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Heiße Küsse im Mondschein

Katherine Garbera

Heiße Küsse im Mondschein

PROLOG

„Warum sind wir hier?“,fragte Henry Devonshire. Er stand im Konferenzzimmer des Everest-Konzerns, dessen Firmensitz sich in der Innenstadt von London befand. Das große Panoramafenster bot einen reizvollen Blick auf die Themse.

„Malcolm hat eine Nachricht für Sie vorbereitet.“

„Und warum sollten wir uns die anhören?“ Henry musterte den Anwalt, der am Konferenztisch saß.

„Ich denke, dass das, was Ihr Vater Ihnen …“

„Nennen Sie ihn nicht meinen Vater, sondern Malcolm.“

Der Everest-Konzern war der Lebensinhalt von Malcolm Devonshire gewesen. Jetzt, da der alte Herr siebzig geworden war, war es allerdings keine Überraschung, dass er sich mit Henry und dessen Halbbrüdern in Verbindung gesetzt hatte. Er wollte wohl sicherstellen, dass sein Lebenswerk nicht zerstört wurde, wenn er starb.

Henry wusste allerdings wenig über seine Halbbrüder. Genauso wenig wie von Malcolm, seinem leiblichen Vater. Geoff war der älteste von ihnen, und seine sehr aristokratisch aussehende Nase verriet sein blaues Blut – er gehörte zur königlichen Familie.

„Mr. Devonshire liegt im Sterben“, sagte Edmond. „Er möchte, dass das Imperium, für das er so hart gearbeitet hat, durch Sie alle weiterlebt.“

„Er hat sein Imperium nicht für uns geschaffen“, warf Steven ein. Er war der jüngste der drei Brüder.

„Wie auch immer, jetzt möchte er Ihnen jedenfalls ein Angebot machen“, fuhr Edmond fort.

Henry hatte Edmond, den Anwalt und persönlichen Assistenten seines Vaters, häufiger getroffen als seinen Vater selbst. Edmond war derjenige gewesen, der Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke gebracht hatte, als er noch jünger gewesen war.

„Wenn Sie sich bitte setzen würden, dann erkläre ich Ihnen alles.“

Henry setzte sich ans Ende des Tisches. Er war Rugbyspieler gewesen, noch dazu ein ziemlich guter, aber selbst das hatte ihm nicht das eingebracht, was er sich immer gewünscht hatte – nämlich Malcolms Anerkennung. Sein eigener Vater hatte Henrys Leistungen niemals gewürdigt. Also hatte Henry schließlich aufgegeben, danach zu streben, und war seinen eigenen Weg gegangen.

Was natürlich nicht erklärte, warum er heute hier war. Vielleicht war es einfach nur Neugier bezüglich des alten Herrn.

Edmond reichte jedem von ihnen eine Aktenmappe. Henry öffnete sie und sah als Erstes den Brief, den sein Vater an seine drei Söhne gerichtet hatte:

Geoff, Henry, Steven,

vor Kurzem erhielt ich die Diagnose, dass ich einen unheilbaren Hirntumor habe. Nachdem ich alles versucht habe, um mein Leben zu verlängern, gehe ich jetzt davon aus, dass mir nur noch sechs Monate bleiben.

Keiner von Euch schuldet mir Loyalität, aber ich hoffe, dass die Firma, die mich in Kontakt mit Euren Müttern gebracht hat, weiterhin unter Eurer Führung wachsen und gedeihen wird.

Ich möchte, dass jeder von Euch einen Teilbereich übernimmt. Ihr werdet danach beurteilt, welchen Profit Ihr in dieser Sparte erwirtschaftet. Derjenige, der den besten Geschäftssinn auf seinem Gebiet beweist, übernimmt die Leitung des Gesamtkonzerns.

Geoff – Everest-Airlines. Deine Zeit als Pilot bei der Royal Air Force und Deine ausgedehnten Reisen werden Dir dabei sicherlich zugutekommen.

