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Heiße Küsse im Casino Royal

1. KAPITEL

Monte Carlo, Casino de la Méditerranée

Es war nicht gerade alltäglich, dass eine Frau ihren fünfkarätigen Verlobungsring beim Roulette setzte. Doch etwas anderes fiel Jayne Hughes nicht ein, um ihren störrischen Noch-Ehemann davon zu überzeugen, dass er den Klunker zurücknehmen sollte.

Mehrfach hatte sie auf Conrads Mailbox gesprochen, damit er sich mit ihrem Anwalt in Verbindung setzte, doch Conrad ignorierte die Nachrichten. Ihr Anwalt hatte seinen angerufen – vergeblich. Die Scheidungspapiere waren Conrads Assistentin von einem Kurier ausgehändigt worden. Sie hatte Anweisung, unter keinen Umständen den Empfang zu quittieren.

Als Jayne sich durch die Menschenmenge ihren Weg zum Roulettetisch bahnte, hielt sie den Verlobungsring, den ihr Mann ihr sieben Jahre zuvor geschenkt hatte, in der Faust. Conrad gehörte das Casino de la Méditerranée, und wenn sie ihren Einsatz verlor, würde der Ring wieder in seinen Besitz gelangen. Es gab nur alles oder nichts. Um zu gewinnen, musste sie verlieren, denn sie wollte endlich einen klaren Schnitt.

Jayne warf den Ring auf das Feld mit der roten Zwölf. Der Jahrestag ihrer Trennung fiel auf den zwölften Januar, und der war in einer Woche. Drei von sieben Ehejahren hatten sie getrennt verbracht. Mittlerweile müsste Conrad akzeptiert haben, dass jeder von ihnen sein eigenes Leben führte.

Vertraute Geräusche hallten unter dem kuppelförmigen Dach wider. Gelächter und Begeisterungsrufe mischten sich mit dem enttäuschten „Ohhhh“ der Verlierer. Diese mit Fresken geschmückten Wände hatte Jayne während der vier gemeinsamen Jahre mit Conrad als ihr Zuhause betrachtet.

Zwar hatte sie sich an den Luxus gewöhnt, doch aufgewachsen war sie in einem bescheidenen Haus in Miami. Die Zahnarztpraxis ihres Vaters hatte der Familie ein gutes Auskommen ermöglicht. Allerdings wäre es ihnen noch besser gegangen, hätte er nicht insgeheim eine zweite Familie unterhalten.

Der Ring von Van Cleef & Arpels hatte ein einzigartiges Design, das Jayne schon als kleines Mädchen fasziniert hatte.

Nun aber war Cinderella aus dem Schloss ausgezogen. Die gläsernen Schuhe waren zerbrochen, genau wie ihr Herz. Der Märchenprinz existierte nicht. Und jetzt würde sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Sie nickte dem Croupier zu und gab ihrem Ring einen kleinen Schubs, sodass er mitten auf der roten Zwölf liegen blieb. Der Casinomitarbeiter rückte seine Krawatte zurecht. Mit einem Stirnrunzeln warnte er sie gerade noch rechtzeitig, bevor … Conrad.

Sie konnte seine Anwesenheit spüren, ohne sich umzusehen. Das war einfach nicht fair. Selbst nach drei Jahren Trennung, in denen sie ihn kein einziges Mal gesehen hatte, erinnerte sich ihr Körper an ihn. Begehrte ihn. Ihre Haut unter dem beigen Abendkleid aus Seide prickelte, und sofort kam ihr die Erinnerung an ein gemeinsames Wochenende in den Sinn. Vor allem die Erinnerung an die sanfte Mittelmeerbrise, die durch die Balkontüren hereindrang, als sie miteinander schliefen.

Conrads Atem streichelte ihr Ohr schon, bevor seine Stimme erklang. „Jetons sind links von dir erhältlich, mon amour.“

Meine Liebe.

Wohl kaum. Eher betrachtete er sie als seinen Besitz. „Und die Scheidungspapiere kannst du bei meinem Anwalt bekommen.“

Sie war Hospizschwester und keine verdammte Prinzessin.

„Aber warum sollte ich mich scheiden lassen, wenn du so scharf aussiehst, dass jedem Mann die Luft wegbleibt?“

Plötzlich war er ihr so nah, dass die Hitze seines Körpers sie zu versengen schien … so wie ihr Verlangen und der Ärger, die heiß durch ihre Adern strömten.

