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Heiße Flammen der Leidenschaft

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1. KAPITEL

Sayid al Kadar ließ den Blick über die menschenleere Straße schweifen und schlug den Mantelkragen hoch, um sich gegen den kalten Nieselregen zu schützen. Das Wetter in Portland war einfach unerträglich.

Selbst hier, im besseren Teil der Stadt, wirkte alles irgendwie zusammengepfercht. Straßen, Gehwege und Hochhäuser, alles war schrecklich seelenlos und beengend. Ein Gefängnis aus Beton, Stahl und Glas. Kein Ort für einen Mann wie ihn.

Und schon gar nicht für den Thronerben von Attar. Dennoch musste er nach den Anhaltspunkten, die Sayid in den letzten vierundzwanzig Stunden zusammengetragen hatte, hier irgendwo sein.

Nachdem er die Dokumente in Geheimtresor seines Bruders entdeckt hatte, war er nicht mehr zu halten gewesen. Er musste wissen, ob das Baby noch am Leben war. Und sein zuverlässiger Freund Viktor hatte ihm dann nicht nur bestätigt, dass es noch lebte, sondern auch wo.

Sayid schob die Hände in die Manteltaschen und überquerte gerade die Straße, als eine Frau auf das Apartmentgebäude zuging, das er betreten wollte.

Ausnahmsweise rang Sayid sich ein charmantes Lächeln ab. Es klappte. Sie tippte den Code ein und hielt ihm einladend die Tür auf.

Was für ein Wink des Schicksals!

Schnell betrat Sayid den zweiten Aufzug, um ins oberste Stockwerk zu gelangen. Hier fühlte er sich denkbar fehl am Platz. Dennoch war er erleichtert, dem Palastprotokoll eine Weile entronnen zu sein.

Angespannt wartete er, während der Aufzug nach oben glitt, bis die Türen aufgingen. Vor ihm lag ein schmaler Korridor, dessen Holzbohlen bei jedem Schritt knarrten und das Alter des Gebäudes bezeugten. Die feuchte Kälte legte sich klamm auf Kleidung und Haut.

Alles erinnerte ihn an ein Gefängnis. Nichts hatte ihn je hierher, in die Vereinigten Staaten, gezogen. Er gehörte nach Attar mit seinen endlosen Wüsten. Doch da die Pflichten ihn neuerdings an den Palast banden, kam er sich dort fast so fremd vor wie in diesem kalten, unfreundlichen Land.

Seit er gelandet war, machte ihm das nasskalte Klima schwer zu schaffen. Aber vielleicht war dieses Gefühl der Kälte nicht nur dem Wetter zuzuschreiben. Sayid musste sich eingestehen, dass er seit sechs Wochen fror. Seit ihn die Nachricht vom Tod seines Bruders und seiner Schwägerin erreicht hatte.

Und jetzt das.

Das Kind. Bisher hatte er mit Kindern, vor allem Babys, nichts im Sinn gehabt. Doch hier kam er nicht darum herum.

Vor der Tür mit der Nummer dreizehn blieb Sayid stehen und klopfte. Wann hatte er das letzte Mal irgendwo geklopft?

„Einen Moment.“ Scharrende Geräusche ertönten, gefolgt von Stöhnen und Babygeschrei. Dann hörte er Schritte. Jemand lehnte sich an die Tür. Sicher begutachtete die Bewohnerin ihn durch den Spion.

Möglicherweise ließ sie ihn gar nicht herein. Was ihm eigentlich noch nie passiert war.

Nichts geschah. Das konnte bedeuten, dass die Frau beschlossen hatte, den Besucher gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Doch er würde ihr keine Chance geben, sich ihm zu entziehen.

„Chloe James?“, fragte er.

„Wer ist da?“ Durch die dicke Tür drang ihre Stimme nur gedämpft zu ihm vor.

„Scheich Sayid al Kadar, Herrscher von Attar.“

„Herrscher, sagen Sie? Interessant. Soll ein hübsches Land sein, habe ich gehört. In Nordafrika, in der Nähe von …“

„Ich kenne die geografische Lage meines Landes so gut wie Sie und besser, als in den Schulbüchern dargestellt.“

„So?“

Schrilles Geschrei erscholl, das zunehmend durchdringender wurde und hinter der Tür noch ohrenbetäubender sein musste.