Henry – Everest-Music. Ich erwarte, dass Du die Gruppen, denen Du schon einen Weg in die Charts ermöglicht hast, unter Vertrag nimmst.

Steven – Everest-Kaufhäuser. Hoffentlich wird Dich Dein Instinkt, zu wissen, was der Kunde will, nicht verlassen.

Edmond wird Eure Fortschritte beobachten und mir Bericht erstatten. Ich hätte heute gern selbst mit Euch gesprochen, doch meine Ärzte haben mir Bettruhe verordnet.

Es gibt eine Bedingung. Ihr müsst Euch darauf konzentrieren, Eure Sparte zu leiten, denn wer sich in einen Skandal verwickeln lässt, ist aus dem Rennen, unabhängig vom erwirtschafteten Profit. Der einzige Fehler, den ich in meinem Leben gemacht habe, war der, mich durch mein Privatleben vom Geschäft ablenken zu lassen. Ich hoffe, Ihr drei könnt aus meinen Fehlern lernen, und ich vertraue darauf, dass Ihr die Herausforderung annehmt.

Malcolm Devonshire

Henry schüttelte den Kopf. Der alte Herr hatte gerade erklärt, dass er ihre Existenz als einen Fehler betrachtete. Henry wusste nicht, wie Geoff und Steven das empfanden, doch ihn ärgerte es maßlos. „Kein Interesse.“

„Bevor Sie Malcolms Angebot ausschlagen, sollten Sie Folgendes wissen: Wenn einer von Ihnen nicht darauf eingeht, fließt das Geld, das für Ihre Mütter und für Sie angelegt wurde, bei Malcolms Tod zurück in die Firma.“

„Ich brauche sein Geld nicht“, erklärte Geoff.

Henry brauchte es auch nicht, aber seine Mutter vielleicht. Sie und ihr zweiter Mann hatten zwei Söhne, für deren Ausbildung sie aufkommen mussten. Gordon verdiente zwar nicht schlecht als Cheftrainer des London-Irish-Rugbyteams, doch zusätzliches Geld konnten sie immer gebrauchen, vor allem, wenn irgendwann die Studiengebühren für die Jungs gezahlt werden mussten.

„Können wir das Ganze kurz unter uns besprechen?“, fragte Steven.

Edmond nickte und verließ das Zimmer. Sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, stand Steven auf. „Ich finde, wir sollten es machen“, meinte er.

„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Geoff. „Er sollte keine Bedingungen an sein Testament knüpfen. Will er uns etwas hinterlassen, dann soll er es tun und gut.“

„Aber es betrifft auch unsere Mütter“, warf Henry ein und schlug sich damit auf Stevens Seite. Malcolm hatte jeglichen Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen, nachdem sie schwanger geworden war. Henry würde ihr gern etwas von Malcolm geben … nämlich das, was Malcolm immer als wichtiger als alles andere in seinem Leben angesehen hatte – selbst als die Menschen, die ihm eigentlich am nächsten stehen sollten.

„Stimmt, es betrifft sie auch“, sagte Geoff nachdenklich und lehnte sich zurück. „Ich verstehe, was ihr meint. Wenn ihr zwei euch darauf einlassen wollt, mache ich auch mit. Ich brauche zwar weder seine Zustimmung noch sein Geld, aber was soll’s. Betrachten wir es einfach als sportliche Herausforderung.“

„Gute Idee.“

„Also machen wir es?“, fragte Henry.

„Ich bin dabei“, erklärte Geoff.

„Ich finde, er schuldet unseren Müttern mehr als nur die Unterhaltszahlungen. Und die Chance, einen größeren Profit zu erwirtschaften, als er es getan hat, ist eine Herausforderung, der ich, ehrlich gesagt, nicht widerstehen kann.“

1. KAPITEL

Astrid Taylor hatte genau vor einer Woche bei Everest-Music angefangen zu arbeiten, und ihre Jobbeschreibung klang so, als wäre sie ein besseres Kindermädchen. Doch sie verdiente gut, und das war im Augenblick das Wichtigste. Sie war einem von Malcolm Devonshires Söhnen als Assistentin zugeteilt worden.