Sie wirbelte herum und blickte ihm ins Gesicht. Er war noch immer so unglaublich attraktiv, dass ihr der Atem stockte.

Warum um Himmels Willen waren ihre weiblichen Instinkte stärker als ihr Verstand, sobald sie in seiner Nähe war?

Sein tiefschwarzes Haar glänzte unter den ausladenden Kristallleuchtern. Sie erinnerte sich gut daran, wie dicht es war und wie wunderbar weich. In vielen Nächten hatte sie ihn beobachtet, wenn er schlief, und war ihm mit den Fingern durchs Haar gefahren. Viel schlief er nicht. Er litt an Schlaflosigkeit, als könnte er die Kontrolle über die Dinge niemals aus der Hand geben. Deshalb hatte sie diese seltenen Momente geliebt, in denen sie ihn ungestört beobachten konnte.

Wenn Conrad Hughes auftauchte, zog er sofort die Blicke aller Frauen auf sich. Auch in diesem Moment war das nicht anders. Er war mehr als gut aussehend … egal ob im Smoking oder in Jeans und T-Shirt … auf eine verwegene und finstere Art. Zwar war er ein waschechter Amerikaner aus New York, doch er wirkte so exotisch wie ein russischer Adliger aus einem vergangenen Jahrhundert.

Außerdem war er unglaublich arrogant.

Conrad nahm den Fünfkaräter vom Tisch, und Jayne blieb nur eine Sekunde, um ihren Sieg zu feiern. Schon legte er ihr den Ring in die Handfläche. Der kühle Stein erwärmte sich, als seine Hand ihre Finger zu einer Faust formte.

„Conrad!“, fauchte sie und versuchte, sich ihm zu entziehen.

„Jayne“, erwiderte er mit fester Stimme und drückte ihre Hand, sodass sich der Ring in die Haut bohrte. „Ich glaube, das hier ist nicht der richtige Ort für unsere Versöhnung.“

Er setzte sich in Bewegung, und weil er sie nicht losließ, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, vorbei an tuschelnden Spielern und marmornen Säulen. Unter den Gästen entdeckte sie einige vertraute Gesichter, doch sie konnte nicht stehen bleiben, um mit ihnen zu plaudern und sich über das Wiedersehen zu freuen.

Das Casino ihres Mannes war ein Treffpunkt für die Oberschicht, ja sogar Mitglieder der fürstlichen Familie konnte man hier öfter antreffen. Als sie zuletzt gezählt hatte, besaß Conrad ein halbes Dutzend Spielbanken auf der ganzen Welt, doch das Casino de la Méditerranée hatte er stets bevorzugt. Es hatte einen ganz besonderen Flair, zu dem insbesondere die alten Spieltische beitrugen, deren Innenleben jedoch die neueste Technik barg. Außerdem war Monte Carlo Conrads erster Wohnsitz.

Die Leute machten hier Urlaub, um an alten Traditionen festzuhalten, und sie trugen piekfeine Smokings aus der Savile Row und Abendroben von Dior. Diamanten glitzerten, und dabei handelte es sich ohne Zweifel um Originale von Cartier oder Bulgari. Jaynes fünfkarätiger Verlobungsring war zwar beeindruckend, doch im Casino de la Méditerranée nichts Besonderes.

Ihre High Heels klapperten immer schneller über die Marmorfliesen, und die metallicschwarze kleine Handtasche rutschte ihr in der Eile auf den Ellbogen hinunter. „Hör auf damit.“

„Nein. Vielen Dank.“ Er blieb vor dem vergoldeten Jugendstilgitter des Aufzugs stehen und drückte auf den Knopf.

„Immer noch derselbe sarkastische Mistkerl.“ Sie seufzte leise.