„Ach du liebe Zeit!“, stöhnte Chloe. „Sie haben das Baby aufgeweckt. Nun muss ich sehen, dass ich es wieder zum Einschlafen bringe.“

„Genau deswegen bin ich hier. Wegen des Babys.“

„Jetzt ist er unausstehlich. Mal sehen, ob ich trotzdem einen Moment für Sie erübrigen kann.“

„Ms James.“ Sayid versuchte es mit Höflichkeit. Natürlich hätte er die Tür eintreten können, aber das war kaum die richtige Art, diese Angelegenheit zu regeln. Einen Skandal konnte er sich im Moment nicht leisten. Und dazu würde es kommen, wenn er hier einfach eindrang und das Kind mitnahm. „Wenn Sie mich hereinlassen, könnten wir die Situation, in der wir uns beide befinden, besser besprechen.“

„Was für eine Situation?“

„Es geht um das Baby.“

„Was haben Sie mit ihm vor?“

„Dasselbe wie mein Bruder. Als Mitunterzeichnerin des Vertrags müssen Sie doch wissen, um was es geht. Ich habe die Dokumente mitgebracht. Sie haben die Wahl: Entweder wir regeln die Sache vor Gericht – oder wir einigen uns gütlich.“

Natürlich wollte Sayid weder amerikanische noch die Gerichte von Attar einschalten. Am besten er erreichte eine glatte, stillschweigende Übereinkunft ohne großes Aufheben, bis er und seine Anwälte eine wasserdichte Geschichte vorweisen konnten, wieso das Kind überlebt hatte und nach dem Tod des Scheichs wochenlang verschwunden gewesen war.

Doch vorher musste er die Sachlage klären: ob die Vertragsklauseln der Wahrheit entsprachen, oder ob mehr hinter der Beziehung seines Bruders zu Chloe James steckte.

In dem Fall könnten die Dinge sich komplizieren. Es ihm vielleicht sogar unmöglich machen, das Kind mitzunehmen. Und dem musste er vorbeugen.

Die Tür wurde einen Spalt geöffnet, mehr war nicht möglich, weil eine Kette vorgelegt war. Misstrauisch spähte eine junge Frau mit großen blauen Augen durch die Öffnung. „Können Sie sich ausweisen?“

Seufzend zog Sayid seine Brieftasche aus der Manteltasche und hielt ihr seinen Pass hin. „Zufrieden?“

„Hm …“ Die Tür wurde zugeschlagen, er hörte das Rasseln der Kette, dann ließ die junge Frau ihn eintreten. „Kommen Sie herein.“

Steif betrat Sayid das Wohnzimmer, und wieder übermannte ihn das Gefühl der Enge. Regalwände voller Bücher verstärkten den Eindruck. Auf dem Couchtisch befand sich ein Laptop, rechts davon waren weitere Bücher aufeinandergestapelt. In einer Ecke stand ein Whiteboard, eine große Tafel, auf der Chloe einige Notizen vermerkt hatte, daneben häuften sich weitere Bücher. Alles praktisch und durchdacht, doch auf Sayid wirkte es wie organisiertes Chaos – das krasse Gegenteil zu der militärischen Präzision, mit der er sein Leben organisiert hatte.

Erst jetzt nahm er Chloe James näher in Augenschein: Klein und zierlich, registrierte er. Brünettes Haar, helle Haut mit kleinen Sommersprossen, üppige Brüste, kaum Taille. Eine Frau, die erst kürzlich ein Kind zur Welt gebracht und wochenlang nicht mehr richtig geschlafen haben dürfte.

Bei jeder Bewegung schimmerte ihr Haar im Lampenschein rotgolden auf. Falls das Baby biologisch von ihr war, würde er es schnell merken. Chloe James war ein ganz anderer Typ als sein dunkelhäutiger Bruder und dessen schöne dunkelhaarige Frau.