Ihre Erfahrung als Vertriebsassistentin für den legendären Musikproduzenten Mo Rollins hatte ihr den Job bei Everest-Music gesichert. Glücklicherweise hatte man ihr nicht allzu viele Fragen bezüglich der Kündigung ihres letzten Jobs gestellt.

„Hallo, Miss Taylor. Ich bin Henry Devonshire.“

„Hallo, Mr. Devonshire. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Henry streckte ihr die Hand hin, und sie schüttelte sie. Er hatte große, raue Hände mit kurz geschnittenen, gut gepflegten Nägeln. Sein Kinn war ein wenig kantig, und seine Nase sah aus, als wäre sie mehr als einmal gebrochen gewesen. Kein Wunder, schließlich war er ein erstklassiger Rugbyspieler gewesen, bevor eine Verletzung ihn gezwungen hatte, den Sport aufzugeben. Er war jedoch noch immer schlank und athletisch gebaut.

„Ich brauche Sie in fünf Minuten in meinem Büro“, sagte er. „Bringen Sie alles mit, was Sie über Everest-Music haben. Finanzberichte, Gruppen, die wir unter Vertrag haben, Gruppen, deren Verträge wir nicht verlängern sollten.“

„Ja, Mr. Devonshire“, antwortete Astrid.

Er blieb auf der Türschwelle zu seinem Büro stehen und lächelte sie an. „Nennen Sie mich Henry.“

Sie nickte. Wow, er hatte ein perfektes Lächeln. Eins, bei dem einem die Knie weich wurden. Was ihr natürlich nicht passieren konnte. Schließlich kannte Astrid die Artikel, die über ihn in der Klatschpresse standen – er war ein Spieler. Einer, der jede Nacht eine andere hat, erinnerte sie sich.

Trotzdem war sie ein wenig atemlos, als sie bat: „Bitte nennen Sie mich Astrid.“

„Gern. Arbeiten Sie schon lange hier?“

„Erst seit einer Woche. Ich wurde extra für Sie eingestellt.“

„Gut, dann kommen Sie ja nicht in Loyalitätskonflikte, sondern wissen, wer hier das Sagen hat.“

„Ja, Sir, Sie sind der Chef“, erwiderte sie keck.

„Das bin ich“, bekräftigte er und schlenderte in sein Büro. Astrid sah ihm hinterher und bewunderte seinen knackigen Po. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Ein Flirt im Büro war keine gute Idee, zumal eine Büroaffäre sie letztlich ihren letzten Job gekostet hatte. Damals hatte sie sich geschworen, sich künftig absolut professionell zu verhalten. Sie mochte Männer, das war schon immer so gewesen, und sie flirtete auch gern, aber zum Glück bestand ja keine Gefahr, dass Henry Devonshire ihr Avancen machte. Er bewegte sich in Kreisen, in denen er sich mit Supermodels umgab. Doch für blaue Augen und ein verführerisches Lächeln hatte sie leider schon immer eine Schwäche gehabt. Außerdem hatte sie schon vor Jahren für ihn geschwärmt, als er einer der Topspieler der London-Irish-Rugbymannschaft gewesen war.

Seufzend ermahnte Astrid sich erneut, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, und begann, die Berichte zusammenzusuchen, nach denen Henry verlangt hatte.

Gerade als sie zu ihm gehen wollte, klingelte das Telefon. Ein Blick auf die Telefonanlage zeigte ihr, dass Henry ebenfalls telefonierte.

„Everest-Music, Henry Devonshires Büro“, meldete Astrid sich.