„Oh.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern. „Das hab ich ja noch nie gehört. Ich denk mal drüber nach.“

Jayne schüttelte seinen Arm ab und blieb abrupt stehen. „Ich komme nicht mit in deine Suite.“

„In unser Penthouse.“ Mit einer schroffen Geste nahm er ihr den Ring aus der Hand und ließ ihn in ihre schwarze Handtasche fallen. „Unser Zuhause.“

Ihr Zuhause? Wohl kaum. Doch hier in der Lobby, wo jeder zuhören konnte, wollte sie nicht mit ihm streiten. „Also gut. Ich muss mit dir reden. Allein.“

Die Türen glitten auseinander. Mit einer Geste gab er dem Fahrstuhlführer zu verstehen, dass er verschwinden sollte, und führte Jayne hinein. Dann waren sie allein in der verspiegelten Kabine. „Wenn du mir Papiere zustellst, heißt das noch lange nicht, dass ich sie auch unterschreibe.“

Das hatte sie bereits gemerkt, und sie war sehr enttäuscht darüber. „Du kannst doch nicht ernsthaft verheiratet bleiben wollen, obwohl wir schon so lange getrennt sind.“

„Vielleicht wollte ich nur sehen, ob du den Mut aufbringst, mit mir persönlich zu reden, anstatt wieder einen Boten zu schicken …“ Um seine dunkelbraunen Augen wurden Fältchen sichtbar. „Um mir zu sagen, dass du den Rest deines Lebens verbringen willst, ohne jemals wieder mit mir ins Bett zu gehen.“

Mit ihm ins Bett gehen?

Auf keinen Fall.

Sie konnte ihm nicht vertrauen. Von keinem Mann würde sie sich so an der Nase herumführen lassen … oder sich das Herz brechen lassen, wie ihr Vater ihrer Mutter das Herz gebrochen hatte. „Du meinst, du willst in mein Bett springen, wenn du zufällig mal in der Stadt bist, nachdem du wochenlang verschwunden warst. Darüber haben wir schon oft genug geredet. Ich kann nicht mit einem Mann schlafen, der Geheimnisse vor mir hat.“

Er hielt den Aufzug an. Ein Anflug von Enttäuschung lag in seinem Blick. „Ich habe dich nie belogen.“

„Nein. Du gehst einfach weg, wenn du eine Frage nicht beantworten willst.“

Er war clever. Viel zu clever. Mit Worten spielte er genau so geschickt wie mit Geld. Im zarten Alter von fünfzehn hatte er seinen riesigen Treuhandfonds dazu benutzt, den Aktienmarkt zu manipulieren. Nur der Einfluss seiner Familie hatte ihn davor bewahrt, im Jugendgefängnis zu landen.

Stattdessen verurteilte ihn ein Richter dazu, eine Militärschule zu besuchen. Dort besserte er sich nicht. Im Gegenteil, seine Fähigkeit, sich durchzusetzen, bekam den letzten Schliff.

Gegen seine Ausstrahlung war Jayne immer noch wehrlos. Deshalb war sie auf Distanz geblieben und hatte versucht, die Scheidung vom Ausland aus zu organisieren.

Als sie noch zusammen waren, hatte Jayne nach einer Mammografie einen auffälligen Befund. Sie hatte furchtbare Angst gehabt und hätte dringend seine Unterstützung gebraucht, konnte ihn aber eine Woche lang nicht ausfindig machen. Es waren die längsten sieben Tage ihres Lebens, und sie hatten das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Die Wucherung in ihrer Brust erwies sich als gutartig, aber was war mit ihrer Ehe? Der Befund lautete: hundert Prozent bösartig. Sie hatte gewartet, bis Conrad wieder zu Hause war, und ihm eine letzte Chance gegeben, ehrlich zu sein. Und wieder hatte er ihr einen Bären aufgebunden. Er sei geschäftlich unterwegs gewesen, und sie könne ihm ganz und gar vertrauen.

In jener Nacht war sie gegangen und hatte nur eine Reisetasche mitgenommen. Dummerweise hatte sie damals nicht daran gedacht, ihre Ringe zurückzulassen.

Nun stand sie hier in diesem engen Aufzug, klassische Musik erklang aus den Lautsprechern, und alles, woran sie denken konnte, war, wie er sie an die Spiegelwand gedrückt und geliebt hatte, bis sie nicht mehr klar denken konnte.

Und er schwieg immer noch.

