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Heiße Affäre mit süßen Folgen

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1. KAPITEL

Alexander Bajoran zog seine Schlüsselkarte durch den Schlitz und öffnete die Tür seiner Suite. Er hatte schon die Hälfte des Wegs zur Mountain View Lodge hinter sich gebracht, bevor er merkte, dass er einen Stapel Papiere, den er durcharbeiten musste, vergessen hatte. Jetzt würde er wohl zu spät zu seinem Termin kommen. Es war fast unmöglich, noch rechtzeitig nach Portland zu gelangen.

Er ging zu dem großen Schreibtisch aus Kirschholz, der ganz hinten im Wohnzimmer stand. Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es war noch jemand in seiner Suite. Er drehte sich zum Schlafzimmer und sah eine Frau, die sein Bett bezog. Dabei sang sie ein Lied.

Sie trug eine Uniform, leider keine, die besonders sexy aussah. Es war ein schlichtes graues Kleid, das ihrer Figur nicht gerade schmeichelte.

Das blonde Haar trug sie hochgesteckt. Unter der großen Haarklemme aus Plastik schauten einige bunt gefärbte Strähnen hervor. Sie waren schwarz, kastanienrot und blau.

Wirklich wahr – die Frau hatte blaue Haare.

Sie summte vor sich hin, während sie das Laken abzog. Die Tagesdecke lag schon auf einem Haufen Wäsche auf dem Boden.

Die Frau bemerkte ihn offenbar nicht. Als sie ein paar Tanzschritte um das Bett machte, sah Alexander die glitzernden Ohrringe an einem ihrer Ohren. Es mussten sieben oder acht sein. Am anderen Ohr zählte er nur vier Ringe.

Der Schmuck war sicher nicht echt. Ein Zimmermädchen konnte sich so etwas gar nicht leisten. Schade, Diamanten würden ihr prächtig stehen. Niemand wusste das besser als er, denn Diamanten waren sein Geschäft.

Mit den zusammengeknüllten Laken auf dem Arm drehte sie sich herum und stieß einen spitzen Schrei aus, als sie ihn sah.

Alexander hob die Hände, um ihr zu zeigen, dass er harmlos war. „Ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er entschuldigend.

Sie nahm die Kopfhörer aus den Ohren und steckte sie in die Tasche ihrer weißen Schürze, in der sie wohl ihren MP3-Player aufbewahrte. Einen Moment lang hörte er die lauten Beats; aber dann drehte sie die Lautstärke herunter.

Sie trug kein Make-up – oder nur ganz wenig. Seltsam, wenn man die ungewöhnlichen Haarfarben und ihren Schmuck bedachte. Sie hatte sogar ein kleines Piercing mit einem Zirkonia an der rechten Augenbraue.

Noch immer sah sie ihn erschrocken an. „Entschuldigen Sie bitte. Ich wusste nicht, dass jemand da ist. Ich habe wohl das Bitte-nicht-stören-Schild an der Tür übersehen.“

Alexander schüttelte den Kopf. „Ich habe gar kein Schild herausgehängt. Eigentlich sollte ich auch gar nicht hier sein. Aber ich hatte etwas vergessen.“

Er wusste selbst nicht genau, warum er das dem Zimmermädchen erzählte. Normalerweise gab er keine Erklärungen ab. Aber je länger er hier herumstand, desto länger konnte er sie anschauen. Er sah sie gern an.

Auch das war ungewöhnlich für ihn. Normalerweise traf er sich mit Frauen aus wohlhabenden Familien. Mit Frauen, die den Tag müßig im Garten verbrachten und darüber nachdachten, welche Wohltätigkeitsveranstaltung sie als Nächstes organisieren sollten.

Er hatte bisher noch niemanden mit mehrfarbigem Haar und Piercings anziehend gefunden. Aber die junge Frau, die vor ihm stand, faszinierte ihn auf eine ungewohnte Art und Weise.