„Ist Ihnen bewusst, dass Sie hier keinerlei zuverlässige Sicherheitsvorkehrungen haben?“, fragte Sayid. Das Baby hatte aufgehört zu schreien, in dem beengten Apartment war jetzt alles still. „Es wäre für mich ein Kinderspiel gewesen, hier einzudringen. Überhaupt für jeden, der das Kind entführen will. Sie tun dem Kleinen keinen Gefallen, wenn Sie ihn behalten.“

„Ich wusste nicht, wohin ich ihn sonst bringen sollte.“

„Wo ist er jetzt?“

„Aden?“ Chloes Ton wurde eisig. „Sie wollen ihn sehen?“

„Ja.“

„Warum?“ Alarmiert bewegte sie sich um das Sofa herum und verstellte Sayid den Weg. Lächerlich. Sie war so klein, und er ein hochausgebildeter Soldat, der es auch mit einem viel größeren Mann mühelos aufnehmen würde. Mit Chloe James könnte er kurzen Prozess machen. Wie sie jetzt dastand … eine angriffsbereite Tigermutter.

„Er ist mein Neffe“, erklärte er. „Mein nächster Blutsverwandter.“

„Aber … Sie haben doch gar keine Beziehung zu ihm.“

„Ich denke schon.“ Gefühlsmäßige Bindung, meinte sie wohl. Der Kleine war sein Neffe, der Sohn seines Bruders, des Königs von Attar. Und Sayid hatte einen Eid abgelegt, den Herrscher seines Landes notfalls unter Einsatz seines Lebens zu beschützen.

Nun wirkte Chloe verunsichert. „Aber Sie standen der Familie doch nie sehr nahe. Rashid sagte …“

„Ach Rashid.“ Wie sie den Vornamen seines Bruders aussprach, verhieß nichts Gutes. Das konnte die Dinge komplizieren. Falls sie biologisch die Mutter des Kindes war, würde es schwieriger werden, die Vertragsklauseln gegen sie ins Feld zu führen. Schwieriger, aber nicht unmöglich.

Notfalls würde er doch einen Skandal riskieren und das Kind einfach mitnehmen. Wenn es sein musste, mit Gewalt.

„Ja, Rashid. Warum zweifeln Sie an seiner Glaubwürdigkeit?“

„Ich versuche festzustellen, in welcher Beziehung Sie zu meinem Bruder standen“, erklärte Sayid.

Abwehrend verschränkte Chloe die Arme vor der Brust. „Na ja … ich habe sein Kind zur Welt gebracht.“

Kalte Wut packte Sayid. Falls sein Bruder etwas getan hatte, das die Zukunft seines Landes gefährden konnte …

Aber sein Bruder war tot. Für Rashid würde es keine Konsequenzen mehr geben, ganz gleich, was geschehen war. Jetzt war es an ihm, Sayid, dafür zu sorgen, dass Attar keinen Schaden nahm. Schon wegen der unbescholtenen Bewohner des Wüstenstaates musste das Leben dort möglichst reibungslos weitergehen.

„Und Sie haben diese Vereinbarung unterschrieben.“ Er zog einen gefalteten Stoß Papiere aus der Innentasche seines Mantels. „Falls also jemand Wind davon bekommt, dass nicht Tamara Aden geboren hat, würde man das Ganze für ein abgekartetes Spiel halten.“

„Moment mal! Was soll das heißen?“, fragte Chloe empört.

„Gemeinsam mit Rashid haben Sie das Ganze erfunden, um zu vertuschen, dass Sie eine Beziehung zu ihm …“

„He!“ Entsetzt hob sie die Hände. „Nein, so ist es nicht! Ich habe Aden zur Welt gebracht – als Rashids und Tamaras Leihmutter.“ Ihre Stimme bebte leicht, sie senkte den Blick.

„Und warum haben Sie sich nicht längst bei mir gemeldet?“ Sayid war sich nicht sicher, ob er ihr glauben sollte, aber er wollte sie auch nicht bedrängen. Noch nicht.

