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Heiße Küsse für den Millionär

1. KAPITEL

Cool. Gelassen.

Zack Harrison ließ sich nicht so leicht erschüttern.

Für ihn war der verspätete Wintereinbruch in Denver an diesem Nachmittag kein Problem, sondern einfach nur ein malerisches Naturschauspiel. Genau wie er den geschäftlichen Rückschlag von heute lediglich als Herausforderung und nicht als Misserfolg betrachtete. Es war ohnehin reizvoller, ein Ziel zu erreichen, wenn es eine gewisse Anstrengung erforderte, befand er, als er seinen Mantel überzog und nach seiner Aktentasche griff. Dann musste er eben … einfallsreicher sein.

Was die Presse anging, war er genauso entspannt. Die Schlagzeilen des letzten Monats waren mehr als lächerlich gewesen. Danach war er nichts weiter als ein Unmensch, der bedürftige Familien aus ihren Wohnungen vertrieb, um sein finsteres Imperium zu vergrößern. Und dann dieser Artikel darüber, wie schlecht er die junge Schauspielerin behandelt hätte, mit der er eine Weile ausgegangen war. Dabei waren Ally und er sich von Anfang an einig gewesen, dass ihre Beziehung völlig zwanglos war. Und jetzt zog sie in den Medien schamlos über ihn her, bloß weil er ihr keinen Diamantring an den Finger stecken wollte. Als ob er sich erpressen ließe!

Doch als er aus dem Hotel trat, die Tür eines wartenden Taxis öffnete und sich auf der Rückbank niederließ, verflog seine Gelassenheit, und er wich erschrocken zurück. Er brauchte ein paar Sekunden, um die unerwartete Gesellschaft in Augenschein zu nehmen, bevor er sich vorbeugte und dem Fahrer auf die Schulter tippte.

„Ihr letzter Fahrgast hat etwas vergessen.“

Der Fahrer drehte sich um. „Eine Brieftasche?“

„Nein“, antwortete Zack. „Ein Baby.“

Die andere Wagentür wurde geöffnet. Ein kalter Luftzug wehte herein, zusammen mit einer Frau in einem kirschroten Kapuzenmantel. Sie platzierte ein Reiseköfferchen auf ihrem Schoß und zog die Tür hinter sich zu, um dem heulenden Schneegestöber zu entkommen. Erst dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung. Unter ihrer Kapuze blickte sie überrascht zwischen der Babytrage und Zack hin und her.

„Ich war so in Eile, dass ich Sie nicht habe einsteigen sehen“, sagte sie. „Eigentlich habe ich fast gar nichts sehen können. Verrückt, dieser Schnee, nicht wahr?“

Zack sah sie aufmerksam an. „Ja“, erwiderte er lächelnd. „Verrückt.“

„Mir kam es ewig lange vor, seit ich das Taxi bestellt hatte. Ich dachte schon, es würde nie eins kommen.“

Zacks Lächeln erstarb. Hatte er ihr das Taxi weggenommen? Als er vor wenigen Minuten ausgecheckt hatte, hatte man ihm am Empfang ein Taxi gerufen. Und als er beim Verlassen des Hotels das Fahrzeug dort stehen sah, hatte er einfach angenommen, dass es seins war.

Dieses Problem ließ sich leicht lösen. Er beugte sich wieder vor, um mit dem Fahrer zu sprechen.

„Hat man Sie herbestellt?“

„Nein, ich komme gerade vom Flughafen.“ Der Mann hinter dem Lenkrad schob sein Basecap aus der Stirn und stellte das Taxameter an. „Da dachte ich, ich fahre mal hier vorbei und versuche mein Glück.“

„Zum Flughafen.“ Rotkäppchen beugte sich ebenfalls nach vorn. „Genau da muss ich hin. Ich muss zurück nach New York zu einem Interview gleich morgen früh. Ich bin Reporterin für Story Magazine“, fügte sie erklärend hinzu.

Trotz seines Widerwillens bemühte sich Zack, angemessen beeindruckt zu wirken.

