflehte, nämlich den Fall noch ein letztes Mal zu überprüfen.

Und in der Zwischenzeit kam sie ganz gut zurecht. Sie war zwar einsam, aber ihr Buch hatte sie auch davor gewarnt, dass der härteste Teil bei ihrem Versuch, von der Erdoberfläche zu verschwinden, der war, niemanden zu haben, mit dem man sprechen konnte. Unzählige Male am Tag sehnte sie sich danach, eine vertraute Stimme zu hören oder ein vertrautes Gesicht zu sehen. Noch mehr als ihr Zuhause fehlte ihr ein Mensch, dem sie ihr Herz ausschütten und dem sie vertrauen konnte.

Aber solange sie ihre Bücher hatte, ihre Freiheit und den festen Glauben, dass ihr eines Tages jemand zuhören würde, wenn sie nicht aufgab, immer wieder Seths Unschuld zu beteuern, konnte sie alles ertragen.

Bis auf das Killer-Eichhörnchen, das draußen auf dich lauert, dachte sie.

Sie würde sich doch wohl nicht von einem Hirngespinst unterkriegen lassen! Auf keinen Fall. Genevieve straffte die Schultern. Auch ohne sich etwas einzubilden, hatte sie schon genug Sorgen.

Bevor sie noch gänzlich den Mut verlor, zog sie jetzt den Reißverschluss ihres Parkas zu, ging entschlossen zur Tür und riss sie auf. Ein eisiger Luftstoß ließ sie nach Luft schnappen, als sie die kleine Treppe zur Veranda hinunterging. Um ihren albernen Ängsten ein Ende zu setzen, überflog sie mit den Augen noch einmal die Lichtung. Sie suchte den Schnee nach verräterischen Spuren ab und die Schatten unter den Bäumen nach irgendetwas, das nicht dorthin gehörte.

Nichts. Und doch hatte sie immer noch ein komisches Gefühl …

Es gab nur den in der Sonne glitzernden Schnee, die ununterbrochenen Rufe eines Falken und das Flüstern des Windes in den Bäumen, nichts, das auf einen Menschen hindeutete.

Siehst du? Es ist außer dir niemand hier, beruhigte sie sich.

Sie stieß erleichtert den Atem aus und versuchte, sich zu entspannen. Alles war in Ordnung. Sie und ihre Erinnerungen waren ganz allein. Und wenn sie erst alle ihre Sachen im Haus hatte und die Suppe gekocht hatte, die sie fürs Abendessen geplant hatte, würde sie sich noch besser fühlen. Sie drehte sich um und machte einen Schritt auf die Stufen zu.

Und plötzlich trat wie aus dem Nichts ein Mann aus dem Schatten des die Veranda überspannenden Dachs.

Genevieves Herz setzte einen Schlag aus. Sie blieb abrupt stehen und fasste sich unwillkürlich mit der Hand an den Hals.

Genau wie sie war er für das kalte Wetter gekleidet und trug einen Parka, Stiefel und Jeans. Aber hier hörte jede Ähnlichkeit auf. Er war ein Riese, etwa eins neunzig groß mit muskulösen Beinen und den breiten Schultern eines Footballspielers. Sein Haar war pechschwarz und kurz geschnitten und seine halb zusammengekniffenen hellgrünen Augen glitzerten kalt.

Sein Gesicht war kantig, er hatte hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und ein markantes Kinn. Seine Lippen waren so fest zusammengepresst, dass sie eine Linie bildeten. Er sah fürchterlich gefährlich aus.

Da Genevieve es nur deshalb geschafft hatte, drei Monate auf freiem Fuß zu bleiben, weil sie stets auf ihrem Instinkt vertraut hatte, wirbelte sie blitzschnell herum und lief um ihr Leben.

2. KAPITEL

Das kann doch nicht wahr sein! dachte Taggart, als er sich daranmachte, die kleine Miss Bowen zu verfolgen, die doch tatsächlich zu glauben schien, dass er sie entkommen lassen würde, nachdem er sie endlich gefunden hatte.

Er schnaubte verächtlich. Diese Wahrscheinlichkeit war in etwa so groß wie die, dass er jemals im Ballett von Denver mittanzen könnte. Miss Bowen mochte ja schnell sein, aber er war schneller. Ganz zu schweigen davon, dass er größer, stärker und von der US-Armee zum Ranger ausgebildet worden war. Er wurde mit sehr viel übleren und raueren Gesellen fertig, als Genevieve sie sich überhaupt vorstellen konnte.

Trotzdem würde der Abschluss dieses Falls ihm den Tag versüßen. Ach was, das ganze Jahr.