„Das … weiß ich nicht. Ich hatte Angst. Rashid und Tamara waren auf dem Weg zu mir, als das Unglück passierte … auf der Fahrt vom Flughafen zum Krankenhaus. Bei mir hatten die Wehen zu früh eingesetzt, sie wollten mich in eine Privatklinik verlegen lassen. Ihr Arzt und zwei Eingeweihte waren bei Rashid und Tamara im Wagen.“

Verächtlich blickte Sayid sich im Raum um. „Und da haben Sie das Baby in Ihr ungesichertes Apartment gebracht, um das Geheimnis seiner Geburt zu hüten?“

„Niemand wusste, dass ich hier wohne.“

„In knapp vierundzwanzig Stunden haben meine Leute herausgefunden, dass es Sie gibt, Sie aufgespürt, und jetzt stehe ich vor Ihnen. Sie können froh sein, dass ich Sie entdeckt habe, statt ein Feind meines Bruders oder meines Landes.“

„Woher sollte ich wissen, dass Sie mit Aden nichts Böses vorhaben?“

„Jetzt wissen Sie es“, sagte Sayid schroff.

Unschlüssig sah Chloe ihn an. Nicht zu fassen, dass Sayid al Kadar hier in ihrem Wohnzimmer stand. Seit Adens Geburt hatte sie die Nachrichten aus Attar gespannt verfolgt und miterlebt, wie der Mann inmitten der Tragödie, die sein Volk erschütterte, gefasst und umsichtig die Macht ergriffen hatte.

Der Scheich und seine Gemahlin waren tot. Und mit ihnen der ungeborene Thronerbe. Zumindest hatten alle das angenommen.

Niemand ahnte, dass das Königspaar eine Leihmutter verpflichtet hatte – dass sein Kind in Sicherheit war.

Als weder der Leibarzt noch Tamara und Rashid bei der Entbindung aufgetaucht waren, hatte Chloe nicht gewusst, was sie tun sollte …

Selbst jetzt noch überkam sie bei der Erinnerung kalte Angst. Irgendwie hatte sie etwas geahnt. Schließlich hatte sie die Schwester gebeten, den Fernseher einzuschalten – und es wurde auf allen Kanälen übertragen: Das Königspaar von Attar, der Leibarzt und Begleitpersonen waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

In dem Augenblick war Chloe nichts anderes übrig geblieben, als das Neugeborene in den Armen zu halten und an sich zu drücken – das Baby, das nicht ihr gehörte, ihr nie gehören sollte, aber jetzt nur noch sie hatte.

Während der darauffolgenden Wochen war Chloe wie betäubt gewesen. Sie hatte um ihre Halbschwester Tamara getrauert, die sie kaum gekannt hatte, und hatte nicht gewusst, was sie mit Aden anfangen sollte. Konnte sie sich seinem Onkel anvertrauen? Wenn bekannt wurde, dass Aden lebte, würde Sayid nicht mehr der Herrscher von Attar sein, sondern nur der Regent.

Der Gedanke, zu was er fähig sein könnte, um seine Macht zu verteidigen, hatte ihr Angst gemacht. Aber vielleicht ängstigte sie sich umsonst. Eigentlich hatte Rashid immer gut von seinem jüngeren Bruder gesprochen …

Dennoch fühlte Chloe sich verpflichtet, den kleinen Aden um jeden Preis zu beschützen. Er war ihr Neffe, ihr Blutsverwandter, und irgendwie noch mehr …

Eigentlich hatte sie keine Kinder haben wollen, sich nie für mütterlich gehalten.

Aber sie hatte ihn unter dem Herzen getragen, ihn gestillt. Wie stark diese Bindung sein würde, hatte sie nicht geahnt. Was immer der Verstand ihr sagte, ihr Körper wusste es besser.

„Und auf die Idee, den Palast anzurufen, sind Sie gar nicht gekommen?“, fragte Sayid ironisch.

