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Heiße Küsse – kaltes Herz?

Abby Green

Heiße Küsse – kaltes Herz?

PROLOG

Kate Lancaster stand ganz vorn an dem mit aufwendigen Ornamenten verzierten Steinbecken, über dem gerade ihre zwei Monate alte Patentochter getauft wurde. Der Priester benetzte die Stirn des Säuglings mit Wasser und sprach auf Französisch einen Segen. Die Zeremonie fand in einer winzigen alten Kapelle im neuen Zuhause ihrer besten Freundin Sorcha statt, einem idyllisch gelegenen Château vor den Toren von Paris. Vor neun Monaten hatte Kate schon einmal hier gestanden – als Sorchas Brautjungfer.

Und doch störte etwas diesen Moment, in dem Kate sich eigentlich nur auf die Taufe konzentrieren wollte: der große Mann zu ihrer Rechten. Liam Quinn.

Vergeblich versuchte Kate, den Schmerz und Hass darüber zurückzuhalten, dass er ihr dieses wundervolle Fest verdarb. Liam war Sorchas älterer Bruder – und der Mann, der ihre unschuldigen Ideale, Hoffnungen und Träume zerstört hatte. Der Mann, der ihr einen Augenblick explosiver Leidenschaft geschenkt und sie so für alle anderen Männer ruiniert hatte. Und doch wusste sie, dass sie ganz allein die Schuld daran trug. Wenn sie nicht so entschlossen gewesen wäre, ihn zu … Hastig verdrängte sie den Gedanken. Es war so lange her. Kaum zu glauben, dass sie das immer noch so traf. Dass es sich nach all der Zeit noch so frisch anfühlte.

Trotz aller Bemühungen, Liams Anwesenheit zu verdrängen, spürte Kate die Hitze, die von seinem Körper ausging. Sein Duft hüllte sie ein und drohte, eine Flut von Erinnerungen auszulösen, mit denen sie nicht fertig werden würde. Die vertraute Sehnsucht, die sie jedes Mal in seiner Nähe empfand, überwältigte sie. Normalerweise ging sie ihm aus dem Weg, aber hier konnte sie das nicht. Nicht bei dieser Zeremonie, bei der sie beide die Patenschaft für Sorchas Tochter antraten.

Aber schließlich hatte sie schon die Hochzeit überlebt, bei der Liam Trauzeuge gewesen war. Sie würde auch das hier überleben. Und dann gehen und hoffen, dass er eines Tages nicht mehr diese Wirkung auf sie ausübte. Nur, wie lange hoffte sie das jetzt schon? Eine Welle der Verzweiflung erfasste sie.

Kates Kiefer schmerzte vor lauter Anspannung, ihr Rücken war so gerade wie der einer Tänzerin. Sie versuchte, sich auf Sorcha und Romain zu konzentrieren, die nur Augen füreinander und für ihr Baby hatten. Romain nahm Molly vorsichtig aus den Armen des Priesters und hielt sie sicher in seinen großen Händen. Er und Sorcha sahen sich über den Kopf ihrer Tochter hinweg an, und dieser Blick ließ Kate beinahe die Fassung verlieren. Er war so voller Liebe, Hoffnung und Sinnlichkeit, dass sie sich wie eine Voyeurin vorkam. Trotzdem konnte Kate die Augen nicht abwenden oder ihr Herz davon abhalten, sich in bittersüßem Schmerz zusammenzuziehen. Ein kurzer eifersüchtiger Stich durchfuhr sie.

Denn die beiden verband das, was Kate sich von ganzem Herzen wünschte. Was sie sich immer schon gewünscht hatte. Ein einfacher Wunsch, der doch so selten in Erfüllung ging. Liam bewegte sich neben ihr, sein Arm berührte ihren, und sie zuckte beinahe automatisch zurück. Obwohl sie es nicht wollte, sah sie ihn an. Schon immer hatte sie ihn ansehen müssen, wie eine hilflose Motte, die in einer sengenden Flamme verbrannte.

Als ihre Blicke sich trafen, setzte Kates Herz aus. Ihr Atem stockte. Mit einem leichten Stirnrunzeln und einem prüfenden Ausdruck in den unglaublich blauen Augen schien Liam nach den Geheimnissen ihrer Seele zu suchen. So hatte er sie auch auf der Hochzeit angesehen, und es hatte sie fast unmenschliche Anstrengungen gekostet, nach außen weiterhin kühl zu wirken.