Dann zog sie die Kapuze zurück. Der Schatten, der ihr Gesicht bedeckt hatte, verschwand, und Zack stockte der Atem.

Abgesehen von den rosigen Wangen, war ihre Haut makellos weiß – wie Porzellan. Langes schwarzes Haar fiel ihr über die Schultern. Und ihre funkelnden Augen strahlten in einem faszinierenden Violett, wie er es noch nie gesehen hatte.

Zack war in seinem Leben schon mit vielen schönen Frauen ausgegangen. Frauen, die sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, sobald sie einen Raum betraten, und die gern ihre Macht über das andere Geschlecht ausspielten. Aber er konnte sich nicht daran erinnern, je einer Frau begegnet zu sein, deren Gegenwart ihm buchstäblich den Atem raubte. Und das nicht bloß wegen ihres Aussehens. Diese Klarheit in ihren Augen, diese selbstsichere und zugleich arglose Art zu sprechen …

Irgendwie leuchtete diese Frau von innen heraus.

Nach den erfolglosen Gesprächen mit dem Besitzer des Hotels wollte er eigentlich schnell nach Hause in seine komfortable Hütte, in der er sich immer entspannte, wenn er in Colorado war. Aber die reizende Frau in Rot hatte es offensichtlich ebenso eilig und wollte Denver und sein ungastliches Wetter schleunigst hinter sich lassen. Daher würde er als Gentleman gern auf das nächste Taxi warten.

Außerdem konnten sie und der Fahrer dann unter sich ausmachen, was sie mit dem Baby zu tun gedachten, das glücklicherweise immer noch fest schlief.

Die Frau blickte auf das Kind. „Wie ich sehe, müssen Sie sich um Ihr Töchterchen kümmern. Sie ist wirklich entzückend.“ Seufzend wandte sie sich ab. „Ich werde mal nachfragen, wo mein Taxi bleibt.“

Als sie sich umdrehte, um die Tür zu öffnen, griff Zack hastig nach ihrem Ärmel. Er konnte sie nicht einfach gehen lassen. Außerdem irrte sie sich.

„Das ist nicht mein Baby.“

Der Fahrer schnaubte. „Und es ist ganz sicher auch nicht meins.“

Die Frau blinzelte irritiert. „Nun, sie sieht ein bisschen zu jung aus, um allein zu reisen“, bemerkte sie lächelnd.

„Woher wollen Sie überhaupt wissen, dass es ein Mädchen ist?“, hakte Zack nach.

„Schauen Sie, wie hübsch sie ist.“ Lächelnd betrachtete sie das Baby, das im Schlaf die winzigen rosafarbenen Lippen schürzte. „Es ist ganz sicher ein Mädchen.“

Der Fahrer klopfte mit dem Daumen aufs Lenkrad. „Das Taxameter läuft, Leute.“

„Natürlich überlasse ich Ihnen das Taxi“, sagte die Frau in Rot.

Zum zweiten Mal an diesem Tag schwand Zacks Gelassenheit. Er spürte, wie sein Mund trocken wurde. Eigentlich hatte er vorgehabt, diesen Nachmittag mit einem Brandy vor einem behaglichen Kaminfeuer zu beenden. Stattdessen war er nun in diese heikle Situation geraten.

„Was sollen wir mit ihr machen?“, fragte Zack.

„Wieso wir, Kumpel?“, hakte der Fahrer nach.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das nicht mein Baby ist“, stellte Zack ein wenig verärgert klar. „Wen haben Sie denn zuletzt gefahren?“

„Einen achtzigjährigen Mann mit einem Stock.“ Der Fahrer legte den Gang ein. „Er wollte nach Jersey fliegen, um seine Familie zu besuchen. Und er hatte ganz sicher kein Baby bei sich.“

Die Miene des Mannes schien zu sagen: Ich weiß ja nicht, was für ein Spiel du hier spielst, Freundchen, aber versuch bloß nicht, deine Probleme auf mich abzuwälzen.

Zack fluchte leise. Wie oft musste er es noch sagen? Das war nicht sein Baby! Wenigstens schien die Frau ihm zu glauben.