Als sie das Ende der Veranda erreichte, holte er Genevieve ein, packte sie und riss sie an sich. Dabei fielen sie über den Rand des Geländers und in die Schneewehe dahinter.

Instinktiv – denn schließlich wollte er sie in Gewahrsam nehmen, nicht ins Krankenhaus bringen – machte er noch in der Luft eine halbe Drehung, sodass er die Wucht des Aufpralls abfing. Er zuckte zusammen, als er mit der Hüfte gegen einen Felsen stieß, und hörte ein unmissverständliches Knirschen, als sein Handy zerbarst. Und als Miss Bowens Hinterkopf sein Schlüsselbein traf, zuckte er noch einmal zusammen.

Taggart unterdrückte ein Stöhnen und lockerte seinen Griff ganz kurz, stieß dann aber einen derben Fluch aus, als seine Gefangene ihm mit dem Stiefelabsatz gegen das Schienbein stieß und ihm gleichzeitig einen Ellbogen in den Magen rammte.

Jetzt reichte es ihm. Er biss die Zähne zusammen, schlang die Beine um sie und verstärkte den Druck seiner Arme um ihre Taille. „Hören Sie sofort auf!“

„Lassen Sie mich sofort los!“, fauchte sie. „Sonst …“, ihre Stimme wurde schwächer, als er den Druck noch etwas verstärkte und ihr damit das Atmen immer schwerer fiel, „… sonst schwöre ich … dass Sie es noch … bereuen werden.“

Sie drohte ihm? Unglaublich. Die Frau war eindeutig unverschämter, als ihr guttat. „Hören Sie gut zu, Lady. Ich bin jetzt hier der Boss. Und Sie tun, was Ihnen gesagt wird, verstanden?“ Er wartete auf ihre Antwort.

Als sie nicht reagierte, drückte er noch stärker zu, bis sie überhaupt nicht mehr atmen konnte. Je wirkungsvoller er sie jetzt in ihre Schranken verwies, desto weniger Ärger würde sie ihm auf ihrer Fahrt zurück nach Colorado machen, das wusste er aus Erfahrung. „Verstanden?“

Sie stöhnte. „Ja“, flüsterte sie schließlich keuchend. „Ja!“

„Gut.“ Zufrieden lockerte er seinen Griff, ließ sie unsanft fallen und stand auf. Während er sich den Schnee von der Hose klopfte, betrachtete er sie. Mit ihrem glänzenden Haar, den zugekniffenen Augen mit den langen Wimpern und dem sinnlichen Mund, der jedes Mal zitterte, wenn sie nach Luft schnappte, sah sie klein und hilflos aus, fast wie ein Kind.

Bei ihrem kurzen Kampf hatte er allerdings sehr deutlich gespürt, dass sie ganz und gar kein Kind war, sondern eine erwachsene Frau mit schönen, vollen Brüsten und einem wundervoll geformten Po. Und einem ziemlich hinterhältigen Charakter, fügte er grimmig hinzu. Von ihrem Tritt tat sein Schienbein immer noch weh.

„Stehen Sie auf!“, befahl er ihr.

Sie atmete ein letztes Mal tief durch, dann öffnete sie die Augen. Er spürte, wie sie sich zwang, ihre Angst zu unterdrücken, und musste sie wider Willen bewundern, als sie ihn mit erzwungener Ruhe ansah.

Sie straffte die Schultern. „Was wollen Sie von mir?“, wollte sie wissen.

„Ich arbeite für Steele Security. Die Eltern des ermordeten James Dunn haben uns beauftragt, Sie zu finden.“

„Mich?“ Mit überzeugend gespieltem Erstaunen riss sie die Augen auf. „Aber warum sollten …“

„Geben Sie sich keine Mühe. Ich weiß, wer Sie sind, Genevieve. Was Sie mir also auch vormachen wollen, ich kaufe es Ihnen sowieso nicht ab. Und jetzt stehen Sie auf.“

Sie blieb, wo sie war, rieb sich leicht den Hinterkopf und senkte den Blick. „Gleich. Es ist nur … mir ist ein wenig schwindlig.“

Er kam drohend näher. „Sofort.“

Sie fuhr zusammen und hob abwehrend die Hände. „Okay, okay!“ Sie strich sich das Haar aus der Stirn, seufzte resigniert und hielt ihm die Hand entgegen.

Hätten ihre Lippen und die Hand, die sie nach ihm ausstreckte, nicht verräterisch gezittert, hätte er sich von ihr ferngehalten und darauf gewartet, dass sie sich ohne seine Hilfe aufrappelte.

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