„Wir müssen reden.“

Astrid zuckte zusammen. Es war Daniel Martin, ihr ehemaliger Chef und einstiger Liebhaber. Daniel war ein wenig wie Simon Cowell, ein Musikproduzent, der alles, was er anfasste, zu Gold machte. Aber wenn das Gold seinen Glanz verlor, ging Daniel weiter. Etwas, was Astrid am eigenen Leib hatte erfahren müssen.

„Ich glaube nicht, dass es zwischen uns noch etwas zu besprechen gibt.“ Mit Daniel zu reden war wirklich das Letzte, was sie wollte.

„Henry Devonshire könnte das anders sehen. Wir treffen uns in zehn Minuten im Park zwischen City Hall und Tower Bridge.“

„Ich kann nicht, ich muss gleich zu meinem Chef.“

„Er wird nicht lange dein Chef sein, wenn du nicht mit mir redest. Du weißt schon, was ich meine. Ich verlange ja nicht viel, nur ein paar Minuten deiner kostbaren Zeit“, meinte Daniel sarkastisch.

„Gut“, willigte Astrid widerstrebend ein. Daniel konnte ihre Karrierechancen bei Everest-Music zerstören, indem er einfach nur ein paar abfällige Bemerkungen über ihre Arbeitsmoral machte.

Sie war nicht sicher, was er wollte – ihre Beziehung hatte auf sehr unschöne Art und Weise geendet. Vielleicht wollte er etwas wiedergutmachen, jetzt, da sie wieder in der Musikindustrie arbeitete. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, dachte sie.

Sie schickte Henry eine E-Mail, in der sie ihm mitteilte, dass sie gleich zurück sei, und stellte den Anrufbeantworter an. Fünf Minuten später marschierte sie am Ufer der Themse entlang. Viele Büroangestellte saßen draußen vor den Bürokomplexen zum Rauchen. Astrid eilte an ihnen vorbei und hielt nach Daniel Ausschau. Sein hellblondes Haar entdeckte sie zuerst. Es war ein bewölkter Tag und ein wenig frisch, und Daniel trug seinen Lieblingstrenchcoat von Ralph Lauren.

Trotz der Tatsache, dass sie längst über ihre Gefühle für ihn hinweg war, musste sie zugeben, dass er gut aussah. Die Frauen schauten ihm bewundernd hinterher, und Astrid sah die Enttäuschung in ihren Augen, als er sich zu ihr wandte. Früher hatte sie die neidischen Blicke anderer Frauen genossen. Jetzt wusste sie, dass es nichts gab, worauf man eifersüchtig sein musste. Daniel verfügte leider nur über ein ansprechendes Äußeres. Seine inneren Werte ließen einiges zu wünschen übrig.

„Astrid.“

„Hallo, Daniel. Ich habe nicht viel Zeit. Weshalb wolltest du mich treffen?“

„Was hast du dir dabei gedacht, einen Job bei Everest-Music anzunehmen?“

„Wieso? Sie haben mich eingestellt. Ich brauche einen Job, da ich leider nicht so reich bin, dass ich ohne leben kann“, erwiderte Astrid grimmig.

„Sehr witzig.“

„Sollte es nicht sein. Was versuchst du, mir zu verstehen zu geben?“

„Machst du dich auch nur an einen meiner Künstler heran … dann ruiniere ich dich.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das würde ich niemals tun. Ich habe nicht die Absicht, meine Karriere voranzutreiben, indem ich jemand anderen benutze.“

„Ich warne dich nur. Sollte ich mitbekommen, dass du dich auch nur in die Nähe von einem meiner Künstler begibst, werde ich Henry Devonshire anrufen und ihm alles erzählen, was die Presse nicht über unsere Affäre herausgefunden hat.“

Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ sie, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stehen. Astrid sah ihm hinterher und fragte sich zum einen, wie sie jemals auf Daniel hereinfallen konnte, und zum anderen, wie sie sich vor ihm schützen sollte.