„Also Conrad? Hast du mir nichts zu sagen?“

„Das Problem hier bin nicht ich. Du vertraust mir einfach nicht.“ Sanft schob er mit den Fingern den Träger ihrer metallicschwarzen Schultertasche an den richtigen Platz zurück. „Ich bin nicht dein Vater.“

Bei diesen Worten verwandelte sich der Rest ihrer Leidenschaft in Ärger … und Schmerz. „Das geht unter die Gürtellinie.“

„Habe ich recht oder nicht?“

Er stand nur wenige Zentimeter von ihr entfernt, so nahe, dass sie sich leicht in einem Kuss hätten verlieren können. Doch diesen Fehler durfte sie nicht noch einmal machen. Angezogen von seinem Duft und dem schmerzlichen Verlangen in ihrem Schoß machte sie einen Schritt auf ihn zu. Die Anziehung war so intensiv, dass sie ihre ganze Willenskraft aufbieten musste, um sich wieder von ihm zu entfernen. „Und wer sagt mir, dass du nicht wie dein Vater bist?“

Nachdem Conrad als Teenager verhaftet worden war, lauteten die Schlagzeilen meistens so: „Wie der Vater, so der Sohn.“ Und tatsächlich war Hughes senior der Verurteilung für seine Wirtschaftsverbrechen dank desselben hochbezahlten Anwalts entgangen, der seinen Sohn vor einer härteren Strafe bewahrt hatte.

Tief in ihrem Herzen wusste Jayne, dass ihr Ehemann anders war als sein alter Herr. Conrad war in die Computernetze von Wall-Street-Unternehmen eingedrungen, um seinen Vater und seinesgleichen zu entlarven. Das wusste sie … doch mit den Ausflüchten und der Mauer aus Schweigen zwischen ihnen konnte sie einfach nicht leben.

Sie griff in ihre Handtasche, zog einen Stapel sorgfältig gefalteter Papiere heraus und hielt sie Conrad hin. „Hier. Das erspart dir die Fahrt zur Anwaltskanzlei.“

Dann drückte sie auf den Knopf, der sie zu ihrer Gästesuite bringen würde. Sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, in ihrer alten Unterkunft zu wohnen, die sie einst voller Liebe und Hoffnung gestaltet hatte.

„Conrad, betrachte den Scheidungsantrag als offiziell zugestellt. Mach dir keine Gedanken über den Ring. Ich werde ihn verkaufen und das Geld für einen wohltätigen Zweck spenden. Alles, was ich von dir will, ist eine Unterschrift.“

Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich vor dem Zimmer, das sie unter falschem Namen vorbestellt hatte. Hoch erhobenen Kopfes trat sie hinaus in den mit weichen Teppichen ausgelegten Flur.

Sie ließ Conrad stehen und schaffte es beinah, die Tatsache zu ignorieren, dass er ihr noch immer das Herz brechen konnte.

Mit zweiunddreißig Jahren hatte Conrad bereits zehn Vermögen verdient und neun davon wieder ausgegeben. Doch heute Abend hatte er endlich den Jackpot geknackt und den größten Gewinn der letzten drei Jahre eingestrichen. Er hatte die Chance, die Sache mit Jayne endlich abzuschließen, sodass sie ihn nicht für den Rest seines Lebens in seinen Träumen verfolgen würde.

Er ging durch den Flur, der zum Casino führte, um für heute Abend die Aufsicht über das Spiel abzugeben. Als ihm gemeldet worden war, dass Jayne sich im Casino aufhielt, hatte er den abgesetzten Thronerben stehen lassen, mit dem er sich gerade unterhielt. Das glänzende hellblonde Haar seiner Frau und die vertraute Kurve ihres schlanken weißen Halses zogen ihn magisch an. Mit Jayne zu sprechen, hatte für ihn absolute Priorität.

Es war nicht gerade angenehm gewesen, ihr dabei zuzusehen, wie sie ihren Ring auf die rote Zwölf setzte. Doch was sollte er von dem vielsagenden Blick ihrer himmelblauen Augen halten? Nein, trotz der Scheidungspapiere, mit denen sie ihm vor der Nase herumgewedelt hatte: Zwischen ihnen war noch nicht alles aus.

Heute Nacht würde sie unter seinem Dach schlafen. Er faltete die Papiere noch einmal und schob sie in sein Jackett.

Als er an der Bar vorüberging, deutete der Barkeeper mit einem Kopfnicken auf den letzten Barhocker … und auf einen wohlbekannten Stammkunden.

Mist. Das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Jedoch konnte er Colonel John Salvatore, seinen früheren Schuldirektor und jetzigen Kontaktmann bei Interpol, auf keinen Fall abwimmeln. Die Einsätze für Interpol hatten ihn von Jayne weggeführt. Zu ihrer eigenen Sicherheit war es besser, wenn sie nichts davon wusste.