Kate fühlte sich so verletzlich in diesem Moment – nachdem sie gerade erst Zeugin von Romains und Sorchas Glück und Liebe geworden war. Hier war es noch schlimmer als bei der Hochzeit. Hier konnte sie sich nicht schützen, weil ein kleines Baby anwesend war – ein Baby, das sie noch vor ein paar Augenblicken im Arm gehalten hatte.

Unter Liams intensivem Blick brachen die Eiswände, die sie um ihr Herz errichtet hatte, in sich zusammen und ließen nichts als Hitze in ihr zurück. Und sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Blick wanderte zu seinen Lippen, und sie sehnte sich danach, wieder von ihm geküsst zu werden. Er sollte sie noch einmal im Arm halten. Sie lieben. Sie genauso ansehen, wie Romain gerade Sorcha angesehen hatte. Nur von ihm wünschte sie sich das, und die Erkenntnis traf sie bis ins Mark.

Unwillkürlich hob sie den Blick wieder zu seinen Augen. Er sah sie immer noch an. Obwohl sie wusste, wie sinnlos ihre geheimen Sehnsüchte waren, türmten sich die Gefühle in ihr auf wie eine Flutwelle. Ohne es ändern zu können, bemerkte sie, dass er jede ihrer Emotionen auf ihrem Gesicht las. Und als sie beobachtete, wie sich seine blauen Augen als Reaktion darauf zu einem glitzernden, verlangenden Saphirton verdunkelten, tastete Kate instinktiv nach etwas, an dem sie sich festhalten konnte.

Noch nie hatte er sie mit einem so intensiven Verlangen angesehen … das musste sie sich einbilden. Das war alles zu viel – wahrscheinlich projizierte sie nur ihre eigenen Sehnsüchte auf ihn …

Erst nach ein paar Sekunden wurde ihr bewusst, dass sich Liams Hand um ihren Arm geschlossen hatte. Er hielt sie fest, stützte sie … in diesem Moment wusste Kate, dass all ihre Versuche der letzten Jahre, ihre Gefühle für ihn zu verbergen, vergeblich gewesen waren. Liam hatte sie durchschaut. Jetzt kam sie sich endgültig erniedrigt vor.

1. KAPITEL

Ein Monat später. Hotel Four Seasons, San Francisco

Kate fühlte sich noch mehr wie eine Ware als sonst, doch sie verdrängte diese Gedanken und setzte ein professionelles Lächeln auf, während die Versteigerung weiterging. Das Knallen des Auktionshammers neben ihr ließ sie ständig zusammenzucken. Dass ein sehr bekannten Hollywood-Schauspieler den Auktionshammer schwang, machte das Ganze nicht einfacher. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung als Topmodel fühlte sie sich unter prüfenden Blicken immer noch nicht wohl, aber sie hatte gelernt, das zu verbergen.

„Fünfundzwanzigtausend. Fünfundzwanzigtausend Dollar von dem Gentleman hier vorn. Bietet noch jemand mehr?“

Der Mann im Scheinwerferlicht mit dem geschmeidigen Lächeln war ein bekannter griechischer Reeder. Er war alt, klein, fett und glatzköpfig, und seine glänzenden schwarzen Augen musterten Kate gierig, während er sich quasi die Lippen leckte. Für eine Sekunde fühlte sie sich im Rampenlicht sehr verletzlich und allein. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wenn nicht noch jemand anderes –

„Ah! Wir haben noch einen Bieter dort hinten – dreißigtausend Dollar von dem Neuankömmling.“

Erleichtert versuchte Kate, den neuen Bieter hinter den grellen Scheinwerfern zu erkennen. Offenbar waren auch die Lichttechniker im Saal auf der Suche nach ihm, denn der Kegel des Scheinwerfers schwenkte von einer hübsch frisierten Person zur nächsten. Doch alle lachten nur und winkten ab. Der Bieter schien entschlossen, anonym zu bleiben. Nun, tröstete sich Kate, wer auch immer es ist – es kann nicht schlimmer sein, ihn statt Stavros Stephanides vor all diesen Leuten zu küssen.