Besorgt eilte sie zurück ins Büro und stand kurz darauf an der Tür zu Henrys Zimmer.

Er telefonierte noch, winkte sie aber herein. Sie ging zum Schreibtisch und legte die Akten, um die er sie gebeten hatte, auf den Tisch.

„Das hört sich gut an. Ich komme heute Abend gegen neun“, sagte Henry. „Nein, nicht allein, zu zweit.“

Er legte auf und wandte sich an Astrid. „Bitte setzen Sie sich. Vielen Dank für die Sachen, die Sie vorbereitet haben. Bevor wir uns an die Arbeit machen, erzählen Sie mir doch erst einmal ein wenig über sich.“

„Was wollen Sie wissen?“, fragte sie. Irgendwie war es wohl eher unpassend, gleich ihre gesamte Vergangenheit herauszuposaunen. Und sie hatte inzwischen gelernt, dass sie, wenn sie bei solchen Fragen nicht genauer nachhakte, dazu neigte, Dinge zu enthüllen, die besser im Verborgenen geblieben wären.

Sie hoffte, dass der Job hier bei Everest-Music eine Art Puffer zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft darstellte. Ein Job, der sie so in Anspruch nahm, dass sie vergaß, ständig an verpasste Chancen zu denken, und stattdessen wieder anfing zu leben.

„Zunächst einmal würde mich interessieren, warum Sie für den Everest-Konzern arbeiten“, meinte Henry, während er sich zurücklehnte. Der eng anliegende schwarze Pulli, den er trug, spannte sich über seinen kräftigen Muskeln. Oh, dachte Astrid, er treibt wohl noch immer regelmäßig Sport.

„Weil sie mich eingestellt haben“, erklärte sie. Nach ihrem Gespräch mit Daniel fürchtete sie, zu viel zu sagen.

Er lachte. „Also ist es nur ein Job zum Geldverdienen für Sie?“

„Ein bisschen mehr steckt schon dahinter. Ich begeistere mich wirklich für Musik, und Teil Ihres Teams zu sein klang so, als könnte es Spaß machen. Die Aussicht, das nächste große Talent zu entdecken …“ Sie zuckte mit den Schultern und lächelte leicht. „Ich habe mich immer für eine Trendsetterin gehalten, jetzt wird sich herausstellen, ob ich es tatsächlich bin.“

Eine Zeit lang hatte sie daran geglaubt, selbst Musikproduzentin zu werden. Sie verstand ihren Job und wusste, wie viel Arbeit nötig war, aber irgendwann war ihr klar geworden, dass ihr etwas fehlte, um wirklich erfolgreich sein zu können. Sie konnte Künstler, deren Aufstieg sie begleitet hatte, nicht einfach fallen lassen, wenn deren Stern zu sinken begann. Dafür besaß sie wohl zu viel Integrität.

„Das macht es auf jeden Fall leichter, wenn Sie für mich arbeiten. Ich brauche nicht so sehr eine Sekretärin, sondern eher eine persönliche Assistentin. Sie müssten rund um die Uhr erreichbar sein, denn in diesem Geschäft können wir uns nicht an die üblichen Bürozeiten halten. Außerdem habe ich vor, diesen Zweig von Everest an die Spitze des Konzerns zu bringen. Haben Sie irgendwelche Einwände?“

„Nein, Sir. Mir wurde schon bei der Einstellung gesagt, dass dies ein fordernder Job sein würde“, erwiderte sie. Sie freute sich darauf. Sie brauchte eine Arbeit, in die sie sich vertiefen konnte, um sich von ihrem gescheiterten Privatleben abzulenken.

Er nickte und lächelte sie an. „Normalerweise arbeiten wir nicht hier in diesem Büro. Ich ziehe es vor, die Sachen von meinem Haus in Bromley oder meiner Wohnung hier in London aus zu regeln. Im Grunde werden wir jedoch die meiste Zeit damit verbringen, uns abends neue Gruppen und Sänger anzuhören.“

„Das ist in Ordnung, Sir.“ Zum Glück brauchte sie nicht viel Schlaf.