Seine Anwesenheit schien sie zu verunsichern. Sie starrte ihn an, als könne er sie beißen. „Brauchen Sie irgendetwas?“, fragte sie schließlich. „Handtücher oder Gläser?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Dann fiel ihm nichts mehr ein, was er noch hätte sagen können. Also drehte er sich um, ging ins Wohnzimmer zurück und nahm den Ordner an sich, den er vergessen hatte.

Die Frau stand immer noch in der Tür zum Schlafzimmer, während er den Ordner einige Male gegen seine Handfläche schlug.

„Nun“, murmelte er. „Ich gehe dann mal wieder.“

Sie legte den Kopf zur Seite und sah ihn schweigend an.

Er ging zur Tür, öffnete sie, blieb aber auf der Türschwelle stehen und sah noch einmal zu der faszinierenden jungen Frau zurück, die ins Schlafzimmer zurückgekehrt war, um ihre Arbeit zu beenden.

„Es war Alexander Bajoran“, sagte Jessica leise und lehnte sich so weit über den Tisch des Bistros, dass ihre Nase fast die ihrer Cousine berührte.

„Du machst wohl Witze“, antwortete Erin mit weit aufgerissenen Augen.

Jessica schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich auf ihrem Stuhl zurückfallen. Ihre Sandwiches lagen unberührt vor ihnen, auch die Getränke hatten sie noch nicht angefasst.

„Hat er dich erkannt?“, fragte Erin neugierig.

„Ich weiß nicht. Er hat nichts gesagt, sondern mich nur so komisch angeguckt.“

„Komisch?“

Jessica grinste. „Na ja, das Übliche.“

„Du fällst eben auf.“

Jessica streckte ihrer Cousine die Zunge heraus. „Wir können schließlich nicht alle als Jackie-Kennedy-Klone durch die Welt laufen.“

„Niemand will, dass du dich in Jackie Kennedy verwandelst. Die Familie wäre schon froh, wenn du jemand anders als Courtney Love zum modischen Vorbild hättest.“

Jessica zeigte ihrer Cousine den Mittelfinger.

Erin rollte nur mit den Augen. „Dein sehr individueller persönlicher Stil ist in diesem Fall wahrscheinlich sogar vorteilhaft. Du siehst ganz anders aus als vor fünf Jahren. Vermutlich hat Bajoran nicht die geringste Ahnung, wer du bist.“

„Na, hoffentlich. Ich werde trotzdem versuchen, mit Hilda das Stockwerk zu tauschen, damit ich ihm nicht versehentlich noch einmal begegne.“

„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun“, sagte Erin rasch. „Sei froh, dass er dich nicht wiedererkennt. Du kannst dich frei in seinen Zimmern bewegen, ohne Verdacht zu erregen.“

„Ohne Verdacht zu erregen?“, wiederholte Jessica. „Bin ich James Bond?“

„Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, würde ich es tun“, entgegnete Erin, und in ihrer Stimme klang Bitterkeit mit. „Aber du bist diejenige, die er für das Zimmermädchen hält.“

Jessica kniff die Augen zusammen. „Wieso ist das wichtig?“

„Weil du dich in der Lodge frei bewegen kannst. Du weißt doch, wie Männer wie Bajoran sind. Reich und immer nur mit sich selbst beschäftigt … für ihn wirst du unsichtbar sein.“

Jessica verstand die Wut ihrer Cousine. Vor fünfzig Jahren hatten Alexander Bajorans Großvater und ein Großonkel die Firma Bajoran Designs gegründet. Kurze Zeit darauf hatten sie sich mit den Großvätern von Jessica und Erin zusammengetan, denen Taylor Fine Jewels gehörte. Beide Firmen hatten ihre Niederlassung in Seattle, und gemeinsam hatten sie wundervolle Schmuckstücke entworfen. Überall auf der Welt hatten Leute, die es sich leisten konnten, die Ketten, Armbänder und Ohrringe der Firmen getragen.