„Jetzt bietet Mr. Stephanides hier vorn vierzigtausend Dollar … langsam wird es interessant! Kommt schon, Leute, greift noch ein bisschen tiefer in die Tasche. Wie könnt ihr euch die Chance entgehen lassen, diese wunderschöne Frau zu küssen und gleichzeitig für einen wohltätigen Zweck zu spenden?“

Bei Stephanides’ Entschlossenheit zog sich Kates Magen wieder zusammen – aber dann erkannte der Schauspieler eine Bewegung hinten im Saal. „Fünfzigtausend Dollar von dem anonymen neuen Bieter. Sir, treten Sie doch bitte vor und zeigen Sie sich.“

Doch niemand trat vor, und aus irgendeinem Grund lief Kate ein Schauer über den Rücken. Dann sah sie den Ausdruck von beinahe komischer Entrüstung auf Stephanides Gesicht, während er herumfuhr und sich nach seinem Konkurrenten umsah. Die Miene des Griechen verdunkelte sich sichtlich, als ihm jemand etwas ins Ohr flüsterte. Offensichtlich war er gerade über den Namen seines geheimnisvollen Konkurrenten informiert worden. Mit einem hörbaren Zischen erhöhte Stephanides seinen Einsatz auf hunderttausend Dollar. Als sie diese horrende Summe hörte, unterdrückte Kate einen Aufschrei, und ihr Lächeln schwand.

Die Leute tuschelten miteinander, und es kam Bewegung in den hinteren Teil des Saals. Wer immer dieser Bieter war, er sorgte für Aufregung. Und dann erhöhte auch der Unbekannte noch einmal ruhig sein Gebot – auf zweihunderttausend Dollar. Es sah nicht so aus, als wären ihre Qualen bald beendet.

Liam Quinn verabscheute große, prahlerische Gesten. Sein Name stand eigentlich für Diskretion. Diskretion in jeder Hinsicht – was seinen Reichtum anging, seine Arbeit, sein Leben und ganz besonders seine Affären. Er hatte eine zehnjährige Tochter. Zwar lebte er nicht wie ein Mönch, aber er präsentierte seine sorgfältig ausgewählten Geliebten auch nicht in aller Öffentlichkeit, wie es andere Männer in seiner Position so gern taten.

Keine seiner Geliebten verkaufte ihre Geschichte jemals an die Presse. Er sorgte dafür, dass seine Expartnerinnen so gute Abfindungen erhielten, dass sie sein Vertrauen nicht missbrauchen mussten. Unschöne Konfrontationen vermied er, und er hielt sein Privatleben streng privat. Keine seiner Geliebten hatte jemals seine Tochter kennengelernt, weil er nicht beabsichtigte, noch einmal zu heiraten. Ihnen Rosalie vorzustellen, wäre einem Grad an Intimität gleichgekommen, der allein für seine Familie reserviert war: seine Tochter, seine Schwester und seine Mutter.

Liams Geliebte sorgten für seine Entspannung. Nicht mehr, nicht weniger.

Und doch war er jetzt hier und bot öffentlich, wenn auch im Moment noch diskret und im Namen der Wohltätigkeit, um das Privileg, Kate Lancaster küssen zu dürfen – eine der meistfotografierten Frauen der Welt. Weil er sich zum ersten Mal seit Langem nicht um Diskretion scherte. Er wollte diese Frau und hatte dieses Verlangen zu lange ignoriert. Ein Verlangen, das er sich erst vor Kurzem wirklich eingestanden hatte und von dem er glaubte, dass es gestillt werden konnte.

Es war über Jahre gewachsen und mit schleichender Heimtücke zu einem unbewussten Bedürfnis geworden. Und jetzt, nachdem er sich dessen endlich bewusst geworden war, hatte es sich in eine brennende Notwendigkeit verwandelt. Seine Mundwinkel zuckten; diese Jahre waren nicht gerade ereignislos gewesen und hatten ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen. Eine kurze Ehe und eine erbitterte Scheidung, gefolgt von den anstrengenden Aufgaben eines alleinerziehenden Vaters, nahmen einen Großteil dieser Zeit ein. Mit mehr Muße wäre ihm vielleicht viel eher klar geworden, dass … Er unterbrach seine Gedanken. Egal. Jetzt war er jedenfalls hier.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Kate, und plötzlich glaubte er, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Dieses Gefühl brachte er sonst nur mit Geschäftlichem in Verbindung und nicht mit Emotionalem. Aber hier ging es nicht um Gefühle, sondern um Verlangen. Unerfülltes Verlangen.