„Gut, kümmern wir uns jetzt also ums Geschäft. Ich möchte, dass Sie einen Ordner anlegen, in dem Sie sämtliche Informationen der Talentscouts sammeln. Ich schicke Ihnen eine Mail mit den Namen der Leute, die für mich arbeiten.“

Astrid nickte und machte sich Notizen, während Henry sie weiter in ihren Job einwies. Trotz der Tatsache, dass er in der Presse immer nur als Playboy dargestellt wurde, schien Henry ein ausgesprochen großes Netzwerk aufgebaut zu haben, das er für seine Geschäfte nutzen konnte.

„Gibt es noch etwas?“

„Ja. Ich habe bisher immer ein ziemlich gutes Gespür für neue Gruppen bewiesen, wenn ich sie in Nachtclubs gehört habe, aber ich freue mich darauf, auch Ihre Meinung zu hören.“

„Und worauf führen Sie Ihr Gespür zurück?“, hakte sie nach.

„Vermutlich liegt es daran, dass ich zu der Zielgruppe gehöre, die die meisten Labels ansprechen wollen. Ich bin jung, offen für Neues und kenne die Szene.“ Er nickte. „Das hat mir ein gutes Ohr für die Trends vermittelt. Wie sieht es mit Ihnen aus, Astrid?“

„Ich liebe Musik.“ Als sie nach London gezogen war, hatte sie sich ins Nachtleben gestürzt. Zusammen mit ihrer Schwester Bethann hatte sie sich eine kleine Wohnung geteilt. Tagsüber hatten sie studiert beziehungsweise irgendwelche Hilfsjobs ausgeübt, und abends waren sie zusammen mit Freunden von Club zu Club gezogen. Aber seit Bethann als Anwältin arbeitete und sich verlobt hatte, war auch Astrids Privatleben anders geworden. „Einer der Gründe, warum ich eingestellt wurde, war der, dass ich die persönliche Assistentin von Daniel Martin gewesen bin.“

„Tatsächlich?“, fragte er, ohne weiter darauf einzugehen. „Und wo liegen Ihre Vorlieben? Welche Art von Musik mögen Sie?“

„Mir gefällt Soul.“

„Hört sich …“

„Retromäßig an?“

„Nein, interessant“, erwiderte er und zwinkerte ihr zu.

Lächelnd verließ Astrid sein Büro und versuchte, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Doch sie musste zugeben, dass sie das Gespräch mit Henry viel zu sehr genossen hatte – er war ihr Chef, das durfte sie nicht vergessen, sonst litt sie bald wieder an Liebeskummer und hatte keinen Job mehr.

Henry sah Astrid hinterher, als sie das Zimmer verließ. Seine neue Assistentin war attraktiv, humorvoll und ein bisschen keck. Ihre Anwesenheit in seinem Büro und in seinem Team würde seinen Job eindeutig spannender machen.

Trotz der Tatsache, dass die meisten Menschen ihn für nichts weiter als einen berühmten Sportberichterstatter und Lebemann hielten, besaß Henry eine durchaus ernste Seite. Er genoss sein Leben, aber die wenigsten wussten, dass er auch hart arbeitete.

Es war eine Lektion, die er von Gordon Ferguson, seinem Stiefvater, gelernt hatte. Er war acht gewesen, als er Gordon das erste Mal getroffen hatte. Zwei Jahre bevor seine Mutter und Gordon heirateten. Gordon war jetzt der Cheftrainer der London-Irish, doch damals war er nur einer der Assistenten gewesen. Er hatte Henry geholfen, seine Fähigkeiten beim Rugby zu verfeinern, und ihn zu einem der besten Mannschaftsführer seiner Generation gemacht.