Von der Zusammenarbeit hatten beide Familien jahrzehntelang profitiert und es zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Aber dann wurde Alexander Bajoran vor fünf Jahren Geschäftsführer. Als Erstes hatte er ihrer Familie die Firma weggenommen.

Ohne Vorwarnung hatte er die Mehrheit an Taylor Fine Juwels erworben und die Väter von Jessica und Erin aus der Geschäftsleitung gedrängt. Schließlich hatte er die Firma ganz übernommen.

Durch Alexander Bajoran waren die Taylors bankrott gegangen und hatten Seattle über Nacht verlassen müssen. Zwar nagten sie nicht gerade am Hungertuch, aber die Taylors waren den einfacheren Lebensstil nicht gewohnt. Es fiel ihnen schwer, plötzlich kleinere Brötchen zu backen. Jessicas Mutter konnte sich nur mit Mühe einschränken, und Erins Mutter fand sich mit den veränderten Lebensumständen überhaupt nicht ab.

Im Vergleich zu ihnen ging es Jessica gut. Gefiel es ihr, als Zimmermädchen in einem Resort zu arbeiten, in dem sie früher zahlender Gast gewesen war? Wo sie in einer Suite für dreitausend Dollar pro Nacht gewohnt hatte? In Hotels, die ihre Familie damals locker hätten kaufen können?

Nicht immer. Aber ihre Arbeit als Zimmermädchen gab ihr die Freiheit, die sie früher nicht gehabt hatte. Früher, als sie noch eine der Taylors gewesen war, hätte Jessica sich niemals die Haare dreifarbig strähnen lassen und Piercings tragen können. So etwas ist undenkbar, wenn man mit seiner Mutter im Country Club isst und von Paparazzi umlagert wird.

Geld zu haben, war nicht schlecht. Aber Jessica gefiel die Anonymität besser. Da verzichtete sie lieber auf Luxus und schränkte sich ein. Erin ging es anders.

„Warum soll ich unsichtbar sein?“, fragte Jessica zurück. „Ich kann schon von Glück sagen, dass er mich nicht erkannt hat. Aber man soll das Schicksal auch nicht herausfordern. Am besten, ich lasse mich in eine andere Etage versetzen und tausche die Schichten mit jemandem.“

„Nein!“ Erin explodierte fast. „Begreifst du das denn nicht? Das ist unsere große Chance, es diesem Bastard heimzuzahlen!“

Jessica schüttelte verwirrt den Kopf. „Wie sollten wir das machen? Er ist Millionär, vermutlich sogar Milliardär. Ihm gehört eine bedeutende Firma. Wir sind Nullen. Wir haben weder Geld noch Macht noch Einfluss.“

„Da hast du recht. Ihm gehört eine bedeutende Firma, die wir einmal besessen haben. Sie könnte wieder uns gehören.“

Bevor Jessica etwas erwidern konnte, fuhr Erin fort: „Er ist geschäftlich hier, oder? Dann hat er also geschäftliche Unterlagen dabei. Wir könnten sie vielleicht dazu benutzen, Taylor Fine Jewels zurückzubekommen.“

Taylor Fine Jewels gibt es nicht mehr. Die Firma ist in Bajoran Design aufgegangen.“

Erin zuckte die Schultern. „Das kann sich jederzeit ändern.“

Jessica wusste nicht, wie das funktionieren sollte und ob es überhaupt möglich war. Wie auch immer, Erins Vorschlag war unrealistisch. „Ich kann nicht in seinen Sachen herumschnüffeln. Das ist falsch. Und gefährlich. Es ist Industriespionage. Außerdem könnte ich meinen Job verlieren.“

Ihre Cousine schnaubte abfällig. „Es ist nur Industriespionage, wenn du bei einer konkurrierenden Firma angestellt bist. Und das bist du nicht. Außerdem ist es doch egal, ob du diese stupide Arbeit verlierst. Du kannst sicher auch in einem anderen Hotel die Klos der Reichen schrubben.“

Jessica war fassungslos über den giftigen Ton ihrer Cousine und ihre offensichtliche Verachtung für Jessicas Arbeit. Klar, sie schrubbte Toiletten, zog die Betten ab und saugte Teppiche, statt – wie Erin – in einer Boutique Schals zusammenzulegen. Aber sie mochte ihre Arbeit. Sie verstand sich gut mit den anderen Angestellten und bekam eine Menge Trinkgeld.

