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Heiß wie die Nächte Siziliens

1. KAPITEL

In dem Moment, als Alissa aus der Straßenbahn stieg, öffnete der Himmel über Melbourne seine Schleusen zu einem wahren Wolkenbruch. Und sie trug keinen Schirm bei sich! Denn an das Wetter hatte sie an diesem Tag nicht einen Gedanken verschwendet.

Ein krachender Donnerschlag ertönte so dicht neben ihr, dass sie fast erwartete, der Asphalt vor ihren Füßen müsse sich auftun. Schlagartig sank die Temperatur, und Alissa überlief ein seltsamer Schauer.

Das ist ein Zeichen … ein Omen!

Heftig schüttelte sie den Kopf, als weigere sie sich, auf ihre innere Stimme zu hören, die sie schon den ganzen Tag mit unguten Prophezeiungen quälte. Der Sturm kündigte sich bereits seit Tagen an und konnte darum kaum ein Vorzeichen für drohendes Unheil sein. Es war ein Zufall, mehr nicht.

Dass sich trotz aller Einsicht ihre Nackenhärchen sträubten, ignorierte Alissa standhaft. Energisch straffte sie die Schultern und eilte den verlassenen Bürgersteig entlang, ungeachtet des strömenden Regens.

Sie hatte den Verlauf dieses Nachmittags minutiös geplant, und nichts – weder der Sturm noch ihre nagenden Zweifel – würden sie aufhalten. Das Ziel lag so nah vor ihr!

Alles, was sie tun musste, war … zu heiraten.

Ausgerechnet bei diesem Gedanken wäre sie fast über eine unebene Stelle auf dem Boden gestolpert. Ich tue das Richtige, predigte sie sich immer wieder, während ihr ein eisiger Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Es ist die einzigesung! Doch bei dem Gedanken an den Gang zum Altar presste kalte Furcht ihr wild klopfendes Herz zusammen.

Sie würde sich einem Mann ausliefern!

Dabei war es ganz egal, dass die Idee von ihr selbst stammte, und Jason an sich gar keine Bedrohung darstellte. Bei ihm wäre sie sicher, und die Ehe würde ohnehin nicht lange bestehen.

Aber die Vergangenheit hatte Alissa gelehrt, dass die Nähe eines Mannes grundsätzlich Gefahr bedeutete. Und so brachte sie es, aller Logik zum Trotz, nicht fertig, das Gefühl abzuschütteln, sie befände sich auf dem Weg zu ihrer eigenen Hinrichtung.

Doch ein Zurück gab es nicht. Donna war auf sie angewiesen. Dies war ihre letzte Chance, und Alissa würde alles tun und es sogar mit den Dämonen der Vergangenheit aufnehmen, um ihrer geliebten Schwester zu helfen. Niemand sonst war dazu in der Lage. Diese Last ruhte ganz allein auf ihren Schultern.

Es wird alles gut werden.

Ungebeten spulte sich das alte Mantra wieder und wieder in ihrem Hinterkopf ab.

Natürlich würde alles gut werden! Jason und sie würden heiraten und nach sechs Monaten wieder getrennter Wege gehen. Und dank des Vermögens, das sie dadurch erhielt und mit dem sie Donnas Leben retten konnte, sogar unbeschwert und glücklich.

Es war eine geschäftliche Transaktion, aus der jede Partei ihren Nutzen zog. Nichts konnte schiefgehen. Es durfte einfach nichts schieflaufen!

Alissa hastete durch den Eingang in das dämmerige Foyer und stolperte über irgendein Hindernis.

„Achtung!“, warnte eine tiefe Stimme. Starke Hände hielten sie davon ab, gegen einen kräftigen Körper dicht vor ihr zu prallen. Der maskuline Duft eines herben Aftershaves mit Zitrusnote und das erdige Aroma warmer, männlicher Haut hüllten sie ein und machten sie ganz schwach.