„Rashid bestand darauf, das Ganze streng geheim zu halten. Ich habe mich vertraglich verpflichten müssen, niemandem je zu verraten, dass ich den Jungen zur Welt gebracht habe. Wenn die beiden gewollt hätten, dass Sie davon erfahren, hätte man Sie doch sicher eingeweiht.“

„Sie haben es also aus reiner Loyalität getan?“

„Ja …“

„Und wie viel hat man Ihnen dafür bezahlt?“

Chloe schoss das Blut in die Wangen. „Genug.“ Sie hatte das Geld angenommen, aber entschuldigen würde sie sich dafür nicht. Leihmütter wurden für ihre Dienste bezahlt. Und obwohl sie es hauptsächlich für ihre Halbschwester getan hatte, war sie auf das Geld angewiesen. Trotz des Stipendiums konnte sie ihr Studium kaum finanzieren. „Man hat mich dafür bezahlt – und ich wollte den beiden helfen“, gab sie zu. „Aber ein Baby auszutragen und zur Welt zu bringen ist kein Kinderspiel, das dürfen Sie mir glauben. Von daher hatte ich kein schlechtes Gewissen, das Geld anzunehmen.“

„Und wieso wollten Sie Rashid helfen?“ Wieder sah Sayid sie so merkwürdig an. Er schien immer noch zu glauben, dass sie eine Affäre mit seinem Bruder gehabt hatte.

„Weil Tamara meine Halbschwester ist. Es überrascht mich nicht, dass Sie nichts davon wussten. Wir haben uns erst vor zwei Jahren kennengelernt, nachdem Tamara lange nach mir gesucht hatte.“

Die Entdeckung hatte Chloe damals völlig aus der Bahn geworfen. Bei der ersten Begegnung war sie voller Ehrfurcht gewesen. Die Frau des Königs war ihre Schwester! Doch nicht nur Tamaras Schönheit und ihr hoher Rang hatten Chloe so beeindruckt, sondern auch das Wissen, unerwartet eine Familie zu haben. Für sie war das etwas Greifbares, Wunderbares, nachdem ihr Leben so trostlos verlaufen war.

Doch das Schicksal hatte ihnen nicht viel Zeit miteinander vergönnt. Sie lebten in verschiedenen Teilen der Welt und hatten sich nur ab und zu getroffen. Die wenigen Begegnungen mit Tamara waren wunderbar gewesen, sie hatten sich angefreundet und zarte schwesterliche Bande geknüpft. Damit war es nun vorbei. Sie hatte keine Familie mehr.

Bis auf Aden.

Beim Gedanken an den kleinen Jungen, der nebenan in seinem Bettchen schlief, wurde Chloe weh ums Herz. Sie hätte nicht sagen können, was sie für ihn empfand, mit ihm anfangen sollte. Sollte sie ihn abgeben? Oder behalten? Weder das eine noch das andere konnte sie sich vorstellen.

Wie sollte sie studieren, Prüfungen ablegen, wenn sie nachts kaum zum Schlafen kam? Dazu noch die Geldsorgen …

Nach dem Studium wollte sie in Theoretischer Physik promovieren. Doch als alleinerziehende Mutter war das praktisch unmöglich.

Sie trauerte um ihre Schwester, die sie kaum gekannt hatte. Um etwas, das nicht hatte sein sollen. Doch wie sollte sie studieren und gleichzeitig ein Baby aufziehen …?

Einen hässlichen Moment lang erwog Chloe, den Kleinen einfach seinem Onkel zu überlassen und ihn zu bitten, gut für Aden zu sorgen.

Vor der Geburt wäre ihr nie in den Sinn gekommen, das Baby zu behalten. Doch nachdem sie einen Vorgeschmack darauf bekommen hatte, wie es sein könnte, ein eigenes Kind zu haben, war alles anders …

Chloe wurde bewusst, wie müde sie war. Sie atmete tief durch.

Sayids Miene zeigte keine Regung, nur in seinen Augen entdeckte sie einen Ausdruck der Verbitterung. „Mir ist klar, wie tief der Verlust Sie getroffen haben muss“, sagte er.