Abgesehen davon lenkte die Arbeit sie ab, über die Vergangenheit nachzudenken und den Hass auf ihren alten Feind zu schüren, wie es Erin offenbar tat.

„Na, komm schon, Jess“, bat Erin. „Gib dir einen Ruck. Tu es für unsere Familien. Womöglich bekommen wir nie wieder die Gelegenheit, herauszufinden, was Bajoran plant. Vielleicht entdeckst du ja etwas, was es uns möglich macht, wieder unser altes Leben zu führen.“

Jessica wollte schon ablehnen, doch der Schmerz in Erins Augen und in ihrer Stimme ließ sie zögern. Sie konnte sich ja tatsächlich mal ein bisschen umsehen. „Was soll ich tun?“, fragte sie vorsichtig. „Wonach soll ich suchen?“

„Vielleicht findest du irgendwelche Dokumente. Auf dem Schreibtisch oder in seiner Brieftasche. Irgendwelche Papiere, die seine Pläne offenlegen.“

Gegen ihre Überzeugung nickte Jessica. „Na gut. Ich versuche es. Aber ich schaue mich nur um. Ich werde nicht wie ein Dieb in seinen Sachen kramen.“

Erin nickte begeistert. „Gut. Halt die Augen offen. Vielleicht kannst du etwas aufschnappen, wenn du die Kissen aufschüttelst und er gerade telefoniert. Hör genau zu, was er so redet.“

Jessica wusste nicht, ob sie so etwas tun konnte. Aber es würde ihre Cousine schon fröhlich stimmen, wenn sie nur so tat, als spioniere sie Bajoran aus. „Mach dir keine allzu großen Hoffnungen, Erin. Wir sind hier nicht in einem Roman. Ich werde nicht für jemanden von euch ins Gefängnis gehen. Eine vorbestrafte Taylor würde die Medien mehr interessieren als eine, die einem ganz normalen Job nachgeht.“

2. KAPITEL

Was für eine hirnrissige Idee.

Jessica war eine ehemalige Prominente, die jetzt als Zimmermädchen arbeitete, und keine Spionin. Außerdem wusste sie nicht einmal, wonach sie suchen sollte.

Sie hatte fast alles dabei, was sie brauchte, um das Zimmer sauber zu machen und in Ordnung zu bringen: Laken, Handtücher, Toilettenpapier, Staubsauger … Wenn sie die Sachen in der Suite verstreute, würde es besser aussehen, vermutete sie. Und falls Alexander Bajoran sie beim Herumschnüffeln erwischte, hätte sie eine Erklärung, warum sie sich in allen Zimmern seiner Suite herumdrückte.

Das Problem war nur, dass seine Suite sauber war. Sie hatte dort heute schon nach dem Rechten gesehen. Außerdem schien Alexander Bajoran sehr ordentlich zu sein. In seinen Räumen lag so gut wie nichts Persönliches herum, was sie unter die Lupe nehmen konnte.

Egal, was ihre Cousine sagte, Jessica würde das Zimmer nicht durchsuchen. Sie würde in den Schreibtisch, unter das Bett, in die Nachtschränke und vielleicht in den Kleiderschrank blicken, aber sie würde die Finger von der Kommode mit der Unterwäsche lassen. Jedenfalls so lange, bis sie wusste, wonach sie überhaupt Ausschau hielt.

Jessica verstand, dass ihre Cousine etwas Belastendes finden wollte – sozusagen eine Leiche im Keller des Mannes, der das Leben der Taylors zerstört hatte.