Als Reaktion auf diese eindeutigen Signale schoss Alissas Puls in die Höhe. Abrupt wandte sie den Kopf zur Seite und starrte auf den Boden, um festzustellen, was sie fast zu Fall gebracht hatte.

Schuhe! Groß genug, um zu den Händen zu passen, die sie immer noch festhielten. Elegante schwarze, auf Hochglanz polierte Schuhe, die noch keine Schramme abbekommen hatten … bis jetzt.

Der Anblick der perfekten Fußbekleidung irritierte sie seltsamerweise mindestens so sehr wie das entnervende Schweigen des Fremden. Sie versuchte, sich von ihm freizumachen – ohne Erfolg. Empört hob sie den Blick, ließ ihn über den mächtigen Brustkorb und die breiten Schultern bis zu dem festen, glatt rasierten Kinn wandern. Auf dem gut geschnittenen Mund darüber zeigte sich nicht der Hauch eines Lächelns. Trotzdem schien er die harten Züge irgendwie zu mildern, während die klassische Nase und die hohen Wangenknochen ihnen ein aristokratisches Aussehen gaben.

Wider Willen war Alissa fasziniert. Mit dem dichten dunklen Haar und dem prachtvollen, athletischen Körper wirkte der Fremde so elegant und weltmännisch wie ein männliches Supermodel. Bis man in die schwarzen Augen sah …

Gereizt von einer derart zur Schau gestellten Arroganz und Überheblichkeit stieß Alissa zischend den Atem aus. Gnade Gott der Frau, die hierher kommen würde, um diese Inkarnation aus Testosteron und Machismo zu heiraten, dachte sie.

„Verzeihung“, bemerkte sie kühl, als sie endlich ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Aber ich war so in Eile, dass ich nicht darauf geachtet habe, wo ich hinlaufe.“

Schweigen. Allein zwischen den dunklen Brauen des Mannes zeigte sich ein missbilligendes V. Dann gab er Alissa endlich frei.

Mit zittriger Hand strich sie über ihr regennasses Haar. Ein kleiner Bach rann auf ihre Schultern und den weißen Hosenanzug, der an Brüsten, Rücken, Bauch und den langen Beinen klebte. Selbst in den hochhackigen Schuhen stand Wasser. Alissa fröstelte, als sie spürte, wie die feuchte Kälte in ihre Glieder kroch.

Doch vielleicht ärgerte sie auch nur sein harter, missbilligender, ja, fast hasserfüllter Blick. Was war nur los mit diesem Mann? Gefiel ihm nicht, was er vor sich sah, oder war er einfach nur wütend, weil sie ihn fast umgerannt hätte?

Unkontrollierter Wildfang ohne Disziplin und damenhaftes Benehmen!

Der Vorwurf hallte so laut in ihrem Kopf, dass Alissa unwillkürlich zusammenzuckte. Es war die raue, brüchige Stimme ihres Großvaters, die sie hörte, nicht die des Fremden. Allein der kalte Blick des Unbekannten hatte die schmerzliche Erinnerung in ihr wachgerufen. Sie musste doch nervöser und labiler sein, als sie gedacht hatte, wenn der alte Mann es sogar schaffte, sie noch aus dem Grab heraus zu verfolgen …

„Sehen Sie, ich …“, begann sie.

„Platzen Sie eigentlich immer so in einen Raum hinein?“ Seine Stimme klang tief und voll. Der leicht heisere Unterton ließ ihre Haut prickeln. Aber diesmal weder vor Kälte noch vor Panik. So eine Stimme war dazu geschaffen, Frauen zu verführen und willenlos zu machen. Und Alissa registrierte frustriert, dass auch sie sich dieser Wirkung nicht ganz entziehen konnte.

„Ich platze grundsätzlich nirgendwo hinein!“, erwiderte sie kühl und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Trotzdem reichte sie dem Fremden nur bis zur Schulter. Typisch! Wieder mal ein Beweis dafür, dass körperliche Attribute nichts über die wahre Größe eines Menschen aussagten!