„Auch Sie dürfte er hart getroffen haben.“

„Nicht nur mich“, erwiderte er. „Ebenso mein Land. Mein Volk. Aden ist ihr zukünftiger Herrscher. Ihre neue Hoffnung.“

„Er ist doch noch ein Baby.“ Chloes Stimme klang verloren. Aden war so winzig, so hilflos. Er würde ohne seine richtige Mutter aufwachsen müssen, die sich auf ihn gefreut hatte, ihm alles hatte geben wollen …

Jetzt war der Kleine sechs Wochen alt und hatte nur noch sie, Chloe. Bis zur seiner Geburt hatte sie noch nie ein Baby in den Armen gehalten. Und jetzt versuchte sie, rund um die Uhr für ihn da zu sein. Sie war erschöpft. Ständig den Tränen nahe. Und überfordert.

„Ja“, musste Sayid ihr recht geben. „Ein Baby, das zu Höherem geboren ist. „Wir wissen beide, dass Aden deshalb in die Welt gesetzt wurde.“

„Rashid und Tamara haben sich maßlos auf ihn gefreut.“ Daran gab es keinen Zweifel. Mit jedem Wort hatte ihre Halbschwester ihr bewiesen, wie verzweifelt sie sich nach einem Kind sehnte.

„Sicher. Aber da das Kind aus Rashids Fleisch und Blut sein musste, konnten sie keins adoptieren. Sie brauchten einen Erben, der die Thronfolge sichert.“

Auch das wusste Chloe. Der alles entscheidende Tag schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Tamara hatte sie besucht, diesmal nicht strahlend, sondern in Tränen aufgelöst. Weinend hatte sie Chloe von einer weiteren Fehlgeburt berichtet: Dass sie kein eigenes Kind bekommen könne – und dem Königreich einen Erben schenken müsse.

Dann hatte Tamara sie mit ihrer Bitte bestürmt. Einem ungeheuerlichen Anliegen, das Chloes Welt auf den Kopf stellen sollte.

„Natürlich wirst du dafür königlich belohnt“, hatte Tamara ihr versprochen. „Sobald das Baby da ist, nehmen wir es mit nach Attar. Bedenke doch, dann hättest du deinen Neffen zur Welt gebracht und dazu beigetragen, unsere Familie zu vergrößern.“

Seit Jahren hatte Chloe sich eine Familie gewünscht: Menschen, zu denen sie gehörte. Familienbande, die sie nie gekannt hatte …

So hatte Chloe sich eingeredet, die Schwangerschaft irgendwie durchzustehen. Wenn sie Tamara und Rashid zu einem Kind verhalf, würde sie den beiden den größten Wunsch ihres Lebens erfüllen. Und für sie selbst würden sich die drängendsten finanziellen Probleme lösen.

Es war ihr so leicht erschienen. So einfach. Damit würde allen geholfen sein.

Aber natürlich war alles dann keineswegs so „leicht und einfach“, gewesen, wie sie gedacht hatte: Als die morgendliche Übelkeit einsetzte, während sie zunahm, ihr Bauch immer dicker wurde und ihre Brüste anschwollen und schmerzten. Und dann schließlich die Wehen, die Niederkunft …

Nichts davon war leicht und einfach gewesen.

Doch während der friedlichen, fast unwirklichen Ruhe nach der Entbindung – ehe Chloe erfahren hatte, dass Tamara und Rashid tot waren – hatte sie das winzige schreiende Baby in ihren Armen betrachtet, und die Bruchstücke ihres Lebens hatten sich auf einmal zu einem klaren, wundervollen Ganzen zusammengefügt. Als hätte sie damit ihre Bestimmung erfüllt. Als wäre Aden das Größte und Wichtigste, das sie je erschaffen würde.

Doch das war gewesen, ehe ihre Welt erneut ins Chaos stürzte. Ehe alles zerschmettert wurde und sie nicht mehr aus noch ein wusste.

Sechs Wochen lang hatte sie sich wie betäubt gefühlt. Sie hatte Aden versorgt, versucht, ihr Leben irgendwie weiterzuführen, war wieder zur Uni gegangen und hatte sich notdürftig über Wasser gehalten, obwohl sie das Gefühl gehabt hatte zu ertrinken.

Da bedeutete Sayids unerwartetes Auftauchen für sie Rettung und Verdammnis zugleich.