„Ob jemand das Baby ausgesetzt hat?“, fragte sie erschrocken. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

„Ich schätze, das wird die Polizei herausfinden müssen.“

Zack gefiel die Situation überhaupt nicht. Warum sollte er sich jetzt darum kümmern? Er hatte nicht die geringste Ahnung von Babys. Aber die Frau war berechtigterweise in Eile, und der Typ am Steuer war entweder ein besserer Schauspieler als Tom Hanks, oder er hatte tatsächlich keinen Schimmer. Nur der Himmel wusste, wie ein Baby allein auf den Rücksitz eines Taxis kommen konnte. Doch er war es gewesen, der das Kind gefunden hatte. Daran war nicht zu rütteln.

Er streckte die Hand nach dem Griff der Babytrage aus.

„Na gut, ich werde sie zur Polizeiwache bringen“, sagte er leise. Er wollte nicht, dass sie aufwachte und weinte. „Die können dann das Jugendamt verständigen.“

„Aber es könnte Stunden dauern, bis die sie abholen.“

„Alles, was ich weiß, ist, dass ein Baby nicht ewig schläft, und ich trage keine Windeln in meiner Brusttasche mit mir herum.“

Die Frau hob die Decke an und durchsuchte die Babytrage. „Hier ist ein Fläschchen, etwas Milchpulver und ein paar Windeln“, sagte sie ruhig.

„Die Beamten auf der Wache werden das sehr zu schätzen wissen.“

„Ich bin sicher, dass sie unendlich dankbar sein werden“, erwiderte sie spöttisch.

Worauf wollte sie hinaus? Er war Geschäftsmann, du liebe Güte, und kein Babysitter – ganz egal, wie niedlich das Baby auch war.

Der Fahrer stellte den Rückspiegel ein. „Soll ich euch zwei Turteltäubchen an irgendeinem Café rauslassen, damit ihr das unter euch ausmachen könnt?“

„Wir sind keine Turteltäubchen.“ Zack umklammerte den Tragegriff fester, während die Frau ihm herausfordernd in die Augen blickte. Dann überraschte sie ihn erneut. Sie streckte den Arm aus und schloss ihre Hand um seine.

Er spürte die Berührung ihrer Finger, und ein heißer Schauer jagte durch seinen Körper. Im gleichen Augenblick nahm er ihren Duft wahr, ein dezenter Hauch von Zitrone. Und er bemerkte, dass sie keinen Ring an ihrer linken Hand trug. Seine außer Kontrolle geratenen Gedanken spielten mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten, wie dieser Tag weitergehen könnte.

„Fahren Sie ruhig“, sagte sie. Ihre Finger hielten den Griff fest, während er seine Hand widerwillig zurückzog. „Ich werde sie wieder mit ins Hotel nehmen. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass sie auf einer Polizeiwache warten muss. Wer weiß, was da für Typen herumlungern.“

Zack wollte widersprechen, doch im Grunde musste er ihr recht geben. Ein Polizeirevier war nicht gerade die passende Umgebung für einen Säugling. Außerdem wirkte die Frau absolut vertrauenswürdig. Das Baby wäre bei ihr sicher in guten Händen, bis die zuständigen Behörden es in Obhut nehmen würden.

Doch jetzt musste er der Frau in Rot erst einmal helfen, das Kind durch den Schnee ins Warme zu bringen.

„Ich begleite Sie hinein.“

„Das ist nicht nötig.“

Sie öffnete die Tür und winkte in Richtung des Hoteleingangs. Zack warf einen Blick durch das Autofenster. Ein uniformierter Page kam mit einem riesigen Regenschirm durch das Schneegestöber herbeigelaufen.

James Dirkins, der aktuelle Hotelbesitzer, hatte das erste Angebot der Harrison-Hotelkette abgelehnt, doch in diesem Augenblick war Zack entschlossener als je zuvor. Wenn er den Deal erst abgeschlossen und das Hotel gekauft hatte, würde er als Allererstes die Zufahrt überdachen lassen. Kein Wunder, dass das Hotel nicht ausgelastet war.