„Und ich möchte mich noch einmal in aller Form dafür entschuldigen, Ihre … Kreise gestört zu haben.“ Damit wandte sie sich ab und marschierte davon. Doch die hohen Absätze zwangen sie, ihre Schrittlänge zu verkürzen, was den Abgang nicht so schwungvoll und dynamisch aussehen ließ, wie sie es sich gewünscht hätte.

Und obwohl sie seinen sengenden Blick deutlich in ihrem Rücken spürte, geriet Alissa auf keinen Fall in Versuchung, ihn als maskuline Bewunderung zu interpretieren. Warum sollte er ihr überhaupt hinterherstarren? Vielleicht verspätete sich seine Verlobte, und er versuchte nur, auf diese Weise seine Ungeduld im Zaum zu halten.

Wie auch immer, was ging sie dieser unmögliche Mensch überhaupt an?

Alissa schaute kurz auf eine Übersichtstafel und bog dann in den richtigen Korridor ein. Sie musste sich jetzt auf ihre Hochzeit konzentrieren, da blieb keine Zeit für unsinnige Spekulationen über dunkelhaarige Fremde – so attraktiv und charismatisch sie auch sein mochten.

„Er hat was gesagt?“ Alissas Stimme klang schrill vor Fassungslosigkeit.

Der Beamte machte eine bedauernde Geste und lächelte hilflos. „Dass es ihm leider nicht möglich war, die Verabredung mit Ihnen einzuhalten“, wiederholte er gedämpft, in der vagen Hoffnung, sein Beispiel würde auf die empörte Dame vor seinem Pult abfärben.

Die Verabredung nicht einhalten …

Geschockt ließ Alissa die wenigen Worte in sich nachhallen, mit denen Jason ihre gesamten Zukunftspläne zunichte machte. Verdammt, es ging um ihre Hochzeit! Und um Donnas Leben! Das musste ein übler Scherz sein!

Nein, Jason war genauso begierig auf diese Heirat gewesen wie sie, wenn auch aus anderen Gründen. Auf jeden Fall ging es für sie beide um Geld. Um jenes Geld, das der sizilianische Besitz ihres Großvaters Alissa bei einem Verkauf einbringen würde.

Jason hatte der Idee zu einer Vernunftehe zwischen ihnen so rasant zugestimmt, dass Alissa einigermaßen überrascht gewesen war. Offensichtlich steckte er in größeren Geldnöten, als sie es bereits geahnt hatte.

Nein, nein! Jason hatte sich sicher nur verspätet!

„Was genau hat er zu Ihnen gesagt“, fragte sie den Beamten noch einmal mit erzwungener Ruhe.

Dieser maß sie mit einem langen undurchdringlichen Blick, bevor er sich einen kleinen Seufzer gestattete und auf die Notiz in seiner Hand schaute. „Mr. Donnelly rief vor … exakt dreiunddreißig Minuten an und erklärte mir, er sei nicht in der Lage, hier zu erscheinen. Er habe seine Meinung geändert.“ Als er wieder aufschaute, war sein Blick eindeutig spekulativ. Doch Alissa hatte weder Zeit noch Lust dazu, die am Boden zerstörte, sitzen gelassene Braut zu spielen, sondern unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch.

Der Hochzeitstermin durfte einfach nicht platzen! Das würde sie nicht zulassen!

Wenn sie nicht innerhalb der nächsten einunddreißig Tage Mrs. Irgendwer war und damit die verflixte Klausel im Testament ihres Großvaters erfüllte, konnte sie ihren Plan vergessen. Wie sollte sie Donna dann für die überlebensnotwendige Operation in die USA bringen?