Conrads großzügiger Lebensstil und sein gesellschaftlicher Einfluss verschafften ihm leicht Zutritt zum Kreis der Mächtigen. Wenn Interpol zugreifen wollte, wurde eine ausgewählte Gruppe von Auftragsagenten zusammengerufen, deren Leiter John Salvatore war. Normalerweise griff Salvatore nur ein- oder zweimal im Jahr auf Conrads Dienste zurück, um nicht zu riskieren, dass das ganze Spiel aufflog.

Ein Teil von ihm wusste, dass er Jayne einfach von seiner zweiten „Karriere“ hätte erzählen sollen. Er hätte sich auf das Wesentliche beschränken und ihr die Details verschweigen können. Doch er wollte, dass seine Frau ihm vertraute, anstatt zu glauben, dass er kriminell sei wie sein Vater oder ein Betrüger wie ihr eigener Dad.

Der Colonel erhob sein Glas und prostete Conrad zu. „Da ist aber jemand bis über beide Ohren verliebt.“

Conrad setzte sich auf einen Hocker neben dem Colonel und machte sich nicht die Mühe, Salvatores Anspielung abzustreiten. „Beinahe hätte Jayne Sie gesehen.“

Wenn der Colonel hier auftauchte, konnte der Grund dafür nur Arbeit sein. Vor allem in den vergangenen drei Jahren hatte Conrad die gelegentlichen Aufträge von Interpol gern genutzt, um die Leere in seinem Leben zu füllen. Doch in diesem Augenblick war das nicht der Fall.

„Sie würde glauben, dass dein alter Direktor auf einen Drink vorbeikommt. Wenn ich schon mal in der Gegend bin, um an der Côte d’Azur das Konzert eines ehemaligen Schülers zu besuchen.“ Salvatore trug den üblichen grauen Anzug, die rote Krawatte und seine unerschütterliche Ruhe wie eine Uniform.

„Das ist kein guter Zeitpunkt.“ Wenn Jayne plötzlich auftauchte, würde sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

„Ich überbringe dir persönlich ein paar Dokumente von unserem letzten … Experiment.“ Er gab Conrad eine CD. Zweifellos mit verschlüsselten Daten.

Das Experiment war die Falschgeldaffäre Zhutov, die sie einen Monat zuvor aufgeklärt hatten.

Wäre Conrad gerade nicht so hormongesteuert, wäre ihm klar, dass der Colonel es niemals riskieren würde, ihn so früh zu einem neuen Einsatz zu schicken. Vor weniger als einer Stunde war Jayne wieder in seinem Leben aufgetaucht, und schon richtete sie ein Chaos in seinem Kopf an.

„Heute will wohl jeder irgendwelchen Papierkram bei mir loswerden.“ Er klopfte sich auf die Brusttasche, und das Knistern des Papiers erinnerte ihn daran, dass zum Ende seiner Ehe nur noch eine Unterschrift fehlte.

„Du bist heute Abend ein gefragter Mann.“

„Ich bin sarkastisch und arrogant.“ Jedenfalls, wenn man Jayne glaubte, und die war eine intelligente Frau.

„Oh, wie selbstkritisch.“ Colonel Salvatore trank sein Glas aus, wobei er die Umgebung im Auge behielt. „So warst du immer schon, sogar in der Schule. Am Anfang wussten die meisten Jungs nicht, was sie wert waren. Aber du warst dir deiner Stärken immer bewusst.“

Es gefiel Conrad gar nicht, an seine Teenagerzeit zu denken. Damals war sein Vater von dem Podest gestürzt, auf das Conrad ihn gestellt hatte. „Schwelgen wir hier nur zum Spaß in Erinnerungen, oder gibt es einen Grund dafür?“

„Du kanntest deine Stärken, aber noch nicht deine Schwächen.“ Der Colonel schob das Kristallglas zur Seite und stand auf. „Jayne ist deine Achillesferse, und wenn du das nicht begreifst, wirst du dich selbst zerstören.“

„Ich werde darüber nahdenken.“ Die bittere Wahrheit in Salvatores Worten schmerzte.

„Jedenfalls bist du so stur wie eh und je.“ Salvatore klopfte Conrad auf die Schulter. „Ich bleibe am Wochenende in der Stadt. Treffen wir uns übermorgen zum Lunch, um die Sache mit Zhutov unter Dach und Fach zu bringen. Gute Nacht, Conrad.“

Der Colonel warf Trinkgeld auf den Tresen. Bevor Conrad verstand, was der alte Knabe ihm gerade gesagt hatte, war er schon in der Menschenmenge verschwunden. Salvatore irrte sich selten, und er schätzte auch Jaynes Wirkung auf Conrad richtig ein.