Die Frau reichte dem Hotelangestellten ihr Gepäck und hob die Babytrage vom Rücksitz. Der Page schlug die Tür zu, und Zack sah ihnen nach, wie sie im dichten Schnee verschwanden.

„Wollen Sie auch zum Flughafen, Kumpel?“

Zack starrte immer noch in die Flocken. „Zu einer Privatadresse“, murmelte er.

„Soll ich etwa raten?“

Doch Zack hörte gar nicht zu.

Die Frau in Rot … Er kannte nicht einmal ihren Namen.

„Sie könnten sich auch ein eigenes Taxi kaufen, so wie Sie die Uhr hier laufen lassen“, meinte der Fahrer. „Nicht dass ich mich beklagen möchte.“

Zack lauschte. War das der Wind, der da draußen heulte, oder weinte ein Baby?

Er schloss die Augen und zählte bis drei. Es kam nicht oft vor, dass Zack Harrison sich in die Ecke gedrängt fühlte. Doch jetzt zog er seufzend seine Brieftasche hervor und ließ einen Geldschein auf den Vordersitz fallen. „Warten Sie hier. Ich komme gleich wieder.“

Trinity Matthews wusste genau, worauf sie sich eingelassen hatte. Stundenlanges Warten in einer Stadt, in der sie keine Menschenseele kannte. Dennoch konnte sie ihre Entscheidung jetzt, da sie mit der Babytrage im Arm über den polierten Marmorboden auf den Empfangstresen zuging, nicht bereuen.

Die Leute vom Jugendamt taten ihr Bestes, aber die Wartelisten waren lang und gute Pflegefamilien knapp. Das wusste sie aus schmerzhafter Erfahrung. Sie hatte selbst einmal überlegt, in der Familienfürsorge zu arbeiten, doch dann hatte sie entschieden, dass sie nicht die Richtige dafür war. So viele vernachlässigte und verlassene Kinder … sie hätte jedes Einzelne mit nach Hause nehmen wollen. Trinity blickte auf das schlafende Baby, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Niemand verdiente es, einfach weggeworfen zu werden. Schon gar nicht dieser kleine Engel.

Sie hörte Schritte hinter sich und drehte sich um. Der Mann aus dem Taxi – der mit diesen unglaublichen mitternachtsblauen Augen, der samtigen Baritonstimme und dem Lächeln, das ihr so seltsam vertraut schien – kam hinter ihr hergelaufen. Eine Locke seines schwarzen Haares war ihm in die Stirn gefallen. Als er näher kam, fühlte sich Trinity für einen Augenblick ein wenig atemlos. Erst jetzt konnte sie sehen, wie groß und athletisch er war. Was für ein gut aussehender Mann!

Wieder befiel sie das leise Gefühl, dass sie ihn kannte … und ihm besser nicht trauen sollte.

Dann streckte er ihr die Hand entgegen, und mit einem Mal fügten sich alle Puzzleteilchen zusammen. „Ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen“, sagte er. „Zackery Harrison.“

Natürlich! Hier im hellen Licht ließen die eindrucksvolle Statur, das umwerfende Aussehen und die erfolgsgewohnte Ausstrahlung keinen Zweifel. Im wahren Leben war Zack Harrison geradezu unverschämt sexy. Und von dem, was sie über ihn gelesen hatte, wusste sie, dass er außerdem ein gieriger, egoistischer Schuft war.

Doch dies war weder der passende Ort noch der richtige Zeitpunkt, Mr Harrison zur Rechenschaft zu ziehen und ihm die Meinung zu sagen. Sie holte tief Luft und stellte sich ebenfalls vor.

„Ich bin Trinity Matthews.“

„Miss Matthews.“ Er blickte souverän und siegessicher, genau wie auf den zahlreichen Fotos in den Klatschmagazinen. Egal ob er im eleganten Maßanzug mit Krawatte abgelichtet wurde oder mit nacktem Oberkörper auf seiner Yacht. „Ich habe über das Ganze noch einmal nachgedacht, und ich möchte helfen.“

Sie musterte prüfend seine freundliche Miene.