Das Testament auf offiziellem Gerichtsweg anzufechten würde viel zu lange dauern. Wobei der positive Ausgang des Rechtsstreits, laut ihrem Anwalt, keineswegs für verbrieft angesehen werden konnte. Und der Bitte um ein Darlehen hatte ihre Bank noch nicht einmal pro forma Gehör geschenkt.

So gab es nur den Ausweg, genau das zu tun, von dem sie sich geschworen hatte, es dürfe nie passieren. Sie musste sich dem verachtenswerten, letzten Willen ihres Großvaters beugen, um in den Genuss ihres Erbes zu kommen. Unter Garantie würde der alte Satansbraten einen Freudentanz in der Hölle aufführen, wenn er sie jetzt sehen könnte!

Alissa zwang ein verbindliches Lächeln auf ihre tauben Lippen. „Sonst noch etwas?“

„Nein, das war alles.“

„Ich verstehe … Vielen Dank.“

Nein, das war gelogen! Sie verstand nichts! Aber auch rein gar nichts!

„Miss Scott?“, rief der Beamte ihr hinterher, kaum dass sie sich abgewandt hatte.

Wie der Blitz fuhr sie herum. Hatte Jason es sich vielleicht doch noch überlegt?

„Ja?“

„Dieser Herr möchte mit Ihnen reden.“

„Mit mir …?“, fragte sie tonlos. Gleichzeitig wanderte ihr Blick von dem nüchternen Beamten zu dem dunkelhaarigen Adonis, den sie kurz zuvor über den Haufen gerannt hatte und der jetzt plötzlich neben ihr stand.

„Nur wenn Sie tatsächlich Alissa Scott sind.“ Der skeptische Unterton in der dunklen Stimme war nicht zu überhören.

„Die bin ich.“

„Verlobt mit Jason Donnelly?“

Sie nickte wie betäubt. „Das ist richtig.“

„Enkeltochter von Gianfranco Mangano?“

Wieder nickte sie. Diesmal widerstrebend und mit zusammengepressten Lippen.

„Dann müssen wir tatsächlich miteinander reden. Ich habe Neuigkeiten für Sie.“

In Alissa regte sich ein schwacher Hoffnungsschimmer. „Von Jason?“ Hatte ihr der Fremde deshalb im Foyer aufgelauert? Um Jasons Abwesenheit zu erklären und zu entschuldigen? Warum hatte er ihr das nicht gleich gesagt?

„Sì.“ Es war nur ein einziges, kleines Wort, aber der raue Klang erschien Alissa wie eine Drohung. Wahrscheinlich lag das an ihrem überreizten Nervensystem.

Der Fremde bedeutete ihr mit einer Geste, ihm zu folgen, und wandte sich ab, ohne auch nur einen Blick darauf zu verschwenden, ob sie hinterherkam oder nicht. Alissa beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten, was in den nassen, rutschigen Schuhen gar nicht so einfach war. Erst als er das Foyer bereits durchquert hatte und die Eingangstür aufstieß, holte sie ihn ein.

„Wo wollen Sie eigentlich hin?“

„Meine Limousine parkt vor der Tür. Dort können wir uns ungestört unterhalten.“

Niemals! Mit einem Fremden würde sie nirgendwohin gehen. Und ganz bestimmt nicht mit diesem seltsamen Mann! Schon gar nicht in einen startbereiten Wagen! Sie mochte verzweifelt sein, aber sie war nicht dumm!

„Wir können genauso gut hier miteinander reden.“

„Sie möchten Ihre privaten Affären tatsächlich in aller Öffentlichkeit diskutieren?“, fragte er gedehnt, doch Alissa ließ sich nicht irritieren.

„Also …“, forderte sie ihn zum Sprechen auf, „wie lauten Ihre Neuigkeiten?“

Als Dario in das perfekte Oval ihres Gesichts sah, spürte er erneut dieses seltsam vertraute Gefühl von eben, als die schöne Unbekannte in ihn hineingelaufen war. Inzwischen war sie zwar keine Unbekannte mehr, doch seine gesteigerte Wahrnehmung und das Gefühl einer ungeheuren Anziehung waren immer noch dasselbe. Ungeachtet seines Hasses auf die Mangano-Familie und der Verachtung für eine skrupellose Harpyie, der so einfach in den Schoß fallen sollte, was ihm allein gehörte.