Aber wie realistisch war das? Seit Bajorans feindlicher Übernahme waren fünf Jahre vergangen. Da würde er wohl kaum belastende Papiere bei sich haben.

Die Laken waren bereits abgezogen und lagen auf dem Boden. Es sah also so aus, als sei sie beschäftigt. Und so zog sie rasch und leise die Schublade des einen Nachttisches auf.

Sie zitterte am ganzen Körper. Natürlich war sie allein, doch die Tür zum Flur stand offen – wie es die Vorschriften des Resorts vorsahen. Es konnte jederzeit jemand hereinkommen, der sie beim Herumschnüffeln erwischte.

Sie wusste nicht, was schlimmer war, von Alexander Bajoran oder ihrem Vorgesetzten erwischt zu werden. Der eine konnte so viel Ärger machen, dass sie gefeuert wurde, der andere konnte sie sofort feuern.

Die Schublade war leer.

Jessica schloss die Lade leise wieder, schob die abgezogenen Laken mit dem Fuß beiseite und begann das Bett frisch zu beziehen. Dabei arbeitete sie sich langsam um die Matratze herum, bis sie den anderen Nachttisch erreicht hatte.

Dessen Schublade war nicht leer. Die untere enthielt eine Karaffe mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit – wahrscheinlich Whisky – und einige Gläser. In der oberen fand sie eine blaue Mappe aus Leder, auf der ein Montblanc-Kugelschreiber lag.

Jessica schluckte. Wenn sie die Mappe öffnete, drang sie in Alexanders Privatsphäre ein und verstieß damit gegen die Regeln, die im Resort für alle Angestellten galten.

Sie holte tief Luft und griff nach dem Kugelschreiber. Dann öffnete sie die Mappe und versuchte, sich so rasch wie möglich einen Überblick über die Dokumente darin zu verschaffen.

Auf den obersten beiden Blättern fand sie nichts Bemerkenswertes. Aber darunter lagen Fotos von fertigen Schmuckstücken und Entwürfen.

Es war sehr schöner Schmuck. Solche Stücke hatte ihre Familie damals entworfen.

Sie war sehr behütet aufgewachsen und glaubte, dass ihre Eltern von ihr nichts anderes erwartet hatten, als eine gute Partie zu machen. Aber sie selbst hatte gehofft, einmal für Taylor Fine Jewels arbeiten zu können. Oder vielleicht auch für Bajoran Designs.

Wie jede junge Frau liebte sie Schmuck. Aber im Gegensatz zu ihren Freundinnen hatte sie Schmuck nicht nur tragen, sondern ihn auch entwerfen und herstellen wollen. Sie sah sich gern geschliffene und ungeschliffene Edelsteine an, um herauszufinden, welcher am besten zu einem ihrer Entwürfe passte.

Während ihrer Schulzeit hatte sie Notizblock um Notizblock mit Entwürfen für Schmuck vollgezeichnet. Ihr Vater hatte sogar sechs oder sieben davon umgesetzt. Und an ihrem sechzehnten Geburtstag hatte er sie mit einem Ring aus Perlen und Diamanten überrascht, der zu ihren Lieblingsentwürfen gehört hatte.

Sie mochte den Ring immer noch sehr gern, doch heute fand sie leider nur noch selten Gelegenheit, ihn zu tragen. Er lag zwischen allerhand Modeschmuck, der besser zu ihrer jetzigen Lebenssituation passte, in ihrem Schmuckkasten.

Aber diese Entwürfe waren wirklich wunderschön, wenn auch nicht makellos. Die Größe des einen Schmuckstücks passte nicht zum zentralen Saphir, und bei einem anderen Stück waren die Verzierungen zu zart für den Diamanten in der Mitte.

Jessica könnte die Entwürfe mit einem Stift in kürzester Zeit verbessern.