„Ich weiß. Aber im Moment ist er … Was haben Sie mit ihm vor?“

„Was ihm von Anfang an bestimmt war. Ich werde Aden mit nach Hause nehmen. Zu seinen Leuten, seinem Volk, in seinen Palast. Darauf hat er ein Recht, und ich bin verpflichtet, seine Rechte wahrzunehmen.“

„Und wer wird ihn aufziehen?“

„Tamara hatte vorsorglich die besten Kindermädchen und Pflegerinnen der Welt eingestellt. Sobald ich bekannt gebe, dass Aden lebt, läuft alles wie geplant.“ Sayids Stimme klang erstaunlich beherrscht, und Chloe fragte sich, was in ihm vorgehen mochte.

„Wann haben Sie herausgefunden, dass er lebt?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Gestern. Ich bin den Safe meines Bruders durchgegangen, die geheimsten Dokumente und Unterlagen. Dabei stieß ich auf den Leihmuttervertrag. Zum ersten Mal seit sechs Wochen war das für mich … ein kleiner Hoffnungsschimmer.“

„Sie haben uns schnell gefunden.“

„Ich habe meine Quellen. Außerdem hatten Sie sich nicht sonderlich gut versteckt.“

„Ich hatte Angst“, gestand Chloe ihm bedrückt.

„Wovor?“

„Vor allem.“ Das war die Wahrheit. Seit Tamaras Tod war ihr Leben voller Ängste. Jeder Tag war ihr zu kurz und gleichzeitig wie eine Ewigkeit erschienen. „Ich musste befürchten, Sie könnten Aden als Konkurrenz und Bedrohung für Ihre eben erst angetretene Regentschaft betrachten.“

In Sayids Augen erschien ein harter Ausdruck, er presste die Lippen zusammen. „Ich wurde nicht zum Regieren erzogen, sondern um zu kämpfen, Chloe James. In meinem Land ist das die Rolle des zweitgeborenen Sohnes. Ich bin Soldat und Befehlshaber in einem. Der regierende Scheich muss Stärke, Fingerspitzengefühl und Gerechtigkeitsempfinden besitzen. Ich hingegen wurde dazu erzogen, Befehle auszuführen. Mein Volk und mein Land um jeden Preis zu schützen. Genau das tue ich jetzt. Hier geht es nicht darum, was ich will, sondern was am besten für mein Land ist.“

Chloe glaubte ihm. Das sagte ihr der Ton, in dem er sprach. Sayid war ein Soldat, der Befehle entgegennahm und schnell und durchschlagend ausführte.

Und Aden mitnehmen wollte.

„Somit handeln Sie also als Oberhaupt der Familie Al Kadar?“, platzte sie heraus. Sie war völlig durcheinander. Für diese Situation gab es kein Buch mit guten Ratschlägen, kein Studium, keine Vernunftmaßstäbe, die einem weiterhalfen.

„Mein Weg wurde mir mit dem Tag meiner Geburt vorbestimmt.“

„Wie Aden auch.“ Ein eisiger Schauer überlief Chloe. Eigentlich hatte sie von vornherein gewusst, dass der kleine Junge zu Höherem bestimmt war und nicht zu ihr gehörte. Doch die letzten Wochen hatten ihr etwas Unglaubliches beschert. Etwas, das sie nie erwartet hätte … aber nicht von Dauer sein konnte.

„Ich muss ihn mit nach Hause nehmen“, fuhr Sayid sachlich fort. „Aden gehört nach Attar. Und Sie werden Ihr früheres Leben wieder aufnehmen und weitermachen, wo Sie aufgehört haben.“

Chloe schluckte trocken. Sie konnte zu Ende studieren und promovieren. Einen Lehrstuhl an der Universität oder einen Posten in einem Forschungsinstitut übernehmen. Als Frau, die etwas bewegen würde: Ein verlockendes, anspruchsvolles Leben, bei dem sie den Geheimnissen des Universums auf die Spur kommen konnte, wozu persönliche Beziehungen ihr keine Zeit gelassen hätten. Weshalb sie sich stets auf unverbindliche Freundschaften beschränkt hatte.

Das war ihre Zukunft – wenn sie sich auf Sayids ...

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