Und was die gute Nacht betraf … Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sie gut wurde. Doch Conrad machte sich durchaus Hoffnungen. Der Abend war noch nicht zu Ende … wie Jayne bald merken würde, wenn sie in ihre Suite ging und feststellte, dass ihre Koffer in das Penthouse gebracht worden waren, das sie früher gemeinsam bewohnt hatten. Ein Grund mehr, die Casino-Aufsicht seinem Stellvertreter zu übergeben und schnurstracks zum Penthouse zurückzugehen. Jayne würde stinksauer sein.

Ein großartiger Anblick, den er nicht verpassen wollte.

Schnaubend vor Wut über Conrads eigenmächtiges Handeln fuhr Jayne im Fahrstuhl in die Etage, in der das Penthouse war. Zur Hölle mit ihm.

Es war ihr sehr schwergefallen hierherzukommen und sie wollte Abstand wahren, indem sie in einer anderen Suite wohnte. Das Casino verfügte über Unterkünfte für besondere Gäste. Außerdem war ihre Trennung schon lange kein Geheimnis mehr.

Sie bog und streckte die Zehen, um sich zu entspannen, und konzentrierte sich darauf, Conrad zu finden.

Und ihre Sachen.

Das vergoldete Gitter des Aufzugs öffnete sich und gab den Blick auf den luxuriösen Eingangsbereich frei. Sie wappnete sich innerlich gegen den Anblick der Louis-Seize-Stühle und des Tisches im Flur, die sie so sorgfältig ausgewählt hatte. Und dann sah sie, dass …

Conrad hatte alles verändert. Sie hatte nicht erwartet, dass die Wohnung so aussehen würde, wie sie sie verlassen hatte … na ja, vielleicht doch … aber mit einer solchen Generalüberholung hatte sie nicht gerechnet.

Fassungslos betrat Jayne die mit massiven Ledermöbeln vollgestellte Männerhöhle. Ein riesiger Fernsehbildschirm war halb hinter einem Ölgemälde versteckt, das zur Seite geschoben werden konnte. Sogar die Gardinen vor dem Panoramafenster waren neu und gaben den Blick auf das mondbeschienene Mittelmeer frei. Die Lichter der Jachten im Hafen funkelten auf dem Wasser wie die Sterne am Himmel. Die Einrichtung war edel, doch es fehlten die weiblichen Details.

Offenbar hatte Conrad sie alle entfernt, nachdem sie gegangen war.

Sie hatte Jahre darauf verwendet, das Penthouse im französischen Landhausstil einzurichten. Es war eine Mischung aus Eleganz und Wärme, die jedes Zuhause ausstrahlen sollte. Hatte er im Zorn alles zerstören wollen? Oder war es ihm einfach egal? Sie wollte gar nicht so genau wissen, was mit ihren alten Möbeln passiert war.

In diesem Augenblick interessierte sie nur, ihren zukünftigen Exmann zu finden, um ihm die Meinung zu sagen. Sie musste nicht lange nach ihm suchen.

Conrad hatte es sich in einem übergroßen Sessel bequem gemacht und hielt ein Kristallglas in der Hand. Eine offene Flasche Whisky stand auf dem Mahagonitisch neben ihm. Dort hatte früher ein seidig glänzendes Sofa gestanden, auf dem sie sich mehr als einmal geliebt hatten …

Vielleicht war es klug, dass er sich von all den Möbeln getrennt hatte.

Sie stellte ihre Handtasche auf das antike Weinregal an der Wand. Zornig stapfte sie über den flauschigen marokkanischen Teppich, in dem ihre Absätze versanken. „Wo ist meine Tasche? Ich brauche etwas zum Anziehen.“

„Dein Gepäck ist natürlich hier.“ Er rührte sich nicht vom Fleck, blinzelte nicht einmal … „Wo sollte es sonst sein?“

„In meiner Suite. Wie du sicher weißt, habe ich eine andere Unterkunft bezogen.“

„Darüber hat man mich in der Sekunde informiert, in der du den Schlüssel bekommen hast.“ Er kippte den Rest seines Drinks hinunter.

„Und du hast einfach meine Sachen holen lassen.“ Was wollte er mit solchen Spielchen erreichen?

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