Vielleicht lag es daran, dass er sich endlich gestattete, wieder daran zu denken – an jenen Moment vor zehn Jahren. Es war kaum mehr als ein Kuss gewesen, und doch brannte er heißer in seiner Erinnerung als alles, was er davor oder danach erlebt hatte. Seine gesamte Willenskraft war nötig gewesen, um sich an jenem Abend wieder von ihr zu lösen. Seitdem war Kate aus einer ganzen Reihe von Gründen absolut tabu für ihn: weil dieser explosive Moment ihn viel mehr aufgewühlt hatte, als er sich eingestehen wollte, weil sie so jung und die beste Freundin seiner kleinen Schwester war.

Er war davon überzeugt gewesen, sein Verlangen nach ihr vollkommen unter Kontrolle zu haben. Aber eines Abends vor einigen Jahren war er auf der Straße mit einer Frau zusammengestoßen: blond, viel zu stark geschminkt und äußerst leicht bekleidet. Das Gefühl ihres Körpers an seinem und ihre großen blauen Augen hatten sein Gehirn benebelt und sein Verlangen derart angeheizt, dass er seine Verabredung an jenem Abend unter einem fadenscheinigen Vorwand heimgeschickt und wochenlang keine andere Frau mehr eines Blickes gewürdigt hatte. Die junge Frau in dem aufreizenden Zimmermädchenkostüm ging ihm nicht aus dem Kopf, weil sie irgendwie aussah wie …

An dieser Stelle unterbrach Liam seine Gedanken. Er ärgerte sich über das Aufflackern von etwas so Unwichtigem, das er längst vergessen geglaubt hatte – und über die Tatsache, dass Kate seine Gedanken offenbar stärker beherrschte, als er bislang gedacht hatte. Er versicherte sich selbst, dass er genug andere Sorgen hatte – und Geliebte, die es ihm einfach machten, die frostige Ablehnung einer einzigen Frau zu vergessen. Kate ein- oder zweimal pro Jahr zu sehen, hatte den Funken dieses latenten Verlangens jedenfalls nicht wieder aufflammen lassen.

Doch vor ein paar Wochen … auf der Taufe … da hatte sie sich zu ihm umgedreht und ihn zum ersten Mal hinter die kühle Fassade blicken lassen. Dabei hatte er eine Leidenschaft in den bodenlosen Tiefen ihrer blauen Augen entdeckt, die er seit jener Nacht verloren geglaubt hatte. Nach diesem Blick waren alle seine Versuche, sich daran zu erinnern, dass sie für ihn tabu war, fruchtlos gewesen. Es war fast, als habe er all die Jahre geschlafen und sei jetzt mit einem Mal wieder schmerzhaft zum Leben erwacht …

Kate trug ein Cocktailkleid in dunklem Pink, trägerlos, sodass ihre zarten Schultern und ihr schlanker Nacken zu sehen waren. Das lange blonde Haar – ihr Markenzeichen – fiel ihr in offenen Wellen über die Schultern und umrahmte ihr Gesicht, in dem große blaue Augen leuchteten. Die vollen Lippen schimmerten rosig. Sie war einfach so umwerfend schön, dass jeder Mann im Raum sich davon angezogen fühlte – etwas, das Liam sehr bewusst war. Unangenehm bewusst.

Er verspürte den besitzergreifenden Drang, sie von der Bühne zu holen und den Blicken der anderen zu entreißen. Und das bestärkte ihn nur in seinem Entschluss und gab ihm das Gefühl, das Richtige zu tun.

Warum hatte er überhaupt so lange gewartet? Jetzt war Kate eine Frau von Welt – die Art von Frau, die er verführen konnte, und kein unschuldiges Mädchen mehr … Ein scharfer Schmerz, der sich wie Bedauern anfühlte, durchzuckte ihn kurz, aber Liam unterdrückte ihn. Er würde jetzt endlich dieses Verlangen befriedigen, das viel zu lange unter der Oberfläche gebrodelt hatte. Sie hatte einmal versucht, ihn zu verführen. Jetzt war er dran. Und diesmal würde es nicht nach einem Kuss enden.