Mit aller Kraft versuchte Dario das verräterische Ziehen in seinen Lenden zu ignorieren, das allein ihr Anblick in ihm auslöste, egal, wie wütend er auf sie war oder wie misstrauisch sie ihn anstarrte.

Diese Frau hatte seine Angebote kalt abgewiesen, hatte ihn zurückgewiesen! Und das nicht nur einmal! Ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben! Das allein kam einer Beleidigung gleich, für die er auf jeden Fall Genugtuung forderte. Noch keine Frau hatte es je gewagt, ihm zu verweigern, was er wollte. Aber sie erdreistete sich sogar, seine Pläne zu durchkreuzen, um zu erlangen, was ihm zustand!

Hinter seinem Rücken tat sie sich mit einem Niemand zusammen, nur um zu verhindern, dass er sein Geburtsrecht zurückerlangte. Sie wollte alles für sich allein.

Ginge es um eine Heirat aus Liebe, hätte Dario es vielleicht sogar verstanden. Doch dies war ein kalkulierter Akt, um die alte Fehde am Leben zu erhalten und ihm das Einzige zu verweigern, woran sein Herz wirklich hing.

Das Castello in Sizilien, das Alissas Großvater vor vielen Jahren seiner Familie gestohlen hatte.

Vor ihm stand die Frau, die alles verkörperte, was er zutiefst verachtete. Oberflächlichkeit, Hinterhältigkeit, Verdorbenheit und eiskalte Berechnung. Groß geworden in jeglichem Luxus, der mit Geld nur zu erwerben war, wusste sie ihre Chance nicht zu nutzen, sondern versank stattdessen in einem Sumpf aus Alkohol, Drogen und wilden Partys. Bis selbst ihr Großvater nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.

Dario empfand nichts als Ekel und Widerwillen vor diesem haltlosen Geschöpf, und dennoch … Ihre helle reine Haut, die großen, kornblumenblauen Augen, der verführerische Schwung ihrer weichen vollen Lippen, die fraulichen Kurven ihrer ansonsten zierlichen Figur… Selbst das flammend rote Haar zeugte von einer kaum zu unterdrückenden Vitalität und Energie und komplettierte ein feminines Erscheinungsbild, das keinen Mann aus Fleisch und Blut unberührt lassen konnte.

Und ihn machte es fast wahnsinnig! Seine niederen Gefühle durchkreuzten den sorgfältig durchdachten Plan. Normalerweise entledigte er sich der Dinge in seinem Leben, die ihn störten, auf eine sehr subtile Weise: Er ließ sie einfach verschwinden – dank seines Reichtums, seiner Macht und Willensstärke.

Um diesen Status zu erlangen, hatte er hart gearbeitet. Heute brachte er keinerlei Geduld oder Verständnis für Hindernisse auf, die sich ihm in den Weg stellten – seien sie nun menschlicher Natur oder sonst wie gearteter Sachzwänge.

„Was ich Ihnen zu sagen habe, ist aber nicht für fremde Ohren bestimmt.“ Ihr vehementer Widerstand irritierte und ärgerte Dario. Aber was hatte er erwartet, nachdem Alissas Anwalt all seine mehr als großzügigen Angebote stetig abgelehnt hatte, ohne sich auch nur eine Bedenkzeit einzuräumen?

„Kommen Sie. Wir finden sicher einen geeigneteren Ort für ein vertrauliches Gespräch …“ Ihr mochte es ja egal sein, aber er war es nicht gewohnt, Dinge von Bedeutung unter den Augen der Öffentlichkeit zu besprechen.