„Warum?“, fragte sie schließlich.

Seine Augen blitzten wachsam. „Weil ich etwas Zeit habe und Sie zurück nach New York müssen.“

Trinity bemerkte sein atemberaubend strahlendes Lächeln – das gleiche Lächeln, das sie vorhin im Taxi bereits fasziniert hatte. Der gleiche Blick, mit dem er schon ein paar der schönsten Frauen des Landes verführt und einige wichtige Leute dazu gebracht hatte, zu seinem wirtschaftlichen Profit Menschen aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Sie kochte vor Wut, wenn sie an selbstsüchtige, geldgierige Typen wie Zack Harrison dachte.

Was sie wiederum an das Baby erinnerte, das gerade jetzt ihre Hilfe benötigte. Wem gehörte dieses Baby? Was war mit der Kleinen geschehen? Trinity konnte sich nicht vorstellen, wie irgendjemand sie weggeben konnte. Sie war so vollkommen. So wunderschön.

„Ich werde einen späteren Flug nehmen“, erwiderte sie. „Vielleicht bin ich nicht gerade ein Experte, wenn es um die Versorgung eines Säuglings geht, aber ich vermute, dass ich immer noch mehr Ahnung habe als Sie.“

Hieß es nicht immer, dass Babys in Frauen mütterliche Instinkte weckten? Natürlich wusste Trinity besser als die meisten anderen, dass es Ausnahmen gab.

Zack Harrison verschränkte die Arme vor der Brust. Sie verstand seine Geste als dezente Aufforderung, nachzugeben und sich auf den Weg nach New York zu machen. Trinity stellte die Babytrage auf den Boden und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust.

„Ich werde nicht abreisen“, verkündete sie. „Nicht bevor ich weiß, dass es ihr gut geht.“

„Ich habe ein Haus nicht weit von hier …“

„Ich sagte Nein.“

Babys brauchten ununterbrochene Fürsorge und Aufmerksamkeit. Und Liebe. Sie bezweifelte, dass Harrison überhaupt ein Herz hatte.

„Meine Nachbarin Mrs Dale kümmert sich um das Haus, wenn ich nicht da bin. Eine rüstige Großmutter von zehn Enkelkindern. Sie liebt Babys und hatte früher sogar Pflegekinder.“

Trinity unterdrückte einen Schauer. Sicher gab es unzählige fabelhafte Pflegemütter. Dennoch konnte sie ihre reflexartige Reaktion nicht verhindern. Für viele Jahre war der Begriff „Pflegemutter“ für sie gleichbedeutend mit der entsetzlichen Nora Earnshaw gewesen, ihrer eigenen Pflegemutter.

„Mrs Dale hat bestimmt immer noch die ganze Ausrüstung – Hochstühle, Spielzeug und so. Und ich weiß, dass sie gern helfen würde“, drängte er weiter. „Sie wollen doch sicher nicht Ihr Interview verpassen.“

Trinity schluckte.

Ihr Beruf bedeutete ihr mehr als irgendetwas sonst. Er gab ihr die Gelegenheit, zu reisen und viele interessante Menschen kennenzulernen. Nachdem sie in einer Kleinstadt in Ohio aufgewachsen war, liebte sie es, jetzt in New York zu leben. Sie hatte dort Freunde gefunden. Sie hatte ein tolles Leben dort.

Doch in ihrer Branche gab es viel Konkurrenz. In diesen Zeiten waren Jobs hart umkämpft. Erst letzte Woche waren drei ihrer Kollegen infolge von Einsparungsmaßnahmen entlassen worden. Sie konnte sich keinen Ärger leisten.

Aber da war nun einmal dieses Baby. Inmitten des Gewimmels von Gästen und Hotelpersonal blickte Trinity wieder auf das kleine Bündel, und es schnürte ihr das Herz ab.

Konnte man Zack Harrison trauen? Und was wusste er wirklich über seine Nachbarin, diese Mrs Dale? Trinitys Pflegemutter hatte nach außen hin auch immer fürsorglich und liebevoll gewirkt.