Seine Aufmerksamkeit kehrte zur Versteigerung zurück. Er sah, wie Stephanides wieder bot. Aber er hatte nicht vor, ihn in die Nähe von Kates vollen Lippen zu lassen. Doch der Grieche war stur und wollte nicht verlieren – vor allem jetzt nicht, wo er wusste, wer sein Gegenspieler war. Er und Stephanides waren alte Konkurrenten. Lässig gab Liam ein weiteres Gebot ab und beachtete weder das Aufkeuchen um ihn herum noch die Blicke, die man ihm zuwarf.

Ihn interessierte nur Kate, wie sie dort stand mit ihren großen blauen Augen, die ihn noch nicht sahen. Aber sie würde ihn sehen – sehr bald.

Schließlich gab Stavros Stephanides mit einem knappen Kopfnicken auf. Ein Gefühl des Triumphs erfüllte Liam. Es kümmerte ihn nicht, wie viel er nun eigentlich dafür bezahlen musste, Kate küssen zu dürfen. Ohne zu zögern trat er aus dem Schatten und ging nach vorn, um sich seinen Preis abzuholen. Er würde sie küssen – so lange, bis Kate Lancaster seine Sinne nicht länger auf diese mysteriöse Weise gefangen hielt.

Zuerst wollte Kate ihren Augen nicht trauen. Das war unmöglich. Es konnte nicht Liam sein, der da durch die Stuhlreihen auf sie zukam und in seinem Smoking unglaublich attraktiv aussah. Ihr Gesicht fing an zu glühen.

In der verzweifelten Hoffnung, dass sie sich das alles nur einbildete, betrachtete sie jede Einzelheit an ihm: die durchtrainierte Figur, die breiten Schultern, die schmalen Hüften, die langen Beine und die athletische Eleganz, mit der er sich bewegte. Sein Haar war pechschwarz, kurz geschnitten und an den Schläfen ganz leicht ergraut, was ihm eine Aura von Erfahrung und Distinguiertheit verlieh. Als ob er das gebraucht hätte.

Sein Gesicht war kompromisslos und hart, mit einem markanten Kinn und einem stolzen Profil, das ihn unglaublich männlich wirken ließ – männlicher als jeden anderen Mann, den sie kennengelernt hatte. Aber das Faszinierendste an ihm waren seine Augen – der stärkste Hinweis auf seine keltische Herkunft, die er seinem irischen Vater verdankte. Eisblau und unglaublich direkt. Jedes Mal, wenn er sie ansah, glaubte sie, dass er bis auf den Grund ihrer Seele blicken konnte und den armseligen Schutzwall durchschaute, mit dem sie sich gegen ihn wappnete. Deshalb hielt sie Distanz zu ihm und begegnete ihm kühl. Denn sie wusste, dass er sofort merken würde, wie löchrig ihre Abwehr war, wenn er ihr nah kam.

Und er war ihr nah gekommen. Erst vor einem Monat, bei Mollys Taufe, war sie für einen Moment schwach geworden und hatte ihr Verlangen nicht verbergen können. Und er hatte es gesehen. Seitdem träumte sie von ihm. Weil sie glaubte, eine Reaktion in seinen Augen erkannt zu haben. Doch sie musste sich täuschen. Sie war nicht sein Typ.

Ein vertrauter Schmerz durchzuckte sie kurz. Kate wusste, dass sie nicht sein Typ war, weil sie einmal einer seiner unglaublich gepflegten Freundinnen begegnet war. Die Erinnerung ließ ihr noch jetzt die Schamesröte in die Wangen steigen. Sie war mit ein paar Freundinnen aus Dublin unterwegs gewesen, die sie in New York besuchten. Sie feierten einen Junggesellinnenabschied. Nach langem Zögern war Kate bereit gewesen, sich wie ein aufreizendes Zimmermädchen zu verkleiden, komplett mit den obligatorischen Netzstumpfhosen und einem Staubwedel. So war sie ausgerechnet mit Liam zusammengestoßen, der aus einem exklusiven Restaurant auf der Madison Avenue kam, den Arm schützend um eine zierliche dunkelhaarige Schönheit gelegt.