Während sie noch auf die Fotos starrte, fiel ihr plötzlich ein, was sie hier tat. Wie lange stand sie hier schon? Alexander oder ein anderes Zimmermädchen konnten jederzeit hereinkommen und sie mit Bajorans Sachen sehen.

Hastig schlug Jessica die Mappe zu und legte sie zurück. Den Kugelschreiber legte sie an seine alte Stelle.

Sie bezog das Bett zu Ende und brachte dann das restliche Schlafzimmer in Ordnung. Anschließend widmete sie sich ausführlich dem Wohnzimmer. Sie saugte jeden Teppich gründlich und nutzte die Gelegenheit, um einen Blick in den Garderobenschrank im Flur zu werfen. Dort war jedoch nichts außer dem Hotelsafe, den sie nicht öffnen konnte.

Das einzige Möbelstück, in dem etwas Interessantes verborgen sein konnte, war der große Schreibtisch. Bisher hatte sie ihn ignoriert, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar nichts finden wollte. Sie wollte, dass die Wunden ihrer Familie endlich heilten. Wem nützte es, wieder an den alten Geschichten zu rühren?

Sie stellte den Staubsauger ab und wischte mit einem Tuch über die Schreibtischplatte. Darauf lagen einige Blätter Hotelpapier mit Notizen. Ansonsten gab es auf dem Schreibtisch nichts, was ihr Interesse weckte.

Im Schreibtisch jedoch lagen ein Stapel Ordner und ein Laptop.

Jessicas Herz klopfte vor Aufregung.

Sie würde den Laptop nicht anschalten. Erstens würde das für ihr Gefühl ein allzu großer Tabubruch sein, und zweitens würde es zu lange dauern, ihn hochzufahren. Bis sie sich einen Überblick über die Ordner und Dokumente darin verschaffen konnte, würde ihr Vorgesetzter mit Sicherheit hier auftauchen und sie fragen, warum sie immer noch nicht fertig sei.

Deshalb öffnete sie nur die Mappen und blätterte sie durch.

Es schien nichts Wichtiges zu sein, oder Jessica erkannte nicht, ob es von Bedeutung war. Außerdem wusste sie immer noch nicht, wonach sie suchen sollte, und mit kaufmännischen Dingen kannte sie sich nicht aus.

In den Papieren fand sie nichts über Taylor Fine Juwels. Das hatte sie auch nicht erwartet.

Sie atmete gerade erleichtert auf, als sie hinter sich Geräusche hörte. Jemand betrat die Suite. Hastig legte sie die Mappen an ihren Platz im Schreibtisch und schloss leise die Schublade. Dann versuchte sie, möglichst unschuldig auszusehen, was ihr alles andere als leichtfiel.

Sie legte eine Hand auf das Staubtuch, das noch auf dem Schreibtisch lag, und begann noch einmal, die Oberfläche zu wischen. Benimm dich ganz normal. Bleib ruhig und benimm dich ganz normal.

Obwohl sie wusste, dass jemand hinter ihr stand und sie sehr wahrscheinlich beobachtete, reagierte sie nicht. Sie war ganz allein und tat einfach ihre Arbeit – wie immer. Hoffentlich reagierte sie genügend überrascht, wenn sie sich gleich umdrehte.

Sie versuchte weiterhin ruhig zu atmen und hoffte, dass sie nicht aussah, als sei sie beim verbotenen Naschen erwischt worden. Jetzt tat sie so, als sei sie mit dem Schreibtisch fertig, und drehte sich dorthin, wo der Staubsauger stand. Wer immer hinter ihr stand, räusperte sich nun.

Er war es. Sie hörte es sofort.

Und sie reagierte auf das kehlige Geräusch mit leichter Erregung. Das überraschte sie. Dieser Mann war nicht nur ein Fremder, sondern auch der Feind ihrer Familie. Und weil er ein Gast von Mountain View war und sie hier arbeitete, könnte er ebenso gut ihr Arbeitgeber sein.