Sie schüttelte den Kopf. „Wir bleiben hier. Dies ist ein gutes Hotel mit sehr hilfsbereitem Personal.“

„Dieses Baby ist besser bei jemandem aufgehoben, der sich mit Kindern auskennt.“ Seine tiefe Stimme klang entschlossen.

Verdammt, hatte er etwa recht? Sie hatten keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis das Jugendamt auftauchen würde. Und wenn sie einmal ihre eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit und ihr Misstrauen beiseiteließ, konnte es durchaus sein, dass diese Mrs Dale für das Baby genau die Richtige war. Und sie musste sich ehrlich fragen, ob es bei ihrem Misstrauen wirklich um das Wohl des Kindes ging oder um ihre persönliche Abneigung gegen Mr Harrison.

Trinity blickte auf das Baby, das immer noch tief und fest schlief, und gab schließlich nach.

„Na gut“, entschied sie. „Fahren wir.“

„Wir?“

„Ich muss sichergehen, dass sie gut untergebracht ist, bevor ich abreise.“

Zack Harrisons starke Gesichtszüge waren klassisch geschnitten. Seine klaren dunklen Augen wirkten aufmerksam und zugleich gelassen. Ein Mann, der Macht ausübte und dem es gefiel zu wissen, welche Kraft er besaß.

Doch jetzt lag in seinem selbstsicheren Blick noch etwas anderes.

War es Respekt?

„In diesem Fall sollten wir besser gehen, bevor unser Taxifahrer doch noch mit einem anderen Fahrgast verschwindet“, erklärte er.

Sie streckten im gleichen Moment die Hand nach der Babytrage aus. Und ihre Hände berührten sich, und Trinity spürte, wie sie rot wurde. Sie zwang sich, ihre wild gewordenen Hormone unter Kontrolle zu bringen, und richtete sich auf.

„Bevor wir gehen, ist es wohl nur fair, Ihnen zu sagen, dass ich weiß, wer Sie sind.“

Er lächelte. „Ich habe Ihnen gesagt, wer ich bin.“

„Wie jeder andere lese ich Zeitung, Mr Harrison. Sie leiten die Hotelkette Ihrer Familie. Sie sind bekannt dafür, dass Sie alles tun, was nötig ist, um zu bekommen, was Sie wollen.“ Sie zögerte. „Und Sie schmücken sich damit, schöne Frauen zu verführen. Damit wir uns recht verstehen – ich stimme dieser Sache nur zu, weil ich glaube, dass es das Beste für das Baby ist.“

„Nicht etwa, weil ich so unwiderstehlich bin?“

Trinity reckte herausfordernd das Kinn. „Ganz sicher nicht.“

Er kam näher und blickte ihr direkt in die Augen. „Nun, da wir das geklärt haben, sollten wir gehen. Es sei denn, Sie wollten vorher noch etwas anderes erledigen?“

„Wovon reden Sie?“

„Ich dachte, Sie möchten mir vielleicht noch gegen das Schienbein treten, mir eine Ohrfeige geben oder die Ohren lang ziehen.“

Trinity schluckte. Für einen Moment hatte sie geglaubt … ach, das war doch lächerlich.

„Ich werde versuchen, mich zurückzuhalten“, erwiderte sie ein wenig atemlos.

Er warf ihr einen spöttischen Seitenblick zu. „Miss Matthews, Sie haben doch wohl nicht gedacht, dass ich vorhatte, irgendetwas Ungehöriges zu tun – wie Sie in meine Arme zu ziehen und zu küssen? Oder gar über Sie herzufallen?“

Ihre Wangen glühten. Dieser Mann war unverschämt! „Natürlich nicht.“

„Ich bin doch so eine Bestie. Wie können Sie da sicher sein?“

„Ich bin wohl kaum Ihr Typ“, bemerkte sie. „Und selbst wenn ich es wäre, würden Sie nach den wenig schmeichelhaften Medienberichten der letzten Wochen wohl kaum noch weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen.“ Sie blickte sich in der belebten Halle um. „Wir befinden uns an einem öffentlichen Ort. Jeder hier hat ein Handy, und beinahe jedes Handy ist mit einer Kamera ausgestattet.“