Jetzt blickte Henry sich in seinem Büro um, das sich im obersten Stockwerk des Everest-Firmengebäudes befand. Ein großes, luxuriös ausgestattetes Eckbüro mit Aussicht auf das London Eye. Trotzdem fühlte Henry sich ein wenig fehl am Platz. Er wusste, in einem Zimmer, das trotz seiner Größe so beengend und steril wirkte, konnte er nicht arbeiten.

Er musste hier raus. Doch zuerst wollte er mehr über seine Assistentin und auch über die Aufgabe, die er übernommen hatte, erfahren.

Anfangs, als er von Malcolms Angebot erfahren hatte, war es ihm noch egal gewesen, ob er den internen Wettbewerb gewann oder nicht, doch jetzt, da er hier war, meldete sich seine Spielernatur. Er gewann gern. Schließlich gab es einen Grund, warum man ihn zum Rugbyspieler des Jahres gekürt hatte. Ihm gefiel es, der Beste zu sein, und danach strebte er – nicht nur auf dem Spielfeld.

Er überflog die Berichte, die Astrid vorbereitet hatte, und machte sich Notizen. Dabei versuchte er immer wieder, den Gedanken an Astrids lange Beine zu verdrängen, die ihr kurzer Rock besonders gut zur Geltung gebracht hatte. Auch Astrids Lächeln hatte es ihm angetan … ihr Mund war sehr verführerisch. Mehr als einmal hatte er sich überlegt, wie ihre Lippen wohl schmecken würden. Und wenn sie lächelte, dann waren sie einfach unwiderstehlich.

Henry rief sich zur Ordnung. Affären im Büro waren nie eine gute Idee. Doch er kannte sich und musste zugeben, dass er seine neue Assistentin äußerst attraktiv fand und sich zu ihr hingezogen fühlte. Sein Verstand riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen … es sei denn, Astrid zeigte Interesse an ihm. Er brauchte sie, um diese Herausforderung gewinnen zu können, und wenn er ehrlich war, war ihm ein Sieg wichtiger als ein Techtelmechtel im Büro.

„Henry?“

Astrid stand in der Tür. Langsam ließ Henry den Blick über sie schweifen. Dieser kurze enge Rock, der wirkte wirklich sehr verführerisch, und ihre schwarzen kniehohen Stiefel ließen ihre Beine noch länger erscheinen. Der schlichte schwarze Pullover umschmeichelte ihre Brüste, und Henry ertappte sich dabei, wie er sie anstarrte. Astrid räusperte sich.

Er riss sich von dem Anblick los. „Ja, Astrid?“

„Ich muss schnell mal in die Rechtsabteilung, um die Einzelheiten von Steph Cordos Vertrag prüfen zu lassen. Ist es in Ordnung, wenn das Telefon solange unbesetzt ist?“

„Ja, natürlich. Sie sind ja schnell.“ Es hatte eindeutig seine Vorteile, in einer großen Firma zu arbeiten. Man konnte Aufgaben delegieren, und sie wurden zügig erledigt – das hatte er schon seit geraumer Zeit benötigt.

Henry hatte selbst produziert, während er sich gleichzeitig darum gekümmert hatte, bestimmte Sportschuhe und -getränke zu vermarkten. Außerdem hatte er eine Sportshow im Fernsehen speziell für Kinder moderiert, die zwei Jahre lang gelaufen war. Ihm gefielen die Annehmlichkeiten, die er aufgrund seiner Berühmtheit genießen konnte. Was ihm nicht so gut gefiel, war die Tatsache, dass er bisher all den Kleinkram hatte selbst erledigen müssen.

Astrid zwinkerte ihm zu. „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, zu gefallen.“

„Das gelingt Ihnen ausgezeichnet“, lobte er sie lächelnd.

Sie ging wieder hinaus, und Henry drehte sich mit seinem Stuhl herum, sodass er zum Fenster hinausschauen konnte.

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