Das waren nur einige Gründe, weshalb ihr Atem ruhig und ihr Blut kühl sein sollte. Ein Räuspern sollte ihr keine Gänsehaut machen.

Sie richtete sich auf und drehte sich zu ihm herum. „Oh!“, rief sie und riss die Augen auf, als sei sie überrascht. Sie hoffte sehr, dass der Mann ihr Manöver nicht durchschaute. „Noch einmal: guten Tag!“

„Hallo!“, gab Alexander Bajoran zurück und lächelte.

Jessicas Puls schoss in die Höhe.

Es sind nur die Nerven, sagte sie sich. Nur die Nerven.

Aber der Mann sah einfach teuflisch gut aus. Sein schwarzes Haar war perfekt gestylt, aber lang genug, um ihn entspannt wirken zu lassen. Seine Augen waren eisblau, und seine Haut war überraschend gebräunt für jemanden, der im Nordwesten der Staaten lebte. Jessica wusste, dass seine Hautfarbe nichts mit Sonnenstudios oder Bräunungssprays zu tun hatte. Die Bajorans standen in dem Ruf, dunkle Haut, dunkles Haar und einen rücksichtslosen Charakter zu haben.

Das mit der Rücksichtslosigkeit durfte sie nicht vergessen.

Aber er sah wirklich sehr gut aus in seiner schwarzen Hose und dem dunkelblauen Blazer. Er hätte ein Model für die GQ sein können.

Wenn sie ihm auf der Straße begegnet wäre, hätte sie sich todsicher nach ihm umgesehen, um einen zweiten Blick zu riskieren.

„Wie es aussieht, haben wir beide einen schlecht getakteten Terminkalender“, sagte er amüsiert. Seine Stimme brachte Saiten in Jessica zum Klingen, über die sie jetzt lieber nicht nachdenken wollte. „Oder sie passen genau zusammen.“

Bei seiner tiefen Stimme flogen plötzlich Schmetterlinge in ihrem Bauch.

Bloß das nicht. Bitte keine charmanten, aber gefährlichen Männer mehr in ihrem Leben – und Alexander Bajoran war der gefährlichste von allen.

Seit sie im Mountain View arbeitete, war sie von vielen Männern angemacht worden. Von durchreisenden Geschäftsleuten, lüsternen Ehemännern und reichen, aber faulen Playboys. Aber egal, wie diese Männer auch bei ihr zu landen versuchten, Jessica hatte keinen einzigen von ihnen anziehend gefunden.

Jetzt stand sie Auge in Auge dem Mann gegenüber, der ihre Familie ruiniert hatte und den sie ausspionieren sollte, und es war, als sei eine ganze Armee von Ameisen unter ihrer Haut unterwegs.

Er ging einen Schritt auf sie zu. Sie umfasste den Griff des Staubsaugers fester. Doch er legte nur seine Aktentasche – eher eine Messenger-Bag aus weichem Leder – auf einen Couchtisch und ließ sich dann auf das Sofa fallen.

Jessica zog den Stecker des Staubsaugers aus der Steckdose und rollte das Kabel auf. Je früher sie von hier verschwinden konnte, desto besser.

„Ich kann Sie allein lassen, wenn Sie noch arbeiten müssen“, sagte sie. Die Stille im Zimmer beunruhigte sie.

Er schüttelte den Kopf, obwohl er seine Tasche inzwischen geöffnet und einen Stapel Papiere herausgezogen hatte.

„Machen Sie ruhig weiter“, sagte er. „Ich muss hier einige Dinge durchsehen, aber Sie stören mich nicht. Es könnte sogar sein, dass ein paar Hintergrundgeräusche mich eher entspannen.“

Toll. Wie sollte sie jetzt unauffällig verschwinden?

Jessica zog den Staubsauger hinter sich her in den Flur und stellte ihn vor der Suite ab. Dann holte sie einen Arm voller frischer Handtücher für das Badezimmer.

Ein Stück von Alexander entfernt fiel es ihr leichter, ihre Arbeit zu tun.

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