Das amüsierte Funkeln in Zack Harrisons Augen erlosch. „Glauben Sie etwa, ich mache mir etwas aus Klatsch und Tratsch?“

„Wohl nicht. Aber vielleicht sollten Sie sich etwas daraus machen.“

„Sie haben recht. Vielleicht sollte ich das.“ Er trat geradezu unverfroren nah an sie heran, und sein durchdringender Blick fesselte sie. „Und vielleicht sollte ich der Welt etwas geben, worüber es sich zu reden lohnt.“

2. KAPITEL

Zack beugte sich vor, blickte in Trinitys veilchenfarbene Augen und vergaß dabei fast, dass er sie nur aufziehen wollte. Er wollte es ihr heimzahlen.

Sie wusste nicht das Geringste über ihn, sondern verurteilte ihn nur auf Grundlage des Blödsinns, den die Klatschpresse über ihn verbreitete. Aber schließlich war sie selbst eine von ihnen – eine Reporterin für irgendein Schmierblatt, von dem er bis heute noch nie gehört hatte. Die meisten Zeitschriften arbeiteten mit dem gleichen Trick, indem sie eine reißerische Schlagzeile oder ein irreführendes Foto zur Sensation aufbauschten und dann einen Artikel dazu schrieben, bei dem es nicht im Mindesten um die Wahrheit ging, sondern einzig darum, die Auflage zu steigern und sich an anderen zu bereichern.

Dennoch wollte er fair sein und dies nicht gegen Miss Matthews verwenden. Zumal sie so verdammt süß war, wenn sie sich aufregte. Würde sie eine Szene machen, wenn er sie wirklich küsste? Oder würde sie sich seinem Kuss ergeben und es so womöglich selbst auf die Titelseiten schaffen?

Er war sehr versucht, es auszuprobieren, doch im letzten Moment änderte er seinen Plan, und seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das Baby. Er nahm den Tragesitz und steuerte auf den Ausgang des Hotels zu. Zwei Sekunden später konnte er an dem Klackern ihrer Absätze hören, dass Trinity ihm folgte.

Draußen fiel der Schnee immer dichter aus dem grauen Himmel, der wie eine schwere Decke über den Berggipfeln Colorados lag. Nachdem sie wieder im Taxi saßen, rief Zack mit dem Handy beim Jugendamt an, während das Taxameter lief und lief. Endlich sprach er mit einer Dame, die sich nach seiner Telefonnummer und Adresse erkundigte und versprach, dass sich eine Mitarbeiterin der Behörde so schnell wie möglich mit ihm in Verbindung setzen würde.

„Was haben sie gesagt?“, fragte Trinity, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

„Sie werden sich melden.“

„Wann?“

„Sobald sie können.“ Er steckte das Handy weg. „In der Zwischenzeit besorgen wir noch ein paar Windeln und machen uns auf den Weg zu Mrs Dale.“

Wenn das Jugendamt das Baby abgeholt hätte, würde er Trinity ein Taxi zum Flughafen bestellen. Und danach würde er endlich seinen Brandy vor dem Kamin genießen können. Zack überlegte kurz, ob er Trinity einladen sollte, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Nur um zu sehen, ob ihre Neugier über ihre Moral siegen und sie darauf eingehen würde.

Sie hielten an einer Drogerie. Das Baby schlief immer noch, als Zack schließlich zwei Pakete Windeln, Feuchttücher, einige Dosen Milchpulver, Fläschchen, drei kleine Unterhemdchen und Strampelanzüge in den Kofferraum lud. Wie er wusste, waren professionelles Material und gute Vorbereitung der Schlüssel zum Erfolg jedes Projekts. Außerdem hatte der rosafarbene Strampelanzug eine Kapuze mit kleinen Öhrchen dran. Wer konnte da schon widerstehen?

Als das Taxi eine halbe Stunde später in die lange Auffahrt der Dales einbog, war die Dämmerung bereits über die friedliche, spärlich besiedelte Gegend hereingebrochen.

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