Kate war geflohen und hatte gebetet, dass er sie nicht erkennen würde. Um alles noch schlimmer zu machen, wählte ihre Freundin genau diesen Moment, um sich in den Rinnstein in der Nähe zu übergeben … Niemals würde sie Liams Gesichtsausdruck vergessen, oder den seiner Begleiterin, kurz bevor sie in den wartenden Wagen stiegen und verschwanden.

Bittere Frustration über ihre Schwäche und ihre lächerliche Reaktion stieg in Kate auf. Würde sie denn niemals von ihm loskommen? Und jetzt glaubte sie sogar, ihn hier zu sehen. Wann würde dieses Trugbild endlich verschwinden? Wann würde sie die wirkliche Person sehen? Jemand anderen, der nicht Liam Quinn war.

Sie achtete kaum auf das, was der Hollywood-Schauspieler neben ihr mit Ehrfurcht in der Stimme sagte, aber als er den Namen Liam Quinn nannte, setzte Kates Herz aus. Er war es – ging über die Bühne, kam immer näher, die Augen entschlossen auf sie gerichtete.

Kate wollte fliehen, so schnell und so weit weg wie möglich. Doch sie konnte es nicht. Sie fühlte sich wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos, während er vor ihr stehen blieb.

„Kate.“ Seine Stimme war tief, beinahe schmerzhaft vertraut, und sie ließ ihr Herz höher schlagen. „So ein Zufall, dich hier zu treffen.“

„Liam … das warst du?“, brachte sie mühsam heraus.

Den Blick nach wie vor auf sie gerichtet, nickte er. Plötzlich hatte Kate das Gefühl, eine lange Zeit vor diesem Mann weggelaufen zu sein – und dass es jetzt vorbei war. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Hitze, die sich in ihrem Körper ausbreitete.

Mit einer geschmeidigen Bewegung, die sie nicht kommen sah, trat Liam dichter an sie heran und legte die Hände um ihre Seiten, wobei seine Daumen der Unterseite ihrer Brüste gefährlich nahe kamen. Nach all den Jahren, in denen sie ihm aus dem Weg gegangen war, wann immer sie konnte, war seine Berührung so beunruhigend, dass sie leicht schwankte und sich instinktiv an seinen Oberarmen festhielt. Unter dem teuren Stoff seines Anzugs spürte sie starke Muskeln, und ihre Knie wurden weich. Er war so groß, er hatte immer zu den wenigen Männern gehört, zu denen sie aufblicken musste, selbst mit ganz hohen Absätzen. Hilflos sah sie ihn an, fassungslos darüber, vor ihm zu stehen.

„Ich glaube, du schuldest mir einen Kuss.“

Sie nickte, völlig verwirrt. Wie viel hatte er am Ende dafür bezahlt? Sie hatte es bereits vergessen. Aber es war eine schockierend hohe Summe gewesen. Eine halbe Million? Aus irgendeinem Grund konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass er sehr viel mehr als einen Kuss gekauft hatte, und es verstärkte noch das verräterische Verlangen, das in ihrem Körper brannte.

Er zog sie näher an sich, bis ihre Körper sich beinahe berührten, und Kate konnte nur diese Hitze spüren – in sich und um sie herum. Sie breitete sich in ihrer Brust aus und auf ihren Wangen. Als der Mann, den sie einfach nicht aus ihren Erinnerungen löschen konnte, seinen Mund auf ihrem legte, schloss sie die Augen. Es war zehn Jahre her, seit sie sich geküsst hatten, und plötzlich war Kate wieder achtzehn und erwiderte seinen Kuss voller Leidenschaft …

2. KAPITEL

Zitternd legte Kate einen Finger an ihren Mund. Sie konnte einfach nicht fassen, was passiert war. Liam hatte sie geküsst – züchtig natürlich, schließlich klickten ununterbrochen die Kameras – und mit dieser einen Berührung all ihre Sehnsüchte zu neuem Leben erweckt. Die Konsequenzen, die das für sie haben würde, ließen ihr Herz angstvoll schlagen.

Nach dem Kuss war sie so aufgewühlt gewesen, dass sie geflohen war, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab – genau wie damals in New York. Doch Liam war ihr in die Bar des Hotels gefolgt, wo sie Zuflucht gesucht hatte. Jetzt kehrte er gerade mit ihren Getränken in der Hand von der Bar zu dem kleinen, abgeschiedenen Tisch in einer Nische zurück, an dem sie auf ihn wartete.

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