Entschlossen durchquerte Dario das Foyer, öffnete ein paar Türen und fand schließlich ein leeres Büro. Er hielt die Tür weit auf und wartete darauf, dass Alissa vor ihm eintrat. Sie zögerte nur einen winzigen Moment, bevor sie hocherhobenen Hauptes und mit schwingenden Hüften an ihm vorbeistolzierte. Selbst in dem regentriefenden Hosenanzug und mit wirrem, klatschnassem Haar war sie eine Sensation.

Da ihre unerwartete Wirkung auf ihn Dario regelrecht schockte, brauchte er einen Moment, um sich zu fassen. Dabei entsprach sie, trotz der herausfordernd runden Brüste und der endlos scheinenden Beine, gar nicht seinem Typ. Weiter weg von einer brünetten Modelschönheit mit Madonnenlächeln und sanftmütigem Wesen ging es wohl kaum.

Unglücklicherweise schien die Stimme der Vernunft, auf die er sonst immer vertraute, heute stumm zu bleiben.

„Dürfen wir hier überhaupt sein?“, fragte Alissa kritisch.

Daraufhin zuckte er achtlos mit den Schultern und schloss die Tür. „Jetzt sind wir hier und haben die nötige Privatsphäre. Das allein zählt.“

Alissas Augen weiteten sich, und sie schien Einspruch erheben zu wollen, besann sich dann aber anders. „Also …?“, hakte sie nach.

„Ihr Bräutigam …“

„Jason ist doch nichts passiert?“, unterbrach sie ihn hastig. „Haben Sie ihn gesehen? Mit ihm gesprochen?“ Die Besorgnis in ihrer Stimme konnte gespielt sein oder auch nicht. Das wagte Dario momentan nicht zu entscheiden. Möglicherweise hatte aus der geplanten Heirat doch nicht nur eine Vernunftehe werden sollen? Ob er dem Faktor Lust vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte?

Einen Moment dachte Dario an Jasons hübsches weiches Jungengesicht. Anziehend, aber ohne Substanz. War das etwa die Sorte Mann, von der sie sich angezogen fühlte? Seltsamerweise störte ihn dieser Gedanke erheblich.

„Ich habe ihn heute Nachmittag gesehen und mit ihm geredet“, erklärte er.

„Geht es ihm gut? Was ist denn nur passiert?“, fragte Alissa nervös.

„Nichts, Ihrem Mr. Donnelly geht es ausgezeichnet, er ist nur eben nicht länger Ihr Mr. Donnelly.“

Alissa hob die feinen Augenbrauen und schaute ihn stumm an. Dario überlegte, ob man ihm seine Genugtuung ansah. Sie bewusst zu verbergen, bemühte er sich jedenfalls nicht. Was für ein erhebendes Gefühl. Er hielt alle Karten fest in seiner Hand, und es gab nichts, was Miss Scott dagegen tun konnte.

„Ich verstehe nicht …“, murmelte sie.

„Er hat einfach beschlossen, Sie nicht länger heiraten zu wollen.“ Seine Stimme troff förmlich vor Sarkasmus.

„Aber wieso? Und warum sagt er mir das nicht selbst? Warum schickt er stattdessen einen völlig Fremden?“

„Er hat mich nicht geschickt. Ich bin hier, weil ich es will.“

Jetzt weiteten sich Alissas Augen ungläubig, dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Was soll das alles? Warum sagen Sie mir nicht geradeheraus, was hier vor sich geht?“

„Mr. Donnelly hat ein besseres Angebot bekommen. Eines, das er unmöglich ablehnen konnte. Darum verzichtet er auf die Heirat.“

„Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte …?“

„Geld natürlich!“, half er ihr zynisch auf die Sprünge. „Das ist doch die Sprache, die Sie beide am besten verstehen, oder?“

Selbst in ihrer Verwirrung war sie unglaublich attraktiv und so herausfordernd sexy, dass er sich zusammenreißen musste, um nicht den Grund seiner Anwesenheit zu vergessen. Deshalb schaute er noch grimmiger drein als zuvor, doch das schien Alissa nicht im Mindesten zu beeindrucken.

„Geld wofür?“, gab sie kalt zurück. „Und von wem?“

„Von mir, damit er seine Heiratspläne beerdigt.“

Alles war so verdammt einfach gewesen. Falls Donnelly und diese Frau ein Verhältnis hatten, herrschte zumindest keine Loyalität zwischen ihnen. Ihr Lover war so gierig auf Bares, dass er keinen weiteren Gedanken an die Frau verschwendete, die er verriet. Dario war es gewesen, der vorgeschlagen hatte, eine Nachricht bei dem Beamten zu hinterlassen.

Auf Alissas Wangen brannten rote Flecken, und ihre Augen sprühten Funken. Da war es, das unterschwellig lodernde Feuer, das er bereits unter der hübschen Schale vermutet, bisher allerdings vermisst hatte.

Ohne jede Spur von Angst trat Alissa einen Schritt näher und fixierte ihn mit sengendem Blick. „Warum sollten Sie so etwas tun?“

Dass sie sich in seiner Gegenwart nicht eingeschüchtert fühlte wie die meisten Menschen, nötigte ihm einen widerwilligen Respekt ab. Allerdings wusste Miss Scott ja auch nicht, wen sie vor sich hatte.

„Weil er im Weg war. Sie werden nämlich mich heiraten …“

2. KAPITEL

So unglaublich es schien, dieser Fremde meinte offensichtlich, was er da sagte.

Alissa schlang wie schützend die Arme um ihren Oberkörper und schauderte. Wie hypnotisiert schaute sie in das dunkle unbewegte Gesicht dicht vor sich und hatte das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen tue sich auf.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, fragte sie heiser.

Sekundenlang herrschte tiefes Schweigen. „Ich bin Dario Parisi.“

Seine Worte hallten in ihren Ohren wider wie die Totenglocke auf dem Friedhof. Wieso war sie nicht schon längst darauf gekommen? Der italienische Akzent, die unglaubliche Arroganz und das schwer fassbare Flair schlichter, unaufdringlicher Eleganz, das man nur mit einem entsprechend seriösen, finanziellen Hintergrund erlangte.

Der unversöhnliche Hass in seinen Augen!

Aber wie hätte sie ahnen können, dass er um den halben Globus reisen würde, um sie persönlich aufzusuchen? Schon in seinen Briefen war er sehr hartnäckig gewesen. Doch jetzt wirkte er geradezu besessen. In die glühenden schwarzen Augen zu schauen, war wie ein Vorgeschmack auf das Höllenfeuer.

Kein Zweifel, er war gefährlich. Ein Mann, von dem sie weder Gnade noch Milde erwarten durfte.

Laut einschlägigen Presseberichten umgab ihn eine undurchdringliche Aura von Rücksichtslosigkeit, gepaart mit geradezu sagenhaftem Erfolg. Geschäftlich besaß Dario Parisi längst keine ernst zu nehmenden Rivalen mehr, weil er es niemandem gestattete, sich ihm in den Weg zu stellen.

Und in der Liebe …

Auch dort eilte ihm der Ruf voraus, ebenso rücksichtslos und fordernd zu sein, wenn es darum ging, eine spektakuläre Schönheit in den Olymp zu erheben oder sich ihrer zu gegebener Zeit zu entledigen.

„Es freut mich zu sehen, dass Sie sich offensichtlich an meinen Namen erinnern“, sagte er gedehnt, doch sein Sarkasmus prallte an Alissa ab. Zumindest hoffte sie, dass es den Eindruck machte. „Ich dachte schon, Sie hätten mich ganz aus dem Gedächtnis gestrichen.“

Wie sollte sie das, wenn ihr sein Name doch förmlich ins Bewusstsein eingebrannt war?

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